© Heinz
Dieter POHL (Klagenfurt)
(zuletzt bearbeitet 23.6.2011)
Bericht vom Symposium zum
100. Todestag Franz von Miklosichs (Franc Miklošič) –
als die jugoslawische
„Volks“armee Krieg gegen das Volk Sloweniens führte
Vom 26.-28. Juni 1991 fand an der Universität
Ljubljana/Laibach aus Anlass des 100. Todestages des Altösterreichers
slowenischer Abstammung, Franz von Miklosich, des Begründers der Slawistik in
Österreich, ein wissenschaftliches Symposium statt. Dieses Symposium war
ausschließlich dem Lebenswerk dieser großen Forscherpersönlichkeit gewidmet;
ich selbst habe über Miklosichs Forschungen zur slawischen Personennamengebung
referiert. Von der Universität Klagenfurt war ich der einzige, auch sonst war
Österreich nicht gerade zahlreich vertreten (Kronsteiner, Salzburg; Mareš,
Wien; Hafner, Graz; Lukan, Wien; Sturm-Schnabl, Wien; sowie der Leiter der neu
eingerichteten Außenstelle Laibach des Österreichischen Ost- und
Südosteuropainstituts, Bister). Offensichtlich hat die bevorstehende
Unabhängigkeitserklärung der Republik Slowenien viele Kollegen abgehalten, an
der Tagung teilzunehmen; viele auf dem Programm stehende Vortragende waren gar
nicht erschienen. Es scheint so, dass manche Kollegen das erwartet haben, was
viele, wie ich, nicht glauben wollten.
An sich ist das Datum des Miklosich-Symposiums bereits festgelegt worden
zu einer Zeit, als das Datum der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens noch nicht
feststand. Der parallel und unabhängig stattfindende „Weltkongress der
Slowenen“ wurde wohl mit der Unabhängigkeitserklärung koordiniert, was durchaus
verständlich ist. Ursprünglich war die Unabhängigkeitserklärung für den 26.
Juni 1991 vorgesehen, aber bekanntlich erfolgte sie dann bereits am Dienstag,
den 25. Juni 1991.
Als ich gemeinsam mit meinem Koll. Kronsteiner am Morgen des Mittwochs,
26. Juni 1991, über den Loiblpass in das ehemalige Jugoslawien einreiste,
wurden wir von der slowenischen Fahne, von der Tafel „Republika Slovenija“ und
von Soldaten der slowenischen Territorialverteidigung („TO“) begrüßt. Wir
betraten also einen de facto neu errichteten Staat. Der Mittwoch verlief ganz
normal. Bei der Bevölkerung herrschte eine gewisse feierliche Stimmung. Die
Tagung wurde in der Universität feierlich um 10 Uhr eröffnet. Die politischen
Umwälzungen konnte man u.a. auch daran erkennen, dass an der Eröffnung der
Bischof teilnahm. Ab 11 Uhr fanden dann im Gebäude der Philosophischen Fakultät
die Vorträge statt. Der einzige Wermutstropfen, der dunkle Vorahnungen
aufkommen ließ, war das mehrmalige Überfliegen der Stadt Laibach durch
Düsenjäger der jugoslawischen Armee im Tiefflug, was man aber zunächst mehr als
Belästigung und weniger als Gefährdung betrachtete. Gegen Abend versammelte
sich in den Straßen rund um die Franziskanerkirche und das Prešerendenkmal die
Bevölkerung. Ähnlich wie bei einem Volksfest waren dort Stände mit Souvenirs
und anderen Dingen errichtet worden. Es gab Bier, Würste, Eis, slowenische
Fahnen, T-Shirts mit der slowenischen Fahne, ganze Serien von Ansichtskarten
etc. etc., auch Musikkapellen spielten auf. Es herrschte gute Stimmung und
Fröhlichkeit. Der Vergleich mit ähnlichen österreichischen Festivitäten ist
sicher angebracht.
Obwohl ich mich in der
Nacht von Mittwoch auf Donnerstag unter das feiernde Volk gemischt hatte und
irgendwann zwischen 1 und 2 Uhr Früh ins Hotel zurückkehrte, war ich schon um 6
Uhr wieder munter und hörte die Nachrichten. Und was man hier zu hören bekam,
war zwar beunruhigend, ließ einen aber den Ernst der Lage noch nicht richtig
erkennen. Es wurde von Bewegungen der jugoslawischen „Volks“armee berichtet und
den immensen Schäden, den sie an Straßen und parkenden Autos angerichtet hätte.
Von Kampfhandlungen war noch nicht die Rede. Davon hörte man erst zu Mittag, und
konnte sie am Nachmittag auch tatsächlich hören. Das Leben verlief am
Donnerstag ganz normal, die Menschen waren gefasst, aber bedrückt, und nach und
nach sickerten im Laufe des Nachmittags die Informationen durch, dass es zu
schweren Kampfhandlungen am Flughafen, an den Grenzstationen und rund um
Kasernen gekommen sei. Die slowenischen Territorialverteidiger prägten das
Straßenbild und errichteten mit angehaltenen Bussen und LKWs Barrikaden, vor
allem im Zentrum der Stadt und rund um das Regierungsviertel. Auch der Weg vom
Hotel zur Universität war behindert, aber durch gute Ortskenntnis fand ich
immer einen Weg, in jeden gewünschten Stadtteil zu kommen. Gegen Abend brach
dann der öffentliche Verkehr zusammen, weil die Kampfhandlungen bereits die
Stadt erreicht hatten. Um ca. 17.30 Uhr (ich hörte gerade einen Vortrag auf dem
Symposion) erschütterte eine schwere Detonation die philosophische Fakultät;
wie wir später erfuhren, wurde im Stadtgebiet in der näheren Umgebung ein
Hubschrauber der Armee abgeschossen. Kurz danach wurde die Tagung abgebrochen
und die noch ausstehenden Vorträge auf Freitag verschoben.
Für Donnerstag Abend war ich zu einem Besuch bei einem Kollegen
eingeladen, aber beim Abbruch der Tagung waren wir nicht mehr in der Lage, mit
einem öffentlichen Verkehrsmittel in seine Wohnung zu fahren und die Fahrt mit
dem eigenen PKW wäre zu riskant gewesen. So machte ich mich mit dem Kollegen zu
Fuß auf. Der Zufall wollte es, dass wir ein Taxi fanden, welches uns durch die
leergefegten Straßen in den Norden der Stadt brachte. Am nördlichen Horizont
sah man wie fernes Wetterleuchten den Feuerschein von Kampfhandlungen. Der
Taxifahrer, ein Serbe, konnte überhaupt kein Verständnis für das Vorgehen der
serbisch dominierten jugoslawischen Armee aufbringen. Für mich war dieser
abendliche Besuch ein gewisses Risiko, weil ich nicht wusste, wie ich wieder
ins Hotel in der Innenstadt zurückkommen sollte. Andererseits sind solche
ernste Situationen ein Anlass, jetzt erst recht private Kontakte zu pflegen.
Ich konnte auch meinen Informationsgrad wesentlich erweitern, da man im
Fernsehen den Krieg gegen Slowenien verfolgen konnte. Wie schwierig die
Verhältnisse am Donnerstag Abend in Laibach waren, konnte man u.a. daran
erkennen, dass – wie ich von meinen slowenischen Bekannten hörte – deren
Angehörige nicht zum geplanten Besuch kommen konnten, da es nicht möglich war,
vom Süden der Stadt in den Norden zu gelangen. Somit ist mir erst am
Donnerstag Abend der Ernst der Lage so richtig bewusst geworden, zumal Gerüchte
aufgetaucht sind, die Armee bereite sich auf einen entscheidenden Schlag vor.
Überall tauchten Hinweisschilder auf, wo auf Schutzräume u. dgl. hingewiesen
wurde. Trotzdem verbrachte ich bei meinen Freunden einen sehr netten Abend und
gegen 23 Uhr gelang es mir mit dem Taxi ins Hotel zurückzukehren. Dies war
übrigens die schnellste Taxifahrt meines Lebens, weil die Taxifahrer über den
Funk genau Bescheid wussten, wo und wann Truppenbewegungen zu erwarten waren,
und man Angriffe befürchtete. Im Hotel traf ich die anderen Tagungsteilnehmer
und wir saßen noch bis ca. 1 Uhr im Restaurant und erörterten die Lage; um 3
Uhr Nacht wurden wir aus dem Schlaf gerissen – aber es ging nur ein heftiges
Gewitter über Laibach nieder. Wir wagten es nicht mehr, den Lift zu benützen –
was ist, wenn der Strom ausfällt?
Am Freitag war die
allgemeine Stimmung bereits sehr gedrückt, die bewaffneten
Territorial-Verteidiger beherrschten eindeutig das Straßenbild, was einem das
Gefühl der Sicherheit verlieh, zumal man bereits von militärischen Erfolgen der
Territorialverteidigung hörte. Unsere Gastgeber waren über unser Ausharren und
über die Tatsache, dass wir trotzdem an der Tagung weiter teilgenommen und
unsere Vorträge gehalten haben, sehr glücklich, wenn unser Bleiben auch kein freiwilliges
war, denn es gab keine Möglichkeit abzureisen. Aber es war uns ein Bedürfnis,
den Kollegen beizustehen, und als dann am späteren Vormittag des Freitags aus
Sicherheitsgründen die Universität geschlossen wurde, wurde die Tagung nur
unwesentlich vorzeitig beendet; zu dem geplanten Ausflug am Freitag Nachmittag
konnte es wegen der Kampfhandlungen und Blockaden ohnehin nicht mehr kommen.
Einer meiner Kollegen sagte mir noch zum Abschied: „Wir danken Ihnen, dass Sie
bis zum Schluss bei der Tagung geblieben sind!“
Am Freitag Nachmittag
erfuhren wir, dass trotz gegenteiliger Meldungen der Zugverkehr z.T. noch
funktionierte, und meinem Kollegen Kronsteiner gelang es, den (angeblich)
letzten Platz auf dem Autozug, der von Dalmatien kam, zu ergattern, und gegen
Freitag Abend trafen wir wieder in Österreich ein. Die Fahrt verlief
ohne besondere Vorkommnisse, man sah aber überall die Spuren der Kämpfe, aber
Jesenice (Assling), der Grenzbahnhof, war fest in slowenischer Hand. Wir
winkten noch den Territorialverteidigern am Karawankentunnel zu, denen am Vidov
Dan 1991 eine noch ungewisse Zukunft bevorstand.
Inzwischen hat sich der jugoslawische Bürgerkrieg ja
verschärft, und mein Wunsch für das kleine Slowenien kann nur der sein, nicht
nochmals solche Tage zu erleben wie die Tage vom 27. Juni bis 2. Juli 1991. Und
irgendwann einmal wird die Unabhängigkeit wohl auch international abgesegnet
werden, denn das Selbstbestimmungsrecht ist ein Grundrecht! Den baltischen
Staaten wurde bereits die Unabhängigkeit gewährt, und dies ist gut so! Aber die
Frage ist legitim, wann Slowenien ebenfalls in den Kreis der internationalen
Staatengemeinschaft aufgenommen wird. Noch 1991? Ich hoffe es (und nicht nur
ich ... ).
Dies schrieb ich
Anfang Juli 1991 (letzter Absatz Anfang September). – Nachwort 2001:
Mein Kollege Kronsteiner und ich fassten den
Entschluss, unsere Erlebnisse in Österreich bekanntzumachen. Auf Grund dieser
Erlebnisse haben wir am 1.7.1991 eine „Erklärung österreichischer
Wissenschaftler zur Lage in Slowenien“ initiiert und veröffentlicht, mit über
90 Unterschriften. Sie wurde in der Zeitschrift „Die slawischen Sprachen“
(Salzburg, Bd. 27/1991, S. 3-5) und im Tagungsband „Miklošičev zbornik“ (Obdobja
13, Ljubljana 1992, S. 633f.) in slowenischer Sprache veröffentlicht.
Nachwort
2011:
Inzwischen ist
Slowenien gemeinsam mit Österreich EU-Mitglied mit gemeinsamer Währung. Der
Krieg in Jugoslawien ist schon lange beendet. Der Zerfall des Staates, der zwei
Mal auf falschen Voraussetzungen aufgebaut wurde, war nicht zu verhindern, auch
die Verklärung des Staatsgründers Tito mit seinem „blockfreien Jugoslawien“ ist
heute Geschichte und einer sachlichen Aufarbeitung dieser Zeit gewichen, wenn
auch es auch noch einige unbelehrbare Nostalgiker gibt.