Rousseau


... UND INNEN SO HEISS

Seufzend richtet Ida sich auf. Mit der gesunden Hand reibt sie sich den Rücken. Dann schlurft sie zum Gartentisch und lässt sich in einen Sessel fallen. Ida beobachtet den Himmel, dunkle Gewitterwolken verdrängen allmählich die Bläue. Es ist sehr heiß, schwül eigentlich. Ida will den Schweiß von ihrer Stirn wischen, vergisst natürlich auf die Gipshand und stößt sich die Nase daran. Der Schmerzlaut, den sie unwillkürlich ausstößt, ist ärgerlich.
Sie blickt auf das von ihr mit soviel Mühe aus dem Boden gerissene Unkraut, das auf dem Rasen liegengeblieben ist. Noch einmal steht sie auf und bückt sich danach. Ida trägt es zum alten Garagenplatz - hier hat immer das Auto gestanden, als ihr Mann noch lebte - und breitet es zum Trocknen aus. Es würde sich dann später besser zusammendrücken lassen und in der Mülltonne weniger Platz einnehmen.

Ja, sparsam war sie immer schon. Das sieht man ihr auch an. Sie trennt sorgfältig ihr ‘Gartenstrümpfe‘ von den ‘Einkaufsstrümpfen‘ und den ‘Ausgehstrümpfen‘. . Die ‘Ausgehstrümpfe‘ halten am längsten.
Ab und zu wird sie von ihrer Tochter zum Essen ausgeführt. Das mag Ida gar nicht. Ihr wäre es lieber, die Tochter würde sie einfach besuchen und mit ihr zu Hause essen. Denn kaum sitzen sie im Restaurant, fangen diese schrecklichen Hände zu zittern an. Je mehr sie daran denkt, desto stärker wird es und dazu steigt diese innere Hitze hinauf bis zum Kopf, macht sie konfus. Oft muss sie auf das bestellte Essen verzichten, sie kann den Löffel einfach nicht zum Mund führen. Ida sagt dann trotzig, es schmecke ihr nicht. Die Tochter übersieht geflissentlich die Bemühungen Idas, um es ihr nicht noch peinlicher zu machen. Aber auf die Restaurantbesuche will die junge Frau nicht verzichten - sie mag das Essen nicht, das Ida kocht. Es ist ungesund. Ida kocht mit Schweineschmalz und viel Mehl. Altmodisch und sparsam, eben wie alle, die den Krieg erlebt haben.

Dieses blöde Zittern, denkt Ida, während sie ins Haus geht. Immerhin hat sie mit diesen unsicheren Händen zwei Kinder großgezogen, immerhin kann sie Teppiche knüpfen und schöne
Sachen stricken, tröstet sie sich. Der Doktor sagte damals, es wäre der Schock. Als ihr erster Sohn gestorben war, fing das an mit ihren Händen. Er war sechs Jahre alt, es war Krieg, und sie konnten nichts für ihn tun, im Spital. Sie dachten, es sei eine Erkältung. Als sie erkannten, dass es Diphtherie war, war es zu spät.
Wenn sie zum Friedhof geht, kommen die ‘Einkaufsstrümpfe‘ dran, denn Ida verbindet den Besuch bei ihren Erinnerungen meist mit einem Gang auf dem Markt.

Nachdem sie Kaffee gekocht und in sich hineingezittert hat - im Moment ist es noch schlimmer wegen der gebrochenen Hand - schaltet sie den Fernseher ein. Bald entspannt sich ihr Gesicht, ihre Mimik passt sich der der Darsteller an. Idas Gesicht wird ganz jung, als der Liebhaber das Mädchen umarmt. Weggefegt sind die Jahre der Witwenschaft, der Leere. Befriedigt,  denn der Film war wirklich schön,  drückt sie auf den Ausknopf. Die plötzliche Stille beängstigt sie. Keines ihrer Kinder hat sich heute telefonisch bei ihr gemeldet. Ida nimmt den Schlüssel vom Haken und dreht überall das Licht an. So sparsam sie sonst auch ist, aber allein im Haus, das Tor noch unversperrt, da fürchtet sie sich.
Ida, die bei Bombenalarm nie in den Schutzkeller gegangen ist, sich einfach geweigert hat, weil ihre Tochter eine Stauballergie hatte und im Keller immer so schrecklich husten musste, fürchtet sich vor Einbrechern.
Wie alles vorsorglich versperrt ist, geht sie ins Badezimmer. Das Waschen fällt ihr schwer, nur mit der linken Hand. Manchmal vergisst sie den Gips und das Wasser rinnt hinein. Das reibt und juckt. Eine Woche noch, dann bin ich den Gips los, denkt sie. Endlich liegt sie zwischen ihren geflickten Leintüchern, denn obwohl gute Bettwäsche vorhanden ist, wird sie nicht verwendet, solange die alte nicht zerfällt. Das Fenster hat sie einen Spalt offen gelassen. Ida leidet schon wieder unter der Hitze, die mit der Außentemperatur jedoch nichts zu tun hat. Ihr ist immer zu heiß. Sogar im Winter, wenn alle schon vor Kälte bibbern - Ida heizt nur wenig -  läuft sie noch in kurzärmeligen Pullovern herum. Warum sie in ihrem hohen Alter noch solche ‘Hitzen‘ hat, fragen sich dann alle verwundert. Ob ihr Körper zuwenig Liebe bekommen hat in ihrem Leben und deshalb nicht kälter werden kann? So flüstern die Jungen, die der sexuell aufgeklärten Generation angehören. Ida dachte bis kurz vor ihrer ersten Niederkunft, das der Bauchnabel der Geburtsweg ist.
Ida horcht auf! Da ist jemand im Garten! Der Kies knirscht, weil irgend jemand darüber schleicht.
Jetzt sind Kratzgeräusche vor ihrem Fenster. Ida nimmt allen Mut zusammen und dreht das Licht aus, damit man sie nicht sehen kann. Schweißnass klebt das Nachthemd an ihrem mageren Körper. Im Finstern tastet sie sich zum Fenster und späht angestrengt durch den Vorhangspalt in die Dunkelheit hinaus.

Ein kleiner, weißer Schatten springt auf dem Baum vor dem Haus von Ast zu Ast und verursacht so die angsterregenden Geräusche. Das Kätzchen hüpft auf den Kies zurück, spielt mit den Steinchen und trollt sich endlich. Ida findet das gar nicht lustig. Sie ist wütend auf ihre Angst, auf das Vieh, das sie aus der Geborgenheit ihres Bettes getrieben hat. Sogar ein neues Nachthemd muss sie anziehen. Sie wirft das nasse, klamme in die Ecke. Sie legt sich wieder hin.

Und nun beginnt die Nacht. Leise grollt der Himmel, das Gewitter entlädt sich anderswo und die Hitze lässt nicht ab von Ida.



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