| Fehlgeburt |
Fehlgeburt, Totgeburt, Kindstod und Missbildungen beim Baby
Der Höhepunkt der meisten Schwangerschaften ist die Geburt eines gesunden Babys. Doch manche enden tragisch - mit einer Fehl- oder Totgeburt oder mit dem anschließenden Tod des Babys. Zwar wissen alle Eltern, daß so etwas vorkommt, doch niemand rechnet damit, daß das eigene Baby betroffen sein könnte. Das hat zur Folge, daß es so gut wie keine emotionale oder intellektuelle Vorbereitung für einen solchen Vorfall gibt. Der Mangel an Information über dieses Thema entspricht dem Bedürfnis, den möglichen unerfreulichen Verlauf einer Schwangerschaft zu ignorieren. auch die meisten Bücher ziehen es vor, sich ausschließlich auf die positiven Aspekte der Schwangerschaft zu konzentrieren. Ungefähr eine oder zwei von hundert Frauen werden mit einer Totgeburt konfrontiert, ähnlich hoch - etwa ein bis zwei Prozent - ist die Sterblichkeitsrate von Babys kurz nach der Geburt. Sehr viel mehr Frauen - etwa 14 Prozent - erleben eine Fehlgeburt oder verlieren ihr Kind zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft. Die Reaktionen auf einen solchen Verlust sind oft schwerwiegend und können langfristige Folgen haben, wenn mit ihnen nicht zum rechten Zeitpunkt adäquat umgegangen wird. Solche Vorfälle sind immer verwirrend, beängstigend und schmerzhaft, und sie untergraben das Selbstwertgefühl erheblich.
| Fehlgeburt | Tod des Babys im Mutterleib | Tod des Neugeborenen | Behinderungen | Emotionale Reaktionen |
Zu einer Fehlgeburt, einem Spontanabort, kann es während der Schwangerschaft jederzeit kommen. Einige mögliche Ursachen sind defektes Erbgut, falsches Einnisten in der Gebärmutter, fehlerhafte Befruchtung eines gesunden Eis, ungünstige Bedingungen in der Gebärmutter, Nicht-Lebensfähigkeit durch einen Chromosomendefekt, eine Zervix-Insuffizienz ("schwacher" Gebärmutterhals), Krankheiten der Mutter, zwei oder mehr Schwangerschaftsabbrüche in der Vergangenheit oder Probleme mit dem Immunsystem.
Fehlgeburt
.. ist das von Frauen am häufigsten gebrauchte Wort, wenn sie den Verlust eines Babys
während der Schwangerschaft beschreiben. Die medizinische Fachsprache unterscheidet
zwischen dem Verlust eines Fötus vor der 12. Woche (Frühabort) und dem Verlust eines
Babys zwischen der 12. und 24. Woche (Spätabort). Etwa drei Viertel aller Fehlgeburten
passieren vor der 24. Woche. Von einer Totgeburt wird gesprochen, wenn das Baby mehr als
500 Gramm wog und keinerlei Lebenszeichen aufwies.
Spontanabort
.. ist der medizinische Fachausdruck für den unfreiwilligen Verlust eines Babys.
Demgegenüber ist ein induzierter Abort ein Schwangerschaftsabbruch. Er
wird entweder vorgenommen, weil das Baby im Mutterleib gestorben ist, aber keine Wehen
einsetzen, oder weil die Mutter entschieden hat, das Kind nicht auszutragen.
Die Verwirrung über die Bedeutung der Begriffe Abort, Spontanabort und Induzierter Abort kann Mütter verletzen, falls keine Rücksicht darauf genommen wird, was sie darunter verstehen.
Frühe Anzeichen einer Fehlgeburt sind Blutungen, Schmerzen oder der Abgang von Gewebe. Beginnt eine Fehlgeburt mit leichten Blutungen oder Schmerzen, können Bettruhe und Beruhigungsmittel verordnet werden. Mit Medikamenten kann auch versucht werden, die Blutung oder die Kontraktionen zu stoppen. Wegen der Ungewißheit des Ausgangs der Schwangerschaft steigt die Angst, wenn die Blutungen oder die Schmerzen anhalten.
Geht Gewebe ab, und ist die Schwangerschaft noch in einem frühen Stadium, wird üblicherweise eine Ausschabung unter Vollnarkose vorgenommen. Stirbt das Baby zu einem späteren Zeitpunkt in der Gebärmutter, kann möglicherweise abgewartet werden, bis spontan Wehen einsetzen, oder die Geburt wird eventuell eingeleitet.
Die dann notwendige Entbindung kann emotional verständlicherweise sehr belastend sein. Es fehlen schließlich die Hoffnung und die Begeisterung über die Geburt eines lebenden Babys, die all die Schmerzen erträglich machen. Und was verschlimmernd hinzukommt: Die Wehen werden, wie es nach einer Einleitung häufig der Fall ist, oft als heftiger und schmerzhafter beschrieben als bei einer normalen Geburt.
Manchmal sterben Babys kurz vor oder während der Geburt. Häufige Ursache ist eine mangelhafte Funktion des Mutterkuchens (Plazentainsuffizienz). Eine Abruptio placentae (der Mutterkuchen löst sich von der Gebärmutterwand, bevor das Baby geboren ist) oder eine Placenta praevia (der Mutterkuchen versperrt den inneren Muttermund) können zur Folge haben, daß das Baby stirbt. Von der Nabelschnur verursachte Komplikationen, etwa ein Nabelschnurvorfall, bei dem sie vor dem Kind austritt, können ebenfalls zum Tod des Kindes führen. Oft stirbt das Baby völlig unerwartet.
Oft läßt sich schon im Anschluß an die Geburt vorhersagen, daß das Baby die ersten Wochen nicht überleben wird. Typische Ursachen für den Tod eines Neugeborenen sind angeborene Fehlbildungen oder eine viel zu frühe Geburt. Die Tage des Wartens, voller Hoffnung und Unsicherheit, sind eine Qual für die Eltern. Doch sie haben wenigstens die Möglichkeit, ein wenig Zeit mit ihrem Baby zu verbringen, auch wenn sie es als kurz oder von eingeschränkter Qualität empfinden mögen.
Vieles von dem, was über Fehl- und Totgeburt oder den ' Tod eines Neugeborenen gesagt wurde, gilt auch für die Geburt eines Babys mit einer Behinderung. Eine solche Erfahrung kann einen zunächst an die Grenzen dessen bringen, was man aushalten kann. Es kann zu Selbstzweifeln führen und beansprucht viel Kraft und Zeit für die Bewältigung. Wie groß, wie sichtbar und welcher Art die Fehlbildung ist - all das wirkt sich darauf aus, wie erschüttert die Eltern sind. Sogenannte "geringe" Behinderungen, besonders wenn sie nicht so sichtbar sind, sind oft leichter zu akzeptieren als schwerere oder schwerwiegendere. Für Eltern ist es oft auch schwieriger, eine geistige Behinderung zu akzeptieren und - vor allem im späteren Leben - mit ihr umzugehen, als das bei körperlichen Abweichungen der Fall ist. Die Reaktion der Eltern hängt außerdem sehr von den Prognosen für das Kind ab. Der Schock für die Eltern ist groß, gleich welcher Art das Problem auch ist. Vielleicht läßt sich dieser Schock etwas mindern, wenn man den Eltern sagt, sie hätten ein Kind mit einer Behinderung - und nicht ein behindertes Kind. Der Unterschied ist fein, aber bedeutend.
Emotionale Reaktionen
Fast alle Reaktionen und Erfahrungen von Eltern, deren Babys sterben, gelten auch für
Eltern, deren Kind eine Behinderung hat. Diese Eltern müssen einen Verlust verarbeiten,
nämlich den des "perfekten" Babys, und gleichzeitig ihr eigenes Baby - welches
Problem es auch hat - annehmen. Es scheint, als müßten diese Eltern auch eine
Trauerphase durchleben.
Zu den möglichen Emotionen, die im Fall des Todes eines Babys beschrieben wurden, können sich hier Ablehnung oder, im Gegenteil, Überbehüten gesellen. Manche Eltern reagieren auf ein Baby mit einer Behinderung mit Ablehnung, wenn nicht für immer, so doch zumindest eine Zeitlang. Dieses Gefühl kann mit Überlegungen einhergehen wie: "Sollen wir das Kind in ein Heim geben?". Ein solcher Schritt mag in einigen Fällen zwar angebracht sein, doch längst nicht alle Eltern entscheiden sich so. Vielleicht tendieren sie dazu, ihr Baby übermäßig zu behüten. Damit das Kind (soweit es ihm möglich ist) im Rahmen seiner Fähigkeiten ein normales Leben führen kann, müssen auch die Eltern zu einem "normalen" Umgang finden.
Diagnose
Die Art und Weise, in der den Eltern das spezifische Problem ihres Babys zuerst mitgeteilt
wird, ist extrem ausschlaggebend. Wenn möglich, sollten sie es im Privaten erfahren, wenn
sie zusammen sind und das Baby bei ihnen ist, und zwar bald nach der Geburt. Separates
Informieren beider Elternteile oder das Zurückhalten von Einzelheiten der Diagnose
schaffen unnötige emotionale Belastung. Ungewißheit ist viel schwieriger zu ertragen als
selbst die grausamste Wahrheit.
Es gibt allerdings Fälle, wo niemand weiß, was die Probleme des Babys wirklich verursacht hat. Ein klares: "Wir wissen nicht, wie es dazu gekommen ist" ist dann besser als verallgemeinerndes Beruhigen - was Eltern jedoch nicht davon abhalten muß, auf eigene Faust weiter zu forschen. Wobei sie sich im klaren sein müssen, daß es wirklich unerklärliche Phänomene gibt.
Genau wie bei Eltern von Babys, die gestorben sind, muß das Krankenhaus extrem viel Verständnis für die Reaktionen der Eltern haben, denn sie haben zusätzlich zur emotionalen Unterstützung ein Anrecht auf Informationen.
Wird eine Operation oder eine Einweisung in eine Spezialklinik erwogen, sind genaue Erläuterungen erforderlich. Erst wenn die Eltern eine realistische Vorstellung von dem Problem haben, können sie sich ein Bild davon machen, wie es sich auf ihr Leben auswirken wird, wenn sie das Baby daheim behalten oder operieren lassen.
Informationen
Die notwendigen Informationen betreffen die Art und das Ausmaß der Behinderung, ihre
vermutliche Ursache (um Schuldgefühle zu verringern) und die Aussichten auf Besserung
bzw. die Möglichkeiten von psychologischer und/oder pädagogischer Unterstützung. Die
betroffenen Eltern sollten über Selbsthilfegruppen informiert werden. Auf den meisten
Entbindungsstationen kennt man die örtlichen Gruppen für die jeweiligen Behinderungen
oder Krankheiten. Außerdem sollten und müssen die Eltern an eine genetische
Beratungsstelle verwiesen werden.
Freunde und Verwandte
Betroffenen Eltern fällt es besonders in den ersten Wochen schwer, ihre Scheu oder
möglicherweise auch Scham zu überwinden, wenn sie anderen ihr Baby zeigen. Freunde und
Verwandte sind oft genauso unfähig, mit dieser Situation umzugehen. Trotzdem sind
verständnisvolle Menschen unverzichtbar, wenn es darum geht, dem Paar bei der
Bewältigung der nächsten Wochen, Monate oder Jahre zu helfen. Daß ihr Baby oder sie
selbst von anderen gemieden werden, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die Eltern mit
einem kranken Baby machen können.
Die Eltern brauchen Hilfe, um die häufigen medizinischen Eingriffe und Krankenhausaufenthalte, die für diese Kinder oft erforderlich sind, zu ertragen. Unterstützung ist auch erforderlich, um mit den Schwierigkeiten umgehen zu können, die diese Kinder möglicherweise im Umgang mit anderen, im Kindergarten, in der Schule oder in ihrem späteren Leben haben.
Die Beziehung der Eltern
Bei Eltern, die ein Kind verloren haben - aber fast noch mehr bei Eltern eines kranken
oder behinderten Babys - steht die Beziehung unter einem enormen Druck. Für das Paar ist
es ungeheuer wichtig, sich den Problemen gemeinsam zu stellen, sie gemeinsam zu lösen und
sich von entsprechenden Stellen - sozial, religiös oder fachbezogen - Hilfe zu holen.
Anders als bei Eltern, die ein Kind verloren haben, hält hier der Druck möglicherweise
ein Leben lang an und ist immer gegenwärtig.
Die Geburt eines behinderten oder kranken Babys kann - genauso wie der Tod eines Kindes oder sogar die Geburt eines gesunden Babys - die Partner entweder auseinander oder sie einander noch näher bringen. Es ist unumgänglich, daß alle Beteiligten alles erdenklich Mögliche tun, um die Beziehung zwischen den Eltern nach einer solchen Erfahrung zu stützen, zu erleichtern und zu verbessern.
Die Vielzahl der belastenden Emotionen, die Eltern nach dem Tod ihres Babys spüren, wechselt zwischen Verletztsein, Schmerz, Zorn, Schuld, Frustration und Trauer. Frauen haben oft das Gefühl, als Frauen versagt zu haben, und brauchen Liebe, Trost und Geborgenheit. Manchmal fühlen sie sich auch durch die medizinischen Abläufe und Eingriffe körperlich, nicht menschlich, mißbraucht und manipuliert.
Erste Reaktionen
Die erste Reaktion ist oft ein Gefühl von Unwirklichkeit, von "alles nicht wahrhaben
wollen". Typische Gedanken sind: "Da muß ein Irrtum vorliegen ... .. Das kann nicht wahr
sein". Schock und ein Gefühl von Taubheit können Tage oder sogar Wochen nach der
Geburt anhalten.
Schuld
Schuld ist in den ersten Tagen ein häufiger Begleiter. Oft machen die Eltern sich
verantwortlich: "Ich hätte nicht so heiß baden, keinen Sex haben sollen, ich hätte
diese Tabletten nicht nehmen oder nicht rauchen dürfen ......
Manchmal wird der Tod einem Ereignis während
der Schwangerschaft zugeschrieben, das vielleicht Furcht oder Ängste ausgelöst hat. Doch
es ist äußerst unwahrscheinlich, daß Vorkommnisse dieser Art auch nur im entferntesten
mit dem Tod in Verbindung zu bringen sind.
Wut
Ein Gefühl von Ohnmacht mündet nicht selten in Wut, die häufig gegen den Arzt gerichtet
wird: "Wäre er nur eher gekommen", "Warum hat er nicht auf einem
Kaiserschnitt bestanden?", "Wieso hat er nicht früher eingeleitet?",
"Weshalb hat er nicht gemerkt, daß etwas nicht stimmt?". Später, nachdem man
den Verlust verarbeiten konnte, denkt man vielleicht etwas anders. Wohl jeder Arzt tut in
so einer Situation alles, was in seiner Macht steht, um die Tragödie vielleicht doch noch
abzuwenden. Gelingt ihm das nicht, nagt möglicherweise auch an ihm das Gefühl, versagt
zu haben.
Dieser Zorn, der hier zum Ausdruck kommt, ist vielleicht die Wut auf das sich selbst zugeschriebene eigene "Versagen", doch es ist noch zu früh, sich diesem Gefühl zu stellen und es zu akzeptieren.
Letzte Hoffnung
Zeichnet sich ab, daß das Baby nicht überleben wird, ist es nur zu verständlich, daß
manche Eltern versuchen, Gott, das Schicksal, oder wen auch immer sie für zuständig
halten, in irgendeiner Weise dazu zu bringen, daß ihnen ihr Kind erhalten bleibt. Sie
bitten, beten, versuchen zu verhandeln, im Sinne von: "Wenn mein Baby überlebt, dann
werde ich ......
Depression
Depression ist eine normale und übliche Reaktion auf die Ereignisse rund um den Tod und
kann einige Zeit anhalten. Appetitlosigkeit, Vernachlässigung der äußeren Erscheinung,
Schlaflosigkeit, Apathie, Rückzug nach innen, Müdigkeit und Weinerlichkeit können das
Leben eine ganze Weile zusätzlich beeinträchtigen. Das Bedürfnis nach Liebe und
Geborgenheit ist sicher bei beiden Partnern groß, und sie müssen versuchen, sich
gegenseitig aus der Depression herauszuhelfen.
Isolation
Das Paar, und besonders die Frau, hat jetzt das Gefühl, vom Rest der Welt wie
abgeschnitten zu sein oder nichts mit ihm gemeinsam zu haben. Oft wird dieses Gefühl des
Isoliertseins noch verstärkt, wenn das Paar von den anderen Patienten auf der Station
ferngehalten wird, und auch Ärzte und Schwestern den Eindruck machen, sie wollten
möglichst wenig Kontakt mit den trauernden Eltern haben - denn auch sie sind befangen.
Das gleiche gilt für den Partner. Er überwindet den Verlust vielleicht schneller, hat
dann aber möglicherweise das Gefühl, seine Frau emotional im Stich zu lassen. Auch
Freunde und Verwandte sind hilflos, von der Situation überfordert und können die Eltern
nur wenig von dem Gefühl befreien, abseits von allem zu sein.
Verlust des Selbstwertgefühls
Der Verlust an Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen ist oft groß, selbst bei Paaren, die
bereits Kinder haben. Das Gefühl, versagt zu haben, sitzt tief im Innersten, rührt es
doch an fest verankerte Vorstellungen.
Sehnsucht
Die ersten Monate nach dem tragischen Ereignis sind geprägt von der Sehnsucht nach einem
Baby. Es hat den Anschein, als drängten sich die Anne der Frau geradezu danach, ein Baby
zu halten. Und es mag Momente geben, in denen sie sich regelrecht in das Gefühl
hineinsteigert, ein Baby zu haben. Manchmal richtet sich diese Liebe eine Zeitlang auf ein
Ersatzbaby, etwa eine Puppe oder ein Haustier. Vorausgesetzt, dieser Ersatz bleibt keine
Dauereinrichtung, kann er durchaus zur Bewältigung des Schockerlebnisses beitragen.
Verwirrung
Nach so einem Verlust verwirrt zu sein, ist nicht verwunderlich. Die Frau mag das Gefühl
haben, "nicht mehr richtig zu ticken". Sie fühlt sich nicht in der Lage,
Entscheidungen zu treffen oder konzentriert am Leben teilzunehmen.
Ihr kommt möglicherweise alles unwirklich vor, sie fühlt sich wie in Nebel gehüllt, abseits der Welt um sie herum. Läßt man sie ihren Kummer nicht zum Ausdruck bringen - erwartet statt dessen von ihr weiterzuleben, als sei alles ganz normal -, dann werden diese Gefühle womöglich umgesetzt in körperliche Krankheitssymptome. Oder die Frau gibt irgendwie auf, und es ist ihr nur noch egal, wie sie wirkt, wie sie aussieht, was andere von ihr denken.
Identifikation mit dem Baby
Wie tief dieser Verlust empfunden wird, hängt auch davon ab, wie stark sich die Eltern
mit dem Baby identifiziert hatten. Das hat zwar auch mit dem Stadium der Schwangerschaft
zu tun, doch es ist nicht unbedingt wahr, daß man über den Verlust eines Babys leichter
hinwegkommt, wenn er in der frühen Schwangerschaft geschieht. Es hängt vom Grad der
Akzeptanz und der Vorfreude auf das Kind ab, wie schwer der Verlust empfunden wird. Die
Todesursache ist ein weiterer einflußnehmender Faktor.
Die Geburt
Das Baby sehen
Die emotionalen Reaktionen auf den Tod eines Babys werden in hohem Maße von den
Geschehnissen rund um die Geburt oder den Tod beeinflußt. Die meisten Paare sagen, daß
die Trauer über die Totgeburt gemildert wurde, wenn sie das Baby nach der Geburt sehen
durften. Das Baby zu halten, es zu berühren und Zeit mit ihm zu verbringen - das alles
hilft zu akzeptieren, daß das, was geschehen ist, wahr ist. Eltern von totgeborenen
Kindern möchten, genau wie die von gesunden Babys, schauen, wie ihr Kind aussieht, nach
Ähnlichkeiten mit sich selbst suchen. Auch sie müssen ihr Baby kennenlernen. Man kann
sich wohl nur von jemandem verabschieden, wenn man ihn zuvor begrüßt hat.
Ein totgeborenes Baby anzuschauen und zu halten ist extrem schwierig, und Tränen sind eine völlig normale Reaktion. Doch es scheint wichtig, dieses emotional schmerzhafte Ereignis zu erleben. Sonst können nagende Gedanken, Selbstvorwürfe und Fragen zurückbleiben, die später stark belasten.
Ärzte und Hebammen fühlen sich angesichts der Trauer der Eltern oft veranlaßt, das Baby fortzubringen, "um die seelischen Schmerzen zu lindem". Das kann zwar im Moment Erleichterung verschaffen, möglicherweise aber später zu einem Trauma führen, das schwieriger zu bewältigen ist.
Es gibt sogar Theorien, die besagen, es sei für die Mutter oder ihre engste Familie ratsam, soviel Kontakt zu ihrem toten Baby zu haben, wie sie möchte, sogar noch einige Tage nach der Geburt. Wenn sie es wünscht, kann das Baby immer wieder zu ihr gebracht werden. Bei jeder dieser Begegnungen sollte jedoch jemand anwesend sein, der darin ausgebildet ist, schwierige Situationen wie diese zu managen.
Zu guter Letzt sollte das Baby von Hebamme, Arzt oder Schwester fotografiert werden, und die Aufnahmen sollten in der Akte aufbewahrt werden, damit die Eltern sie später, wenn sie es möchten, anschauen können. Im Idealfall sollten die Bilder in einer Umgebung gemacht werden, die man auch für Aufnahmen von einem lebenden Kind wählen würde - in einer Situation voller Geborgenheit und Respekt vor dem Wesen. Wenn die Eltern die Bilder zum Zeitpunkt des Todes auch noch nicht annehmen wollen, fragen sie doch möglicherweise später danach, wenn die Erinnerung an das Aussehen des Babys zu verblassen beginnt.
Mißbildung
Selbst wenn das Baby mißgebildet ist, berichten Eltern oft, daß sie ein großes
Bedürfnis hatten, es anzuschauen. Häufig ist ihre eigene Vorstellung von der Mißbildung
schlimmer als die Wirklichkeit. Wenn möglich, sollten Ärzte und Hebammen das Augenmerk
der Eltern zunächst auf das lenken, was an dem Kind normal ist. Dann richten sich die
Reaktionen auf das Baby nicht ausschließlich auf die Abnormalität. Sicher wäre es dann
hilfreich, wenn Hebamme oder Schwester das Baby in eine Decke hüllen.
Das Baby versorgen
Je mehr man für das Baby tun kann, desto leichter scheint es zu sein, über seinen Tod
hinwegzukommen. Um ein Baby, das ein paar Tage am Leben bleibt, können sich die Eltern in
einem gewissen Ausmaß selbst kümmern. Auch wenn sie nur wenig für ihr Kind tun können:
Es hilft ihnen, zu akzeptieren, daß es wirklich ihr Baby ist und daß es eine Zeit
außerhalb des Mutterleibs gelebt hat, in die sie einbezogen waren und an der sie
teilhaben konnten.
Die Geburt bewußt erleben
Bei einer Totgeburt hilft es den Eltern oft zu sehen, daß das Team im Kreißsaal wirklich
alles unternimmt, das Baby wiederzubeleben. Je mehr sie davon mitbekommen, wie aufmerksam,
fürsorglich, bemüht und gekonnt das Baby vom Team behandelt wird, desto leichter ist es
zu akzeptieren, daß schließlich alles nur Erdenkliche versucht wurde, es aber nicht
gereicht hat.
Aus diesem und aus anderen Gründen ist es vom seelischen Aspekt her vermutlich ratsam, daß man die Mutter während der Entbindung wach und bei Bewußtsein läßt, auch wenn dieses Erlebnis emotional schwierig zu bewältigen ist. Wird ihr Bewußtsein mit Medikamenten so gut wie ausgeschaltet, scheint sie weniger in der Lage zu sein, sich mit ihrem Baby zu identifizieren und seinen Tod zu akzeptieren. Frauen, die eine unerwartete Totgeburt per Kaiserschnitt erleben und demzufolge ihr Baby gar nicht sehen, haben möglicherweise ein stärkeres Gefühl von Unwirklichkeit. Und es fällt ihnen vielleicht schwerer, um ihr Kind zu trauern, als Müttern, die ihre Babys bei der Geburt gesehen haben.
Dem Baby einen Namen geben
Im Rahmen dieses Ansatzes ist es für Eltern ratsam, ihrem Baby einen Namen zu geben und
ihn zu benutzen, wenn sie von ihrem Kind reden. Das läßt das Baby wirklicher erscheinen
- was es ja auch ist -, als wenn ständig unpersönlich von "es" gesprochen
wird.
Bestattung
Die Trauer scheint für Eltern erträglicher, wenn sie ihr Baby, auch wenn es leichter war
als 500 Gramm, bestatten lassen. In gewisser Weise schafft das einen Abschluß dieser
Erfahrung mit dem Elternsein. Die Eltern fühlen sich auch besser, wenn sie ihrem Kind die
bereits liebevoll ausgesuchte Bekleidung anziehen können - sei es auch schmerzlicherweise
nur, um es darin zu beerdigen. Es hilft ihnen, das Baby als ihr eigenes zu akzeptieren.
Mancher Vater möchte vielleicht auch den Sarg seines Babys selbst zum Grab tragen und so
seinem Kind einen letzten Dienst erweisen.
Todesursache
Es hilft Eltern außerordentlich, wenn sie Gewißheit über die Todesursache erhalten
können. In den meisten Fällen kann es ihnen ihre enormen Schuldgefühle nehmen, denn nur
sehr selten sind sie für den Tod verantwortlich zu machen. Aus diesem Grund ist eine
Autopsie oder eine genetische Untersuchung empfehlenswert.
Sterilisation
Es ist nachvollziehbar, daß eine Frau in einer solchen Krisensituation sagt, daß sie so
etwas nie wieder erleben möchte und deshalb eine Sterilisation verlangt. Doch eine unter
so extremen Voraussetzungen getroffene Entscheidung bereut sie später möglicherweise.
Besser ist abzuwarten, bis man sich von dieser Erfahrung erholt hat.