Die Kastanienhörnchen


1

Kastanienbäume, hoch und alt, die stehen da im lichten Wald.
Wer von da oben runterfällt, der wird oft nicht besonders alt.
Und trotzdem herrscht ein Treiben dort wie kaum an einem ander'n Ort,
ein Zirkus von besond'rer Art, mit Hüpfen, Flattern, Klettersport.

Die Vögel nisten da im Laub, sie fürchten sich vor Eier-Raub,
das Eichhörnchen, ein schneller Dieb, macht sich gern damit aus dem Staub.
Doch meistens sammelt Nüsse es, dran nagt es ohne Unterlass,
und oft vergräbt auch diese es, als Vorrat, unter grünem Gras.

Kastanienbäume edler Art, die machen es dem Sammler hart,
denn ihre Früchte sind es wert, jedoch mit Stacheln scharf bewehrt.
Im Herbst löst sich die Frucht vom Ast und fällt hinab mit seiner Last,
Die Schale trocknet ohne Hast, darin ist die Kastanien-Kost.

Der Aiger war ein altes Tier, ein Eichhörnchen, das lebte hier,
er liebte die Kastanien sehr, vergrub sie eifrig rund umher.
Doch wenn die Kinder kamen an und fragten nach Kastanien,
suchte vergeblich er sie dann, vergesslich war der alte Mann.

Die Aiger-Mutter schimpfte dann, ihr würde das niemals gescheh'n,
die herrlichen Kastanien, die wird man niemals wiederseh'n.
Doch gottseidank gab's noch genug von dem, was man zusammentrug,
Kastanienreis mit süßem Schlag, so etwas gibt's nicht jeden Tag.

2

Die Nachbarn waren unmöglich, die hatten nie genug im Bauch,
sie wollten alles nur für sich und stahlen oft Kastanien auch.
Und dann kam's wie ein böser Traum, sie saßen oben auf dem Baum,
und riefen "Dieser ganze Raum ist ab nun unser Eigentum!"

"Zu oft ist es ja schon gescheh'n, daß man vergrub Kastanien,
und sie dann nicht mehr finden kann, dem muss endlich ein Ende sein!
Wir schützen diese Schätze nun vor solchem leichtsinnigen Tun,
Verschwendung woll'n wir nicht mehr seh'n, zu wichtig sind Kastanien!"

"Drum: alles was hier runterfällt, jede Kastanie dieser Welt,
gehört nun uns, und niemand hält sich hier mehr auf, auf diesem Feld!
Auf Eichen, Buchen könnt ihr ruh'n, und euch daran auch gütlich tun,
ihr seid Eichhörnchen weiterhin, wir sind Kastanienhörnchen nun!"


Der Aiger glaubt er hört nicht recht, und ruft sogleich "Auf ins Gefecht!",
die Hörnchen schlagen sich nicht schlecht gegen der Nachbarn Übermacht.
Den Stamm hinauf und schräg hinaus, den Schwanz erwischt, oh Schreck oh Graus,
zu Boden fällt die Blätterlaus, und schimpft die wilden Jäger aus.

Ein Hüpfen, Springen, Stamm hinab, ins Bein gekniffen, Ast bricht ab,
Die Pfiffe gellen, fängt sich ab, schnell in ein Astloch, rutsch hinab,
da auf den Wipfel schnell hinauf, das Ohr gebissen, denk nicht, rauf,
und dann zum vollen Angriff, lauf, und spring ihm auf den Rücken drauf.

Und alle war'n erschöpft zum Schuß, es ging wohl unentschieden aus,
doch war's den Aigern schon ein Graus, daß man um sowas raufen muß.
Sie warfen noch ein wenig Dreck, dann zogen sie sich klug zurück,
spazierten durch den Wald ein Stück und fanden sich ein ruhiges Eck.

3

Doch dieser Streit sprach sich herum, denn Eichörnchen, die sind nicht stumm.
Und wer nicht geizt, der gilt als dumm, bei allen Eichörnchen rundum.
Die Nüsse auf dem Haselstrauch den Aigers in die Augen stach,
sie knackten sie mit viel Gemach und füllten damit ihren Bauch.

"Ihr Diebe, packt euch weg von hier, die Haselhörnchen, das sind wir!
Weg von den Nüssen, ist das klar? Sucht euch ein anderes Revier!"

So tönte es vom Haselstrauch, die Rauferei folgte sogleich.
"Die Haselnuß gehört uns auch, der Wald ist unser aller Reich!"

Sie stürzten aufeinander los, die Wut der Aigers war schon gross,
sie teilten viel Bisse aus, verzogen sich jedoch am Schluss.
"So eine Schande hier im Wald, alles gehört schon jemand bald!
Die große Frechheit dieser Welt hat sich wohl gegen uns gestellt!"


Sie zogen in die Berge nun, um auf den Fichten auszuruh'n.
Die Sonne auf die Hänge schien, dort war es warm und wunderschön,
und Zapfen gab es hier zuhauf, auf jeder Fichte war'n sie drauf.
Nach all dem hässlichen Geraufe atmeten sie wieder auf.

4

Doch immer wieder zog es sie hinunter zur Kastanie,
dort raubten sie die Früchte die der faule Clan dort übersah.
Beim Haselstrauch machten sie's gleich, und schnappten alles andre auch,
so waren sie genauso reich und hatten immer was im Bauch.

Das Laufen tat den Aigers gut, sie wurden davon richtig fit,
und was im Tal sich unten tat, das kriegten sie auch alles mit.
Die Haselhörnchen hatten sich organisiert in ihrem Reich,
die andern taten's ihnen gleich, verteilten Pflichten unter sich:

die Sammler häuften Nüsse auf, die Wächter sassen oben drauf,
und passten ganz genau drauf auf, dass niemand etwas stahl vom Hauf'.
Und jeder Sammler kriegte dann von Zeit zu Zeit eine Portion,
so nannten das die Wächter nun: die Brutto-Nuss-Sozial-Ration.

Die Wächter wurden dick und fett, weil Langeweile hungrig macht,
die Sammler waren immer matt, weil hungrig wird, wer Nüsse sucht.
Der Aiger schüttelte das Haupt und sagte: "Die sind wohl verrückt,
der Haufen da, der wird geraubt, den haben sie für uns gepflückt!"


5

Am Morgen, als die Sonne schien, schlichen die Aigers sich heran,
und als die Sammler fort waren, schliefen die Wächter wieder ein.
Der Haufen wurde abgebaut und in Verstecken gut verstaut,
dann rief der alte Aiger laut: "Wer hat denn meine Nuss geklaut?"

Die Wächter schrien wild umher, war doch der Platz hier völlig leer.
Die Aigers wälzten sich dafür vor Lachen auf dem Bauch umher.
Doch plötzlich wurde es ganz still, die Sammler sammelten sich schnell,
und blickten stumm auf diesen Fall, der ihnen gar nicht gut gefiel.

"Die Pflicht der Wächter ist die Wacht, so haben wir bis jetzt gedacht.
Was habt ihr denn heut' so gemacht, das war wohl eine lange Nacht?"

Die Wächter wurden kreidebleich und gaben Fersengeld sogleich.
Die Flüche flogen ihnen nach, im Wald verschwanden sie mit Krach.

"Wo sind denn uns're Wächter hin? Wer gibt uns jetzt uns're Ration?"
Wer kann schon Kinder weinen seh'n? Wer rettet diese Situation?
Der Aiger rief: "Ach was, mein Kind, ich weiß, wo viele Nüsse sind!
Komm her zu mir, gib mir die Hand, wo waren sie denn nur geschwind ..."

6

Die Aiger-Mutter griff nun ein, und rettete die Situation.
"Was Wächter sind, habt ihr geseh'n. Wo, glaubt ihr, führt das alles hin?
Wenn Haselnüsse einmal rar, dann hungern Haselhörnchen sehr!
Und so geht's allen ander'n hier, ihr macht euch nur das Leben schwer."

"Die Brutto-Nuss-Sozial-Ration, die solltet ihr vergessen nun.
Ein Haufen Nüsse macht nur Sinn, wenn man ihn auch verspeisen kann,
doch eurer faulte vor sich hin, seht euch doch an, ihr seid ganz dünn!
Kein Wächter kann dem widersteh'n, viel fressen und sonst nichts zu tun."


Die Haselhörnchen nickten stumm. "Da hat sie recht, das ist nicht dumm.
Verteilen muss man den Reichtum, und ernten auch den Walnuss-Baum.
Drum lösen wir das Hasel-Reich nun auf und machen's wieder gleich
wie früher, als wir auch die Eichen noch besuchten dort am Bach."


Die Nüsse flogen durch die Luft, sofern nicht schimmlig von der Gruft,
die Aigers machten draus mit Lust ein riesengroßes Haufen-Fest.
"Nie wieder Haufen!" sangen sie, "Nicht nur die Hasel schmeckt mir sehr!",
bis spät am Abend tanzten sie und feierten ihre Rückkehr.

7

Doch so leicht war das alles nicht, wie sie sich das jetzt schon gedacht.
Denn als die Runde machte die Geschichte haben viele nur gelacht.
"Uns're Kastanien kriegt ihr nicht, die sind besonders gut bewacht,
die Wächter kennen ihre Pflicht und wachen hier sogar bei Nacht!"


Und der Kastanienhörnchen Schar war aus der Luft verstärkt sogar,
die Krähen waren für ein paar Kastanien ganz leicht einkaufbar.
Sie krächzten laut von ihrem Baum, selbst wenn man harmlos sich benahm,
und hackten auch gleich ohne Scham auf jeden ein, der näherkam.

Hier war besond're List gefragt, die Aigers waren schon verzagt.
Die Frechheit hat man sehr beklagt, den Angriff aber nicht gewagt.
Der Herbst ging schon zu Ende nun, es gab nicht mehr so viel zu tun,
die Vorräte noch zu verstau'n, ein warmes Lager sich zu bau'n.

Dann kam der Winter über Nacht, und hat mit weißer Flockenpracht
auch Ruhe über's Land gebracht, mit sanfter, aber kühler Macht.
Die Eichhörnchen, die sahen zu, wie alles fiel in Winterruh',
es schneite alle Wege zu, und alles war ganz weiß im Nu.

8

Die Krähen waren nicht mehr da, die machten Urlaub irgendwo,
und auch der Haufen der Kastanien lag tief da unter'm Schnee.
Drum dachte niemand mehr daran, man sah nur manchmal jemanden
im Schnee da wo herumgraben, dann fiel es ihnen wieder ein.

Dem Aiger liess das keine Ruh', beim Frühstück sah er ihnen zu,
und lief hernach dorthin genau, ängstlich beäugt von seiner Frau.
Doch fand er leider nie etwas wo das Kastanienhörnchen saß,
die machten sich d'raus einen Spaß und lachten ihn dann immer aus.

Egal, was soll's, es gab genug von andren Nüssen, die man trug
zusammen für die kalten Tage, wenn man sitzt im Holzverschlag.
Die Zeit verging zumeist im Schlaf, doch irgendwann wachten sie auf,
es tropfte auf die Ohren drauf, der Frühling taute alles auf.

Sie streckten sich und gähnten breit, zum Frühlingsfrühstück war es Zeit,
die Knospen waren schon soweit und wurden gleich begutachtet.
Und neugierig verfolgte man, was die Kastanienhörnchen tun,
ob sie genug gehabt haben an ihrem Haufen Kastanien?

Die krochen mager aus dem Holz, verflogen war der Wächter Stolz,
denn allzu schnell wohl ihnen schmolz der Reichtum des Kastanien-Golds.
Kastanien sah man keine mehr, und überhaupt war alles leer,
die Vielfalt war's, die ihnen sehr gefehlt hatte in diesem Jahr.

9

Der Frühling machte reinen Tisch und bald schon blühte das Gebüsch,
und alle waren wieder frisch und wärmten sich genießerisch.
Und keiner kämpfte um's Revier, Kastanienhörnchen gab's nicht mehr,
verflogen waren Neid und Gier, sie waren ganz normal wieder.

Und so hat einfach nur die Zeit sie von ihrem Problem befreit,
und die Natur hat sie belehrt, dass man gemeinsam besser fährt.
Die Aigers sind herumspaziert und haben alles inspiziert,
und sahen plötzlich ganz erfreut ein neues Bäumchen im Geviert.

Genau an jenem Ort es stand, wo man Kastanien nicht mehr fand,
die man vergraben auf dem Land als Vorrat für den Hungerstand.
Daran und an der Blätter Form erkannte man den kleinen Stamm:
"Das hier ist ein Kastanienbaum, und seine Früchte sind ein Traum!"

Der Aiger ist herumgetanzt und rief "Den habe ich gepflanzt!
Meine Vergesslichkeit nun glänzt, und ihr habt alle nur gemaunzt!"

Und alle freuten sich mit ihm und pflegten gleich den kleinen Baum,
sie tollten ausgelassen 'rum und schlugen manchen Purzelbaum.

10

Kastanienbäume, hoch und alt, die stehen da im lichten Wald.
Der kleine Baum ihnen gefällt, und gross wird er schon sein sehr bald.
Den Zirkus von besond'rer Art, mit Hüpfen, Flattern, Klettersport,
der bleibt dem Kleinen noch erspart, doch der setzt sich wohl ewig fort.

Natürlich gab's im Herbst den Krieg, neuer Kastanienhörnchen' Sieg,
die Alten aber winkten träg, davon hatten sie schon genug.
Der Winter brachte immer wieder Frieden über dieses Lied,
der Hunger war nicht zu vermeiden, war wohl auch ein altes Leid.

Der Aiger lebte hier noch lang, und in die Berge oft er ging,
da wo das Leben ruhiger klang und man sich Fichtenzapfen fing.
Und wenn ein Enkel manchmal kam und fragte nach Kastanien-Traum,
dann zeigte er ihm seinen Baum, und manchen ander'n kleinen Stamm.

Von ihm hab ich dieses Gedicht gehört einmal im Morgenlicht,
ob's wahr ist und ganz wirklich echt, das weiß ich leider wirklich nicht.
Die Wahrheit und die Wirklichkeit, die ändern sich oft mit der Zeit,
und was uns wichtig scheint noch heut' ist morgen oft schon weg ganz weit.


Fritz Ritzberger
Februar 2008