Als
alles überstanden war, nach elf Tagen und 272 Kilometern Paddelei saßen wir in
der Gastwirtschaft „Laterne“ in
Pasman auf der Insel Pasman: Adi, der
Fahrtenleiter, Jannis, Dietmar, Peter und ich. Wenn ich vorher hoffnungsfroh an
diesen Moment gedacht hatte, sah ich einen glücklichen Abend voller
Hochstimmung vor mir. Nichts dergleichen, zumindest nicht bei mir. Unvermittelt
war ich niedergedrückt, mißgelaunt, appetitlos und trank nur ein einziges,
schwächliches Bier. Später wußte ich, warum das so war: Elf Tage vom 30. Mai
bis 9. Juni mit dem Seekajak (der meine ein geliehener „Feathercraft“), das war
wie elf Wochen, das war so viel an intensivem Leben, wie ich es selten zuvor in
einer so kurzen Zeitspanne erfahren hatte. Das klare Meer, die salzige Luft,
die Schönheit der Inseln, das Gleiten des Bootes, aber auch die Anstrengung,
die wehen Knochen, psychische Anstrengung bis hin zu – ja was, Angst ? Wer weiß, wann die maximale Konzentration
aufhört und die Angst anfängt.
Der zweite Tag bringt uns mittags nach Tribunj auf dem Festland – ein idyllischer Ort und wir finden ein Restaurant am Hafen und essen gewaltig. Danach unterwegs Richtung Sibenik gab es dann ein bißchen frischen Wind gegenan: Spritzdecken zu, Schwimmwesten an, Adi, der Fahrtenleiter setzt mit zwei Meeresneulingen in der Gruppe – Peter und mir – auf Sicherheit Es schaukelt, platscht, spritzt und macht Spaß. Ich bekomme ein erstes Gefühl für die Leistungsfähigkeit der Seekajaks. Abend zelten wir am Eingang zur Krkamündung, nahe der Stadt Sibenik.
Der dritte Tag: Immer die fjordähnliche Krka entlang. Ein wunderschönes ruhiges Paddeln. Ein Kroate in einem Motorkutter erklärt uns wegen unseres Unternehmens zu „heroes“ und bietet Wodka und Orangensaft an. So loben wir uns die einheimische Bevölkerung. Wir überqueren einen großen See, fahren die Krka hinauf, die nun immer schmaler und grüner wird, bis sie für uns in einem Wasserfall endet – oder, beginnt. Weil das hier ein Naturpark ist und wir wegen der absoluten Fotos fast den Bug in den Wasserfall stecken, sind die Parkwächter etwas streng mit uns. Wenn das jeder machen würde ?
Dann die Krka wieder stromab zu dem Ort Skradin, wo wir neben dem Fußballplatz unsere Zelte aufstellen. Niemand stört sich daran. Wirtschaft für den, der will. Ich will, weil: Tütensuppen begeistern mich nur mäßig.
Am vierten Tag wieder zurück zum Meer, zu dem Zeltplatz von vorgestern, im Uferwald gegenüber einer alten Festung. Mittags hatten wir in Zaton halt gemacht und waren auf reichlich Brathuhn und Bier getroffen. Unheimlich, was man bei der Paddelei essen und trinken kann, ohne blau und dick zu werden.
Am fünften Tag wieder aufs Meer, zwischen die Inseln. Hier lerne ich die Bedeutung von Seekarte und Kompaß beim Paddeln auf dem Meer kennen. Adi hat beides und kann damit umgehen. Er peilt und peilt und führt uns direkt auf die geschlossene Küstenlinie einer Insel zu. „Der will wohl gegen die Wand fahren, unke ich in mir – und da tut sich genau vor uns eine schmale Durchfahrt auf. Die eine Insel waren zwei. Wir paddeln und paddeln, kurze Rauchpause für die süchtigen, kunstvolles Pinkeln unter Deck in die dafür mitgeführte Plastikdose, und schon sind wir im lieblichen Hafen der Insel Kaprije. Lieblich auch deshalb – ihr ahnt es schon – weil es dort eine nahrhafte Wirtschaft gibt, deren Wirt zwar nur einen Schneidezahn aber dafür einen goldenen Ring im Ohr hat. Abends zelten wir gleich um die Ecke auf der unbewohnten Insel Kakan.
Am nächsten Morgen, dem sechsten Tag, regnet es, aber nur ein wenig und auch nur kurz. Mein Hintern macht mir Probleme. Er tut weh, egal, worauf ich mich versuchsweise setze. Das kann einem den ganzen Tag verderben. Später schafft eine Grabner-Sitzmatte (verdiente Schleichwerbung !) wohltuenden Sitzkomfort. Die Inselchen werden immer kleiner und zahlreicher, kahle, runde Boppel die das Meer sprenkeln. Etwas mordsmäßig und sehr eindrucksvoll. Auch Adi, für den das nicht neu ist, hat ein Leuchten in den Augen. Auf Ravni Zakan wissen wir warum: Wir zelten neben einer Taverne, die von einer jungen Frau mit ihrem Vater betrieben wird. Sie – die junge Wirtin – ist mindestens so eindrucksvoll wie die Inselchen. Und Adi hat auf seiner vorherigen Reise Eindruck hinterlassen, mißt man es an der Art, mit der er begrüßt wird.
Der siebente Tag ist grau und windig. Ich bin mir sicher: „Heute kriegen wir einen auf die Mütze.“ Wir brezeln mit starkem Rückenwind und kräftigen Wellen die Insel Kornat entlang und riskieren ein Auge auf die offene Adria. Da laufen Roller mit Schaumkronen, die mich das Fürchten lehren. Zum Glück besteht Adi nicht auf diesem Kurs und wir bleiben zwischen den Inseln. Aber auch hier geht es rund: das Fahrwasser wird enger, Wind und Wasser werden gepreßt und von hinten gurgelt und rauscht es gewaltig. Windstärke drei bis vier vermerkt Jannis in seinem Fahrtenbuch. Ich hätte leicht auf „bis zu fünf“ geschätzt. Für mich ist das die brenzlichste Situation, wenn starke Wellen von hinten das Boot zum Glitschen bringen und es leicht querschlagen kann. Die drei Erfahrenen machen coole Mine zum aufregenden Spiel – Peter aus Dresden, obwohl früher bei der DDR-Handelsmarine, ist es sicher genauso wie mir ergangen. Und auch er ist schließlich keine sechzig mehr. Glücklich erreichen wir die Bucht Lopatica auf der langgestreckten Insel Kornat. Pause in einem kleinen Beisel. Dann noch ein zwei Kilometer zur nächsten Bucht.
Hier ist ein Ruhetag vorgesehen, der achte Tag unserer Reise. Ein angenehmer Platz hinter Natursteinmauern unter stattlichen Bäumen. Aber es bläst gewaltig und in einer Bö bricht mit einem Knall der einzige Bogen meines Zeltes. Nach einer Behelfsreparatur sieht meine Behausung etwas schrottig aus. Absolut unbewohnte Einsamkeit hatte Adi angesagt; aber Dietmar, zügiger Fußgänger entdeckt als erster eine Gastwirtschaft. Nur zwanzig Minuten entfernt in einer Nachbarbucht. Luxus statt Wildnis: wir essen Hummer und trinken Weißwein.
Nach dem Ruhetag ist das Wetter wieder recht friedlich. Unser Kurs führt uns am neunten Tag zur Spitze von Kornat rund um Katina nach Osten an Dugi Otok vorbei zur Insel Zut. Hier essen wir in einem sehr teuren Restaurant zu Mittag. Ich habe es als erster angesteuert, daher „Schande auf mein Haupt.“ Die spinnen aber auch, die Kroaten. Auf der Insel setzen sie auf wohlhabende Segler und verlangen Mondpreise – nicht alle, aber viele. Da lobe ich mir das alte Jugoslawien, das Tito- sozialistisch und preiswert war. Abends zelten wir am Südende der Bucht, hinter einem wesentlich sympathischeren Gartenlokal.
Der zehnte Tag wird zu einem der schönsten. Es ist erstmals sommerlich warm. Wir queren den Sitski-Kanal und kommen zur Insel Gangaro. Ein kleiner Hafen, ein nur im Hochsommer bewohntes Dörfchen, außer uns ist da nur ein großes Rudel Katzen. Aus unseren Restbeständen basteln wir einen beachtlichen Eintopf. Ich schlafe ohne Zelt glücklich unter dem Sternenhimmel.
Der letzte, der elfte Tag. Kräftiger Seiten- dann Rückenwind. Wir werden nach Pasman geblasen. Keiner paddelt richtig, so, als wolle jeder das Ende der Fahrt hinauszögern. Es kam dennoch; Ende siehe Anfang.