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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 4. TEIL
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INHALT DES 4.
TEILS:
VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE (Definitionen - Das
Unbewusste - Süchte, Persönlichkeitsstörungen, Geistes- und Gemütskrankheiten -
Therapieformen)
ø
VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE
* Tiefenpsychologie:
Vom Züricher Psychiater Eugen Bleuler
1910 geprägter Ausdruck für die Psychologie des Unbewussten
* Psychiatrie: ein
medizinisches Hauptfach, dessen Forschungsgebiete Diagnose, Verlauf und Heilung
von seelischen Erkrankungen sind (gr. ψυχή / psyché = Seele, ιατρός / iatrós =
Arzt).
Einige Online-Dokumente finden sich hier:
Link
-
Definition:
Dem "Unbewussten" als hypothetischer Persönlichkeitsinstanz, in deren
Rahmen dynamische Prozesse ablaufen, die das bewusste Erleben und Verhalten
beeinflussen, liegt die Annahme zugrunde, dass es neben den bewussten Vorgängen
und Zuständen auch nicht wahrnehmbare ("unbewusste") seelische Komponenten gebe,
auf die man nur indirekt schließen könne (s. nächster Punkt).
Gegner der Tiefenpsychologie (z. B. der Wiener Rohracher,
s. o.) lassen nur physiologische Prozesse (z. B. Hormonausschüttung) als
unbewusst gelten und halten die Tiefenpsychologie für eine Hypothese, die zwar
vieles erkläre, selbst aber weder widerlegt noch bewiesen werden könne.
-
Zugangsmöglichkeiten:
Nach Sigmund Freud
(s. u.) gibt es vier Möglichkeiten, Zugang zum Unbewussten zu finden:
*
Traumdeutung: Seit Aristoteles
(Traum ist Reaktion auf eine Störung) wird der Traum psychologisch gedeutet. Artemidor
(2. Jh. n. Chr.) unterschied zukunftsdeutende und Vorhandenes spiegelnde Träume.
Freuds Hauptwerk "Die
Traumdeutung" erschien 1900. Darin betrachtet er den Traum als codierte
Botschaft, die unbewusste Wünsche ausdrückt, und unterscheidet zwei Arten von
Trauminhalten:
| ° manifester Inhalt: vordergründig, das Erzählbare; der von der Traumzensur entstellte Inhalt | |
| ° latenter Inhalt: der Hintergrund, der interpretiert werden muss (Traumdeutung = "via regia der Psychoanalyse") |
"Traumarbeit" bewirkt, dass aus einem latenten ein manifester Inhalt wird. Sie bedient sich folgender Mittel:
| ° Verdichtung (z. B. Verschmelzung verschiedener Personen zu einer Traumfigur) = Agglutination | |
| ° Verschiebung (z. B. peinlicher Inhalte auf harmlose, s. a. u.) = Dilation | |
| ° Symbolisierung (Verwendung einer mehrdeutigen Bildsprache, von Freud z. T. entschlüsselt: z. B. stehe alles Ragende, Aufgerichtete, Lange für Männliches, alles Hohle, Ausgebreitete, Runde für Weibliches) = Permutation | |
| ° Zerlegung: Merkmale einer Person können z. B. auf 2 Personen aufgeteilt werden. |
Quellen des Trauminhalts: Nachgewiesen
ist der Einfluss äußerer (z. B. Weckerläuten, das, in illusionärer Verkennung,
im Traum erscheint) oder innerer Reize (zB Hunger) sowie sog. Tagesreste
(unverarbeitete Erlebnisse, die im Traum, z. T. verschlüsselt, wiederkehren).
Sonstiges: Geträumt wird zu ca. 80% in den REM-Phasen (s. o.). Beteiligt
ist das im Schlaf nicht vollständig ausgeschaltete unspezifische Nervensystem
(ARAS = aufsteigend retikuläres Aktivierungssystem). Man rechnet mit etwa 20%
Traumanteilen am Gesamtschlaf (in der Kindheit mehr, im Alter weniger). Ca. 70%
der Träume sind emotionalisiert (davon ²/3 unlustbetont),
die meisten erscheinen visualisiert. Am häufigsten scheinen Angstträume zu sein.
(s. Traumregistrierungen über Jahrzehnte von F. Hacker)
Die Erinnerbarkeit hängt vom zeitlichen Abstand zum Erwachen ab. Zum Thema Traum
vgl. folgende private Seiten über Traumdeutung 1 und 2
* Fehlleistungen (von Freud
in "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" behandelt): treten v. a. im
sprachlichen Bereich auf ("Freud'sche
Versprecher", Verschreiben) aber auch Vergreifen, Vergessen etc. (sog.
Symptomhandlungen, s. a. "Abwehrmechanismen").
Fehlleistungen entstehen keineswegs aus Unaufmerksamkeit oder zufällig, sondern
sind Ausdruck unbewusster Konflikte. (z. B.: "Ich fordere Sie auf, auf das Wohl
unseres Chefs aufzustoßen." - "Bitte ziehen Sie ab."); oft (wie in den
Beispielen) Kontaminationen (Zusammenziehungen) zweier Redewendungen, die die
eigentliche Redeabsicht entlarven.
* Hypnose: Versetzen in einen Trance-Zustand, in dem man Suggestionen (= Übertragung gefühlsbetonter Zustände
oder Überzeugungen von einer Person auf eine andere; auch als Autosuggestion
bekannt und vom Berliner Psychiater J. H. Schultz
zu Entspannungsübungen, die er Autogenes Training nennt, genutzt) besonders
leicht zugänglich ist.
Technik: Freud hat sie in
Paris von Charcot gelernt.
Fixieren eines meist glänzenden Gegenstandes in entspannter Ruhelage unterstützt
die Müdigkeit suggerierenden Worte des Hypnotiseurs und bewirkt die
verschiedenen
Hypnosestadien:
| ° Stadium der Somnolenz (Schläfrigkeit) | |
| ° Stadium paralyticum (passives Zurückfallen der Gliedmaßen, wenn sie angehoben werden) | |
| ° Stadium der Katalepsie (Gliedmaßen behalten jede Stellung bei, in die sie gebracht werden). | |
| ° Stadium des Somnambulismus: In diesem letzten Stadium können Heilsuggestionen (z. B. bei hysterischen Lähmungen) durchgeführt oder posthypnotische Aufträge erteilt werden, die nach dem Aufwachen ausgeführt werden, wenn sie nicht moralischen Grundsätzen widersprechen (z. B. Mord) oder unmöglich durchzuführen sind (die hypnotisierte Person sucht dann nach Scheinrechtfertigungen z. B. dafür, warum sie gerade Papierschnitzel aus dem Fenster wirft). In diesem letzten Stadium, in das man nicht gegen seinen Willen gebracht werden kann, reicht die Erinnerung weiter als im Wachzustand; verdrängte Wunschvorstellungen lassen sich zur Äußerung bringen. |
Vgl. Hypnose und Hypnotherapie mit Geschichte der Hypnose
* freies Assoziieren:
Der Patient liegt (um Hemmungen auszuschalten) ohne Sichtkontakt zum Psychiater
auf der durch Freud berühmt
gewordenen Couch und muss rasch, von Stichwörtern geleitet, frei erzählen.
(Assoziation = erlernte oder, in diesem Fall, spontan auftretende
Gedankenverbindung) Durch die Überlistung der zensurierenden Vernunft lassen
sich Rückschlüsse auf Verdrängtes ziehen.
Folgende Formen treten auf:
| ° Gegensatzassoziationen (am häufigsten): z. B. groß-klein | |
| ° Ähnlichkeitsassoziationen: z. B. Hitze-Wärme | |
| ° Funktioneller Bezug: z. B. Vogel-Ei | |
| ° Logische Kategorie: z. B. Dogge-Hund | |
| ° Kontinuität: z. B. elf-zwölf | |
| ° Phonetische Assoziationen: z. B. Rose-Dose | |
| ° Spezifische Identifikation: z. B. Meer - Adria | |
| ° Persönlich Gefärbtes: z. B. auf Schule, Eltern |
Abweichungen treten desto eher auf, je gebildeter bzw. geisteskranker jemand ist. (Volksschulbildung 5%, Akademiker 12%, Schizophrene 25% Abweichung)
-
Abwehrmechanismen:
Abwehrmechanismen ermöglichen einen Ausgleich der oft unerwünschten
Trieb(Instikt)forderungen mit den gesellschaftlichen Konventionen. Sie stellen
Ersatzhandlungen für das Ausleben des Unbewussten dar. Freud
(und andere) unterschieden:
* Verdrängung: "Nicht-Wahrhaben-Wollen" der unerwünschten
Triebansprüche oder unangenehmer Bewusstseinsinhalte. Das auf diese Art
"Vergessene" lässt sich durch die oben genannten Techniken wieder aktivieren,
wobei der Bewusstwerdung Widerstand (laut Freud
durch dieselbe Energie gespeist, die früher die Verdrängung bewirkt hat)
entgegengesetzt wird. Ist der Energiebedarf nicht zu groß => gelungene
Verdrängung, sonst => misslungene Verdrängung. ("Ökonomisches
Persönlichkeitsmodell", das die Verdrängung als eine Methode der "Unterbringung"
der Libido = Triebenergie ansieht)
* Rationalisierung: nachträgliche Scheinbegründung für in Wahrheit
trieb- oder instinktbedingtes Handeln (z. B. Vorgabe wissenschaftlichen
Interesses bei der Lektüre von Pornoheften).
* Substitution: Ausrichtung der Trieb- oder Instinkttätigkeit auf
ein Ersatzobjekt (z. B. Übertragung der Liebesgefühle für eine unerreichbare
Person auf eine andere o. von Gefühlen für die Eltern auf den Analytiker).
* Sublimation: Überführen der für "primitive" Regungen zur
Verfügung stehenden Triebenergie in sozial höher bewertete Tätigkeiten (z. B.
das Malen nackter Männerkörper durch den homosexuellen Leonardo
da Vinci).
Das Ich (s. u.) setzt der anstößigen Erregung eine Gegenbesetzung entgegen, die
es als bleibende Veränderung aufnimmt. In einer dritten Phase kann das
Verdrängte wiederkehren. (Abnahme der Gegenbesetzung)
* Projektion: Die eigenen gehemmten Triebe oder unerwünschten
Verhaltensweisen werden anderen zugeschrieben ("von sich auf andere schließen",
Außenprojektion).
* Identifikation: Übernahme der Gründe der die eigenen
Triebregungen unterdrückenden Autorität. (z. B. "Ich bin ja noch zu jung für
eine sexuelle Beziehung.") Eigenschaften und Verhaltensweisen anderer Personen
werden adoptiert. (Auch Introjektion, Internalisierung) Die Übernahme der
Eigenschaften der angsteinflößenden Autoritäten wirkt angstmildernd, da die
Differenz vermeintlich ausgeglichen wird.
* Kompensation: Ausgleichen einer Minderwertigkeit durch
Anstrengungen auf einem anderen Gebiet (z. B. Einschlagen der Militärlaufbahn
bei physischer Unterentwicklung).
* Verschiebung: Die Affektbesetzung eines unerwünschten
Bewusstseinsinhaltes wird auf einen harmlosen verschoben (s. o., Traumarbeit),
was sich als Phobie (z. B. Angst vor Mäusen statt vor einer peinlichen Neigung)
oder Zwangshandlung (z. B. Pflastersteine zählen statt Ausleben von Geiz)
auswirken kann.
* Regression: Das Zurückfallen in eine ontogenetisch ( =
Individualentwicklung, Phylogenese = Stammesentwicklung) bereits überwundene
Entwicklungsphase (z. B. Enuresis eines Dreijährigen bei der Geburt einer
kleinen Schwester).
* Konversion: Überführen von psychischen Zuständen in physische
Symptome (Psychosomatisches Syndrom, z. B. durch
Stress (zumindest durch "schlechten" Dysstress im Gegensatz zu "gutem"
Eustress) => Magengeschwüre).
SÜCHTE,
PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN,
GEISTES- UND GEMÜTSKRANKHEITEN
Man unterscheidet Abhängigkeiten (Verlust der
Selbstregulation), Neurosen (Verlust der Lebensfreude) und Psychosen (Verlust
der Realität). Bei den ersten beiden Gruppen herrscht meist (volle)
Krankheitseinsicht (auch wenn ihre Bedeutung vom Patienten oft heruntergespielt
wird), beim letzten Krankheitsbild wird der eigene Zustand nicht mehr
wirklichkeitsgemäß eingeschätzt. ["Der Neurotiker baut ein Luftschloss, der
Psychotiker lebt darin." (Und der Psychiater kassiert die Miete.)]
Vgl. ICD 10
(Klassifikation der WHO),
DSM IV (Seite 1),
DSM IV (Seite 2; eine andere verbreitete Klassifikation der Psychischen
Störungen),
"Psychische Krankheiten" (Medicine worldwide) und Internet Mental Health
Drei Ursachengruppen werden immer wieder als Erklärung für psychische Krankheiten und Störungen genannt:
| ° Erbfaktoren - genetische Weitergabe der Veranlagung zu einer Geisteskrankheit. | |||||||
°
Umwelteinflüsse - sei es, dass sie in der Familiensituation (gestörte
Kommunikationsmuster innerhalb der persönlichen Umgebung des Patienten;
erfordert oft die Mitbehandlung der Angehörigen) oder fehlgegangenen
Lernprozessen, sei es, dass sie in frühkindlichen Traumatisierungen, die zu
psychodynamischen Effekten führen, gesehen werden. Eine besondere Rolle
spielt die
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° Biologie und Physiologie: ev. noch nicht in allen Einzelheiten bekannte biophysikalische und -chemische (hormonelle) Vorgänge im Körper. (Die beliebige Beeinflussbarkeit der Stimmung durch Psychopharmaka beweist ihre Mitbeteiligung.) |
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- Ausgangslage in Österreich (Zahlen nach Psychosoziale Dienste Wien):
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Zahlen zur psychischen Gesundheit in Österreich: |
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-
Abhängigkeiten:
Abhängigkeiten (das Wort "Sucht" wurde 1964 von der WHO durch "Abhängigkeit ["addiction"] ersetzt)
sind Drangerlebnisse, die mit den Trieben vergleichbar sind. (Süchte sind jedoch
im Gegensatz zu den Trieben erworben und biologisch nicht sinnvoll.) Die
verwendeten Suchtmittel können je nach kulturellem Hintergrund legal
(z. B. Alkohol) oder illegal (z. B. Heroin) sein. Jede Sucht hat
folgende
* Merkmale:
| ° Der zwanghafte Drang zum Suchtmittelmissbrauch (Abusus) besteht über längere Zeit (Meidungsunfähigkeit) und zeigt einen phasischen Verlauf. | |
| ° Die Zuführung der euphorischen Dosis lässt sich nur schwer oder nicht beherrschen (Kontrollverlust trotz noch lange anhaltender Kontrollillusion). | |
| ° Es entsteht eine Toleranzentwicklung. (Das Suchtmittel wird eine Zeit lang immer "besser" vertragen. | |
| ° Es entwickelt sich eine starke Verdrängungsbereitschaft für die Gefährlichkeit des Suchtverhaltens bei gleichzeitigem Auftreten von Schuldgefühlen. | |
| ° Es entstehen relativ starre Suchtrituale bei relativ geringer Entspannung. Ohne Suchtmittel kommt es zum Entleerungserlebnis. | |
| ° Zum Suchtmittel wird eine quasipersönliche Beziehung aufgenommen; es wird ihm eine Funktion zugeschrieben. | |
| ° Es besteht Koartanz (Einengung der Handlungen und Gedanken auf die Beschaffung und den Genuss des Suchtmittels). | |
| ° Tendenz zur Dosissteigerung der die Lustgefühle herbeiführenden bzw. Spannungen abbauenden Stoffe bzw. Erlebnisse bis zu Exzessen (Progression). | |
| ° Die Schädlichkeit für den Einzelnen bzw. die Gesellschaft muss gegeben sein. (Daher keine "Sucht" nach Sauerstoff, Schlaf, Zucker etc., wenn die Konsumation nicht maßlos erfolgt) |
*Suchtpotential: Darunter versteht man das Verhältnis von suchtkranken Konsumenten zu nicht suchtkranken Konsumenten (z. B. bei Heroin vs. Orangensaft)
* Stadien: J. M.
Jellinek beschrieb 1960
folgende Typologie der Trinkgewohnheiten.
Vgl. Informationsseite
einer Selbsthilfegruppe und eine
Seite über Jellinek
| a-Typ:
Konflikttrinker (nocht nicht süchtig; auf dem Weg in die Abhängigkeit) b-Typ: Gelegenheitstrinker (noch nicht abhängig) g-Typ: Süchtiger Trinker (psychisch und physisch abhängig, Kontrollverlust) δ-Typ: Gewohnheitstrinker (Spiegeltrinker) ε-Typ: Episodischer Trinker ("Quartalsäufer"; unkontrollierbares Bedürfnis = Dipsomanie) |
* Abhängigkeitsmodi:
| ° physische Abhängigkeit: nicht bei allen Süchten vorhanden (vgl. z. B. Spielsucht). Führt im Extremfall zum Tod bei übergangslosem Entzug, sonst zu Entzugserscheinungen. (Ausschließlich nur bei neugeborenen Süchtigen) | |
| ° psychische Abhängigkeit: immer vorhanden, liegt v. a. im Erlebnis der Zwanghaftigkeit. Entzugserscheinungen äußern sich z. T. physisch (z. B. im Zittern, Schwitzen etc.) |
* Ko-Abhängigkeit:
Darunter wird die Situation der Angehörigen des Suchtkranken bzw. deren Rolle
bei der Entstehung und v. a. der Aufrechterhaltung der Sucht verstanden. (Oft
"Negatives Froschkönigsyndrom": Der geküsste Frosch wird nicht zum Prinzen,
man selbst aber womöglich in einen Frosch verwandelt.) Beobachtbar ist in
betroffenen Familien nach Villez oft die zentrale, organisierende Kraft, die
z. B. das Alkoholismus-System verleiht, die Familiensucht der Suchtfamilie, die
Kohäsion durch Selbstdestruktion bei gleichzeitiger Taubheit für außerfamiliäre
Informations- und Hilfsmöglichkeiten. Nach Jackson
Verlauf in
7 Phasen:
| ° Verleugnung der Erkrankung des Angehörigen | |
| ° Soziale Isolierung der Familie, im Inneren (untaugliche) Kontrollausübung | |
| ° Versuche, die Abhängigkeit des Kranken zu kontrollieren, werden aufgegeben | |
| ° Rollenverschiebung; andere Familienmitglieder kompensieren Rolle des Abhängigen | |
| ° Trennung vom Abhängigen | |
| ° Reorganisation der Familie, jetzt Veränderung auch beim Abhängigen möglich | |
| ° Neubeginn durch Wiederaufnahme des Abhängigen oder getrennte Entwicklung |
* Ursachen: Meist treffen mehrere, in ihrer Gewichtung nachträglich nicht mehr einordenbare Faktoren zusammen. Zugrunde liegen verschiedenste Theorien.
| ° labile Persönlichkeit (Frustrationsintoleranz, bedingt durch verwöhnende oder Scheinanpassung hervorrufende autoritäre oder Unsicherheit erzeugende wechselnde Erziehungsstile, in denen Kinder nicht mehr wissen bzw. ausrechnen können, ob sie für bestimmte Verhaltensweisen Lob, Ignoranz oder Strafe erwarten können; oft auch Ursache für die Entwicklung krimineller Energien etc. Das Schlimmste für die Entwicklung von Kindern ist es, ihnen keine Orientierungsmöglichkeit zu geben. Sogar übermäßige, aber konsequente Strenge hat bessere Prognosen.): Süchte gelten als (in einer sinnentleerten und Angst machenden Umwelt zunehmend auftretende) Abwehrversuche bei Hoffnungs- und Interesselosigkeit, Sicherungsangst, Verdecken uneingestandener Unterlegenheit, Tarnung von Depressivität etc. |
Suchtfördernde Faktoren im Jugendalter:
|
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| ° äußere Umstände (z. B. frühkindliche Traumen; Entbehren oder Verlust einer Bezugsperson; Versagen in Beruf oder Schule; depressive Mutter, tyrannischer Vater etc. etc.) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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° Erbfaktoren (kongenitale Disposition) oder physische /
biochemische Ursachen (z. B. Defizite in der Verarbeitung von Alkohol,
der dann eine Triggerfunktion hat). In letzter Zeit wird die Aktivierung
gewisser Neurotransmitter untersucht, die das Gehirn "belohnen". Das
Nervensystem beeinflusst nach Theorien des US-Hirnforschers Jon-Kar
Zubieta je nach dem Spiegel
der körpereigenen Opioidrezeptoren, der auch die Schmerzverarbeitung und
Stimmungen steuert, die Neigung zum Drogenkonsum Vgl. dazu auch die informative Seite der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren |
* Übersicht:

|
Folgende Substanzen wurden von Österreichern mindestens einmal konsumiert: |
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| Alkohol |
97% |
Abmagerungsmedikamente |
5% | ||
| Nikotin |
76% |
Ecstasy | 4% | ||
| Schlaftabletten |
15% |
Kokain | 4% | ||
| Beruhigungsmittel |
14% |
LSD | 2% | ||
| Illegale Drogen (gesamt) |
21% |
Opiate | 2% | ||
| Cannabis |
19% |
Amphetamine | 1% | ||
| Aufputschmittel |
7% |
Andere | 1% | ||
* Süchte im einzelnen:
| °
Alkoholismus: Vgl. Alkohol
Koordinations- und Informationstelle, Alkoholsucht, Informationsseite einer
Selbsthilfegruppe,
What are the effects of alcohol on the brain?,
BBC Hot Topics und
"Metareferat" zum Thema Alkohol. In der westlichen Welt ist Alkohol eine
der führenden Drogen. Problem: Omnipräsenz des Alkohols, "gesellschaftliches Trinken", Missbrauch von Alkohol als "Medikament", zahlreiche Folgeschäden (Unfälle, Gewaltdelikte, Partnerschaftsprobleme etc.). Typischer Verlauf: gelegentliches Entlastungstrinken - Steigerung der Toleranzdosis - Erinnerungslücken - Trinken zu unüblichen Zeiten, heimliches Trinken - Korsakow-Syndrom (s. Teil 3) - Zunehmender Kontrollverlust und soziale Probleme - Schuldgefühle - Hochtrabendes, aggressives Imponierverhalten - Trinken mit sozial "Tieferstehenden" - Vernachlässigung der Nahrungsaufnahme, körperlicher Verfall - Zittern - Alkoholverträglichkeit nimmt ab - Vorrat an Ausflüchten der Umwelt gegenüber ist erschöpft - Alkoholhalluzinose, Delirium tremens (herabgesetzte Bewusstheit, Orientierungsstörungen, oft Fieber, Halluzinationen; Übergänge Entzugssystematik - Prädelir - Delir sind fließend) - Eingeständnis völliger Hilflosigkeit (Voraussetzung für Beginn einer erfolgreichen Therapie; oft erst nach Zusammenbruch von Familien- und Berufsleben). - Jellinek-Stadien s. o. Gefahren: Im Unterschied zu anderen psychotropen Substanzen hat Alkohol eine Vielzahl von Wirkungen: in niedriger Dosierung euphorisierend, schmerzstillend, enthemmend und anxiolytisch, in höherer Dosierung aggressionsverstärkend oder depressiogen (was in Verbindung mit der Dämpfung der Hemmungen manchmal im ungeplanten Suizid endet); die körperliche Vergiftung kann von der Leber nicht mehr verarbeitet werden => Leberzirrhose; Schwangerschaft s. o.; Herabsetzung der Reaktionsfähigkeit u. veränderte Zeitwahrnehmung => (Verkehrs)unfälle; Wegfall der Aggressionshemmung => Gewaltdelikte (Misshandlungen, Mord...): 2 von 3 Gewalttaten werden unter Alkoholeinfluss begangen! Außerdem ca. 20fach überhöhtes Suizidrisiko (s. u.).
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| °
Nikotinsucht: Vgl. Alles über das Rauchen, www.jetztaufhoeren.at (mit Test:
"Sind Sie nikotinsüchtig?"). Die Zigarettensucht ist die wohl trotz einer v.
a. aus Amerika kommenden Gegenbewegung häufigste Abhängigkeit in Österreich
(s. Kasten u.). Legal darf Tabak (von Kolumbus
populär gemacht), der das - nach dem frz. Gesandten Jean
Nicot benannte - Gift Nikotin
(ein Alkaloid) enthält, geraucht werden. Verlauf: Durch Gruppendruck meist schon sehr früh Erstkontakt zu Zigaretten (in Österreich oft schon im Alter von 9 bis 12 Jahren). Schon bald starke psychische Abhängigkeit. Ursache ev. Fixierung der oralen Phase (s. S. 77). Entwicklung im Extremfall zum Kettenraucher mit chronischem Nikotinismus [Vergiftung (60 mg Nikotin sind für den Menschen tödlich) mit Appetitlosigkeit, Blutgefäßschädigungen (Herzkranzgefäße!), Magen-, Darmgeschwüren...] Gefahren: Rauchinhaltsstoffe, z. B. Teer, sind kanzerogen (ca. 90% aller 3500 Lungenkrebstoten, die es jährlich in Österreich gibt, waren Raucher); hohes Suchtpotential. |
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Nikotin - Zahlen für Österreich: |
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| Ca. 2 Mill. Raucher(innen) vertilgen in Österreich 15 Mia. Zigaretten pro Jahr (im Schnitt etwas über 20 Stück täglich). Im Jahr 2004 rauchten 20% aller 13jährigen und 44% aller 15jährigen mindestens 5 Zigaretten pro Tag. Man rechnet pro Jahr mit ca. 14 000 Todesfällen, die mit Nikotin in Zusammenhang stehen. | |||||
| ° Medikamentensucht: Oft durch Vorbildwirkung (Kinder sehen, oft täglich, ihre medikamentenschluckenden Eltern und einen immer vollen Arzneischrank) erlernte, in ihrer Bedeutung unterschätzte "stille" Sucht. | |||||
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Medikamente - Zahlen für Österreich: |
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| In Österreich gibt es zur Zeit etwa 110 000 Abhängige, 460 000 Gefährdete (die Frauen überwiegen). | |||||
| Als Suchtmittel verwendet
werden v. a. folgende, z. T. ärztlich verschriebene, durch ihre
Nebenwirkungen gefährliche und psychische Abhängigkeit erzeugende
Psychopharmaka: + Hypnotica (Barbiturate und andere, das Aktivierungssystem blockierende Schlafmittel = Sedativa, Analgetika, z. B. Epivan, Luminal, Veronal) + Tranquilizer (angst- und spannungslösende Wirkung, zB Valium, Librium) + Neuroleptica (dämpfen das ZNS, vermindern Aktivierung und Aufmerksamkeit; "Chemische Zwangsjacke") (= desaktivierende Psychopharmaka) + Stimulantia (Aufputschmittel, die Schlaf und Hunger unterdrücken; am häufigsten versuchte Pharmaka; Weckamine, Psychotonica; auch das in Kaffeebohnen und Teeblättern enthaltene Koffein und der Kakaobestandteil Theobromin stimulieren.) + Antidepressiva (stimmungsauflösend = Thymoleptica, hemmungslösend = Thymerethica) + Amphetamine (nach dem Suchtgiftgesetz verbotene, synthetische Stoffe, die zu unproduktiver Geschäftigkeit, Reizbarkeit, Unruhe und Misstrauen führen => große psychische Abhängigkeit; zB Captagon; Ableger: Designerdroge Ecstasy) (= aktivierende Psychopharmaka) + Psycholytica [haben psychotomimetische Wirkung (rufen Halluzinationen und toxische Psychosen hervor.)] Halluzinogene bilden den Übergang zur |
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| ° Drogensucht: (vgl. Drogenabhängigkeit, UNO-Broschüre) in Österreich seit 1966 beobachtet. (Davor war das Problem fast ausschließlich auf die medizinischen und pharmazeutischen Berufe beschränkt. Vor 1919, als Österreich im Rahmen des St.Germain-Vertrages die Drogenächtung mitunterschreiben musste, gab es keine gesetzlichen Beschränkungen. 1926 wurde das erste "Giftgesetz" verabschiedet.) Heute ist die Materie im 1951 entstandenen Suchtgiftgesetz (1980, 1985 und 1998 novelliert) geregelt. Probleme: Durch psychische und tw. physische Abhängigkeiten diverse medizinische und juristische Folgeprobleme. Durch Illegalität Beschaffungskriminalität und Subkultur; Reinheit des jeweiligen Stoffes ist nicht gewährleistet. Die Besitzgrenzmengen, die ein Vergehen vom Verbrechen trennen, betragen zur Zeit 3g (Heroin), 15g (Kokain) und 20g (Cannabis). | |||||
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Illegale Drogen - Zahlen für Österreich: |
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| Erstkontakt oft mit 13/14 Jahren, Verhältnis der Abhängigen m / w ca. 4:1. In Österreich gab es 2004 229 - in Wien 88 - Drogentote (über 80% männlich, 154 direkt (2006 197, 2007 175 direkt), z. B. durch Überdosis oder Ersticken) bei schwankender Tendenz (2002: 179, 2000: 227, 1998: 162, 1994: 250, 1990: 83) und 2006 ca. 30 000 Menschen mit problematischem Konsum. (Vgl. Alkohol!) Tendenziell wurden die Drogentoten und -konsumenten bis vor Kurzem immer älter (Durchschnittsalter der Toten 2002 32, 2001: 31, 2000: 30, 1993 26 Jahre), 2003 aber gab es eine Trendwende (29,5), 2004 (Durchschnittsalter 28,7) stieg der Anteil der unter 20jährigen von 12% auf 21%. Der Mischkonsum nimmt zu (in 60% der Todesfälle war auch Alkohol im Spiel). | |||||
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Folgende Suchtgifte werden konsumiert: ° Weitere Süchte: |
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| + Sniffen: Schnüffeln von alltäglichen Essenzen, wie z. B. Klebestoffe, Fleckputzmittel, Benzin etc., die als (nicht unter das Suchtgiftgesetz fallende) Suchtersatzmittel verwendet werden. | |||||
| + Workoholism: Unter Workoholics (= Kunstwort aus work und alcoholic) versteht man Menschen, die hektisches Angetriebensein kennzeichnet. Gefahr: Erschöpfen der physischen Reserven, z. B. durch Schlafentzug, psychosomatische Auswirkungen, z. B. Magengeschwüre. Interpretation: Kann durch Sublimation oder Todesverdrängung (es bleibt keine Zeit mehr, sich der Begrenztheit des Daseins bewusst zu werden) erklärt werden. | |||||
| + Spielsucht: Der pathologische Zwang Glückspiel zu betreiben (Casino, "einarmiger Bandit"), ist in Österreich (ca. 56 000 pathologische Spieler) gesetzlich als Abhängigkeit anerkannt. Gefahr: Zerstörung der Existenz durch hemmungslose Verschuldung => ev. Kriminalität; wichtigste substanzungebundene Sucht (vgl. Fragebogen) | |||||
| + Anorexia nervosa (Magersucht, Anorexie): In der Pubertät v. a. bei Mädchen auftretende psychogene Nahrungsverweigerung unter dem Zwang, sein Gewicht dauernd kontrollieren zu müssen. Tritt gekoppelt mit Amenorrhoe oder überhaupt Ausbleiben der Menarche auf => Den Hintergrund scheint eine Ablehnung der Geschlechterrolle zu bilden. Manchmal gekoppelt mit Bulimie: Zwanghaftes Erbrechen nach jedem Essen. (4mal häufiger = gr. "Ochsenhunger"); Adipositas (Fettsucht) besteht in überhöhter Energiezufuhr mittels Nahrung (in Österreich sind 30% der Kinder von Esssucht betroffen.). Vgl. Seite über Essstörungen (Der Standard), Magersucht und Bulimie mit BMI-Berechnung, Essstörungen, Magersucht-Seite der Schulpsychologischen Beratungsstelle Landeck, magersucht-online.de, Essstörungen und folgende Kurzinformation | |||||
| + Andere Süchte: Sucht nach Süßigkeiten (v. a. Schokolade, aus mexikan. "Xocolatl", enthält Theobromin!, s. o.; vgl. BBC-Seite), nach Sex, nach dem Internet (vgl. onlinesucht.de und Seite über Internetsucht und Fragebogen; in Östereich inzwischen ca. 50 000 Abhängige), nach der Betelnuss (v. a. in Ostafrika und Asien)... | |||||
| Polytoxikomanie nennt man die kombinierte Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln (zunehmende Häufigkeit!). |
* Behandlung: Süchte werden mit Entziehungskuren (in Österreich z. B. Anton Proksch Institut) behandelt, die z. T. ambulant, z. T. stationär durchgeführt werden. Das Suchtmittel wird
| ° abrupt abgesetzt (die Entzugserscheinungen werden mit Beruhigungsmitteln abgefangen), | |
| ° ausschleichend dosiert oder | |
| ° durch ein weniger stark wirksames Suchtgift ersetzt (z. B. Methadon statt Heroin) |
Die Methode der Wahl hängt von der Art der Abhängigkeit und der Persönlichkeit des Patienten ab und beginnt mit der Kontakt- und Motivationsphase. Ambulante Therapien scheitern oft an der Rückkehrmöglichkeit in das gewohnte Suchtmilieu. Ein Entzug besteht immer aus der relativ unproblematischen Entgiftungsphase und der weit schwierigeren Entwöhnungsphase. Die Dauer einer Therapie beträgt meist mehrere Jahre, die Rückfallquoten sind hoch. Eine begleitende psychotherapeutische Betreuung, vor allem eine Nachsorge- und Rehabilitationsphase zur Rückfallvorbeugung ist unbedingt notwendig. Besser als Therapie: Prophylaxe (vgl. Fachstelle für Suchtvorbeugung Niederösterreich)
-
Neurosen:
Der Begriff (gr. neuron = Nerv) wurde vom schottischen Arzt William
Cullen geprägt (im § 1019 von
First Lines in the Practice of Physics, 1776-84). Bis ins vorige Jahrhundert
wurde damit jede nicht erklärbare Krankheit bezeichnet (z. B. auch Epilepsie).
Die heutige Bedeutung des Wortes geht auf S. Freud
zurück. In diesem Abschnitt sind auch einige Persönlichkeitsstörungen enthalten.
Definition: Eine Neurose liegt dann vor, wenn ohne entsprechenden
Anlass willentlich unbeeinflussbare Zustände, Verhaltensweisen oder vegetative
Veränderungen von solcher Stärke auftreten, dass dadurch die Ordnung des
psychischen und physischen Geschehens gestört wird. Neurosen bilden etwa zwei
Drittel aller psychiatrischen Störungen. Man schätzt, dass etwa 20% der
Bevölkerung zumindest einmal im Leben darunter leiden.
| ° Physische Symptome: ähnlich denen des Affekts (s. u.): Tachykardie, Hyperventilation, Schweißausbrüche, Kreislaufbeschleunigung, Verdauungsprobleme, Überaktivität des Neurotransmitters Norepinephrin | |
| ° Psychische Symptome: Zwanghaftigkeit (Neurosen werden als aufdringlich, quälend, störend empfunden.) |
* Angstneurose:
unerklärliche, nicht spezifische Erregung, der keine äußere Gefahr entspricht
("frei flottierend"); Panikattacken; vgl.
Übersicht
"Angsterkrankungen" (BDA-Manual),
Fragebogen 1,
2
Spezialfall:
Posttraumatische Belastungsstörung nach Naturkatastrophen oder
Gewalterfahrungen mit folgenden Symptomen (s. auch
International Network for Interdisciplinary Research about the Impact of
Traumatic Experience on the Life of Individuals and Society):
| ° Zwanghaftes inneres Wiederholen des durchlebten Traumas | |
| ° Meiden der angstauslösenden Situation (Ort, Tätigkeit etc.) | |
| ° Schlaf- und Konzentrationsstörungen |
und Akute Belastungsstörung als Sofortreaktion auf traumatisierende Erlebnisse (Möglichkeit zur Prophylaxe: Einsatz von Psychologen; vgl. Fragebogen zur Notfallpsychologie, Sprache als ein Mittel der Befreiung oder Zur Behandlung extremtraumatisierter bosnischer Flüchtlinge)
Die zehn häufigsten Ängste der Österreicher nach einer Umfrage aus dem Jahr 2001 sind die vor unheilbarer Krankheit (90%), die Sorge um die Zukunft der Kinder (68%), die Angst vor einem Verkehrsunfall (66%), vor Arbeitslosigkeit (66%), vor AIDS (59%), vor einem Reaktorunglück (57%), vor einem Weltkrieg (56%), vor Partnerschaftsproblemen (53%), vor dem finanziellen Ruin (52%). An zehnter Stelle steht mit 49% die Angst, dem Wahnsinn zu verfallen, die die größte Steigerung (+21%) gemessen an Umfragen von 1997 aufweist.
* Phobie: objekt- oder situationsbezogene Angst, z. B. (alphabetisch)
| ° Agoraphobie oder Platzangst: die Angst davor, alleine auf weitem Plan stehen zu müssen. ("Platzangst" oft fälschlich für Klaustrophobie, s. u., gebraucht) | |
| ° Aichmophobie: Angst vor spitzen Gegenständen | |
| ° Arachnophobie: Angst vor Spinnen (od. Insekten allg.) | |
| ° Bakterienphobie | |
| ° Erethophobie: Angst, zu erröten | |
| ° Flugangst | |
| ° Höhenphobie | |
| ° Klaustrophobie: Angst vor zuwenig Platz, z. B. bei Sitzplatz ohne Fluchtmöglichkeit | |
| ° Nosophobie: Angst vor Krankheiten | |
| ° Phobie vor abstrakten Dingen und Symbolischem (vgl. Totem, Tabu) | |
| ° Phobie vor radioaktivem Material | |
| ° Phobophobie: Angst davor, Angst zu bekommen | |
| ° Prüfungsangst (Vgl. Fragebogen) | |
| ° Schlangenphobie | |
| ° Soziale Phobie (Angst vor Öffentlichkeit, beginnend mit Schüchternheit) ... u. v. a. |
* Zwangsneurosen (Anankasmen): (Vgl. www.zwaenge.de und Fragebogen) Sie treten in zwei Formen auf:
| °
Zwangshandlungen: z. B. Zwang, Servietten zu beschriften, (die
Wohnungstür) zu kontrollieren; Zwang zu lästern, zu zählen, zu ordnen,
Kugeln aus Käserinde oder Kerzenwachs zu formen; Zwang Feuer zu legen
(Pyromanie), zu stehlen (Kleptomanie), sich Männern an den Hals zu werfen
(Nymphomanie); oft nur als sich aufdrängende Handlungsimpulse erlebt. In leichter Form als Tics bezeichnet. Nicht zu verwechseln mit dem Gilles de la Tourette-Syndrom (vgl. auch Tourette-HP, Tourette-Familienuntersuchungen). |
|
| ° Zwangsgedanken (bzw. Zwangsvorstellungen): z. B. Zwang, obszöne Gedanken zu denken, Zweifelsucht, Vergewisserungszwang etc. |
* Hysterie: krankhaftes Meidungsverhalten unangenehmer Situationen (z. B. "Flucht in die Krankheit"); stellt oft den Versuch dar, etwas Erwünschtes dadurch zu erzwingen, dass anderen unbewusst Angst eingeflößt wird. Zwei Arten:
| ° Konversionshysterie: Ausfall von körperlichen Funktionen (z. B. Lähmung, od. sensorisch) ohne äußere Ursache; verschwindet im Schlaf und unter Hypnose | |
| ° Hysterische Bewusstseinsspaltung: Patient verliert die Fähigkeit, sich über die Zeit als gleichbleibend, als eine Person, zu erleben; kann bis zur (seltenen) Multiplen Persönlichkeit (bereits psychotisch) führen, die z. B. vom "Würger von Los Angeles" simuliert worden ist (vgl. Stevenson: "Dr. Jekyll und Mr. Hyde"). |
* Hypochondrie: der
Patient "erfreut sich schlechter Gesundheit", da er sich als von seinem Körper
abgetrennt empfindet und seine Zustände analysiert statt sie zu erleben.
* Depressive Neurose: Verlust des rechten Maßes des Reagierens auf
Situationen des Verlustes, Versagens, der Enttäuschung etc. Die an sich
natürliche Phase der Depression wird zwanghaft verlängert.
* Experimentelle Neurosen: durch psychologische
Exe. oft willentlich herbeigeführte neurotische Zustände, zB Pawlow'scher
Hund, wenn er zwischen einem Kreis und einer Ellipse nicht mehr unterscheiden
kann (s. o.); oder "Little
Albert" (s. o.); oder
an der Wiener Klinik durchgeführte Exe. mit Katzen, die durch Frustrationserlebnisse (eine
durch operantes Konditionieren eingelernte Verhaltenskombination, die zur Gabe
von Futter führen soll, wird unregelmäßig mit Luftstößen "bestraft") dazu
gebracht werden, freiwillig mit Alkohol versetzte Milch zu trinken, die sie
normalerweise verschmähen. Außerdem verlieren sie anderen Katzen gegenüber ihre
Dominanz.
* Noch nicht erwähnte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: Hierzu zählen Störungen der Geschlechteridentität (Transsexualität; vgl. etwa transmann.de und folgendes Gutachten) bzw. der Sexualpräferenz (z. B. Voyeurismus), Narzissmus (mit Phantasien die eigene Brillanz betreffend, Überempfindlichkeit gegenüber anderslautender Meinungen anderer), dissoziale Persönlichkeiten (mit geringer Frustrationstoleranz, Diskrepanz zwischen eigenem Verhalten und den sozialen Normen und deformierter Emotionalität - "Psychopathen"), emotional instabile Persönlichkeiten (mit Tendenz zu Launenhaftigkeit, Impulse auszuagieren, zu emotionalen Ausbrüchen, ev. Streitsucht; bei übermäßiger Emotionalität Histrionismus) z. T. vom Borderline-Typus (zusätzlich mit Selbstbild-Störung und mangelnder Impuls-Kontrolle; vgl. Selbsttest) usw.
-
Psychosen:
Der Begriff "Psychose" wurde 1845 von Ernst
von Feuchtersleben, einem
Wiener Arzt und Freund Grillparzers,
zum ersten Mal verwendet.
Definition: Wenn das Erleben und Verhalten eines Menschen derart stark
von der Norm abweicht, dass der Kontakt zur Realität verloren geht und die
Persönlichkeit nachhaltig desintegriert ist, so wird dieser Zustand als
psychotisch bezeichnet.
Psychosen, die auf physische Ursachen zurückzuführen sind, nennt man organische
Psychosen (z. B. durch Tumoren, Altersdemenz, Alkohol oder Gehirnläsionen
verursacht). Im folgenden ist ausschließlich von der zweiten Gruppe, den
funktionellen oder endogenen Psychosen, die Rede.
Vgl.
"Geistige Erkrankungen" (Univ. Konstanz)
* Paranoide Psychosen (gr.: verschobener Geist, = mit Wahnideen
verbundene Psychosen): Unter Wahn wird eine lebensbestimmende
"Privatwirklichkeit" verstanden, die - nach Karl
Jaspers - subjektiv gewiss,
unkorrigierbar und inhaltlich unmöglich ist.
| ° Paranoia: der Patient leidet unter persistierenden (langandauernden) Wahnideen (= der objektiven Realität widersprechenden Wahrnehmungsinhalten, die zäh verteidigt werden). Am häufigsten sind (häufig gekoppelt): Verfolgungswahn, Größenwahn und Beziehungswahn (man bezieht alles auf sich). Der Paranoiker baut komplizierte Gedankengebilde auf seinen Wahnideen auf, in die alle Therapieversuche miteinbezogen werden. (=> Oft paradoxe Intervention, s.u., wirksam.) | |
| ° Paranoider Zustand: vorübergehende Wahnideen |
* Affektive Psychosen (die Gemütslage betreffende Psychosen): Die Patienten leiden unter extremen Stimmungsschwankungen (Zyklothymie), verbunden mit Denk- und Verhaltensstörungen.
| ° Manie: intensive Hochstimmung ohne Grund; unangemessen gesteigertes Lebens- und Selbstwertgefühl; "Bremsversagen"; Drang zu Rede (Logorrhoe), Bewegung, Lachen, Aktivität; oft mit Größenwahn verbunden; Sprache: assoziativ, gedankenflüchtig, ohne Stringenz | |||
| °
Depression (vgl.
Fragebogen 1,
2;
DBA-Manual):
starke, grundlose oder über den Anlass hinausgehende Niedergeschlagenheit,
Melancholie, Schwermut; verbunden mit Verminderung jeder Aktivität, Gefühlen
der Wertlosigkeit, Selbstvorwürfen, Appetitlosigkeit, Konzentrations- und
Schlafstörungen; Suizid-(=Selbstmord)gefahr (mehr als
20fach höher als in der Normalbevölkerung)! Vgl. Selbstmord-Einführung Von Erwin Ringel wurde das Präsuizidale Syndrom beschrieben: Danach werden so gut wie alle Selbstmorde angekündigt. Der Patient erlebt vor dem Selbstmord: + Einengung, die ihm "situativ" subjektiv immer weniger Bewegungsspielraum lässt, "dynamisch" seine Affekte in Richtung Depression und Selbstvernichtung richtet, aber auch die "zwischenmenschlichen Beziehungen" (bis zur völligen Isolierung) und die "Wertwelt" (nichts ist wirklich wichtig) betrifft. + Selbstmordphantasien, die in drei Stadien erscheinen: tot zu sein, Selbstmord zu begehen und, zuletzt, es in einer ganz bestimmten Weise zu tun. (Alarmzeichen!) + Aggressionsumkehr, also Aggression, die gehemmt und gegen die eigene Person gerichtet ist. Durch die Unfähigkeit, sie nach außen abzureagieren, bietet sich der eigene Körper als Ersatzobjekt an (wie auch bei Alkoholismus und anderen Süchten, manchen Unfällen, psychosomatischen Erkrankungen etc.) In einer clusteranalytischen Studie, die 2000 im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Institutes für angewandte klinische Psychologie erarbeitet wurde, konnte dabei Ringels Konzept von der Aggressionsumkehr nicht bestätigt werden. Sie zeigt viel mehr auf, dass bei selbstmordgefährdeten Personen beide Aggressionsdimensionen (die nach außen und die nach innen) ansteigen. Gefahr ist in Verzug, sobald die Autoaggression die nach außen gerichtete Aggression überwiegt und auch die beiden anderen von Ringel genannten Faktoren zutreffen.
Vgl. Zahlen für Europa, Verhältnisse in Deutschland, Suizid im Internet (Linksammlung), Suizid bei Kindern und Jugendlichen, Suizid im Kindesalter, NEUhland - Hilfen für Suizidgefährdete Kinder und Jugendliche, Selbstmordversuch 1, 2, Seite der IASP (International Association for Suicide Prevention), Studie "Suizide von Männern in Österreich" (Wien 2003) |
|||
| ° Manisch-depressives Irresein: Periodischer Wechsel der oben beschriebenen Grundstimmungen ("Bipolare affektive Störung") |
*
Schizophrenie: Diese Bezeichnung wurde 1911 von Eugen
Bleuler (s. u.) als Sammelname für
alle nicht erklärbaren Persönlichkeitsstörungen, z. B. auch für Epilepsie,
eingeführt. Sie löste den früheren Namen Dementia praecox (= "vorzeitiger
geistiger Abbau") ab und bedeutet "gespaltenes Zwerchfell" (gr. = Geist).
Heute bezeichnet man damit den Persönlichkeitszerfall mit zunehmender
Abstumpfung gegenüber der Umwelt. Schizophrenie tritt in Schüben auf (vgl.
Bezeichnung: Spaltung zwischen normalen und psychotischen Phasen). Vgl. Medizinische Informationen, schizophrenia.com,
What happens to the body and brain of individuals with schizophrenia? und
eine private
Schizophrenie-Seite.
|
Man unterscheidet folgende Formen der Schizophrenie:
| ° Autismus (Begriff von Bleuler. Manchmal als "Schizophrenie im Kindesalter" bezeichnet.): Meist in der Frühkindheit auftretende Persönlichkeits- und Kommunikationsstörung mit folgenden Symptomen: kein Blickkontakt, die Kinder sprechen nicht, verweigern Kontaktaufnahme und Interaktion, setzen zwanghaft-stereotype Bewegungen (sind z. B. von sich drehenden Gegenständen fasziniert). Eine Schiene ins Innere legt manchmal die Musiktherapie (die auch im Bereich der Behinderungen (s. o.) oft erfolgreich ist; vgl. No problem Orchestra). Das klinische Bild wurde 1943 von Leo Kanner (1894-1981; österreichstämmiger, Anfang de 20er-Jahre in die USA ausgewanderter Arzt) zum ersten Mal beschrieben. Der Wiener Pädiater Hans Asperger (1906-1980) erforschte die "autistische Psychopathie" (Mangel an Empathie, die Unfähigkeit Freundschaften zu schließen, Störungen in Blickkontakt, Gestik, Mimik und Sprachgebrauch, intensive Beschäftigung mit einem Interessensgebiet sowie motorische Störungen bei durchschnittlicher bis hoher Intelligenz) fast zeitgleich. | |
| ° Schizophrenia simplex: ist die Grundform der Schizophrenie; Symptome: Zunehmende Reduzierung der Verbindungen zur Außenwelt; Demenz (Abbau der Persönlichkeit und des Denkvermögens); Wegfall von Hemmungen; oft verknüpft mit Wahnideen; die Sprache ist durch Begriffszerfall (ähnlich der Dichtung) gekennzeichnet (Wörter und Begriffe sind nicht eindeutig zuordenbar, der Therapeut muss interpretieren; z. B. doppelsinnig: "Meine Mutter musste heiraten, und deshalb bin ich hier.") | |
| ° Paranoide Schizophrenie: von, im Gegensatz zur Paranoia nicht systematisierten, Wahnideen begleiteter Persönlichkeitsabbau. | |
| ° Katatonie (katatone Schizophrenie): beginnt plötzlich mit Halluzinationen und Wahnideen und ist durch eine nach einer Erregungsphase plötzliche Erstarrung der Willkürmuskulatur gekennzeichnet. Die gerade eingenommene Lage wird oft über Stunden beibehalten, die Körperfunktionen werden vergessen. | |
| ° Hebephrenie: besonders schwere Form der Schizophrenie, die im Jugendalter auftritt. Symptome: Verlust jeglicher Anpassung und Integration; völliger Persönlichkeitsabbau; Regression. | |
| ° Mischformen mit Symptomen aller Art oder unklarer Symptomatik |
Vgl. auch Homepage der Österreichischen Schizophreniegesellschaft
Vgl. psyonline.at, Psychotherapie-Links, den Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie, die American Psychiatric Association oder FAQs zu Krankheiten oder Therapien
-
Definition
„Psychotherapie ist ein bewusster und geplanter interaktioneller Prozess
zur Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen, die in einem
Konsensus (möglichst zwischen Patient, Therapeut und Bezugsgruppe) für
behandlungsbedürftig gehalten werden, mit psychologischen Mitteln (durch
Kommunikation) meist verbal aber auch averbal, in Richtung auf ein definiertes,
nach Möglichkeit gemeinsam erarbeitetes Ziel (Symptomminimalisierung und/oder
Strukturänderung der Persönlichkeit) mittels lehrbarer Techniken auf der Basis
einer Theorie des normalen und pathologischen Verhaltens.“
Hans Strotzka (Hrsg.): Psychotherapie. München 21978, S. 4
-
Basisinformationen
Allgemeines: Die Wahl der Therapie hängt von der Interpretation der
Krankheit, dem ätiologischen (die Herkunft betreffenden) Erklärungsmodell ab (s.
o. Ursachengruppen). Die einzelnen
Therapieschulen stellen jeweils einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt ihrer
Bemühungen. Die Therapie der Wahl für einen spezifischen Persönlichkeitstyp zu
finden erfordert oft einen längeren Zeitraum (und höheren Geldaufwand - eine
Stunde ca. 40 - 80.- €). Etwa 200 000 Österreicher sind zur Zeit in
psychologischer Betreuung (einerseits bei Fachärzten für Psychiatrie und
Neurologie, andererseits bei Psychologen, deren gesetzliche Grundlage das
Psychotherapiegesetz ist. - Vgl. auch
Psychologische Diagnostik auf Krankenschein) - Zur psychotherapeutischen
Versorgung der österreichischen Bevölkerung siehe die folgenden Graphiken:


Beide Abbildungen nach http://www.psyonline.at
Erfolgsrate: Man rechnet (optimistisch) mit insgesamt etwa 1/3
Heilungen, 1/3 kann zumindest zeitweise ein halbwegs normales Leben führen, 1/3
bleibt therapieresistent und zT stationär. (Verlauf oft nach dem
Drehtürschema: hinten hinaus, vorne wieder herein.) Vgl. auch
Welche Krankheiten und Störungen können psychotherapeutisch behandelt werden?
Probleme der Betreuer: Im Sozialbereich oft "Hilflose
Helfer" (Begriff von Wolfgang
Schmidbauer: Menschen, die im
Über-Ich das Ideal verinnerlicht haben, dass man nur dann gut sei, wenn man
Anderen - Schwächeren, Kranken, Benachteiligten oder bedürftigen Menschen -
hilft), die selbst Therapie nötig hätten, und bei einer überstarken Ausprägung
des Helfersyndroms (wenn das Wohlergehen der Klienten grundsätzlich als
wichtiger eingestuft wird als die eigene Befindlichkeit des Helfers) zu einem
Gefühl der Leere und des Ausgebrannt-Seins, dem Burn-out-Syndrom, neigen (nach
zwei Jahren oft - zumindest Wunsch nach - Berufswechsel; nach dem Maslach
Burnout Inventory MBI von Christina
Maslach und Susan
E. Jackson
3 Symptome: emotionale Erschöpfung - Depersonalisierung, die sich oft in
Zynismus äußert - mangelnde Leistungszufriedenheit; vgl. unten stehende
Graphik).
Graphik Burn-out-Syndrom:

aus: Der Standard 17./18.3.2007
-
Psychodynamisch orientierte Therapieformen:
Darunter werden alle Methoden
verstanden, die auf einem Menschenbild basieren, das davon ausgeht, dass sich
die aus der Triebenergie gespeisten innerseelischen Kräfte auf verschiedene
Weise (als Reaktion auf äußere und innere Erlebnisse und Reize) prozesshaft
(dynamisch) verändern können. - Einzelne Schulen:

* Psychoanalyse: Eine
von Sigmund Freud
[s. Bilder; geb. 6.5.1856 in Freiberg in Mähren; gest. 23.9.1939 in London.
Psychiatrische Ausbildung in Wien, Freundschaft mit Josef
Breuer, einem 14 Jahre älteren
Nervenarzt und für Freud der
"Vater der Psychoanalyse", dessen Behandlung der 1880 an durch eine Kränkung
durch den Vater hervorgerufenen hysterischen Lähmungen erkrankten Bertha
von Pappenheim ("Anna
O.") zur Geburtsstunde der Psychoanalyse wird. (Mit ihm veröffentlicht er 1895
die bahnbrechenden "Studien über Hysterie".) Hypnose-Ausbildung bei Charcot
in Paris. Freud entdeckt die
schmerzstillende Wirkung von Kokain. Seit 1885 Dozent, seit 1902
Titularprofessor in Wien, nie ordentlicher Professor. Seit 1886 mit Martha
Bernay (gest. 1951) verheiratet;
fünf Kinder: bekannt v. a. die Tochter Anna
Freud (Kinderpsychologin,
(1895-1982). England-, Amerikareisen. 1930 Goethe-
Preis der Stadt Frankfurt. 1933 Verbrennung der Werke Freuds
durch die NSDAP in Berlin. 1938, bereits mit fortgeschrittenem Mundhöhlenkrebs,
Emigration nach London, wo er noch bis 1939 praktiziert. 1923 bis zum Tod 33
Krebsoperationen. 1971 Eröffnung des Freud-Museums
in 1090 Wien, Berggasse 19, den ehemaligen Ordinationsräumlichkeiten]
entwickelte Technik, die es mit Hilfe der vier Zugangsmöglichkeiten zum
Unbewussten (s o., S. 60ff) ermöglichen soll, die verdrängten Es-Ansprüche (s.
u.) bloßzulegen und durch den jetzt offenen Kausalzusammenhang der psychischen
Krankheit die Grundlage zu entziehen. Der Klient liegt dabei auf der berühmt
gewordenen Couch (das Original steht in London: Bild),
an dessen Kopfende - um die Hemmschwelle zu verringern, nicht mehr im Blickfeld
- der Analytiker sitzt. Schon zu Lebzeiten Freuds
kritisiert, z. B. von Karl Kraus:
"Psychoanalyse ist jene Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält."
vgl. Homepage des Wiener Freud-Museums
Stammbaum der Psychoanalyse:
Scan aus:
Der Standard


| °
Psychische Provinzen: Die Persönlichkeit besteht nach Freud
aus drei Hauptsystemen psychischer Energien, die in dynamischer
Wechselwirkung stehen und das Verhalten des Individuums beeinflussen: + Es: alles Ererbte, die biologische Ausstattung, v. a. die Triebe; älteste Provinz + Ich: unbewusst - bewusstes Selbst, Vermittler zwischen Es und Über-Ich + Über-Ich: internalisierte Normen; "Aufsichts-Organ", durch "Introjektion" (das frühere Außen wird zu einem Innen) entstanden (= "Topisches Persönlichkeitsmodell") Im Zusammenwirken dieser drei Instanzen, von denen zwei Einflüsse der Vergangenheit repräsentieren (das Es - es handelt nach dem "Lustprinzip" - solche der Phylogenese, das Über-Ich solche der Ontogenese), eine durch das gerade Seiende bestimmt wird (das Ich, das nach dem "Realitätsprinzip" handelt), entsteht d. Seelenleben des Menschen. Psychische Krankheiten entstehen nach Freud dadurch, dass die Ansprüche des Es durch das Über-Ich zurückgedrängt werden und daher nicht ausgelebt werden können. Sie wirken aber aus dem Unbewussten weiter und bewirken zB Neurosen ("Dynamisches Persönlichkeitsmodell"): "Das Wesen der Neurose ist, dass das Ich (die Persönlichkeit) nicht imstande ist, die Forderungen des Über-Ich (des Gewissens) und die Triebkräfte (Es) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen." (S. Freud) |
|
| °
Trieblehre: Triebe sind für die Psychoanalyse Quellen, aus denen die
Seele mit Energie versorgt wird. Hinter den Bedürfnisspannungen stehen laut
Freud zwei Grundtriebe: + Eros (Lebenstrieb, dessen Energie Libido genannt wird) + Thanatos (Todes-, Destruktionstrieb) |
|
| °
Entwicklung des Trieblebens: Freud
unterscheidet fünf Phasen, die sich auf die jeweils erogenen Zonen (lustspendende
Areale) beziehen. Sexualität (ungleich genitale Lust) wird dabei als etwas
von der Geburt an Vorhandenes und sich Entwickelndes gesehen. Die
"ordnungsgemäße" Absolvierung (keine zu exzessive Befriedigung, keine
Frustration) der Phasen garantiert normale Weiterentwicklung. Ansonsten sog.
Fixierung, die die Interaktion zw. Kind und Umwelt behindert. In Freuds
Sexualtherorie werden Perversionen und Neurosen als Fehler der
Triebentwicklung interpretiert. Die psychosexuellen Phasen im einzelnen: + Oralphase: Der Mundbereich (Saugen etc.) steht im Mittelpunkt der Bedürfnisbefriedigung (ca. 0;0 bis 1;0). Bei Fixierung Abhängigkeit, Passivität, orale Neigungen, z. B. Rauchen, Schwatzen, Essen, das bis zur Adipositas (Fettleibigkeit) führen kann (nach Definition der WHO ein Wert von 30+, wenn bei Ermittlung des "Body Mass Index" das Körpergewicht in kg durch das Quadrat der Körpergröße in m dividiert wird; ab 25 = Übergewicht; vgl. BMI-Berechnung). + Analphase: Lustgefühle durch Ausscheiden und Zurückhalten der Exkremente (ca. 1;0 bis 3;0) Bei Fixierung Pedanterie, Geiz, Tyrannei. Im Zuge der Erziehung zur Sauberkeit oft Regressionen. + Phallische Phase: Entdecken der primären Geschlechtsorgane als Lustspender (ca. 3;0 bis 5;0); nachfolgend gewinnt der Geschlechterunterschied an Bedeutung. Knaben leiden am Kastrationskomplex, Mädchen am Penisneid. In dieser Phase Ödipus- bzw. Elektrakomplex (das Kind fühlt sich zum andersgeschlechtlichen Elternteil hingezogen; vgl. Inzestmotiv in der Dichtung). Phasenfehler führen zu Minderwertigkeitskomplexen, Geltungssucht oder Unsicherheit + Latenzphase: libidinöse Triebansprüche treten in den Hintergrund (ca. 5;0 bis 12/14;0) + Genitalphase: ab der Pubertät Erwachsenensexualität. Dem Genitalprimat müssen die bisherigen Partialtriebe untergeordnet werden. |
*
Individualpsychologie: Konzept von Alfred
Adler [s. Bild; geb. 7.2.1870
bei Wien; gest. 28.5.1937 in Aberdeen. Ophthalmologe (Augenarzt), dann
Neurologe. Seit 1897 mit Raissa Timofejevna
(gest. 1960), einer mit Trotzkij
bekannten Moskowiterin, verheiratet, vier Kinder. Naheverhältnis zum
Sozialismus. Schüler Freuds (erste
Begegnung 1902), 1911 Bruch und Gründung einer eigenen, später "Verein für
Individualpsychologie" genannten, Gesellschaft. Lehrtätigkeit am Pädagogium der
Stadt Wien und Erziehungsberater. Die Habilitation scheitert 1912 am Widerstand
Wagner von Jaureggs,
des einzigen Psychiaters, der je einen Nobelpreis erhielt (1927 für die
Anwendung des Malaria-Heilfiebers zur Behandlung von Progressiver Paralyse). Im
Ersten Weltkrieg Militärarzt. 1934 Übersiedlung nach Amerika, wo Adler
seit 1926 lehrt (seit 1929 an der Columbia University als Gastprofessor, ab 1932
am Long Island Medical College). Tod auf einer Vortragsreise auf offener Straße
an Herzversagen. Biographie von seinem Freund Manes
Sperber, der ihn ein "soziales
Genie" nennt, 1970: "Alfred Adler
oder das Elend der Psychologie"] - Vgl.
Österreichische Gesellschaft für Individualpsychologie
| ° Grundideen: In der frühen Kindheit werden Leitlinien (Art von Schablonen) erworben, die ein Persönlichkeitsideal bilden, das durch den Charakter (= dynamisch veränderbare psychische Bereitschaften) verwirklicht wird. Je nach Selbstwertgefühl kommt es zu einem geglückten Lebensplan oder zu einem Minderwertigkeitskomplex (im Zentrum der Lehre Adlers, z. B. aufgrund einer Organminderwertigkeit), der einen falschen Lebensplan bedingt. Aus diesem ergeben sich kompensatorischer Geltungsdrang bzw. als Selbstschutz angenommene starre Charakterzüge, die sich in Arrangements (= "fiktive Leitlinien") kundgibt. V. a. der Machttrieb (vgl. Nietzsche, "Wille zur Macht"), symbolisiert durch den Turmbau zu Babel, steuert den Menschen. Bleibt er erfolglos, kommt es zur Frustration, wobei die Frustrationstoleranz (das Ausmaß an Frustrationsverträglichkeit, s. Teil 2) unterschiedlich ist. Werden die Flucht vor den Lebensaufgaben (= Arbeit, Liebe, Gemeinschaft) und das Ausmaß der Lebenslüge zu deutlich, kommt es zu Neurosen. | |
| ° Therapie: Abhilfe schafft Psychotherapie, die sich nicht nur als Deutung, sondern als Neu- und Umerziehung des ganzen Menschen versteht (vgl. Motto von Hegel: "Das Wahre ist das Ganze"). Gefragt wird weniger nach dem Warum, eher nach dem Wozu (finale oder teleologische Betrachtungsweise, z. B.: Zweck des Vergessens ist Ausweichen vor Unangenehmem; nicht: Ursache des Vergessens sind frühkindliche Traumen). Ziel der Therapie ist die Rückkehr zu einer "Gemeinschaft ohne Phrasen". | |
| °
Unterschiede zum Konzept von S. Freud: + Betrachtet wird die Gesamtpersönlichkeit, nicht ein Einzelphänomen. + Intuitives Verstehen ersetzt naturwissenschaftliches Erklären. + Falsche Leitbilder übernehmen die Rolle von Kindheitskomplexen. + Der Machttrieb steht im Mittelpunkt, nicht der Sexualtrieb. + Neurosen sind eine Flucht vor Lebensaufgaben, kein Über-Ich-Es-Konflikt. + Ziele, nicht Ursachen von Neurosen werden untersucht. + Psychotherapie interpretiert nicht, sie erzieht. |
*
Analytische Psychologie: Konzept von Carl
Gustav Jung
(s. Bild), dem dritten der "Pioniere der Tiefenpsychologie". [geb. 26.7.1875 in
Kesswil am Bodensee (Kanton Thurgau, CH); gest. 6.6.1961 in Küsnacht.
Psychiatrische Ausbildung an der berühmten Klinik Burghölzli bei Zürich, die
unter Bleulers Leitung steht. Nach
einem Studienjahr in Paris Heirat mit Emmy
Rauschenbach (gest. 1955). 1905
Habilitation. 1907 erste Begegnung mit Freud.
Nach Auseinandersetzungen verlässt er, inzwischen Oberarzt, Burghölzli und zieht
nach Küsnacht, wo er, z. T. in einem selbst errichteten Meditations-Turm, bis zu
seinem Tod wohnt und privat praktiziert. Jung
schafft das Prinzip der Lehranalyse. 1911-13 ist er Präsident der neu
gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, dann
Auseinandersetzungen mit Freud
("Vater-Sohn-Konflikt"). Lehrtätigkeit an den Universitäten Zürich, Basel, New
York, Yale. Studienreisen nach Amerika (zu den Pueblo-Indianern), Afrika (zu den
Elgonyi in Kenia) und Asien. 9 Ehrendoktorate in Asien, Europa und Amerika.
Lebenslanges Interesse an Religionen und Mythen, z. B. am I Ging, einem alten
chinesischen Orakelbuch.]
| ° Grundideen: Das seelische Geschehen, das das Selbst (= die reife Persönlichkeit) aufbaut u. dessen Energie nicht notwendigerweise sexueller Natur ist, nennt Jung Individuation ("Werde, der Du bist!"). Das ein Lebensziel ansteuernde Selbst - es erscheint als Persona (= "soziale Fassade" - nur Kinder haben noch keine -, gerade aktualisierter Ausschnitt der Individualität, das Bild, das der Mensch an seine Umwelt weitergibt) - vermittelt, je nach Funktionstyp, mit seinen vier psychischen Grundfunktionen Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden zwischen Bewusstem und Unbewusstem, das sich nicht nur als persönliches, sondern auch als Kollektives Unbewusstes darstellt (enthält Archetypen = "gewaltige geistige Erbmasse der Menschheitsentwicklung"; Inhalte, die allen Menschen aller Kulturen gemeinsam sind und sich in Mythen äußern, z. B. das Mandala, eine geschlossene Figur mit einem Zentrum, als Archetyp des Selbst). Wichtige Seelenanteile sind die Schatten (= z. T. uneingestandene unvorteilhafte Eigenschaften, die sich oft in kollektiven Projektionen, wie z. B. Fremdenhass in Kriegen, entladen) und als zentrale Archetypen Anima (= das Bild der Frau im Mann) und Animus (umgekehrt). Oft sind "Lebenswenden" (z. B. Zeit der Identitätsfindung in der Jugend / Zeit der Todesorientiertheit im Alter) beobachtbar, die sich nicht auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen lassen, Jung hat auch den Begriff des Komplexes entwickelt (= affektgeladener Vorstellungsinhalt, der im Erlebnisablauf eine überwertige Stellung einnimmt, ev. verdrängt wird und aus dem Unbewussten nachwirkt; wird er berührt, löst dies starke Gefühle aus). Jungs Konzept wird auch Komplexe Psychologie genannt. (zu den Persönlichkeitsdimensionen s. Kap. Persönlichkeitspsychologie, s. u.) | |
| ° Jungs Therapie zielt auf Ausgleich zwischen Individuum und Sozietät, wobei die bewusste Einstellung (nicht das Verdrängte) Angriffspunkt einer Änderung wird ("Unbewusstheit ist die größte Sünde"). Mit Hilfe von analytischen Gesprächen und schöpferischen Methoden wie dem Deuten von Träumen oder gemalten Bildern soll patientenorientiert die Neurose (= mangelnde Selbstentwicklung, bedingt durch Vernachlässigung einzelner Persönlichkeitsanteile) erkannt werden und ein Zuwachs an Autonomie und kreativen Lebensgestaltungsmöglichkeiten erreicht werden. Jede Krise ist für Jung eine Chance für einen Neuanfang. Er vertraut dabei auf die Selbstheilungskräfte des Unbewussten. Das Therapieziel besteht in einer "Amplifikation" (= Erweiterung des Bewusstseins durch Herstellen einer Beziehung zwischen z. B. religiösen und mythischen Symbolen und den Trauminhalten des Analysanden). |
Zu C. G. Jung vgl. die Einführung "Der Individuationsprozess in der Analytischen Psychologie"
* Neoanalyse: Nach Freud,
Adler und Jung
versuchten verschiedene Richtungen v. a. die relativ untergeordnete Rolle des
Ich (es wird zwischen Real-Ich und Ideal-Ich unterschieden) zu korrigieren und
die Psychoanalyse weiterzuentwickeln bzw. zu überwinden.
Beispiele:
| ° Erik H. Erikson (geb. 1902): Er beschäftigt sich besonders mit der Identitätskrise und postuliert psychosoziale Phasen (s. Teil 2) Er verbindet historische mit psychologischen Methoden. | |
| °
Wilhelm Reich:
Nach dem Studium in Wien war er in Wien und Berlin als Sexualaufklärer
tätig. Ab 1933 Exil (über mehrere Stationen nach Amerika). Er fordert eine
Aufhebung der Charakterpanzerung z. T. mit ungewöhnlichen Methoden (Vegetotherapie
gegen Muskelverhärtungen, Orgonakkumulatoren; Orgon = Lebensenergie), die
ihn nach einer Betrugsklage ins Gefängnis bringen, wo er 1957, 60jährig
stirbt. Er war mit Neill (s.
o.) befreundet. Bekannt ist heute v. a. sein Buch "Massenpsychologie d.
Faschismus" (1933), in dem er die pathologische Sehnsucht des unpolitischen
Menschen nach Autorität, Beherrschtwerden, Mystik und Ausleben von
legitimierter Aggressivität beschreibt. Siehe auch unten "Körpertherapie" und vgl. Seiten über Wilhelm Reich bzw. der W. Reich-Gesellschaft |
|
| ° Karen Horney (1885 Hamburg - 1952 New York): Sie - "die sanfte Rebellin der Psychoanalyse" - betont die Selbstanalyse und spricht vom Ich auf der Suche nach Sicherheit. Es ist gerichtet "auf etwas hin, gegen etwas oder von etwas fort". Zwischen Normalität und Neurose besteht für sie nur ein gradueller, kein substantieller Unterschied (Einfluss der mit ihr befreundeten Ethnologin M. Mead, vgl. Seite 2). - Vgl. Seite zu Karen Horney | |
| °
Erich Fromm
(1900-1980; Promotion in Heidelberg; Lehranalyse in Berlin; Mitglied der
"Frankfurter Schule"; Emigration in die USA; Professur in Mexico; Lebensende
in Locarno; 4 Jahre verheiratet mit der 10 Jahre älteren Analytikerin Frieda
Reichmann) + Schlüsselproblem ist das der Beziehung (zu anderen Menschen, zur Welt). Durch eine Furcht vor der Freiheit entsteht freiwilliger Freiheitsverzicht und Tendenz zum Konformismus (durch die Tendenz, Verantwortung zu delegieren). Die Gefahr der Freiheit sieht Fromm in der Vereinsamung. Er unterscheidet zwischen autoritärem Gewissen (bei Verfehlungen gegenüber Forderungen einer Autorität) und humanistischem Gewissen (bei Verfehlungen sich selbst gegenüber). Andere Unterscheidungen: + produktive Charakterorientierung (verantwortlich, liebend, schöpferisch, selbständig) vs. nicht-produktive Charakterorientierung (offen oder latent lebensverneinend). + Biophiler Menschentyp (gelungene Lebensbejahung) vs. nekrophiler Menschentyp (misslungene Lebensbejahung; im Buch "Die Anatomie der menschlichen Destruktivität"). + Haben-Modus (Besitz, Materielles steht im Mittelpunkt) vs. Sein-Modus (was der Mensch ist und was er anderen geben kann, steht im Mittelpunkt; im Buch "Haben oder Sein"). Weitere (in den letzten Jahrzehnten weltbekannt gewordene) Buchtitel: "Die Revolution der Hoffnung" (1968), "Die Kunst des Liebens" gl. Erich Fromm-Homepage |
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Transaktionsanalyse (TAA): Vom Amerikaner Eric
L. Berne (1910-1970, bekannt
geworden durch seinen Bestseller "Spiele der Erwachsenen" 1964 bzw. das Buch
"Ich bin ok, du bist ok" seines Schülers Thomas
A. Harries) begründete
Therapieform, die Freuds
topisches Modell (s. o.) ins Soziale wendet. Die Lebenseinstellung des Menschen ergibt sich aus dem Maß der Befriedigung der 3 Grundbedürfnisse: + Hunger nach Zuwendung + Hunger nach Zeitstrukturierung + Hunger nach Aktivierung. Die verschiedenen Ausrichtungen (Lebens-Skripts) werden durch eine Skriptanalyse erfasst. Dabei ergeben sich 72 mögliche Kommunikationsformen, die auf den 3 Ichs + Kindheits-Ich + Eltern-Ich + Erwachsenen-Ich), die jeder Mensch in sich vereinigt, beruhen. Transaktionen können auf gleicher Ebene stattfinden (z. B. "Du hast in letzter Zeit zuviel gegessen.": Erwachsenen-Ich spricht zu Erwachsenen-Ich) oder miteinander kollidieren (z. B. "Immer musst du wie meine Mutter an mir herumerziehen.": Kind-Ebene interpretiert Eltern-Ebene). Der Therapeut soll entschmelzen. Vgl. Seite über Transaktionsanalyse und Seite eines österreichischen Transaktionsanalyse-Instituts Ein aus der TAA erwachsenes psychologisches und soziales Modell ist das zuerst von Stephen Karpman beschriebene "Drama-Dreieck". (Ein "Retter" hilft einem von einem "Verfolger/Täter" bedrohten "Opfer", das den Anschein erweckt, Hilfe zu benötigen, vielleicht aber unter Nutzung seiner eigenen Fähigkeiten das Problem auch alleine bewältigen könnte. Die Positionen können wechseln. Eignet sich zu Verhaltensanalysen, z. B. Helfersyndrom - s. o. - etc.) |
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| ° Cyberanalysis: Online-Therapie auf der Basis von E-Mail, Chatroom oder Videokonferenz (umstritten und z. T. als unseriös bezeichnet); z. B. CyberanalysisClinic. Bezeichnet eher die Technik als die zugrunde liegende Theorie. |
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Verhaltenstherapie (VT):
Hinter der (behavioristisch orientierten)
Verhaltenstherapie steht - gemäß einem mechanistischen Menschenbild - die Auffassung, dass allem Verhalten (auch dem
unerwünschten, neurotischen) - fehlgegangene - Lernprozesse zugrunde
liegen, die wieder rückgängig gemacht werden können (die Neurose kann daher
verlernt bzw. durch inkompatibles Verhalten - z. B. ist Essen angstinkompatibel
- vermieden werden). Kritik: VT ist nur Symptombekämpfung. - Methoden:
* Löschung: Dem unerwünschten Verhalten wird mit Unterlassung
jeglicher Verstärkung (z. B. Nichtbeachtung) begegnet.
* Desensibilisierung (v. a. bei Phobien): systematischer
schrittweiser Abbau der vorher hierarchisch aufgelisteten Angstgewohnheiten;
entwickelt vom Südafrikaner Joseph
Wolpe (z. B.: (Schlange in der
Vorstellung - in der Realität, aber fern - nah - berühren)
* Reizüberflutung: Der Patient muss sich der angstmachenden
Situation aussetzen, um eine Selbstverstärkung durch Eintreten in einen
Teufelskreis zu verhindern, (so wie der mit den Fingern schnippende Irre davon
überzeugt ist, dass er durch sein Verhalten die angstmachenden Löwen tatsächlich
fernhält - es seien ja keine da). Auch Implosivtherapie, flooding. Historisches
Beispiel: Goethe erkletterte das
Strassburger Münster an einer ausgesetzten Stelle, um seine Höhenangst
loszuwerden.
* Aversionstherapie: Verknüpfung des unerwünschten Verhaltens mit
unangenehmen Begleiterscheinungen (negative Verstärkung, z. B. Elektroschocks
oder ekelerregende Substanzen beim Abgewöhnen des Rauchens)
* Reinforcement (Verstärkung): Verknüpfung erwünschten Verhaltens
mit positiven Konsequenzen (Belohnungen vgl.
Seite 2; z. B. token-economy = Münzökonomie oder Selbstbehauptungstraining
oder Selbstkontrolle durch Biofeedback)
* Modellernen: nach Bandura
(s. o.) Nachahmungslernen anhand eines dem Patienten dargebotenen Vorbilds (z.
B. bei Entziehungskuren ein bereits fortgeschrittener Klient)
* Entspannungstraining: wird meist mit einer der Therapien
kombiniert; physisch wie psychisch; Anwendung von z. T. feröstlicher Techniken
wie Yoga (= asiatische Meditation: "Anjochen" der Gedanken, Anspannen
der Sinne zur höheren Vergeistigung; vorzugsweise im Lotossitz), T'ai Chi
Chuan (= chinesisches, aus dem Taoismus - Tao = Weg - stammendes
Schattenboxen, das in langsamer Bewegung und Gegenbewegung die Harmoniesymbole
Yin und Yang versinnbildlicht), Meditation (durch Entleeren Enstase
statt Ekstase), Training von Jacobsson
(Progressive Muskelrelaxation: willkürliches Anspannen - Entspannen der
Muskel) etc. Jedes Entspannungstraining geht vom Gesetz der reziproken
Inhibition (Hemmung) aus, nach dem Entspanung und Angst unvereinbar sind.
(Deshalb kann auch Essen Angst überspielen, da man sich dazu entspannen muss.)
Vgl. Österreichische Gesellschaft für VT, Deutscher Fachverband für VT, Deutsche Gesellschaft für VT
-
Humanistische und kommunikationsorientierte Therapieformen:
Sie betonen in ihrem Menschenbild den schöpferischen und auf
Selbstverwirklichung ausgerichteten Aspekt der Persönlichkeit des intentional
agierenden und in sozialen Zusammenhängen lebenden Patienten, dessen vielfältige
eigene Ressourcen genützt werden sollen.. - Schulen:
* Logotherapie: begründet vom österreichischen
Psychologen Arzt Viktor E. Frankl
[geb. 26.3.1905 in Wien, gest. 1997; korrespondierte schon als Schüler mit Freud;
später Mitarbeiter von Adler und Reich;
überlebt durch "Distanzierung" von seinem Leid das KZ Auschwitz, in dem seine
Familie und seine erste Frau sterben (vgl. "...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein
Psychologe erlebt das Konzentrationslager", geschrieben in neun Tagen 1945, dt.
1977); nach dem Krieg Professor für Neurologie und Psychiatrie an der
Universität Wien, ab 1970 am eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für
Logotherapie in San Diego, Kalifornien und anderen, v. a. amerikanischen
Universitäten; zahlreiche Vortragsreisen, Ehrenbürgerschaften (z. B. Austin),
-doktorate etc. Weite Verbreitung seiner Bücher, v. a. "Der Mensch vor der Frage
nach dem Sinn", "Der Wille zum Sinn", "Das Leiden am sinnlosen Leben", "Theorie
und Therapie der Neurosen" etc., in allen bedeutenden Sprachen der Welt.]
| ° Daseinsanalysen: gibt es seit Binswanger (Liebesfähigkeit im Zentrum, Einfluss v. Freud, Husserl, Heidegger). Die Logotherapie (= "dritte Richtung der Wiener Psychotherapie") und Existenzanalyse, die Freiheit und Verantwortlichsein bewusst macht und damit die zugrundeliegende Anthropologie berücksichtigt, konstatiert "existentielle Frustration trotz herrschendem Wohlstand" als Leiden unserer Zeit und strebt Heilung durch Sinnfindung an. ("Wer ein Warum zum Leben hat, der erträgt fast jedes Wie.") Neben unbewussten Trieben, Begierden, Wünschen, Phantasien usw. gebe es auch eine unbewusste Geistigkeit mit mehreren Anteilen (ethisches Unbewusstes, ästhetisches Unbewusstes). Das im dreidimensional (als biologisch-physiologisches, psychologisch-soziologisches und geistig-noetisches Wesen) angelegten Menschen auftretende Bedürfnis nach Sinn (nicht ein bestimmter Sinn, sondern ein zu suchender/findender: für Frankl z. B. besteht er darin, anderen zu einem Sinn zu verhelfen) werde durch Abhandenkommen einer Wert- und Weltanschauung nicht erfüllt => Neurosen (= sture Selbst-Zentriertheit) | |
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Techniken: von Frankl
entwickelte Techniken (sie beschäftigen sich mit der dritten der oben
erwähnten Dimensionen) sind: + Dereflexion (Symptome sollen ignoriert werden, der Patient soll in der Mitwelt handeln, nicht über sich nachgrübeln) und + Paradoxe Intention (Paradoxe Intervention; Symptomvorschreibung; die an sich unwillkürlich auftretenden Schwierigkeiten sollen bewusst vollzogen werden, z. B. wird dem Schlafgestörten Schlafentzug verordnet. Dadurch erfolgt eine Distanzierung von der Neurose, das Gefühl der Unterworfenheit weicht dem des Beherrschens des Symptoms. Ein eingespielter Circulus diaboli wird durch die ungewöhnliche Maßnahme durchbrochen, neue Möglichkeiten, mit einer Therapie anzusetzen, öffnen sich. + Einstellungsmodulation (Veränderung der Sichtweise: das Positive auch an schwierigen Situationen zu erkennen imstande sein. Zielt darauf ab, sich selbst zu verändern und nicht auf eine Veränderung der Umstände zu hoffen.) + Sokratischer Dialog: Wie Sokrates hilft der Arzt dem Patienten nach der maieutischen Methode (Hebammenkunst), die Erkenntnisse selbst zu vollziehen. Sinn kann nicht nicht gegeben, er muss (vom Klienten) gefunden werden. |
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"3 Hauptstraßen" zum Sinn: + Schöpferische Werte (Freude über das durch eigene Arbeit Geschaffene) + Erlebniswerte (statt Konsum) + Einstellungswerte (selbst in der ausweglosesten Situation entscheidet man noch selbst über die Einstellung gegenüber dieser Situation und kann sie hinnehmen) |
Vgl. Seite über
Viktor Frankl, Seite des
Franklzentrums Wien, des Instituts für
Logotherapie und des
Viktor Frankl-Institut
* Gesprächstherapie: Die "dritte Kraft" (Bezeichnung von Maslow)
neben Psychoanalyse und Behaviorismus, die Humanistische Psychologie, wurde von
Carl R. Rogers
mitbegründet. (Amerikaner, 1902-1987; studiert zunächst Landwirtschaft u.
Theologie, dann Psychologie. Professor an mehreren USA-Universitäten, zuletzt La
Jolla, Kalifornien.) Rogers hatte
in Europa (v.a. durch die Arbeiten von Annemarie
und Richard Tausch)
großen Einfluss (schülerzentriertes Lernen, Entstehen von Encounter-Gruppen, s. u.) Seine
client-centered-therapy leugnet ein homöostatisches Menschenbild, sie geht
von der Fähigkeit, psychisch zu wachsen, aus. Der Therapeut verhält sich
zuhörend (nicht nur "einohrig", sofort nach einer Antwort suchend), gibt aber
kein Ziel vor. Er bleibt er selbst (aufrichtig, echt) und soll Wertschätzung
(bedingungsloses Akzeptieren; Ernstnehmen, nicht immer Zustimmung zu den
Aussagen des Klienten), Wärme und einfühlendes Verstehen (Empathie) vermitteln.
Er interpretiert nicht, sondern arbeitet maieutisch (der Klient sieht sich durch
die spiegelbildliche Rückgabe seiner Äußerungen zu einer Korrektur und zu einem
Ausgleich zwischen dem Ideal-Bild und dem Real-Bild seines Selbst veranlasst).
Eine bekannt gewordene Weiterentwicklung der Theorien von Rogers stellt das
Konzept der gewaltfreien Kommunikation (Ausrichtung auf Bedürfnisse, die
hinter allem stünden) von
Marshall B. Rosenberg
(* 1934) dar. In vier Schritten (Übermitteln nicht wertender Beobachtung,
Darstellen von damit verbundenen Gefühlen, Offenlegung der dahinter stehenden
Bedürfnisse und Äußern von auf konkrete Handlungen bezogene Bitten - "Wenn
....., dann fühle ich mich ....., weil ich ..... brauche. Deshalb möchte ich
jetzt gerne ..... .") soll statt konfliktreicher empathische Kommunikation
möglich werden.
Vgl. Seite über Rogers,
über
Gesprächstherapie und die
Homepage der entsprechenden Österreichischen Gesellschaft
* Gestalttherapie: Ziel dieser von Fritz
(Frederick) Perls
(1893-1970; Ausbildung in Berlin durch Horney
und Reich, aber auch bei Max
Reinhardt; Therapeut in Frankfurt;
Emigration nach Amsterdam und Südafrika; ab 1946 in den USA von der Chicago
Schule für Sozialpsychologie, v. a. von Paul
Goodman, der krank machende
gesellschaftliche Verhältnisse analysierte, beeinflusst; gest. in Vancouver)
gegründeten Richtung ist ein Leben ohne Fassade.
Mittelpunkt einer Gruppensitzung, die mit personenzentrierter Arbeit abwechselt,
ist das auf dem "heißen Stuhl" sitzende Gruppenmitglied und seine Probleme. Im
Hier und Jetzt, dem einzigen Ort, an dem Veränderung stattfinden könne, soll die
Anklammerung an die Vergangenheit überwunden werden (ihr nicht mehr die Schuld
an den Problemen zugeschoben werden), an ihre Stelle tritt Verantwortlichkeit.
Mit z. T. künstlerischen Mitteln (Zeichnen, Theater etc.) wird versucht, die
Gestalt zu schließen (sie tritt dann in den Hintergrund, Blockaden werden
gelöst; Prinzip der Ganzheitlichkeit).
Vgl.
Geschichte der Gestalttherapie,
Gestalttherapie,
Lexikon der Gestalttherapie
und Seite des
Symbolon-Instituts
* Körpertherapie (Bioenergetik):
Vorläufer:
Orgontherapie von Reich (s. o.). Die Bioenergetik (entwickelt von Alexander
Lowen, geb.1910 in New York;
ursprünglich Rechtsanwalt, dann Mitarbeiter Reichs)
beruht auf dem Gedanken, dass der Körper Ausdruck seelischer Zustände ist. Fünf
Charakterstrukturen bauen sich im Verlauf der Lebensgeschichte auf:
Sichzusammennehmen (entspricht der schizoiden Persönlichkeit), Ansichhalten
(oraler Charakter), Drinnenhalten (masochistischer Typ), Drüberhalten
(psychopathisches Muster) u. Zurückhalten (rigide Strukturen). Aufgabe der
Therapie ist es nun, durch Übertreiben der Körperhaltung bis zur Karikatur den
Muskelpanzer zu lockern bzw. Verspannungen durch körperliches Agieren zu lösen.
Andere Körpertherapien stellen das Atmen in den Mittelpunkt (Atemtherapie) oder
fordern einfach ein Umklammern des Klienten (Holdingtherapie vom
Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Tinbergen,
Anwendung bei autistischen Kindern). Janovs
Urschreitherapie soll Spannungslösung bewirken.
* Familientherapie: geht von der Annahme aus, dass nicht nur der
Kranke, sondern auch das System, in dem er lebt, krank ist und behandelt werden
muss. (Vgl.
Familientherapie,
folgende
Fallgeschichte und die Seite über
Systemische Familientherapie, beide Univ. Münster)
Man unterscheidet:
| ° Okkupationssysteme (z. B. Eltern okkupieren ihr Kind als Hoffnungsträger selbst nicht erreichter Ziele) | |
| °
Substitutionssystemen: Nach Horst
Eernhard Richter
(dt. Psychoanalytiker, geb. 1923) substituiert sich jede kranke Familie als + Festung (paranoide Verteidigung), + als Sanatorium (angstneurotische Selbstbemitleidung) oder + als Theater (hysterische Verdrängung) |
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Therapieverlauf: |
|
| ° Ausgangspunkt: Symptom (z. B. Asthma) oder ein für einen Teil der Familie unerträglicher Zustand fällt auf (Symptomträger - Restfamilie) | |
| °
Ansatzpunkte: + Familienkonstellation (Ränge, Rollen[zuweisung], Machtverhältnisse, Sozialdistanz etc.) + Familienatmosphäre (Stimmungen, Begegnungsweisen) + Familienregeln (Art der Regeln, Form des Zustandekommens, Weise des Einhaltens) |
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| ° Methoden: Meist werden Formen der Gesprächs- und Gruppentherapie, ev. auch der Psychoanalyse, verwendet. Bei Kindern wird die Spieltherapie nicht nur therapeutisch, sondern auch als diagnostisches Mittel eingesetzt. Bekannt geworden ist die sog. Wunderfrage: "Woran würden Sie und Ihre Umgebung - ohne Absprache - merken, dass Ihre Probleme gelöst seien, wenn dies wie durch ein Wunder über Nacht geschähe?" |
* Gruppentherapie: Weniger eine bestimmte inhaltliche Richtung, eher eine Organisationsform, die mehrere Richtungen aufgrund ihrer Vorteile (billiger, Mitsprachemöglichkeit, auch gegenseitige Beeinflussung) adaptieren.
| ° Psychodrama von Jakov L. Moreno (1892-1974; aus Bukarest stammender Österreicher, der mit Adler zusammenarbeitete und 1925 in die USA ging): Älteste Form der Gruppentherapie; durch dramatische Darstellung der lebensbestimmenden Konflikte (z. B. mit den Eltern, die Gruppenmitglieder übernehmen Rollen) soll eine Bewusstmachung und eine Affektabfuhr erfolgen (Einfluss des Wiener Stegreiftheaters). | |
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Encounter-Gruppen: Im Anschluss an die T-groups (Trainigsgruppen)
von Kurt Lewin
entstandene Begegnungsgruppen. Als Bekanntengruppen, Fremdgruppen o.
Betriebsgruppen sollen sie dem Einzelnen bei der Persönlichkeitsstärkung
oder als Selbsterfahrungsgruppen beim Kennenlernen seiner selbst helfen. Bekannt geworden sind v. a. die Balint-Gruppen (nach dem 1939 nach England emigrierten Ungarn Michael Balint, 1896-1970, Begründer der Fokaltherapie, einer Kurztherapie, die einen thematischen Schwerpunkt = Fokus hat), in denen 8 bis 12 Angehörige der gleichen Berufsgruppe unter professioneller Leitung (Supervision durch einen Ausbildungspsychologen) ihren Berufsalltag (Beziehungen zu allen Menschen, denen sie im Beruf begegnen bzw. andere Probleme) besprechen. |
* Konstruktivismus: Er sieht psychische Schwierigkeiten darin begründet, dass jeder Mensch in einer anderen, von ihm "konstruierten", Wirklichkeit lebt. Seine Kommunikation mit anderen kann dadurch gestört sein. Eine besondere Rolle kommt den Erwartungseffekten (self fulfilling prophecies, s. o.) zu: Voraussagen (gerade im Bereich zwischenmenschlicher Kommunikation) treten nur deshalb ein, weil sie gemacht wurden. Das bedeutet:
| ° dass es wichtiger ist, was für wirklich gehalten wird, als ob etwas "wirklich" wirklich ist | |
| ° dass wir auf unsere Interpretation von Wirklichkeit reagieren und nicht auf die "Wirklichkeit" | |
| ° dass wir unsere eigene Wirklichkeit schaffen |
Begründer dieser Richtung sind Gregory
Bateson, Don
D. Jackson, John
H. Weakland und Paul
Watzlawick (geb. 1921 in Villach;
Studium Philosophie und Sprachen bis 1949; Analytikerausbildung bis 1954;
Professor für Psychotherapie in El Salvador 1957-1960; seit 1960 mit einigen der
obgenannten und Janet H. Beavin
Forschungsbeauftragter am Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien;
seit 1967 auch an der Stanford University, Abt. Psychiatrie;
Buchveröffentlichungen: "Menschliche Kommunikation", "Lösungen", "Die
Möglichkeit des Andersseins", "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?", "Anleitung
zum Unglücklichsein", "Gebrauchsanweisung für Amerika" u. a.)
Watzlawick (mit anderen) stellt
Fünf pragmatische Axiome der Kommunikation auf.
| ° Man kann nicht nicht kommunizieren. |
| ° Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass letzterer den ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist. |
| ° Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt. |
| ° Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitaler Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potential, ermangeln aber die für die eindeutige Kommunikationen erforderliche logische Syntax. |
| ° Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Ungleichheit beruht. |
Zu Watzlawick vgl. Page des Gymnasiums Peraustraße, Villach (mit Links) und die der Universität Colorado.
Besonderes Augenmerk richtet der
Konstruktivismus auf folgendes, v. a. von Bateson
[1904-1980, Ethnologe (Ethos = für ihn der soziale Stil einer Gesellschaft) und
Ehemann von M. Mead; vgl.
Gespräch mit diesen beiden] in "Schizophrenie und Familie" untersuchte
System:
Double-Bind (Beziehungsfalle): bezeichnet die Wirkungen von Paradoxien
(= logisch unvereinbaren, in sich widersprüchlichen Inhalten, z. B. "Alle Kreter
lügen", sagte ein Kreter.) in menschlichen Interaktionen. Der Angesprochene kann
sich dabei nur falsch verhalten. Für psychiatrisch relevante
Double-Bind-Situationen gibt es
3 Voraussetzungen:
| ° eine enge Beziehung der Interaktionspartner | |
| ° eine Mitteilung, die etwas aussagt und gleichzeitig über ihre eigene Aussage etwas aussagt, so, dass beide Aussagen unvereinbar sind (durch Befolgung missachtet bzw. durch Missachtung befolgt werden, z. B. die Aufforderung: "Sei spontan!") | |
| ° Die paradoxe Mitteilung ist, obwohl logisch sinnlos, pragmatische Realität. Ihr Empfänger kann der Situation nicht durch Metakommunikation oder Flucht entkommen und läuft Gefahr, für richtige Wahrnehmungen bestraft und als verrückt bezeichnet zu werden. |
In dieses System kann sich der Therapeut wissentlich miteinbeziehen, in dem er z. B. einem Klienten, der nicht nein sagen kann, die Symptomvorschreibung erteilt, nein sagen zu müssen. Befolgt dieser die Anweisung nicht, hat er zum Therapeuten nein gesagt, ansonsten ist die Vorschreibung erst recht geglückt.
Der Konstruktivismus versteht sich als
systemorientiert (nicht die historische Frage "Warum besteht, woher kommt eine
Neurose?" sondern die systematische "Wie funktioniert das krankmachende System
bzw. Kommunikation überhaupt?" steht im Mittelpunkt. Sinnbild für letzteres ist
das Gefangenendilemma
(Spielmöglichkeit unter diesem Link):
Ex.: Zwei Gruppen (oder Einzelpersonen) treten
gegeneinander an. Sowohl A (waagrecht) als auch B (senkrecht) wählen ohne (ev.
auch mit) Absprachemöglichkeit eine der beiden Spalten. Die Anzahl der gewonnen
Punkte (A kursiv-blau, B normal-rot) hängt von der gleichzeitig erfolgenden Wahl
der jeweils anderen Partei ab (analog der bekannten Geschichte von den beiden
Gefangenen, die, je nachdem, ob der jeweils andere [auch] gesteht, frei gehen,
befristet oder lebenslänglich eingesperrt werden). Elemente jeder menschlichen
Kommunikation sind das Aufeinanderangewiesensein, die Notwendigkeit zu vertrauen
und die Tatsache, dass eine "logische" Lösungsfindung mit einem optimalem
Ergebnis inkompatibel ist. Ein kurzfristiger Maximalgewinn (8) würde langfristig
(auch die Gegenpartei wird wohl irgendwann die zweite Spalte wählen, => - 3)
wieder verschwinden.
Vgl. auch The Prisoners' Dilemma
Graphik Prisoner's Dilemma:
b1 |
b2 |
|
a1 |
+5 |
+8 |
a2 |
-5 |
-3 |
* NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren): NLP (z. B. von Bateson propagiert) wird definiert als die Wissenschaft von den Strukturen subjektiver Erfahrungen. Es stellt Verfahrensweisen zur Verbesserung der Kommunikation mit sich selbst und mit anderen Menschen zur Verfügung. (Vgl. Stichwort NLP, nlp.at, NLPDoc, nlp.de)
Als wichtigste Annahmen gelten nach einer Zusammenfassung von Thies Stahl:
| ° Menschen reagieren auf ihre subjektive Abbildung der Wirklichkeit und nicht auf die äußere Realität. | |
| ° Geist und Körper sind Teile des gleichen kybernetischen Systems und beeinflussen sich wechselseitig. | |
| ° Viele Verhaltensmöglichkeiten sind wichtig, weil ein System immer von dem Element kontrolliert wird, das am flexibelsten ist. | |
| ° Ein Mensch funktioniert immer perfekt und trifft stets die beste Wahl auf der Grundlage der für ihn verfügbaren Informationen. | |
| ° Jedem Verhalten liegt eine positive Absicht zugrunde, und es gibt zumindest einen Kontext, in dem es nützlich ist. | |
| ° Das Ergebnis von Kommunikation ist das Feedback, das der einzelne bekommt; Fehler oder Versagen gibt es nicht. | |
| ° Kann ein Mensch lernen, etwas Bestimmtes zu tun, können es grundsätzlich alle Menschen. | |
| ° Menschen verfügen über alle Ressourcen, die sie brauchen, um eine von ihnen angestrebte Veränderung zu erreichen. |
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Es existieren zahllose weitere Therapieformen: Beschäftigungs-, Schlaf-, Rebirthing-Therapie, Logopädie bei tonischem (Blockade und Herausplatzen einzelner Wörter) oder klonischem (Repetieren von Wörtern oder Satzteilen) Stottern (vgl. Speech and language disorders), Lichttherapie (s. o.) u. v. a. m.
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