SAND
Sie
spürt es wieder aufsteigen in sich, weiß jetzt schon, sie
kann es nicht aufhalten.
Mo ballt die Hände zu Fäusten. Ihre Augenlider ziehen sich zu
schmalen Schlitzen zusammen, um besser über den Strand sehen zu
können, hinüber zur Würstchenbude, doch das Gegenlicht
gönnt ihr
keine Sicht. Mo möchte ihre Wut am liebsten hinausschreien.
Stattdessen schließen sich ihre Lippen noch fester um die
zusammengebissenen Zähne. Jeden Laut vermeiden, bloß nichts
rauslassen, ruhig, ruhig. In den Schläfen pocht das Blut, alle
anderen Geräusche um Mo herum verlieren sich in diesem Pulsieren.
Das Bilderbuchstrandleben mit dem ferienfröhlichen Treiben kommt
ihr vor wie höhnisches Gelächter. Grotesk, diese erwachsenen
Menschen auf dem Volleyballplatz, wie sie herumalbern und
glücklich
sind ...
Sie war vor dieser Reise so sicher gewesen, diese Beziehungssucht
genügend bearbeitet zu haben. Auch ihr Therapeut war
zuversichtlich gewesen und hatte gemeint, sie würde es schaffen,
den Urlaub zu genießen.
Mo’s Hände haben sich tief in den Sand gewühlt. Hier
unter der sonnengewärmten Oberfläche fühlt es sich
kühl und dunkel an auf der Haut.
Genauso dunkel und kühl fällt jetzt ein Schatten auf ihren
Körper. Als sie hochsieht, steht ihr Mann lachend über ihr.
„Schau, ich hab Eis mitgebracht!“
„Wo warst du so lang?“, klagt Mo.
„Na, Eis holen, hab ich doch gesagt. Die paar Minuten? Höchstens
zehn, Mo.“
Er leckt an der Eistüte.
- Zehn Minuten - denkt sie. Eine qualvolle Ewigkeit ....
Tief im Inneren weiß sie doch, sie ist geliebt. Er hat sie
unterstützt in der Therapie, alles verstanden, gelernt, mit dieser
Eifersucht umzugehen – er liebt mich, glaube es doch endlich, sagt sie
in sich hinein.
Sie zieht die geballten Fäuste aus dem Sand, legt sie in den
Schoß. Sand quillt zwischen den Fingern hervor. Je fester sie
zudrückt, desto mehr verliert sie ...
Mo öffnet die Hände, beobachtet den Sand in den
Handflächen. Die kleinen Körner liegen ruhig, kein Druck
lässt sie flüchten, wegrinnen ...
Mo sieht auf zu ihrem Mann, der an beiden Eistüten leckt. Er
lacht, sagt: „Ich liebe dich, Mo.“
„Ja.“, antwortet sie. „Ich weiß -“ Sie pustet in die
Sandhäufchen auf ihren Händen, die Körnchen fallen
auseinander.
Mo wirft die Arme in die Höhe und die leichte Abendbrise nimmt
den restlichen Sand mit.
„In Liebe loslassen ...“, flüstert sie.
„Was?“, fragt der Mann.
„Ich liebe dich.“, sagt sie.
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