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Werther aus der Mottenkiste - Fortsetzung

Paradigmenwechsel

Beginne wir vorne. Reden wir über ästhetische Möglichkeiten und sozialgeschichtliche Implikationen. Ältere Kollegen werden sich noch erinnern, als sich vor mehr als drei Jahrzehnten die Rezeption- und Wirkungsforschung zu etablieren begann. Euphorisch sprach man von einem Paradigmenwechsel, der hier im Bereich der Literaturwissenschaft gerade stattfindet. Eine allmähliche Abwendung von der werkimmanenten Interpretation und ein Aufschwung der Literatursoziologie und der Kommunikationswissenschaften begünstigten diese Entwicklung. Der Text, zuvor noch als autonomes Gebilde betrachtet, dessen Kunstcharakter sich durch Überzeitlichkeit konstituiert, wird nun nicht mehr isoliert, sondern in seiner Historizität, sowohl was seine Produktion wie Rezeption anbelangt, wahrgenommen. Der Kommunikationsprozess spielt sich im Spannungsfeld Autor – Werk – Leser ab. Nach dem Produktionsakt fällt dem Autor nur noch eine passive Rolle zu. Der Leser vollendet den Text, füllt verbliebenen Leerstellen auf, macht sozusagen „ein fertiges Ganzes“ daraus. Nachdem der Autor seinen Text aus der Hand gegeben hat, besteht für diesen keine unmittelbare Möglichkeit mehr, die Aufnahme seines Textes zu steuern. Umberto Eco hat auf dieser Basis seine Theorie vom „offenen Kunstwerk“ entwickelt.

Struktural

Die Wertherrezeption spiegelt beispielhaft diese Eigendynamik eines Textes wider, die vor allem in den Bemühungen Goethes, durch das Einfügen der Mottoverse und den radikalen Veränderungen der zweiten Fassung 1787, ihren Niederschlag finden. Deutlich wird, dass das vermittelnde Medium der Text ist. Würde man hier theoretische Überlegungen einflechten, bietet sich das ästhetische Konzept von Jan Mukařovský an. Der Prager Strukturalismus geht vom polyfonen Charakter von Kunstwerken aus und zeigt, dass ein Text nicht als homogenes Ganzes rezipiert wird, sondern in Schichten. So können wir eine „gegenständliche Schicht“ feststellen, die die Existenz des Textes konstituiert und diesem Identität verleiht, daran schließt sich die „Bedeutungsschicht“ an, die vom Zeichensystem Text ausgeht, und die „inhaltliche Schicht“, die die Vielfältigkeit der dargestellten Gegenständlichkeiten, Gestalten und Handlungen etc. in sich birgt. Davon ausgehend unterscheidet Mukařovský  das sogenannte „Artefakt“, den Lesevorschlag, den der Rezipient wahrnimmt, und der immer gleich bleibt und das nicht-materielle „ästhetische Objekt“, das sozusagen im Bewusstsein des Rezipienten entsteht und sich durch seine historische Wandelbarkeit, durch seine zeitlich unterschiedlichen Interpretationen, den Konkretisationen, auszeichnet. Das Werk existiert so nur als Werkgeschichte und diese findet ihren historischen Ort im Leser, der wiederum von außerästhetischen Determinanten wie Produktion, Distribution, Publikumsentwicklung und anderen sozialgeschichtlichen Grundlagen geprägt wird, die in die Analyse mit einfließen müssen

Lesen

Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist das Lesen von Büchern keineswegs ein sehr verbreitetes Vergnügen. Die kulturtragende Schicht besteht aus der höfischen Gesellschaft, die ihren Ausdruck in Preisgedichten und Festspielen, aber auch in den Inhalten heroischer und picaresker Romane findet. Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes beschränkt sich in ihrer Rezeption auf eine aristokratische Oberschicht, wissenschaftliche Abhandlungen werden überhaupt nur von einer gering vorhandenen Gelehrtenschicht gelesen. Als einzig populärer Lesestoff setzt sich die Erbauungsliteratur durch, die auch zum bildenden Medium des Leseverhaltens wird. Es ist ein permanent repetierendes Leseverhalten, das quasi an einem Text, der Bibel, geschult wird, ein Buch, das überspitzt formuliert, das ganze Leben gelesen, vor- oder aufgesagt wurde. Marion Beaujeau beschreibt die Situation so, dass in Europa etwa seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 ein Bruch mit der weltlich-schöngeistigen Literatur zu beobachten sei. Die asketische Haltung des Kalvinismus gibt den Ton an und stempelt alles, was Sinnenkultur ist, als eitel und frivol ab. Der dadurch ausgelöste Prozess einer ausgeprägten Puritanisierung und die verschiedenen religiösen Erneuerungsbewegungen schaffen die Voraussetzungen für eine weite Verbreitung erbauender Lesestoffe. Diese finden vor allem ihre Verwendung in der auf protestantischem Gedankengut ruhenden patriarchalisch geordneten Familiengemeinschaft, die den Hausvater zum Andachthalten verpflichtet. Die Popularität der Erbauungsliteratur ist so groß, dass sie 1740 auf der Leipziger Buchmesse noch 20 Prozent aller angebotenen Neuerscheinungen ausmacht.

Roman

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts spielt der sogenannte „Mittelstand“, die „Bürgerlichen“, die sich selbst als gebildet einschätzen, als Zielpunkt der literarischen Produktion die wesentliche Rolle, was der „bürgerliche Roman“ nahe legt. Ausschlaggebend dafür ist ein neues Medium, die sogenannten Moralischen Wochenschriften, die von England kommend im deutschsprachigen Raum Fuß fassen. Ohne sie wäre eine so ausgeprägte Evolution des Romans, wie sie schließlich stattfindet, wohl kaum möglich gewesen. Die Moralischen Wochenschriften kommen den aufklärerischen Ansprüchen entgegen, wirken belehrend, vermitteln aber auch erbauliche Texte und drucken beispielhafte Lebensläufe ab und verhelfen dem moralisch-didaktischen Roman, der weniger aus ästhetischen, als vielmehr erbauenden Bedürfnissen gelesen wird, zu seinem Erfolg und unterstützen die Aufnahmebereitschaft von trivialer Tagesliteratur. Das Lesepublikum steigt allmählich von der geistlich erbaulichen Literatur auf weltlich fiktionale Lesestoffe um, wobei die eingelernten erbaulichen Lesemuster beibehalten werden. Dies schlägt sich in einer ausgeprägten Fiktionsunkundigkeit, in einem naiven Leseverhalten nieder. Als potenzielle Leser kommen, so Schenda, in Mitteleuropa um 1770 rund 15 Prozent und um 1800 25 Prozent der Gesamtbevölkerung zu tragen.

Verlagswesen

Parallel dazu verläuft ein Aufschwung im Verlagswesen. In den siebziger Jahren, der Erscheinungszeit des Werther, lassen sich in Leipzig 25 Verleger nachweisen, wobei ihre Zahl ziemlich konstant bleibt, nicht jedoch ihre Produktion. Johann Friedrich Weygand, der Verleger des Wertherromans, zuvor rund eine Handvoll Bücher produzierend, verlegt überraschend 1775 schon 43 Neuerscheinungen. Die Landkarte des deutschen Buchhandels ist so scheckig wie das Bild der deutschen Kleinstaaten. Viele kleine expandierende Verlage wirken wie Stützpunkte eines dezentralen Aufklärungssystems.

Lektürebeschränkung

Im gleichen Maß wie der Informationsdrang zunimmt und eine Evolution der Lesestoffe zur Folge hat, versucht auch der schwerfällige Staatsapparat seine Kontrolle über das neue Medium nicht zu verlieren und reagiert oft mit Lektürebeschränkung. Für den Werther hat das unmittelbare Folgen, denn er wird als systemgefährdende Schrift erkannt und sowohl im Kurfürstentum Sachsen, im Königtum Dänemark, als auch in Österreich auf den Index, die Liste verbotener Bücher, gesetzt. Solche Maßnahmen erhalten von theologischer Seite einen regen Zuspruch, denn erst einmal als „Lockspeise des Satans“ erkannt, konnten nur noch harsche Kanzelworte eine verirrte Christenheit zur Räson rufen. Vor allem Hamburgs Hauptpastor Johann Melchior Goeze, der schon durch den Theaterstreit mit Lessing in Erscheinung getreten war und dessen zensurlüsterner Amtsbruder Christian Ziegra hätten am liebsten den leichtsinnigen Rezensenten „Zaum und Gebiss angelegt“. Aber gerade verdammende Kanzelworte und Zensurbestimmungen verschaffen diesem Roman jene Propaganda, die er braucht, um ein Bestseller zu werden.

Publikum

Das Publikum des Werthers lässt sich in seiner gesamten Breite kaum ausmachen. Deutlich zeigt sich jedoch die Korrespondenz zwischen Lesemuster und Publikumsentwicklung. Vor allem der Umgang mit vorwiegend religiöser Literatur wirkt sich aus, wobei die Erfahrungen mit der Erbauungsliteratur auf den Roman übertragen werden. Ist auf der einen Seite übertriebene Identifikation mit dem Roman auszumachen, plädiert die andere Seite für Distanz zum Text.

Schreibweise

Keinem Autor ist es möglich, seine Schreibweise aus einer „Art Arsenal zeitloser literarischer Formen“ auszuwählen, bemerkt Roland Barthes, die Ausdrucksmöglichkeiten seien begrenzt und abhängig vom „Druck der Geschichte“. Die Schreibweise sei ein Spiegel ihrer Zeit, sie ist der Knotenpunkt für die Darstellung der Realität, die sie im wesentlichen prägt. Goethe hat für seinen Erstling die Schreibweise in Briefen gewählt, die mit einem Herausgeberbericht eingeleitet wird. Das 18. Jahrhundert wird als „Jahrhundert des Briefes“ bezeichnet, das seine Rücklage in der gesamteuropäischen Strömung der Empfindsamkeit findet. Karl Philip Moritz verweist in seiner Vorrede zum Anton Reiser, dass der „Blick der Seele in sich selbst geschärft“ werden müsse. Selbsterfahrung und Selbstreflexion lassen sich unschwer in der explosionsartigen Ausbreitung der Briefkultur erkennen, die aber auch die Ohnmacht des einzelnen sichtbar macht. Es ist die permanente Verspätung der Bourgeoisie, ihre Aussperrung von den realen Machtverhältnissen, die sich hier widerspiegelt und auch die Affektstruktur dieser Zeit prägt, die beherrscht wird von Melancholie, Hypochondrie und Weltschmerz. Deutlich wird der erfolgte Hang zur Innerlichkeit im Ausspielen von Einsamkeit gegen Gesellschaft, in der Gegenüberstellung von Genie und Weltling. Muße wird gegen (adelige) Langeweile gesetzt und auch die Affinität zur Natur wird wiederentdeckt, wobei das Land der Stadt ebenso vorgezogen wird wie die Kleinstadt der Residenz. Nicht zuletzt stehen sich innere Freiheit und äußerer Zwang gegenüber. Goethe selbst arbeitet mit der Genauigkeit eines Seismographen und fasziniert mit seiner Briefsammlung. Der aufklärerische Ästhetiker Sulzer verweist darauf, dass man „... so zu schreiben wissen müßte, wie Goethe geschrieben hat.“ Die Schreibweise gestattet es dem Rezipienten, sich im Geschriebenen selbst zu erkennen. Über Literatur redend, redete der Bürger über sich selbst. Die dadurch entstandene literarische Öffentlichkeit weitet sich schließlich ins Politische aus.

Lektürevorliebe

Friederike Brion lese gern Romane, vermerkt Goethe autobiografisch schreibend und begründet dies damit, weil sich darin „so hübsche Leute“ finden lassen, „denen man wohl ähnlich sehen möchte.“ Ausgangspunkt für diese Beobachtung bildet der Goldsmithsche Roman The Vicar of Wakefield, der in seiner deutschen Übersetzung im Sesenheimer Pfarrhaus vorgelesen wird. Goethe spielt hier auf das identifikatorische Leseverhalten, dem er sich selbst auch nicht entziehen kann, an und studiert in dieser Weise die Romane seiner Zeit. Lottes Lektürevorliebe ist der Roman, der es ihr gestatte sich an ihrer Erfahrungswelt zu orientieren, die sie darin abgebildet vorzufinden glaubte. Werther protokolliert: „Wie ich jünger war, sagte sie, liebte ich nichts so sehr als Romane ... Doch da ich so selten an ein Buch komme, so muss es auch recht nach meinem Geschmack sein. Und der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es zu geht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird, als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit.“
Die Zeitgenossenschaft der abgebildeten handelnden Figuren verstärkt die Kongruenz zwischen Lektüre und Lektüreerwartung, was schließlich eine Auflösung ästhetischer Distanzschranken nach sich zog. Goethe erklärt zwar "Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben“ und spielt dabei auf verschiedene autobiografische Elemente aus einer für ihn langsam morsch gewordenen Außenwelt als Vorlage für seinen Briefroman an. Der Umkehrschluss, korrigiert Goethe später, sei aber nicht möglich, denn man könne nicht Poesie in Wirklichkeit verwandeln, „einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen".

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