Einbruch ins verschlossene Kurdistan

Leseprobe

Als Gast des Königs in seinem verschlossenen Land

 

Etwas ganz und gar nicht Romantisches begegnet mir hier in der noch bis heute geübten grausigen Sitte der Blutrache. Während wir einmal geruhsam auf dem Dach beisammensitzen, kommt plötzlich in fliegendem Tempo ein jüngerer Kurde durch die Dorfgassen gerannt. Er ist in Schweiß gebadet. Nach wenigen Augenblicken steht er vor uns, fällt vor Schuach Maschid nieder und küsst die Erde vor ihm. Schuach Maschid bietet ihm Platz an, lässt ihm Tschai bringen und fragt nach seinem Begehr. Mit flehenden, flackernden Augen bittet er Schuach Maschid, ihm zu helfen und ihn zu schützen.

"Während du hier in Haladin bist", erwidert der Banditenführer, "soll dir kein Haar gekrümmt werden, dein Leben schütze ich mit meiner eigenen Hand!"

Und nun erzählt der Kurde, der aussieht wie ein fast zu Tode gehetztes Wild, er sei mit einem Nachbarn, der ihm viel Geld schulde, in einen Wortstreit geraten, und schließlich hätten sie sich beide geschlagen. Das Schicksal - Allah ist mein Zeuge - habe dann gewollt, dass er seinen Schuldner so unglücklich auf den Kopf getroffen habe, dass jener tot zusammengebrochen sei. Seither sei er nicht weniger als neun Tage auf der Flucht vor dem Bruder des Getöteten, der an ihm Blutrache nehmen wolle.

Noch nicht lange war der Flüchtling bei uns angekommen, als auch schon der Verfolger eintrifft. Sein guter Spürhund hatte die Fährte des Fliehenden aufgenommen und richtig hierher gefunden. Dass er jedoch hier in Haladin seinem Feind nichts anhaben darf, ist ihm sicher bewusst. Nun bin ich sehr gespannt, wie sich die Sache weiter entwickeln wird. Im Laufe der nächsten Stunden treffen auch die Verwandten der beiden Feinde ein, die sich jetzt mit grimmigen Blicken gegenübersitzen. Wie es nicht anders zu erwarten ist, folgen nun die üblichen Verhandlungen, denen der Banditenführer stillschweigend zuhört.

Der Bluträcher fordert als Blutgeld die ungeheure Summe von achtzig Pfund, nach deren Bezahlung der Totschlag als erledigt gelten solle. Da jedoch der arme Kerl diese Summe unmöglich aufbringen kann, ist er sich darüber im Klaren, dass er wohl die längste Zeit gelebt haben werde, sollten die Verhandlungen ergebnislos verlaufen. Darum bietet er das an, was er aufzubringen vermag - nämlich fünfzehn Pfund. Die Antwort hierauf ist nur höhnisches Lachen. Auch die dazu angebotenen Grundstücke werden abgelehnt.

Schuach Maschid blickt immer noch wortlos auf die Streitenden.

Wie sich im Laufe der Verhandlungen herausstellt, besitzt der Verfolgte eine überaus schöne Schwester, die der Bluträcher schon einmal von ihm kaufen wollte, aber nicht bekam, weil er als ein roher und grausamer Mensch bekannt war. Vorsichtig tastet er sich nun wieder in dieser Richtung vor, aber mit einem feurigen Blick und einem leidenschaftlichen "Nein!" bricht der schöne, junge Kurde sofort die Verhandlung ab. Komme was wolle, aber lieber wolle er selbst sterben, als seine schöne junge Schwester diesem Rohling als Blutpreis zu geben. - Ich beobachte Schuach Maschid, der den letzten Verhandlungen mit besonderem Interesse folgt. Mir imponiert der junge Mensch, der so warm für das Schicksal seiner Schwester eintritt.

Wenn es sich um eine Frauenfrage handelt, kann man den faulsten Orientalen auf die Beine bringen. Das weiß der Banditenführer sehr wohl. Er entlässt deshalb die feindlichen Sippen und lässt jeder der beiden Gruppen ein Haus zum Übernachten anweisen. Er selbst bürgt für den Verfolgten, dass er nicht entfliehen werde.

 

Bildmaterial

Sehen sie Originalphotos von Gottfried Johannes Müller während seiner Reise ins verschlossene Kurdistan.

 

Kurdistan heute

Sehen sie zeitgenössische Photos aus Kurdistan. (Alle Bilder von Dr. Nikolas Brauns.

 

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