AGGRESSION ZWISCHEN LIEBENDEN

von Peter Schellenbaum
 
 
Nur Verrückte können lieben. Nur Ver-Rückte lassen sich ernsthaft auf Liebe ein. Alle anderen bleiben in Projektionen hängen. Projektionen der Mutter, des Vaters auf den jeweiligen Partner. Diese Projektionsliebe ist niemals von Dauer, aber üblich.
Verrückte Liebe beinhaltet einen stetigen Fluß, stetige Bewegung.
 
Zu Beginn einer Liebesbeziehung erwachen in uns fast unbegrenzte Hoffnungen, sowohl auf den andern als auch auf die Veränderungen, die er in unserem Leben bewirken soll. Doch nach und nach, aufgrund alltäglicher Erfahrungen mit dem Partner, sehen wir uns gezwungen, unsere Hoffnungen und Erwartungen den „Realitäten“ anzunähern. Und doch war das anfängliche grenzenlose Gefühl, das Freiheit und Erweiterung versprach, keine Illusion. Wir haben es bloß falsch gedeutet. Wir haben irrtümlicherweise angenommen, es meine eine unbegrenzte Zahl neuer objektiver Entwicklungsmöglichkeiten dank der Verbindung mit diesem Menschen, den wir lieben. Doch sind die Entwicklungsmöglichkeiten jedes Menschen beschränkt. Grenzenlos war unser Gefühl selber. Unsere frühere enge Lebenseinstellung hat sich geöffnet. Sie ist zu einer erotischen Einstellung geworden.

Diese Zusammenhänge gilt es zu sehen, wenn nach und nach die Erwartungen an unsere Lebensbeziehung auf alltägliche Dimension zurückschrumpfen.
Jetzt können wir nur noch Liebende bleiben, wenn wir nicht weiterhin künstlich versuchen, uns an illusorische Vorstellungen zu klammern, etwa, dass eines Tages doch einmal völlige Harmonie mit dem anderen herrschen werde oder dass er die charakterlichen Schwächen ablegen werde oder daß ich dank dieser Partnerschaft zum glücklichsten aller Menschen werde.

Was wir uns wirklich „versprochen“ haben, war das uneingeschränkte Gefühl der Liebe. Ein bloß passives Gefühl lässt sich aber auf Dauer nicht halten. Es wird von den banalen Alltäglichkeiten aufgefressen. Das Gefühl muss aktiv werden, um Dauerhaftigkeit zu erlangen. Es muss bewusst daran gearbeitet werden. Von beiden.
Die grundsätzliche Offenheit zum DU besteht darin, dass wir auch in blockierten Situationen von ihm Lernimpulse erwarten. Auch von seiner Traurigkeit, seiner zermürbenden Abwehr gegen mich, seinem kindlichen Verhalten.

Der Satz: “Damit hab ich nichts zu tun, das ist nicht mein Problem“ z.B., ist Verrat an der erotischen Einstellung. Alles, was mit dem DU zu tun hat, ist bedeutsam für mich und hat mir etwas zu sagen. Nicht, dass ich für die Stimmungen und Schwierigkeiten des anderen verantwortlich wäre. Doch ist der Mensch, den ich liebe, auch in seinen abstoßenden und lästigen Seiten ein „Bild meines heimlichen Lebens“. Zum einen, weil meine besondere Liebe zu diesem und nicht zu einem anderen Menschen ein Hinweis auf meine eigene innere Persönlichkeit ist, mit der ich mich verbinden muss, andererseits weil nichts außer Liebe mich motivieren kann, mich mit den unangenehmen und schmerzlichen Tatsachen des Lebens überhaupt ernsthaft auseinanderzusetzen und ihnen nicht auszuweichen.

Nur in der Liebesbeziehung können wir lernen, unsere Grenzen nach und nach auszuweiten. Wer außer dem geliebten Menschen dürfte es wagen, mich regelmäßig herauszufordern? Woher, außer von der Liebe, bekommen wir die nötige Energie, um festgefahrene Gewohnheiten und Ansichten zu lockern und fremde Bereiche in unsere Persönlichkeit mit einzubeziehen? Es gelingt niemandem, seine Persönlichkeit von innen her grundlegend zu wandeln, es sei denn, er teilt sein Leben mit einem Menschen, den er liebt.

In unverbindlichen Liebeleien erliegen wir oft der Versuchung, die Leitbildspiegelung nur so lange zu suchen, wie ein gutes Lebensgefühl uns wärmt. In entscheidenden Situationen aber verweigern wir die Herausforderung, ein anderer zu werden.

Bin ich im Gegensatz zur Liebelei mit einem Menschen in hartnäckiger Hingabe verbunden, weiche ich nicht aus, sondern ändere, weil es mir nicht möglich ist auszuweichen. Halb bewusst helfe ich sogar regelmäßig mit, die Spannung mit ihm aufzuladen, um die Kraft der Hingabe einmal mehr zu provozieren und eine weitere dunkle Seite meiner Persönlichkeit in der Auseinandersetzung aufzuhellen. Im Streit, ja, in der Zerstörung habe ich tatsächlich eine jetzt zu entwickelnde Seite in mir wahrgenommen. Hätte ich mich dem anderen bloß angepasst, wäre ich jetzt gelähmt und lustlos. Anpassung um des lieben Friedens willen gibt es natürlich auch. Doch dann fühlt man sich höchstens erleichtert, aber nicht wirklich frei. Der Anpassung fehlt die Neugier und Offenheit für alles, was sich bewegt und aus mir leben will, sowie die lustvolle Auseinandersetzung mit dem Liebespartner. Es fehlt ihr die erotische Einstellung, die Spiegelung, doch gerade diese erhalte ich zurück, weil die Fremdheit zwischen uns neue Nähe und Liebe befeuert.

Die erotische Einstellung besagt: Lenke deine Aufmerksamkeit vom ICH zum DU, versuche mit der Energie, die durch die Liebe freigesetzt wird, jenes symbolische Leitbild im DU wahrzunehmen. das dir jetzt hilft. Schau genau hin, dann nimmt es bereits in dir Gestalt an. Mit deinem bisherigen ICH geht das DU der wahren Liebe eine veränderte Verbindung ein und bildet deine neue, dem Selbst nähere Persönlichkeit.

Zwei Menschen, die sich bei passender Gelegenheit nicht anschreien können, langweilen sich auch im Bett. Fehlt in der Aggression die ekstatische Grenzüberschreitung, dann bleibt sie auch in der sexuellen Begegnung aus. Nur die Feuersbrunst zerstörerischer Emotionalität sprengt alle Verbarrikadierungen. Doch diese Feuersbrunst bringt die Liebe wieder ins Lot. Das Verbrennen schafft Platz in einer Beziehung für neues Wachsen. Jetzt ist Platz, um den Partner wieder richtig anzusehen in seiner ursprünglichen fremden Wildheit, die im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten ist durch die Gewohnheit, den Alltag. Jetzt ist das Erkennen wieder da, das Erkennen des DU, ohne dass mein ICH sinnlos ist. EGO ist nur in der Reibung mit dem DU effektiv.
 
Die Erfahrung der Fülle zwischen Liebenden - und es gibt keine Erfahrung der Fülle, die im weiteren Sinne nicht zwischen Liebenden stattfindet - liegt nicht im gemeinsamen Besitz von geistigen, sinnlichen und materiellen Reichtümern, sondern im Spürbewusstsein, das diese Menschen in ihrem Dasein verbindet. Und zu dieser Fülle gehört Einsamkeit, Abgrenzung und wieder Nähe. Zu dieser Fülle gehört Streit, Schmerz, Unverstehen und wieder Verstehen.

In einer Liebesbeziehung kommt wie in einem Fokus alles zum Ausdruck, was Wahrnehmung überhaupt ausmacht. Die reife Liebesbeziehung ist der eigentliche Ort menschlicher Wahrnehmung. Was wir in ihr wahrnehmen, gibt den treffendsten Aufschluss über die Wahrnehmung überhaupt, weil sie ein Modell für unser IN-DER-WELT-SEIN ist. Nirgends erfassen wir das Wesen des Spürbewusstseins besser als im Durchleben einer Liebesbeziehung. Nur durch den Eros kommen wir in Kontakt zu unseren innersten Natur und zur Außenwelt. Eros ist nicht nur Anziehung sondern auch Wunsch nach Erkenntnis.

Wer sich auf der erotischen Spur befindet, geht wach auf einer haarscharfen Grenzlinie, das heißt, er ist gleichzeitig völlig verbunden und völlig einsam. Mit seiner Verbundenheit und seiner Einsamkeit fühlt er sich dem anderen nahe. So bleibt er wach für eigene und fremde Unzulänglichkeiten und Verstörungen. Auch damit liebt er sich und den anderen: die erotische Spur ist kein Weg der idealen Begegnungen. Die wahre Liebe umfasst auch trübe und zerstörerische Bereiche bei sich und dem anderen. Sie deckt diese nicht zu, sondern auf: Was mit Liebe aufgedeckt wird, findet am leichtesten Anschluss ans Leben. Oft ist es gerade ein zerstörerischer Bereich, dem sich der Liebenden bei sich oder dem anderen besonders zuwendet, dann nämlich, wenn sich in diesem das Leben am kräftigsten regt.

Die erotische Spur ist in der Tat die Spur der stärksten Lebensenergie, ein wertfreies Mitgehen in der Energie, also in der momentanen Intensität des Daseins.
Daher ist es überhaupt kein Widerspruch, wenn Liebende durch tiefe Konflikte hindurch die gemeinsame erotische Spur wiederentdecken und verstärken.
Die erotische Spur zu halten ist besonders dann nicht leicht, wenn unser Gefühl sich wie ein dünnes Rinnsal durch eine öde und wasserlose Seelandschaft schlängelt,
In welche langdauernden Partnerschaft ereignen sich solche trockenen, spürarmen Zeiten nicht! Dann ist die Versuchung groß, sich von der leblosen Öde beeindrucken und lähmen zu lassen und den feinen, aber lebendigen, flüssigen Faden zu verlieren.

In solchen Situationen ist Bescheidenheit gefragt, nämlich Hingabe an das Unscheinbare und Unwahrscheinliche, an das Winzige, also Spürbewusstsein für den winzigen Punkt, wo dein und mein Leben jetzt gemeinsam fließen.
Nun sind viel Durchhaltevermögen und Mühe vonnöten, weil wir nicht gleich mit einem reich strömenden Lebensgefühl belohnt werden. Wieviel einfacher wäre es, in neue Reize oder alte Süchte zu fliehen, anstatt da auszuharren, wo vieles verlebt anmutet.

Es geht hier nicht um Partnerschaften, die in wachsender Versandung absterben, sondern um solche, die in schwierigen Übergangsphasen nach einer neuen gemeinsamen Orientierung suchen. Zwar haben auch die keine Garantie, dass es nach der Durststrecke weitergeht, aber manchmal führt die geduldige gemeinsame Aufmerksamkeit für das wenige jetzt noch Verbindende in einen neuen Beziehungsstrom unter völlig anderen Vorzeichen als vor der Krise: Nicht nur die Partnerschaft, auch zwei Menschen haben sich gewandelt.
 
Treten solche positiven Krisen auf, steht man sich als Fremde gegenüber. Wie aber erkennt man, dass sich zwei Menschen dennoch lieben?
Ein lächerlicher Anlass hat unseren Partner zu einem Fremden werden lassen. Das Fremde hat uns geschüttelt, zerrissen, Ehre und Selbstachtung weggenommen: Es hasst uns. Wir werden wehrlos zerstört. Das Zerstörerische ist das Mächtigere. Es ist zerstörerisch nicht in sich, sondern in bezug auf uns. Destruktivität ist eine Form von Beziehung: Ein Stärkeres dringt in ein Schwächeres ein und zerreißt es von innen.

Und gerade das ist zwischen den beiden Liebenden geschehen. Für jeden ist der andere der Eindringling, Hasser, Zerstörer - und der Geliebte. Doch in der Zeit des Hasses spüren sie nichts von Liebe. Und wären sie jetzt nicht doch noch heimlich Liebende, würden sie sich nach dem Streit verlassen, jeder in seiner Fremdheit.
Das Gegenteil geschieht: Sie sind sich noch nie näher, noch nie aufmerksamer und sensibler aufeinander bezogen. Worauf? Auf den Hassenden, den Zerstörenden, den Fremden, den anderen. Er ist das Ziel ihrer jetzigen Hingabe.

Beide beginnen sich auf das einzustellen, was sie zerstört. Denn die Zerstörung hört nicht auf. Im Gegenteil, sie schreitet immer rascher vorwärts. Je intensiver und konzentrierter sich jeder der beiden auf das DU einstellt, desto radikaler wird jeder der beiden in seiner bisherigen Struktur zerstört und aufgelöst. Das Fremde ist nach wie vor fremd, es zerstört weiterhin alte Formen, aber die Haltung dazu hat sich gewandelt. Aus Abwehr ist Hingabe geworden, Hingabe an die eigene Zerstörung, an die Zerstörung des ICH und an dessen Neuschöpfung im Spiegelbild des DU.

Eben das ist Liebe als Sinn des Zerstörerischen im Menschen. Wie könnte Liebe einen neuen Menschen schaffen, wenn sie nicht gleichzeitig Hingabe an die Zerstörung des alten wäre? Vielleicht ist Destruktivität im tiefsten immer Hingabe an ein Wandlungsgeschehen.
Wer diesen Zusammenhang allerdings nicht erkennt, steht in Gefahr zu zerstören, ohne zu wandeln. Dann hätte die Zerstörung, die Destruktivität ihren Sinn verfehlt.
Durch die bewusste Hingabe zweier Liebender an die Zerstörung wird es auf jenen Persönlichkeitsbereich eingegrenzt, der tatsächlich gewandelt werden muss, um die Lebendigkeit der Liebesbeziehung zu bewahren.
 
Angesichts der plötzlichen Selbständigkeit des Partners beschleicht den anderen auf einmal Angst: “Mein Partner tut etwas ohne mich, ich verliere die Kontrolle und fühle mich verlassen, was wird aus mir werden?“
Solche Gedanken tauchen auf. Ebenso wie ein wütender Impuls, den rebellischen Partner zu unterdrücken. Doch wenn wirkliche Liebe da ist, setzt sich das nicht durch. Das Spürbewusstsein für den anderen, der den unerwarteten Schritt getan hat, wird stärker. Ein Gefühl von Achtung, trotz gleichzeitigem Unverständnis, breitet sich aus.
Die Achtung wächst zur stärksten Empfindung heran, füllt sich mit Wärme und wird zur Liebe, die den anderen freilässt und selbst da fördert, wo er Wege geht, die unter Umständen sogar von der Partnerschaft wegführen könnten, wenn seine Liebe nicht stark genug ist.
Weichst Du einen Schritt zurück, mache also ich auch einen Schritt zurück, statt Dir auf die Pelle zu rücken, und bleibe so mit Dir verbunden. Trittst Du mit einem neuen Schritt auf mich zu, stelle ich mich diesem, indem ich auch auf Dich zugehe.
 
Indem ich das Risiko der Einsamkeit auf mich nehme, nicht nur in diesem Moment, wo mir der Partner sein Anderssein signalisiert, sondern auch als mögliche Perspektive eines Lebens ohne ihn, erfahre ich mit wachen Sinnen, daß Lieben und Freilassen dasselbe bedeuten. Solange die Gemeinsamkeiten in der Beziehung überwogen haben, konnte ich diese Verbindung erst in Ansätzen herstellen.
Doch jetzt, da das Fremde stärker geworden ist, wird mir die Identität von Lieben und Freilassen klar.
Noch nie zuvor hat die Liebe mit solcher Kraft mein Herz geöffnet, und meine Kreativität in allen Lebensbereichen geweckt.
In der gegenseitigen Offenheit und Freiheit wächst die Liebe. Der freie Mensch übernimmt Verantwortung aus eigenem Antrieb. Nach und nach merken beide, wohin die eigene Freiheit und die des anderen führt. Entweder läßt die Liebe das Vertrauen in die Beziehung wachsen, oder das Bedürfnis nach Auflösung setzt sich durch.
 
Doch auch dann muss die Liebe nicht zu Ende sein. Paare, die sich nicht von ihrem Weg abbringen lassen, auch nicht durch die Angst von vorübergehender Einsamkeit, bekommen Lust, zu experimentieren. So fremd wir beide uns jetzt sind, so neu, so viele Möglichkeiten tun sich auf, uns in vielerlei Hinsicht zu begegnen. Statt vor der Perspektive einer neuen Situation in die stets gleichen Zwangsrituale eine öden Partnerschaft zu flüchten, suchen wir neue Rahmen, in denen wir uns gemeinsam neu ins Bild setzen. Natürlich halten uns auch tausend liebgewonnene Gewohnheiten zusammen; wir können das Leben nicht jeden Tag neu aus dem Nichts erschaffen. Doch drängt es uns, auch diese zu sprengen, wenn das Herz durstig und der Geist träge werden.
Du bist das Bild einer geheimnisvollen Welt, die ich nur lieben kann, wenn ich sie in stets neuen Facetten wahrnehme und mich ihr furchtlos stelle.



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