Kinder


Alle sind beige


"Hallo! Auseinander! Also jetzt schaut's euch die an! Ja, gibt's denn sowas? Diese Rabenbraten, eine Schande ist das!"
"Ja, echt! Diese Kanaken! Ja, werdet ihr gleich aufhören, na also, sowas! Auseinander mit euch!"
Spielplatz. Mittagshitze. In der Sandkiste, umstellt  von keifenden Müttern, wälzt sich ein schwarzgelocktes Knäuel von Kindern. Sand spucken sie, knirschen fremdartige Laute, eindeutig Schimpfworte und Flüche.
Mutig stürzen sich die größeren Kinder, die gerade noch im nahegelegenen Fußballviereck trainiert haben ins Gefecht und plötzlich hört man vertraute, heimische Klänge zwischen den exotischen.
„Arschloch, Tschusch, geh scheißen, Kanak! Schleicht’s euch!“
Eine Mutter kreischt: „Karli, pass auf! Ja, hau ihn! Ja, noch eine auf die Türkennase, die schiache!“
Eine andere ruft: “Zigeuner!“
Sofort dreht sich eine türkische Mutter um und wirft einen ängstlichen Blick hinter sich. „Wo Zigeina?“, fragt sie besorgt, ohne zu merken, dass ja vielleicht ihr Kind damit gemeint war.

„Schleicht’s euch heim, Gesindel!“, rufen die hellhäutigen Mütter fast gleichzeitig und weil sie im allgemeinen Geheule die Stimmen ihrer Sprösslinge erkennen, springen auch sie in den Sand und reißen das Kinderknäuel auseinander. Der gelbe Sand wirbelt auf, hell und dunkel gibt es nicht mehr, alle sind beige. Mütter und Kinder stolpern an Land, spuckend, hustend.

Ein allgemeines Abklopfen und Schütteln beginnt. Die dunkle Partei steht links von der Kiste, die andere rechts.
Feurige Blicke aus kohlschwarzen Augen brennen Hasslöcher in die Gegner. Doch die Territoriumsverteidiger recken ihr Kinn hoch und zeigen ihnen, unbemerkt von den Müttern, den Mittelfinger.
In der Sandkiste liegt ein kleiner Matchbox - Maserati, die Ursache des Kampfes, längst vergessen.
„Haut’s euch über die Häuser! Türkenbrut, lausige, nehmt’s eure Eltern und ab nach Hause, Kebabfresser! Ja, Kinderbeihilfe kassieren für zwanzig Kinder! Von unseren Steuern! Wir brauchen euch nicht, wir sind nix neugierig drauf, dass ihr uns die Arbeitsplätze stehlt. Schleicht’s euch endlich!“, hört man wütende Mütterstimmen.

Die türkischen Kinder ziehen sich etwas zurück, eines von ihnen knurrt in fast akzentfreiem Wienerisch: „Unsere Eltern orbat a dafür. Mehr dreckige Orbeit als Österreicher!“ „Na klar“, wird gekontert. „Ihr könnt ja nix anders, ihr kommt’s ja aus dem  Schafstall, sauft’s das Wasser aus dem Klo!“
Allgemeines Gelächter von rechts, links wird demonstrativ auf den Boden gespuckt.  Eines der Türkenkinder löst sich von der Gruppe, ein etwa zweijähriger Junge mit langem schwarzen Haar. Er tapst zur Sandkiste. Er lacht. Er hebt das dicke Ärmchen und winkt zur anderen Seite der Kiste hinüber. Dort krabbelt, ebenfalls unbeobachtet, ein noch kleineres Kind mit weißblondem Haar über den Rand in den Sand. Auch dieses Kind lacht. Die beiden treffen sich beim Maserati.

Sie sitzen im Türkensitz, in der Mitte das Auto. Sie schauen es an, dann betrachten sie einander.
Sie lächeln. Das blonde Kind tupft dem anderen auf die milchkaffeefarbene Hand und zieht verlegen die Schultern hoch. Das Türkenkind kichert und wirft den Kopf nach vorne, so dass sein Gesicht fast völlig hinter seinen Haaren verschwindet. Nun streckt er die Zunge heraus.
Das finden beide sehr lustig. Sie schütteln sich derart vor Lachen, dass sie umfallen und schließlich Kopf an Kopf nebeneinander liegen.
Der Blick des schwarzäugigen Kindes fängt sich im Haar des Gegenübers, das in der Mittagssonne ganz golden glänzt. Dann blickt es auf seine Haarsträhne, die sich so gegensätzlich, schwarz wie Ebenholz, neben dem Blondhaar im Sand kringelt. Wieder gleitet sein prüfender Blick zum so lichten Kopf, dem unbeschwerten hellen Glanz. Langsam streicht der kleine Türke mit der Hand über den Sand. Fragend nickt er mit großen Augen. Der Blondschopf kichert - auch kleine Mädchen sind kokett. Milchkaffeebraune Finger versinken andächtig in weichem Seidenhaar.

„Aber -“, „Pst“, „na, also - “, links und rechts verebbt das Geschimpfe. Der Matchbox - Maserati glänzt zwischen den zwei Kleinen im Sand, die lächelnd einander die Haare streicheln. Auf beiden Seiten senken sich verlegen die Blicke. Stille auf dem mittäglichen Spielplatz. Nur ein kleines Kichern aus der Mitte der Sandkiste.

„Ach, Schatz! Du machst dich doch ganz schmutzig! Komm doch, Liebling!“, ertönt die Stimme einer jungen Frau, wohlklingend und klar. Sie drängt sich durch die etwas betretene Gruppe an der Sandkiste, begleitet vom herben Duft nach Paloma Picasso. Schlanke Beine in seidigen Palazzohosen steigen auf den Rand der Sandkiste, darüber ein zart flatterndes Oberteil, die Locken vom gleichen Blond wie das der Tochter.
„So komm doch, Liebes! Hör doch!“
Doch das kleine Mädchen denkt nicht daran, zu folgen! Der neue Freund gefällt ihm und es gluckst und lacht mit ihm zusammen.
Seufzend zieht die hübsche junge Frau die High Heels  aus und steigt in den Sand. Respektvoll beobachtet man die Aktion der unbekannten feinen Dame, die so gar nichts von dem üblichen Spielplatzpublikum an sich hat.
Sie sieht nach wohltemperierten Partys am eigenen Swimmingpool aus, Daiquiris schlürfend, nach sorglosem, perlendem Lachen und Shopping mit der Goldcard in exklusiven Stadtgeschäften.
Man könnte meinen, sie hätte einen Gemahl, der sie auf Händen trägt und ihr jeden Abend, wenn er nach seiner hochdotierten Tätigkeit in die hübsche Villa zurück kehrt, einen Strauß rote und weiße Rosen in den Arm legt. Sie strahlt zivilisierte Sexualität aus.
Die Mütter auf den Bänken sind für einen Moment von dem Anblick gefangen. Jede für sich. Die Frauen mit den Kopftüchern denken, diese Dame weiß nichts von der Härte, der Strenge eines türkischen Mannes, der sich selbst alles zugesteht, doch umgekehrt nichts erlaubt. Die Wiener Mütter denken, sie weiß nichts von betrunkenen Kerlen, die einen grob betatschen, gar schlagen, wenn ihnen danach ist.
Alle denken, diese Dame und ihr Kind sind aus für die übrigen unerreichbaren Höhen herab geschwebt, nur um daran zu erinnern, wie weh alles tut.
 
Bei den Kindern in der Mitte der Sandkiste angekommen, beugt sich die junge Mutter zu ihrer Tochter hinunter. „Jetzt komm aber!“, sagt sie und entfernt mit spitzen Fingern die kleine dunkle Hand aus dem Haar ihrer Tochter, zieht das Mädchen an sich. Birgt das gerettete Kind an ihren duftenden Brüsten und steigt über das kleine dunkle Bündel im Sand hinweg.
Sie hat Mühe, das Mädchen festzuhalten, denn es wehrt sich. Es kämpft, schüttelt den Kopf, Tränen schießen in seine Augen, es windet sich in den mütterlichen Armen und dreht sich immer wieder nach dem Jungen um, der sich langsam aufrichtet. Er bestaunt seine Hand, die eben noch zarte Weichheit gespürt hat und gleich darauf spitze Fingernägel.

Jetzt erst hört er das wütende Aufheulen des Mädchens. Und sein Schrei setzt ein, schraubt sich hoch, schwillt an und fängt sich in den Kronen der Kastanienbäume, wo er sich mit ihrem Gebrüll vereinigt.

Zwei Kinder, die zu klein sind, um zu verstehen.
Ach, wollten sie doch niemals verstehen und für alle Zeiten weiterschreien.




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