Apfelsinenstern
© Elsa Rieger & R. Ritch Funke 2004
Als Babsi
fünf Jahre alt war, bekam sie einen
grünen Außerirdischen geschenkt. Ihr Vater, der von Beruf Astrodingsbums
war,
hatte ihn ihr mitgebracht. Weil Babsis Lieblingslied „Fred vom Jupiter“
war,
taufte sie den Grünen „Fred“. Babsi
wollte ihm einen Ehrenplatz in ihrem
Puppenregal geben. Doch irgendwie passte Fred nicht so recht zu den
anderen –
neben der hübschen Barbie mit dem goldenen Haar wirkte er
hässlich und neben
dem Pony „Windgeschwind“ machte er auch keine gute Figur. Babsi stellte
ihn mal
hier-, mal dorthin, doch egal in welcher Gesellschaft sich Fred auch
befand,
immer wirkte er fremd. Außerirdisch eben, wie Babsis Vater sagte.
Babsi wollte, dass Fred sich gleich wie
zuhause fühlen sollte und setzte ihn mitten auf ihr Kopfkissen,
das mit einem
großen runden Mond und vielen kleinen gelben Sternen bedruckt
war.Da
saß er nun, der Fred. Sein Fell war
giftgrün und aus langem, dünnen Haar. Der Körper war wie
eine verbogene Birne
geformt und leicht verdreht, wo sein Kopf war. Seine Füße
waren dick und groß.
Die blitzblauen Augen lugten unter dem Pony hervor und Babsi dachte:
Braune
Augen würden ihm besser stehen zu dem Giftgrün ...Dennoch
mochte sie ihn. Irgendwie kam es ihr
vor, als streckte er seine dünnen unbehaarten Hände, die aus
dem Birnenkörper
neben dem Kopf wuchsen, nach ihr aus, um sie zu umarmen. „Vati“,
fragte Babsi, als sie abends neben Fred im
Bett lag, „was macht ein Astronodingsbumms
eigentlich so den ganzen Tag?“
Der Vater
öffnete das Fenster des
Kinderzimmers und winkte seine Tochter zu sich. „Guck mal“,
sagte er und deutete auf die
vielen funkelnden Punkte am Nachthimmel, „diese Pracht anzuschauen,
das macht
ein Astrodingsbumms, oder Astronom, wie wir Großen das
nennen“
„Und am Tag,
wenn die Sonne scheint, dann hat
ein As-tro-nom gar nichts zu tun, oder?“
„Oh doch!“,
erwiderte der Vater, „Am Tag
schaut er sich die Fotos an, die er in der Nacht von den Sternen
gemacht hat.“
„Warum?“,
fragte Babsi.
„Na ja,
damit wir erfahren können, wie groß
die einzelnen Sterne sind und wie weit das Universum reicht. Das geht
unendlich
weiter, dieses Weltall und wir müssen das dauernd erforschen, weil
wir ständig
etwas neues entdecken.“
„Schrecklich,
bähhhh“, rief Babsi und bekam
eine Gänsehaut.
„Wieso denn?“
„Dass etwas
furchtbar weit ist und nie
aufhört, ist mir zu gruselig.“
„Also ich
finde das ganz schön spannend, Maus. Du brauchst keine Angst
zu haben“, beruhigte der Vater und drückte Babsi ganz fest an sich.
Als ihre
Gänsehaut wieder verflogen war,
wollte das Mädchen wissen, ob Fred wirklich vom Jupiter kam.
„Das ist
eine
gute Frage, tja, lass uns mal schauen...“, sagte der Vater und zog eine
wichtige Miene.
„Siehst du dort den großen Stern, den
hellsten von allen? Das ist
der Polarstern und ganz dicht bei ihm ist ein klitzekleiner
Planet, so
wie unsere Erde, und von dort kommt Fred.“
„Polarstern?
Wohnen dort Eisbären oder
Pinguine? Müsste Fred dann nicht auch ein ganz dickes, flauschiges
Fell haben?
Sonst friert er doch. Er hat so lange dünne Haare, aber man kann
die Haut
sehen, also muss ihm furchtbar kalt sein dort “, sprudelte es aus Babsi
heraus.
„Armer Fred“, meinte sie noch und holte ihn vom Kissen in ihre Arme.
„Aber nein,
Babsi, die Freds müssen nicht
frieren. Der Polarstern heißt nur so, weil er in die Richtung
unseres Nordpols
hier auf der Erde zeigt und wenn du ihm folgst, dann triffst du
vielleicht
einen Eisbären. Der Polarstern selbst ist ganz warm wie unsere
Sonne und
scheint auf Freds Planet.“
„Ach so“,
sagte Babsi, „das verstehe ich. Und
wenn die Freds jetzt grade aus dem Fenster schauen und unsere Sonne
sehen, dann
sagen sie zu ihr vielleicht Apfelsinenstern, weil sie in die
Richtung
zum Obstladen zeigt. Richtig so?“
„Genau,
Babsi, das hast du sehr
wissenschaftlich erklärt“, lobte der Vater.
„Dann ist
wis-sen-schaft-lich, wenn man etwas
gut gemacht hat?“
„Durchaus,
Liebes. Wissenschaftlich ist etwas,
wenn man es ganz genau und gut gemacht hat.“
Nun war
Babsis Interesse geweckt. Sie freute
sich, mit ihrem Vati ein wichtiges Gespräch zu führen –
sozusagen von
Wissenschaftler zu Wissenschaftler.
„Wo ist denn
der Fred-Planet? Ich kann ihn gar
nicht sehen!“
„Den kann
keiner sehen, weil Planeten wie
unsere Erde kein eigenes Licht aussenden und weil er gaaaanz weit von
uns
entfernt ist.“
„Ach? Wie
weit?“
Der Vater
überlegte kurz.
„Wenn Freds
Sonne in diesem Augenblick einen
Strahl zu uns sendet, dann muss dieser Sonnenstrahl
vierhundertdreißig Jahre
durch das Weltall reisen, bis er bei uns ankommt und wir ihn sehen
können.“
„Ui!“, rief
Babsi und schaute sich ihren Fred genauer an, „so alt bist
du schon? Jetzt ist auch klar, warum du so lange Haare hast, wenn du
vierhundertdreißig Jahre nicht mehr
beim Friseur warst ...“ Sie zählte mit den Fingern „eins, zwei,
... also ich
bin nächstes Jahr sechs und dann komme ich in die Schule.“ Sie
kicherte
vergnügt, dann stutzte sie – eine Sache erschien ihr seltsam.
„Vati? Wenn
du sagst, dass niemand den
Fred-Planeten sehen kann, woher weißt du dann, dass es ihn gibt?“
„Oh“, der
Vater überlegte nun noch
angestrengter.
„Naaa?“
„Das ist
kompliziert ...“
„Ist
kom-pli-ziert auch wissenschaftlich?“
Der
große Astronom grinste und kratzte sich
hinter dem Ohr. „Ja, kompliziert ist sogar ganz doll wissenschaftlich.
Also ...
jeder Planet hat ein Gewicht – ist ja klar, denn er besteht aus Erde
und
Steinen und Wasser und so weiter ...“
„Und
Apfelsinen.“
„Und
Apfelsinen, Äpfeln und Bananen ...“
„Und
Hundehäufchen?“
„Ja, warum
nicht auch Hundehäufchen.“
Babsi lachte
und ihr Vater stimmte lauthals
mit ein.
„Ist alles
in Ordnung bei euch?“, rief Babsis
Mutter aus der Küche.
„Ja, Bea“,
rief der Vater glucksend zurück und
zwinkerte seiner Tochter zu, „wir sind grade ganz doll
wissenschaftlich!“
„Also, was
ist nun mit dem Gewicht?“
„Ach ja, das
Gewicht ... also, das Gewicht
eines Planeten ist riesig groß. Wenn du in unserem Garten hinter
dem Haus mal
versuchst, einen der Ziersteine zu heben, dann musst du dir vorstellen,
dass
unsere Erde so schwer ist wie viele Milliarden dieser Steine ...“
„Milliarden?“
„Milliarden,
das ist die Zahl, die dabei
herauskommt, wenn Du versuchst, mit den Fingern die Sterne zu
zählen.“
„Ui! Viel
mehr als zehn!“
„Genau,
Babsi. So, nun kennen wir schon mal
das Gewicht unserer Erde – Freds Planet wiegt vielleicht genauso viel.
Alle
Planeten umkreisen eine Sonne, die noch viel, viel mehr wiegt als die
einzelnen
Planeten. Wenn ein Planet ein Zierstein wäre, dann wäre eine
Sonne vielleicht so
schwer wie ein ganzer Garten voller Ziersteine. Soweit klar?“
„Hmmm“
„Gut, denn
nun wird es kompliziert. Stell dir
vor, du wärst unsere Sonne und ein Zierstein wäre die Erde.
Nun hältst du den
Stein mit weit abgestreckten Armen fest
und drehst dich dabei ganz schnell im Kreis.“
„Dann wird
mir schwindelig.“
„Genau. Und
dabei kannst du dich dann nicht
mehr auf einem Punkt drehen, sondern gerätst ins Trudeln, richtig?“
„Ja.“
„Je
größer der Stein, desto mehr trudelst du.
Wir großen Astronomen schauen uns unsere Sonne an und sehen
dabei, dass sie
auch trudelt, weil sie unsere Erde und noch ein paar andere Planeten
festhält,
die sich um sie herum drehen. Sie alle ziehen an ihren langen
Sonnenarmen und
so schwingt sie mal hier mal dorthin.“
„Ist das
gefährlich?“
„Nein, das
ist ganz normal – es war schon
immer so und wird auch immer so sein.“
„Und was hat
das nun mit Freds Planet zu tun?“
„Ganz
einfach: Wir schauen uns Freds Sonne an
und sehen dabei, dass sie auch hin und her schwingt. Dann rechnen wir
mit
großen Zahlen ein wenig vor uns hin und stellen fest ...“
„Ja? Was?“
„... dass um
Freds Sonne ein oder zwei,
vielleicht auch drei Planeten kreisen. Und weil wir die große
Trudelzahl
kennen, wissen wir auch ungefähr, wie groß und schwer Freds
Planet ist. Auch
wenn wir ihn mit unseren Fernrohren leider nicht sehen können.“
„Ui!“, rief
Babsi begeistert, „das verstehe
ich! Bin ich nun auch ein Wissenschaftler?“
Der Vater
nahm sie in den Arm und drückte sie
voller Stolz an sich. „Für mich bist du die größte
Wissenschaftlerin des ganzen
Universums.“
„Und wie
konnte Fred zu uns kommen?“
„Ich glaube,
dass unser grüner Freund nur ein
kleines schlaues Mädchen finden wollte, das sich für die Welt
der Sterne
interessiert. Dann hat er sich auf einen Sonnenstrahl seines
Polarsterns
gesetzt und ist mit ihm den ganzen langen, weiten Weg bis zu meinem
Arbeitsplatz gereist, weil er gehört hatte, dass ich der Vater
eines Mädchens
bin, dessen Freund er gerne sein möchte. So, Babsi, Zeit zum
Schlafengehen.“,
sagte der Vater, gab ihr einen dicken Kuss auf die Nase und ging
fernsehen,
weil es gerade einen interessanten Film über was? Na klar,
über Astronomie gab. Babsi
kuschelte sich unter die Decke und
setzte Fred neben ihr Gesicht auf das Kissen. Das Nachtlicht tauchte
das Zimmer
in einen rosa Schein und das giftige Grün von Freds Fell wurde
dadurch dunkler
und milder. Viele wissenschaftliche Gedanken kreisten in ihrem Kopf –
wie
Planeten um eine Sonne. Wenn Fred wusste, dass es mich gibt,
dachte sie,
dann kann er unmöglich vierhundertdreißig Jahre unterwegs
gewesen sein, denn
so alt bin ich ja noch lange nicht. Sie nahm sich vor, gleich am
nächsten
Morgen diese Sache mit ihrem Vati zu besprechen.
„Irgendwann, wenn ich groß bin, dann werde
ich auch Astronom und
bringe dich zurück nach Haus – das verspreche ich dir, lieber
Fred. Und du
zeigst mir dann all die spannenden Dinge, die wir finden, wenn wir auf
deinem
Planeten in die Richtung des Apfelsinensterns schauen.“ Als Babsi
eingeschlafen war, flüsterte der
grüne Fred ihr ganz leise ins Ohr: „Du musst nicht alles glauben,
was die
großen Astrodingsbums erzählen, aber die Sache mit
dem Ritt auf dem
Sonnenstrahl ist wahr. Ich werde dir zeigen wie das geht, und dann
fliegen wir
zusammen zum echten Apfelsinenstern, den ihr Polarstern nennt.“
Babsi wurde von einem kräftigen ‚Hatschi’ geweckt. Ein
Sonnenstrahl, der
schräg durch das Fenster blinzelte, hatte ihre Nase gekitzelt. Als
sie ihre Augen wach gerieben hatte, fiel
ihr der grüne Fred wieder ein und sie blickte zu der Stelle auf
dem Kissen, wo
sie ihn am Abend hingesetzt hatte. Aber dort war er nicht. Mit einer
Kopfüber-Rolle schaute sie unter dem Bett nach. „Fred? Wo bist du
denn?“ Auch hier war er
nicht zu finden.
„Kortrp, Babsi!“, brummte es hinter ihr. Sie
setzte sich im Bett auf und schaute zum Fenster ... Vor Verwunderung
riss sie
die Augen ganz weit auf, denn der grüne Fred stand auf dem
Sonnenstrahl, der
sie wach gekitzelt hatte, wie auf einem Surfbrett. Mit den seitlich
ausgestreckten dünnen Armen
das Gleichgewicht haltend, balancierte er auf dem Strahl, grinste und
sagte
wieder: „Kortrp, Babsi!“
„Wie? Was heißt denn das?“
„Das ist alrukabanisch und bedeutet: Komm,
spring auf, Babsi“, sagte Fred und machte eine einladende Handbewegung.
„Bin ich nicht zu groß, um auf dem
Sonnenstrahl stehen zu können?“
„Ach wo, kortrp!“
Babsi stand auf und ergriff Freds Hand. Hopp!
Schon stand sie neben ihm auf dem Strahl, der fest war und sich wie ein
Brett
anfühlte unter ihren nackten Füßen.
„Wollen wir? Ich brauche nämlich deine Hilfe
...“
„Aber ich bin doch nur ein Kind, ich kann doch
nichts ...“
„Du bist ein kluges Kind und außerdem bin
ich
extra bei dir gelandet, also bei deinem Vater, weil du die einzige
bist, die
uns Grünen vom Alrukaba helfen kann!“, erklärte Fred,
während das Sonnenlicht
sie umfing. „Ha! Wir sind ja schon unterwegs!“, quietschte
Babsi und hielt sich fest an dem Außerirdischen, der jetzt
merkwürdigerweise so
groß war wie sie und sich warm anfühlte - wie ein Lebewesen
aus Fleisch und
Blut.
„Was dachtest du denn, wir haben keine Zeit.
Mein Volk ist in höchster Not und du, ja nur du kannst uns daraus
befreien.
Darum surfen wir jetzt zum Polarstern, lortrp!“
„Lortrp? Was heißt das nun wieder?“, fragte
das Mädchen und löste vorsichtig ihre Hand von Freds Arm. Sie
fiel nicht
runter, ganz fest konnte sie auf dem Strahl stehen, der steil nach oben
führte
und sie beide ins Weltall hochzog.
„Das heißt Hoffnung. Du bist unsere
Hoffnung,
Babsi“, sagte Fred und strahlte sie an.
„Was muss ich denn tun?“ Sie wurde nun sehr
neugierig, während sie den Spaß des Sonnensurfens schon
richtig genießen
konnte.
„Später, Babsi, quortrp. Ehe du wieder
fragst,
das heißt: Geduld. Pass auf, gleich kommen wir an eurem Mond
vorbei ...“
Und wirklich, schon grüßte der Mann im
Mond
herüber. Es war ein Astronaut, der gerade einige Gesteinsproben
sammelte und
sich verwundert hinter dem Ohr gekratzt hätte, wenn das in einem
Raumanzug möglich
wäre. Babsi kam gerade noch dazu, ihm zuzuwinken und schon waren
sie vorbei. Rund um sie funkelten die Sterne, die
Milchstraße zog sich wie ein endloses Band - unzählige
Sonnen, die fröhlich vor
sich hintrudelten.
„Fred? Ich
hab Angst ...“
„Aber nein,
Babsi, wir reisen ganz sicher, bis
auf ... duck dich! Schnell!“, warnte er und schon flogen ihnen kleine
und
größere Steine um die Ohren.
„Meteoriten“,
erklärte Fred, „wenn sie auf die
Erde fallen, werden sie zu Sternschnuppen und du darfst dir was
wünschen.“
„Ziersteine
und Hundehäufchen“, gluckste sie
und Fred musste lauthals lachen.
„Es ist
nicht mehr weit. Siehst du das
Sternbild des kleinen Bären? An seinem Ende befindet sich der
Polarstern – auch
Alrukaba genannt – doch wir Freds nennen ihn lieber Apfelsinenstern.
Ui, kleiner Bär, dachte Babsi, also Eisbären und
keine
Pinguine.
Laut sagte sie: „Wie ist
es denn so im kleinen Bären?“
Kaum hatte sie das
gefragt, legte sich Fred mit dem ganzen Gewicht nach rechts. Das
Sonnenstrahlensurfbrett machte einen Schlenker und schon zogen sie in
Richtung Ursa minor,
wie der kleinen Bär von den
großen Astronomen genannt wurde. Still und dunkel war es dort.
„Da ist nichts.
Gar nichts ... zwischen den Sternen“, sagte Babsi erstaunt.
„Doch, doch, quortp. Warte
nur, bis sich unsere Augen an den schwachen Widerschein der Planeten
gewöhnt
haben.“
Das Mädchen hatte es sich
ganz anders vorgestellt: Ein richtiger kleiner Bär, der sie
willkommen hieß,
der sich vielleicht kraulen ließe und mit dem man herumtollen
könnte. „Warum nennen die
Astronomen es einen Bären, wenn gar keine Bären da sind?“,
fragte sie
enttäuscht.
Fred zuckte mit den
Schultern. „Ich weiß nicht. Die Großen haben halt manchmal
seltsame
Phantasien.“
Sie waren
dem Polarstern ganz nahe gekommen.
Er war warm – genauso wie Vati es gesagt hatte. Und in einiger
Entfernung
konnte Babsi nun auch Planeten entdecken. Sie zählte mit den
Fingern: „Eins,
zwei, drei ... vier!“ Der dritte Planet, der den Stern umkreiste,
war so grün, wie das Fell seiner Einwohner. Unzählige
grüne Freds empfingen sie mit lautem
„Urraypr!“, was soviel wie „Hurra!“ bedeutete. Sie geleiteten das
Mädchen in
ein großes Observatorium, in dem ein riesiges Teleskop stand. Der
Oberwissenschaftler wandte sich mit einer tiefen Verbeugung an Babsi
und sagte:
„Schau durch das Fernrohr. Wir haben festgestellt, dass unsere Sonne
trudelt
und haben Angst, dass uns etwas Schlimmes passieren wird.“ Eine
schwarze Glasscheibe war vor die Linse
geklebt, weil es gefährlich ist, mit einem Fernrohr
ungeschützt in die Sonne zu
schauen. Babsi blickte hindurch und sah, wie der
Polarstern sanft hin- und herschwang. Er war riesig, vierzigmal
größer als die
heimische Sonne und wunderschön aus dieser Nähe.
Wenn Vati das sehen könnte,
dachte sie, der würde sich freuen.
„Ach“, sagte
das Mädchen mit der wichtigen
Mine eines Astronomen, „ihr müsst keine Angst haben. Das ist ganz
normal und
war schon immer so. Ich erkläre es euch ...“ Sie erzählte von
den Ziersteinen
in ihrem Garten und wie es ist, wenn man sich mit ihnen im Kreis dreht
und von
dem Gewicht von Apfelsinen und Äpfeln und all den anderen
komplizierten Sachen,
mit denen ihr Vater seinen Tag verbringt. Nur die Hundehäufchen
ließ sie
diesmal aus, weil sie vielleicht doch nicht so recht wissenschaftlich
waren. Die Freds verstanden Babsis Vortrag und
jubelten erleichtert. Der ganze Planet feierte ein großes Fest zu
ihrer Ehre.
Wackelpudding
mit Waldmeistergeschmack
war das Leibgericht der Freds - sie mampften, schlabberten und
kleckerten und
auch Babsi fand das sehr lecker und lustig. Die Staatskapelle spielte
zum Tanz
auf und alle schüttelten sich im Rhythmus der Musik. Babsi tanzte
mit ‚ihrem’
Fred und drehte anschließend eine Ehrenrunde mit dem
alrukabanischen
Präsidenten – der einzige Grüne, der gar nicht richtig
grün, sondern mehr
türkis war. „So glücklich habe ich unser Volk schon sehr
lange nicht mehr
gesehen!“, sagte der Präsidenten-Fred und schnaufte begeistert,
während er
Babsi durch die Gegend wirbelte. Anschließend fuhren sie das
Mädchen einmal
rund um den Fred-Planeten - den die Wissenschafts-Freds „Alrukaba III“
nannten,
weil er der dritte von vier war – und zeigten ihr all die besonderen
Sehenswürdigkeiten. Die Meere , die voller Algen waren,
schimmerten grün. Aus
ihnen wurde der Wackelpudding hergestellt. Auf dem Land wuchsen
riesige,
tausendjährige Bäume in den Himmel, deren Blätterdach
angenehm kühlen Schatten
bot.
„Und wer
wohnt auf den anderen drei
Planeten?“, wollte Babsi wissen.
„Dort wohnen
unsere Verwandten, die
Schwarzen, Gelben und Roten. Ein mal ihm Jahr treffen wir uns und
feiern ein
riesiges Fest mit schwarzem, gelbem, rotem und grünem
Wackelpudding. Du bist
zwar weiß, aber wir laden dich gern zu unserer nächsten
Feier ein, wenn du uns
etwas leckeres Weißes mitbringst.“
„Natürlich.
Sahne! Mit weißer Sahne
schmeckt der Pudding noch viel besser!“
Das
hörte sich für den
Präsidenten-Fred interessant an – Sahne, Butter, Milch und
Käse kannten die
Freds nicht, da es auf ihren Planeten weder Kühe, Schafe noch
Ziegen gab.
Nach
Abschluss der Besichtigungstour wurde
eine riesige Statue aus grünen Steinen gebaut, die Babsi zum
Verwechseln
ähnelte, und man schuf ein neues Wort: „Babsiprtr“, was soviel wie
„größte
Wissenschaftlerin des Universums“ bedeutete. Dann wandte sich der
türkise
Präsident an Babsis Lieblingsfred und übereichte ihm einen
Orden in Form einer
Apfelsine. Fred war sehr stolz und sein Nacken wurde zum ersten Mal
ganz gerade.
„Wenn wir
etwas für dich tun können,
Erdenmädchen ...“, sagte der Oberwissenschaftler der Freds zum
Abschied. Babsi
überlegte – „Oh ja, vielleicht könnt ihr mir etwas
erklären, was selbst mein
Vati noch nicht weiß ...“
Der Vater saß am Frühstückstisch
und studierte
wichtige Unterlagen für seine Arbeit. „Bea, was ist denn heute mit
unserer
Kleinen los?“, fragte er seine Frau. „Sie ist doch sonst immer eine
Frühaufsteherin.“ Kaum hatte er es gesagt, stürmte das
Mädchen
mit einem Stoß von Papieren die Treppe herunter.
„Vati“, rief sie aufgeregt, „ich bin zum
Apfelsinenstern geflogen. Und so sieht es dort aus ...“
Sie legte eine Zeichnung auf den Tisch. Der
Planet war grün und kleine Freds standen auf ihm und winkten
fröhlich.„Das ist ja wunderschön, Liebes“, lobte der Vater
und sah sich die
Zeichnungen an. Das erste Blatt war typisch für die
Wachsmalkünste eines
kleinen Mädchens, doch die anderen Zeichnungen wurden immer
genauer –
wissenschaftlicher. Das unterste Blatt enthielt Formeln und
komplizierte Berechnungen – „Der Ritt auf dem Sonnenstrahl“ stand am
Rande in
kindlicher Handschrift. Zahlenkolonnen, Zeitfaktoren, alles von
Einsteins
Relativitätstheorie bis hin zu utopischen Antriebstechniken –
Formeln, die zum
Teil nur wenige Wissenschaftler verstanden, aber niemand je entworfen
hatte. Babsis Vater wurde blass. „Woher hast du das?“
„Na, von den grünen Freds natürlich“,
sagte
das Mädchen, „übrigens ist der Polarstern gar nicht
vierhundertdreißig Jahre
entfernt, sondern nur fünf Minuten. Und die Freds haben so lange
Haare, weil
Scheren, Messer und alles was ziept und piekt auf ihrem Planeten
verboten ist.“
Sie drehte sich um, lief in den Garten hinter dem Haus und versuchte
einen
Zierstein zu heben, um die Theorie des Trudelns praktisch zu erproben.
Die Mutter lachte. „Auf welche Ideen unsere
Maus doch kommt, nur um nicht zum Friseur zu müssen, Carsten.
Carsten?“ Der Vater starrte noch immer auf die
Zeichnungen und glaubte zu träumen.
An diesem Tag nahm er sein großes
Mädchen zum
ersten Mal mit zur Arbeit und stellte sie voller Stolz den Kollegen
vor. Mit
stillem Staunen betrachteten sie Babsis Zeichnungen. Dann wurden die
Wissenschaftler plötzlich ganz hektisch und sie bauten nach den
Bildern und
Formeln ein riesiges Fernrohr, das viel empfindlicher war als das alte
und auch
das Licht ferner Sterne viel schneller einfangen konnte. „War das nun
auch kompliziert?“, fragte Babsi
ihren Vater.
„Oh ja, Maus. Aber nur für jene, die nicht
wissen wie das geht“, erwiderte er mit einem Augenzwinkern und kratzte
sich
lächelnd hinter dem Ohr.
Und als die
großen Astronomen ganz genau durch
ihr neues Teleskop schauten, da sahen sie glückliche grüne
Freds, die von ihrem
Planeten aus winkten, „Babsiprtr – Urraypr!“ sangen und keine Angst
mehr hatten
... weil die größte Wissenschaftlerin des Universums ihnen
alles erklärt hatte.
Seit jenem Abenteuer betrachtete Babsi
allabendlich vor dem Schlafengehen den Sternenhimmel und lernte alles
über das
unendliche Weltall.
Heute ist sie eine schöne,
junge Frau und hat selbst eine kleine Tochter. Nun ist sie es, die
ihrem
Mädchen das Trudeln mit den Ziersteinen erklärt und ihr einen
Gutenachtkuss auf
die Nase gibt.
Barbara ist jedoch keine
Astronomin geworden – ihre Arbeitskleidung ist hingegen so selten wie
ein
vierblättriges Kleeblatt auf einer Wildwiese: Eine Ausrüstung
aus festem Stoff,
luftdicht und mit einem großen, gläsernen Helm, in dem sich
die Sterne spiegeln
– der Anzug einer Astronautin. „Lortrp“, flüstert sie in die
Nacht, „es gibt
noch viele dort draußen, die Hoffung brauchen – ich habe es nicht
vergessen,
lieber Fred.“ Leise schließt sie die Tür zum Kinderzimmer,
tapst in ihrem
sperrigen Raumanzug die Stufen zur Küche hinunter, gibt ihrem Mann
einen Kuss
im Vorbeieilen und läuft in den Garten hinter dem Haus. Jetzt muss
sie sich
aber beeilen, will sie zum Frühstück wieder daheim sein ...
und wie der Ritt
auf dem Sonnenstrahl auch bei Nacht funktioniert, erzählt sie uns
vielleicht
ein anderes Mal.


BACK