Epilepsie bei
Kindern
Niemand hat
eine Antwort
von Daniela Bachal, in: Kleine Zeitung vom 7.10.2006, 48-49.
Wenn das so genannte Gewitter im Kopf das Leben ganzer Familien
durcheinander schüttelt. Vom alltäglichen Umgang mit der
Diagnose Epilepsie bei Kindern. Betroffene berichten über ihre
Erfahrungen.
Manche Tage vergisst man nicht. Sie verändern das Leben
schlagartig, plötzlich verschieben sich alle Wertigkeiten. Für
Margit und Christian Brunnthaler und ihren Sohn David war der
22. Dezember 1999 so ein Tag: Die drei machen Weihnachtseinkäufe
in der Stadt, bei C&A trennt sich die Familie, der Vater setzt
die Tour" mit seinem Sohn fort. "Plötzlich übergibt sich der
Junge, wir gehen zum Auto, dort erbricht er wieder, seine ganze
linke Seite zuckt wie wild, er ringt nach Luft und ist nicht
mehr ansprechbar", erzählt Christian Brunnthaler. "Ich bin in
voller Panik zum Kinderarzt gerast." Dieser kennt David durch
seine angeborene halbseitige Lähmung sehr gut und reagiert rasch
und richtig. "In Kombination mit Davids Krankheitsbild tritt
Epilepsie scheinbar häufig auf. Das Gehirn lädt sich dabei auf,
bis es sozusagen zur Explosion im Kopf kommt. Deshalb spricht
man bei Epilepsie auch von Gewitter im Kopf," sagt der Vater.
Ruhe vor dem Sturm
Ein Dreivierteljahr hat die Familie nach Davids erstem Anfall
;,Ruhe". Bis im Zypern-Urlaub der zweite Anfall kommt. Danach
schüttelt sich David alle zwei bis drei Wochen in Krämpfen. Es
folgen etliche Untersuchungen, ein Spitalsaufenthalt nach dem
anderen – Warten, dass David auf die Medikamente anspricht.
Davids Krämpfe dauern bis zu 50 Minuten. Niemand kann eine
sichere Prognose abgeben. Wird's besser, wird's schlimmer?
"Deine ganze Aufmerksamkeit konzentriert sich auf das Kind, auf
mögliche Anzeichen für einen neuen Anfall", erzählt die Mutter.
Die Rettungsfahrer wissen schon ganz genau, wohin sie müssen,
wenn sie in die Prof. Franz Spath Gasse gerufen werden. Margit
Brunnthaler gibt ihren Job als Tagesmutter auf – sie will ganz
für ihren Sohn David da sein.
Mit der Zeit lernt die Familie, Davids Anfälle auch ohne Arzt zu
managen. ",Reagieren Sie nach ihrem Gefühl, haben uns die
Experten geraten", sagt die Mutter. Das ruhige Einreden auf
David habe ihr und dem Kind geholfen. "Ich habe gemerkt, dass er
in diesen Momenten gerade meine innere und äußere Ruhe braucht."
Und die Hoffnung, dass sich das Problem mit der Pubertät
auswächst, bleibt.
David ist jetzt elf Jahre alt, seine Medikamentendosis ist auf
ein Minimum reduziert und er ist seit 2,5 Jahren anfallsfrei.
Judith Riessner und ihr Simon sind in einer anderen Situation.
"In der Anfangsphase", wie es die Mutter formuliert. "Es war
heuer am 15. Juni, wir hatten die Sachen schon gepackt, um ins
verlängerte Wochenende zu fahren, als Simon plötzlich reglos im
Sessel hing: Wir haben schon gedacht, dass er nicht mehr atmet.
Die Minuten, bis die Rettung kam, kann man nicht beschreiben",
sagt Riessner.
Wechselbad der Gefühle
Simon bekam ein krampflösendes Mittel verabreicht, im
Krankenhaus hat der Zweijährige drei Stunden lang "wie ein Stein
geschlafen". Dann war wieder alles gut. "Die Diagnose lautete
,einmaliger Krampfanfall', das hätten viele Kinder", sagt die
Mutter. "Nachdem alle Untersuchungen unauffällig waren, war die
Sache für uns abgehakt."
Bis dann fünf Wochen später der zweite Anfall kam, auf den am
selben Tag der dritte folgte. Die Messung der Hirnströme mittels
EEG deutete auf Epilepsie hin.
Auf die Medikamente spricht Simon bis heute nur mäßig an. "Alle
vier bis zehn Tage kommen diese Anfälle, bei denen er ein paar
Minuten zuckt, die Augen verdreht und nicht mehr ansprechbar
ist. Das Schlimmste sind aber seine kleinen ,Aussetzer', bei
denen er einfach zusammensackt – fünf bis zehn Mal am Tag. Du
weißt nie, wann es passiert und wo er gerade hinfällt", erzählt
Riessner.
"Wo auch immer ich einen Raum betrete, sehe ich zuerst die
vielen Verletzungsmöglichkeiten. Das ist eine ständige
Gratwanderung. Wie kann ich ihn vor Gefahren beschützen und ihn
dabei so wenig wie möglich einschränken?" Und das bei einem sehr
lebhaften Kind, das bisher in seiner Entwicklung den anderen
eher voraus gewesen sei. "Jetzt sagt die Ärztin, dass es zu
Entwicklungsverzögerungen kommen könnte, wenn wir das nicht bald
in den Griff bekommen," sagt Riessner. "Verschwinden die Anfälle
mit der richtigen Medizin, hören sie nie auf, wird es noch
schlimmer? Ich bekomme keine Antworten."
Unwillkürlich frage man sich, welchen Beruf sein Kind je ausüben
können werde. "Und kann er je ein Auto fahren?" Das Leben müsse
aber weitergehen. "Ich weigere mich, mir ständig Sorgen zu
machen. In ein paar Monaten kann alles anders sein," sagt
Riessner. "Außerdem hatten auch Napoleon, Dostojewski und Nobel
Epilepsie. Vielleicht braucht Simon ja gar keinen Führerschein,
weil er einen Chauffeur hat."