Das geraubte Videoband Das Weihnachtsfest war Morgen und die Vorbereitungen für das große Ereignis zu dem alle Verwandten, Freunde und Nachbarn kamen, war voll im Gange. Sogar Herr Leichtfuß unser einsamer Postbote kam Jahr für Jahr, nachdem er vor langer Zeit das erste Mal Mutters berühmten Punsch eingeschenkt bekam. Das Haus war also voll gemütlicher Geschäftigkeit und Vorfreude. Da wir zwar das älteste aber auch größte Haus im Ort besaßen, fand dieses große Fest bei uns statt. Das war immer so, solange ich denken kann und noch viel länger. Auch meine Großeltern hielten es so, und deren Elter davor. Sogar während des letzten Krieges wurde, zwar bescheiden aber nicht weniger innig, in unserem Hause gefeiert. Damals kam, aus Notwendigkeit, die neue Sitte auf, daß jeder Gast mitbrachte, was er zum Fest beisteuern konnte oder wollte und es wurde Tradition. Die Zeit, in denen unsere Familie es sich leisten konnte das Fest alleine auszurichten, war endgültig und für alle Zeiten vorbei und so hielten wir es bis Zuletzt, daß jeder Gast seinen Teil zum Fest beitrug. Nach diesen vielen Jahren wußte jeder was er zu tun oder zu bringen hatte und deshalb lief alles in gewohnter Gemütlichkeit ab. Das war auch gut so, denn es garantierte den beständigen Geschmack von Tante Marie's Kartoffelsalat und Mutter's köstlichen Fisch; ...aber auch die merkwürdigen, jedes Jahr mit Spannung erwarteten neuen Desserts von Fräulein Quentchen, unserer Apothekerin, die fest davon überzeugt kreativ zu sein, sich die größte Mühe gab. Ich glaube im Stillen hoffte jeder von uns, daß Fräulein Quentchens Kreativität, vor einer Vermischung der Apotheke und Küche halt machen möge, was sich unschwer von den Gesichtern der Essenden ablesen ließ. Sogar Herr Leichtfuß brachte etwas mit; ungeheuren Durst auf Punsch und seine Hausschuhe. Das ließ er sich in all den Jahren nicht nehmen, denn: "...ein Haus betritt man nicht mit Straßenschuhen"! Punkt um, aus. Das ging soweit, daß Herr Leichtfuß in seiner Eigenschaft als Post-und Paketträger, auch auf die Bitte der Hausfrauen, die oft sperrigen Pakete ins Haus zu tragen, selbige auf den Dielenboden stellte und sie vorsichtig mit dem Fuß etwas in den Raum schob. Ausnahmen machte Herr Leichtfuß nur bei alten Damen; ...Aber er zog seine Schuhe aus. Da es sich um Schnürstiefel handelte, eine mühsame Prozedur. Gottlob hatten wir in unserem Ort keine Eile und alle Zeit dieser Welt. Wir liebten unseren umständlichen aber herzensguten, einsamen Postboten sehr und ihm nach dem Fest seine Füße in die Schuhe zu stecken, sie ihm zuzubinden und ihn danach nach Hause zu bringen, war uns eine Freude und ein kleines Dankeschön für seine fleißigen Dienste das ganze Jahr über. Geschenke lehnte er entschieden und mit Entrüstung ab. Seine verlegene Brummigkeit in den darauffolgenden Tagen übersahen wir, bis er wieder zu seiner üblichen Liebenswürdigkeit zurückfand. Bei der einzigen Pause die wir uns am Vormittag leisteten, tranken wir Kaffe oder Kakao, knabberten selbstgebackenes Weihnachtsgebäck und lasen Zeitung oder taten gar nichts;... nicht Mutter, sie polierte das Silber oder stichelte an einer Handarbeit herum, so nebenbei. Gar nichts tun, sei keine Entspannung für sie, meinte Mutter. Ich gehörte damals zu den Zeitungslesenden und suchte das Fernsehprogramm durch nach alten Schinken, denn ich liebe alte schwarz-weiss Filme und sammle sie auf Videobändern. Tatsächlich, spät in der Nacht lief so ein alter Rührschinken aus den Vierzigern. Da ich keine leeren Bänder mehr hatte, mußte ich noch in den Ort zum kleinen Kaufhaus um welche zu besorgen. Ich fragte meine versammelte Verwandtschaft ob sie etwas benötigte, was verwunderlicher Weise verneint wurde, und zog los. Da unser Haus etwas entfernt vom Ort und den Nachbarn lag und es kalt und verschneit war, zog ich mich dick an und nahm die festen Schuhe mit der dicken Profilsohle. Ich kam mir wie immer im Winter zwar kuschelig warm aber absolut unbeweglich vor. So stapfte ich denn los durch die erstarrte weiße Landschaft die ich so gut kenne und zu jeder Jahreszeit liebe und schätze. Der Winter aber hat einen ganz besonderen Reiz für mich, da alles so friedlich und still ist. Der Frühling hat die erwachenden Stimmen der Tiere, vor allem die der Vögel und das Tropfen und Plätschern des schmelzenden Eiswassers, der Sommer ist voll Lachen spielender oder badender Kinder und manchmal ist das ferne oder nahe Grollen eines Gewitters zu hören. Der Herbst hat die Stürme, die häßlichen Geräusche der Jagd und den Lärm,den die Maschinen auf dem Feld machen, nur der Winter ist so still, daß meine eigenen Schritte im gefrorenen Schnee das einzige Geräusch auf der Welt zu sein scheint. Ich liebe diese Art der Einsamkeit, die nichts trauriges hat, sondern einem Gelegenheit gibt, nachzudenken und ein wenig zu meditieren. Das Dorf, das gar nicht still ist, nahm mich mit all seiner Fröhlichkeit auf und holte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Der Hauptplatz ist wahrhaft festlich geschmückt, wie fast jedes Haus im Ort und die Stimmung weihnachtlich und freundschaftlich. Sogar Frau Rabe, die Witwe des Alt-Bürgermeisters, älteste und nicht sehr beliebte Mitbürgerin unserer Gemeinde, blickte mit mildem Gesichtausdruck aus ihrem Fenster und nickte mir sogar gnädig einen Gruß zu. Daran erkannte ich, daß Herr Leichtfuß wohl schon seine Weihnachtswünsche, mit den Schuhen in der Hand, versteht sich, überbracht hatte und mit der Frau Rabe ein Likörchen getrunken hatte. Frau Steckling, die Gründerin unserer wirklich großartigen Gärtnerei und Baumschule, die Vielen im Ort einen Arbeitsplatz ermöglicht, und einzige Freundin Frau Rabes, wird wie immer erst am Nachmittag zum Kaffee` erscheinen und so das einsame und bescheidene Fest von Frau Rabe krönen. Frau Rabe war bis zuletzt nicht zu bewegen unserer Einladung zum großen Fest, die wir aus Tradition und wohl auch ein wenig aus Mitleid, noch immer Jahr für Jahr schickten, Folge zu leisten. Sie kam auch nicht mit, als ihr Mann der ehemalige Bürgermeister noch lebte, und seinen kurzen Anstandsbesuch bei unserer Familie absolvierte. Ich weiß aus Erzählungen, daß er mit Vergnügen, gerne länger in unserem Hause gefeiert hätte und nur sein übergroßes Pflichtgefühl, ihn zu seiner Rabenfrau zurück getrieben hat. Nun ist der alte Rabe schon seit vielen Jahren unter der Erde und seine Witwe sitzt am Fenster, hat keck gedrehte Stirnlöckchen und weiße Handschuhe an den Händen, da sie ja "in Gesellschaft" ist. Direkt gegenüber befindet sich die hübsche kleine Kirche, in der seit unzähligen Jahren Pfarrer Seligmann seinen Gottesdienst abhält, und in einem Anbau seiner Wohnung, so etwas wie eine Bibliothek eingerichtet hat, die jedoch kaum besucht wird, da ihre Schätze hauptsächlich aus Sachspenden unserer braven Ortsbewohner besteht. Dazwischen liegt, sehr zum Kummer Frau Rabes, der "neue" Marktbrunnen. Der Brunnen ist eigentlich alt, nur die Figur in der Mitte ist neu, da die Alte dem letzten Krieg zum Opfer fiel, wonach lange Zeit nur ein schmuckloses Eisenrohr, aus dem emsig das Wasser sprudelte, aus der Mitte ragte. Nicht daß die Figur einen Heldentot durch einen Bombenangriff starb, dazu war unser Ort zu unbedeutend, nein das Material wurde für Kriegszwecke benötigt. Frau Rabe erhoffte sich, die Büste ihres Mannes als Denkmal in der Mitte des Brunnens zu sehen, und bot dem Gemeinderat sogar eine nicht geringe Spende an, die auch zu einer heftigen Debatte zwischen den einzelnen Gemeinderäten führte, der nur durch das zufällige Eingreifen des Bischofs dieses Landkreises ein Ende bereitet wurde, indem er eine Heiligenfigur aus dem kirchlichen Fundus zur Verfügung stellte. Da der Platz vor der Kirche, auf dem der Brunnen steht, der Kirche gehört, war das Machtwort gesprochen und seitdem prangt der heilige Antonius von Padua in der Mitte unseres Dorfbrunnens und wir hoffen, daß kein Fremder, der unseren Ort besucht, so taktlos ist und nach unserer Beziehung zu gerade diesem Heiligen fragt. Ich persönlich wäre ja vorbereitet, besuchte ich doch, sehr zur Freude unseres Pfarrers, dessen Bibliothek, um in meiner eigenen Spende, dem Personenlexikon, nachzuschlagen um auf Seite 71 zu lesen: "Antonius v. Padua hl. ital. Theologe 15.Aug.1195 Lissabon, gest. 13.Jun. 1231 Arcella/Padua. Schutzpatron d. Liebenden u.d. Ehe Ich darf sagen, daß nicht einmal unser Pfarrer Seligmann weiß, wen er da tagtäglich auf dem Brunnen stehen sieht. Ich hab's getestet, nicht verraten und freu' mich diebisch auf den ersten Fremden der danach fragt. Ich hoffe nur, ich bin dann in der Nähe und weiß meinen Text. Neben der Kirche, das langgestreckte Haus der Schillings, in dem sich das Gasthaus, der kleine Theater-und Kinosaal und endlich auch der Laden befindet. Eine Mischung aus Kaufladen und Supermarkt, die man überall in ländlichen Gebieten findet, wohl auf der ganzen Welt. Es gibt nichts, was es nicht gibt in Schillings Laden,................ Fortsetzung auf ..............SEITE 2 |
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