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Gottes kalte Gabe
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Leseprobe
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Gottes kalte Gabe
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Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie. Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. "Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch." Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlose Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: "Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde." Die Mittagssonne verbrannte mir in an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen ...
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Mannis Wut
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Mannis Geschichte war genau mein Ding. Mein erster Roman. Mein niemals ausgewürgter Alptraum. Freddy erzählte mir davon vor gut zwei Jahren. Ich war noch Student und verspürte nicht die geringste Lust mehr darauf, den Sinn irgendeines Lebens aufzuklappen und wieder zuzuschlagen. Wir haben Bücher gelesen und Bücher über diese Bücher und über die Leute, die diese Bücher geschrieben haben, und wir haben über diese Bücher und über diese Leute gesprochen und anschließend darüber geschrieben, weil wir ja auch was zu sagen hatten. Da gab's eine Phase, die hat mich diesen ganzen Mist richtig ausleben lassen. Ich mein, ich kam mir so verflucht oberschlau und auserwählt vor, wie ich da die Würmer aus den Leichen pickte, um sie zu sezieren. Ich hab das genossen, einer von denen zu sein, die Bücher mit Messer und Gabel fressen und ihren Kopf anstelle ihres Hintern in den Toilettentopf stecken. Ich war ein mieser kleiner Literaturstudent, und ich wäre vermutlich mit Bukowski und Grass gleichzeitig ins Bett gegangen, weil ich sie alle so richtig tief in mir drin haben wollte. Ich war davon überzeugt, sie würden mir Sinn geben, und ich war soweit, mir vorzustellen, wie sie es gemacht haben und wie ihre abgefahrenen Seelen sich in ihren Orgasmen widerspiegelten. Heute glaube ich, dass ich zu diesem Zeitpunkt, als ich Nietzsche und Hemingway beim Onanieren zusah, schon ziemlich weit weg von der Materie war. Trotzdem hab ich noch ein Weilchen die Bücher dieser Leute und die Bücher über die Bücher und über die Leute in mich hineingestopft und meinen Magen malträtieren lassen, bis mir speiübel davon wurde. Irgendwann muss ich wohl alles wieder in einer einzigen großen befreienden Aktion ausgekotzt haben, denn ich hab nichts mehr in mir drin und ich weiß nicht mehr, wozu es gut war ...
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Karin Reddemann
Gottes Kalte Gabe
Erschienen im Dr. Ronald Henss Verlag, 2006
9,90 Euro (D) 10,30 Euro (A)
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