PFINGSTROSENTRÄUME
Auf dem niedrigen
Couchtisch steht ein glatter weißer Krug.
Heuer blühen die Pfingstrosen wirklich zu Pfingsten. Ein seltenes
Ereignis in diesem Klima, denn im allgemeinen ist es Ende Mai zu kühl,
um die Knospen zum Aufspringen zu bewegen.
Der Krug ist dicht gefüllt mit den großen Blütenballen.
Einige sind zartrosa, andere tiefrot, zur Mitte hin fast schwarz. Schwer
neigen sich die Blumenköpfe über den Rand des Gefäßes.
Ein kleiner Junge von eineinhalb Jahren, der — angespornt von den Bravorufen
der Erwachsenen — seine ersten selbständigen Schritte in dieser Wohnung
versucht, wackelt auf den kurzen, dicken Beinchen in das sonnendurchflutete
Zimmer.
Wie Daunenfedern kleiner Küken kringelt sich noch spärliches
Goldhaar im Nacken des Babys. Das Kind lacht, wie es durchs Zimmer torkelt.
Der Junge versteht nicht, worüber die Erwachsenen lachen, doch er findet
es hübsch, wie sie die Lippen öffnen, die Zähne zeigen. Er
selbst hat erst acht kleine weiße Perlen im Mund. Ihm gefallen die
kehligen Laute, die mit dem Lachen aus den großen Menschen hervorkollern.
Es sind ähnliche Töne, wie er selbst sie erzeugt. Das Kind merkt,
dass die Großen Spaß daran haben, wenn es sie nachahmt. Sie lachen
dann entzückt weiter.
Noch findet er die ganze Welt zum Lachen, noch kennt er keine bösen
Blicke, herben Worte. Man nähert sich ihm mit zärtlich glucksenden
Stimmen. Er weiß nichts von Hunger und Durst — ehe er etwas davon
verspüren könnte, wird ihm schon ein Fläschchen mit warmer,
süßer Milch gereicht. Seine blauen Babyaugen schließen sich
im Genuss der wohlschmeckenden Flüssigkeit zu kleinen Schlitzen. Seine
Haut ist rosig und glatt.
In ein, zwei Jahren wird der Junge weiße Zeichenblätter mit
üppigen, bunten Blumen bemalen, zwischen denen Strichmännchen
stehen — Papa, Mama und ich — wird er erklären. Die Streitigkeiten der
Eltern finden hinter geschlossenen Türen statt und nur, wenn er schläft.
Das Baby entdeckt die rosarote Blütenpracht. Es brabbelt und streckt
die Arme danach aus.
Wenn er später den Kindergarten besucht, wird es die ersten Kratzer
auf der bisher makellosen Seele geben. Vielleicht sehnt er sich nach der
Zuneigung eines Kindes, das ihn nicht leiden kann; er wird es akzeptieren
müssen und dann dasselbe einem kleinen Mädchen antun. Das Mädchen
wird weinen, weil es die zugefügte Kränkung nicht verstehen kann.
Später, in der Schule — er weiß bereits um Kriege und Grausamkeiten
durch das Fernsehen, und es ist ihm auch nicht verborgen geblieben, dass
sich in der Familie ähnliche Kämpfe zutragen — hat seine Seele
schon mehrere schwarze Tupfen abbekommen, klein wie Sommersprossen, aber ebenso
dauerhaft. Er zögert, wenn ihm ein Fremder ein Bonbon anbietet — man
weiß schließlich nicht, ob man dafür einen Gegenleistung
erbringen muss. Gekränkt steckt der Fremde die Süßigkeit
selbst in den Mund und geht seiner Wege.
Der Junge wird viel lernen während der Schulzeit; Tritte
einstecken, Tritte austeilen, vor Lehrern buckeln (nach einigen Strafarbeiten
kann man das); er wird gefälschte Unterschriften unter schlechte Zensuren
setzen, weil er die traurigen Blicke der Eltern — hoffentlich wird noch
was aus dem Jungen! — unerträglich findet.
Und wenn ihm unerwiderte Liebe fast das Herz zerreißt, wird er
trotzdem cool und lässig nicht einmal hinsehen, wenn die Angebetete
vorüberschwebt. Er wird einen Joint zur Beruhigung kiffen. Die Eltern
werden dahinter kommen und zitternd hoffen, dass er seinem Körper nichts
Schlimmeres antut.
Die Pfingstrosen sind voll erblüht. Da fährt ein Windstoß
durch das Fenster herein, streift die Blumen. Zwei rosa Blütenblätter
lösen sich und fallen auf den Tisch. Erstaunt schaut der Junge die
losgetrennten Blätter an, dann hebt er den Kopf zu den Erwachsenen,
die hoch über ihm auf ihn herablächeln. Das Kind zeigt fragend
auf die Blumen — das Bälle sich zerteilen können, ist ihm neu.
Zum Leidwesen der Eltern wird der Sohn zu einem radikalen Soziologiestudenten.
Er ist aktenkundig bei der Polizei, weil er keine Demonstration gegen Hunger
und Krieg auslässt.
Vielleicht hätten wir nicht alles fernhalten sollen von ihm ‚ überlegen
die Eltern, dann hätte er sich besser damit anfreunden können,
dass der Anteil der Zerstörer dieser Welt nun mal hoffnungslos groß
ist...
Er wird in eine Wohngemeinschaft von Hausbesetzern ziehen, weil er die
sorgenvollen Gesichter der Eltern nicht mehr sehen kann.
Nach Beendigung des Studiums schließt er sich einer Gruppe von
Entwicklungshelfern an und reist nach Afrika.
Mit dreißig kommt er zurück, die Seele verdunkelt vom Kummer,
den hilflosen, nutzlosen Anstrengungen der letzten Jahre.
Bitter lächelt
er: „Die Babys sterben wie die Fliegen an den ausgezehrten Brüsten
ihrer Mütter. Weiß der Kuckuck, wohin das viele Spendengeld verschwindet ...
Diese Welt ist dreckig.“
Zwei unsichere Babyschritte trennen den kleinen Jungen noch von dem
Krug. Er bewältigt sie ohne fremde Hilfe. Langsam streckt er die Arme
aus ... Er wird die Rosen abreißen, zerpflücken, fürchten
die Erwachsenen.
Doch er legt die kleinen, runden Hände behutsam um eine der Blüten.
Verwundert befühlt er die kühle, seidige Pfingstrosenhaut. Ein
süßes Lächeln spielt um den winzigen Mund, sanft streichelt
das Baby den rosigen Ball.
BACK