Der Riesenfisch


"Und ... und ... und ... und was geschah dann?" blubberte der kleine Fisch. "Das weiß ich nicht", sagte der Elternfisch, "denn hier endet die Geschichte". "Aber ... aber ... aber ... aber ist der Riesenfisch wiedergekommen, oder wird er irgendwann wiederkommen?" "Er ist seither nicht mehr gekommen, und ob er wiederkommen wird, weiß niemand. Aber ich habe gehört, dass man es verhindern kann, wenn man diese Geschichte weitererzählt." "Bitte erzähl mir die Geschichte doch nochmal, ich möchte sie auch erzählen können", blubberte der kleine Fisch. "Das brauch ich nicht, denn deine Gedanken werden sie dir nocheinmal erzählen, wenn du nun die Augen schließt und einschläfst", sagte der Elternfisch, dem schon fast die Augen zufielen.

Und tatsächlich, sobald der kleine Fisch die Augen schloss, begann die Geschichte nocheinmal von vorne. Diesmal kam es ihm vor, als ob er über dem Wasser schweben würde, und alles war wunderschön, da fiel er wieder hinunter und tauchte ein in das Meer, und er war selbst in der Geschichte gelandet.



1

Viele, viele Fische schwimmen durch das Meer,
sie tauchen auf, sie tauchen ab, sie schwimmen hin und her.
Am Morgen gibt es Sonne, am Abend gibt es Mond,
und wenn die Wolken kommen, dann bleiben sie am Grund.

Es gibt die kleinen Fische, ganz silbern und pfeilschnell,
es gibt die nicht so kleinen, die glitzern auch ganz hell.
Es gibt die Mittelfische, die kommen oft nicht nach,
dann gibts noch große Fische ... und viele andre auch.

Sie schwimmen durcheinander, doch keiner findets dumm,
denn jeder kennt die Wege, sie sind nicht blind, nur stumm.
Sie schwimmen auch zusammen, denn Übermut reisst mit,
so wie ein Geisterwesen, das durch das Wasser zieht.

Und wenn die Bösen kommen, die mit dem großen Maul,
dann ist es plötzlich einsam, und ganz mucksfischchen still.
Kein Flossenschlag verrät sie im sicheren Versteck,
denn wenn man nicht mehr aufpasst, dann ist man sehr schnell weg.

2

So lebt ein kleiner Fisch hier, den man den Flossi nennt,
gleich unten an der Sandbank, wo man die Räuber kennt.
Mit seinen Kameraden erforscht er dort den Sand,
bis abends wenn die Eltern zu Hause wieder sind.

Und als sie eines Tages hinaufgeschwommen sind,
zur Wasseroberfläche, wo drüberweht der Wind,
da sahen sie ganz unten, dort wo die Tiefe gähnt,
ein riesengroßes Wesen, ganz schattenhaft am Grund.

Sie schnellten sich nach Hause, ins sichere Versteck,
man weiß wenn man nicht aufpasst, dann landet man im Sack.
Das Wesen zog vorüber mit schwerem Flossenschlag,
und fraß im Vorwärtsgleiten gleich alles vor sich weg.

3

Das hat's noch nie gegeben, es atmet alles ein,
man meint nicht recht zu sehen, es wächst und wächst heran.
Die Fische übersehn es, das Monster wirkt so faul,
es schwimmen ganze Schwärme direkt in dieses Maul.

Es dauert keine Woche, dann ist die Sandbank stumm,
kein Oktopus ist übrig, kein Krebs krebst mehr herum.
Nur Flossi und die Freunde, die äugen noch umher,
das Wesen wird gigantisch und frisst das Wasser leer.

Die schnellen Fische fliehen, doch kommen sie nicht weit,
der Schatten holt sie alle, und wächst und wird ganz breit.
Man kann schon nichts mehr sehen vor lauter Monsterfisch,
auch Flossis Kameraden sind nicht dem Maul entwischt.

4

Und schon kommt es geschwommen, es sieht noch einen stehn.
Es sagt "Komm Flossi, glaub mir, es wird dir nichts geschehn.
Es sind schon alle drinnen, du willst doch nicht allein
in diesem großen Meer hier das letzte Fischchen sein?"

Der Flossi schluckt ganz heftig, er fühlt sich ziemlich klein,
doch immer noch zu länglich für sein Versteck im Stein.
Er sagt "Meinst du das wirklich, dass alle drinnen sind?
Ich denk die gibts gar nicht mehr, das sieht doch jedes Kind!"

Das Monster spricht: "Wie kannst du das wissen, wenn du nicht
ins Maul schwimmst und mal nachsiehst, vielleicht hast du nicht recht!
Ich würde selbst gern wissen, wo all die Fische sind,
kannst du nicht mal kurz schauen, ich fresse doch kein Kind!"

Der Flossi kanns nicht glauben, der Riese grinst gemein,
dann öffnet er die Klappe, und atmet heftig ein.
Den Flossi schwemmts ins Dunkle, er kämpft dagegen an,
er kriegt etwas zu fassen und hält sich fest daran.

5

Der Riesenfisch hat alles gefressen, was im Meer
um ihn herum an Fischen und andern Tieren war.
Er war der beste Fresser von allem Schwimmgetier,
so gut dass außer ihm selbst kein Fisch mehr übrig hier.

Und würde er jetzt fortziehn, gäbs keine Fische mehr,
und würde er nun trinken, dann wär das Meer bald leer.
Doch hat er nicht gerechnet, dass es im Hals ihn beisst,
er muß mal etwas hüsteln, das juckt, da steckt was fest.

Der letzte Bissen ist es, der ihm im Halse steckt,
er muß gewaltig husten, das wirbelt auf den Dreck.
Das Husten will nicht enden, es wird schon zum Gebell,
da platzt das ganze Monster mit einem Riesenknall !!!

6

Und jede Menge Fetzen schwimmen da umher,
doch nein, es sind die Fische, die Fische aus dem Meer!
Und mittendrin schwimmt Flossi, weiß nicht wie ihm geschieht,
grad war noch alles dunkel, jetzt scheint ein helles Licht.

Er findet seine Freunde, verschreckt doch unverletzt,
und auch die Elternfische bewegen sich gesetzt.
Sie tun als ob nichts wäre, ein Fisch vergisst sehr schnell,
doch Flossi weiß es besser, da war ein großer Knall!

Auf alle Fälle waren sie alle froh vereint,
sogar die Quallen winkten, der Plattfisch hat geweint.
Sie tanzten ein Ballett wie man es noch nie gesehn,
am Ende der Geschichte - wird man den Sinn verstehn.



Fritz Ritzberger
2004-11-25