Die letzte Minute

(oder warum die Uhr rund ist)


10 Die Zeit ist eine lange Schnur, aus der Unendlichkeit hervor,
20in die Unendlichkeit hinein, und unser Leben knüpft sich dran.
30Doch diese Vorstellung ist schwer, sie bringt den Irrtum oft hervor,
40den Glauben, daß das besser sei, was vorher war, als das was neu.
50Die folgende Geschichte bringt, wie eine Stunde schwer beginnt
60und endlich zur Erkenntnis kommt, daß Menschlichkeit am Schluß gewinnt.


10

Die Stunde spricht "Wir fangen an!"
und fängt sich die Minuten ein.
"Minuten, seid ihr alle da?
Die Zeit beginnt!" - Sie rufen "Ja!"

"Nun gut, dann stellt euch richtig auf,
in einer Reihe, nicht zuhauf."
Und die Minuten stellen sich
in eine Reihe ordentlich.

Die Stunde spricht "Seid ihr bereit?"
Doch leider ist's noch nicht soweit,
die letzte der Minuten fehlt,
sie hat sich noch nicht aufgestellt.

"Was ist denn los, die Zeit fängt an,
nun reih' dich in die Stunde ein!"
Doch die Minute wendet ein:
"Ich möchte nicht die letzte sein!"

20

Die Stunde sagt "Es dauert nur
ein kurzes Stündlein auf der Uhr,
dann wird die erste letzte sein,
und bald wirst du ganz vorne steh'n."

Doch die Minute sieht's nicht ein
und stellt sich vor die erste hin.
Die schubst die letzte von sich weg,
und die schubst klarerweis zurück.

Der Stunde wird das jetzt zuviel.
Sie sagt "Die Zeit ist doch kein Spiel!
Es geht hier nicht um's Erster sein,
die Zeit des Lebens fängt jetzt an!"

Doch die Minute meckert "Nein!
Ich will das erste Leben sein!"
Da ruft die dritte "Ich will auch!"
und stößt die zweite in den Bauch.

30

Und alle laufen durcheinander,
vor, zurück, so wie die Kinder,
streiten sich um's erster sein.
Die Stunde sieht die Zeit vergeh'n.

Da schlägt die Stunde auf den Gong
und ruft sie alle auf den Plan,
die Tage, Wochen, Monate,
die Jahre und Jahrhunderte.

Und die Minuten stehn gebannt:
der Tag mit seiner Nacht erscheint,
die Woche trifft ganz hurtig ein
es folgt das Monat nicht allein,

die Jahreszeiten reih'n sich auf,
mit bunten Hüten auf dem Kopf,
und hinter ihnen steht das Jahr,
mit langem Bart und weißem Haar.

40

Die Stunde schimpft "Was glaubt ihr denn:
es geht hier nur um euch allein?
Soll der Dezember erster sein,
und Jänner soll's im Sommer sein?"

Ganz still ist die Minutenschar,
keine Sekunde tickert mehr,
und langsam reihen sie sich auf,
ergeben sich der Zeiten Lauf.

Da spricht das Jahr mit tiefem Baß
"Ich glaub, ich denk, ich weiß etwas.
Von euch will keine letzte sein,
das ist OK, das seh ich ein.

Ab jetzt stellt ihr euch anders hin,
dann gibt es keine Rangelei'n,
und jede wird die erste sein,
von ihrem Standpunkt aus geseh'n."

50

Es murmeln Herbst und Winter schon
"Was fällt dem Alten wieder ein?",
der Sommer aber kann's versteh'n,
wer Karten spielt, der weiß davon.

Das Jahr tritt vor und winkt heran
die letzte der Minuten nun,
dann holt die erste es zu sich
und fragt die zwei "Vertragt ihr euch?"

Betreten nicken beide stumm.
"Dann dreht euch jetzt zur Stunde um.
Seite an Seite sollt ihr steh'n
und keine soll die letzte sein.

Und all ihr ander'n, kommt herbei,
und macht es auch so wie die zwei.
Doch nicht wie sonst GERADEAUS,
denn eure Form sei nun der KREIS !"

60

Und die Minuten stehen rund
und schau'n herum mit off'nem Mund.
Im Kreis gibt's keine letzte mehr,
da müssen alle lachen sehr.

So fröhlich fängt die Stunde an,
daß die Minuten schnell vergeh'n.
Und kaum sind sie einmal herum,
fängt wieder das Gelächter an.

Und seither sind die Uhren rund
in Haus und Hof und Stadt und Land,
Minuten wandern rundherum
und machen's überall bekannt.

An jedem Tag, in jeder Nacht,
im Kreis hat jeder gleiches Recht.
Und niemand müsste Letzter sein,
würde man das einmal versteh'n.



10 Noch sind die meisten Uhren rund, das Ziffernblatt jedoch verschwand.
20Der Raum der Zeit im Ziffernkreis, der ging verloren, wie man weiss.
30Heut sieht man Zahlen auf der Uhr, sie geh'n genau wie nie zuvor.
40Wir seh'n nur mehr was wichtig ist: jene Minute, die g'rad ist.
50Wie's all den andern derweil geht? Wen int'ressiert denn das noch heut?
60Sie sind im Urlaub, steh'n herum, so wie wir alle irgendwann ...

Fritz Ritzberger
2007-10-28