Gedanken zur gleichberechtigten Aufarbeitung von nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen im Alpen-Adria Raum 
 
© Heinz-Dieter Pohl 2027
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1. Einige allgemeine Bemerkungen
Eine alte Feststellung lautet: „Die Geschichte schreiben immer die Sieger“. Gerade auf die Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg trifft dies in einem besonders hohen Ausmaß zu. Nach 1945 gab es Kriegsverbrechen und Kriegsverbrecher nur auf Seiten der Deutschen und ihrer Verbündeten sowie der Japaner. Alliierte Kriegsverbrechen gab es nicht; erst viel später wurden einige von diesen zunächst sehr zaghaft näher diskutiert. Noch bis zum heutigen Tag stehen in der Traditionspflege die von den Nationalsozialisten initiierten und begangenen bzw. großteils auch die von ihnen zu verantwortenden Verbrechen ihrer Mitläufer in der Agenda ganz oben; erst nach der sogenannten Wende von 1989 wandte man sich auch den von den Siegern zu verantwortenden Verbrechen zu, was bekanntlich auf Seiten der „Antifaschisten“ – nobel ausgedrückt – auf wenig Gegenliebe stößt. Leider gibt es auch eine Gegenseite, die unbelehrbaren „Altnationalen“, die im Aufstieg des Nationalsozialismus die gerechte Antwort auf Versailles und St. Germain sehen. Auch bei diesen stößt das Aufarbeiten der Nazi-Verbrechen auf wenig bis kein Verständnis. Vielfach rechtfertigt man diese Verbrechen als Vergeltung für zuvor erlittenes Unrecht. Hier schließt sich der Kreis, denn auch die „Antifaschisten“ sahen sich nach Kriegsende als Rächer. Doch Unrecht bleibt Unrecht und kein Verbrechen darf durch ein anderes „gesühnt“ oder gar gerechtfertigt werden.
Dies alles mündet in die Vorstellung, „wir sind die Guten und die anderen die Bösen“. Aus Sicht der Sieger sind sie selbst die Guten, aus Sicht der Verlierer sind die Sieger die Bösen, sie selbst aber die unterlegenen Guten. Leider eine weit verbreitete Sichtweise, die einer objektiven Aufarbeitung der Ereignisse vor und nach 1945 oft im Wege steht, wo einander „Antifaschisten“ und Kriegsteilnehmer (auf deutscher Seite) immer noch unversöhnlich gegenüber stehen. Doch sollte sich heute langsam die Erkenntnis durchsetzen, dass nicht die Kriegsteilnehmer (auf beiden Seiten) die eigentlichen Täter waren, sondern die, die von oben die Befehle gaben, denn Wehrmachtsangehörige, Partisanen, Waffen-SS-Angehörige, Domobranzen usw. waren damals junge Männer (zum Teil noch gar nicht volljährig!), die in den Strudel der Ereignisse hineingezogen worden sind; sie alle waren Opfer jener grausamen Zeit, egal welche Uniform sie getragen haben – wie eben die Opfer der Tragödie von Bleiburg und Viktring. Die eigentlichen Täter waren andere – vielfach bereits die nächste Generation – und diese machten auch aus Opfern Täter, indem sie ihnen die entsprechenden Befehle gaben. Der Sieg über den Faschismus hatte eben auch seine dunklen Seiten … Dazu kommt dann noch Tätigkeit des jugoslawischen Geheimdienstes UDBA nach dem Krieg.
Ein weiterer Aspekt, der dazu beigetragen hat, dass es zu den grauenhaften Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und danach gekommen ist, war auch die politische Instrumentalisierung der Nation. Diese glaubte man hauptsächlich nach der Sprache definieren zu können – nach der Formel „gemeinsame Sprache, gemeinsame Kultur“, gepaart mit Abstammungsmythen, gemeinsamer Geschichte usw. mit dem Ziel einer politischen Vereinigung. Für zweisprachige Länder (z. B. Böhmen und Kärnten) und Vielvölkerstaaten (wie Österreich-Ungarn) brachen somit schwierige Zeiten an. Manchmal wurde auch die Religion zum nationalen Merkmal, so bei den Serben und Kroaten, deren (Standard-) Sprachen sich nur unwesentlich voneinander unterscheiden. Im Nationalsozialismus kam dann noch die „Rasse“ hinzu, man sah sich als „nordisch“ bzw. als „arisch“ und v.a. als „höherwertig“, was sich u.a. auch in der schlechten Behandlung der Bevölkerung in den besetzten Ländern niederschlug. Übrigens,  das Wort „arisch“ beruht auf der Eigen­bezeichnung der Indoiranier, somit sind die einzigen echten „Arier“ in Europa die Roma, vormals Zigeuner genannt, deren Vorfahren tatsächlich aus Indien stammen und die eine indoarische Sprache sprechen, das Romani oder Romanes. Während die Staatsbürger des Deutschen Reiches nach der Machtergreifung der Nazi einen „Arier-Nachweis“ benötigten, galten die Roma als „nicht-arisch“ und wurden verfolgt bzw. ermordet, erlitten also ein ähnliches Schicksal wie die Menschen jüdischen Glaubens. 
Der sprachorientierte Nationalismus ergriff so ziemlich alle Völker Europas und entzweite sprachlich gemischte Bevölkerungen historisch gewachsener Länder. Für die Doppel­monarchie Österreich-Ungarn, einen Vielvölkerstaat, bedeutete dies den Anfang vom Ende. Die gehobenen deutsch/ungarisch-sprachigen Schichten gaben den Ton an, aber die nicht-deutsch/ungarische Bevölkerung wähnte sich in einem „Völkerkerker“. Das deutsche bzw. ungarische Element konnte zwar bis zum Untergang seine dominante Stellung bewahren, doch nach dem Zusammenbruch der Monarchie kehrten sich die Verhältnisse in ihr Gegenteil: das deutsche bzw. ungarische Element wurde in den Nachfolgestaaten nun zur ungeliebten Minderheit – Endpunkt einer unseligen Eskalation, wobei die Sprach- und Volkstumsgrenze oft mitten durch die Familie ging …
 

2. Jugoslawien und der Zweite Weltkrieg

Es kann zwar nicht die Aufgabe meines Vortrages sein, die Um­stände zu beleuchten, die zum Übergreifen des Zweiten Weltkriegs auf Jugoslawien geführt haben. Aber zum besseren Verständnis der Ereignisse und zur objektiven Betrachtung des Geschehens mag ein Blick in die Geschichte nützlich sein. Schon am 1. Mai 1934 war ein Handelsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Jugoslawien abgeschlossen worden. In der Folge wurde Deutschland der beste Kunde Jugoslawiens und ein bevor­zugter Lieferant Jugoslawiens (vgl. P. Bartl, Grundzüge der jugoslawischen Geschichte, Darmstadt 1985, 120); dies blieb zunächst ohne politische Folgen, obwohl sich der Handel zwischen beiden Ländern, die seit dem „Anschluss“ Österreichs auch eine gemeinsame Grenze hatten, immer mehr ausweitete, bis der Krieg Ende Oktober 1940 auch die Balkanhalbinsel erreich­te, als Italien von Albanien aus Griechenland angriff. Der für die Italiener ungünstige Verlauf dieses Krieges bewog Hitler seinem Verbündeten Mussolini zu Hilfe zu kommen: ein Entlastungsangriff sollte über Rumänien und Bulgarien erfolgen. Gleichzeitig wollte er Jugoslawien durch dessen Beitritt zum Dreimächtepakt an die Achsen­mächte binden, den das Deutsche Reich, Italien und Japan am 27.9.1940 abgeschlossen hatten und dem bis zum 1.3.1941 Ungarn, Rumänien, die (unabhängige) Slowakei und Bulgarien beigetreten waren. Die so entstandene Konstel­lation bedeutete nun für Jugoslawien eine Einkreisung, der man seinerzeit durch die Kleine Entente (Die „Kleine Entente“ war in erster Linie gegen Restaurationsversuche der im Ersten Weltkrieg besiegten Mächte gerichtet, s. Bartl 144-116 bzw. 92f.) und dem Freundschaftsvertrag mit Frankreich entkommen wollte. In­zwischen hatte sich aber die internationale politische „Großwetterlage“ grundlegend geändert: Frankreich war von Deutschland geschlagen und besetzt und der wichtigste Partner in der Kleinen Entente, die Tschechoslowakei, existierte auch nicht mehr. In dieser Situation hatte die jugo­slawische Regierung nur die Wahl zwischen Beitritt zum Dreimächtepakt oder in kriegerische Auseinandersetzungen mit den Achsenmächten verwickelt zu werden. Am 25. März 1941 trat Jugoslawien in Wien dem Dreimächtepakt bei, al­lerdings unter der Zusicherung, weder militärische Lei­stungen erbringen noch den Durchmarsch von Truppen gewäh­ren zu müssen; man hoffte also, vom Krieg verschont zu bleiben. Der Beitritt war aber in der jugoslawischen Öf­fentlichkeit umstritten, schon zwei Tage später wurde die Regierung durch einen Militärputsch gestürzt. Der neuen Regierung Simović gehörte auch der Kroatenführer Maček an, der der einsetzenden Konspiration der Achsenmächte gegen Jugoslawien nicht zur Verfügung stand. Ein am 5.4.1941 mit der UdSSR abgeschlossener Freundschafts- und Nichtangriffspakt konnte nicht mehr verhindern, dass Hit­ler den seiner Meinung nach bestehenden Unsicherheitsfak­tor Jugoslawien „militärisch und als Staatsgebilde zu zerschlagen“ befahl (vgl. Bartl 26). Damit brach für das glücklose Land eine sehr schwere Zeit an (Kriegsbeginn 6. April 1941 oh­ne Kriegserklärung mit Luftangriff auf Belgrad).

Die Slowenen standen zu dieser Zeit nicht im Mittel­punkt des Geschehens. Das eigentliche drängende Problem Jugoslawiens waren ja die Kroaten, und dieses war ja kurz vor Kriegsausbruch zumindest entschärft worden und ein erfolgreiches Heraushalten Jugosla­wiens aus dem Krieg hätte dieses Problem wohl endgültig gelöst (sofern ein Heraushalten in seiner geopolitischen Lage überhaupt mög­lich gewesen wäre). Der ehemalige Ministerpräsident Stojadinović behauptet in seinen Memoiren, dass  er durch seine den Achsenmächten entgegenkommende Politik es als Staatschef verstanden hätte, Jugoslawien durch strikte Neutralität aus dem Kriege herauszuhalten (vgl. Bartl 123). Doch der deutsche Einmarsch bereitete allen hoffnungsvollen Perspektiven ein vorzeitiges Ende und setzte eine Spirale der Gewalt in Gang, die rund 10 % der Einwohner Jugoslawiens das Leben kosten und darüber hinaus das Ende der schon (z.T.) durch Jahrhunderte ansässigen deutschen Bevölkerung bedeuten sollte. Der Krieg forderte in Jugo­slawien 1,7 Mill. Menschenleben (davon 1,3 Mill. Zivil­personen – Zahlen bezogen auf das Jahr 1945). Der Staat wurde nach seiner Kapitulation (17. April) aufgeteilt, das slowenische Gebiet überhaupt zer­stückelt: der nördliche Teil von Krain und die ehemalige Südsteiermark (samt den ehemals Kärntner Gebieten Seeland/Jezersko und Mießtal/Mežiška dolina) kamen zum Reich, ein Teil des Übermurgebie­tes/Prekmurje zu Ungarn (der südliche Teil wurde vom neuerrichteten kroatischen Staat beansprucht) und der südliche Teil von Krain inkl. Laibach/Ljubljana zu Italien (vgl. Geschichte der Kärntner Slowenen, Klagenfurt-Wien 1988,  127). Die Slowenen fanden sich damit statt in ihrer „Drauban­schaft/Dravska banovina“ aufgeteilt auf drei Staaten wieder, während sie im alten Österreich zwar auf mehrere Kronländer verteilt, aber doch in einem Staatswesen (Österreich-Ungarn) vereint waren; die Zer­stückelung slowenischen Siedlungsgebietes war eine vorberei­tende Maßnahme zur geplanten Entnationalisierung der Slowenen (vgl. auch T. Ferenc, Quellen zur nationalsozialistischen Entnationalisierungspolitik in Slowenien 1941-1945, Maribor 1980, 5).

Schon am 10. April 1941 war der „Unabhängige Staat Kroatien“ proklamiert worden, durch Slavko Kvaternik, Stellvertreter des in Italien weilenden Ustaša-Führers Ante Pavelić. Da der kroatische Politiker Maček als Stüt­ze für die deutsche Jugoslawienpolitik nicht zur Verfü­gung stand, schlug für die bis dahin unbedeutende „Ustaša Hrvatska Revolucionarna Organizacija“ (Aufständische Kroatische Revolutionäre Organisation), 1929 gegründet, die Stunde. Pavelić und seine Mitarbeiter waren ins Ausland gegangen und hatten in Bologna ihr Hauptquartier aufgeschlagen, wobei sie sich tatkräftiger Unterstützung durch den italienischen Staat erfreuen konnten. Es war daher naheliegend, schon aus Rücksicht auf den italienischen Bundesgenossen, sich bei der Errichtung des kroatischen Staates der Ustaša zu bedienen. Dieser umfasste im wesentlichen nur das Binnenland und Bosnien-Herzegowina, musste also seinem Hauptgön­ner Italien entgegenkommen, das einige Küstengebiete in Besitz nahm (s.u.). Mit schweren Verbrechen hat sich die Ustaša-Regierung, die deutschen Nazi- und italie­nischen faschistischen Vorbildern folgte und ein totalitäres Re­gime errichtet hatte, belastet, v.a. durch die Verfolgung der nicht-katho­lischen, v.a. orthodoxen serbischen Bevölkerung. Um- und Aussied­lungen, Inhaftierungen und Massenmorde waren an der Ta­gesordnung – rund 400.000 (nach anderen Angaben bis zu einer 3/4 Mill.) Menschen dürften dem Ustaša-Terror zum Opfer gefallen sein. Dies und die Ver­geltung der Četniks während des Krieges und der Tito-Par­tisanen nach Kriegsende wurde im Tito-Jugoslawien weder politisch noch wissenschaftlich aufgearbeitet und und sollte dann den Vorwand für die kriegerischen Auseinander­setzungen der 1990er Jahre zwischen Serben und Kroaten in der Krajina und in Slawonien liefern: die von Tito mit eiserner Faust verordnete „bratstvo i jedinstvo“ (Brüderlichkeit und Einheit) hatte die alten Rechnungen nur zugedeckt und diese sind in der Agonie des Gesamtstaates ab 1991 wie eine chronische Krankheit plötzlich akut geworden (Näheres dazu bei H.D. Pohl, Zur Geschichte und zur Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens. Hintergründe und historische Daten zum Zerfall Jugoslawiens. In: Klagenfurter Beiträge zur Sprachwissenschaft 1-18/1991-1992 [1993] 5-60, insbes. 56 Anm. 65).

Den Löwenanteil des jugoslawischen Kuchens erhielt Italien und das durch Personalunion mit ihm vereinte Al­banien: fast alle dalmatinischen Inseln (ausgenommen Brač, Pag und Hvar), die Küste von Zadar bis Split sowie die Bucht von Cattaro/Kotor, beide samt Hinterland, sowie Ulcinj, Kosovo und Westmakedonien (also die albanisch be­siedelten Gebiete); Montenegro geriet unter italienisches Protektorat. Zentral- und Ostmakedonien kam zu Bulgarien; Ungarn erhielt die Bačka und die Baranja (Genaueres zur Aufteilung Jugoslawiens vgl. Bartl 128ff.). Das jugoslawische Banat, von Rumänien beansprucht, blieb zusammen mit Rest-Serbien unter deutscher Militärverwaltung, das unter Ge­neral Milan Nedić eine Zivilregierung mit nur geringen Machtbefugnissen erhielt; diese Regierung war weder eine Kollaborationsregierung im engeren Sinn noch konnte sie der deutschen Besatzung paroli bieten (vgl. Bartl 132f.).

 

3. Das Schicksal der Slowenen im Zweiten Weltkrieg

Doch wollen wir zunächst beim Schicksal der Slowenen bleiben. Schon im Jahre 1938 war der „Anschluss“ Österreichs ans deutsche Reich erfolgt und bald begann die schleichende Demontage der slowenischen Organisationen seitens der Nazi in kleinen Schritten, doch nach der Zerschlagung des Königreiches Jugoslawien ging sie in die offen betriebene Entnationalisierung bzw. Vernichtung über. Diese bestand zunächst in einer zwangsweisen Germanisierung; ab 1941 wurden zahlreiche als nicht „eindeutschungsfähig“ eingestufte Familien sowie an ihren ethnischen Wurzeln festhaltende Personen deportiert oder zumindest terrorisiert. Viele von ihnen fielen auch der NS-Blutjustiz zum Opfer. Dass sich dann viele Angehörige der slowenischen Volksgruppe dem aktiven Widerstand gegen das NS-Regime angeschlossen haben, darf niemanden verwundern. Diese Menschen konnten nicht wissen, welche Vorstellungen für die Zeit nach dem Krieg in den Führungsetagen der Partisanen bestanden und daher sind sie nicht pauschal zu verurteilen. Dies gilt auch für die andere Seite, denn auf dem ehemaligen jugoslawischen Staatsgebiet bzw. dem Gebiet der heutigen Republik Slowenien kam es zu einer Art Bürgerkrieg zwischen den antikommu­nistischen Kräften, der sogenannten slowenischen Heimwehr (Domobranzen), und den kommunistischen Partisanen, was dann zu einem hohen Grad von Polarisierung in der slowenischen Bevölkerung in den Jahren 1942-1946 geführt hat, der sich niemand entziehen konnte. Aus der Sicht der siegreichen kommunistischen Partisanen waren die Domobranzen „Kollaborateure“, mit denen man nach Kriegsende beliebig verfahren konnte, auch mit den Anti­kommunisten. Dies mündete dann im wohl dunkelsten Kapitel der jugoslawischen Nachkriegsgeschichte: in den Massentötungen und den Massengäbern. Die Ereignisse des Mai 1945 in Kärnten werden bekanntlich in Slowenien als „Tragödie von Viktring“, in Kroatien als „Tragödie von Bleiburg“ bezeichnet. Diese fast bis Ende Mai 1945 währenden Kampfhandlungen und Massaker, denen zahlreiche antikommunistische Flüchtlinge aus Jugoslawien zum Opfer fielen, geschahen also rund drei Wochen nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands. In der sozialistisch-jugoslawischen Erinnerungskultur waren diese Ereignisse als „Endkesselschlachten“, „abschließende militärische Operationen“ o.ä. bekannt. Der Umstand, dass diese antikom­munistischen Flüchtlinge Opfer von Partisanengewalt waren, war bis zum Zerfall Jugoslawiens von offizieller staatlicher Seite stets negiert worden. Ab den 1990er Jahren erscheinen in Kroatien und Slowenien die Tragödien von Bleiburg bzw. Viktring in den jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen in einem neuen Licht. Mit seiner Monographie „Die Tragödie von Bleiburg und Viktring“ (Klagenfurt-Ljubljana-Wien 2012, 2. Auflage) hat der Florian Thomas Rulitz einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zur Klärung dieser Ereignisse im Mai 1945 geleistet und anhand eines umfangreichen, erstmals systematisch ausgewerteten Quellenmaterials (mit teilweise bisher unbekannten österreichischen Quellen wie etwa den Gendarmerie- und Pfarrchroniken) die Tötungsstätten, Gräber, Gruppengräber und Massengräber der kroatischen und slowenischen Flüchtlinge im südlichsten Bundesland Österreichs dokumentiert.

Das slowenische Siedlungsgebiet war zerrissen und die Vorgangsweise der Nazi in den Jahren 1941/42 war, wie es Zeitzeugen damals bezeichnet haben, eine „Ge­waltpolitik“, die zu einem „unerträglichen Zustand“ geführt habe, der es notwendig mache, „dass nunmehr das slowenische Volkstum anerkannt wird und seine Pflege und Erhaltung im Rahmen des Deutschen Reiches gewährleistet würde“ – so der Kärntner Historiker Martin Wutte in seiner Denkschrift an den Gauleiter und Reichsstatthalter Friedrich Rainer (zitiert nach „Martin Wutte (1876-1948) zum Gedächtnis“, Festschrift, Klagenfurt 1988, 30). Die von Wutte verwendeten Worte skizzieren die Lage, in der sich die Slowenen be­fanden. Wutte bezog sich hier auf Rainers Proklamation vom 27.9.1942, in der der Gauleiter in der typischen Nazi-Phraseologie indirekt zugibt, dass den slowenischen Bewoh­nern des Reichsgaus Kärnten, zu dem ja seit April 1941 auch Oberkrain gehörte, Unrecht geschehen sei, wenn er sagt: „Nach Monaten schwerer Bedrängnis und bitteren Leides für viele von Euch tretet Ihr mit heutigem Tage in ein gesichertes Rechtsverhältnis im Rahmen des Großdeutschen Reiches. Die Zeit der Ungewissheit und Unsicherheit ist vorbei“ (vgl. Ferenc 507).

Dies zeigt, dass die Nazi-Größen nicht zwischen Ursache und Wirkung unterschei­den konnten. In der zitierten Proklamation spricht Rainer zwar in der Einleitung davon, dass das „große über Krain hereingebrochene Unheil durch die Schuld verbrecherischer kommunistischer Elemente und Helfershelfer“ verursacht sei (vgl. Ferenc 506 – Wortfolge geändert). Vielmehr war es aber ja so, dass der Widerstand durch die von den Nazi durchgeführten Aussiedlungen von Slowenen provoziert war. Die „Richtlinien und Anweisungen des Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums zur Aussiedlung von Slowe­nen“ (Ferenc 60ff. zur Steiermark und 114ff. zu Kärnten und Krain) sowie mehrere „Denkschriften“ (vgl. Ferenc 115ff.; manche „Denkschriften“ stammen noch aus der Zeit vor 1941, was beweist, dass es schon vor dem Überfall auf Jugoslawien entsprechende Pläne gab) sprechen eine sehr deutliche Sprache; dazu kommt, dass schon 1940 Überlegun­gen zu Grenzverschiebungen nach Süden seitens des Deut­schen Reiches angestellt wurden (Ferenc 25ff., Dokument Nr. 6). Es ist als histori­sches Faktum zu betrachten, dass seitens der Nazi die „Auslöschung der eth­nischen Individualität der Slowenen beabsichtigt war“ (so Ferenc  5 in der Einleitung zu den „Quellen“ – Wortfolge geändert) – auch in Kärnten, wo es am 14. April 1942 überfallsartig zu den ersten Aussiedlungsaktionen kam (vgl. Ferenc 414ff., vgl. auch M. Bogataj, Die Kärntner Slowenen, Klagenfurt-Wien 1989, 87). – ein Umstand, den die „deutsche“ Seite gerne vergisst und übersieht. Die Zahl der Kärntner ausgesiedelten Personen liegt bei über 900 (nach anderen Angaben auch höher: 1075 – so B. Entner/A. Malle, Die Vertreibung der Kärntner Slowenen. Klagenfurt 2012). Die Eindeutschung der verbleibenden Slowenen sollte durch die bevorzugte bzw. beschleunigte Aussiedlung der sloweni­schen Intelligenz unterstützt werden, um „den einfachen Mann, der ohne volkseigene Führung beeinflussbar ist, zu gewinnen...“ (vgl. Ferenc 117) sowie durch die „Ansiedlung bewährter deutscher Menschen“ (Heinrich Himmler, zitiert nach K. Stuhlpfarrer, Neues Forum, Dez, 1972, 43) beschleunigt werden.

Gegen diese Vorgangsweise der Nazi haben sich eine Reihe von Kärntner Persönlichkeiten zu Wort gemeldet, nicht nur der bereits genannte Historiker M. Wutte, sondern auch der Dichter und Schriftsteller Josef Fried­rich Perkonig, Univ.-Prof. Dr. Erwin Aichinger, Weihbi­schof Rohracher, um einige zu nennen (vgl. Bogataj 87; Geschichte [diese nennt nur Perkonig und Rohracher], A. Walzl, Reaktionen auf die Aussiedlung von Kärntner Slowenen, in: Carinthia I 181/1991, 453ff.; diese Aussiedlungen haben entgegen der landläufigen Meinung in breiten Kreisen der Kärntner Bevölkerung Bestürzung ausgelöst, selbst unter „Parteigenossen“). Teils kriegsbe­dingt, teils um Unruhe zu vermeiden, kamen die Aussied­lungen vorübergehend zum Stillstand, doch vereinzelt gab es bis 1944 immer wieder solche Maßnahmen (vgl. Geschichte 107), die wohl nach dem „Endsieg“ ihre Vollendung erfahren hätten. Ferner sei darauf hingewiesen, dass mit Rücksicht sowohl auf den Bundesgenossen Italien als auch auf die Verträge mit der Sowjetunion das Deutschtum in Südtirol, im Kanaltal und im italienischen Teil Krains sowie in den Stalin zugesprochenen baltischen, ostpolnischen und rumänischen Gebieten von den Nazis buchstäblich verraten wurde, indem man auch diese Deutschen ab-, um- bzw. aussiedelte und somit „heim in Reich“ holte. Als Beispiel sei das Schicksal der Gottscheer er­wähnt, die zunächst in der Südsteiermark auf abgesiedel­ten slowenischen Höfen angesiedelt wurden, um dann nach Kriegsende endgültig ihre Heimat zu verlieren (vgl. E. Petschauer, Das Jahrhundertbuch der Gottscheer, Wien 1980, 115ff., insbes. 124-126). Man siedelte also Slowenen aus, um ausgesiedelte Deutsche ansiedeln zu können – somit waren auch Deutsche im nationalsozialistischen Nationalitäten­schach bloß Figuren, die man beliebig hin- und herschieben und abtauschen konnte. Um im Bilde zu bleiben: am En­de der Partie gab es schachmatt für den größten Teil des Ost- und Südosteuropadeutschtums. Jahrhundertealte Kul­turarbeit und Symbiose wurde in wenigen Jahren gerade vor jenen vernichtet, die vorgaben, die Interessen des deutschen Volkes zu vertreten – und dies noch dazu zu Lasten der anderen Völker. Auch dies muss im Sinne einer objektiven Geschichtsbetrachtung deutlich ausgesprochen werden          und sollte auch „deutsch“ gesinnten Menschen zu denken geben sowie jedwede positive Einstellung zum Nationalsozialismus als gegen das eigene Volk gerichtet erkennen lassen! Mutatis mutandis gilt dies auch für die „andere Seite“ – als Denkanstoß …

Als Reaktion auf die gegen die Slowenen gerichteten Nazi-Maßnahmen musste sich zwangsläufig bald Widerstand er­heben. Dieser war in Kärnten zunächst ein spontaner, der erst nach und nach in die kommunistisch geführte Osvobo­dilna Fronta (OF) eingegliedert wurde, die auch für den An­schluss Südkärntens an Jugoslawien kämpfte (vgl. Bogataj 88f.). In den bis 1941 zu Jugoslawien gehörenden slowenischen Gebieten geriet der Widerstand schon früher unter kommunistische Führung. Die Befreiungsfront (Osvobodilna Fronta) ist am 27. April 1941 gegründet worden (vgl. Geschichte 127); sie ist aus der einige Jahre zuvor hervorgetretenen Volksfront aus Kommunisten, christlichen Sozialisten und einigen anderen Gruppierungen entstanden (vgl. Geschichte 123f.)  und war von Anfang an kommunistisch dominiert (vgl. Bartl 137).

Für viele Menschen jener Zeit, v.a. für Intellektuelle, erschien der Kommunismus als einzige Alternative zum Faschismus bzw. Nationalsozialismus, auch bei anderen Völkern, selbst bei deutschen (und österreichischen) Nazi-Gegnern. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass die Auswirkungen der braunen Diktatur mit ihrer Gewalttätigkeit und krausen Ideologie am eigenen Leib deutlich spürbar waren, hingegen man sich über die Zustände in Stalins Sowjetunion keine rechte Vorstellung machen konnte (und einige negative Berichte von dort für böswillige Propaganda hielt). Dazu kommt, dass dem Kommu­nismus ja durchaus humanistische und soziale Ideale zu­grunde liegen, die man dem Nationalsozialismus entgegen­setzen konnte, der sich ja ganz offen inhuman und menschenverachtend – eben rassistisch – verhielt. Außerdem hätte der Kommunis­mus zu keiner bürokratischen Tyrannei führen müssen, wenn man den sozialistischen Staat nach demokratischen Grundsätzen aufgebaut hätte. So aber war der Aufbau des „Ersten sozialistischen Staatswesens“ mit Massendeporta­tionen, Sozial­schichten­mord und Zwangsarbeit untrennbar verbunden; auch nach 1945 wurde diese Praxis fortgesetzt und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kam dann nach und nach die Wahrheit an den Tag. Dafür sind die seinerzeitigen Kommunisten im antifaschistischen Wider­stand sicher nicht verantwortlich zu machen, die meisten von ihnen waren Idealisten, die aber – auch dies muss ein­mal ausgesprochen werden – zusammen mit anderen Widerstandsgruppen von Stalin und seinen Mitstreitern für den sowjetischen Imperialismus in Ost- und Südosteuropa miss­braucht worden sind. Allerdings gelang es zumindest den jugoslawischen Kommunisten die Früchte ihres Sieges selbst zu genießen (1948: Bruch zwischen Stalin und Tito). Die ju­goslawischen Kommunisten bejahten von Anfang an den Ge­samtstaat, hatten aber ein föderalistisches Konzept (da­her gab es eine eigene KP Sloweniens, Kroatiens usw., vgl. Bartl 91); die jugoslawische KP bestand übrigens seit 1921, allerdings in der Illegalität.

 

4. Die Slowenen zwischen Widerstand und „Titoismus“

Für Slowenien bedeutete dies, dass in diesem zutiefst katholischen Land Vertreter einer politischen Ideologie die Führung im „Volksbefreiungskampf“ übernahmen, die bei einem großen Teil der Bevölkerung keine große Zustimmung finden konnte, zumal ja die Kommunisten das Gesellschafts­system und somit die Eigentumsverhältnisse grundlegend verändern wollten. Ihre Taktik, vordergründig für die Be­freiung des Volkes zu kämpfen, hintergründig aber die Ziele der kommunistischen Revolution zu verfolgen, wurde von vielen durchschaut. Doch diese Entwicklung war für die Slowenen verhängnisvoll, weil sie zu einer Polarisierung beitrug. Viele Slowenen, die mit den von den Deut­schen über sie gebrachten Verhältnissen alles andere als einverstanden waren, sahen den Kampf gegen den Kommunismus als eine vordringliche Aufgabe an – analog, wie auch die Tito-Partisanen die Eliminierung der Domobranzen (und königstreuen četniks) als vorrangig betrachtet haben; 1943 wurde die slowenische Heimwehr (Domobranci) gegründet, die gegen die kommuni­stischen Partisanen eingesetzt wurde. Damit nahm der Kampf um nationale Befreiung die Dimension eines Bürger­kriegs an (vgl. u.a. Geschichte 130f.) und am Ende des Krieges wurde die Nazifremd­herrschaft durch die kommunistische Diktatur, die sich formal demokratisch präsentierte, abgelöst, die dann mit den Antikommunisten brutal abrechnete: zehntausende Slowenen wurden in den Urwäldern der Gottschee erschossen darun­ter 12 000 sehr junge Menschen! (was bei Bogataj 106 und in „Geschichte“ 130f. nur angedeutet wird). Auch für die Vertreibung der Deutschen und die Verschleppungen von Kärntnern sind die Kommunisten verantwortlich gewesen; ebensowenig, wie man die Naziverbrechen den deutschen Behörden, Beamten und Solda­ten pauschal zuschreiben darf, ist in diesem Zusammenhang auch eine pauschale Verurteilung der Partisanen und des Widerstandes entschieden abzulehnen. Da wie dort trugen Einzelpersonen die Haupt­verantwortung und machten andere Personen durch die Erteilung von entsprechenden Befehlen zu Mitschuldigen. Nicht nur in Kärnten, auf dem ganzen slowenischen Gebiet spielte sich der Kampf zwischen nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur mit seiner ganzen Grausamkeit ab – sich neutral, abseits zu halten, war unmöglich (so Bogataj 55). Und ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelten für das Verhältnis zwischen Slowenen und Deutschen (bzw. Österreichern) die Worte des slowenischen Publizisten Mirko Bogataj: „Der Weg des Friedens ist der Weg der Wahrheit. Wahrhaftigkeit ist ebenso wichtig wie die Bereitschaft zum Frieden. Sollen für die eigene Sache günstige Wahrheiten geglaubt werden, so muss man auch den Mut haben, Tatsachen auszusprechen, die für eigene Sache nicht günstig sind“ (so Bogataj 104).

Zum Abschluss einige weitere Bemerkungen. Wie schon die slowenische Historikerin Tamara Griesser-Pečar  festgestellt hat (sie ist Mitarbeiterin am Študijski center za narodno spravo [Studienzentrum für nationale Versöhnung] in Laibach/Ljubljana und Verfasserin des Buches Das zerissene Volk.  Slowenien 1941-1946. Okkupation, Kollaboration, Bürgerkrieg, Revolution“, Wien 2003), war für die von Tito geleiteten jugoslawischen Partisanen der sogenannte „innere Feind“ ebenso wichtig wie der äußere, was bedeutete, dass sowohl die Armeeführung als auch die Kommunistische Partei (und ihr slowenischer Zweig) die Eliminierung der Domobranzen (und königstreuen četniks) als vorrangig betrachtet haben; erst danach kam dann der Kampf gegen die Okkupanten, denn die von den Kommunisten monopolisierte und instrumentalisierte „Befreiungsfront“ (OF) brachte mehr Energie auf, (sogenannte) Kollaborateure und Verräter als „Volksfeinde“ zu vernichten, als für den eigentlichen Volksbefreiungskampf; Massaker an wirklichen oder vermeintlichen Gegnern gab es aber schon in den Jahren 1942 im Karst/Kras sowie 1943 in der Gottschee/Kočevje (und anderswo). 1945 war die kroatische Armee auf ihrer Flucht vor den Kommunisten ins Schlepptau der sich zurückziehenden Wehrmacht nach Kärnten gelangt und hatte sich in Bleiburg/Pliberk den britischen Truppen ergeben (dazu vgl. Rulitzʼ Monographie). Deren Angehörige wurden dann aber an die Partisanen ausgeliefert, die sie ermordet haben. So wurde der Gottscheer Hornwald zum Massengrab, auch für viele Slowenen, die bis 1946 auf der „falschen“ Seite standen. Die Massaker an den Domobranzen als Teil der Liquidierung der „bürgerlichen Klasse“ war lange Zeit Partei- und Staatsgeheimnis und blieb als Thema über Jahrzehnte hinweg tabu (bis in die Zeit der 1991 erlangten Unabhängigkeit Sloweniens). In einer solchen Tradition stehen noch heute viele der sogenannten „Antifaschisten“, was hier ausdrücklich festgestellt sei. In Slowenien selbst kam es vermehrt erst nach der Jahrtausendwende zu einer offiziellen Anerkennung („Entdeckung“) der Massengräber in den Fels- und Erdspalten im Karstgebiet, in stillgelegten Steinbrüchen, im Hornwald – nicht nur in unbewohnten oder dünn besiedelten Gebieten, sondern auch in der Nähe von Siedlungen. Dies führte dann zu staats­anwaltschaftlich gedeckten polizeilichen Untersuchungen. Daher sollte für eine Traditions­pflege des Titoismus und eine Verklärung des untergegangenen Jugosla­wien, in dem man vielfach die gemäßigte Variante eines kommunistischen Staates erblickte, heute kein Platz mehr sein (siehe dazu meine Bemerkungen im Vorwort zum Buch von Rulitz). Dies gilt mutatis mutandis auch für unsere „rechten“ rückwärtsgewandten „Nationalen“, die im „Dritten Reich“ die letzte Chance für die Wiedererrichtung eines mächtigen Deutschen Reichs sehen. Doch der Nationalsozialismus war weder „national“ noch „sozialistisch“, sondern hat das Bekenntnis zum Deutschtum der von ihm verführten Personen zur Umsetzung seines militärischen Größenwahns und seiner rassistischen Vorstellungen schamlos missbraucht und somit das eigene Volk in den Abgrund geführt.