Die PS3 macht Sammelkartenspiele (Trading-Cards-Games) lebendig.
Die japanische Zeichentrickserie Yu-Gi-Oh, in der sich Sammelkartenspieler auf spektakuläre Weise Duellliernen, fasziniert seit Langem eine stetig wachsende Fangemeinde. In der Serie werden die Karten nämlich kurz nach dem Ausspielen lebendig, projizieren riesige Monster auf das Spielfeld und bekämpfen sich mit erstaunlichen taktischen Tricks.
Das Gameplay des gleichnamigen Sammelkartenspiel, welches zur Serie erschienen ist kann zwar mit der taktischen Tiefe ihres Zeichentrickvorbildes mithalten. Das jedoch die Monster aus den Karten springen, wie im Fernsehen, darauf wartet der Fan vergebens.
Nicht so bei "Eye of Judgement". Denn dieses Sammelkartenspiel nützt die Möglichkeiten von PS3 und Eyetoy, um den Karten leben einzuhauchen. Wie man sich das vorstellen kann, und wie sich das in der Praxis bewehrt habe ich und mein Co-Tester Oliver Fan für euch genau unter die Lupe genommen.
02.11.2007 - 21.30: Ich betrete die Spielarena, ein Wohnzimmer im 23. Bezirk. Ein Tisch ist direkt vor den Fernseher gerückt, darauf thront ein Spielfeld aus Stoff, ein Kamerastative samt Kamera und 38 Karten (alles im Spielumfang enthalten). Am Fernseher rauschen Figuren und Monster in einem schier endlosen Vorspann vorbei. Die Grafik erinnert stark an Final Fantasy. Typisch für Produkte die eigentlich für den japanischen Markt gedacht sind.
Oliver (der zuvor schon eine geraume Zeit damit verbrachte Kamera und Spielfeld richtig zu adjustieren) sitzt bereits am Spielfeld und weist mir meinen Platz ihm gegenüber zu. Abgesehen von der Kamera wirkt das Spielfeld nicht gerade eindrucksvoll, dafür sind die einzelnen Karten sehr hübsch gestaltet.
Wir beginnen mit dem Tutorial-Video und staunen über die gute Sprachausgabe, die in geradezu penibler Art jedes noch so kleine Detail des Spielprinzip erläutert. Zwanzig Minuten später, nach dem wir so wichtige Sachen gelernt hatten wie, das wir unserem Gegner vor dem Spiel die Hand geben sollen, brechen wir das vorbildliche Tutorial ab, um nicht die ganze Nacht nur damit zubringen zu müssen. Denn Oliver und ich wollen endlich die neueste Innovation der Sammelkartenspiele erleben. Deshalb gehen wir gleich aufs Ganze und starten ein Duell. Dafür benötigen wir normalerweise jeder 30 Karten. Da wir aber nur 38 in der Packung gefunden haben, teilen wir uns diese auf zwei Stapel (sogenannte Decks) auf.
Dafür werden uns wahrscheinlich einige Trading-Cards-Gamer als Ketzer verfluchen, doch geklappt hat es trotzdem.
Oliver drückt auf dem Controller Start: Nun endlich baut sich vor unseren Augen das virtuelle Spielfeld auf dem Fernseher auf. Eine Kopie des Feldes, das vor uns auf dem Tisch liegt. Doch nun sind einzelne Spielbereiche mit aufwendigen Elementanimationen bedeckt. Rockiger Sound klingt aus den Boxen. Ich lege die erste Kart auf das Spielfeld vor mir und mit einer Feuerfontäne schlüpfen auf dem Fernseher drei Insektenwesen aus dem Ablegefeld und warten auf meine Befehle. Mit jeder Runde wird das Spielfeld nun voller. Überall explodiert es wenn die fantastischen Figuren von "Eye of Judgement" aufeinander losgehen.
Der taktische Anspruch des Spieles sorgt für stundenlangen Spielspaß und zusätzliche Kartenpakete (sogenannte Booster-Packs) bringen genug Abwechslung für Monate.
Die witzig animierten Kreaturen überschlagen sich oft an spektakulärem Auftreten. Hier ist ein Herzenswunsch für alle Sammelkartenspieler in Erfüllung gegangen. Selbst das pure Zusehen wird bei "Eye of Judement" zu einem Erlebnis.
Doch, wo Licht ist, dort ist auch Schatten. Und dieser offenbart sich dann auch bei dieser Innovativen neuen Spielidee recht bald. Denn Kamera uns Stativ können leider nicht ganz halten, was das Spielkonzept verspricht. Schon nach der ersten knappen Stunde zeigt sich das erste große Manko des Spiels. Das mitgelieferte Spielfeld verrutscht leicht und gerät damit immer wieder aus dem Spielraste, was nervige und zeitraubende Nachjustierung verlangt. Deshalb ist es besser das Zeitlimit für Züge abzuschalten. Doch hat man sich erst daran gewöhnt, beginnt das Spiel zu Flackern weil die Masse an Kreaturen nicht mehr exakt auf den richtigen Feld erkannt werden kann. Gerade an unteren Spielfeldrand lösen sich die Feinde und Verbündeten mit Hingabe in Luft auf und sorgen für zähe Fehlermeldungen. Stößt die Eyetoy-Kamera hier an ihre Grenzen? Durch Einstellungen im Menü können wir dem Problem schließlich Herr werden und starteten eine neue Runde. Doch schon zeigen sich neue spielstörende Eigenschaften der Hardware. Nach dem mehrere Figuren auf dem Spielfeld platziert waren erkannte das Spiel plötzlich auf gewissen Feldern keine neuen Karten mehr. Da ich dadurch gezwungen war (nach dem Wir eine halbe Stunde an der Kamera herumgewerkelt hatten) auf einen wichtigen Spielzug zu verzichten war der Frust natürlich groß. Vielleicht liegt es ja am Stativ, das sich ums Verrecken nicht in die richtige Position bringen lassen will. Irgendwie aber logische, da sich das Plastikgestell nicht verstellen lässt und starr auf das Spielfeld herabblickt. Das mag sinnvoll sein, wenn das Stativ gut eingestellt ist und das Spielfeld ohne großen Aufwand gut im Blickfeld hat. Doch hier waren leider keine Genies am Werke. Das mitgelieferte Gestell zur Kamera ist so verzogen wie eine mittelalterlich Steinschlosspistole.
Das Duelle zwischen Oliver und mir endete schließlich mit einem Unentschieden wegen völliger Aufgabe der Hardware. Jammerschade, aber solche Kinklitzen sind es die aus einen gelungenen Spiel einen erbärmlichen Frustbringer machen. Hobbybastler können jedoch sicher die Hardware den Bedürfnissen des Spieles anpassen. Doch ist das wirklich Aufgabe des Spielers?
Fazit: Software hui, Hardware pfui. Auch wenn mit "Eye of Judgement" für die PS3 ein Wunschtraum dieses Spieletesters in Erfüllung geht, erschreckt die technische Umsetzung. Wer nicht bereit ist in seinem Wohnzimmer stunden lag an den richtigen Lichtverhältnissen zu feilen, das störrische Stativ zu justieren oder das Spielfeld einzurichten, sollte sich zu dem Kauf von "Eye of Judgement" nicht hinreisen lassen.
Sammelkartenfans werden um den Titel wohl nicht herumkommen, den der leidgeprüfte Spieler von heute lässt sich so leicht nicht den Spaß an neuen Ideen verderben.
Wer nichts mir dem Begriff Trading-Cards-Games anfangen kann ist bei diesem Titel ohnehin falsch beraten. Und auch für Kinder bietet der Titel keinen nennenswerten Spielspaß.
Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Vielleicht wird es ja schon bald ein Update geben, das diese Probleme in den Griff bekommt, oder ein neues Hardwareset wird geschnürt, welches "Eye of Judgement" endlich auf den verdienten Sammelkartenolymp heben wird. Denn wie bei so vielen Titeln dieser Tage, wäre das Spiel so schön, wenn es nur funktionieren würde.