Der Widderling
1
Es war einmal ein Widderkind,
das stieg auf einen Stein geschwind,
die andern waren so gemein,
drum wollte es alleine sein.
Sie nannten es den Widerling,
verspotteten es stundenlang,
doch jetzt sah es auf sie herab
und spottete zurück bergab.
Die Mama rief, "Komm, Widerling,
vom Stein herab, du dummes Ding!"
Der Papa sah nur kurz hinauf
und kratzte sich am Hinterlauf.
Klein-Widderling blieb oben stehn
und richtete sich häuslich ein.
Und schlich ein Widder sich heran,
dann kriegte er ein Horn zu sehn.
Ein wenig eng wars auf dem Stein,
man konnte nicht spazierengehn.
Klein-Widderling blieb trotzdem stehn,
denn ihm gefiel die Position.
Am Abend kam der Mondenschein,
man richtete zum Schlaf sich ein.
In Mulden liegen Widder gern,
da bleibt der Wind ein wenig fern.
Klein-Widderling blieb auf dem Stein
und rollte sich behende ein,
er sagte niemand Gute Nacht,
gemeine Widder grüsst man nicht.
Am Ende war es wieder gut,
beruhigte sich die Widderwut,
und müde sank der Kopf zur Ruh,
die Augen fielen einfach zu.
2
Der Nordstern leuchtete so hell,
von irgendwo kam ein Geheul,
da stieg vom Sternenfirmament -
Der Grosse Widder - ganz behend.
Der Grosse Widder war ganz schwarz,
die Hufe warn aus Eisenerz,
er hatte Flügel, und sein Herz
war stärker als der Weltenschmerz!
Klein-Widderling blickte empor
mit Staunen, und es kam ihm vor
als säh das grosse Tier ihn an -
da war's mit einem Schritt heran.
Er stiess ihn sanft und ohne Zorn
mit seinem mächtigen Gehörn,
bedeutete ihm wegzugehn
von diesem ausgesetzten Stein.
Klein-Widderling wurde ganz leicht
und schwebte in die Sternennacht.
Er wusste nicht wie ihm geschah,
der Schrei der Krähe war ganz nah.
Er flog hinauf zum Himmel hin,
der Grosse Widder führte ihn
durch Wolkentürme, dicht bewohnt
von Wesen die man hier nicht kennt,
durch Täler, die zur Schlucht verengt,
mit Spinnennetzen dicht verhängt,
zu Gipfeln führen, ausgehöhlt,
von Nebelschwaden ganz verhüllt,
aus denen Drachenfeuer quillt,
von Gletscherwasser abgekühlt,
hinab ins Felsenlabyrinth,
dem nur wer fliegen kann entrinnt.
Durch Berg und Tal im freien Fall,
hinein ins Meer mit einem Knall,
quer durch die Erde, Überschall,
und dann hinaus ins Weltenall.
Hinauf zum Mond, der Sichel lang,
mit Sternschnuppen zum Nordpol dann,
im Weltall schwebt sich's wunderbar,
man sieht zum Jupiter sogar.
Zurück am Meer, wo's nichts mehr gibt,
wo nur der Wind die Wellen treibt,
verlor sich dann der Reise Ziel,
und nur der Nordstern war noch hell.
Der Grosse Widder wurde blass,
und landete im hohen Gras,
wo er sich aufzulösen schien,
ein wenig Dampf war noch zu sehn.
3
Klein-Widderling kam ein Gefühl
als wär das Leben weich und hell,
er schlug die Widderaugen auf
und fand sich auf der Mama drauf.
Und über ihm, da war sein Stein,
dort sollte er eigentlich sein!
Der Grosse Widder fiel ihm ein,
doch der war nirgendwo zu sehn.
Am Himmel ging die Sonne auf,
und auch die Mama wachte auf.
Sie fragte, "Wo kommst du denn her?"
Die Antwort darauf fiel ihm schwer.
Der Papa richtete sich auf
und kratzte sich am Hinterlauf.
"Na, gut geschlafen auf dem Stein?"
Er lächelte ihn wissend an.
Die kleinen Widder glaubten nicht
was er erzählte von der Nacht.
"Am Himmel wohnt kein Widder, nein,
du bist gefallen von dem Stein!"
Und alles fing von vorne an,
denn Widderlinge sind gemein.
Doch als der Tag vorüber war,
blieb er heut lieber bei Mama.
Wer weiss, ob der auch wiederkehrt,
der auf so lange Reisen geht?
Er ist zwar nicht so hoch, der Stein,
doch könnte auch mal was geschehn.
Bevor er einschlief sah er noch
zum Grossen schwarzen Widder hoch,
doch sah er dort nur leeren Raum.
Vielleicht schläft er heut auch daheim?
Fritz Ritzberger
12.11.2006