Engel - gibt's die?

Heute ist sie Senatorin, früher war sie ein Mädchen aus den Slums: PRATEEP UNSONGTHAM-HATA, die gute Seele aus Bangkok.

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Eine Reportage von MICHAEL BRAUNER (Asien-Korrespondent. 3sat sendet(e) sein Portrait "Der Slum-Engel von Thailand" am 31.10.2001 um 20.15 Uhr.)

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Seit sie 16 ist, nennt man sie den "Slumengel von Thailand": Prateep Unsongtham-Hata.

Die Geschichte der Thailänderin Prateep Unsongtham-Hata klingt wie ein modernes Märchen mitten in der Realität eines Slums der Dritten Welt. Als Mädchen, das im größten Elendsviertel Bangkoks auf die Welt kam, war sie ein "nonexistent child", ein nichtexistentes Kind. So nannten Regierungsbürokraten die Hunderttausenden Kinder, deren Eltern unter der Brücke oder in einem Sumpf wohnten und deshalb als Illegale behandelt wurden. Diese Kinder erhielten keine Geburtsurkunden und wurden ohne Papiere nicht an die öffentlichen Schulen zugelassen. Prateep hat sich aus dieser scheinbar ausweglosen Situation befreit, schon als Jugendliche. Da sie in ihrer eher feindseligen Umwelt nicht doe öffentliche Schule besuchen durfte, erarbeitete sie sich tagsüber genügend Geld, um in eine private Abendschule gehen zu können. Das Erlernte gab sie anderen Slum-Kindern weiter und organisierte noch ein paar Holzplanken, um für ihre kleine Schule ein Schattendach zu improvisieren.

Gerade für diese Kinder zählt das Essen zum Wichtigsten im Leben: Schon vor zwanzig Jahren, in ihrer ersten kleinen Schule, war der Topf mit Suppe ein wichtiges Mittel, um verwahrloste Kinder in den Unterricht zu locken. So wurde sie schon als 16-Jährige erstmals weit über die Grenzen ihres Landes bekannt und erhielt internationale Auszeichnungen. Seit damals nennt man sie den "Slum-Engel von Thailand". Aus Prateeps kleiner Schule ist eine Stiftung geworden, die einen Kindergarten und eine Volksschule ührt. Außerdem leistet ihre Organisation mobile Sozialhilfe für andere Slums. Zu den großen Leistungen Prateeps gehört die Schrittweise Inegration der ursprünglich illegalen Slum-Menschen in die Gesellschaft. Zu einer Zeit, als Slum-Hütten zur Zwangsevakuirung niedergebrannt wurden, organisierte sie 1984 die friedliche Übersiedlung von 50.000 Bewohnern in eine bessere Zukunft. Jede Behausung wurde ............

...........Brett für Brett abgetragen und auf einem Nachbargrundstück wieder aufgebaut - diesmal rechtmäßig. Die Zeit der Illegalität war vorbei.

Schon in jungen Jahren konnte der Slum-Engel in harter Basisarbeit Schritt für Schritt soziale Verbesserungen erreichen und später die langsame demokretische Entwicklung ihres Landes maßgeblich beeinflussen. Thailand wird als Land des Lächelns verklärt, doch es gibt viel Armut, Ungerechtigkeit und eine von Gewalt gezeichnete Geschichte. Als die Demokratiebewegung 1992 mit der Forderung nach Wahlen auf die Straße ging und Militär das Feuer eröffnete, marschierte Prateep - damals gerade schwanger - in der ersten Reihe. Das Blutvergießen rund um das geschichtsträchtige Royal Hotel könnte soviele Opfer wie das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens in Peking gefordert haben. Die Weltöffentlichkeit hat es kaum wahrgenommen.

Im letzten Jahrzehnt sind die Verhältnisse in Thailand nach einer Verfassungsreform durch den König ziviler geworden. Doch die Integrität der Politiker wird auch dort immer wieder in Frage gestellt. Manche Fälle von Wirtschaftskriminalität wurden aufgedeckt, das meiste aber bleibt verborgen. Die maßlose Korruption hat beängstigende Dimensionen angenommen.

Prateep trat immer wieder gegen gefährliche Gegner an, in einer Welt, in der Polizisten Drogen verkaufen und viele Verbrechen von Männern in Uniform begangen werden. Kriminalität und Korruption in der Dritten Welt erweisen sich heute als noch größere Bedrohung wie die Militär-Massaker von gestern. Vor zwei Jahren wurde Prateep in den Senat des thailändischen Parlaments gewählt, als "Stimme der einfachen Leute". Das Slum-Mädchen, das Senatorin wurde, hat sich erneut für ihren jetzigen Job weitergebildet und die schwierige Sprache der Anwälte und Politiker gelernt. Die meiste Zeit verbringt die Senatorin, in der noch immer das Herz eines engagierten Mädchens schlägt, hinter ihrem Schreibtisch. Hier werden Lebensschicksale zu Fällen und Akten, die administriert werden müssen. Heute unterrichtet sie nicht mehr als Lehrerin, sondern muss Gesetzesentwürfe interpretieren und korrigieren. So kann sie in vielen Angelegenheiten weit mehr erreichen.

Die Not der Dritten Welt lässt sich nicht einfach verdrängen. Das machen gerade die jüngsten politischen Entwicklungen aif bedrohliche Weise bewusst. Beziehungen zu internationalen Hilfsorganisationen waren für Prateep schon immer ein Schlüssel zur Lösung vieler Probleme in den Elendsvierteln. Ihre Rolle war zu vermitteln und zu verbinden: zwischen denen, die sich selbst nicht helfen können, und denen, die helfen wollen, aber eigentlich nicht wissen wie.

Ihr unaufhaltsamer Aufstieg an die Spitze der Politik ist beeindruckend. Für Prateep aber ging es immer nur um Nächstenliebe. Dabei war ihr stets bewusst, daß Ungerechtigkeit nur durch positive Energie zu lösen ist. Um etwas zum Besseren zu verändern, muss man selbst besser werden und in der Folge auch besser zu den Anderen sein. Die buddhistische Kultur mag dabei geholfen haben.

Engel, gibt's die? Prateep Unsongtham-Hata ist kein esoterisches Halbwesen in Menschengestalt, in ihr steckt noch immer das Mädchen, das einst über Bretter-Stege lief. Als Slum_Engel ist sie bereits eine lebende Legende - aber eigentlich ist sie nur ein Mensch, der jenen beisteht, die selbst keine Hilfe mehr erwarten können.

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