Bellman – der Beginn moderner Dichtung in Schweden

Wie ich zu Bellman kam

Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, begann ich, die Bibliothek meines Vaters auf der Suche nach Literatur zu durchstöbern, die von dem, was im Gymnasium zum Kanon zählte und dort gelehrt wurde, abwich. Auf dieser Suche nach lohnender Lektüre also, mit deren Kenntnis ich meinen verhassten Deutschlehrer ärgern und darüber hinaus einen extravaganten Ruf als junger Anarchist und Bohème pflegen konnte, war ich auf Perlen wie François Villon, Else Lasker-Schüler oder William Saroyan gestoßen. Und eines Tages fiel mir auf diesen Raubzügen ein Band in die Hände, der mich von Anfang an faszinierte. Schon seine äußere Erscheinung war anders als alles andere, das ich bisher zur Hand genommen hatte. Das Papier klang anders, rauer – ja, es klang, Papier kann klingen –, es klang lauter, aber durchaus repräsentativ dabei, war, zwar wenn auch weiß, so doch nicht hell: dünkler, ohne vergilbt zu sein. Ebenso waren die Illustrationen kein einfaches Schwarzweiß, grüne und rote Töne waren da, aber gedeckt; grad so, als wollte das Buch sagen, es sei durchaus etwas Besseres, aber dabei auch sparsam und von einer vornehmen Prunklosigkeit. Und was die Illustrationen darstellten, musste den Jüngling erst recht entzücken: halb bis ganz nackte Menschen beiderlei Geschlechts, die sich ihren verschiedenen Vergnügen hingaben, wobei sie damit begannen, einander zuzutrinken. Am Ende des Buches aber stand ein sonderbar gereimter Abgesang als Impressum, so plebejisch anmutend wie der ganze Band, in dem darauf hingewiesen wurde, dass dieses Buch nicht in die BRD und nach Westberlin expediert wird, auf das Erscheinen in der DDR also beschränkt war. Dreifach verbotener von mir gehobener Schatz! Der Dichter aber, der in diesem Buch vorgestellt wurde, war Carl Michael Bellman (1740, Stockholm – 1795, Stockholm).

Das erste Gedicht, das ich in diesem Buch las und das zunächst das einzige war, das mir im Gedächtnis länger haften blieb, war die Fantasie eines gewissen Fredman, der davon erzählte, wie er, wäre er reich und mächtig, König von England, Spanien und Portugal, mit eines Königs Tochter Beilager hielte und mit ihr das Leben genösse. Ich hatte mich in der Folge aber dann mehr mit zeitgenössischer Dichtung beschäftigt und mich der literarischen Avantgarde, zu der ich mich, vermessen genug, selbst zählte, zugewandt. Meine eigenen literarischen Hervorbringungen dieser Zeit, von denen heute nichts mehr in meinen Archiven und, wie zu hoffen ist, auch sonst nirgends sich findet, wurden, Wiener, der ich bin, von der 8-Punkte-Proklamation des Poetischen Actes von Hans Carl Artmann, der Konkreten Lyrik Gerhard Rühms, Friedrich Achleitners, Oswald Wieners und ihres Trommlers Ernst Jandl geprägt. Daneben und dazu erklärten mir Christine Busta, die schon erwähnte Else Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann, wie große klassische, nicht abstrakte Lyrik geht, welche Bilder Gedichte hervorrufen. Nicht vergessen werden darf Jaques Prévert.

Die Nutzanwendung aus alledem, unter dem Einfluss der Neuen Linken und ihrer Barden und Kabarettistinnen und des Agitprop, aber auch unter dem Einfluss einer Szene, die wieder zu Volksliedern und Bänkelgesängen zu finden suchte und sie authentisch oder unverfälscht oder gereinigt oder dem Vergessen entrissen vortragen und neu geschaffen popularisieren wollte, bis sie zur Selbstverständlichkeit geworden wären wie beim Vorbild der amerikanischen, irischen und englischen Sängerinnen und Sänger, war eine Hinwendung zur Tradition. Ich begann Chansons, Couplets und Lieder zu verfassen und im Milieu der so genannten Liedermacher tauchte der alte Schwede wieder auf mitsamt seinem Repertoire. Und ich erinnerte mich an dieses Buch und da ich ja gewissermaßen damals auch Liedermacher war, fand ich nun auch andere Übertragungen in den einschlägigen fortschrittlichen Liederbüchern, über die wir damals neben dem Steinitz verfügten, und ich sang sie nach. Und ich begann diese Übertragungen zu bearbeiten, zu redigieren, um sie meinem persönlichen Stil anzupassen, verglich die eine Übersetzung mit der anderen, stoppelte mir das eine mit dem anderen zusammen, war mit manchen dieser Nachdichtungen unzufrieden und mit der Zeit entstand so der Wunsch, zunächst nur als Fingerübung, selbst zu übersetzen. Das erste Stück, an dem ich mich versuchte, war das erste, das ich gelesen und von dem ich schon erzählt hatte: Vielleicht war dies ein Zufall, der so gern als Fügung bezeichnet wird, vielleicht war es auch nur, weil die ersten Zeilen zur Übersetzung einluden und dem Poeten keine großen Schwierigkeiten verhießen. Der schwedische Text beginnt so: Portugal, Spanjen, Stora Britanjen. Dass stora groß heißen wird, war leicht herauszufinden.

So also hatte ich das erste Stück geschafft und ließ es, nachdem ich es stolz herumgezeigt hatte, ein paar Jahre ruhen, wobei ich weitere Übersetzungen suchte. Mittlerweile hatte ich auch schon alle Episteln und Gesänge vorrätig in den verschiedensten Interpretationen und vollständig auf schwedisch, ohne sie wirklich zu verstehen, und eine hübsche Sammlung von Interpretationen auf deutsch, wobei eine besonders feine die von Dieter Süverkrüp war, der die Übersetzungen Bellmans durch Fritz Graßhoff vortrug: ein einmaliger Glücksfall, dass ein Lieblingsdichter einen anderen Lieblingsdichter überträgt. Als ich mich mit Graßhoffs Nachdichtungen und den schwedischen Vorlagen näher befasste, fragte ich mich aber, ob es nicht möglich wäre, einen Duktus zu finden, der dem des 18. Jahrhunderts entsprach, also sprachlich historisch korrekt blieb; Graßhoff hatte seinen Bellman im Stil der Bänkelsänger und Schlager des 20. Jahrhunderts geschrieben, ich aber machte mich wieder an s Werk.

(...)

 

fredmans 19. lied

ein gläubiger und streng dabei
so ist der tod zu jeder stunde
ob s adler oder sperling sei
es zittert alles in der runde
und seufzt und fürchtet sein regime
         und seufzt und fürchtet sein regime
doch bacchus lacht und ich mit ihm

und wenn zum beispiel es passiert
dass mir der tod die ladung sendet
den lebenswechsel präsentiert
die laufbahn meines glücks beendet
was dann geschehen will gescheh
         was dann geschehen will gescheh
doch trink mir zu bevor ich geh

tret ich die reise später an
solln gläubiger die leiche tragen
bin einem freundlich zugetan
sie sorgen für mein wohlbehagen
kommt gläubiger landauf landab
         kommt gläubiger landauf landab
es spricht herr grim an meinem grab

Axel Fredrik Grim, gestorben 1781, Kammerschreiber bei der Reichsschuldenverwaltung (riksgäldskontoret), gehörte zu Bellmans Gläubigern in seinem ersten Konkurs 1764, der ihn zur Flucht zwang.