................und was es nicht im Lager gibt, wird besorgt. Es Leben einige Leute bei uns im Dorf, die den Ort seit vielen Jahren nicht verlassen haben, weil sie keine Veranlassung dazu hatten; "Familie Schilling besorgt alles"! lautet das Firmenmotto. Der Duft in Schillings Laden ist von einer Köstlichkeit, den wahrscheinlich nur ältere Menschen kennen und schätzen, die in ihrer Kindheit noch diese kleinen Kaufmannsläden kannten. .....

...." Guten Tag Frau Hammerl, kann ich bitte für zehn Groschen Karamelzuckerln haben"?........" Bitte die Oma braucht Staubzucker und Familienzucker und Rosinen zum backen", ..."Familienzucker?.....ah, Vanillezucker meinst' wohl"!...."ja bitt'schön". ....."Jöh Frau Hammerl, ein's von den kleinen Kücken hat sich zwischen den Kisten mit Erdäpfel und Zwiebeln verfangen"! ...."dürfen wir bitt'schön die jungen Katzerln seh'n Frau Hammerl"?.....Heute ist das alles nur mehr ferne Erinnerung, bis auf den Duft, der ist fast gleich geblieben, eine Mischung aus Brot und Gebäck, aus Schinken und Waschpulver und Blumenerde. Ich liebe diese Duftmischung, bringt sie mir doch immer wieder meine Kindheit zurück für einen köstlichen Augenblick nur.

Ich kaufte also mein Videoband und mit einem fröhlichen Weihnachtswunsch, ging es zurück in die winterliche Kälte, zurück zu meiner Familie. Es gab ja noch so viel zu tun.

Da die Mittagsstunde schon nahe rückte, war der Marktplatz und die Hauptstraße Menschenleer und ich sah ihn schon von Weitem. Er war etwas jünger als ich, so mitte bis ende Zwanzig, mittelgroß etwas untersetzte Figur, blondes kurzgeschnittenes Haar, und unauffällige, bürgerliche und etwas altmodische Kleidung am Leib. Obwohl ich sein Gesicht noch nicht erkennen konnte, war mir klar, daß er ein Fremder sein mußte und ich konnte meinen Blick nicht von ihm lösen.

Ich war ziemlich erstaunt darüber, da es nicht meine Art war, Fremde derart neugierig anzustarren, außerdem ist unser Ort nicht so sehr Provinz, daß Fremde einen so aus der Fassung bringen. Nein es war etwas anderes was mich so erwartungsvoll in seine Richtung starren ließ.

Als der Fremde näher kam, und ich sein Gesicht erkennen konnte, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß auch er mich unentwegt ansah, mit unendlich traurigen Augen, deren Blick mich seltsam berührte. Sein Gesicht war symphatisch und der Ausdruck weich und voll..........Mitleid?

Trotz der traurigen Augen glaubte ich plötzlich ein kaum merkliches blinzeln mit den Augen und ein kurzes ironisches Lächeln um seinen blassen Mund zu bemerken.

Verlegen bückte ich mich, um mein Schuhband fest zu machen und stellte dazu , das in Kunststoff verschweißte Videoband in den Schnee neben mich. Ich hielt meinen Atem an, als er ohne Hast zwei Schritte auf mich zumachte, und als wär's das Selbstverständlichste auf der Welt, das Videoband an sich nahm und gemächlichen Schrittes weitermaschierte. Die ganze Zeit dieser unergründliche Blick und ein leises Lächeln um die Lippen.

Als er auf mich zukam, war ich kurz freudig erregt, da ich auf eine charmante Anrede oder irgendeine nette Geste gefasst war. Ich hatte auch ein angenehmes Gefühl in seiner Gegenwart, was jedoch dann passierte, hat mich dermaßen verblüfft, daß ich dachte, das ist jetzt nicht die Wirklichkeit was ich da erlebte. Es geschah so ohne Hast, ohne Worte und selbstverständlich und gleichzeitig fühlte ich mich provoziert und verspottet.

Es war irgendwie lächerlich, wegen einer Videocassette einem Fremden nachzujagen oder vielleicht gar ein Geschrei zu machen, aber das war es eigentlich auch gar nicht. Ich hatte plötzlich Angst, mein Fremder könnte für immer verschwinden und ich blieb zurück mit diesem seltsamen Gefühl in meiner Magengrube und meiner Verwirrtheit.

Ich war einerseits empört über seine Dreistigkeit und ein Teil von mir wollte ihn am liebsten schlagen. Ich war verwirrt, was sollte das alles? Der andere Teil in mir wollte den jungen Mann am liebsten in die Arme schließen und seine Traurigkeit wegküssen. Was war nur los mit mir? ...So viele Gefühle in diesen paar Augenblicken?

Wie hypnotisiert ging ich ihm nach und je schneller ich wurde, desto schneller ging auch mein Fremder. Ich begann zu laufen, auch er und immer ein Weniges schneller als ich, so wie in diesen Träumen, wo man entweder vor etwas davonläuft, oder nachjagd und man kommt nicht so vom Fleck wie man es gern möchte. Das kleinliche Gefühl über den Verlust der Kassette, wechselte mit der unerklärlichen Sehnsucht nach dem jungen Mann mit den traurigen Augen. Ich wollte, ich mußte wissen warum, ...warum tat er dies?

Er war kein gewöhnlicher Dieb, das fühlte ich. Er hatte auch nichts dramatisches an sich, außer vielleicht seine Augen. Eigentlich sah er aus, wie die Leute am Land auf den alten Fotos aussahen. Das verlieh ihm vielleicht etwas romantisches.

So ging diese seltsame Jagd durch den halben Ort und meine Verwirrtheit wuchs sich zur Panik aus, ich konnte und konnte ihn nicht erreichen. So machte ich halt und begann nach Hilfe zu rufen. Erst verhalten, dann immer wütender. Ich sah wie seine blonden Augenbrauen verwundert in die Höhe fuhren und sein Mund einen enttäuschten Ausdruck annahm. Nur seine Augen blieben die gleichen traurigen.

Sein enttäuschter Gesichtsausdruck verletzte mich sehr und ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle getötet, aber gleichzeitig liebte ich ihn. Warum aber blieb dieser rätselhafte Mensch, der so starke und widersprüchliche Gefühle in mir weckte, nicht endlich stehen oder lief einfach davon? Warum ließ er mich immer wieder fast an sich heran, was wollte er von mir? Er erinnerte mich ein wenig an an einen Hund, der mich wo hinlocken möchte um mir etwas zu zeigen.

Ich war den Tränen nahe und erschöpft von der Unbeweglichkeit in meiner dicken Winterkleidung. So wie damals in meiner Kindheit, als ich beim Spielen von einem größeren Jungen zu Boden gestoßen und immer wieder am Aufstehen gehindert wurde. Es war ein perverses Spiel und ich mußte anfangs Lachen das dann allmählich in hysterisch-kraftloses Weinen überkippte, unfähig auf meine Beine zu kommen.

So war mir auch zumute als ich ausrutschte und nicht mehr hochkam. Ich schrie mit letzter Kraft und sich überschlagender Stimme: " BLEIB STEH'N, BLEIB DOCH BITTE STEHN"! Es klang nicht herrisch oder befehlend, sondern ängstlich wie von einer Verlassenen. Ich brach in Tränen aus und schämte mich ob meiner Hysterie, da spürte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter und eine zweite Hand legte mir das Videoband in meinen Schoß. Ich hob mein Gesicht, und sah durch meine Tränen in sein Gesicht das jetzt sehr bleich war und seine Augen schienen noch trauriger zu sein. Meine Sehnsucht nach ihm war unbeschreiblich und schmerzte. Er war so nah, zum fassen nah und trotzdem so weit weg. Er sagte leise, kaum hörbar: " So, das war's, jetzt mußt du mich gehen lassen".

Er erhob sich, half mir auf die Beine, putzte fürsorglich ein wenig den Schnee von meinen Kleidern und ging davon. Genauso gemächlich wie er gekommen war. Er drehte sich immer wieder nach mir um, bis er in eine kleine Gasse bog und aus meinen Augen verschwand.

Ich erwachte aus meiner Erstarrung und wollte ihm nach; "da mußte man doch etwas tun, ihn zumindest zum großen Fest einladen, wozu hat er denn mein Herz so berührt? Das mußte doch einen Grund haben"!

So lief ich ihm also nach, bog um die Ecke in die kleine Gasse,....und traute meinen Augen nicht. Die Gasse lag still und einsam in mittäglicher Ruhe vor mir und im Schnee war kein einziger Fußabdruck zu sehen. Ich lief völlig verwirrt kreuz und quer durch das stille Dorf, von dem Fremden keine Spur. Ich blickte auf mein Videoband in meiner Hand und begann mich zu fragen, ob ich es je aus meiner Hand gelegt hätte, ich blickte an meiner Kleidung herab, sie war tatsächlich vom Schnee durchnäßt, ich sah auf meine Uhr, es war seit meinem Einkauf wahrhaftig beträchtliche Zeit verstrichen.

Völlig verwirrt von dieser seltsamen Begebenheit, trat ich den Heimweg an und nahm mir vor, niemandem von meiner Familie etwas zu erzählen, ich wollte nicht auch noch verspottet werden.

Als ich nur mehr Minuten von meines Vaters Haus entfernt war, bemerkte ich den scharfen und würzigen Geruch von Rauch und hörte das Prasseln von brennendem Holz. Ich rannte mit letzter Kraft, zum Haus meiner Eltern, der kalte Angstschweiß rann mir in's Gesicht und in den Nacken, bis ich um die letzte Ecke bog und den unwirklichen Anblick meines in lodernden Flammen stehenden Elternhauses vor mir hatte. Der erste Gedanke, den mein geschocktes Gehirn dachte, war: "Es wird kein großes Fest geben"!

Als nach Stunden das Feuer gelöscht war, blieb vom Haus nichts über. Am nächsten Tag wanderte ich ziellos durch die erkaltete, frisch angeschneite Brandruine. Experten stellten fest, daß der veraltete Heizkessel in die Luft flog, und binnen weniger Augenblicke das alte Haus wie Zunder brannte und mit ihm meine ganze Familie umkahm.

Nur eine alte Eisenkassette meiner Urgroßmutter blieb vom Feuer verschont. Ich kannte deren Inhalt nicht und durchstöberte das einzige Vermächtniss meiner Familie. Es waren alte Briefe die ich irgendwann lesen möchte, alte wertlose Kriegsanleihen vom ersten Weltkrieg und eine altmodische Fotographie meines Urgroßvaters in jungen Jahren. Ein symphatisches , weiches Gesicht, blondes, kurzes Haar und unendlich traurige Augen.

--- ENDE ---

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