Diese Seite ist Teil der Homepage von Thomas Knob aus Österreich. - Letzte Änderung 14.8.2003

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LEKTÜRE-TIPPS (erscheinen unregelmäßig)

 

Nr. 1

     

   Jan Philipp REEMTSMA
   Im Keller - 221 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Hamburger Edition; 16,36 €)
   Taschenbuchausgabe (Rowohlt-TB rororo; 7,62 €)
   Auch als Doppel-CD oder Hörkassette erhältlich
   (Hoffmann&Campe, NDR; 20,35 € bzw. 15,24 €)

 

Im März 1996 wurde der Hamburger Sozial- und Literaturwissenschaftler J. Ph. Reemtsma vor seinem Haus entführt und 33 Tage als Geisel gehalten.

Das Buch schildert die Gefangenschaft im Keller eines abgelegenen Hauses bis zur Freilassung im Austausch mit einer hohen DM-Summe. Reemtsma, der sich paradoxerweise im Zuge seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gerade mit der ihm nun real zugestoßenen Situation theoretisch befasst hat, reflektiert in diesem Buch seine Erlebnisse und Gefühle, denn "...sowenig wie möglich von der mir in diesem Keller aufgezwungenen Intimität soll in meinem Leben bleiben."

Die Situation von "absoluter Macht dort, absoluter Ohnmacht hier" wird durch die Aufspaltung der Hauptperson in ein "Er" (der Mann im Keller) und ein "Ich" (vorher und nachher) erzähltechnisch und emotional bewältigt. Die Darstellung greift immer wieder literarische Bezüge auf, wodurch über die "Kriminalgeschichte" hinaus intellektuelle Herausforderung gewährleistet wird.

 

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Nr. 2

   Douglas HOFSTADTER
   Metamagicum - 945 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Klett-Cotta; 31,70 €)
   Taschenbuchausgabe (Rowohlt-TB rororo; 24,54 €)

 

Der amerikanische Mathematiker, Psychologe und Computerwissenschaftler D. Hofstadter - berühmt geworden mit seinem Bestseller Gödel, Escher, Bach - legt in Metamagicum - Fragen nach der Essenz von Geist und Struktur - eine Sammlung seiner im Scientific American erschienenen Artikel vor, die in zeitlichem Abstand nochmals kommentiert werden. Neuere Erkenntnisse und Diskussionsergebnisse, die seit der Erstveröffentlichung entstanden sind, konnten so eingearbeitet werden.

Die Themen der Artikel ergeben sich aus den von Hofstadter bearbeiteten Wissenschaftsbereichen. Es werden zB Musikstücke Chopins, selbstbezügliche Sätze, der Turing-Test, Zahlenblindheit oder mathematisch-psychologische Spiele wie Prisenor's Dilemma oder das von Hofstadter erfundene Unterlaufen analysiert. (Spielregel zu Letzterem: Jeder von zwei Spielern entscheidet sich gleichzeitig für eine Zahl innerhalb eines vereinbarten Zahlenraumes, etwa 1 bis 9. Pro Runde bekommt jeweils jener Spieler, der die höhere Zahl gewählt hat, diese gutgeschrieben. Ausnahme: Stoßen die Zahlen aneinander - etwa 6, 7 - erhält der Spieler mit der niedrigeren Zahl die Summe aus beiden Zahlen. Wer zuerst 100 o.ä. erreicht hat, siegt. - Ausprobieren!).

Das Buch ist bis in seine Schrifttypen und die Gestaltung des Inhaltsverzeichnisses durchkonzipiert, trotzdem sind die Artikel auch unabhängig voneinander les- und verstehbar. Zielgruppe sind interessierte Laien, die sich auch ohne Vorkenntnisse auf eine anregende intellektuelle Reise begeben dürfen. Die für wissenschaftliche Literatur untypisch erfrischende Sprache hält den Lesewiderstand, anders als oft bei deutschsprachigen Autoren, gering.

 

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Nr. 3

   Barbara VINE
   Schwefelhochzeit - 439 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Diogenes-Verlag; 22,50 €)
   Taschenbuchausgabe (Diogenes-Verlag; 10,17 €)

 

Die unter dem Pseudonym B. Vine schreibende Ruth Rendell (Jahrgang 1930, seit 1997 Baroness Rendell von Babergh) ist seit langer Zeit (Liebesbeweise, Die im Dunkeln sieht man doch, Der schwarze Falter, Das Haus der Stufen usw.) eine der bekanntesten englischen Autorinnen. Unter ihrem wirklichen Namen schreibt sie Bücher, in denen Inspector Wexford die Hauptfigur ist, unter B. Vine psychologische Romane, die ebenfalls, ohne dass dies ihre Hauptbestimmung wäre, im Bereich des Kriminalistischen angesiedelt sind.

Im vorliegenden Band spielt, wie so oft bei B. Vine, ein verschwiegenes Landhaus eine große Rolle. Es gehört der 71jährigen Stella, die im Altersheim auf ihren Krebstod wartet und dabei von Jenny gepflegt wird, deren Geschichte parallel zu der sich langsam enthüllenden Geschichte Stellas erzählt wird. Im (zumindest, was das Leben Stellas betrifft) analytisch angelegten Roman wird erst am Ende klar, was bis dahin nur angedeutet wird: nämlich dass....

Beim Lesen entsteht ein eindrückliches Bild von Englands Leben auf dem Land und von den Beziehungen innerhalb des von der Autorin genau charakterisierten Romanpersonals. Wie etwa auch bei Highsmith ist die psychologische Motivierung der Handlungen wichtiger als die Frage der Schuld. Das Leseerlebnis wird durch ein vielfältiges Motivgeflecht (zB Aberglaube) und eine herkömmliche "Krimis" bei weitem übersteigende Spannung befördert.

 

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Nr. 4

      

   Paul VIRILIO
   Rasender Stillstand - 157 Seiten
   Fluchtgeschwindigkeit - 203 Seiten

   Taschenbuchausgabe (Fischer TB-Verlag; 8,64 €)
   Taschenbuchausgabe (Fischer TB-Verlag; 9,66 €)

 

Wer sich rasch über einige Grundgedanken von Paul Virilio informieren will, der ist gut beraten, zu einem der zitierten Bücher zu greifen (oder zu beiden) und den einen oder anderen der darin enthaltenen Essays zu lesen.

Thema des 1932 geborenen Essayisten und Medienphilosophen (er war ursprünglich Architekt und hat die École d’Architecture Spéciale in Paris begründet) ist die zunehmende Geschwindigkeit des Informationsflusses in der modernen Gesellschaft, deren hauptsächliche Eigenschaft die Beschleunigung sei. Die Gefahren der Interaktivität müssten so wie jene der Radioaktivität ernst genommen werden. In "Echtzeit" übermittelte Ereignisse (vgl. Virilios Analyse des Golfkriegs im ebenfalls bei Fischer erschienenen Buch Krieg und Fernsehen) führten zu einem "rasenden Stillstand" Mit diesem Oxymoron bezeichnet der Autor
"Paradoxien und Antinomien, in denen sich Virilio zufolge die schrankenlose Gewalt der Geschwindigkeit offenbare. Doch zeige sich diese nicht unmittelbar. Denn im Versprechen scheinbar universaler Mobilität, welches die technischen Erfindungen des Schnellerwerdens seit altersher motiviere und legitimiere, verberge sich das sich selbst verborgene Phänomen einer unheilvoll sich beschleunigenden Beschleunigung. Heimlicher Telos der Geschwindigkeit ist also sie selbst, ihr Bei-sich-selbst-Bleiben. Erst in der Enthüllung dieses der unmittelbaren Wahrnehmung entzogenen Diktats der Beschleunigung, welches in den technischen Medien kriegslistig bis zu den digitalen Sehmaschinen sich fortschreibe, zeige sich - so Virilios Kernhese - der Immobilismus der Geschwindigkeit als ihr eigentlicher ‘Wesenskern’." (Georg Ch. Tholen)
Virilios Essaysammlungen nehmen immer wieder Bezug auf Beobachtungen des Alltagslebens und erleichtern durch diese Konkretisierungen dem Leser zwischenzeitlich die Arbeit am ansonsten abstrakten Text.

Als Einführung oder Ergänzung sei das folgende, im November 1995 auf ARTE ausgestrahlte Gespräch, das Friedrich Kittler mit Virilio geführt hat, empfohlen.

 

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Nr. 5

   Gerhard WINKLER
   Aufbruch in die Grenzenlosigkeit -
   Die Freiheit eines Diabetikerlebens
- 256 Seiten

   Gebundene Ausgabe
   (Gerhard Winkler ISBN 3-9501240-0-4; 20,34 €)

 

Dieses im April 2000 erschienene Buch hat zwei Zielgruppen im Auge: Menschen, die sich für fremde Länder, deren Kultur und Natur interessieren, und Diabetiker.

Der Autor beschreibt seinen "Aufbruch in die Grenzenlosigkeit", die er vor der Diagnostizierung seines Diabetes erlebt hat und wieder erringt, in Form von - zum Teil in zwei Ebenen angeordneten - Reiseerzählungen. Er macht "die Erfahrung, dass die Beschränkungen, die sein Leben als Diabetiker einengen, nur solange existieren können, solange er bereit ist, an sie zu glauben" (Klappentext).

Die beschriebenen Reisen, die zum Teil unglaubliche, nichtsdestotrotz wahre Geschichten enthalten, lassen zwei Schwerpunkte erkennen: Höhenbergsteigen in Südamerika und den hohen Gebirgen Asiens sowie der Kontakt zu Naturvölkern im pazifischen Raum. Ein ca. 50 Seiten langer "Diabetes spezial"-Anhang ergänzt die Reportagen, während deren Lektüre die "Krankheit" des Autors phasenweise völlig in den Hintergrund tritt.

Der Band enthält Dutzende Hochglanzphotos, Karten und Graphiken und vermittelt so auch optisch einen ausgezeichneten Eindruck der erwähnten Weltgegenden. "Ein Buch, nicht nur für Diabetiker, sondern für alle, die für die Schönheiten einer Welt jenseits der Grenzen eines streng geregelten Sicherheitsdenkens emfänglich sind." (Klappentext)

Das Buch kann unbürokratisch unter http://www.grg19bi73.asn-wien.ac.at/~winkler/bestellung.htm oder gerhardwinkler@hotmail.com bestellt werden. Nähere Informationen zum Buch und seinem Autor auf der G. Winkler Homepage.

 

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Nr. 6

   Martin KRIST
   Vertreibungsschicksale
   Jüdische Schüler eines Wiener Gymnasiums 1938
   und ihre Leidenswege
- 202 Seiten

   Kartonierte Ausgabe (Turia + Kant, Wien 1999)
   ISBN 3-85132-225-8; 17,44 €)

 

Das mit einem Vorwort des österreichischen Schriftstellers Erich Hackl ausgestattete Buch Vertreibungsschicksale ist in den 90er-Jahren zunächst im Rahmen des Schulunterrichtes entstanden, als sich Schüler des Wahlpflichtfaches Geschichte mit ihrem Lehrer Martin Krist die Vergangenheit ihrer Schule zum Thema stellten.

Anhand des Gymnasiums des 19. Wiener Gemeindebezirkes (1190 Wien, Gymnasiumstraße 83) stellt der Autor die Schicksale der durch das nationalsozialistische Regime aus Wien vertriebenen Schüler dar. Soweit dies möglich war, wurden die Lebenswege sämtlicher 1938 aus der Schule entfernten Personen (104) genau recherchiert. Die Überlebenden wurden, wenn sie das wollten, interviewt und im Herbst 1999 zur Buchpräsentation im Mehrzweckraum der Schule eingeladen. Schon vorher war in der Aula eine Gedenktafel enthüllt worden.

Der optisch ansprechend gestaltete Band enthält reichhaltiges Bildmaterial, das allein schon historisches Interesse zu wecken imstande wäre. Wer im einzelnen nachvollziehen will, was Vertreibung konkret bedeutet hat, dem sei die Lektüre von Martin Krists Buch angeraten. (Vgl. auch den Beitrag in webfreetv.com)

 

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Nr. 7

      

   Alfred DÖBLIN
   Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende
   598 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Walter-Verlag; 23,00 €)
   Taschenbuchausgabe (dtv-Verlag; 13,54 €)
   ISBN 3-530166316)

 

Wer Döblin nur durch seinen Montage-Großstadtroman Berlin Alexanderplatz, in dem die Geschichte Franz Biberkopfs erzählt wird, kennt, wird erstaunt sein, dass dieses schon im amerikanischen Exil begonnene und 1956 ein Jahr vor dem Tod des Autors fertiggestellte Buch vom selben Urheber stammt.

Edward Allison, ein englischer Soldat, kehrt schwer verwundet aus dem Krieg heim und fragt im Familienkreis nach Schuld und Sinn jener Ereignisse, die ihn physisch und psychisch deformiert haben. Die zutage tretenden Konflikte werden mit einer eigentümlichen Methode angegangen: Man erzählt einander auf Vorschlag des Vaters, eines Schriftstellers, "nicht zu diskutieren, sondern zu erzählen, und es jedem zu überlassen, seine Schlüsse zu ziehen", Geschichten. Diese nur scheinbar zufälligen Erzählungen beleuchten alle die Zusammenhänge in der Familie Allison und tragen zum Ende der "langen Nacht" Edwards, der sich in der Rolle Hamlets sieht, bei.

Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende ist eines der interessantesten Bücher der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts und sollte dringend (wieder)gelesen werden.

 

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Nr. 8

   Jack KEROUAC
   Unterwegs (On The Road)
   379 Seiten

   Taschenbuchausgabe (rororo-Verlag; 8,64 €)
   ISBN 3-499222256
   Auch als Audiobook (read by David Carradine) erhältlich

 

Dies ist das literarische Manifest einer Jugend, inmitten der 'schlechtesten der Welten' ein leidenschaftliches Bekenntnis zum 'glückseligen Leben' ablegte. Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit waren die Zauberwörter der Beatgeneration, die ständig auf der Suche nach einem intensiven, rauscherfüllten Dasein war. Ihre Trampfahrten durch die ungeheuren Weiten des Landes ließen sie ein Amerika entdecken, das die bürgerliche Erfolgsmoral nicht kannte. (Kurzbeschreibung von amazon.de)

Im Fokus des Geschehens dieses episodenhaft angelegten Ich-Romans steht die Figur des Dean Moriarty (Vorbild Neal Cassady). Formal alles andere als revolutionär - vielmehr in der Tradition der großen amerikanischen Erzähler stehend - bezieht der Text seine Attraktivität aus der Darstellung der den damaligen Gesellschaftsnormen entgegenstehenden Lebenshaltung und -führung der Hauptperson(en). Sie drückt sich in einem in gewisser Weise eskapistischen Getrieben-Sein ohne eigentliches Ziel aus. Nicht direkt gegen "die Gesellschaft" agierend, sondern einfach völlig anderen Werten verpflichtet, fahren Moriarty und seine Freunde kreuz und quer durch Amerika (und wieder zurück). Das entsprechende Lebensgefühl wird unter anderem in Landschaftsbeschreibungen und der Darstellung von Jazzsessions (die Umsetzung von Musik und Stimmung in Sprache ist einer der Höhepunkte der Lektüre) wiedergegeben.

Das Buch ist seit seinem Erscheinen (sechs Jahre nach seinem Entstehen innerhalb weniger Wochen des Jahres 1951 und um ein Drittel gekürzt und überarbeitet) ein Bestseller. Die New York Times nannten es 1957 "Huckleberry Finn of the twentieth century". Es gilt als Meilenstein der von Jack Kerouac (eig. Jean-Louis Lebris de Kerouac, ursprünglich französisch sprechend, 1922-1969) später selbst so genannten Beat-Generation.

 

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Nr. 9

     

   Ronald MUNSON
   Fan Mail
   467 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Eichborn-Verlag; 20,34 €)
   Taschenbuchausgabe (Fischer TB-Verlag; 7,61 €)
   ISBN 3-821802987

 

Dieser im Medienmilieu spielende Kriminal"roman" stammt von einem 1939 geborenen amerikanischen Professor (seit 1967, Columbia University) für medizinische Philosophie der Harvard University ("Basic Issues in Medical Ethics"). Es geht um die Bedrohung einer erfolgreichen Fernsehmoderatorin durch einen Fan ("Wächter"), der ihre gesunkenen Einschaltquoten durch fragwürdige Methoden wieder in die Höhe treibt und schließlich auch ihr selbst gefährlich wird.

Erzählt wird dieses 1993 erstmals erschienene Buch ausschließlich durch die Wiedergabe von Faxen, E-Mails, Briefen, Telephonmitschnitten, Polizeiprotokollen etc.

 

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Nr. 10

   Josef HASLINGER
   Das Vaterspiel
   573 Seiten

   Gebundene Ausgabe (S. Fischer Verlag; 23,51 €)
   ISBN 3-100300548

 

Der einer breiteren Öffentlichkeit durch sein Buch Opernball (und dessen nachfolgende Verfilmung) bekannt gewordene österreichische Autor legt mit dem "Vaterspiel" neuerlich einen Roman vor, der im gegenwärtigen Österreich situiert ist und in zwei Ebenen erzählt wird. Waren es im Opernball durch elektronische Medien aufgezeichnete "Bänder", die den Erzählfluss durchbrachen, erfüllen diesmal "Protokolle" von Zeugenaussagen über Vorfälle in Litauen vor der "Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen" in Ludwigsburg bzw. die Wiedergabe einer Vernehmung mit dem Aussagenden denselben Zweck. Die Einblicke, die sie in einen bisher nicht prominent wahrgenommenen Kriegsschauplatz ermöglichen, gehören zu den Vorzügen des Textes.

Die Schicksale dreier Familien - einer jüdischen, einer litauischen und - hauptsächlich - einer sozialdemokratischen österreichischen Familie - werden im Vaterspiel unter genauen Milieuschilderungen und nicht ohne Humor miteinander verwoben. Jeder Leser, der sich an die letzten 30 Jahre österreichischer Innenpolitik erinnern kann, wird Elemente von hohem Wiedererkennungswert vorfinden. Trotzdem wäre es verfehlt, nach Art eines Schlüsselromans in jeder Romanfigur zeitgenössische Entsprechungen zu vermuten. (Einige werden ohnehin namentlich genannt.) Es geht vielmehr um die Aufarbeitung politischer Verfehlungen anhand persönlicher Beziehungen.

Ich-Erzähler ist der nach Außen hin als "Versager" anzusehende Helmuth Rupert "Ratz" Kramer, Sohn eines Verkehrsministers, den - so der Ausgangspunkt des Textes - eine frühere Bekannte, die jetzt in den USA lebt, bittet, ihr bei einer ungewöhnlichen Angelegenheit behilflich zu sein. Seine Lieblingsbeschäftigung besteht darin, im Rahmen eines von ihm entwickelten Computerspiels seinen Vater zu "ermorden". Die Geschichte der Hauptperson wird im Zuge des Romans in sich einigermaßen chronologisch, aber unter dem Gesamtaspekt rückblickend (in eine minutiös beschriebene winterliche Autofahrt eingearbeitet), berichtet. Erzähltechnisch verwendet Haslinger - wie schon im Opernball - die Darbietung vollendeter Tatsachen, um Zeitsprünge zu vermitteln, sodass sich die Zusammenhänge nicht sofort offenbaren, Vorausdeutungen, die die Spannung aufrecherhalten, und oft akzentuierte Kapitelschlüsse.

Kritik an Haslingers Erzählweise äußerte vor allem F. J. Czernin, der eine bildhafte Oberflächlichkeit diagnostiziert, die er als Produkt des Milieus, in dem Literatur zur Zeit entstehe, erklärt. Dieses sei durch ein "seltsam symbiotisches Verhältnis" zu den Medien beeinflusst.

So sind all die Realien dieses Textes vor allem tautologische Wirklichkeitsbestätigung, Mobiliar in einem allzu gemütlichen Romankrähwinkel. ..........
Und die Sprache und ihre Beziehung zur Welt? Wir sollen ihr die gewohnte Welt so sehr glauben wie jedem Eindruck das gewohnte Wort, das er uns macht. Damit sich die Sprache und die Welt so richtig gut verstehen ..., macht der Roman sehr viele kurze, doch nur wenige lange Sätze. ...........
Da die Sprache nicht in ihrer wörtlichen und bildhaften Wirksamkeit begriffen wird, da sie nur das Gewohnte und Gewöhnliche tut, bleibt der Roman (wie die Sprache auch sonst im Leben) der unfruchtbare Zufall, den wir aber für unantastbar, ja für law and order halten sollen. Die Sprache ist totgestellt, als gäbe es sie nicht, und dafür verwandelt sie uns in das, was wir für diesen Roman offenbar sein sollen: in Pawlowsche Hunde, die glauben, die Wirklichkeit, dieses blutig-rohe Stück Fleisch, tanze unmittelbar vor ihrer Nase herum, hängend am roten Faden der story, des plots, natürlich. Und so schnappen wir ganz automatisch danach und verschlingen doch nur den roten Faden, von unserem Hunger nach den Sachen selbst zum Narren gemacht und gehalten. Denn wie können wir, gespannte, gerührte Leseratten, das dann noch bemerken, da wir dieses armselige semantische Schattenreich für den Ort halten müssen, wo echtes Blut als unsres Lesens Milch und Honig fließt?

(Aus Der Standard 7.10.2000)

Das Vaterspiel ist dennoch eines derjenigen Bücher, die man - hat man einmal mit der Lektüre begonnen - in jeder freien Minute zum Weiterlesen zur Hand nimmt. Schließlich bewirken gerade die der Filmästhetik entlehnten Elemente - zB der laut Haslinger, der sich der amerikanischen Erzähltradition verpflichtet fühlt, eingeräumte Vorrang der Figuren vor dem Erzähler oder die "Überfülle materieller Details" (Kurt Neumann) eine gesteigerte Neugier nach dem jeweils nächsten Satz. Ein Durchlesen in einem Zug verbietet der Umfang.

 

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Nr. 11

   Martin UITZ, Audrey SALKELD (Herausgeber)
   Der Berg ruft!
   509 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Verlag Anton Pustet; 28,12 €)
   ISBN 3-702504141

 

Zwei Bücher sind im Zuge der Salzburger Alpinismus-Ausstellung in Altenmarkt (15.4.2000 - 4.11.2001) erschienen: der Ausstellungskatalog und Mitte Oktober 2000 "das offizielle Buch" zur Ausstellung, "Der Berg ruft!" Es handelt sich dabei um ein in jeder Hinsicht gewichtiges Lesebuch, das 32 Auszüge aus bekannten Bergbüchern vereinigt. Die Autorenliste entspricht einem Who is who des Alpinismus der letzten 80 Jahre. Jeder Beitrag ist bebildert und von den Herausgebern (die sich mit Ausnahme eines ganz kurzen Prologs erfreulicherweise sehr zurücknehmen) kompetent eingeleitet.

Man liest einige der bekanntesten Texte und sieht einige der bekanntesten Photos, die jemals in Bergbüchern erschienen sind. "Der Berg ruft!" enthält implizit eine Geschichte des Alpinismus, wie sie spannender und dichter noch nicht oft nachzulesen war. (Natürlich fehlen "Schlüsseltexte" der Alpingeschichte, die Rechte dafür waren wohl nicht in jedem Fall zu haben.). Man ist erstaunt über die sprachliche Kompetenz der (meisten) abgedruckten Autoren und man ist erfreut über die gelungene Aufmachung des Bandes.

Der Band wendet sich an alle (Wieder)leser, die sich für das Bergsteigen interessieren und an alle, die sich noch nicht dafür interessieren. Letztere werden diesen Zustand nach Lektüre des Buches nicht leicht aufrecht erhalten können.

 

 

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Nr. 12

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   Simon SINGH
   Fermats letzter Satz
   363 Seiten

   Gebundene Ausgabe (Verlag Hanser; 25,46 €)
   Taschenbuchausgabe (dtv-Verlag; 9,97 €)
   ISBN 3-446193138 bzw. 3-42333052X

 

Dies ist eines jener Bücher, über die vermutlich keine einzige negative Rezension geschrieben wurde. Als "Glanzstück des Wissenschaftsjournalismus" und bestes Buch aller Zeiten über ein mathematisches Thema, das es versteht, auch zahlentheoretisch nicht vorgebildeten Lesern die Faszination für diese Wissenschaft zu vermitteln, als "Droge", "Wunder", "spannend und lehrreich" etc. wurde der Band bezeichnet.

Thema von Simon Singh ist - vereinfacht ausgedrückt - der rätselhafte letzte Satz des Mathematikers Pierre de Fermat aus dem 17. Jahrhundert, er habe bewiesen, warum der Satz des Pythagoras nur mit Zweierpotenzen, aber mit keiner anderen Hochzahl gültig sein kann. Andrew Wiles von der Princeton University verkündete 1993 nach siebenjähriger geheimer Arbeit eine Lösung für Fermats letzten Satz und musste nach dem Aufweis einiger Widersprüche noch ein weiteres Jahr daran arbeiten. Das Buch erklärt nun auf unterhaltsame und verständliche Weise diese Arbeit. Einige Ungenauigkeiten (vor allem in die Gödel'schen Sätze betreffenden Passagen), die dem Journalisten Singh innzwischen vorgehalten wurden, können die Faszination am Buch nur unwesentlich beeinträchtigen.

Fermats letzter Satz ist das nach Gödel, Escher, Bach von D. Hofstadter bestverkaufte Buch natur- bzw. formalwissenschaftlichen Inhalts der letzten Jahrzehnte.

 

 

 


Fragen und Kommentare an thomas.knob@chello.at

 

 


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