Steigende Nebel
Irgendwann kommt
der Zeitpunkt, da verlässt du deine Mutter. Natürlich lässt
du auch den Vater zurück, aber dem fällt das nicht auf, da er ja
in dem traditionellen Familienspiel den Part des Geldheranschaffens übernommen
hat, und du die Wochenenden — sein Heimspiel — schon als Kind lieber mit
deinesgleichen rumgebracht hast.
Irgendwann verlässt du deine Mutter und merkst es kaum.
Du bist jung, schön und verliebt. Die Zeit deiner Kindheit rückt
mitsamt der Familie ins nebelige Abseits an der Rand der Welt. Mit großen
Schritten und wehendem Haar stürmst du ins Leben hinaus — vor soviel
Energie bleibt deiner Mutter die Luft weg.
Sportsgeist zeichnet deine Eheschließung aus; du hast ihn bekommen,
du warst fair der Rivalin gegenüber, du hast dir nichts vorzuwerfen.
Nach zwei Jahren „Honeymoon“ gebierst du euren ersten Sohn. Der Vater übernimmt
fast mühelos die ihm zufallende Rolle des Erhalters.
Manchmal, wenn kein Babysitter aufzutreiben ist, holst du deine Mutter
aus dem Abseits, küsst ihr den Nebel von den Wangen und bittest sie,
die Kinder — es sind jetzt drei — zu hüten, weil ihr auf einen Ball
geht. Am nächsten Morgen, als sie aus dem Gästezimmer zu dir
in die Küche kommt, weißt du, sie hat euren nächtlichen
Krach mitbekommen. Noch ehe sie etwas sagen kann, reagierst du ungeduldig.
Du sagst: „Danke für‘s Babysitten, grüß Vater!“ und schickst
sie weg, sobald sie ihre Kaffeetasse ausgetrunken hat.
Selbstverständlich wird sie deine Ehekrise mit deinem Vater diskutieren,
nicht aus Klatschsucht, aus Sorge. Er verkriecht sich hinter raschelnden
Zeitungsseiten.
Du eilst weiter durch Tage, Monate, Jahre und auf einmal schmerzt es nicht
mehr, dass dein Mann eine Geliebte hat. Du bist irgendwann aus dem gemeinsamen
Schlafzimmer ausgezogen, hast es dir im Gästebett gemütlich gemacht.
Du tröstest dich damit, dass dich nun sein Schnarchen nicht mehr stört;
dafür klingt in deinen Ohren die knallharte Musik aus dem Zimmer der
ruppigen Halbwüchsigen, die einmal deine Kinder waren.
Leise sticht die Eifersucht, deine Mutter ist ihre Vertraute. Deine Sorge
um die Kinder hat sie dir entfremdet. Deine Sorge, wenn sie sich die Nächte
um die Ohren schlagen, morgens ohne Frühstück zur Schule hetzen
— die sie ohnehin als öden Zeitverlust betrachten. Sie mögen
es nicht, wie du sie mit vorwurfsvollen Augen ansiehst und werfen dich
raus aus ihrem Leben.
Du flüchtest dich in die verschiedensten Aktivitäten. Sie heißen:
Turnverein, Töpferkurs, Yoga, Stricken. Weitere Jahre vergehen.
Schließlich sitzt du in einem Berg von Selbstgestricktem und fragst
dich, was das soll.
Die Kinder haben die ungestüme Zeit gottlob heil hinter sich gebracht.
Sie sind mit wehendem Haar hinaus ins Leben gestürmt und haben dich
im Nebel ihrer Kindheit zurückgelassen. Ebenso deinen Mann, der mittlerweile
wieder zu dir zurück gefunden hat, sich seine Wunden von dir lecken
läßt. Aber der kriegt das Erwachsenwerden der Kinder kaum mit; sie
haben ja schon immer die Wochenenden — sein Heimspiel — lieber mit ihresgleichen
verbracht ...
Da wühlst du dich aus den selbstgestrickten Pullovern auf der Wohnzimmercouch
und gehst zum Telefon.
„Mutter?“, sagst du. „Komm, lass uns den Nebel teilen.“
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