| maxime zerkout Wolfgang Sinwel & Thomas Bernhard strasbourg/f, 1987 katalogbeitrag > text/autorenverzeichnis |
1 Die Frage, die sich bei der Auseinandersetzung mit unserer gegenwärtigen Welt stellt, ist, und das darf man nicht verhehlen, die nach ihrer Zukunft! Jeder, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt, bringt dabei lediglich seine Verlegenheit zum Ausdruck und verstrickt sich gerne noch in Platitüden. Selbst bis hinauf in die höchsten geistigen Sphären gehört es zum guten Ton, vorzugeben, nicht wagen zu dürfen, darüber zu wissen, vorzugeben, daß es unmöglich sei, mittels irgendeiner Vorgangsweise folgern zu können. Aber in Wahrheit ist das Betrug. Es ist sehr wohl möglich, sich über dieses Sujet zu äußern. In Wahrheit sind die Empfindungen jedes Einzelnen, die authentischen und tiefen Empfindungen, die alltäglichen Gefühle der weltlichen Existenz gegenüber in jedem von uns ausreichend. Bis auf wenige Dinge wissen wir über das Leben Bescheid, das wir führen. Somit können wir nicht mehr im Mittelalter leben, unter Gesindel und unter physischer Auszehrung, und wir wissen sehr wohl, daß dies gut ist, aber wir wissen auch, daß heutzutage unser Leben steril ist und seine Leere schrecklich ist. Die wesentlichsten Gefahren, die die Menschheit bedrohen, haben wir besiegt, aber gegenwärtig steckt die Zerstörung in uns selbst, in unserem Inneren, selbst die atomare Bedrohung ist gering im Vergleich zu dem, was in uns gegenwärtig ist, einem unglaublichen Krebsgeschwür, das unser Ungenügen bedeutet, ein Ungenügen, das in uns eine konstant schmerzliche Kraft erzeugt, welche uns an den Abgrund drängt und somit unser Drama darstellt. Bei der derzeitigen Unruhe, bei den erschütternden Vertuschungen unserer Zeit gibt es nichts anderes mehr zu sehen. Leider gibt es heute nichts mehr zu entscheiden, keine Perspektive mehr, die uns erlaubt, unser Übel richtig abzuschätzen. Die Kirche faselt, die Wissenschaft ist eigentliche ein Maulwurf, der im Dunkel arbeitet, im Umfeld de Ratlosigkeit, die Politik ist eine Infektion, ein verbrecherisches Geschäft, eine Vereinigung von Übeltätern. Das zivile Leben ist entwertet, freigegeben, um versetzt zu werden, es gibt kein öffentliches Bewußtsein mehr, es ist zur Banalität geworden, darüber zu reden. Die Presse, die zur Zeit die Rolle des öffentlichen Bewußtseins einnimmt, ist nicht mehr als eine Tänzerin, die nach Belieben zur momentanen Musik tänzelt, zur Musik eines Instruments, das eher Lärm erzeugt. Die Vorstellung der Hölle läßt einen heute lachen, bei all diesen Ausbeutungen, an denen sie profitiert. Wir sind nicht auf dem Weg in den Abgrund, wir besiedeln ihn bereits. Wir sind auf Sommerfrische auf einem Gletscher, der im Begriff ist zu schmelzen, auf einem Abhang, wo schon der Sturm, die Lawine wütet. Unsere Zeitungen sind garden-parties mit dem Teufel, doch wir merken nichts davon. ..................... Man muß lachen. Wie Thomas Bernhard muß man lachen und tadeln, darf nicht aufhören, den Mißstand dieser Welt beim Namen zu nennen und aufzudecken, den Mißstand, der darin besteht, zu glauben und glauben zu lassen, daß diese Welt akzeptabel sei, daß dies möglich sei. Doch bei Kritik wissen wir, wohin sie führt, ihr Ziel, zu dem sie führt, ist klar. Sie treibt entweder in den Wahnsinn, in die Isolation oder in die Gefangenschaft, wenn nicht gar in die direkte und einfache Zerstörung. In Wirklichkeit sollte Kritik als heilsame Übung, die allerdings nicht ohne Gefahr vom Einzelnen geübt werden kann, etwas anderes sein. Ohne sie kann die Menschheit, die halsstarrig ist und sich im Faulenzen empört, die Wahrheit nicht ertragen. Schließlich muß man sich dazu entschließen, positiv eingestellt zu sein und Schönes auszudrücken, dieser Welt auch eine Weide der schönen Dinge zu bescheren, als Antwort auf ihre Häßlichkeit. An diesem Punkt wird die Kunst Wolfgang Sinwel's sichtbar, sie erscheint und bringt uns zu Bewußtsein, daß wir noch schlechter sind, da wir nicht einmal mehr glauben wollen, daß eine solche Kunst möglich sei. Dennoch gibt es sie, sie existiert. Die Bilder von Wolfgang Sinwel entstehen in Österreich, sie werden in Wien ausgeführt. Angesichts dieser Bilder empfindet man einen unmittelbaren Schock, man muß sagen den Schock, eine Enthüllung über Dinge, die uns unmittelbar betreffen, sofort eine in uns verleugnete Empfindung berühren und in Erregung bringen, unerforscht und verdrängt, aus unserem Wissen ausgespart, auch von denen, all denen, die sich anmaßen, unser Bewußtsein zu formen. Dies, diesen Bereich ignorieren sie, noch mehr, sie verdrängen und verweigern ihn, es ist für sie ein unbequemer Bereich, als unanständig und sogar ehrlos angesehen. Dies ist geradewegs die Seele! In diesen Bildern liegt die Seele! Es muß gesagt werden. Man muß es aussprechen, muß es wagen, diese Worte zu sagen: In den Bildern von Wolfgang Sinwel liegt die Seele. Es ist so- eines Tages kommt ein Mensch und äußert sofort das, was niemand vor ihm geäußert hat, was niemand in dieser Art auszudrücken erreicht hat. . Nun ändern sich die Dinge, man empfindet sich nicht mehr als derselbe, und man fühlt sich nicht mehr allein. Man ist nicht länger im Stich gelassen, man darbt nicht länger in einer vollkommenen Verlassenheit, man ist nicht mehr allein, zerstört und im Rinnstein der Erde verkümmernd, einer Erde, die bis jetzt gleichzeitig schwachsinnig und mörderisch gewesen ist. Diese Welt ist plötzlich da, mit Hilfe der Bilder zur Größe erhoben, wiederhergestellt, auch ist sie gerettet. So ist es, so geschieht es. 2 So gehen also zwei Menschen vor, sie verrichten eine unermeßliche Arbeit zur Wiederbelebung Österreichs: Thomas Bernhard und Wolfgang Sinwel. Bezüglich der "Korrekturen" von Thomas Bernhard meint Jean Lévèque (Cahier l'Envers du Miroir No 1, page 83): "Der Wald als bevorzugter Ort, der den Körper mit seinen Bewegungen in Einklang bringt, bildet ein allumfassendes Dunkel und Dickicht, das ein Gewirr an Spuren heraufbeschwört. Selbst die Waldlichtung kann nicht vollkommen gerodet sein, denn sie muß als Merkmal ihre Zugehörigkeit zum Wald beibehalten, der Baum, der hier steht, schafft diese Verbindung und läßt uns die Möglichkeit, eine Grenze zu überschreiten, ohne ein Gebiet zu verlassen." In "Korrekturen", wie überdies in "Verstörung", wo es ebenso um den Wald geht, erscheint bei Bernhard der Wald als symbolischer Ort des Umherirrens, jeder einzelne Baum ist ein Teil dessen und gleichzeitig der Ort, dieses zu blockieren, wie ein Grenzstein, der es eingrenzt. Hinsichtlich dessen kann man sagen, daß das Beharren, der beharrliche Ton von Thomas Bernhard - entsprechend der Vorstellung eines Baumes im Wald - einen Einschnitt, eine Markierung, ein Verweilen und gleichzeitig eine Unterbrechung der Kontinuität darstellt. Jeder Baum ist ein Wort, das Auftauchen des Wortes, der Inhalt eines Wortes, das die Welt erforscht, ein Vokabel der zahlreichen Sprachschöpfungen dieser Welt. Der Baum im Wald, das Wort im Satz, der Satz im Text bei Bernhard, die Bewegung auf der Leinwand, die bildlich unendlich erfaßte Landschaft bei Sinwel, jedes Wort beim Schriftsteller, jede Vorstellung beim Maler gestalten einen ergänzenden Teil, um ihn dem unendlichen Dossier dieser Welt anzufügen. Der Wald ist die Welt, er ist die Darstellung des umherirrenden Gedankenganges und jeden Gespräches (geradewegs wie in der babylonischen Rede des Fürsten Saurau in "Verstörung", wie in der bis zum Exzeß methodischen Rede von Roithammer in "Korrekturen") und zeigt sich im unendlichen, unbegrenzten Fortlauf der Sprache, so wie in den zahllosen Ausdrücken dieser Welt. "Der Wald ... bevorzugter Ort, der den Körper mit seinen Bewegungen in Einklang bringt" sagt Lévèque. Er gibt keinen passenderen, keinen treffenderen Ausdruck zur Malerei als diesen, keinen, der Sinwels Landschaften in ihrer Art präziser beschreibt. Dieser Satz beschreibt die Konstruktion der Sinwelschen Landschaft, die Vorgangsweise, aus der sie sich vom Körper des Künstlers zur gemalten Oberfläche ableitet. Und so fährt Jean Lévèque fort: "ein allumfassendes Dunkel und Dickicht, das ein Gewirr an Spuren heraufbeschwört." Hier spricht der Autor über "Korrekturen" von Thomas Bernhard und kennt Sinwel nicht, ebenso kennt Thomas Bernhard Sinwel nicht - oder gut, sobald er von ihm erfährt. Gerade dieser Satz, abgestimmt auf den Text von Thomas Bernhard, erscheint gleichermaßen vollkommen auf die Malerei Sinwels zutreffend, auf den Kern dessen, was sich dieser Maler als Aufgabe der Vermittlung gestellt hat: Das allumfassende "Dunkel und Dickicht" der vergeistigten Welt. Diese Allumfassende bei Sinwel ist in seinen Landschaften im Wesentlichen als ein aus der Erde vergeistigtes Wesen lesbar. Und ebenso wie bei Bernhard die Wiederholung ein grundlegendes stilistisches Mittel darstellt, drückt die Wiedergabe einer beharrlich interpretierten und jedes Mal in unterschiedlicher und bedeutender Nuance angelegten Landschaft die Besessenheit von diesem Wesen aus, einem Wesen, das ohne Rast geortet, umkreist und in der Landschaft zelebriert wird. Dieses Allumfassende als geistiges Wesen, jeglicher stumpfen Materialität genau entgegengesetzt, ist der Vorschlag in Sinwels Malerei, und die Dunkelheit, die Sinwel aufbaut, ist bis in ihre tiefste Verborgenheit verklärt und erhellt, fortwährend erhellt, welches auch der Grad der Verborgenheit sein mag, durch ein Licht, das sich auf der Welt verzögert, ein auf der Erde innerlich gewordenes Licht. "Das ein Gewirr an Spuren heraufbeschwört" meint Jean Lévèque nochmals in bezug auf Bernhards Text. "Spuren hinterlassen" ist der Titel für eine Serie von Arbeiten Sinwels, Malerei und Zeichnung, Spuren und Geschriebenes, man besinnt sich dessen, geschrieben von der Erde, geschrieben für die Erde und ebenso geschrieben auf der Erde, sodaß diese Landschaften, - bei Sinwel zahlreich, wo er Texte handschriftlich einfügt, wo sich die textliche Grafik neben die Landschaft stellt - ebendiese Landschaft ausmachen, mit der man sie in Verbindung bringt. Und die Geste, hier die Bewegung des Körpers des Künstlers, gestaltet, assimiliert jede Malerei wie ebendiese, ein Chanson an Bewegungen im strengen Sinn, eine Geste des Körpers, die Geste eines sublimen Körpers, die Wald und Wiese baut und formt, die sie auftauchen läßt, diese Geste führt, selbige in das Ganze der Erde einfügend, in der Perspektive einer neuen Ganzheit zu einer neuen Wahrnehmung der Ganzheit der Welt. Sinwel versenkt sich in den österreichischen Körper, in den historischen österreichischen Körper, in den erhabenen österreichischen Körper, darin sucht er die Gesten, mit denen er uns nun eine schadlose Welt zurückgibt. Die Lichtung, die bei Bernhard "nicht vollkommen gerodet sein kann", "der Baum, der bleibt" die gelassenen "Spuren" (Bernhard), "Spuren hinterlassen" (Sinwel), erhalten den Zusammenhang mit der Wald-Welt, dem Welt-Wald der Sprache, der Welt voll von Bäumen der Sprache. Mit diesen hinterlassenen Spuren, mit den zum alles umfassenden erhobenen Landschaften stellt er die brachliegenden Felder der Welt wieder her, nun wieder Lichtungen, wo ein Rest an Natur verbleibt, er flickt die verlorene Welt und stellt das Leben wieder her. 3 Österreich steckt seinen Kopf in den Sand, es wendet sich von der Wahrheit ab, es belügt sich in wichtigen Punkten, es verbirgt sich. Das ist das Paradoxe. Man verdrängt, um besser zu überleben, so würde man sagen, aber im Verdrängen überlebt man nicht besser, man fällt tiefer. So verhält sich Österreich seit langer Zeit. Auf Grund seines vergangenen Ruhmes, auf Grund seiner ruhmreichen Vergangenheit. Auch dies ist paradox. Das zerstörte und verkleinerte Österreich erinnert sich an seinen vergangenen Ruhm, und diese Erinnerung macht es umso sicherer fertig, umso vollkommener, anstatt es wieder aufzurichten. Und nun kommt ein Großer, der säubert, einer, der die grausame und harte Wahrheit sagt, der seine Worte nicht kaut, Thomas Bernhard. Thomas Bernhard äußert alles über Österreich als Archetypus der menschlichen Gesellschaft, als ein Beispiel der menschlichen Gesellschaft. Natürlich kann man nicht daran zweifeln, daß Thomas Bernhard im Ausdruck seiner Abscheu der österreichischen Gesellschaft Österreich liebt, mit all seinen Kräften Österreich liebt. Dies gefällt den Österreichern nicht. Für Thomas Bernhard ist es augenscheinlich nicht angenehm, sich zu prügeln und zu spotten, aber die Österreicher, die stolz und zufrieden sein sollten, in ihrer Mitte einen von ihnen zu haben, der sich erhebt und klar und deutlich das Schlimmste unter ihnen selbst und das Schlimmste der Welt zu Ausdruck bringt, die Österreicher, die glücklich sein sollten, diese Genie, den Verkünder des Gewissens, der die Sprache wiederbelebt, hervorgebracht zu haben, die Österreicher verschweigen es stattdessen, sind verschämt und schreiben die Misere Thomas Bernhard zu. Dies ist unerklärlich, jedoch ebenso vollkommen logisch. Wie Bernhard verweigert und gehaßt wird, wird Sinwel in seiner Heimat, in Österreich, beinahe vollkommen ignoriert. Dies ist ganz und gar nicht überraschend, es ist lediglich die Herrschaft des Schlimmsten, wie man hier feststellen könnte. Es ziemt sich, dies zuzugeben, man darf nicht zögern, dies klar und deutlich auszusprechen. Ja, solches ereignet sich in Österreich, in unserem Europa und in diesen Zeiten des Betruges, in denen alles verwirrt, die Erde zerstört ist, in denen Dinge existieren, ohne ihren Platz einzunehmen. Das Geistige ist am Zerfall, die Tradition existieren nicht länger, die Zukunft birgt keine Schönheiten mehr, die Gegenwart ist desillusionierend, alles ist von Lüge und Verabscheuung geprägt, in diesen Zeiten leben wir mit dem Gift der Unwahrheit in uns, das uns zerstört, das uns erstickt und sterben läßt, das uns vernichtet und uns vor unserer Vernichtung mit dem Verlust leben macht. Im Milieu dieses beinahe universellen Verlustes bringen Wolfgang Sinwel und Thomas Bernhard Licht und Luft und führen uns so wieder zum Leben. Wir leben im Reich der Unwahrheit und Ohnmacht, die Unwahrheit bürdet sich auf, sie regiert, und die Ohnmacht toleriert dies. Die verwirrten und unvernünftigen Menschen reden unklar. Glauben Sie, daß diese Menschen angezeigt und gebrandmarkt würden? Nein. Sie werden umschmeichelt und leben bequem. Sie, die unverschämten Betrüger, bereichern sich am Leiden der Dummen und Einfältigen, das diese durch deren Betrug an ihnen auf sich nehmen. In diesen Zeiten ziehen Einzelne in aller Stille Spuren, hin zu den irdischen Freiräumen, hin zum Himmel. Thomas Bernhard, der sein Ziel nicht verfehlt und der mit seiner wiederholenden Litanei die Welt gesunden läßt und Wolfgang Sinwel mit seiner Wiederherstellung und geduldigen Rekonstruktion des Gartens der Welt, der hehren Plätze, von der Welt behütet. Bild um Bild, Tafel um Tafel stellt Sinwel unermüdlich die Erde, die Wiege des Menschen wieder her. Sinwel setzt der Welt Glanzlichter auf, baut sie wieder auf für eine Welt, die sie nicht mehr hat. Mittels nicht endender Gestaltungen, so als würde er den zerrissenen Himmel flicken, als würde er die Liebe zur Heißgeliebten beteuern, läßt Sinwel, diese Engel des Wunderlichen, der die Tiefen auslotende Dichter, der alles in einem erfaßt, dieser MALER, der die Kunst des Caspar David Friedrich und des William Turner fortsetzt, diese Genie, von neuem ein österreichisches Genie, die Erde in ihrem Ursprung sehen, in jenem, den wir verloren haben, den wir selbst zerstört haben. Sinwel baut Schlösser, höchste fürstliche Schlösser für die Welt, Bernhard reinigt die Welt, läßt über die Welt schweben, mit seiner Stimme, einem heilenden Wortschwall, und es sind zwei österreichische Einzelgänger gegen die Masse der Österreicher, gegen uns alle "Österreicher", Erdenbewohner, die ignorieren, die weiterhin die heilende Arbeit von Bernhard, die erneuernde Arbeit von Sinwel ingorieren, die kreative Tätigkeit dieser beiden Genies, die der Welt wieder PERSPEKTIVE und INHALT verleihen. |