aldo tolino/disloc (2002) - - - download video (qt 1,3mb)

der kern der arbeit besteht darin, die plane fläche des videobildes aufzubrechen. durch faltung einer leinwand aus papier soll das videobild räumlich und voluminös werden. die spezielle technik der faltung erlaubt das betrachten der leinwand von 2 seiten, wobei von einem standpunkt auch nur ein zusammenhängendes videobild wahrgenommen wird. steh der betrachter direkt vor der installation, sieht er eine mischform der beiden videobilder. die gesamte leinwand lässt sich vollständig kollabieren, d.h. völlig flach zunammenlegen.

die leinwand ist ca. 2,50 mal 2 meter groß, aus gefaltetem papier, wird an einer wand befestigt oder am boden liegend im 45° winkel von 2 videobeamern bespielt. in dieser version der bespielung wurde über einen beamer das live-bild einer videokamera projiziert, der andere beamer zeigt instructional films der amerikanischen regierung der 20er jahre. momentan arbeite ich gerade an 2 neuen filmen für die fläche, die sich inhaltlich mit den vierschiedenen ebenen des mediums video und film auseinandersetzen. dabei wird eine ebene eine handlungsebene, die andere eine technologische ebene darstellen.

die fläche ist prädestiniert für gegensatzpaare, d.h. sie stehen inhaltlich im kontrast miteinander, steht der betrachter direkt vor der leinwand sieht er die synthese der beiden gegensätze. die position des beamers ist gleichzeitig auch der optimale blickwinkel für den betrachter, wenn nur eines der videobilder wahrgenommen werden soll. der ton ist dabei so aufgebaut, das bei jedem der beiden beamer eine box steht und der jeweils gegensätzliche ton zum bild hörbar ist.

literatur :expanded cinema :valie export

"expanded cinema, in den sechziger jahren ein teilbereich der expanded arts-bewegung, die durch multimediale events und happenings gekennzeichnet war, war für valie export das früheste medium für experimentelle arbeiten. damals war es durchaus üblich, kunst durch entsprechungen und cross-overs zwischen verschiedenen disziplinen, gattungen und genres zu definieren. verbunden mit diesem drang zur aufhebung von grenzen war die von der klassischen avantgarde anfang unseres jahrhunderts eingeleitete allgemeine tendenz, alle dem kunstbegriff und der praxis in der kunst auferlegten beschränkungen zu durchbrechen.

im rahmen dieser intertextuellen erweiterung bevorzugt export materialität und körper. dies findet auf verschiedene arten ausdruck, sei es durch die untersuchung des filmmaterials (leinwand, projektor, etc.) und allenfalls durch dessen austausch gegen andere analoge prozesse und materialien, sei es dadurch, daß die beziehung zwischen film und akteur/publikum im sinne der interaktion/rezeption in den mittelpunkt gestellt wird."
adjungierte dislokationen, 1973 filminstallation, dreifachprojektion, ein 16mm und zwei 8mm filme, s/w, ohne ton, 8 min 16mm kamera: hermann hendrich erkundung der umgebung, erkundung durch den körper, erkundung des umgebungskörpers.

stellung im raum mit zwei am oberkörper montierten 8mm kameras, eine dorsal (hinten), eine frontal (vorne). beugt sich der körper nach vor, so nimmt die eine kamera den boden, die andere den himmel auf, beugt sich der körper seitlich, so nehmen die beiden kameras die gegenteiligen seitenansichten auf, beugt sich der körper nach hinten usw. ... die beiden projektionsflächen, die übereinander liegen müssen, können von geometrischen zeichen wie kreis, viereck, schräge, sich überschneidenden linien überlagert werden, durch die spezifischen aufnahmen des environments und deren projektion erkennbar. es ist eine ausdehnung vom zimmer über die architektur der stadt in die freie natur. schließlich treten hindernisse und störungen auf (durchkriechen von röhren, gräben, springen, frontale annäherung an hindernisse, liegen am boden usw.). ... ... diese aktionen wurden simultan mit einer 16mm kamera gefilmt. ... es wird nicht nur etwas gezeigt, sondern auch das zeigen aufgezeigt. es wird nicht nur etwas dargestellt, sondern auch die darstellung dargestellt. es wird ein raumgefühl erzeugt, wie es nur der film erzeugen kann: gleichzeitig von hinten und vorne, oben und unten und sich von außen im mittelpunkt eines raumes sehen. es wird daher nicht nur auf filmische weise die umgebung erkundet, sondern filmisch die erkundung der umgebung durch den körper demonstriert (was eben nur im film und nicht literarisch etc. möglich ist) und damit tritt auch die umgebung als körper auf, als eine ausweitung des körpers, als umgebungskörper. der film verbindet entgegengesetzte raumteile miteinander, die das für die wahrnehmung unmerkliche raum-kontinuum des körpers bilden. (valie export)

literatur:peter weibel:das ende für das "ende der kunst"? über den ikonoklasmus der modernen kunst
die krise der repräsentation begann in dem historischen moment, als die malerei unter dem druck der fotografie und dem lob ihrer vorbildlosen wahrheitsgetreuen darstellungsweise das interesse an der darstellung der sichtbaren realität verlor und stattdessen die mittel der repräsentation selbst - von der farbe zum pinsel, von der leinwand zum rahmen - zum thema der repräsentation machte. mit van gogh löste sich die farbe von ihrer bindung an das objekt. mit seiner reinen, absoluten suprematistischen farbmalerei verbannte malewitsch das objekt aus dem bild. zur gleichen zeit verschwand das repräsentierte objekt, indem es durch ein reales objekt ersetzt wurde, das ready-made von marcel duchamp.

1921 schuf rodchenko drei monochrome gemälde als "letzte bilder".
diese selbstauflösung der malerei kann in drei stufen erklärt werden: zunächst wird in einer akzentverschiebung die farbe als medium der malerei analysiert und zum hauptelement vor der form, wie beispielsweise im impressionismus und expressionismus. in einem zweiten schritt wird farbe unabhängig, läßt die gesetze der lokalfarbe hinter sich und erhält ihren eigenen absoluten status, beispiele hierfür sind der suprematismus und die monochromie. in einer dritten bewegung wird die farbe durch andere materialien ersetzt, wie beispielsweise weiß durch aluminium. die oberflächengestaltung ohne farbe erlaubte es, ungemalte bilder zu schaffen, erlaubte es, reine oberflächen aus holz, metall, marmor oder pappe als gemälde an der wand aufzuhängen oder anzulehnen. in dieser dialektik der befreiung, die darin besteht, nach und nach die historischen elemente der malerei für unabhängig zu erklären [von der farbe und der leinwand bis zum rahmen] und diese absolut zu setzen, wurden nicht nur die objekte vom abstrakten bild, sondern letztendlich das bild selbst verdrängt und vernichtet [leere leinwände, leere rahmen], bis zum ausstieg aus dem bild.

die farblosen oder monochromen gemälde konnten - dies zeigen künstler von lucio fontana bis yves klein - geschnitten, durchlöchert oder zerrissen, mit feuer oder säuren attackiert werden. schließlich wurden nur noch die leeren rahmen der gemälde oder nur die rückseiten der gemälde gezeigt. sogar die oberfläche der leinwand wurde ersetzt: durch die oberfläche der haut. nackte körper, bedeckt mit farbe, wurden zum instrument des farbauftrags oder zur leinwand. malerei als aktionsarena [action painting] wurde zur körperlichen handlung auf der leinwand und letztendlich eine malerei auf dem körper, ein aktion ohne leinwand. konzentriert auf den körper des künstlers, konnten sogar die produkte dieses körpers [wie fäzes] den sozialen konsens erringen, als kunstwerk akzeptiert zu werden. vom leeren bild zur leeren galerie, vom weißen gemälde zum "weißen würfel" [o'doherty] sehen wir die ikonoklastische tendenz moderner kunst.
in ikonoklastischer tradition steht auch die ersetzung gemalter bilder durch texte. das materialgebundene objektorientierte paradigma wurde durch die einsicht in die linguistische natur aller künstlerischen aussagen ersetzt. aber indem die moderne kunst das bild und die vermittlung verließ, produzierte sie auch einen weg aus der krise der repräsentation. besonders die neo-avantgarde nach dem zweiten weltkrieg, bewegungen wie kinetik, fluxus, happening, aktionismus, body art, process art, land art, arte povera, concept art und vor allem die entwicklung der medienkunst - von expanded cinema bis zur virtuellen realität, von closed circuit installationen zu interaktiven computerinstallationen - haben soziale handlungsfelder als offene kunstform vorbereitet, indem der reine betrachter zum teilnehmenden und interagierenden benutzer wurde.

auf diese weise begann der abschied von der idee der moderne [t. j. clark], welche durch die ikonoklastische geste bestimmt war. diese praktiken, in form von intervention, interaktion, institutionskritik und kontextualisierung führten die kunst in einen raum jenseits des weißen würfels, in dem fragen des geschlechts, der rasse, der klasse, der macht, des kolonialismus nicht gestellt worden waren. mit dem ende der epoche der modernen kunst, die stets das ende der kunst verkündete, beginnen neue praktiken jenseits der krise der repräsentation.

von der mathematik bis zur medizin, von computergestützten beweismethoden zur computertomografie ist eine triumphierende rückkehr des bildes in den naturwissenschaften zu beobachten. während moderne kunst sich mehr und mehr in eine bilderfeindliche strategie wandelte, in eine kritik der repräsentation, sehen wir den beginn einer bilderfreundliche wissenschaft, die der repräsentativen macht des bildes vertraut.


wir leben in einer zeit, in der kunst, die früher über das monopol des repräsentativen bildes verfügte, die verpflichtung zur repräsentation aufgegeben hat. die wissenschaft hingegen nimmt die möglichkeiten an, welche die technischen maschinenbasierten bilder für die repräsentation von realität anbieten. deshalb könnte es der fall sein, dass die menschen künftig die bilder der wissenschaft für notwendiger erachtet als die bilder der kunst. um sich gegenüber den wissenschaften und ihren bildgebenden verfahren behaupten zu können, muss kunst nach einer position jenseits der krise der repräsentation und der bilderkriege suchen. (peter weibel)