Im Verkehr ohne sicheren Gurt (Kondom)L

 

Wer die Verkehrsregeln nicht kennt

Vor vier Jahren hatte man große Angst, bei den Jungschwulen würde es zu einem sprunghaften Anstieg der Neuinfektionen kommen. Sie würden nicht wissen, wie man sich schützt oder infiziert. Jungschwule hätten keine Ahnung von AIDS. Man fand letztlich Informationsdefizite bei schwulen Männern jeden Alters im Coming-out. Diese Männer haben tatsächlich oft keine Chance, vor ihrer Infektion die persönliche Gefährdung durch AIDS zu erkennen und sich entsprechend zu schützen. Viele kennen die Verkehrsregeln nicht. Männer vor ihrem Coming-out oder ohne Kontakt zur "Szene" sind immer noch "schwer erreichbar".

Wer sich nicht zusätzlich sichert

Der Einfachheit zuliebe möchte ich den Gurt im Straßenverkehr hier mit dem Kondom beim Analverkehr vergleichen. Der Gurt ist ebenso wie das Kondom eine zuverlässige Methode zur Verringerung tödlicher Unfälle. Dennoch passieren in Deutschland jährlich 1.200 Neuinfektionen bei schwulen Männern. Immer wieder taucht die Frage nach der Infektionsgefahr beim Oralverkehr auf, also die Frage, ob man einen Airbag braucht zusätzlich zum Gurt. Wie hoch ist die Gefahr beim Oralverkehr ohne Gummi wirklich? Kann es wirklich sein - wie unlängst offiziell verlautbart -, dass sich bis zu 120 schwule Männer in Deutschland infizieren, weil sie nicht "rauszieh'n, bevor es kommt"? Es scheint, als seien die 10 Mal so eben aus der Luft gegriffen.

Wer arm und ungebildet...

Weltweit gelten für alle Krankheiten mit der Ausnahme einzelner Krebserkrankungen, dass geringe Schulbildung und Zugehörigkeit zum unteren sozialen Teil einer Gesellschaft die Sterberaten erhöhen. Wer arm und ungebildet ist, hat auch ein wesentlich höheres Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Auch in Deutschland ergibt sich für schwule Männer von niedrigem sozialen und Bildungsstatus ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko einer HIV-Infektion. Aber warum infizieren sich die Männer der Unterschicht eher? Kann man das mit Geld ausgleichen? Ist eine Risikogleichheit überhaupt jemals erreichbar?

...oder übermütig ist

Manch einer glaubt "im Übermut", dass für ihn selbst der Verzicht auf Safer Sex richtig ist. Da sind zum einen Neuinfektionen bei frisch Verliebten, denen die Gefahr einer HIV-Infektion egal ist. Da sind die Männer, die sich bei Menschen mit HIV infizieren, die seit Jahren ihre Partner sind. Es gibt Übermütige, die an den medizinischen Fortschritt glauben, und solche, die glauben, dass ein Leben mit HIV erstrebenswert ist. Im Straßenverkehr würde man solche Leute als "Gurtmuffel" bezeichnen. Bei uns heißen sie "Präventionsversager".

Wer vermindert einsichtsfähig ist

Es gibt eine Reihe legaler und illegaler Wirkstoffe, die die Wahrnehmung erheblich beeinträchtigen. Obwohl die Folgen des Konsums harter illegaler Drogen augenscheinlicher sind, sind doch die Folgen des Konsums legaler Wirkstoffe weitaus katastrophaler. Es sterben mehr Menschen an den Folgen des Alkoholismus als an den Folgen des Konsums aller illegalen Drogen zusammengenommen. Für die Bevölkerung Deutschlands ist ein übermäßiger Konsum an Alkohol und Psychopharmaka nachgewiesen. Wenn das auch für Schwule zutrifft, könnte hierin ein wesentlicher Grund für die anhaltend hohe Zahl neu festgestellter HIV-Infektionen liegen? Sind legale Drogen die Hauptursache von unsafem Sex? Hier gibt es keine Antwort.

Mindestens 650 zuviel

HIV-Infektionen passieren halt, sie kommen in den besten Familien vor, und manchmal hat es auch den Anschein der schädigenden Absicht, wenn einer infiziert wird. Wir wissen nichts über die Verteilung der Neuinfektionen auf die unterschiedlichen Risiken und möglichen Umstände einer Neuinfektion 1998 im allgemeinen Sine schwule Männer werden sich vermutlich auch in den kommenden Jahr(en) mit HIV infizieren. Wer wird es sein?

http://www.ping.at/libertylife/ - libertylife März 1998 - Aus Männer aktuell Ausgabe 02/98 von Matthias Wienold 

Viruslast - was ist das eigentlich?

Die Viruslastbestimmung misst die Anzahl der Viren, die sich in einem Milliliter Blut befinden. Je mehr Viren sich im Blut nachweisen lassen, desto stärker vermehrt sich das Virus auch. Täglich werden mitunter Milliarden von Viren gebildet, die sich im Blutstrom verteilen. Eine große Zahl von Viren im Blut spricht für eine starke Vermehrung des Virus. Aber auch in den Lymphknoten, den Hoden oder im Gehirn können sich die Viren vermehren. Nicht immer sind sie dann auch im Blut nachweisbar.

Die Viren werden nicht direkt unter dem Mikroskop gezählt. Vielmehr wird eine ganz winzige Menge Blut durch chemische Reaktionen auf Viren hin untersucht. Anschließend wird aus der Stärke der chemischen Reaktion die Virusmenge errechnet. Die Genauigkeit der Ergebnisse hat eine relativ große Fehlerbreite. Eine Veränderung von 4.000 auf 4.800 Viren pro Milliliter oder von 50.000 auf 60.000 hat wenig Bedeutung. Sie liegt im Bereich der Fehlerwahrscheinlichkeit.

Das Immunsystem eines Menschen mit HIV versucht ununterbrochen, die Vermehrung des Virus zu hemmen. Wenn mehr als 10 - 20.000 Viren pro Milliliter Blut nachgewiesen werden können, besteht ein erhöhtes Risiko, dass das Immunsystem im Kampf gegen HIV zu schwach wird. Dann kann es zu einer Verminderung der T-Helferzellen (auch CD4-Zellen genannt) kommen. Je höher die Viruslast ist, desto schneller kommt es zur Gefahr der Entwicklung von AIDS.

Wann ist eine Veränderung noch normal?

Die Viruslast schwankt sehr stark. Das liegt zum einen an der großen Fehlerbreite des Tests. Wichtiger aber sind Schwankungen, die das Immunsystem selber auslöst. Starke natürliche Schwankungen der Viruslast sind z.B. möglich, wenn neben der HIV-Infektion noch ein anderer Erreger auf die Körperabwehr einwirkt. So sind sehr hohe Werte mit Hepatitis, Grippe aber auch Impfungen verbunden. Oft sinkt dann die Viruslast wieder von allein, wenn der Infekt vorbei ist oder die Reizwirkung der Impfung nachlässt. Solche vorübergehenden Spitzenwerte in der Viruslast treten auch bei starkem Stress auf. Ein Absinken der Viruslast ist immer ein Zeichen für eine Entspannung im Kampf gegen das Virus. Je stärker die Viruslast sinkt, desto weniger Virus wird produziert. Deshalb misst man die Wirksamkeit einer Kombinationstherapie mit Hilfe der Viruslast. Diese Medikamente hemmen die Vermehrung von HIV. Sinkt die Viruslast bei Einnahme von HIV-Medikamenten um mehr als 2 log-Stufen (also von 100.000 auf 1.000 oder von 40.000 auf 400 Viren pro Milliliter) ist bereits mit einem Gewinn an Lebenszeit durch Einnahme der Therapie zu rechnen. Ein Absinken der Viruslast unter 10.000 pro Milliliter ist bereits ein wirklicher Erfolg. Ein Zusammenhang zwischen einer noch niedrigeren Viruslast und der Überlebenszeit ist noch nicht nachweisbar. Angestrebt wird aber eine möglichst niedrige Viruslast. Auch das Ansteigen der Viruslast hat zwei Bedeutungen:

Je nachdem ob man Medikamente gegen HIV nimmt oder nicht. Eigentlich bedeutet ein Ansteigen der Viruslast nur, dass das Virus an irgendeiner Stelle des Körpers sich so stark vermehrt, dass dies im Blut bemerkbar wird. Ein solcher Anstieg kommt in der Regel von den Lymphknoten. Wahrscheinlich gibt es einen so genannten "Ausgangspunkt", einen bestimmten Wert für die Viruslast, auf den nach einem solchen Anstieg die Viruslast wieder zurückkehrt. Nur wenn das Immunsystem wirklich sehr schwer geschädigt ist, wird dieser Ausgangswert nicht mehr erreicht. Die Viruslast steigt oft über Jahre hinweg langsam aber stetig an. Ein Zwischenhoch kann dabei ohne Bedeutung sein. Eine akute Gefahr signalisiert ein Ansteigen der Viruslast auch nicht unter der Behandlung mit Medikamenten. Ein Ansteigen der Viruslast während der Einnahme von Medikamenten kann aber ein Zeichen für einen Wirkungsverlust sein.

Wofür gibt es eine Nachweisgrenze?

Wenn ein Testverfahren eine "Nachweisgrenze" von 200 Viren pro Milliliter hat, können weniger als zweihundert Viren pro Milliliter Blut damit nicht mehr nachgewiesen werden. Ob nun 10, 20 oder 199 Viren vorhanden sind - der Test kann sie nicht mehr erkennen. Noch vor zwei Jahren lag die Nachweisgrenze bei 10.000 Viren pro Milliliter, heute hört man in Studien erst bei 20 Viren mit dem Zählen auf.

Unterhalb der Nachweisgrenze

Es gilt als bester Beleg für die Wirksamkeit von Medikamenten gegen HIV, wenn die Viren nicht mehr nachgewiesen werden können. Je weniger Viren im Blut, desto besser für die Gesundheit. Vielleicht kann sich in dieser Situation das Immunsystem sogar wieder erholen. Die T-Helferzellen steigen zumindest fast immer an. Solange die Viren nicht nachweisbar sind, wirken die Medikamente bestens. Je weniger Viren sich im Blut nachweisen lassen, desto geringer ist vermutlich das Risiko, dass das Virus gegen Medikamente resistent wird.

Oberhalb der Nachweisgrenze

Normale Schwankungen oder andere Infekte können die Viruslast einmal oberhalb und einmal unterhalb der Nachweisgrenzen erscheinen lassen. Wichtig ist, dass auch hier nach anderen Ursachen geforscht und der Test wiederholt wird, um die Bedeutung des Anstiegs zu erkennen.

Ein Ansteigen der Viruslast auf oberhalb der Nachweisgrenze kann auch ein Hinweis für die Unwirksamkeit von Medikamenten sein. In solchen Fällen kann die Neueinstellung mit anderen Medikamenten eine erneute Senkung der Viruslast bewirken.

http://www.ping.at/libertylife/ - Libertylife März 1998 - MÄNNER aktuell, Ausgabe 03/98 von Matthias Wienold 

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