SILVIA HEIMADER | texte  

 

 






   



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestus und Material
Eine Ästhetik der Sinnlichkeit

In vielen Lehrbüchern über chinesische und japanische Tuschmalerei ist zu lesen, dass die wahren Meister der Tuschmalkunst von jeglichem Pinselstrich sagen könnten, mit welcher Schnelligkeit ein Pinsel geführt worden sei, in welchem Verhältnis Tusche zu Wasser stehe, aus welcher Art von Tierhaar der Pinsel gemacht worden sei usw.

Diese Aufmerksamkeit für den malerischen Gestus und seine materiellen Bedingungen fasziniert mich, seit ich mit traditioneller fernöstlicher Malerei in Berührung gekommen bin. Gestus und Material stehen in direktem Zusammenhang mit dem dargestellten Objekt, dem angestrebten Ausdruck und Sinn und brauchen einen Platz in der Gesamtkomposition. (So forderte mich z.B. einmal einer meiner chinesischen Tuschmallehrer auf, einer Gruppe von sehr trocken und kratzig gemalter Ziegen mit sehr nassem, wässrigem Pinsel „saftiges“ Gras hinzuzufügen)

Ich denke, dass man kein Meister oder - um es westlicher auszudrücken - Experte sein muss, um die Qualität eines Farbauftrages zu fühlen. Ein Strich ist für den sensiblen Betrachter intuitiv nachvollziehbar – schnell – langsam – kraftvoll – schwach – bedächtig – zitternd  usw. Der Farbauftrag – trocken – kratzend oder – wässrig. Der Eindruck ein anderer, je nach dem, ob  – Pinsel – Spachtel – Messer verwendet wurden, ob man die Farbe rinnen ließ oder gar verschüttet und verspritzt hat. (Auch die westliche Malerei hat dafür mittlerweile ein ausgefeilteres Repertoire entwickelt.) 

Ich mag Malerei, die verrät wie sie entstanden ist. In der das fertige Bild der materielle Abdruck eines körperlich-geistig-seelischen Prozesses ist - ein sinnliches Gebilde auf vielen Ebenen. Malerei, die das energetische, emotionale Niveau des Malers mitteilt, den Grad seiner Konzentration und auch seine Angst vor dem Scheitern, die Angst vor dem nicht korrigierbaren falschen Strich.

Der Hauptgewinn dieser Art des Arbeitens ist Lebendigkeit, Sinnlichkeit und, so hoffe ich, Funken, die auf den Betrachter überspringen.

Silvia Heimader (2005)











 

 

 

      

 


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