Der Pianist

(the Pianist)

 

D, Pl, Fr, GB 2002, 148 min.

Regie: Roman Polanski

Nach 4 Nominierungen feierte Meisterregisseur Roman Polanski mit diesem Film endlich seinen ersten Oscartriumph. Doch die totale Genugtuung blieb ihm verwehrt, denn auch wenn er mit der Pianist ein eindrucksvolles Stück filmischer Vergangenheitsbewältigung abgeliefert hat…der Makel seiner Justizflucht aus den USA verhinderte eine persönliche Empfangnahme der goldenen Statue. Neben dem Oscar für die beste Regie und dem besten Original-Drehbuch wurde überraschenderweise auch der bisher eher unbekannte Adrien Brody (Oxygen) mit dieser höchsten Anerkennung als bester Schauspieler bedacht. Umso bemerkenswerter wenn man bedenkt, das er damit höher eingestuft wurde als Daniel Day Lewis, der in Scorsese´s Meisterwerk Gangs of New York mit Bill, the Butcher eine der prägnantesten Figuren der jüngeren Filmgeschichte schuf.  

Nach einer wahren Begebenheit: Der Zuschauer verfolgt das Schicksal des jüdisch-polnischen Starpianisten Wladyslaw Szpilman während der Nazibesatzungszeit. Von anfangs leichten Beschränkungen gegenüber Juden über die Ghettoerrichtung und schließlich die Abtransporte in die Massenvernichtungslager …im Gegensatz zu anderen Holocaustdramen konzentriert sich Polanski´s Film aber wirklich nur auf seinen Protagonisten und zeigt seine endlos mutende Hatz von einem Versteck in das andere... immer den Tod vor Augen. Obwohl diese Verstecke mitten in der Großstadt sind, ist er doch einsamer als Robinson. Kurz vor Kriegsende scheint sein Schicksal besiegelt als ihn ein deutscher Offizier in seinem Versteck entdeckt.   

Anmerkung: Dieses Review enthält Spoiler, allerdings sind diese in schwarzer Schrift gehalten, und somit nicht sichtbar. Wer die entsprechenden Textabschnitte lesen will, wird gebeten, diese zu markieren.

Man konnte es wohl schon an meiner Einleitung erkennen: Der Pianist steht für mich nicht ganz auf einer Stufe mit einem Meisterwerk wie Gangs of New York…dafür konnte er diesem tragischen Genre zu wenig neue Gesichtspunkte abgewinnen. Weder zeigt er einen so eindrucksvollen Überblick über das Geschehen wie  Schindler´s Liste noch hat er die mutige Ironie von Zug des Lebens oder das Leben ist schön. Der Pianist wirkt eher wie eine Mischung aus Anne Frank und Robinson Crusoe. Adrien Brody hat mit seinem stillen und doch intensiven Spiel dennoch eine oscarreife Leistung erbracht und der Pianist ist das wohl unsentimentalste und zurückhaltendste der bekannten Holocaustdramen. Fast schon dokumentarisch distanziert wirkt es in den meisten Szenen. Sicher ist es einerseits lobenswert, wenn man solche Gräueltaten wie die wahllosen Erschießungen ohne Dramaturgie und Gefühlshascherei inszeniert. Für manchen Zuschauer wird er schon ein bisschen zu weit von den Menschen weg sein. Ähnlich oberflächlich in der Charakterzeichnung wie der Soldat James Ryan bleiben auch hier die Figuren (mit Ausnahme Szpilman´s) nicht viel mehr als Nummern. Auch wenn dies die realistische und spröde Atmosphäre noch verstärkt, fällt es den meisten Zuschauern (wie auch mir) einfacher sich mit lebendigen Charakteren zu identifizieren und mit ihnen mitzutrauern. Die Sinnlosig- und Grausamkeit kann man zwar auch auf diese Weise verdeutlichen, aber es ist einfach wirkungsvoller ein bekanntes Gesicht sterben zu sehen als 1000 Namenlose. Ähnlich wie z.B. die geringe öffentliche Anteilnahme bei einer fürchterlichen Naturkatastrophe in einem *unbedeutenden Land* gegenüber verhältnismäßig harmlosen einheimischen Fluten.

Nun gut ich schweife ab…mit zunehmender Dauer verliert dieser Kritikpunkt an Bedeutung, denn im Gegensatz zur kommentarlosen Betrachtung der Geschehnisse ist die Kamera beim Protagonisten hautnah dabei und man kaum vermeiden sich nicht in dessen Situation hineinzuversetzen und mit ihm mit zu leiden. (Spoiler Anfang) Die Szene als Brody nach Kriegsende mit dem Mantel des deutschen Offiziers zu den einmarschierenden Russen eilt, war sogar ähnlich intensiv wie Al Pacino´s Restaurantszene in der Pate als er die Pistole lange nicht fallen lässt. Man merkt es selber erst spät welchen Fehler Szpilman dort begeht und möchte ihm zurufen, dass er den Mantel ausziehen soll.  (Spoiler Ende)

Fazit: Zweifelsohne ein Werk, das man gesehen haben sollte, aber nicht unbedingt ein Meilenstein der Filmgeschichte. Neben der Tatsache, das es bereits bessere Varianten gab und übertriebene Kühle vorherrscht, bildet die Auswahl der Musikstücke für mich (als Kunstbanausen) einen weiteren Minuspunkt. Hätte man nur etwas bewegendere Stücke ausgewählt, wäre meine Bewertung sicher besser ausgefallen. So bleiben es trotzdem noch gute 8/10.

Wertung:   (8/10)

 

Verfasser: evildead

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Titelbild und Filmausschnitt © 2002 Focus Features