Die Wegeriche


1


Bert, das ist ein Wegerich,
man nennt ihn den Breitwegerich.
Er steht am Weg gleich neben Fritz,
und denkt sich: ich wär auch gern spitz.

Fritz ist auch ein Wegerich,
doch er ist ein Spitzwegerich.
Verlegen steht er auf dem Weg
und denkt: wie komme ich hier weg?

Bert mit seinem langen Zopf,
Fritz mit seinem kurzen Kopf,
beide haben ein Problem:
Ein Wegerich, der kann nicht gehn!

Denn auf dem Weg, da kommt gar viel,
was einem Wegerich zuviel.
Da trampeln Kühe, Ziegen, Schaf,
und manche fressen einen auf.

Da möcht man schon ganz gern mal weg,
mal kurz auf Urlaub ein paar Tag,
doch leider kann ein Wegerich
vom Weg nicht weg, auch wenn er reich.

Und reich sind beide, grün und frisch,
die Sonne scheint und brennt sie resch,
der Regen macht die Wurzeln prall,
und beide fühlen sich hier wohl.

Wenn nur der Weg ein Weg nicht wär,
dann wär es hier ganz wunderbar.
So stehn sie da und denken viel,
die Köpfe wiegen auf dem Stiel.


2



Bert sagt: "He, was kommt denn da?"
Der Fritz wird spitz und fragt ihn: "Wo?"
Am Weg, da kommt ein Jägersmann
mit Hund und Flinte schnell heran.

Bert ruft gleich: "Hier ist kein Klo!"
das war nun wirklich nicht sehr schlau,
doch Gottseidank, sie gehn dahin,
kein Denkmal bleibt von ihnen stehn.

Fritz sagt: "He, was kommt denn dort?"
Der Bert wird breit und droht mit Mord.
Am Weg, da kommt ein Wandersmann
mit Ruck- und Kräutersack heran.

"Jetzt landen wir im Hustensaft,
den er doch nicht zu machen schafft!"
Sie geben sich noch schnell das Blatt
und machen sich dann möglichst platt.

Doch Gottseidank, er geht vorbei,
sucht wohl nach Pilzen, einerlei.
Erleichtert richten sie sich auf,
Was solls, das hört ja doch nicht auf.

Und so vergeht hier jeder Tag,
und immer ist etwas am Weg,
und niemals noch ist was passiert -
doch Sicherheit ist nie gewährt.

Wenn nur der Weg ein Weg nicht wär,
dann wär es hier ganz wunderbar.
So stehn sie da und denken viel,
die Köpfe wiegen auf dem Stiel.


3



Der Sommer neigt sich, es wird kühl,
und Winde wehen durch das Tal.
Da fliegt ein Plastiksack daher,
vom Supermarkt direkt hierher.

Er legt sich über Bert und Fritz,
und tut als wärs ein guter Sitz.
Die beiden protestieren sehr,
zum Glück ist er nicht gar so schwer.

Der Plastiksack sagt "Guten Tag!
Ihr habt es gut, ich hab nur Plag',
ihr müsst nichts schleppen, hin und her,
bleibt immer auf dem Wege hier.

Ich bleib wahrscheinlich nicht sehr lang,
möcht weiterfliegen, dort zum Hang.
Vielleicht trägt mich der Wind hinauf,
dann seh ich übers ganze Dorf."

"Na flieg schon", sprechen Bert und Fritz,
"denn hier ist für dich gar kein Platz.
Du bist zwar nicht besonders schwer,
trotzdem bedrückst du uns zu sehr."

Der Sack versucht sich aufzublähn,
aber der Wind will nicht in ihn.
Entmutigt sackt er wieder ein,
da fängt es gar zu regnen an.

"He Sack, das ist ja gar nicht schlecht,
hier drunter bleibt es warm heut Nacht!
Ruh dich nur aus von deinem Flug,
für uns ist's heute schon genug."


4



Der Sack erwacht im Morgenwind,
und fragt sich wie er hierher kommt.
Ein Strecken, Gähnen unter sich,
der Wegerich wird auch schon wach.

"He Sack, lass uns doch mal aufstehn,
wir wolln die Morgensonne sehn.
Hab dank für diese trockne Nacht,
am Tag wird frische Luft gebraucht!"

Der Sack will hoch, er knistert nur.
"Ihr müsst mich heben, eine Spur."
Die Wegeriche ächzen sehr,
der Sack bleibt liegen, ist zu schwer.

Da fährt der Wind endlich hinein,
der Sack ruft "Hui!" und fliegt davon.
Es weht ihn auf den Hang hinauf,
dort sieht er übers ganze Dorf.

Erleichtert streckt der Wegerich
die Köpfe aus und schaut ihm nach.
Dann sehen sie sich seufzend an:
"Nun fang nicht wieder damit an!"

Nur einmal weg hier von dem Weg,
ein bisschen weiter, auf den Berg,
hoch in die Luft, so wie der Sack,
ein wenig Weite-Welt-Geschmack.

Wenn nur der Weg ein Weg nicht wär,
dann wär es hier ganz wunderbar.
Die Wegeriche denken viel,
die Köpfe wiegen auf dem Stiel.


5



Das Jahr vergeht und es wird kalt,
und Bert und Fritz, die werden alt.
Am Morgen haben Bärte sie,
aus Rauhreif und ein wenig Schnee.

Sie plaudern nicht mehr so salopp,
die Köpfe neigen sich herab.
Sie wollen nicht einmal mehr sehn,
welch Wesen auf dem Wege gehn.

Ganz müde träumen sie dahin,
die Erde zieht sie wieder ein.
Nach diesem langen schönen Jahr,
da sind die Träume wunderbar.

Zwischen den Blättern liegt der Kopf,
Breitwegerich mit langem Zopf,
Spitzwegerich mit spitzem Blatt
und kurzem Kopf ist auch schon matt.

Die Träume werden hell und klar,
im neuen Jahr wird alles wahr,
da werden sie woanders stehn,
und sicher auch mal wandern gehn.

Im Schlaf fliegen sie durch die Luft,
mit wegerichscher Düsenkraft,
vergessen ist der Platz am Weg,
von Schnee bedeckt der Wiesensteig.

Im nächsten Jahr wird Fritz und Bert
wieder erwachen wenn es taut,
dann werden sie umgeben sein
von vielen neuen Wegerlein.



Fritz Ritzberger
2006-09-22