Es war Miguels erster
Landgang seitdem man ihn
als lebendes Beutegut der Fleute schanghait hatte und er genoss
die
vermeintliche Freiheit. Die letzten Jahre hatte er als Leichtmatrose
auf einem
holländischen Handelsschiff verbracht und sich vom Schiffjungen
bis zum
Zimmermann hochgearbeitet – sein Pech war nur, dass die Alhambra
grade
einen Zimmermann gesucht hatte. Freiwillig hätte er nie auf einem
Piratenschiff
angeheuert, schon gar nicht auf einem spanischen, da er die Sprache
mehr
schlecht als recht verstand. Doch nun musste er sich in sein Schicksal
fügen
... oder den letzten Weg über die Planke nehmen.
Seine neuen Kameraden waren hartgesottene
Männer aus allen Teilen der alten und neuen Welt, Mörder und
Frauenschänder,
handverlesene Galgenstricke, denen kein zivilisierter Mensch ein
christliches
Begräbnis zugestanden hätte. Und mittendrin Miguel, ein
Außenseiter und
Fremdkörper in dieser Zwangsgemeinschaft.
Er saß am Steuerblatt, als das Beiboot zum
Strand des Eilands ruderte. Die Männer scherzten und lachten
lauthals und
zahnlos über zotige Witze, die sich allesamt um Frauen und wie man
sie
ranzunehmen hatte, drehten. An den Gestaden standen barbusige
Insulanerinnen
mit bunten Blumenkränzen und winkten – die wenigsten von ihnen
würden den
Besuch der Alhambra später in guter Erinnerung behalten.
Am Abend begann
die Mannschaft, die friedliche Idylle ein für alle Mal zu
zerstören.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Miguel zum ersten
Mal den Kapitän zu Gesicht bekommen und er erschrak bis ins Mark.
In seiner
Vorstellung war ein Piratenkapitän stets der Stärkste der
Gemeinschaft - jener,
der sich mit allen Mittel durchzusetzen vermochte und Angst und
Schrecken unter
der restlichen Brut verbreiten konnte. Doch dieser Schiffskommandant
war eine
Frau – mehr noch, sie war eine junge Dame, groß, schlank, mit
unbändigen roten
Locken, meergrünen Augen und feinen Sommersprossen auf ihren hohen
Wangenknochen. Ihre Haut war weiß wie Elfenbein, gleich einer senhora der feinen Gesellschaft in
Lissabon. Für
Miguel glich sie einem Engel, der die Heerscharen der Hölle
anführte. Das
Gesindel senkte den Blick zu Boden, wenn sie mit ihnen sprach.
Seefahrerlegenden rankten sich um sie – sie war die rote Hexe des
Golfs von
Mexiko. Wer über sie zu berichten wusste, konnte von
Glück reden, lebend
davongekommen zu sein. Was mochte die Mannschaft dazu bewegen, Befehle
von
einem zartem Mädchen entgegenzunehmen, fragte sich der Zimmermann.
Miguel beobachtete seinen Kapitän aus sicherer
Entfernung. Sie spreizte am Feuer vornehm ihre kleinen Finger
während sie an
einem Geflügelschenkel nagte und um sie herum der Schleier des
Bösen über der
Insel lag. Ihre Männer begnügten sich im Rausch nicht mit der
Notzucht, sondern
taten unbeschreiblich grausame Dinge. Doch die rote Hexe, die
man
Guiletta nannte, nahm keine Notiz von ihrer Umwelt, sie nagte die
Knochen, bis
sie so weiß wie ihre Haut waren und tupfte sich das Fett mit
einem
rüschenbestickten Tuch von den blassen Lippen. Ihre Augen, die wie
jene einer
Katze bei Nacht leuchteten, trafen sich mit Miguels. Sie stellte das
Kauen ein
und ihm zog ein kalter Schauer über den Rücken.
„Olá“, rief sie ihm auf portugiesisch vom
Feuer herüber, „hat er keinen Hunger? Komm, setze er sich hier und
leiste
seiner Kaptein’ Gesellschaft.“
Miguel wagte es nicht, zu widersprechen. „Ay,
wenn es Kaptein’ beliebt.“
„Aus Lisboa stammt er? Erzähle er mir von der
Mode der feinen Damen. Welch Gut und Tuch lohnt, bei unserer
nächsten Fahrt zu
kapern? ...“
Am nächsten Morgen stach die Alhambra
wieder in See. Am Strand standen keine winkenden Insulanerinnen mehr
... Iguanas schlichen zwischen den Palmen
umher, nahmen
züngelnd die Witterung auf und ließen die Früchte links
liegen, um sich
fleischlicher Nahrung zu widmen.
Logbucheintrag:
30.
Breitengrad. 24. September 1772.
Bei 15 Knoten Wind
machen wir gute Fahrt mit 130 Seemeilen
Tagessoll. Heute haben
wir Cuba passiert. Wenn der Wind anhält, werden wir bald die Hispaniola kreuzen, die Kurs auf Vera Cruz nimmt.
Die Mannschaft ist
unruhig in der Aussicht auf die bevorstehende Prise. Spanische
Handelsschiffe
sind in der Regel gut bewaffnet und scheuen keine Schlacht zur
Verteidigung
ihrer Güter. Den Männern sitzt der Schrecken in den Gliedern
vom letzten Jahr,
als sie beinahe aufgerieben wurden und nur mit knapper Not entkamen.
Noch haben
wir genügend Rum an Bord, das hält sie bei Laune. Der zweite
Steuermaat führt
ab heute das Ruder – möge er fähiger sein als sein
Vorgänger.
***
Der Deckdienst war
hart und kräftezehrend. Für den Zimmermann gab es jede Menge
Arbeit – viele
Planken der Schaluppe waren morsch oder zerschossen. Miguel fiel auf,
dass die Alhambra
keine Galionsfigur besaß und fragte den Bootsmann in gebrochenem
spanisch nach
dem Verblieb derselben. Der Decksmaat schaute ihn finster an,
entblößte seine
schwarz-fauligen Zähne und zeigte in Richtung der Kaptein’, die
hinter dem
Steuermann stand und jenem wütend Befehle ins Ohr schrie.
„Dort steht unsere
Galion. Die Glypte, die sich eines Tags vom Kiel befreite, um uns
lauthals und
gallig die Richtung zu weisen.“
Miguel war sich
unsicher, ob er die spanischen Worte des Maats richtig verstand. „Ihr
meint,
sie sei die Galion?“, fragte er nach.
Der Maat schloss
seine Augen und flüsterte mit gequältem Ausdruck: „Sim, português ... das zu Fleisch gewordene Wahrzeichen
der Alhambra.
Wir verloren die Galion in einem Gefecht nahe der Bermudas. Sie ging
unter wie
ein Stein. Ein böses Zeichen – nur durch ein Wunder
überlebten wir den Kampf.
Als sich der Nebel lichtete, sahen wir sie auf dem Wasser treiben. Haie
umkreisten sie, doch griffen nicht an. Sie rief uns zu: ‚Zieht mich
hoch, ihr
Affen!’“ Der Maat spuckte aus, dann fuhr er fort: „Du hättest das
Entsetzen in
den Blicken der Männer sehen sollen, português - sie glich
unserer Galion bis
ins Detail. Unser Kapitän erstarrte als sie vor ihm stand und sie
nutzte sein
Erstaunen, indem sie einen Dolch ergriff und ihm das Eisen in den Hals
stach.
Nun ist sie die Kaptein’, so will es unser Gesetz ... das einzige
Gesetz,
welches unsere Bruderschaft akzeptiert. Nur wer von außen kommt,
darf den
Kapitän herausfordern. Willst du es versuchen, unserer Hexe die
Zunge
herauszuschneiden, português? Hast du schon mal gegen ein
Stück Holz gefochten?
... “
Der Schuss eines
Forderladers hallte über das Deck und der Steuermann fiel mit
zerrissener
Schädeldecke über die Reling.
Kaptein’ Guiletta
winkte dem Maat mit ausgestrecktem Arm und schwingendem Handgelenk zu
und rief
hysterisch: „Hol er mir ein fähiges Surrogat!
Und spute er sich, Plankensau, Decksaffe, verdammter Hurenbock!“
Der Bootsmann
rannte Vorschiffs und stieg die Treppe zu den Mannschaftsquartieren des
Zwischendecks
hinunter – „Ay, Kaptein’!“
Miguel war allein
mit Guiletta. Sie verschränkte ihre Arme vor der flachen Brust und
wirkte wie
ein zickiges Gör, das nicht seinen Willen bekam. Doch dann sah sie
zu Miguel
herunter und lächelte – zum ersten Mal. In all ihrer brutalen
Eigenartigkeit
war sie doch von bezaubernder Schönheit in seinen Augen, und seine
Angst wich
einem Gefühl der Hingabe für dieses bizarre Weib. Wäre
er ein Kleingeist
gewesen und hätte an Seemannsgarn geglaubt, dann hätte
vielleicht auch er sich
der Überzeugung hingeben können, dass Guiletta ehemals als
Galionsfigur den
Kiel der Alhambra geschmückt hatte ... auch weil ihr Haar
den Glanz und
ihr Kommando die Härte eines Stücks geschnitzten Amazaque
besaßen.
Der Kontakt zur
restlichen Mannschaft gestaltete sich schwierig für den
Portugiesen. Miguel war
von schmächtiger Statue und des Spanischen nicht mächtig
genug. Die Piraten und
Berufsverbrecher nahmen ihn nicht als ihresgleichen wahr. Und so begann
Miguel
des Nachts mit seiner hölzernen Seemannskiste zu sprechen – sie
hörte ihm zu –
und manchmal, im Rausche des Rums, antwortete sie ihm sogar.
Logbucheintrag: 31. Breitengrad. 27.
September 1772. Keine Kursabweichung.
Heute wurde vom Ausguck ein Schiff
gesichtet. Das muss die Hispaniola sein. Die
Mannschaft macht
sich bereit. Wohl könnte die Schaluppe 20 Kanonen vertragen, doch
bedauerlicher
Weise müssen uns 14 davon genügen. Über die Wanten
entern die Tüchtigsten in die
Takelage hinauf, um die Rahsegel für
den Nahkampf zu prüfen. Nun, da die Alhambra auf
Kaperfahrt ist,
verbessert sich die Stimmung zusehends.
Dieser Português stellt sich gut an mit der
Zimmerei. Doch die Mannschaft wird nicht recht warm mit ihm.
Schmächtig, doch
sehnig gebaut, wie er ist, erwarte ich dennoch seinen vollen Einsatz
bei der
bevorstehenden Schlacht.
***
Mit dem Doppelschlag der
Schiffsglocke waren
die Segel eines spanischen Viermasters mit freiem Auge erkennbar.
Giuletta
schrie ihre Befehle pausenlos über das Deck – die Schaluppe musste
komplizierte
Kreuzmanöver gegen den Wind führen, um mit der
Geschwindigkeit des Spaniers
mithalten zu können, denn es war nicht die Hispaniola, die
am Horizont
erschien, sondern eine Galeone mit dem Namen Esperanza - der
berüchtigste Piratenjäger der Karibischen See.
Das Schiff
besaß vierstöckige Kanonendecks, die bei einer
richtig-platzierten
Breitseite ausreichten, um die Hafeneinfahrt von Santa Cruz in Schutt
und Asche
zu legen. Die Esperanza war jedoch auf Grund ihrer
Größe nicht in der
Lage, schnelle Wendemanöver durchzuführen. Das war die Chance
der Alhambra
- ihre einzige Chance, käme es zu
einem
Gefecht.
Die Taue waren bereits
blutdurchtränkt, die Haut der Handflächen hing in Fetzen, so
sehr legten sich
die Männer ins Zeug.
Es war eine
ungleiche Jagd – ein Wiesel gegen einen Löwen. Die Kaptein’
richtete ihren
Blick voll Verbissenheit gen Horizont – sie wollte das große
Tier mit
allen Mitteln zur Strecke bringen. Ein Kanonier wagte zu erwähnen,
dass es
keinen Sinn mache, ein Kriegschiff kapern zu wollen, da es außer
Gefahr keine
Beute versprach. Und selbst wenn sie es hätten entern können,
so wäre aus
Furcht vor spanischer Vergeltung kein Hafen im Umkreis von tausend
Seemeilen
bereit gewesen, ihnen Asyl zu gewähren. Für diese Bemerkung
schlug ihm Guiletta
ein Ohr ab und warf es zu den Fischen. Sie tobte: „Was ficht mich
Gold und Gut an, wenn sich die Gunst ergibt,
eine schwimmende Festung
der Spanier zu versenken? Seid ihr Männer oder Mädchen?“
Miguel musste sich
ein Grinsen verkneifen – das einzige Mädchen war die Kaptein’
selbst, doch
außer ihm schien es niemandem aufzufallen.
Auf ihren Befehl
flatterte die spanische Flagge am Mast, um den Gegner in Sicherheit zu
wiegen,
und nach einigen Tagen und unzähligen Manövern hatte es die Alhambra
geschafft, dem Feind auf Kanonenreichweite nahe zu kommen.
Auf dem Mannschaftsdeck wurden Säbel und
Messer gewetzt und die üblichen Zoten gerissen – nur einer betete
kniend vor
seiner Seemannskiste: Miguel.
Das Rahsegel wurde gerafft, während der
Bootsmann Flaggensignale der freundschaftlichen Begrüßung an
den Gegner sandte.
Das Piratenschiff ließ sich eine Viertelseemeile
zurückfallen und stand mit
seinen Kanonen im schrägen Winkel zum Heck der Esperanza.
„Feuer!“, schrie Kaptein’ Guiletta voller
Euphorie gellendlachend gegen den Wind, und die Backbordkanonen
spuckten ihre Ladung gleichzeitig aus.
Die Balustrade der
Kapitänskajüte zerbarst und mit dem
nächsten Kanonenstoß
schien auch die Ruderanlage des Gegners getroffen.
Die Alhambra hatte nun genügen Zeit, um
sich steuerbords geschickt zu nähern und sich an der Heckseite
eine weitere
günstige Schussposition zu sichern. Man durfte dem Kriegsschiff
nur keine
Breitseite bieten. Der Feind schoss mit beweglichen Halb-Pfündern
von der
Reling zurück und verfehlte den Rumpf der Piraten nur um
Haaresbreite.
Die zweite Salve knickte den hinteren
Segelmast der Esperanza. Miguels Kameraden jubelten, die
Kaptein’ hatte
ein bösartiges Grinsen aufgelegt und wies wie eine Galionsfigur in
Richtung des
Gegners.
„Olá!“, rief sie Miguel durch den
Geschützdonner
entgegen, „will er ewig leben, português, oder an meiner Seite
untergehen?“
Miguel ließ sich im Eifer des Gefechts von
seiner Befehlshaberin mitreißen: „Mit Euch ewig zu leben,
Kaptein’, mutet mir
besser an, als mit Euch zu sinken! Doch wohlan, die Esperanza
scheint
ein zahnloser Löwe ohne Ruderanlage.“
Der Bootsmann rief ihr zu: „Kaptein’, wollt
Ihr Befehl zum Entern geben?“
Sie lachte. „Hat er nicht die Worte des
Einohrs vernommen? Was lohnt es, eine Galeone aufzubringen? Wir werden
sie zu
den Haien schicken. Was nicht niet- und nagelfest ist, wird schwimmen
und uns
als Beute reichen. Zielt mittschiffs auf ihre Pulverkammern!“
Eine zweite Salve der Heck- und
Relinggeschütze knickte den Hauptmast der Alhambra welcher
im Fallen ein
halbes Dutzend Piraten unter sich begrub. Der Bootsmaat, der nur zwei
Meter
neben Miguel stand, fiel plötzlich auf die Seite wie ein
gefällter Baum. Ein
Halb-Pfünder hatte ihm ein Bein abgerissen und sein Blut spritzte
als Fontäne
im Rhythmus seines Herzens über das Deck. Die Steuerbordreling
zerbarst und die
Holzsplitter bohrten sich in Fleisch und Augen der Angreifer. Miguel
hustete
gereizt von den Schwaden des verbrannten Schwarzpulvers und Fleisches.
Aus den
Kanonenluken sprangen brennende Seeleute in die peitschende See und die
Haie
nahmen sie gierig in Empfang.
„Feuer!“, schrie Guiletta unbeeindruckt durch
den beißenden Qualm, während die nächste Salve der Esperanza
den zweiten
Mast der Piraten zerschoss.
Kurz darauf schlugen die Geschosse mittschiffs
in der Pulverkammer der Galeone ein und das Kriegsschiff explodierte in
einem
Feuerball, dessen Ausläufer die restlichen Segelfetzen der Alhambra
in
Brand setzten. Der Vormast musste gekappt werden, um die Flammen nicht
aufs
Deck überschlagen zu lassen. Das Piratenschiff glich nun einem
überdimensionalen Ruderboot – sämtlich Aufbauten und Masten
waren zerstört, die
Decksplanken leuchteten in der Haarfarbe der Kaptein’.
Die Esperanza sank lautlos – nur das
Schreien der Seemänner und Soldaten durchschnitt das
gleichmütige Rauschen des
Ozeans, als die messerscharfen Gebisse hungriger Meeresbewohner sich
der
unverhofften Nahrung annahmen - sie sollten die einzigen sein, die von
diesem
Gefecht profitierten. Zwei halbvolle Süßwasserfässer
und jede Menge Treibholz
war alles, was vom Stolz der spanischen Kriegsmarine übrig blieb.
Guiletta schritt über das Deck und stieß mit
ihrer Fußspitze an die leblosen Körper und abgerissenen
Gliedmaßen. „Was
urteilt er?“, rief sie Miguel zu, „hat sich das Opfer gelohnt, um in
die
Geschichte einzugehen? Niemals zuvor ist es einer Schaluppe gediehen,
eine schwimmende Bastion zu versenken. Und
keiner wird es uns je gleichtun.“
Miguel stand noch immer an jenem Teil der
Reling, der nicht von gegnerischen Geschützen perforiert war. Um
ihn herum
vernahm er das Stöhnen und Schreien seiner Kameraden. Er war
erstarrt und hatte
Angst, seinen Blick von den Kämmen der See abzuwenden – soviel
Leid und Schmerz
wollte er nicht erblicken. „Kaptein’“, sagte er monoton, „Ihr seid
wahrlich
eine Hexe.“
„Geschwätz, português, beeile er sich, die
Kadaver über Bord zu stoßen, bevor ihre Verwesung mir die
Stimmung verdirbt.“
Am Ende des Tages bestand die Besatzung der Alhambra
aus sieben Matrosen, welche mit dem Leben davongekommen waren. Sie
saßen stumm
mit gekreuzten Beinen auf den Planken und beäugten Giuletta mit
finsteren
Blicken.
Sie stellte sich breitbeinig in ihre Mitte,
stemmte die Hände in ihre Hüften und zischte: „Denkt nicht
einmal daran. Mir
seid ihr nicht gewachsen, fauliger Ausbund.“
Wie viel Schmach kann ein Mensch erdulden, fragte sich Miguel.
In den folgenden Tagen versuchte der
Zimmermann mit den verbliebenen Männern einen Hilfsmast aus dem
Treibholz der Esperanza
zu errichten. Als Segel diente ein Stückwerk aus Leinen und Tuch.
Sie schafften
es sogar, die beiden treibenden Süßwasserfässer an Bord
zu hieven.
„Ein reiche Beute hat uns die Hexe beschert“,
murmelte der neuernannte Steuermann.
„Halts Maul, wenn Du leben willst“, fauchte
ihn sein Kamerad an, „sie sieht und hört alles.“
Logbucheintrag: 15.
Oktober 1772.
Seit 17 Tagen steht die Alhambra. Ich
vermute, wir befinden uns etwa am 29. Breitengrad. Die
Wasservorräte sind
nahezu erschöpft.
Der Irrsinn, den der Durst hervorruft, ist
nicht einzudämmen. Vier der verbliebenen Matrosen sind über Bord gegangen. Skorbut frisst das
Zahnfleisch auf. Die Müdigkeit ist groß, die Männer
klagen über entzündete
Gelenke. Sie sind schwach. Niemand ist zu gebrauchen. Einzig Miguel ist
auf den
Beinen. Die Leichen begleiten uns, wollen nicht untergehen, werden
nicht weggetragen.
Sie stinken zum Himmel. Selbst Haie scheinen sich vor ihnen zu ekeln.
Die
Flaute hält an. Das Trinkwasser ist faulig, die Nahrungsreserven
voll Maden.
Wenn nicht ein Wunder geschieht, treiben wir direkt in die Hölle
...
***
Kaum hatte das Schiff
wieder leichte Fahrt
aufgenommen, setzte eine Flaute ein – und zu allem Überfluss war
das
Trinkwasser faulig und führte bei den Matrosen zu den ersten
Anzeichen des
Skorbuts. Dahinsiechen oder verdursten – das waren die Alternativen in
einem
lautlosen Meer voller Wasser.
Miguel wickelte die Opfer der Krankheit in
Decken, verschnürte sie und warf sie über die Reling. Sie
wollten nicht
untergehen und trieben tagelang in der Flaute neben dem Schiffsrumpf.
Guiletta
rollte Seekarten aus und berechnete die ungefähre Position. Die Alhambra
befand
sich immer noch auf der Hauptroute zwischen Vera Cruz und Cuba; wenn
die
Windstille sie somit nicht bezwingen konnte, so konnte man zumindest
davon
ausgehen, dass spanische Aufbringer dem Piratensegler den Rest geben
würden.
Mittlerweile könnte sich herumgesprochen haben, wer die Esperanza
versenkt hatte, und das Kopfgeld war gewiss so horrend, dass es
Prisenjäger wie
Ratten aus allen Teilen des Golfs anlockte.
„So oder so, wir werden es nicht überstehen,
Kaptein’.“
Sie stand an der Reling und spuckte Galle ins
spiegelglatte Meer, wischte mit ihrem Hemdsärmel über den
Mund und schaute
Miguel durchdringend an. „Furcht, português? Solange wir spucken
können, sind
wir nicht entseelt. Ich hoffe nur, uns kreuzt ein inglês. Sie
werden unsere
Heldentat zu würdigen wissen. Wie würde mir der Rock eines
Leutnants seiner Majestät King
George stehen, Miguel?
Festgezurrt mit
goldenen Knöpfen, um jenes zu verbergen, was mich von den Herren
der
Kriegsmarine unterscheidet. In meiner Kajüte befindet sich das
Gewand eines
Admirals. Los, bringe er mir dieses zur Anprobe!“
Guiletta riss ihr Hemd entzwei und entblößte
ihre flache Brust. Ihre Warzen standen hart empor. Miguel betrat die
Kapitänkajüte und suchte wie befohlen die Uniform. Der Raum
war karg, besaß
keine Persönlichkeit, nichts was darauf schließen
ließ, von einem Kapitän
bewohnt zu sein. In einem Wandschrank hing der Rock eines
portugiesischen
Flottenobersten. Die Kleidung war über hundert Jahre alt, stammte
aus dem
ersten Jahrzehnt Portugals Unabhängigkeit. Miguel klopfte den
Staub von der
Uniform und stieg den Gang zum Vorderdeck empor.
Guiletta stand splitternackt am Bug
und schaute in Richtung der untergehenden Sonne. Der Zimmermann legte
die Jacke
mit den goldenen Schulterstücken um seine Kaptein’. Er salutierte,
als sie sich
umwandt. Nicht nur ihr Haupthaar war leuchtendrot – auch Wangen und
Scham
besaßen diese Farbe. Und die Uniform stand ihr, als wäre sie
maßgeschneidert.
„Gefalle ich ihm? Möchte er mein
Adjutant sein und mir mit der Kraft seiner Lenden Vergnügen
bereiten?“
Miguel dachte an die Geschichte des
Decksmaats, wie die vermeintliche Galion den früheren Kapitän
der Alhambra
erstach, und wich einen Schritt zurück.
“Beschleicht auch ihn zuweilen der
Eindruck, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht in dieser Welt?”
„Durchaus, a almiranta“, brachte er zögerlich
hervor, „seid Ihr wahrhaftig die Galion dieses Schiffes, so wie es mir
zugetragen wurde?“
Guiletta lächelte geheimnisvoll. „Spricht er
mit seiner Seemannskiste und antwortet sie ihm, so wie es mir
zugetragen
wurde?“
Logbucheintrag: 1.
November 1772.
Es hat aufgefrischt. Der Wind treibt die Alhambra
auf den Golf von Mexiko zu. Außer mir und Miguel ist keiner
mehr an Bord.
Der Português scheint irr geworden. Er will mir ein Mysterium
anvertrauen. Er
meint, es gäbe ein Wesen in seiner Seemannskiste, welches ihm
befahl,
hineinzusteigen, auf dass wir erretten würden. Ein Strohhalm nur,
aber was
haben wir zu verlieren? Ich werde es als erste versuchen ... Wir ringen
mit dem
Tod durch Hunger und Durst. Kein Schiff weit und breit. Mich
beschleicht die
Gewissheit, dass dieses meine letzte Inskription ist ...
***
Prüfung
Die Doppeltür zum
Prüfungsraum wurde geöffnet.
Der Schuldiener Babtiste trat auf den Gang hinaus und rief:
„Mündliche Prüfung,
Geschichte. Guiletta? Sie sind die Erste.“
Im Vorbeigehen drückte er ihre Hand und
flüsterte: „Viel Erfolg, du schaffst das schon. Der Ausschuss
scheint heute gut
gelaunt.“
Guiletta mochte den altväterischen Hausmeister
seit der ersten Klasse. Er hatte immer ein Ohr für die Probleme
der Schüler
besessen und seine Schulbrote schmeckten besser als die synthetischen
Produkte
aus dem Automaten.
Er war die gute Seele des alten Gemäuers.
Guiletta betrat den Saal, verbeugte sich vor der
Kommission und stellte sich hinter das Prüfungspult. Ihr Thema
waren die
Kaperfahrten und das Leben auf See in der spanischen Kolonialzeit. Sie
beschrieb es in realistischen Farben, ungeschönt, faktual und
wurde während
ihres Vortrags kein einziges Mal durch eine Zwischenfrage unterbrochen.
Der Hausmeister lehnte an der Tür, zeigte ihr
seine gedrückten Daumen und nickte lächelnd. Auf seinen
freien Oberarmen
stellten sich die Haare auf.
Nach dem Ende ihrer Rede hätte man den Fall
einer Stecknadel hören können. Die beklemmende Stille wurde
durch ihren
Geschichtslehrer unterbrochen: „Nun gut, Guiletta. Danke für
diesen
aufschlussreichen Vortrag. Das Ergebnis wird Ihnen morgen mitgeteilt.“
Beim Verlassen des Saales fragte sie den
Hausmeister: „War das ok?“
„Hast du ihre Gesichter gesehen? Ich glaube,
solch eine Prüfungsrede haben die Herrschaften noch nie vernommen.
Es war sehr
überzeugend, meine Kleine.“
Und ganz leise fügte er hinzu: „Du hast doch
nicht etwa Brainticket geschluckt, oder?“
„Und wenn es so wäre, Signor Babtiste ?
Würden
Sie mich verraten?“
„Selbstverständlich nicht. Es ist dein Leben
und deine Entscheidung, und ich denke nicht, dass du grundlos zu
solchen
Mitteln gegriffen hast. Aber sei gewarnt ...“, seine Mine verfinsterte
sich, „Brainticket
ist keine der üblichen Designerdrogen, die dem Konsumenten
schöne, bunte Träume
bescheren. Dieser Stoff erschafft zuweilen Kreaturen, die man nicht
mehr los
wird, weil sie nicht der Phantasie, sondern einer anderen
Realitätsebene
entspringen.“
Guiletta sah ihn erschrocken an, doch dann
lachte sie, „keine Angst, Babtiste, ich verspreche Ihnen, das war das
erste und
letzte Mal.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und lief beschwingt
den
langen Gang hinunter.
Die gute Seele schaute ihr gedankenvoll nach
und kratzte sich an jener Körperstelle, wo sein Hemd die
Tätowierung eines
spanischen Bootsmanns verbarg ...
Ay, Kaptein’, Ihr müsst es ja wissen, dachte er.
Den Nachmittag verbrachte Guiletta im
Infocenter der digitalen Bibliothek und recherchierte die
spärlichen
Schiffdaten um 1770. In einer kubanischen Datenbank entdeckte sie einen
Eintrag
über die Alhambra aus dem Logbuch eines spanischen
Prisenjägers: Die
Alhambra, das Schiff der roten Hexe, wurde am 3. November 1772 von uns
aufgebracht und in den Hafen von Vera Cruz
geschleppt. An Bord befand sich keine Mannschaft - nur in einer
Seemannskiste
unter Deck fanden wir einen toten Matrosen, der die Kleidung der
holländischen
Handelsmarine trug ... seine Hand
umkrampfte ein seltsam silbernes Papier, welches eine grüne Kugel
verbarg ...
unser Bootsmann löste sie in Wasser auf und trank dieses
unheimliche Gebräu.
Seitdem ist unser Kamerad Babtiste
nicht mehr bei Sinnen und faselt Verworrenes über
Klausurmaschinen und andere
unbegreifliche Dinge, sodass wir ihn in ein Hospiz verbringen
müssen. Die Hexe
scheint sich seiner bemächtigt. Ein teuflischer Zauber – Gott
stehe uns bei ...
Eine Träne löste sich aus Guilettas Auge.
„Allmächtiger, das war mein Werk“, flüsterte sie, „ich habe
Miguel
zurückgelassen in meinem Psychotrip. Den einzigen, der selbst die
dunkle Seite
in mir liebte ... er hat nicht verstanden, wozu die Pille dient. Statt
dessen
habe ich Babtiste aus seiner Welt gerissen.“
Sie sprang auf und rannte durch die
Schulkorridore, durch den Innenhof, entlang der Backsteinmauer, der
altehrwürdigen Kadettenanstalt für höhere
Seeoffizierstöchter bis zu
jener dunklen
Stelle, an der die Träume einer alternativen Realität
gehandelt wurden.
Sie hatte Angst vor der
grünen Pille, doch noch mehr fürchtete sie um Miguels
Schicksal, den sie
insgeheim, über alle Grenzen des Begreifbaren hinweg, lieben
gelernt hatte ...
***
Die Sonne brannte
heiß auf ihrer Haut und ihre
Lippen waren geschwollen und aufgeplatzt. Welches Datum haben wir
heute?
Schatten tanzten vor dem Gestirn – Möwen!
Guiletta kam mühsam auf die Beine und wankte
die Stiege zu den Mannschaftsquartieren hinunter – dort, wo sich vor
kurzem
noch der Springbrunnen des Schulhofs befunden hatte.
Die Kiste, ich muss die Kiste finden ...
Sie stemmte den schweren Deckel mit aller
Gewalt auf.
„Miguel! So sage doch etwas!“
Der Zimmermann atmete sehr flach, aber er
lebte zumindest noch.
Der erste oder zweite November, schoss es der Kaptein’ durch den Kopf, als sie versuchte,
ihn aus der
Truhe zu ziehen und an Deck zu zerren, noch ein Tag, bis sie uns
finden.
Möwen, eine Insel ... das Beiboot, ja, das
Beiboot.
Mit letzter Kraft hievte sie Miguel ins Boot
und ließ es an einem Flaschenzug herunter.
Rundern ... eine Insel ... rudern ...
Das Hilfssegel der Alhambra blähte sich, ein
starker Wind kam auf und trieb das Geisterschiff steuerlos gen Westen,
so als
wollte es auf seiner letzten Reise die Häscher von der Fährte
seiner Galion
abbringen.
Guiletta zog wie in Trance die schweren
Ruderblätter durch die aufschäumende Gischt und biss sich die
Unterlippe
blutig, um bei Bewusstsein zu bleiben. Wehmütig sah sie der Schaluppe nach, die rasch an Fahrt
gewann.
Alhambra,
treue Gefährtin, Schrecken des Golfs, mögen Dir die Winde
wohlgesonnen sein auf
deiner letzten Fahrt!
E remar ... e remar ... komm Mädchen, du
trägst den Rock des Admirals, also kannst du auch rudern wie ein
solcher, feuerte sich Guiletta an, zeige
deinen mannhaften Vorfahren und der
gesamten Admiralität, aus welchem Holz du geschnitzt bist! Zeige
ihnen, was ein
vermeintlich schwaches Weib zu leisten vermag und strafe ihren
männlichen
Dünkel Lügen! Rudere, Hexe, rudere! Für Miguel ... und
das neu aufkeimende, stolze
portugiesische Seereich ...
und all die Kameraden, deren Blut an spanischen Händen klebt ...
rudere!
Nach Stunden des Kampfes gegen die
aufgebrachte See schwanden ihr die Sinne. Die Blasen an ihren
Händen brannten
vom salzigen Wasser und wie durch einen Schleier vernahm sie das
Brandungsrauschen einer Insel.
Die Eingeborenen lasen sie vom Strand auf, trugen
sie in den Schatten, öffneten Kokosnüsse und Papayas
– sie kannten die rote Hexe nicht, aber ihre feurige Behaarung
und die
goldglitzernde Uniform flößte ihnen Respekt ein. Miguel kam
zu sich und schaute
in das verschwommene Antlitz seiner Kaptein’. „Was ist geschehen? Wo
ist unser
Schiff?“, röchelte er benommen und sog gierig den Saft der
Früchte auf.
„Ruhig, favorito. Wir
wurden errettet. Der gute Teil der Guiletta ist nun bei dir, ... mein
kostbarster Schatz. Die rote Hexe weilt nicht mehr unter den
Lebenden
dieser Epoche.“
Wieder zu Kräften
gekommen, legte er die Papayas zur Seite
und grub seinen Mund in jene Früchte, die der
Leib seine Kaptein’ ihm offenbarte.
Nach einigen
paradiesischen Monaten der Abgeschiedenheit tauchten die Segel eines
portugiesischen
Händlers am Horizont auf. Miguel entzündete einen
Holzstoß und Guiletta winkte
mit Palmenblättern ...
***
Die
drückerlose Tür des
gepolsterten Raumes wurde geöffnet. Babtiste trat auf
Strümpfen ein. „Zwei
Minuten“, sagte ein Wärter, der hinter ihm den Raum wieder
verschloss.
Babtiste kniete sich neben
einer jungen Frau auf den weichen Boden, fasste sie am Kinn, drehte
ihren Kopf
und blickte in ihre ausdruckslosen Augen. „Bist du uns also wieder mal
entwischt, Guiletta Gonçalves. Dich zu jagen, ist wahrlich ein
schweres
Unterfangen. Ich wünschte, ich könnte in deinen Gedanken
lesen, wo du dich nun
befindest ...“
Guilettas Oberkörper
wippte mit vor der Brust verschränkten Armen hospitalistisch.
„Es wird dich
wahrscheinlich nicht mehr interessieren, aber du hast die
Geschichtsprüfung mit
Bestnote bestanden. War es das wert, einen Keil quer durch vormals
autarke
Dimensionen zu treiben?“, sagte er und legte seine Hand auf ihre
Schulter.
Ihre Unterlippe vibrierte und an ihren
Mundwinkeln floss schaumiger Speichel herunter. Der Wärter
öffnete die Tür und
Babtiste wandte sich zum Ausgang.
„Olá“, schrie sie
unvermittelt, setzte eine furchterregende Grimasse auf und fügte
auf
altportugiesisch mit tief-rauer Stimme hinzu, „ich scheiß auf die
Prüfung! Die
29. Latitude ist verdammt lang – such er mich doch, harthörige
Plankensau!“
Daraufhin senkte sie ihre Stimme und zischte bösartig: „Aber
vielleicht werde
ich ihm zuvorkommen, seine vom Wahn gezeichnete Hülle in einem
Hospiz finden
und ihn kielholen ... Drüben, auf der anderen Seite des
vermeintlich
Wirklichen, sehen wir uns wieder, espanhol ...“
Mitten im Satz wechselte
ihre Stimmung ins Weinerliche und sie begann abermals zu wippen: „Was
habt ihr
mit meinem Schiff gemacht? Ich brauche es, ich muss euch doch jagen –
durch den
Golf von Mexiko, und wenn es sein soll, bis in die Hölle!“
Babtiste sah sie mitleidig
an und wischte mit einem Taschentuch den Speichel von ihrem Kinn. „Du
bist
bereits in der Hölle angekommen, Guiletta.“
Sie reagierte nicht mehr
auf ihre Umwelt und sang lachend: Zwanzig Mann auf des toten
Seemanns Kiste!
Und ´ne Buddel voll Rum ...
*FIM(?)
– Talvez ...*
„Eine wunderschöne
alte Uniform, a
senhora. Wie viel verlangt Ihr?“, fragte der Schneidermeister und
strich über
die samtbeschlagenen, golddurchwebten Kuverts.
Das Mädchen mit den
gebändigten roten Locken sah sich die Auslage an. „Ihr müsst
wissen, sie hat
einst einem Admiral gehört, aus einer langen Ahnenreihe von
großen
Kriegshelden, der es gramgebeugt nie verwunden hatte, dass er an Stelle
eines
strammen Burschens nur eine wertlose Enkelin erwarb, die als Weib
diesen Rock
niemals tragen durfte. Aber ich fordere nicht viel von Euch, weil die
Kleidung
ihre Schuldigkeit getan hat. Ein weißes Kostüm, einen noblen
Gehrock, einen
Spazierstock für den Herrn aus Amazaque und zwei goldene Ringe,
Meister.“ Dann
wandte sie sich ihrem Begleiter zu und hauchte ihm zärtlich ins
Ohr: „Oder was
urteilst du – ist meinem Aufgebot etwas entfallen, Miguel?“
„Ich beuge mich stets
Eurem Geheiß, Kaptein’“, gab er mit einer lächelnden
Ehrenbezeugung zurück,
schrieb eine Lieferadresse ins Auftragsbuch des Schneiders und mischte
sich mit
seiner Seemannsbraut engumschlungen ins Altstadtgetümmel
von Lissabon
... wo sich die Spur der roten Hexe des Golfs von Mexiko
entgültig
verlor.
Und fern ab, in einer
anderen Dimension, lächelte ein rothaariges Mädchen in einem
schalldichten Raum
und flüsterte zufrieden im Schleier der Tranquilizer kaum
hörbar: „Fim.“

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