Christo
David Bourdon
Sie liegen am
Boden wie verirrte Fracht. Christos Verpackungen suggerieren, daß die Dinge
nicht wirklich sind, wo sie sind. Statt einen Gegenstand auf der Leinwand
darzustellen, hüllt Christo den Gegenstand in Leinwand und präsentiert diesen
selbst. Dieser Kunstgriff ist um so beeindruckender, wenn man seinen eigenen
Werdegang in Betracht zieht, seinen Überlauf von der sowjetischen Ästhetik
seiner Heimat Bulgarien, wo er konforme Bilder im Stil des sozialistischen
Realismus malte, zur weniger suppressiven Orthodoxie der Neuen Realisten in
Paris. (Die Neuen Realisten, deren Collagen und Montagen sich aus neuen und
gebrauchten Konsumgütern zusammensetzten, sind chronologisch zwischen ihrem
amerikanischen Gegenpart, Künstlern wie Rauschenberg, Johns, Stankiewicz und
Chamberlain, und der nachfolgenden Generation der Pop-Art-Künstler einzureihen.)
Die ersten
Objekte Christos waren mit Tuch zu Bündeln geschnürt, oft bemalt oder
bearbeitet und manchmal entsprechenden nackten Objekten gegenübergestellt.
Er gab ihnen eine faire Chance, verwendete ein leichteres Tauwerk und ließ ihre
Extremitäten hervortreten. Später zog er seinen nackten Objekten Polyäthylen
über, gestattete, daß sie sich - in Weichzeichnung durch die transparente Hülle
- dem Betrachter zeigten.
Wie ein Couturier
drapiert Christo das Tuch am Modell selbst, entwirft barocke Girlanden und
Ausbuchtungen, bevor er das Objekt fesselt und die Schnüre obsessiv verknotet.
(Man beachte, daß seine unverkennbaren, autodidaktischen Knoten den Wert einer
Signatur haben). Die Riemen schneiden an den Linien des geringsten Widerstands
ein, als ob das verstrickte Objekt selbst die Schlinge angezogen hätte. Im Verhältnis
zu dem Volumen, das sie einfassen, scheinen sie oft zu zart zu sein, dafür gibt
es gehörig viele. Christo zeigt immer Respekt vor seinen Gefangenen, die zwar
torturiert, doch nie entstellt oder verunstaltet werden - ein diskreter und
umsichtiger Sadist. Es entsteht oft der Eindruck, daß das strangulierte Objekt
von Ketten der Liebe gefesselt ist.
Die Hülle des
Stoffes oder des Plastikfilms bewirkt morphologische Veränderungen am Objekt -
betont die äußere Form. Doch die materielle Präsenz des Inhalts dringt durch,
die innen befindliche Form stimuliert die beengende Oberfläche.
Die Neuen
Realisten zollten der eigenständigen Ausdruckskraft von Fertigwaren uneingeschränkten
Respekt. Nie verschleierten sie die Identität des Objekts, indem sie es einer
rein formalen Bearbeitung unterwarfen. Aber manche der Neuen Realisten haben
ihre Waren, indem sie sie für eine zweite - künstlerische - Existenz präparierten,
regelrecht mumifiziert. Armans hinter Glas gestellte oder in Polyester
eingelassene Objekte und Spoerris erstarrte Mahlzeit-Reste sind bleibend
fixiert.
Christo bringt
die Zeit nur für einen Moment zum Stillstand, denn seine verpackten Objekte
schließen eine zukünftige Existenz nicht aus. Das Objekt, gefangen und reglos,
widerstrebt noch seiner Assimilation als Kunstwerk. Eingesponnen in den Kokon
bzw. gestrandet im Jenseits, befindet es sich in einem metaphysischen Übergangsstadium.
Lebendig begraben, regt sich noch etwas in ihm, und es kann - absichtlich oder
zufällig - wieder belebt werden. (Manche wurden von Zöllnern,
Kunst-Spediteuren, Ehefrauen oder Galeristen wiederbelebt, so geschehen in Brüssel,
Chicago, London oder München). Der Gedanke, daß alle seine Objekte eines Tages
befreit werden, scheint Christo zu gefallen.