Diese Seite ist Teil der Homepage von Thomas Knob aus Österreich. - Letzte Änderung 14.6.2021


Vorbemerkung:

Dieses unentgeltlich zur Verfügung gestellte Kompendium dient dem Verfasser und seinen Schülerinnen und Schülern vor allem als Vorlage für den gymnasialen Schulunterricht im Unterrichtsfach „Psychologie“ und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Fehlerlosigkeit. Es ist hemmungslos eklektizistisch und will Hilfestellung für Lehrende und Lernende zur persönlichen Verwendung, nicht Wiedergabe eigener Forschungen sein. Jede weitergehende Nutzung, insbesondere die Speicherung in Datenbanken, Vervielfältigung und jede Form von gewerblicher Nutzung sowie die Weitergabe an Dritte (auch in Teilen oder in überarbeiteter Form) ohne Zustimmung des Autors sowie die Einbindung einzelner Seiten in fremde Frames bitte zu unterlassen! Alle Informationen werden unter Ausschluss jeder Gewährleistung oder Zusicherung, ob ausdrücklich oder stillschweigend, zur Verfügung gestellt. Der Verfasser übernimmt ferner keine Haftung für die Inhalte verlinkter, fremder Seiten.

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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE IN 5 TEILEN

(mit LINKS ins Internet)

 

 


Teil 1 - Teil 2 - Teil 3 - Teil 4 - Teil 5 - Materialien - Inhalt

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INHALTSVERZEICHNIS
 

 

 

I. EINFÜHRUNG IN GEGENSTAND UND ARBEITSWEISE DER PSYCHOLOGIE

Allgemeines (Definition - Alltagspsychologie - Fehlerhafte Heuristiken) - Einteilung des Forschungsgebietes der Psychologie (Psychische Kräfte - Psychische Funktionen) - Tätigkeitsfelder der Psychologie (Allgemeine Psychologie - Differentielle Psychologie - Experimentalpsychologie - Entwicklungspsychologie - Sozialpsychologie - Angewandte Psychologie - Nachbarwissenschaften) - Richtungen (Introspektionismus - Behaviourismus - Tiefenpsychologie - Gestaltpsychologie - Kognitive Psychologie - Humanistische Psychologie - Parapsychologie - Biologische Psychologie und Psychopathologie) - Methoden der Psychologie (Subjektive Methoden - Objektive Methoden - Statistik - Experiment - Test) - Gehirnabhängigkeit des seelischen Erlebens (Beweise - Leib-Seele-Problem) -  [Dieses Kapitel ]

 

II. DIE WAHRNEHMUNG

Allgemeine Begriffe (Reizschwelle - Unterschiedsschwelle - Empfindung - Wahrnehmung) - Reizleitung (Erregungsbahn - Sinnes- und Nervenzellen - Ionentheorie der Erregung) - Das Gehirn (Allgemeines - Aufbau und Funktionen - Forschungsmethoden - Daten - Hirnhälftentheorien - Aktivierungsniveau - Der Schlaf - Neuere Ergebnisse der Hirnforschung) - Optische Wahrnehmung - Das Auge (Sinneszellen - Funktionsweise - Sehstörungen - Farbsehen - Kontrast- und Konstanzphänomene - Optische Täuschung - Tiefensehen - Bewegungssehen) - Akustische Wahrnehmung, Raumlagesinn - Das Ohr (Aufbau des Ohres - Daten - Tonmischung - Hydrodynamische Hörtheorie - Das Ohr als Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat)) - Olfaktorische Wahrnehmung - Die Nase (Stereochemische Geruchstheorie - Einzelne Gerüche) - Geschmackswahrnehmung - Die Zunge (Funktionsweise - Geschmacksrichtungen) - Haptische Wahrnehmung - Die Hautsinne (Allgemeines - Rezeptoren) - Die Zeitwahrnehmung (Steuerung - Psychische Präsenzzeit - Bunkerschlafexperiment - Moment - Beeinflussung der Zeitwahrnehmung) - Die Gestaltwahrnehmung (Gestaltbegriff - Kohärenzfaktoren - Intuition) - Wovon hängt ab, was und wie wir wahrnehmen? (Angeborene und erworbene Voraussetzungen - Einstellung und Aufmerksamkeit - Bezugsrahmen - Ausdruck und Eindruck) [Dieses Kapitel ]

 

(= TEIL 1)

 

 

III. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE

Allgemeines (Forschungsgebiet - Entwicklung - Programmierung - Phase - Reifung - Lernen) - Phasen der psychischen Entwicklung (Säuglingsalter - Frühkindheit - Kleinkindalter - Phase der Schulfähigkeit - Reife Kindheit - Vorpubertät - Pubertät - Adoleszenz - Frühes Erwachsenenalter - Erwachsenenalter - Alter) - Entwicklungsstörungen - Geistige Behinderung (Allgemeines - Einteilung der Behinderungen - Pränatal verursachte Behinderungen - Perinatal verursachte Behinderungen - Postnatal verursachte Behinderungen) [Dieses Kapitel ]

 

IV. PÄDAGOGIK

Definitionen - Einige historische Auffassungen (Sokrates - Platon - Menander - Rousseau - Kant - Pestalozzi - Humboldt - Fröbrl - Adler - Reformpädagogik - Fremont-Smith - Rogers - Kernberg - Gegenwart) - Bildungsinhalte - Erziehungsstile (Kategorisierung - Andere Kategorisierungsversuche) - Erziehungsziele und Erziehungsfehler (Lebensausstattung - Identität - Mündigkeit) [Dieses Kapitel ]

 

(= TEIL 2)

 

 

V. INTELLIGENZPSYCHOLOGIE

Intelligenzdefinitionen - Der Intelligenzquotient - IQ (Definition - Verteilung des IQ - Bezeichnungen der verschiedenen Intelligenzgrade) - Die Anlage-Umwelt-Problematik (Grundeinstellungen - Historische Klärungsversuche - Fazit) - Intelligenztests und -konzepte (Ältere Tests - Moderne Tests) [Dieses Kapitel ]

 

VI. DENKPSYCHOLOGIE

Definitionen und Historisches - Funktion des Denkens (Biologische Bedeutung - Verkürzung der Lösungszeit) - Entwicklung des Denkens nach Piaget (Äquilibration - Phasen des Denkens im Laufe der Entwicklung) - Erscheinungsformen des Denkens (Problemlösen - Kreatives Denken) - Denken und Sprache, Kommunikation (Zusammenhang - Semiotik: Dimensionen des sprachlichen Zeichens - Begriffe - Kommunikationsmodelle - Funktionen der Sprache - Defizithypothese) [Dieses Kapitel ]

 

VII. LERNEN UND GEDÄCHTNIS

Definitionen - Lernen im kognitiven Bereich (Gedächtnis - Einprägen, Wiedergeben und Vergessen - Praxisanwendung, positive Effekte - Praxisanwendung, negative Effekte - Dem Gedächtnis verwandte Phänomene) - Lernen im vegetativen Bereich (Definition - Klassisches Konditionierungsexperiment) - Lernen im Verhaltensbereich - Behaviouristische Theorien und ihre Überwindung (Definitionen - Entwicklung des Behaviourismus) - Lernmodelle (Neurophysiologisches Modell - Kognitives Lernmodell - Lernmodell nach Pawlow - Lernmodelle des Behaviourismus - Lernen am Modell - Lernen aus Einsicht) [Dieses Kapitel ]

 

(= TEIL 3)

 

 

VIII. TIEFENPSYCHOLOGIE UND PSYCHIATRIE

Definitionen - Das Unbewusste (Definition - Zugangsmöglichkeiten - Abwehrmechanismen) - Süchte, Persönlichkeitsstörungen, Geistes- und Gemütskrankheiten (Allgemeines - Abhängigkeiten - Neurosen - Psychosen - Andere Einteilungen) - Therapieformen (Definition - Geschichte - Basisinformationen - Psychodynamisch orientierte Therapieformen - Verhaltenstherapie - Humanistische und kommunikationsorientierte Therapieformen) [Dieses Kapitel ]

 

(= TEIL 4)

 

 

IX. DIE PSYCHISCHEN KRÄFTE

Definitionen - Die Triebe (Definition - Einteilung der Triebe - Verhaltensweisen, Grundbegriffe der Ethologie) - Die Gefühle, Emotionalität (Definition - Gefühlsmodi - Gefühlsstörungen, Parathymien - Einteilung der Gefühle) - Die Interessen und Werte (Definition - Wertkategorien) - Der Wille, Motivation (Definition - Einteilung und Untersuchung der Motive) [Dieses Kapitel ]

 

X. SOZIALPSYCHOLOGIE

Definition - Erscheinungsformen sozialer Kollektive (Menge - Masse - Gruppe) - Soziale Ränge und Mechanismen (Ränge - Soziale Effekte) - Methoden der Sozialpsychologie (Soziogramm - IAT-Test - Andere Methoden) [Dieses Kapitel ]

 

XI. PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE

Definitionen - Typologien (Antike - Konstitutionstypologien - Faktorenanalytische Modelle - Weltanschauungstypologie - Typologie der Kommunikationsmuster) [Dieses Kapitel ]

 

(= TEIL 5)

 

 

Für allgemeine Informationen siehe auch Online-Psychologie-Kurse, Computer-gestützte Experimente für den Psychologieunterricht, Psychologische Online Dokumente, Psychologie-Portal, die informativen Psychologie-Arbeitsblätter der Univ. Linz, die Homepage des Psychologie-Instituts der Univ. Wien, folgendes Internetfachgebärdenlexikon, die Klassiker der Psychologie und zum Nachschlagen ein Online-Lexikon

 


 

 

KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 1. TEIL

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INHALT DES 1. TEILS:

I. EINFÜHRUNG IN GEGENSTAND UND ARBEITSWEISE DER PSYCHOLOGIE (Allgemeines - Einteilung des Forschungsgebietes der Psychologie - Tätigkeitsfelder der Psychologie - Richtungen - Methoden der Psychologie - Gehirnabhängigkeit des seelischen Erlebens)
II. DIE WAHRNEHMUNG (Allgemeine Begriffe - Reizleitung - Das Gehirn - Optische Wahrnehmung - Das Auge - Akustische Wahrnehmung, Raumlagesinn - Das Ohr - Olfaktorische Wahrnehmung - Die Nase - Geschmackswahrnehmung - Die Zunge - Haptische Wahrnehmung - Die Hautsinne - Die Zeitwahrnehmung - Die Gestaltwahrnehmung - Wovon hängt ab, was und wie wir wahrnehmen?)


 


I. EINFÜHRUNG IN GEGENSTAND UND ARBEITSWEISE DER PSYCHOLOGIE
 

 

ALLGEMEINES

Vgl. Videovorlesungen der Yale-Universität mit Transkription und Unterlagen (darunter „Introduction to Psychology“), Vortrag „Psychologie für Nichtpsychologen“ von Erich Fromm (s. u.), Lexikon der Psychologie, Verband der Psychologielehrer .de, ARGE PP Wien, BundesARGE Pup, Psychologie-Suchmaschinen

 

   Wilhelm Wundt

- Definition:
Der Begriff Psychologie wurde von Philipp Melanchthon (eig. Schwartzerdt, 1497-1560) in seinen Vorlesungen eingeführt, nachdem er bereits 1506 von Marcus Marulus (eig. Marko Marulic, 1450-1524) zum ersten Mal im heutigen Sinn verwendet worden war. Wörtlich bedeutet das griechische Wort „Lehre von der Seele“ (griech. ψυχή = Seele, λόγος = Wort, Lehre).  Die endgültige Anerkennung des Begriffs „Psychologie“ erfolgte durch seine Aufnahme in die Encyclopédie durch Denis Diderot (1713-1784), der Beginn der wissenschaftlichen Psychologie wird mit 1879 angesetzt (Eröffnung des ersten Instituts für experimentelle Psychologie mit Labor durch Wilhelm Wundt, 1832-1920, in Leipzig - Leipziger Schule; vgl. seine Autobiographie Erlebtes und Erkanntes bzw. folgende Webseite.) Wundts Definition nach ist Psychologie „die allgemeine Wissenschaft von den Gesetzen des geistigen Lebens“, eine Art empirische Geisteswissenschaft. Die American Psychological Association (APA) wurde 1892 von G. Stanley Hall (1844-1924) gegründet, der einer der ersten Teilnehmer an Wundts Experimenten gewesen war. Humorvoll ein gängiges Vorurteil bedienend, formulierte Egon Friedell (1878-1938; Suizid): „Psychologie ist die Wissenschaft von der Seele dessen, der sie betreibt.“

Die Psychologie als Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen sowie seinem Bewusstsein. Sie untersucht seelische Vorgänge und Zustände, ihre Ursachen und Wirkungen sowie ihre Rolle bei der Entwicklung der Persönlichkeit und analysiert auf biologischer, psychologischer und soziokultureller Ebene diesbezügliche Phänomene. (Dies wird „biopsychosozialer Ansatz“ genannt. - Beispiel: Angstverhalten könnte durch Hirnstrukturen / Persönlichkeitsmerkmale / Lerneffekte beeinflusst sein). Ziel vieler Sparten der Psychologie ist es, das Verhalten und Erleben zu beschreiben, zu erklären, vorherzusagen und und zu kontrollieren.

 

- Unterschiede zwischen wissenschaftlicher Psychologie und Alltagspsychologie:
Im Unterschied zur Alltagspsychologie (wie sie vor allem in Zeitschriften, elektronischen Medien, manchen persönlichen Gesprächen oder gar Horoskopen, unseriösen Therapieangeboten und anderen pseudowissenschaftlichen Phänomenen erscheint), folgt die wissenschaftliche Psychologie folgenden gängigen Kriterien:

° systematische Herangehensweise (statt anekdotischer, assoziativer Vorgehensweise, die auf Einzelbeispiel„nachweis“ beruht)
° logische Deduktionen (statt nach dem Induktionsverbot unzulässiger Verallgemeinerungen)
° intersubjektive Überprüfbarkeit (statt subjektiven Überzeugungen, die nur scheinbar „bestätigt“ werden)
° Beweisführung auf nachvollziehbarer, argumentativer Basis (statt unkritischen Verweisen)
° klare, exakt definierte Terminologie (statt schwammiger, sich während der „Argumentation“ verändernder Begriffe)
° klare Fragestellungen, deren Antworten sich der Widerlegung exponieren (statt Vorwegnahme eines bereits „feststehenden“ Ergebnisses)
° sachliche Deskription statt Verwendung von wertbezogen eingefärbten Phrasen

Ex.: Bertram R. Forer (1914-2000) konfrontierte 1948 zahlreiche Vpn. mit folgendem - immer gleichen, vorgeblich als Ergebnis eines zuvor an ihnen durchgeführten Persönlichkeitstests entstandenen - Text:

„Sie brauchen die Zuneigung und Bewunderung anderer, dabei neigen Sie zu Selbstkritik. Zwar hat Ihre Persönlichkeit einige Schwächen, doch können Sie diese im Allgemeinen ausgleichen. Sie haben beträchtliche Fähigkeiten, die brachliegen, statt dass Sie sie zu Ihrem Vorteil nutzen. Äußerlich diszipliniert und kontrolliert, fühlen Sie sich tendenziell innerlich ängstlich und unsicher. Mitunter zweifeln Sie ernstlich an der Richtigkeit Ihres Tuns und Ihrer Entscheidungen. Sie bevorzugen ein gewisses Maß an Abwechslung und Veränderung, und Sie sind unzufrieden, wenn Sie von Verboten und Beschränkungen eingeengt werden. Sie sind stolz auf Ihr unabhängiges Denken und nehmen anderer Leute Aussagen nicht unbewiesen hin. Doch erachten Sie es als unklug, sich anderen zu freimütig zu öffnen. Manchmal verhalten Sie sich extrovertiert, leutselig und aufgeschlossen, manchmal auch introvertiert, skeptisch und zurückhaltend. Einige Ihrer Wünsche scheinen mitunter eher unrealistisch.“

Forer erntete aufgrund der Schwammigkeit der verwendeten Begriffe, denen jede exakte Definition fehlt (vor allem der Schluss ist fast schon kabarettistisch) durchwegs hohe Zustimmung (vgl. u. Forer-Effekt), 85% der Befragten fühlten sich verstanden und gut beschrieben.

 

- Fehlerhafte Heuristiken:
Aufgabe einer wissenschaftlichen Psychologie ist es, durch die zusätzliche Erforschung geänderter Ausgangsbedingungen Cum / Post hoc ergo propter hoc-Argumente, weitere falsche Kausalattribuierungen und Fehlschlüsse sowie die Überschätzung der Validität eigener Überzeugungen zu verhindern. (Analoge Beispiele für Fehlschlüsse aus anderen Bereichen: Wenn es regnet, sind die Straßen nass. Sie sind nun nass, also muss es geregnet haben. Oder: Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß. Diese Bohnen sind weiß. Also sind sie aus diesem Sack. Oder: Wer eine größere Schuhnummer hat, verdient statistisch in Österreich mehr. Dies trifft zwar tatsächlich zu - aber nicht, weil der Zusammenhang ein direkter wäre: Beide Variablen sind auf etwas Drittes zurückzuführen, nämlich das Geschlecht. Frauen verdienen im Schnitt weniger und haben auch kleinere Füße.)

Im Alltag treten häufig fehlerhafte Heuristiken auf. Darunter versteht man Verfahren und Lösungsfindungsstrategien („Daumenregeln“), die adäquate Antworten auf Fragen finden wollen, wie z. B. das Ausschlussverfahren, die Stichprobenauswertung, das Trial-and-error-Verfahren etc., bzw. ganz allgemein Denkweisen im Alltag. Im Unterschied zu Algorithmen (einer endlichen Abfolge definierter Schritte, die zur Lösung führen; benannt nach أبو جعفر محمد بن موسى خوارزمی  / Abu Abdulla Muhammad ibn Musa al-Choresmi, ca. 780-840 aus dem heutigen Usbekistan; z. B. in einem Labyrinth immer an einer Wand entlanggehen, ohne den Hand-Mauer-Kontakt zu verlieren) können sie, müssen aber nicht zum Erfolg führen. Außerdem ist mit kognitiven Illusionen bzw. Verzerrungen zu rechnen, die es zu berücksichtigen gilt, wenn man unverfälschte Ergebnisse bei der Informationsverarbeitung anstrebt. (Die erste Verzerrung besteht bereits darin, dass das Gehirn den enorm vielfältigen Input, der unentwegt einströmt, vereinfacht, um überhaupt erst das Wichtige und Neue bearbeiten zu können, sodass nach Tor Nørretranders, *1955, als Benutzerillusion „unsere Karte von uns selbst und unseren Möglichkeiten, auf die Welt einzuwirken“ entsteht. Was unser Gehirn uns vorspielt, ist nach Daniel Dennett, *1942, eine „Metapher für das, was wirklich geschieht“.)
Beispiele großteils nach Daniel Kahneman, *1934, Thinking, fast and slow 2011; s. u.:

° Repräsentativitätsheuristik: Wenn wir etwas Neues kennen lernen, suchen wir, vor allem bei Personen, einen Vergleich mit früheren Erfahrungen, die auf die neue Person zu passen scheinen. Wir schließen dann, dass auch andere Eigenschaften desselben Stereotyps auf die Person zutreffen und ersetzen die zielführenderen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen (s. a. u. Halo-Effekt). Sport-Scouts wählen z. B. zum Nachteil ihrer Vereine auf dem Transfermarkt Spieler oft aufgrund ihres Aussehens und Körperbaus und nicht wegen ihrer bisher erzielten statistischen Leistungsdaten aus; sie bedienen sich dabei Stereotypen. Da diese ja tatsächlich oft zutreffen (junge Männer begehen z. B. tatsächlich häufiger Aggressionsdelikte als alte Frauen, der Umkehrschluss - „wenn viele Gewalttäter Männer unter 40 sind, wird auch dieser Unter-40-Jährige ein Gewalttäter sein“ - ist jedoch unzulässig.), wird die Wahrscheinlichkeit von an sich seltenen Ereignissen (solchen mit niedriger Basisrate) überschätzt, wenn spezifische Informationen dies nahelegen. Deshalb sollte man z. B. eher auf Möglichkeit 2 wetten, wenn man raten soll, ob jemand, den man eine Qualitätszeitung lesen sieht, zu Ende studiert hat (1) oder nicht (2). Selbst wenn alle Universitätsabsolventen „Presse“ oder „Standard“ läsen, gäbe es weit mehr Leser dieser beiden Blätter, die nie eine Universität von innen gesehen bzw. diese vor einer Diplomprüfung verlassen haben. Die Basisrate der Menschen ohne Studienabschluss ist einfach viel höher. Vgl. dazu:
° Basisratenfehler (Prävalenz): Tendenz, den Durchschnittserwartungswert zu ignorieren, nicht angemessen zu beachten oder unbewusst nach oben oder unten zu korrigieren, wenn zufällig gerade eben auftretende Umstände einen höheren oder niedrigeren Wert nahelegen (mathematisch nach dem Bayes-Theorem - nach Thomas Bayes, 1701-1761, ausgedrückt: wenn die Bestimmung der bedingten Wahrscheinlichkeit einer statistischen Variable A unter einer Bedingung B ohne Rücksicht auf die Prävalenz, also die A-priori-Wahrscheinlichkeit von A vorgenommen wird). Man unterschätzt z. B. die Anzahl der Regentage im November, wenn gerade eine Schönwetterperiode herrscht, oder die Rate von Akademikern, die Boulevardzeitungen lesen (siehe o. bzw.  u. für ein anderes Beispiel). Verwandt damit ist auch die
° Verfügbarkeitsheuristik: die relative Wichtigkeit oder Häufigkeit von Ereignissen wird zu hoch eingeschätzt, wenn es besonders leicht gelingt, sie - ev. auch situationsbedingt - ins Bewusstsein zu rufen. Je leichter Beispielfälle erinnert werden können, desto höher wird deren Wahrscheinlichkeit eingeschätzt. So überschätzen die meisten Menschen die Wahrscheinlichkeit eines Mordes, Terroranschlags oder Flugzeugabsturzes, weil Medien überproportional häufig darüber berichten (s. a. u. Ankereffekt). Umgekehrt wird die Anzahl der Suizide (in Österreich ca. dreimal häufiger als Verkehrstote) oder die der (weiblichen) Grundschulabsolventinnen in Ländern mit niedrigen Einkommen (über 60%) drastisch unterschätzt. Ex.: Testpersonen schätzten die Anzahl englischer Wörter, die mit „K“ beginnen, höher ein als die Anzahl englischer Wörter, die ein „K“ als dritten Buchstaben haben. Letztere fallen einem nicht so leicht ein, sind aber doppelt so häufig. (Hat das System 1 (s. u.) zu einer bestimmten Frage keine Beurteilungsgrundlage verfügbar, ersetzt es die Frage unbewusst durch eine andere, deren Antwort leichter zugänglich ist.)
° Proportionality-Bias: Urteilsverzerrung, die von der unbewussten Erwartung verursacht wird, dass außergewöhnliche Ereignisse auch - im Verhältnis entsprechende - außergewöhnliche Ursachen haben müssen. Der statistisch viel öfter wirksame allgegenwärtigen Zufall bzw. andere, „banalere“ Ursachen werden dabei unterschätzt oder übersehen. (Dieser Denkfehler erklärt unter anderem die oft erstaunliche Akzeptanz von merkwürdigen Fake Facts und Verschwörungstheorien wie z. B. die seit Jahrhunderten auf tragische Weise wirkmächtige antisemitische Verschwörungserzählung - die zusätzlich das Bedürfnis nach Sündenböcken bedient - oder wenn geglaubt wird, dass Bielefeld gar nicht existiere, die Mondlandung 1969 in Filmstudios inszeniert, der 9/11-Einsturz des WTC durch den Mossad bzw. die USA-Regierung selbst, die Corona-Pandemie durch Chemtrails verursacht worden wäre,  u. v. a. mehr).
° Regressionsfehlschluss: Eine Folge von Ereignissen tendiert on the long run zum Mittelwert (= Regression), Extreme in beide Richtungen werden selten sofort über- bzw. unterboten. Auf ein Lob nach einer extrem guten Leistung folgt beispielsweise meistens eine schwächere Leistung, während auf Kritik nach einer extrem schlechten Leistung meistens eine bessere Leistung folgt. Daraus zu schließen, dass Lob demotiviert und Kritik motiviert, wäre voreilig, da beide Ereignisse auf Grund des oben Gesagten davon unabhängig eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit haben und daher in jedem Fall erwartbar sind.
° Confirmation Biases (Bestätigungsfehler): Sie bestehen darin, dass man, anstelle eigene Überzeugungen in Frage zu stellen, nach deren Bestätigung sucht („positive Teststrategie“). Ex.: Studenten sollten die verdeckt auf einer Karte stehende Regel erschließen, nach der die Zahlenreihe 2-4-6-8 fortzusetzen sei. Sie suchten mit 10-12 usw. nach der Bestätigung der in ihren Köpfen entstandenen Theorie „Zahl plus 2“. Diese Lösungen entsprachen zwar auch der Regel, aber nur zufällig. (Die Regel lautete simpel: „Die nächste Zahl muss größer als die vorangehende sein.“ Der Versuch, die eigene Theorie zu widerlegen, hätte rascher zum Erfolg geführt als der Versuch, sie zu bestätigen.)
° Affektheuristik: Laut dem Risikoforscher Paul Slovic (*1938) besteht eine deutliche Wahrnehmungsverzerrung dann, wenn Emotionen im Spiel sind (also oft). Ergebnis eines Exs.: Befürwortet man z. B. die derzeitige Gesundheitspolitik, hält man bei gleichbleibenden objektiven Gegebenheiten ihre Risken für geringer, ihre Wirksamkeit aber für höher, als wenn man sie ablehnte. Vorlieben und Abneigungen übertönen Argumente. Nutzen und Kosten werden über- oder wechselweise unterschätzt, je nachdem, ob wir eine positive oder negative Einstellung zum angesprochenen Thema haben.
° Ankereffekt: Momentan vorhandene Umgebungsinformationen, seien sie zufällig oder von einem Versuchsleiter bewusst gesetzt, beeinflussen statistisch signifikant das Einschätzungsvermögen von Versuchspersonen. Beispiel-Ex. von Tversky und Kahneman (s. u.): Versuchspersonen sollen den Prozentsatz afrikanischer Staaten an den UNO-Staaten schätzen, nachdem sie ein von den Versuchsleitern manipuliertes Glücksrad gedreht haben, das nur bei 25 oder 45 stehen bleiben konnte. Die Korrelation (s. u.) der Einschätzung der Versuchspersonen mit einer dieser Zahlen war statistisch signifikant: Die Gruppe, die 25 gedreht hatte, schätzte den gefragten Prozentsatz im Durchschnitt weit niedriger, wer 45 gedreht hatte weit höher ein, als es dem Zufall entsprechen würde. An die erste Zahl nur zu denken, beeinflusst offensichtlich - bedingt durch eine Art Suggestion und gleichzeitig eine dem Menschen innewohnende Tendenz zur Anpassung - die zweite, obwohl es keinerlei logische Verbindung zwischen ihnen gibt (vgl. a. u.) Aus ähnlichen Gründen fällen müde Richter vor ihrer Essenspause nachgewiesenermaßen im Durchschnitt strengere Urteile bei gleicher Sachlage als ausgeruhte und satte.)
° Neigung zu (schein)kausalem Denken, wo statistisches Denken (das einen möglichen Scheinzusammenhang der Kausalität entlarven könnte) oder Zufallsannahmen angebracht wären. Grund: Menschen neigen zu kohärenten Erzählungen zuungunsten von Erklärung durch „Glück“ oder „Pech“. (Vgl. die Suche nach Schuldigen bei Katastrophen auch dann, wenn schicksalhaftes Geschehen vorliegt; auch der Spielerfehlschluss, der z.B. viele Roulettespieler glauben lässt, dass nach 5mal Rot die Wahrscheinlichkeit für Schwarz höher sei als nach 1mal Rot, gehört hierher). Verwandt damit:
° Tendenz zu assoziativer Kohärenz, die mit den üblichen Normen vereinbar ist, auch wenn sie der Realität nicht entspricht. Beispiel: Moses-Illusion: nur wenigen Menschen fällt auf, dass an der Frage „Wie viele Tiere jeder Art nahm Moses mit in die Arche?“ etwas nicht stimmt, da sie nicht weit genug vom gespeicherten Wissen abweicht und daher vom System 1 „kohärent gemacht“ werden kann. (Auch das Beispiel der Affektheuristik ließe sich hier einreihen: Unser System 1 richtet sich die Welt zurecht und bügelt Dissonanzen weg, es macht die Welt nach dem Prinzip der kognitiven Leichtigkeit (ungleich kognitive Dissonanz, s. u.) „plausibel“, sodass sie uns mühelos erklärbar erscheint, und ignoriert Wahrscheinlichkeiten und Basisraten.)
° Tendenz zur Selbstüberschätzung: Menschen neigen zur Überschätzung der Vollständigkeit der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen und unterdrücken unbewusst Zweifel und Ambiguitäten bei der Bildung von Urteilen oder Einschätzungen. Wir verfahren nach der von Kahneman so genannten WYSIATI-Regel (what you see is all there is) so, als ob wir alles zur Verfügung hätten, was es zum jeweiligen Thema zu wissen gibt. Solange die „erzeugte“ Geschichte kohärent ist, spielen Menge und Qualität der zugrunde liegenden Informationen kaum noch eine Rolle. Deshalb leben wir in der Illusion über die Gültigkeit unserer Prognosen (oder der von Experten) und in der, dass unsere Planungen realistisch (planning fallacy; s. u.), unsere Einschätzungen richtig und wir kompetent seien (illusion of skill). Hingegen wäre das „[...] Diagnosekriterium für Kompetenz [...] die Konsistenz individueller Leistungsunterschiede.“ (Kahneman) Selbstüberschätzung zeigt sich z. B. auch in der Tatsache, dass sich paradoxerweise 80% der Befragten für überdurchschnittlich gute Autofahrer halten oder 2020/21 virologisch und epidemologisch Ahnungslose mit subjektiver Überzeugung "wussten", welche Maßnahmen sinnvoll und welche falsch seien. (Ein ähnliches Phänomen zeigt der populärwissenschaftliche Dunning-Kruger-Effekt: Je inkompetenter eine Person, desto größer ist ihr Selbstbewusstsein; nach David Dunning , *1950, und Justin Kruger, *1968?. Vgl. Bertrand Russell, 1872-1970: „The fundamental cause of the trouble is that in the modern world the stupid are cocksure while the intelligent are full of doubt“).
° Rosy retrospection: Im Rückblick (im Übrigen aber auch im Hinblick auf uns selbst oder im Vorausblick bei der Planung von längerfristigen Projekten) erscheinen uns die Dinge oft positiver als sie waren (sind). Die negativen Umstände verblassen. (Bspl.: Nach einer anstrengenden Bergtour erinnern wir uns nach Jahren kaum noch an die Qualen, viel eher jedoch an den Gipfelsieg und die schöne Landschaft; auch Fading Affect Bias FAB genannt.) Dieses "Zurechtrücken" spielt auch eine Rolle bei der
° Narrative fallacy (narrative Verzerrung): von Nassim Nicholas Taleb (*1960) so bezeichnete Beobachtung, dass fehlerhafte, meist aber auf einfache Weise erklärende und daher unser (nicht nur logisches, sondern vor allem emotionales) Kohärenzbedürfnis („everything fits together“) erfüllende Geschichten über unsere Vergangenheit unsere Weltanschauungen und Zukunftserwartungen prägen. Menschen würden laufend fadenscheinige Berichte konstruieren und diese dann für wahr halten. (2019 glaubten z.B. nur 20% aller Deutschen, dass sich unter ihren Vorfahren welche befänden, die in der NS-Zeit schuldig wurden). Schon 1932 hat Frederic C. Bartlett (1886-1969) Erinnerung als Konstruktion betrachtet. - Vgl. auch:
° Hindsight Bias (Rückschaufehler): Verfälschung der Erinnerung im Laufe der Zeit, s. a. u. Bei Ex-post-Beurteilungen verzerrt sich die ursprüngliche Einschätzung eines Sachverhalts, man hat es „immer schon gewusst“. Vor allem der Outcome Bias ist stark wirksam. (Beispiel-Exe.: Die Erinnerung an eine vor Monaten von einer Person erstellten Wahlprognose wird von dieser ex post an das tatsächliche Ergebnis unbewusst angepasst. / Ärzte oder Politiker beurteilen ihre Entscheidungen nachträglich oft viel zu positiv, wenn das Ergebnis, der „Outcome“ - dies aber womöglich zufällig - positiv war.)
° Sunk cost fallacy (manchmal Dispositionseffekt genannt): bezeichnet die Neigung, sinnlos weiter in Verlustgeschäfte zu investieren, auch wenn die Variante, die bereits eingesetzten Mittel einfach verloren zu geben und Anderes zu beginnen, on the long run günstiger wäre. (Beispiele: Fortführen von Bauprojekten bei explodierenden Kosten, von zum Scheitern verurteilten Beziehungen, Aufrechterhalten von Arbeitsplätzen, die ohnehin verloren gehen werden etc.) Erklärung: Niemand möchte gerne ein Konto mit einem Minus schließen, auch wenn es ein „mentales Konto“ ist, man glaubt irrationalerweise zu lange an den Erfolg und will die Unausweichlichkeit der Verluste nicht wahrhaben (vgl. Prospect Theory). Ähnlich:
° Planungsfehlschluss: ist die Tendenz, bei größeren Projekten zur Verfügung stehende Daten und Informationen, die problematisch sind, zu ignorieren, unterzugewichten oder falsch einzuschätzen, sodass man in optimistischer Selbstüberschätzung (s. o.) in seiner Planung optimalen Szenarien unrealistisch nahe kommt. (Der Planungsoptimismus erfasst und berücksichtigt die Risiken nicht oder viel zu wenig.)

Dies alles ist uns im Alltagsvollzug meist nicht bewusst und auch schwer aus- bzw. abzuschalten. Es liegen daher keine verwerflichen, unmoralischen Absichten zugrunde, wenn wir Informationen fehlerhaft verarbeiten, sondern unsere angeborenen und im Laufe der Evolution bzw. der Ontogenese ausgearbeiteten Denk- und Entscheidungssysteme. (Allerdings werden diese Phänomene von Dritten oft manipulatorisch ausgenützt.)
Zu Wahrnehmungs- und Testfehlern s. u., zu sozialen Effekten s. u., zum Denken allgemein siehe hier.

 

EINTEILUNG DES FORSCHUNGSGEBIETES DER PSYCHOLOGIE

- Psychische Kräfte:
Triebe, Gefühle, Interessen, Wille. Diese auch als Hintergrundaktivität bezeichneten Impulsgeber setzen die Funktionen in Gang.

 

- Psychische Funktionen:
Lernen, Gedächtnis, Denken, Wahrnehmung. Sie treten in Erscheinung, wenn die Kräfte sie aktivieren.

 

Diese Einteilung geht auf den Wiener Psychologen Hubert Rohracher (1903-1972) zurück, der das Gesetz der funktionalen Aktivierung formulierte: Die im Hintergrund wirkenden Kräfte setzen jeweils selektiv bestimmte Funktionen in Gang. Es existieren zahllose weitere Einteilungen.

 

TÄTIGKEITSFELDER DER PSYCHOLOGIE

- Allgemeine Psychologie: beschreibt die unabhängig von individuellen Unterschieden bestehenden Gesetzmäßigkeiten im Erleben und Verhalten

 

- Differenzielle Psychologie: Psychologie der (Einzel)persönlichkeit (s. u.)

 

- Experimentalpsychologie: objektiver, naturwissenschaftlicher Zweig der (allgemeinen) Psychologie, der das Erleben und Verhalten intersubjektiv überprüfbar beschreiben will (auch Erlebnispsychologie). Enthält Teilgebiete wie Neuropsychologie, grundlegende Lernpsychologie etc. Seit Ende des 20. Jhdts. bekommt die Hirnforschung auf Grundlage der Neurobiologie eine immer größere Bedeutung.
Vgl. Web-Labor zur Experimentellen Psychologie

 

- Entwicklungspsychologie: stellt die psychischen Abläufe zwischen Geburt und Tod dar (s. u.)

 

- Sozialpsychologie: erfasst den Menschen als Teil und unter Einfluss der Gesellschaft (s. u.)

 

- Angewandte Psychologie: Die Anwendung der Forschungsergebnisse der Psychologie erfolgt im Alltag in den verschiedensten Bereichen (vgl. B.Ö.P.-Seite). Beispiele:

° Klinische Psychologie, Psychotherapie (s. u.): über 40% aller Psychologen arbeiten im medizinischen Umfeld
° Lehre: die Unterrichtenden an Schulen und Universitäten stehen zahlenmäßig an 2. Stelle
° Forensische Psychologie: Gerichtspsychologie (inkl. Gutachtenerstellung)
° Kriminalpsychologie: Sie erforscht die Grundlagen und Korrelate devianten Verhaltens, z. B. die „mörderische Trias“, gemäß der sehr viele Gewalttäter schon in ihrer Kindheit und Jugend durch die Kombination der (aller drei!) Verhaltensweisen Bettnässen, Brandstiften und Tierquälerei auffallen bzw. schwer beeinflussbare Hirnveränderungen aufweisen, oder Amokläufer - die der US-Psychologe Peter Langmann (*1960) in psychopathische (meist narzisstisch, sadistisch, aggressiv, mit stabilem Elternhaus), psychotische (meist realitätsfern, halluzinierend, mit stabilem Elternhaus) und traumatisierte (meist mit familiärer Gewalterfahrung und krimineller Vorgeschichte) Täter einteilt.
Vgl. z. B. auch Das Erstellen von Täterprofilen bei Serienmorden, Serienmörder - Ursachen und Entwicklung extremer Gewalt, Serial Killers, Schweizer Gesellschaft für Rechtspsychologie, Institut für forensische Psychiatrie Berlin)
° Industriepsychologie, Betriebspsychologie (Arbeits-, Berufspsychologie): begründet von der Erfinderin des Tretmistkübels Lillian Gilbreth (1878-1972). Studiert das Verhalten des Menschen im Erwerbsumfeld
° Berufsberatung
° Werbe- und Marktpsychologie: Entwicklung von Werbewirkungsmodellen. Das bekannte - Elmo Lewis (1872-1948) zugeschriebene - AIDA-Modell (Erzeugen von Attention - Interest - Desire - Action) wird von Involvement-Modellen ergänzt (Sie zielen auf Festigung einer Markenbeziehung durch positive Produkterfahrungen der Konsumenten ab. Verhaltenswirkungen einer Kaufentscheidung und Verwendungserfahrungen bewirken nach dieser Theorie eine nachhaltige Kundenbindung. Dauerhafte kognitive und emotionale Gedächtniswirkungen sind hier wichtiger als oberflächliche momentane Wirkungen wie Aufmerksamkeit, die nur am Beginn eines Kaufvorganges motiviert.) Die Werbepsychologie weist auch auf die Peak-End-Regel hin, nach der das Ende einer Erfahrung (Kauf, Hotelaufenthalt etc.) stärker beeinflusst als Beginn oder Verlauf, berät Geschäfte in Bezug auf die Anordnung ihrer Waren (z. B. „Psychologie im Supermarkt“) und untersucht anderes mehr.
(Vgl. auch Einführung in die Werbung von Peter Stoeckl, *1960?, und Marketing-Glossar)
° Schulpsychologie, Pädagogische Psychologie und Erziehungsberatung
° Lernpsychologie (s. u.)
° Sportpsychologie: sie schult z. B. den Umgang mit Druck, Belastung und Entspannung, fördert die Konzentrationsfähigkeit und arbeitet mit mentalem Training (systematische und intensive "Mentalakrobatik": Bewegungsabläufe werden unter der Voraussetzung der Vorstellungsfähigkeit, der so genannten Imagery, mit dem Ziel ihrer Verbesserung intensiv ideomotorisch - nicht beobachtend - gedanklich möglichst wirklichkeitsnah durchgegangen, ohne dass die Bewegung selbst ausgeführt wird; erste Ansätze schon vor dem 2. Weltkrieg) u. a. m.
° Verkehrspsychologie
° Religionspsychologie
° Heerespsychologie
° Völkerpsychologie
° Tierpsychologie (s. u.) u. a. m.

 

- Nachbarwissenschaften:

° Physik: Sie untersucht die Beschaffenheit der Reize (die materiellen Prozesse). Die Verbindung mit der Psychologie (zuständig für die seelischen Prozesse) heißt Psychophysik und wurde 1860 von Gustav Theodor Fechner (1801-1887) als Lehre von den Zusammenhängen zwischen objektiven und subjektiven Größen, wie z. B. Geldbeträgen und einer subjektiven Nutzeneinschätzung, begründet; s. u.
° Physiologie: Sie untersucht die körperlich ablaufenden Vorgänge (die organischen Prozesse) während einer durch Reize ausgelösten Erregung. Die Verbindung zur Psychologie nennt man Neuropsychologie (sie erforscht die biologischen Grundlagen des Erlebens und Verhaltens), die zur Physik Sinnesphysiologie.

Nach Stanley Smith Stevens (1906-1973) ergeben sich aus den möglichen drei Konstellationen

          3 Problemtypen:

° der der Beziehung zwischen Reiz und Erleben (äußere Psychophysik: untersucht z. B. das Schätzen von Strecken, die in der Vertikalen ca. 7% länger erscheinen als in der Horizontalen)
° der der Beziehung zwischen Physiologie und Erleben (innere Psychophysik: untersucht z. B. den Zusammenhang zwischen Blutalkoholgehalt und Betrunkenheitsgefühl)
° der der Beziehung zwischen Erleben und Erleben: untersucht die Zuordnung zweier oder mehrerer subjektiven Variablen, z. B. in einem 1965 durchgeführten Ex. von Gösta Ekman (1920-1971?) and Oswald Bratfisch (1940-2018), in dem der Einfluss des Grades emotionaler Anteilnahme an diversen Städten mit der subjektiven Schätzung der Entfernung dieser Städte von der Heimatstadt der Vpn. in Verbindung gebracht wurde; vgl. auch social perception)

 

RICHTUNGEN

Vgl. Psychologische Konzeptionen, What is Psychology? oder Überblick über die Geschichte der Psychologie (Namedropping)

 

- Introspektionismus:
Aussagen der Menschen über sich selbst und ihr Innenleben werden zugelassen (Erlebnispsychologie; abgeleitet vom lateinischen Wort für „hineinschauen“). Unter Introspektion versteht man im engeren Sinne die unmittelbare Erfassung und Beschreibung des eigenen Erlebens und eigener Bewusstseinsvorgänge, im weiteren Sinne kann die Selbstbeobachtung als kontrollierte Introspektion durch andere, die systematische Berichte und sekundär auswertbare Aufzeichnungen verwendet, verstanden werden. Auch literarische Erlebnisberichte, wie z. B. Ist das ein Mensch von Primo Levi (1919-1987, Suizid), weiter leben von Ruth Klüger (1931-2020) oder Im Keller von Jan Philipp Reemtsma, (*1952; s. a. u.) könn(t)en psychologisch ausgewertet werden (wenn sie dies tw. nicht selbst schon tun).

 

- Behaviourismus:
Selbstaussagen werden nicht zugelassen (bzw. selbst nur als wahrnehmbare Reaktionen betrachtet). Wichtig ist das Was: Input und Output (nur das Beobachtbare) werden systematisch, strukturiert und planmäßig fremdbeobachtet und protokolliert. Unwichtig sind die als unbeantwortbar geltenden Fragen nach dem Wie und dem Warum. Der Mensch wird als black box, die nach dem S => R (= stimulus-reaction)-Prinzip funktioniere, betrachtet. Würde man alle Reize kennen, könne man alle Reaktionen prognostizieren. Der Behaviourismus (abgeleitet vom englischen Wort für „Benehmen, Verhalten“) wurde auch „Psychologie ohne Seele“ genannt. (Näheres s. u.)

 

- Tiefenpsychologie:
Vor allem von Freud (s. u.) geprägte Psychologie des Unbewussten (nicht von allen anerkannt). Man unterscheidet aus heutiger Sicht (die Terminologie schwankt):

* Bewusstes
(s. a. u.): Inhalte, die gerade präsent sind, z. B. wahrgenommene Reize oder Vorstellungen, solange sie wichtig bzw. neu genug waren (was innerhalb kürzester Zeit von System 1 - s. u. - entschieden wird; die Reaktion darauf nennt man Orientierungsreflex bzw. Orientierungsreaktion; sie ist im EEG (s. u.) an plötzlich auftretender Beta-Aktivität zu erkennen und verschwindet durch Habituation / Gewöhnung an den Reiz wieder - erst bei Reizveränderung erfolgt neuerlich eine Dishabituation), um die Bewusstseinsschwelle zu überschreiten. Die Bewusstseinszugänglichkeit eines Reizes nennt man Salienz. Von ihr hängt ab, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet. William James (1842-1910) prägte den Ausdruck vom „Bewusstseinsstrom“, der sich dauernd ändere und nicht gemessen werden könne.

* Unbewusstes: Inhalte, die auch theoretisch nicht bewusst werden können, z. B. alles, was außerhalb der Großhirnrinde abläuft (und einige Hirnvorgänge innerhalb des Kortex), alle Prozesse beim Fötus und beim Kleinkind (infantile Amnesie), Wahrnehmungen, die außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus liegen oder stark konsolidierte Inhalte des prozeduralen Gedächtnisses (s. u.), dessen Details nicht (mehr) bewusst sind (z. B. beim Klavierspielen oder Radfahren).

* Vorbewusstes: Langzeitgedächtnisinhalte, die einmal bewusst waren, aktuell zwar „abgerutscht“ sind, theoretisch aber bewusst gemacht werden können; z. B. Verdrängtes; entspricht in Freuds Terminologie dem Unbewussten. (In diesem Zusammenhang: die Intuition - s.  u. - „flüstert ein“, das Bauchgefühl „drängt“ zu etwas.)

* Mitbewusstes: Inhalte, die ohne Gedächtnisleistung immer verfügbar sind, an die aber gerade nicht gedacht wird (z. B. der eigene Name)

Man nimmt heute an, dass dem Menschen nur weniges von dem bewusst ist, was sein Fühlen, Denken und Handeln lenkt. Freud nannte die Tatsache, dass der Mensch einsehen müsse, nicht Herr im eigenen Bewusstseinshaus zu sein, die „dritte Kränkung“ (s. a. u.) des Menschen (nach der ersten durch Nikolaus Kopernikus, 1473-1543, die ihn aus dem Zentrum der Welt, und der zweiten durch Charles Darwin, 1809-1882, die ihn als Krone der Schöpfung entfernt hatte).

 

- Gestaltpsychologie:
geht (s. u.) von der Grundannahme aus, dass ein Ganzes nicht nur aus seinen Teilen erklärt werden kann. Ihr entsprang die Feldtheorie (topologische Psychologie, Vektorpsychologie): Psychische Prozesse, denen Feldprozesse im Gehirn entsprächen, seien zielgerichtet und eine Funktion des jeweiligen Lebensfeldes, dessen Regionen unterschiedliche Valenzen mit Aufforderungscharakter enthielten. Das konkrete Verhalten (Lokomotion) sei vektorpsychologisch als Resultante der anziehenden bzw. abstoßenden Feldkräfte darstellbar. Personen müssen nicht aufgrund individueller Unterschiede, sondern im Kontext ihres gesamten Lebens beurteilt werden.

 

- Kognitive Psychologie:
versucht mentale Vorgänge in Modellen zu beschreiben und ist an der menschlichen Informationsverarbeitung, am Zusammenhang von Wahrnehmung, Lernen und Denken interessiert (Vgl. das informative Lernprogramm Einführung in die Kognitive Psychologie)

 

- Humanistische Psychologie:
will die Selbst- und Sinnverwirklichung fördern, interessiert sich für die in der Person jeweils vorhandenen Ressourcen

 

- Parapsychologie:
umstritten; will (noch) nicht erklärbare „übersinnliche“ bzw. okkulte Phänomene wie Psychokinese (gedanklicher Einfluss auf Materielles), Präkognition (Wahrsagen), paranormalen Wissenserwerb (Hellsehen) oder Telepathie (Gedankenübertragung) untersuchen; vgl. Parapsychologie oder Seite der Universität Klagenfurt

 

- Biologische Psychologie und Psychopathologie:
untersucht den Zusammenhang der Psyche mit ihren körperlichen Grundlage bzw. krankhafte Abweichungen. Vor allem seit der rasanten Entwicklung der Neurowissenschaften gegen Ende des 20. Jhts. gewann sie zunehmend an Bedeutung. Sie erklärt das Bewusstsein als Funktion von Vorgängen im ZNS (s. u.) und betont die physiologisch-chemischen Prozesse beim Zustandekommen von Erleben.

 

METHODEN DER PSYCHOLOGIE

Vgl. Seiten von Werner Stangl (*1947)
Prinzipiell lassen sich unterscheiden:

 

- Subjektive Methoden: beruhen auf Selbstbeobachtung, der Wiedergabe von Erlebnissen usw. Nachteil: oft große Anzahl an Vpn. erforderlich; in der Tier- und Kinderpsychologie nur bedingt verwendbar

 

- Objektive Methoden: beruhen auf Fremdbeobachtung, sind leichter messbar und intersubjektiv überprüfbar (z. B. Laborbeobachtungen, etwa - s. u. - in der Skinner-Box). Nachteil: oft sehr aufwändig

 

- Statistik:
* Definitionen: Wichtige Instrumente der psychologischen Forschung sind die Statistik (Lehre von der Behandlung quantitativer Informationen) und die Stochastik („Kunst des Vermutens“, Statistik + Wahrscheinlichkeitstheorie). Man unterscheidet:

° Deskriptivstatistik: sie beschreibt Vorhandenes und stellt in Tabellen und Grafiken Kennzahlen dar (auch empirische Statistik)
° Inferenzstatistik: sie schließt rebus sic stantibus - vorbehaltlich unvorhersehbarer Entwicklungen - aus den Daten einer Stichprobe auf die Gesamtheit bzw. auf zukünftige Entwicklungen (auch induktive Statistik)
° Explorationsstatistik: sie versucht, das Bemerkenswerte, Auffällige und Besondere zu erfassen und generiert Hypothesen (auch analytische Statistik)

* Korrelationskoeffizient: ist das erstmals von Francis Galton (1822-1911; s. u.) verwendete Maß des linearen Zusammenhanges zweier Variabler, der mit klein r bezeichnet wird (und nicht kausal sein muss!). Er bewegt sich von minus 1 (negativer Zusammenhang; in der graphischen Darstellung im Koordinatensystem liegen alle Punkte auf einer Linie, die normal zur Winkelsymmetrale steht) über 0 (kein Zusammenhang; die Punkte sind zufällig angeordnet) bis zu plus 1 (vollständiger Zusammenhang; alle Punkte liegen auf der Winkelsymmetrale). Durch Quadrieren der Zahl hinter dem Komma erhält man den prozentuellen Zusammenhang (r = 1: Zusammenhang ist 100%, r = 0.6: 36%, r = 0.5: 1/4). Um einen Einzelfaktor nachzuweisen, benötigt man Ceteris-paribus-Bedingungen („unter ansonsten identischen Voraussetzungen“).

Die Berechnung erfolgt zunächst durch Ermittlung des Mittelwerts und der Standardabweichung für jedes Merkmal. Nach der Subtraktion des Mittelwerts von jedem Beobachtungswert wird die Differenz durch die Standardabweichung dividiert. Dadurch normiert man den Wert der Kovarianz (des durchschnittlichen Produkts der Abweichungen beider Merkmale von ihrem Mittelwert) auf den Bereich zwischen minus 1 und plus 1.

Im Koordinatensystem lassen sich die einzelnen Fälle graphisch darstellen (1. Variable = x-Achse, 2. Variable = y-Achse). Hier werden die Zusammenhänge zwischen Körpergröße und -gewicht (A; deutlicher Zusammenhang), Schnelligkeit (in einem 10km-Lauf) und Körpergewicht bzw. BMI (B; deutlicher negativer Zusammenhang) und Intelligenz und Körpergewicht (C; kein Zusammenhang, Zufallsverteilung) dargestellt:

Korrelationen (Fallverteilung geschätzt; © Thomas Knob)

* p: bezeichnet die Irrtumswahrscheinlichkeit; sie soll kleiner als ein Signifikanzniveau von 0,05 sein.

* Modalwert, Mittelwert, Median: Um Statistiken richtig interpretieren zu können - also die aus ihnen abgeleiteten Aussagen relevant werden zu lassen - müssen diese drei Maße der zentralen Tendenz auseinandergehalten werden. Am Beispiel einer Liste der ermittelten Intelligenzquotienten von 25 Schülern einer Gymnasialklasse erläutert (s. Linie unten): Der Modalwert ist simpel der am häufigsten auftretende Wert (im Beispiel also 105), der Mittelwert entsteht durch die Division der Addition sämtlicher vorliegender Werte durch die Anzahl der untersuchten Personen (hier 107), der Median ist jener Wert, unter dem die eine Hälfte der untersuchten Personen und über dem die andere Hälfte liegt (also 104).

98 98 99 100 100 100 100 100 101 102 103 103 104 105 105 105 105 105 105 108 116 118 120 130 145
|__ ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ ___ _|__ ___ ___ ___| ___ ___ ___ |__ ___ ___ ___ ___ __|
 

Vollständige Stichprobe der ermittelten Intelligenzquotienten einer Schulklasse

Nicht jeder Wert produziert brauchbare Aussagen. Der Satz: „Im Durchschnitt hat jeder Mensch 0,5 Y-Chromosomen“ erscheint z. B. genauso sinnlos wie die ebenfalls wahre Aussage: „Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Beine“, der Satz „Diese Schulklasse wiegt im Durchschnitt 50,8 kg“ gibt ein völlig falsches Bild, wenn z.B. 12 Kinder 30 kg und die anderen 13 70 kg wiegen. Wichtig ist es daher, die Variationsbreite der zur Verfügung stehenden Daten zu berücksichtigen (Streuung, engl. range). Die berechnete Maßzahl für die Streuung der Daten um den Mittelwert nennt man Standardabweichung.

* Stichproben: Ihre Auswertung dient dazu, auch dann (Vor)aussagen treffen zu können, wenn es unmöglich ist, das Gesamtsample (z. B. alle Wähler einer Nationalratswahl) zu testen oder zu befragen. Sie müssen (um die Schwankungsbreite zu minimieren) groß genug und repräsentativ (nicht zufällig oder auch nur verzerrt) sein. Anzustreben ist statistische Signifikanz getroffener Aussagen, die überzufällig ist. (Je kleiner die Zahl, desto größer die Schwankungsbreite: Würfelt man nur 6mal, ist die Wahrscheinlichkeit einer gleichmäßigen Verteilung der 6 möglichen Fälle gering, würfelt man 60 000mal, ist sie fast sicher.)

Zur Statistik vgl. folgendes Glossar

 

- Experiment (Ex):
Ein Experiment (Ex) besteht in der Herstellung und systematischen Variation von Bedingungen, die es ermöglichen, einen Vorgang möglichst isoliert (ohne Störungen und unter Ceteris-paribus-Bedingungen) und beliebig oft zu beobachten, wobei das Ergebnis in Zahlen darstellbar sein soll. Man spricht von abhängigen Variablen (die, die man messen möchte) und unabhängigen Variablen (die, die man verändert). Besteht zwischen ihnen kein Zusammenhang, spricht man von einer Nullhypothese.

Man unterscheidet Erlebnisexperimente (z. B. Feststellen der Hörschwellen), Leistungsexperimente (z. B. Wiedergabe erlernter sinnloser Silben), Ausdrucksexperimente (z. B. Messung der Blutdrucksteigerung bei intensivem Lernen) und Verhaltensexperimente (z. B. Erfassen der Übersprungshandlungen in frustrierender Situation).

Die hier verwendeten Abkürzungen lauten Ex = Experiment (immer rot hervorgehoben), Vl = Versuchsleiter, Vg = Versuchsgruppe, Vp = Versuchsperson (Proband/in), Kg = Kontrollgruppe.

 

- Test:
Vgl. Allgemeines zu Tests und Beschreibung zahlreicher Tests auf der Seite „Wiener Testsystem“. Eine Kurzbeschreibung vieler Tests findet sich unter diesem Link.

* Diagnostisches Verfahren: Jeder Test muss (im Unterschied zu einem Ergebnis eines Experiments) interpretiert werden.

* Standardisierung: Die Eichung des Messinstrumentes ist (immer wieder) erforderlich. Das Testergebnis einer Vp. muss in einen geeigneten Bezug zu den Ergebnisse einer Gesamtpopulation gesetzt werden können.

* Gütekriterien, die erfüllt werden müssen:

° Validität (Gültigkeit): Der Test soll messen, was er zu messen vorgibt (eine Korrelation von r = 0.5 gilt bereits als gut genug).
° Reliabilität (Zuverlässigkeit): Der Test soll wiederholungsstabil sein („Korrelation mit sich selbst“). Messfehler, die im Test enthalten sind, müssen verhindert werden.
° Objektivität: Der Test soll unabhängig vom Tester sein (bei projektiven Tests schwer zu erfüllen).

Es ist auf einen Blick erkennbar, dass Tests im Schulbereich diese Kriterien nur in den seltensten Fällen erfüllen. (Viele Fachtests überprüfen z. B. häufig eher das sinnerfassende Lesen und die Intelligenz als das Wissen in Bezug auf die jeweilige Disziplin, ergeben bei Wiederholung an vergleichbaren Samples völlig andere Werte und sind v. a. in ihrer Auswertung in hohem Ausmaß lehrerabhängig.) Ex.: Ein an zahllose Lehrpersonen mit der Bitte um Beurteilung geschickter identischer Deutschaufsatz erbrachte die gesamte Bandbreite an Schulnoten.

* Testzweck: Prinzipiell dienen Tests meist zwei Zwecken: selection and prediction.

* Testpsychologie: Sie wurde von Francis Galton (s. a. u.; sein 1892 erschienenes Buch Finger Prints war Anstoß zur Einführung dieser Methode bei der englischen Polizei) begründet. Sein Motto war: „Count, whenever you can.“ Man unterscheidet die Fragebogenmethode (s. a. u.) von Projektiven Tests.

Bekannte Tests: Freiburger Persönlichkeitsinventar (Fragebogen, 1970 an der Universität Freiburg unter der Leitung von Jochen Fahrenberg, *1937, entwickelt), Rorschach-Test (ein nach Hermann Rorschach, 1884-1922 benannter projektiver Test: symmetrische Tintenkleckse sollen interpretiert werden), Wartegg-Zeichentest (nach Ehrig Wartegg, 1897-1983; projektiv: nicht leere Kästchen sollen zu Bildern ergänzt werden), der 1935 veröffentlichte TAT (Thematischer Apperzeptionstest von Henry Murray, 1893-1988, und Christiana Morgan, 1897-1967: zu mehrdeutigen Bildern sollen Geschichten erzählt werden) etc.
Vgl. Beispiele für Online-Tests

* Probleme und Effekte: Im Folgenden werden einige allgemeine Wahrnehmungsfehler bzw. kognitive Verzerrungen, die nicht ausschließlich beim Testen auftreten, und andere Effekte, die im Zusammenhang mit Tests und Experimenten zu beobachten sind, beschrieben. Prinzipiell ist zu beachten, dass Personen möglicherweise ein anderes Verhalten als üblich zeigen, wenn sie wissen, dass sie untersucht werden. (Zu fehlerhaften Heuristiken s. o., zu sozialen Effekten s. u.)

° Halo-Effekt (nach Thorndike, 1874-1949; s. u.): Ausdehnung der Bewertung beobachteter Merkmale auf nicht beobachtete; um ein beobachtbares Merkmal wird auf der Grundlage von Verallgemeinerungen und ev. Vorurteilen (s. u.) ein ganzer Hof (analog dem astronomischen Halo) von Eigenschaften hinzugefügt (logisch nicht gerechtfertigte Transfers oder Rolleneffekte), der oft die objektive Beurteilung einzelner Eigenschaften verhindert. (Vgl. z. B. Tests in der Schule, Bewerbungsgespräche etc.; Ex.: Hat eine Lehrperson vor der Benotung in Bezug auf einen Schüler eine positiven Eindruck, so fällt ihre Beurteilung im Schnitt günstiger aus als im Durchschnitt.) Ein Persönlichkeitsmerkmal überstrahlt die anderen, z. B., weil es als erstes genannt wurde (= Primacy-Effekt, der - genauso wie der Recency-Effekt - auch in der Werbung ausgenützt wird). Die oft vom Zufall abhängige Abfolge der Kenntnisnahme von Eigenschaften einer Person prägt also unbewusst das Bild, das wir von ihr haben. Ein Satz wie „Hitler liebte Hunde und kleine Kinder“ schockiert daher unabhängig von seinem Wahrheitsgehalt (Beispiel von Kahneman, s. o.). Vgl. auch folgendes 3teiliges Video
° Pygmalion- od. Rosenthaleffekt (nach Robert Rosenthal, *1933, und Lenore Jacobson, 1912-2009): Testergebnis wird verfälscht durch Vorinformationen des Testers über die Testperson (kann auch zu self fulfilling prophecies (Erwartungseffekten; s. a. u.) im Klassenzimmer führen. (Ex.: Wird eine Lehrperson darüber informiert, dass aufgrund psychologischer Tests - diese Tests haben nie stattgefunden - zu erwarten sei, dass ein Schüler in nächster Zeit große Fortschritte machen würde, so treten diese tatsächlich ein. „Man wird, wie man gesehen wird“. Vgl. Ovid, 43 v.-17 n. Chr., Metamorphosen, 10. Buch, aber v. a. George Bernard Shaw, 1856-1950, Pygmalion bzw. Alan Jay Lerner, 1918-1986, und Frederick Loewe, 1901-1988, My fair Lady; vgl. Video)
° Andere Attributionsfehler (correspondence biases) aller Art: Attribution bedeutet Zuschreibung (das Nutzen von Informationen zur kausalen Erklärung von Verhaltensweisen von Personen). Die Neigung, die Rolle von dispositionalen Faktoren wie Persönlichkeitsmerkmalen (bei anderen, nicht uns selbst!) zuungunsten von situationalen (äußeren, kontextuellen) Faktoren zu überschätzen, wurde von Lee Ross (*1942) 1977 als „fundamentaler Attributionsfehler“ bezeichnet (vgl. a. u.).
° Mere exposure-Effekt (1968 von Robert B. Zajonc, 1923-2008, entdeckter Darbietungseffekt; s. a. u.): allein die Wiederholung eines (noch so irrelevanten) Reizes bewirkt ihm gegenüber im Laufe der Zeit eine immer positivere Einstellung. Bekannte Personen werden z. B. im Schnitt milder beurteilt als unbekannte (externe Prüfer sind z. B. im Durchschnitt strenger - aber möglicherweise gerechter - als dem Prüfling bekannte). Erklärung von Zajonc: Jedes Lebewesen sei evolutionär vor Neuem auf der Hut, Bekanntes (wiederholte Reize ohne negative Kopplung) würden zu einem Signal für Sicherheit. Schon 1954 stellte Gordon Allport (1897-1967) die Kontakthypothese auf: Die Begegnung von heterogenen Gruppen führe zum Abbau von Vorurteilen. (Zu Vorurteilen s. u.)
° Leniency-Effekt: sympathische Personen werden in Tests zu milde beurteilt (z. B. in der Schule)
° Placebo-Effekt: wenn bei Einnahme objektiv wirkungsloser Medikamente oder Substanzen nachgewiesenermaßen positive Effekte auftreten (allein die Erwartungshaltung der Vp zeitigt bereits Auswirkungen). Wortschöpfer war - wie auch bei „Neurose“, s. u. - William Cullen (1710-1790).
° Nocebo-Effekt: wenn bei Einnahme objektiv wirkungsloser Medikamente oder Substanzen nachgewiesenermaßen negative Effekte auftreten (allein die Erwartungshaltung der Vp zeitigt bereits Auswirkungen)
° Versuchsleiter-Effekt: wenn das Ergebnis einer Untersuchung unbeabsichtigt (z. B. durch unbewusste Erwartungshaltungen) vom VL mitbestimmt wird. Gegenmaßnahme: Blind- oder Doppelblindstudie (in denen weder Vpn. bzw. der Vl. noch die Vpn. Kenntnis über die jeweilige Gruppenzugehörigkeit - also Kg. oder Vg. - haben)
° Hawthorne-Effekt: Ein in den Hawthorne-Werken durchgeführtes Ex. hat gezeigt, dass die Arbeitsleistung der Angestellten durch Veränderung oder scheinbare Veränderungen der Arbeitsbedingungen (z. B. Einsetzen hellerer Glühbirnen oder auch nur Ersetzen von Glühbirnen durch identische, aber auch durch Berücksichtigung sozialer Faktoren) eine Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Folge hat. (Aus diesen Erkenntnissen entwickelte sich der Beruf des Personalberaters.)

 

- Zahlreiche weitere Verfahren:
wie Gespräche, psychoanalytische Verfahren (s. u.), bildgebende Verfahren etc. Zur Datenerhebung wird v. a. der Fragebogen (inventory) mit offenen oder Auswahlantworten eingesetzt, in dem unter kontrollierten Bedingungen standardisierte Fragensets ein Forschungs- oder Diagnoseinteresse aufzuschließen versuchen. Im Unterschied zu oberflächlichen psychologischen Zeitschriftentests werden die Phasen der Provokation (der Entwicklung eines Verständnisses für die Frage), der Reflexion (der Entwicklung einer Antwort) und der Deklaration (der eigentliche Beantwortung) berücksichtigt. (Beispiel: Disability Assessment Schedule DAS, deutsch DAS-M für Mannheim; dieses Interview soll die Abweichungen individueller Verhaltensmuster, z. B. bei Schizophrenen - s. u. -, von sozialen Erwartungen einer normgebenden Bezugsgruppe erfassen, oder s. u.)

 

GEHIRNABHÄNGIGKEIT DES SEELISCHEN ERLEBENS

- Beweise:
* Ohnmacht: Bei Bewusstlosigkeit gibt es kein seelisches Erleben (z. B. fehlt die Erinnerung an die Blinddarmoperation).

* Läsionen: Verletzungen einzelner Zentren im Gehirn, z. B. durch Unfälle oder Kriegseinwirkungen, führen zu teilweisen (spezifischen) Ausfällen. (Eine Verletzung von Temporal- und Parietallappen kann z. B. Prosopagnosie - die Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen - bewirken.)

* Drogen, Hormone (z. B. Alkohol, Psychopharmaka wie Sedativa): Mit Hilfe der angeführten Substanzen lässt sich die Bewusstseinslage z. T. drastisch verändern, da sie auf das ZNS (Zentralnervensystem) wirken, dessen Hauptschaltstelle das Gehirn ist..

* Gehirnentwicklung: Im Laufe der ersten Lebensjahre eröffnen sich auf Grund der sich stetig verbessernden Gehirnstrukturen immer mehr psychische Möglichkeiten.

* Korrelate: Das EEG (siehe unten) und andere bildgebende Verfahren wie z. B. fMRT (funktionelle Magnetresonanztomographie) weisen Veränderungen bei verändertem Erleben nach.
(Zum Gehirn selbst, das Aristoteles (Ἀριστοτέλης; 384-322 v. Chr.) noch als Kühlsystem für das Blut betrachtete, s. u.)

 

- Leib-Seele-Problem:
Das Wort Psychologie stammt aus dem Griechischen (s. o.). Heute werden statt des religiös konnotierten Begriffs „Seele“ meist die Termini „Bewusstsein“ (s. a. u.), „Ich“, „Geist“, „Psyche“, „Selbst“ o. ä.  verwendet (vgl. folgende Video-Dokumentation). Die (ursprünglich philosophische) Frage nach der Art des Zusammenhanges zwischen Psyche und Physis (für die Wissenschaft der Psychologie kann das Leib-Seele-Problem auf ein Hirn-Seele-Problem reduziert werden) wurde im Laufe der Geschichte verschieden beantwortet:

* Dualismus: Körper und Seele sind wesensverschieden. Drei Formen:

° Religiöse Vorstellungen: Die immaterielle Seele überlebt den endlichen Körper.
° Psycho-physische Wechselwirkung, z. B. René Descartes (1596-1650): Er unterscheidet res cogitans (Geist) von res extensa (Körper). Die Seele des Menschen wurde als „Gespenst in der Maschine“ bezeichnet.
° Psycho-physischer Parallelismus, z. B. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716; „parallélisme de l’ame et du corps“): Beide Bereiche folgen in einer von Gott prästabilierten Harmonie ohne Beeinflussung des jeweils anderen eigenen Regeln.

* Monismus: Körper und Seele sind Erscheinungsformen des jeweils anderen. Einige Ausprägungen:

° Spiritualismus (Idealismus): Die Materie ist ein Produkt des Geistigen.
° Materialismus: Das Geistige ist eine Form der Materie (in radikaler Form bereits 1747 von Julien Offray de La Mettrie, 1709-1751, in L'homme machine artikuliert).
° Deus sive natura: (Baruch de Spinoza, ברוך שפינוזה, eig. Bento de Espinosa, 1632-1677). Geist (Gott) und Materie (Natur) sind ein- und dasselbe; führt zur
°

Identitätstheorie: Sie betrachtet das Problem als Scheinproblem, in Wahrheit seien Leib und Seele dasselbe bzw. zwei Seiten nur einer Medaille. Vertreten z. B. von C. G. Jung (s. a. u.) mit seiner Eine-Welt (unus mundus)-Theorie, nach der hinter Leib/Seele (Geist/Materie) ein letztes gemeinsames Drittes angenommen wird. (Vgl. auch den Begriff der psychosomatischen Erkrankung; vgl. Psychosomatik)

* Die 6 psychoneuralen Grundsysteme: Nach Steven Pinker (* 1954) wurde die Mauer zwischen Körper und Geist endgültig durch die kognitiven Neurowissenschaften und die Verhaltensgenetik eingerissen (so wie davor die zwischen Erde und Kosmos durch die Schwerkraftgesetze von Isaac Newton, 1643-1727, oder die zwischen Lebendigem und Toten durch die Harnstoffsynthese von Friedrich Wöhler, 1800-1882).

Aus heutiger neurobiologischer Sicht bringt das Gehirn die Seele hervor, die als „Gesamtheit aller bewusst, vorbewusst-intuitiv oder unbewusst ablaufenden kognitiven und emotionalen Zustände, die Einfluss auf unser Verhalten haben“, definiert wird. (Vgl. Buchtitel Wie das Gehirn die Seele macht von Gerhard Roth, *1942, und Nicole Strüber, *1982?, Stuttgart 2014; s. a. u. bzw. hier.) Nach ihr gibt es 6 psychoneurale Grundsysteme, die - alle neuromodulatorisch (Neurotransmitter wurden von Otto Loewi, 1873-1961, Nobelpreis 1936, entdeckt) reguliert bzw. beeinflusst - interferierend unsere Persönlichkeit (die „Seele“) bilden und aufgrund verschiedenster (epi)genetischer Ursachen oder ungünstiger frühkindlicher Erfahrungen (vgl. z. B. hier) und vorgeburtlicher ungünstiger Umstände gestört sein können:

 

Die sechs psychoneuralen Grundsysteme (nach Gerhard Roth und Nicole Strüber):

 
° das Stressverarbeitungssystem „Wie sehr werde ich mit Aufregungen fertig?“ Das für die psychische Gesundheit wichtigste System; regelt die Höhe der Stressresistenz, die Anpassung an Umweltveränderungen, das Verhältnis von Erkundungsverhalten vs. erhöhte Wachsamkeit, die Alarmbereitschaft und emotionales Lernen, das „Aufregen“ und das „Abregen“. Gesteuert von (Nor)adrenalin und Cortisol (s. a. u.).  
° das interne Beruhigungssystem „Wie bedrohlich erlebe ich die Welt, wie sehr fürchte ich Misserfolge, wie sehr suche ich Sicherheit?“ Unterdrückt Handlungsimpulse und im besten Fall Ängstlichkeit, Bedrohtheitsgefühle, reaktive Aggression und Depressivität. Gesteuert von Mangel an endogenen Opiaten, Serotonin (1A-Mangel, 2A-Überschuss), Noradrenalin- und Cortisolüberschuss; hängt mit dem ersten System zusammen.  
  ° das Impulshemmungssystem „Wie sehr werde ich von unmittelbaren Motiven getrieben?“ Entwickelt Toleranzen gegenüber Belohnungsaufschub und anderen Unannehmlichkeiten, unterscheidet Stressoren, auf die reagiert werden muss, von Situationen der Zurückhaltung. Gesteuert von Dopamin, Serotonin 2A, Noradrenalin, die Selbstkontrolle von Glutamat und GABA (Gamma-Aminobuttersäure)  
  ° das interne Bewertungs- und Belohnungssystem „Wie sehr suche ich die Belohnung, den Erfolg, das Risiko, den Kick?“ Bewertet Ereignisse im Hinblick auf das Erzeugen von Lust / Unlust (Erleben von Befriedigungsgefühlen) und entwickelt Belohnungs- / Bestrafungserwartungen und damit Motivation. Gesteuert von erhöhter Ausschüttung körpereigener Opiate und von Dopamin.  
  ° das Bindungssystem „Wie wichtig ist mir das Zusammensein mit anderen, die Anerkennung durch sie; wie sehr ziehe ich mich von den anderen zurück, empfinde sie als Bedrohung?“ Bestimmt die Fähigkeit, emotionale und soziale Signale zu erkennen, und damit Empathie, die soziale Motivation und Bindungsfähigkeit. Gesteuert von Oxytocin, endogenen Opiaten, Serotonin 1A bzw. deren Mangel.  
  ° das System des Realitätssinns und der Risikobewertung „Wie genau kann ich Situationen und Risiken einschätzen, wie sehr vermag ich aus (insbesondere negativen) Konsequenzen meiner Handlungen zu lernen?“ Verantwortet die Fähigkeit zur wirklichkeitsnahen Erfassung einer Situation und zur Abschätzung in ihr enthaltener Risiken und die Fähigkeit zu genereller Aufmerksamkeit und Fokussierung. Gesteuert von Acetylcholin, Glutamat und GABA.  

(Vgl. Video-Vortrag von Gerhard Roth; zum Selbst-System s. u.; Video-Vortrag von Wolf Singer, *1943)

Ein psychophysischer Parallelismus bzw. ein interaktiver Dualismus ist mit dem festgestellten zeitlichen Nachlaufen des Bewusstseins (vgl. Libet-Ex.) gegenüber unbewussten neuronalen Prozessen nicht vereinbar. Vielmehr ergibt sich eine Verursachung des Geistes durch Hirnprozesse (plus ev. die Sekretausschüttung einiger Drüsen). Diese schaffen eine Wirklichkeit: die im Gegensatz zur unabhängig vom Bewusstsein existierenden Außenwelt, über die gesicherte Erkenntnisse zu haben nicht möglich scheint, bewusst erfahrene Erlebniswelt, die aus Körper, Umwelt und Geist besteht. Gut oder schlecht funktionierende Rezeptoren für die einzelnen Neuromodulatoren sorgen für Mangel oder Überschuss, wodurch Probleme entstehen können. „Normalität“ wird durch ausgeglichene Entwicklung dieser Systeme erzeugt (also leichte, aber nicht starke Introversion, Extraversion etc.), pathologische Entwicklungen können später höchstens noch durch das Bindungssystem repariert werden. (Neurobiologische Forschungen deuten darauf hin, dass rein kognitive Therapien die in der Kindheit entstandenen fundamentalen Muster nicht mehr verändern können, eine emotionale Beziehung eventuell schon.)

Das Zusammenspiel von Hirnteilen (s. u.) und Neuromodulatoren am Beispiel des Verliebtseins: Die für Panik und Stress zuständige Amygdala alarmiert und macht partiell blind. Gleichzeitig werden die Belohnungszentren aktiviert und euphorisierende Endorphine (hirneigene Opiate aus dem Hypothalamus) ausgeschüttet. Das Stammhirn produziert das stimmungsaufhellende Serotonin, wodurch eine Art Drogenabhängigkeit nach diesem „Glückscocktail“ erzeugt wird. (Auch der für das Suchtverhalten zuständige, mit Dopaminrezeptoren versehene Nucleus accumbens ist aktiv). Der Hypothalamus schüttet das Stresshormon Cortisol aus. Wir sind also „neurobiologisch süchtig, blind und gestresst“. Hypothalamus und Hypophyse drosseln beim Mann die Testosteronproduktion, bei der Frau wird sie erhöht, wodurch die Partner einander ähnlicher werden. Nach einiger Zeit erfolgt eine Gewöhnung an die bzw. eine Reduktion der Glückshormone und es wird das Bindungshormon Oxytocin gebildet, das von der Hirnanhangdrüse auch beim Orgasmus, der den Dopamin- und danach den Noradrenalinspiegel steigen lässt, oder beim Stillen ausgeschüttet wird. Es erzeugt ein stressloses Bedürfnis nach Nähe und dauerhafter Bindung, wie es für die Versorgung des Nachwuchses wichtig ist. Laut der Anthropologin Helen Fisher ,*1945, gibt es 4 hormonbezogene Typen verliebter Gehirne: dopamingesteuerte Entdeckertypen und serotoningesteuerten Nestbauer/innen paaren sich vorzugsweise mit Personen desselben Typs, testosterongesteuerte Entscheider/innen dagegen mit östrogengesteuerten Verhandler/innen und umgekehrt. Diese Kriterien der Partnerwahl dringen jedoch nicht in unser Bewusstsein, sie beruhen auf unbewussten Prozessen. (Nach: „Die Macht des Unbewussten“, Teil 2. Dokumentation ORF III).

 


 


II. DIE WAHRNEHMUNG
 

 

Vgl. Experiments and Activities, Nervensystem, Sinneswahrnehmungen und Fortbewegung, Video „Netzwerk Nerven“ bzw. Sinne

 

ALLGEMEINE BEGRIFFE

- Reizschwelle: Sie muss überschritten werden, damit eine Empfindung zustande kommen kann. Man unterscheidet:

° Modalitätsschwelle: sie benennt, ob wir überhaupt Rezeptoren für eine potentielle Wahrnehmungsart haben (also z. B. nicht für Magnetismus).
° Qualitätsschwelle: sie gibt die Grenzen eines wahrnehmbaren Reizes an (z. B. im optischen Bereich 400-760 nM)
° Intensitätsschwelle: sie gibt die Größe eines Reizes an (z. B. wird ein Hörreiz irgendwann zum Schmerzreiz).
° Unterschiedschwelle: sie muss überschritten werden, damit zwei Reize voneinander unterschieden werden können. (= „JND“: just noticeable difference. Rufen z. B. verschiedene Lichtspektren den gleichen Farbeindruck hervor, nennt man das Metamerie.)

Nach dem Weber'schen Gesetz („Delta R durch R ist k“ bzw. „Delta S durch S ist k“, wobei Delta für die JND, R/S für Reiz/Stimulus und k für die Konstante steht; nach Ernst Heinrich Weber, 1795-1878) bleibt dabei der relative Unterschied, außer im Extrembereich, konstant: die subjektiv empfundene Stärke von Sinneseindrücken verhält sich, wie Fechner (s. o.) später ableitete, proportional zum Logarithmus der objektiven Intensität des physikalischen Reizes. (Wenn also die Verzehnfachung einer objektiven Größe eine Steigerung der subjektiven Größe um z. B. 4 Einheiten bewirkt, so sind bei einer weiteren Verzehnfachung wieder 4 Einheiten zu erwarten. Die Beziehung zwischen Reiz- /Stimulusgröße und Empfindungsstärke / Reaktion ist also logarithmisch in S und linear in R.) Damit war bewiesen, dass psychologische Phänomene quantifiziert werden können.

 

- Adaptionsniveau: Subjektives Bezugssystem zur Einordnung von Reizen (als z. B. stark / schwach etc.). Der Bezugsreiz, der dabei zum „Maßstab“ wird, heißt Ankerreiz. (Auch Nutzeneinschätzungen sind referenzabhängig. Wer gerade viel Geld verloren hat, wird sich über dieselbe Summe weniger freuen als jemand, der dazugewonnen hat; s. a. u.)

 

- Empfindung: nicht weiter auflösbare psychische Erscheinung, die durch das Eintreffen eines Reizes auf einen Rezeptor hervorgerufen wird

 

- Wahrnehmung: Empfindung plus Erfahrung; für Aristoteles der Beginn des Wissens

Daraus folgt, dass wir nur einen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit wahrzunehmen imstande sind. Alles außerhalb der Reizschwellen bzw. alles, wofür wir keine Rezeptoren haben, bleibt uns verborgen. (Einiges davon, z. B. Magnetismus oder Radioaktivität, lässt sich mit Hilfsmitteln - „künstlichen Sinnesorganen“ wie z. B. Geigerzählern -  nachweisen.) Trotzdem strömen auf den Menschen angeblich pro Sekunde 11,2 Mio. Bit an Informationen ein (darunter 10 Mio. über die optische Wahrnehmung), die gefiltert (in relevante und irrelevante Reize unterschieden) werden müssen, wobei wir nach Schätzungen nur 50 Bit pro Sekunde bearbeiten können. Nur ein Bruchteil des Inputs gelangt also in unser Bewusstsein (dessen - jedenfalls durch Wahrnehmungen induzierter - Beginnzeitpunkt unklar ist), der größte Teil der Welt bleibt uns überhaupt verborgen. Wahrnehmung bedeutet also Reduktion, nicht Addition. Sie ist immer eine (unbewusste) Selektion, die aber - positiv betrachtet - einen Prozess, der durch Information (das Erkennen von Regelmäßigkeiten) und Bildung von Redundanz (Mehrfachabsicherung der Information) Unsicherheiten im Lebensvollzug verringert, darstellt.

Außerdem ist zu beachten, dass wir permanent in der Illusion leben, die Realität wahrzunehmen. In Wahrheit handelt es sich aber immer um ihre Interpretation durch das Gehirn, das die Wirklichkeit (re)konstruiert. Die „bewusste“ Wahrnehmung der Welt ist also eine Schöpfung unseres Gehirns. Körper und Bewusstsein sind untrennbar verbunden (s. a. o.).

 

REIZLEITUNG

vgl. Neuronale Netze

 

- Erregungsbahn:
Reiz => Rezeptoren => Nervenbahn => Gehirn ( = afferente Bahn) => Verrechnung und Verarbeitung => Reaktion wird ausgearbeitet => Nervenbahn => Vollzugsorgane (Muskeln) (= efferente Bahn) => Reaktion. Alle eintreffenden Reize werden zunächst 200-300ms unbewusst verarbeitet, bevor sie (wenn sie nicht „subliminal“, also unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleiben) die Bewusstseinsschwelle überschreiten (primäre Unbewusstheit; dass Subzeption - also unbewusste „Wahrnehmung“ - wirksam werden kann, konnte bis heute nicht bewiesen werden). Die Verbindungen der Sinnes- bzw. Nervenzellen nennt man Synapsen. (Der Begriff stammt vom Begründer des Spezialfachs Neurologie Charles Scott Sherrington, 1857-1952, Nobelpreis 1932).

 

- Sinnes- und Nervenzellen:
* Sinneszellen (Rezeptoren) finden sich auf (in) den Sinnesorganen: Augen, Nase, Mund, Ohren, Haut. Sie sind den Nervenzellen (oft über eigene Schaltzellen) vorgeschaltet. Sinneszellen bilden die Voraussetzung für jedes Erleben (vgl. Radioaktivität, Magnetismus: keine Sinneszellen - keine physiologische Wahrnehmungsmöglichkeit!). Sie wandeln Reize in nervöse Erregung um.

* Nervenzellen (Neuronen) sind Zellen, die etwas repräsentieren. Sie bestehen aus Dendriten und Zellkörper (Perikarion, das den Zellkern mit der Erbinformation DNA enthält; der Inputseite, wie sie David Bodian, 1910-1992, der sich auch um die Polioforschung verdient gemacht hat, genannt hat) und einem Axon (Outputseite; immer wieder von einer isolierenden Markscheide ummantelt) und enden exzitatorisch (fördernd) oder inhibitorisch (hemmend) an den Synapsen (1 Neuron hat bis zu 10 000 Synapsen). Regeneration von Nervenzellen ist vermutlich unmöglich, höchstens Funktionsübernahme.  Die Zahl aller Sinnes- und Ganglien-(Nerven)zellen - sie sind durch Schaltzellen miteinander verbunden - (nicht ihre Konfiguration) ist also großteils von Geburt an festgelegt. Eine besondere Aufmerksamkeit erfuhren nach ihrer zufälligen Entdeckung an Affen (Ex: bestimmte Neurone feuern sowohl, wenn der Affe selbst eine bestimmte Bewegung macht, als auch wenn er jemanden bei der gleichen Bewegung beobachtet) die für die Möglichkeit zu Resonanz (s. u.) und Empathie zuständigen Spiegelneuronen.

* Synapsen befinden sich an den Endverzweigungen einer Nervenzelle (pro Neuron Tausende) und stellen die Verbindung zur nächsten Zelle her. Die Breite des synaptischen Spalts (synaptic cleft) beträgt etwa 200 Å. Über diese Distanz werden die Neurotransmitter, die in den Endknöpfchen in Vesikeln (Bläschen) vorrätig sind, "hinübergeschossen". Ein Nervenimpuls alleine wäre in seiner Wirkung zu gering, erst die zeitliche und räumliche Summation bewirkt Entscheidendes. Synapsen können inhibitorisch (hemmend, mit e-negativer Potentialänderung) oder exzitatorisch (fördernd, mit e-positiver Potentialänderung) wirken, je nachdem, welche Variante durch die Transmittersubstanzen ausgelöst wird. Erregungs- und Hemmungsgradient stehen miteinander im Wechselspiel.

Die Reizweiterleitung ins Gehirn (Endstellen der Leitung sind die kortikale Detektoren, die nicht in einer Punkt für Punkt-Zuordnung, sondern auf bestimmte Reizmuster reagieren) erfolgt saltatorisch (hüpfend) von einer nicht von der Markscheide isolierten Axonstelle (= Ranvier'scher Schnürring; nach Louis-Antoine Ranvier, 1835-1922) zur nächsten, und zwar gemäß der

 

- Ionentheorie der Erregung:
Die grundlegende Entdeckung, dass elektrische Impulse physiologisch eine Rolle spielen, stammt von Luigi Galvanis (1737-1798) berühmten Froschschenkelexperimenten. Der deutsche Physiologe Julius Bernstein (1839-1917; vgl. Bernstein-Zentren) postulierte 1868 zum ersten Mal die Hypothese, dass über die Membrane der Neuronen positive Ionen Zugang ins Zellinnere hätten, die negativ geladenen Teilchen dagegen in der extrazellulären Flüssigkeit blieben und dabei nicht nur eine elektrische, sondern auch eine stoffliche Veränderung vorgehe. Diese Potentialdifferenzen zwischen Zellinnenraum und flüssigem Äußeren ließen 1952 Alan Lloyd Hodgkin (1914-1998) und Andrew Fielding Huxley (1917-2012) die Ionentheorie der Erregung (Nobelpreis 1963 gemeinsam mit John Carew Eccles, s. u.) entwickeln, die den in Frage stehenden Vorgang folgendermaßen beschreibt:

* Depolarisation der Zellmembran: Ausgangswert (wenn kein Reiz eintrifft) sind -70 mV Ruhepotential an der Membran (außen positive Natrium- und negative Chlorionen, innen negative organische Stoffe und positive Kaliumionen, die nach außen streben; das Zellinnere ist im Vergleich zu seiner Umgebung negativ geladen). Der Beginn der Erregung besteht in einer Öffnung der selektiv permeablen Zellmembran, um die vorher ausgesperrten Natriumionen hereinzulassen.

* Generatorpotential: bildet sich durch die Depolarisation (Entladung) der Zellmembran, wenn positive Natriumionen einströmen. Seine Größe ist von der Reizstärke abhängig, es ist daher ein analoges Abbild des Umweltgeschehens.

* Aktionspotential: entsteht am Übergang von Perikarion und Axon (Initialsegment) durch Umwandlung des Generatorpotentials (wenn dieses zu schwach ist, erfolgt lediglich eine „lokale Antwort“ ohne Weiterleitung) in eine weniger störanfällige Form und wird nach dem Alles-oder-Nichts-Gesetz zur Synapse geleitet (entweder in voller Stärke oder gar nicht). Seine Häufigkeit (Frequenz) ist von der Reizstärke abhängig und proportional zur Größe des Generatorpotentials, seine Stärke ist immer gleich: etwa +35 mV).

* Natrium-Kalium-Pumpe: stellt die ursprünglichen Ionenverhältnisse wieder her. (Nach wenigen Millisekunden ist eine neue Depolarisation möglich.)

Vgl. interaktive Seite über Nervenleitung, die insgesamt pro Person eine geschätzte Strecke von 100 000 km aufweist.

 

 

Nervenzelle: Abb. aus dem (nicht mehr aktiven) Web-Seminar Wie passt das Gehirn in den Kopf?

Die zeitliche Abfolge der elektrischen Impulse zwischen den einzelnen Nervenzellen scheint zeitlich genau abgestimmt zu sein (Spike-Timing) und selbst Informationen zur Verfügung zu stellen. Die Geschwindigkeit der elektrischen Impulse im Gehirn wird auf etwa 400 km/h geschätzt. In der Refraktärphase (dem Intervall während und nach einem Nervenimpuls) kann zunächst kein weiterer Impuls ausgelöst werden, danach ist die Reizschwelle kurz höher als normal.

 

DAS GEHIRN

- Allgemeines:
Das Gehirn entwickelt sich ab der 3. Schwangerschaftswoche (seine Aktivitäten sind aber nicht vor der 20. Woche messbar) und ist die zentrale Schaltstelle unseres gesamten Erlebens und Verhaltens und nur im Zusammenhang mit der Wirkungsweise von Neuromodulatoren (bekannt sind über 100 vom Axonendköpfchen freigesetzte Transmittersubstanzen, Hormone etc.: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Acetylcholin - dem ersten jemals entdeckten Neurotransmitter -, endogene Opioide, also Neuropeptide wie Endorphine, Oxytocin, Vasopressin und Glucocorticoide wie Cortisol) zu verstehen. Der Zusammenhang zwischen Gehirn, Geist, Ich-Bewusstsein etc. war schon früh Gegenstand vielfältiger Spekulationen und Untersuchungen. Eine erste Übersicht über Gehirn und Nervensystem bot 1663 der Erfinder des Begriffs „Neurologie“, Thomas Willis (1621-1675). Von der ursprünglichen Idee von Franz Gall (1758-1828) und seiner Phrenologie (Begriff von Galls Schüler Johann Gaspar Spurzheim, 1776-1832), aus der Schädelbildung Charaktereigenschaften ableiten zu können, blieb höchstens die Tatsache, dass das Gehirn der Sitz der "Seele" sei und bestimmte Gehirnareale unterschiedliche Zuständigkeiten haben, bestehen.

Eine seit einiger Zeit auftauchende ethische Frage ist die nach dem so genannten Neuroenhancement, der künstlichen Steigerung mentaler Fähigkeiten („Gehirndoping“), die philosophisch bis hin zum Transhumanismus (der Überwindung der natürlichen Gegebenheiten) und seinen Gefahren (v. a. dem möglichen Verschwinden von Varianten, die evolutionär für das Überleben einer Art auch unter unterschiedlichen Lebensbedingungen notwendig erscheinen) diskutiert wird.

Für zusätzliche Informationen vgl. https://www.dasgehirn.info („Der Kosmos im Kopf“ mit 3D-Animation), den Bayern-Alpha Videokurs „Geist und Gehirn“ von Prof. Manfred Spitzer, *1958, ein NuoViso Talk-Interview mit Spitzer über das Gehirn im Allgemeinen und die Beeinflussung seiner Entwicklung durch elektronische Medien im Besonderen, Neurobiologie (Kurs mit Links), den Gehirnatlas der Harvard University und vor allem The DANA Site for Brain Information. Vielfältige Informationen auch in W. Stangls Arbeitsblättern (s. im untersten Seitenbereich unter „Netzwerk Gehirn“), auf der BBC-Brainmap Science - The human body oder dasgehirn.info. Aktuelle bzw. populäre „Fragen an das Gehirn“ werden hier beantwortet. Vgl. auch neuroscript.com

 

- Aufbau und Funktionen:
Nach Gerhard Roth (*1942) umfasst das Gehirn 5 Funktionsbereiche:

° die vegetative Funktion (Lebenserhaltung)
° die sensorische Funktion (Körperfühlsphäre)
° die motorische Funktion (Bewegungen)
° die kognitive Funktion (Informationsverarbeitung)
° die emotional-motivationale Funktion (Gefühle und Wille)

Der Einfluss der archaischen, tiefen Hirnteile auf die phylogenetisch neueren, höheren (bottom up) ist - entgegen unserem Selbstbild vom rational gesteuerten Menschen - weit größer ist als umgekehrt (top down). Nach der Neuroplastizitätshypothese (s. u.) verändert sich das Gehirn durch den Gebrauch. (Zu den Ergebnissen der modernen Neurowissenschaften siehe auch oben bzw. unten oder hier.)

Die Aufgaben des Gehirns verteilen sich auf folgende Hirnareale (zum Aufbau siehe auch folgende Illustrationen; zusätzlich enthält das menschliche Gehirn noch vier mit dem Rückenmarkskanal verbundene und mit Liquor gefüllte Hohlräume, die sogenannten Hirnventrikel):

* Stammhirn (Medulla oblongata) mit Brücke (Pons; hier gehen alle Verbindungen zum Rückenmark hindurch): der phylogenetisch älteste Part, Teil des autonomen Nervensystems. Es steuert die lebensnotwendigen Vegetativfunktionen. (Eine Verletzung ist meist tödlich; das Areal, in dem die Verbindungen zum Klein- und Zwischenhirn und der 4. Ventrikel liegen, wird auch Rhombencephalon genannt.

* Zwischenhirn (Diencephalon; mit dem Stammhirn über das Mittelhirn / Mesencephalon verbunden): enthält Thalamus („Torwächter des Bewusstseins“, der entscheidet, welche Information so wichtig bzw. neu ist, dass sie ins Großhirn weitergeleitet wird), Amygdala (= Mandelkern, der „Panikschalter“ im Kopf), limbisches System mit dem (für das Gedächtnis unumgänglichen) Hippocampus, die (Melantonin produzierende) Zirbeldrüse etc. Es steuert phylogenetisch ältere Phänomene wie Gefühle und Instinkte, Bewertung des Verhaltens (wiederholen / vermeiden) und das Gedächtnis. Man unterscheidet eine stammhirnnahe, vom (Oxytocin ausschüttenden) Hypothalamaus und der zentralen Amygdala repräsentierte untere (reguliert angeborene Verhaltensweisen und elementare Affekte wie Flucht und Aggression, bestimmt unser Temperament), eine von der basolateralen Amygdala und dem mesolimbischen System gebildete mittlere (verantwortlich für unbewusste emotionale Konditionierungen bzw. Prägungen im Rahmen frühkindlicher Bindungserfahrungen, Erkennen emotionaler Signale und Belohnungserwartung) und eine in Teilen des v. a. orbitofrontalen Kortex verankerte obere limbische Ebene (steuert bewusste Motive und Gefühle, Impulshemmung, Belohnungsaufschub, Frustrationstoleranz, Abschätzen von Handlungskonsequenzen, Empathie etc, also die sozial relevanten Persönlichkeitsmerkmale).

* Großhirn (Cerebrum, auch Endhirn / Telencephalon): besteht aus zwei durch einen aus etwa 200 Mio. Kommissurenfasern bestehenden Balken (= corpus callosum) verbundenen Hemisphären, die vom Neokortex, der gewunden ist, um die Oberfläche möglichst groß werden zu lassen, bedeckt werden. Diese Rinde wird in vier Bereiche: Occipitallappen, Parietallappen, Temporallappen und Frontallappen und diese in 52 so genannte Brodmann-Areale (nach Korbinian Brodmann, 1868-1918) eingeteilt. Unter den beiden letztgenannten Lappen liegt verdeckt die Insula. Auch die strukturierenden Windungen (Gyri) und Furchen (Sulci) haben Namen, z. B. Sulcus centralis (irrtümlich nach Luigi Roland, 1773-1831, auch fissura Rolandi genannt). Aufbau nach Modulprinzip (1 Modul kann bis zu 10 000 Neuronen enthalten). Dieser phylogenetisch jüngste Hirnteil überlappt alle anderen und steuert Sensomotorik, Willkürbewegungen (Körperregionen sind sensorisch wie motorisch in unterschiedlich großem Ausmaß repräsentiert - ihre proportionale Darstellung nennt man „Rindenmännchen“ - und verkehrt angeordnet), ist der Sitz des Verstandes und enthält das Sprachzentrum (vgl. Tutorial Sprache und Gehirn), das Arbeitsgedächtnis, kognitive Fähigkeiten etc.

* Kleinhirn (Cerebellum) mit zwei Hemisphären und Mittelteil („Wurm, Vermis cerebelli): ist zuständig für die Bewegungskoordination. In der Schwerelosigkeit nimmt die weiße Masse zu - ein Beweis für Neuroplastizität (s. u.; prinzipiell unterscheiden wir im Zentralnervensystem ZNS die graue Substanz - Substantia grisea; Nervenzellenkörper = Perikaryen - von der weißen Substanz - Substantia alba; Leitungsbahnen, Nervenfasern).

Atlas der Gehirn-Funktionen - ©WZ Grafik; Bildquelle Wiener Zeitung

 

- Forschungsmethoden:
* Techniken: Die Erforschung des Gehirns erfolgt(e) durch die Beobachtung von Aktivitätskorrelaten mit Hilfe des EEGs (s. u.), Beobachtung der Folgen von Läsionen (früher v. a. an Kriegsverletzten), reversiblen Funktionsblockierungen, Reizung (kortikale Stimulation) mit Elektroden bei offenem Schädeldach (zunächst von Erich von Holst, 1908-1962, bei Tieren und 1941 zum ersten Mal von Wilder Penfield, 1891-1976, bei Patienten, deren Schädel aus anderen Gründen ohnehin geöffnet werden musste, durchgeführt, heute auch als transkranielle Hirnstimulation TMS möglich) und Beobachtung der Reaktionen, medikamentöse Beeinflussung, neuere bildgebende Verfahren wie Thermobilder, röntgenbasierte Computertomograhie CT (erfunden 1963), Computerized Axial Tomography CAT, auf Magnetfeldern basierende Kernspintomographie MRT (oder MRI für Magnetic Resonance Imaging), funktionelle Magnetresonanztomographie fMRT, die im Unterschied zur herkömmlichen Kernspintomograhie das Sauerstoffaufkommen in definierten Hirnteilen während der Bewältigung verschiedener Aufgaben abbildet, Positronenemmissionstomographie PET (erzeugt mittels radioaktiver Substanzen Schnittbilder), etc.

* Projekte: 2013 wurde das Human Brain Project der EU begonnen, das eine Computersimulation des Gehirns und aller seiner Abläufe zum Ziel hat. Es soll - in Berücksichtigung der Tatsache, dass die Funktion von Neuronen durch ihre Konnektivität bestimmt wird - ein Schaltplan eines kompletten Gehirns entstehen. Fast gleichzeitig gab der 44. US-Präsident Barack Hussein Obama ii (*1961) in den USA den Startschuss zur BRAIN Initiative (Brain Research through Advancing Innovative Neurotechnologies; auch Brain Activity Map Project), die die diesbezügliche Forschung voranbringen will. Die Gesamtheit aller Nervenbahnen auf Zellebene wird als Konnektom bezeichnet.

 

- Daten:
 tw. nach John Carew Eccles (1903-1997, Nobelpreis 1963)

* Fläche der Rinde: ca. 1200 cm² pro Hemisphäre bei 3 mm Dicke

* Gewicht: 1,4 kg (Neandertaler: 1,5 kg, erste Menschen: 0,6 kg). Nach Kernspintomographieuntersuchungen scheint höhere Gehirnmasse ein Korrelat höherer Intelligenz zu sein.

* Zahl der Zellen: Das gesamte Gehirn weist nach neueren Schätzungen ca. 86 Mio. Neuronen auf. Auf der Großhirnrinde existieren etwa 23 Mia Nervenzellen bei Männern, 19 Mia bei Frauen (= etwa 1/5 des gesamten Gehirns - ca. 5x mehr liegen im Kleinhirn -, das 7/8 des gesamten ZNS ausmacht), jede hat bis zu 10000 Kontakte. Das ergibt etwa 100 km Leitungen. (Laut Spitzer wisse niemand wirklich, was die Männer mit den 4 Mia Extrazellen eigentlich machen.) Neben den Neuronen sind die (etwa halb so häufigen) Gliazellen, die verschiedene Aufgaben erfüllen, die zweite große Gehirnzellengruppe. Die Länge aller Nervenbahnen im Gehirn beträgt ca. 5,8 Mio. km pro Person (= 145facher Erdumfang).
Entgegen einem jahrzehntelangen Dogma scheint adulte Neurogenese (Neubildung von Neuronen selbst im Erwachsenenalter, z. B. im für das Gedächtnis unumgänglichen Hippocampus, unter gewissen Umständen möglich (vgl. Artikel auf S. 212 der folgenden Zeitschrift).

* Synapsenzahl: nach neueren Schätzungen 1 Million Milliarden (Quelle: Vortrag Wien 20.4.2007 Manfred Spitzer, *1958); innerhalb der ersten 2 Lebensjahre bilden sich im Sekundentakt Millionen Synapsen, danach werden die Verbindungen beim Lernen tendenziell nicht mehr, sondern stärker (oder eben nicht).

* Sauerstoffverbrauch: 1/5 des zur Verfügung stehenden O2 wird vom Gehirn verbraucht. Täglich fließen mehr als 1000 Liter Blut durch das Gehirn. Je kompetenter Benutzer sind, desto weniger Energie müssen ihre Gehirne aufwenden (s. u.). Das Gehirn neigt prinzipiell zum Energiesparen. Den Zustand des problemlosen Zusammenarbeitens aller - in einem Gleichgewicht befindlichen - Hirnteile in stresslosen Situationen nennt man Kohärenzzustand.

 

- Hirnhälftentheorien:
* Allgemeines: Die Hirnhälften steuern die Körperhälften über Kreuz (nur der Geruchssinn ist ipsilateral) und kommunizieren miteinander über das Corpus callosum (den Balken). Eine der beiden Hemisphären  (meist die linke) enthält das Hauptsprachzentrum und ist „dominant“ (was meist mit der Händigkeit - s. Linkshänderseiten - gekoppelt ist: bei Rechtshändern ist die linke und ganz selten die rechte Hälfte dominant, bei Linkshändern die rechte und manchmal die linke Hälfte), die andere bezeichnet man als subdominant. Im Prinzip steuert die linke Hemisphäre das analytische, konvergente Denken und die Zeitwahrnehmung, die rechte das synthetische, divergente Denken und die Raumvorstellung. (Diese Schematisierung wird nicht mehr überall zur Gänze geteilt.)

* Funktionsübernahme: Bis zu einem gewissen Grad kann eine Hemisphäre, vor allem in der Kindheit, Funktionen der anderen übernehmen, wenn diese zerstört oder entfernt wurde. Amputation einer Hälfte in späterem Alter hat halbseitige Lähmung und entsprechende Ausfälle anderer Funktionen (je nach Dominanz) zur Folge. Amputation beider Hälften reduziert den Menschen zu einem rein vegetativen Dasein.

* Split-brain-Exe von Roger W. Sperry (1913-1994; Nobelpreis 1981): Bei Patienten mit einer Callosotomie (= Trennung des Balkens, notwendig in seltenen Fällen gewisser therapieresistenter Epilepsieformen) erfolgt eine bewusste Verbindung zur Außenwelt nur über eine, die dominante Hemisphäre. Beide Hirnhälften können also unabhängig voneinander funktionieren, aber jede mit ihrem eigenen Bewusstsein. Sperry schickte Informationen (z. B. musste mit der linken Hand, die mit der rechten Hemisphäre verbunden ist, oder mit der rechten Hand, die mit der linken Hemisphäre verbunden ist, ohne Sichtkontakt eine Schere und ein Blatt Papier ertastet werden) in jeweils nur eine Gehirnhälfte (die ja aufgrund des durchtrennten Balkens diese Impulse nicht in die andere weiterleiten konnte) und beobachtete die Reaktionen: Beide Vg. konnten den Auftrag, das Ertastete sinnvoll zu verwenden, erfüllen (sie durchschnitten das Papier), aber nur die, deren dominante Hemisphäre die Informationen bearbeitet hatte, waren in der Lage, darüber Auskunft zu geben, was sie getan hatten.

 

 

 

 

Abb. nach http://dieprojektmanager.com/linke-und-rechte-gehirnhaelfte-test/

 

- Aktivierungsniveau:
Das EEG und andere Methoden (s. o.) belegen, dass das Gehirn auch im Ruhezustand nie völlig inaktiv ist. (Der Begriff Aktivierungsniveau geht auf Elizabeth Duffy, 1904-1970, zurück) Das Default Mode Network DMN sorgt für eine übergeordnete Überwachung. Zunehmende Aufmerksamkeit (und  damit kürzere Reaktionszeiten) erhöht die Amplitude bestimmter SEP-Komponenten, v. a. den Beginn der sekundären Potentiale (s. u.). Es gibt neben dem Zustand der Ohnmacht verschiedene Bewusstseinsstufen:

° Gesteigertes, fokussiertes Bewusstsein (Aufmerksamkeit, die von außen veranlasst oder willentlich gesteuert sein kann; vgl. hier. Voraussetzung ist Salienz, die Bewusstseinszugänglichkeit von Reizen.)
°

Wachheit (Vigilanz; zu ihrer Überprüfung und Schulung wird seit dem 2. Weltkrieg der ursprünglich zweistündige, für Air Force-Piloten entwickelte Cambridge- oder Mackworth Watch Clock-Test - nach Norman H. Mackworth, 1917-2005 - verwendet. Nach ca. 30 min lässt die Aufmerksamkeit meist deutlich nach; online z. B. hier)

° Reduziertes Bewusstsein (Dösen)
° Benommenheit (Somnolenz)
° Tagträumen, „Narrenkastl“ (Trance)
° Regungslosigkeit (Stupor)
° Stufen des (Wach)koma (mit unklaren Bewusstseinsgraden)

Bewusstsein kann heute entgegen einem öfters formulierten Reduktionismus („Geist ist nichts anderes als das Feuern von Neuronen“) als eine emergente (unerwartet hervortretende, nicht direkt ableitbare) Eigenschaft des Gehirns betrachtet werden, die dort mit einer synchronisierten Aktivität von Zellverbänden einherzugehen scheint (NCC-Ansatz von Francis Crick, 1916-2004; Nobelpreis 1962, und Christof Koch, *1956; = neural correlates of consciousness). C. G. Jung (s. a. u.) definiert 1950 in Die Lebenswende: „Das Abweichen vom und das Sich-in-Gegensatz-Setzen zum Instinkt schafft Bewusstsein.“
Zu Aufmerksamkeit und Vigilanz vgl. a. folgendes Video

* EEG = Elektroenzephalogramm (ἐγκέφαλος, gr.: Gehirn; eig. das, was „im Kopf“ ist) ermöglicht einen direkten Zugang auf die Aktivierungszustände des Menschen. Es stellt die elektrischen Ableitungen aus dem Gehirn dar. (Schon 1875 leitete Richard Caton, 1842-1926, elektrische Aktivitäten von der Gehirnrinde von Kaninchen und Affen ab, 1924 entwickelte der Jenaer Psychiater und Telepathie-Anhänger Hans Berger, 1873-1941, ein Enkel des Dichters Friedrich Rückert, 1788-1866, das moderne EEG). Die Wellen sind ein Korrelat (eine Begleiterscheinung, im Gegensatz zum Substrat, der Sache selber) des Erregtheitsgrades eines Menschen:

Übersicht: EEG-Wellen (Delta, Theta, Alpha, Beta, Gamma)
δ-Wellen: Tiefschlaf, Koma (0,1-3 Hz, polymorph, große Amplitude)
θ-Wellen: leichter Schlaf (4-7 Hz)
α-Wellen: entspannter Wachzustand (8-13 Hz, regelmäßig)
β-Wellen: höhere Aktivität (14-30 Hz)
γ-Wellen: Hektik (>30 Hz, bis ca. 70 Hz, kleine Amplitude)



langsam,
niedrigfrequent
schnell,
hochfrequent

Alle hirnelektrischen Aktivitäten, die als Reaktion auf ein äußeres (reizinduziertes) oder inneres Geschehen (z. B. Vorstellungen) auftreten, werden Synchronaktivität genannt. (Aus der zweiten Möglichkeit entstand die Idee, dass allein die Imagination einer Bewegung z. B. eine Prothese würde steuern können.) Das EEG wird im klinischen Bereich vielfach eingesetzt, wo es z. B. durch die charakteristischerweise bei dieser Erkrankung auftretenden Spikes and Waves zur Epilepsiediagnostik herangezogen wird. Darüber hinaus kann das EEG als Aktivitätskorrelat z. B. der Schlafforschung dienen. Ex: Durch Bio-Feed-Back (wenn α-Wellen auftreten, ertönt ein Signal) kann Entspannung erreicht werden.
Vgl. What is the function of the various brainwaves? (Scientific American)

* SEP: 1947 gelang es dem britischen Neurologen George Duncan Dawson (1912–1983) zum ersten Mal, innerhalb des EEG ein sensorisch evoziertes Potential (ein durch eine spezifische Sinneswahrnehmung hervorgerufenes, auch im Schlaf auftretendes qualitäts- und intensitätsabhängiges Potential, das als Synchronaktivität für jede Modalität typisch ist) abzunehmen: Es ermöglicht durch die (nachrichtentechnischen) Methoden der Mittelungstechnik bzw. der Superpositionstechnik den Nachweis einer Sinneswahrnehmung auch ohne Rückmeldung des Rezipienten (z. B., wenn das Gehör eines Säuglings oder eines aus psychiatrischen Gründen Simulierenden überprüft werden soll). Primär sind diese Potentiale Ausdruck von Wahrnehmungsvorgängen, sekundär Korrelate kognitiver Prozesse und noch später Korrelate des Verhaltens. Sie bilden nicht die objektive, sondern die erlebte Wirklichkeit ab.

* Moderne bildgebende Verfahren, die oft mehr als nur das Aktivierungsniveau anzeigen, s. o.

 

- Der Schlaf:
Vgl. Schlafmedizin „Schlafforschung“ (Artikel aus Spektrum der Wissenschaft)
Der Schlaf ist eine für uns Menschen lebensnotwendige Erholungsphase, in der wir - allerdings in geänderter Bewusstseinslage - oft aktiver sind als in manchen wachen Abschnitten. (Der Energieverbrauch des Gehirns ist im Schlaf ca. genauso groß wie im Wachzustand.) Eine scharfe Trennung zwischen Schlaf- und Wachzustand ist nicht möglich. (Auch während des Tages existieren Trancezustände.) Mangelnder Schlaf (ca. unter 5, 6 Stunden) führt zu einer Schwächung des Immunsystems, Konzentrationsstörungen und letztlich zum Zusammenbruch des Körpers. Die notwendige Dauer ist genetisch, die reale durch die Lebensumstände beeinflusst. Durchschnittlich schlafen Frauen und junge Menschen mehr als Männer und alte, die allerdings oft untertags den mangelnden Nachtschlaf ausgleichen. Auch jüngere Menschen empfinden kurzfristige Schlafphasen (ca. 10 bis 15 min.; man nennt sie Power Naps) untertags manchmal als angenehm.

* Abschnitte:

° Absinkphase (zunächst überwiegen a-Wellen) und (als Übergang) hypnagoger Zustand
° Leichtschlafphase, die insgesamt ca. die Hälfte der Schlafzeit ausmacht
° Tiefschlafphase, die im Laufe der Nacht immer kürzer und weniger tief wird
° Leichtschlafphase, die insgesamt ca. die Hälfte der Schlafzeit ausmacht
° (Fast)aufwachphase, die immer länger dauert und knapp vor dem tatsächlichen Erwachen wieder in eine Tiefschlafphase übergeht.

Quelle: Zeitschrift Format (Nr. 43 / 23.10.2000)

Dieser Zyklus wird in 8 Stunden etwa 5mal durchlaufen. Nicht unbedingt der „Schlaf vor Mitternacht“, aber der erste Schlaf ist der wichtigste. Die erste Phase ist die tiefste und längste. Dann wird der Schlaf immer flacher. (Ex: Konsequentes Wecken nach etwa 90 min scheint bei manchen Menschen eine entscheidende Verkürzung der Schlafdauer ohne Qualitätsverlust zu ermöglichen, wenn die erste Schlafphase etwa vier Mal pro 24 h genutzt wird.) Gesteuert wird der Schlaf vom Gehirn (nucleus suprachiasmaticus), ausführend beteiligt sind alle Zellen des Körpers. Die Hormone Melantonin und Serotonin spielen die entscheidende Rolle; vgl. u.).

Biologischer Sinn des zyklischen Schlafens: Die Aufmerksamkeit (Bemerken eventueller Gefahren) ist nur relativ kurz und nicht mehrere Stunden permanent gestört, sodass zeitnah reagiert werden kann, wenn Gefahren drohen. Bei manchen Tieren, z. B. Delphinen und Walen, die ja zum Atemholen immer wieder auftauchen müssen, schlafen die beiden Gehirnhälften abwechselnd. („Halbhirnschlaf“; vgl. Scientific American: How do whales and dolphins sleep without drowning?)

* Traum: Unter „Traum“ versteht man eine sinnliche Bewusstseinsform während des Schlafes. Es existieren aber auch umgekehrt niedrige Bewusstseinsstufen während der Wachperiode („Tagträumen“, „Starren ins Narrenkastl“) und Klarträume (luzides Träumen), bei denen man sich bewusst ist, dass man träumt und deren Auftreten und Inhalt man bis zu einem gewissen Grad steuern kann. (Die Häufigkeit lässt sich durch TMS - s. o. - erhöhen.) Geträumt wird zu ca. 80% in den REM-Phasen (s. o.). Beteiligt ist das im Schlaf nicht vollständig ausgeschaltete unspezifische Nervensystem (ARAS = aufsteigend retikuläres Aktivierungssystem). Man rechnet mit etwa 20% Traumanteilen am Gesamtschlaf (in der Kindheit mehr, im Alter weniger). Die Erinnerbarkeit von Träumen hängt von individuellen Faktoren und dem zeitlichen Abstand zum Erwachen ab.

Quellen der Trauminhalte: Nachgewiesen ist der Einfluss äußerer (z. B. Weckerläuten, das, in illusionärer Verkennung, im Traum erscheint) oder innerer Reize (z. B. Hunger) sowie sog. Tagesreste (unverarbeitete Erlebnisse, die im Traum, z. T. verschlüsselt, wiederkehren). Ca. 70% der Träume sind emotionalisiert (davon ²/3 unlustbetont), die meisten erscheinen visualisiert. Am häufigsten scheinen Angstträume zu sein (s. Traumregistrierungen über Jahrzehnte von Friedrich Hacker, 1914-1989).
Weiteres zum Traum s. Teil 4

* REM: Der REM-Schlaf wurde zum ersten Mal von Eugene Aserinsky (1921-1998) und William Dement (1928-2020; Begründer des ersten Schlaflabors in den USA) entdeckt und beschrieben. In den Leichtschlafphasen (in denen man schwer weckbar ist, obwohl man kurz vor dem Erwachen steht: „Paradoxer Schlaf“), den so genannten REM (= Rapid Eye Movement)-Phasen, die vom Locus coeruleus im unteren Teil der Brücke gesteuert und von einer Schlafparalyse begleitet werden, träumt man lebhaft und oft erinnerbar. Sie werden im Laufe der Nacht länger, die erste ist die kürzeste. Wiederholtes Wecken am Beginn der REM-Phasen bedeutet Neurotisierung. Versäumte REM-Phasen können (und sollten) noch einige Tage nachgeholt werden. REM-Phasen treten auch pränatal auf und konnten mit folgendem Ex. auch bei Tieren nachgewiesen werden: Affen, die darauf konditioniert wurden, bei Ablauf eines Filmes einen Knopf zu drücken, um einen leichten Stromschlag zu verhindern, taten dies auch während des Schlafes - wohl deshalb, da sie ihre Traumbilder analog den Filmsequenzen erlebten. Zumindest bei Säugetieren und Vögeln sind Träume bekannt (s. hier).

* Somnambulismus (Schlafwandeln, „Mondsüchtigkeit“; vgl. Somnambulismus) ist an den Nicht-REM-Schlaf gebunden.

* Korrelate: EEG (s. o.; zeigt sog. Schlafspindeln), EMG (Elektromyogramm; bei vielen Menschen tritt am Übergang vom Wach- zum Schlafzustand - selten, und dann pathologisch, von akustischen Halluzination begleitet - Myoklonie, also Muskelzucken, auf), EOG (Elektrookulogramm), Atmung, Herzfrequenz (EKG) etc. korrelieren mit den Schlafphasen.

* Schlafstörungen (vgl.: Patienteninformationen der ÖGSMSF): Ein- oder Durchschlafstörungen, Insomnie (Schlaflosigkeit), Hypersomnie (Schläfrigkeit), Parasomnie (unerwünschte Schlafereignisse), Rhythmusstörungen (unerwünschte Schlafzeiten), Narkolepsie (unkontrolliertes Einschlafen trotz ausreichender Nachtruhe), Afrikanische Schlafkrankheit (Trypanosomiasis; durch die Tsetsefliege ausgelöste Infektion, an deren Endstadium Schlafsucht auftritt) etc.

 

- Neuere Ergebnisse der Hirnforschung (s. a. hier oder oben):
Die Verschaltungen im Gehirn werden durch drei prägende Prozesse bestimmt: die Evolution der Gene, die erfahrungsabhängige frühkindliche (Hirn)entwicklung und lebenslange Lernprozesse. Das dabei entstehende „Ich“ (an dem das kognitiv ausgerichtete Selbst-System - drei im ventromedialen präfrontalen Cortex, im posterioren cingulären Cortex bzw. in der temporo-parietalen Junction mittels fMRT - s. o. -  lokalisierbare Nervenzellennetzwerke, die als „minimal self“ das aktuelle Selbstgefühl speichern, biographische Aspekte verarbeiten bzw. den Unterschied zwischen Selbst und Nicht-Selbst erfassen - und das auf Intuition ausgerichtete System der Spiegelneuronen, s. u., beteiligt sind) bzw. der Begriff „Person“ müssen im Lichte der Erkenntnisse der modernen Neurobiologie neu diskutiert werden (vgl. dazu folgendes Video-Interview mit Wolf Singer bzw. Video-Vortrag „In unserem Kopf geht es anders zu, als es uns scheint“). Auslöser zahlloser Überlegungen war das Libet-Ex.:

Experimente, die als Beweis dafür dienen sollen, dass unser Gehirn hinter den Kulissen die Führung übernimmt, führte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet (1916-2007) in den 1980er Jahren an der University of California in San Francisco durch. Er bat Versuchspersonen, auf deren Kopf er Elektroden angebracht hatte, zu einem willkürlich gewählten Zeitpunkt eine Hand zu bewegen. Die von den Elektroden aufgezeichneten Aktivitätsschwankungen zeigten ein so genanntes Bereitschaftspotenzial an, das schon rund eine halbe Sekunde vor der willkürlichen Handbewegung auftrat. Doch den Probanden wurde ihre Absicht, die Hand zu rühren, laut einer parallel laufenden Zeitmessung erst eine Viertelsekunde vor der Ausführung bewusst. Daraus schloss Libet, dass das Gehirn den Entschluss zur Handbewegung bereits gefasst hatte, bevor dieser ins Bewusstsein trat. Das schien zu besagen: Unbewusste Hirnprozesse trafen die Entscheidung. Nach neueren Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) beginnt die unbewusste Vorbereitung von Entscheidungen sogar noch früher. 2013 legte der Neurologe John-Dylan Haynes (*1971; vgl. Vorträge) vom Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin [auch am Max Planck-Institut für Kognition und Neurowissenschaften in Leipzig; Anm.] Versuchspersonen in einen fMRT-Scanner und ließ ihnen die freie Wahl, zwei Zahlen entweder zu addieren oder zu subtrahieren. Aus den neuralen Aktivitätsmustern ließ sich schon ganze vier Sekunden, bevor den Probanden ihre Entscheidung bewusst wurde, vorhersagen, welchen Rechenweg sie einschlagen würden.“
(Zitiert nach https://www.spektrum.de/news/wie-frei-ist-der-mensch/1361221; zu diesen Vorgängen vgl. auch folgende Video-Dokumentation.)

Dieses berühmt gewordene Ex (die Hirnaktivität sagt bereits Sekunden vor einer bewussten Entscheidung diese Entscheidung vorher) zog eine bis heute andauernde Diskussion über das Vorhandensein eines freien Willens (s. a. u.) beim Menschen bzw. über den Zusammenhang zwischen freiem Willen und Bewusstsein (s. a. o.) nach sich. (Zu den Methoden s. o.) Einerseits meinte man, dass die Verzögerung den freien Willen an sich nicht beeinträchtigen würde, sie verhindere nur sein zeitgleiches Bewusstwerden. Wolf Singer hingegen leugnet den freien Willen, dennoch seien wir Entscheidungskonflikten ausgesetzt. Das Gehirn sei ein sich selbst organisierendes komplexes System mit hochgradig nichtlinearer Dynamik, das alle unsere Entscheidungsprozesse - die bewussten, die unsere „Vernunft“ trifft, und die automatischen, die uns nicht bewusst werden und die den ersteren widersprechen können - vorbereite.

Aufgrund der Forschungen von Amos Nathan Tversky, 1937-1996, und Daniel Kahneman (*1934, Wirtschaftsnobelpreisträger 2002, Autor von Thinking, fast and slow 2011; vgl. kurze Videoerklärung, längeren Videovortrag ab 6:30 min oder 20 min-Video) und anderer unterscheiden wir heute zwei Denk- bzw. Entscheidungsfindungssysteme (vgl. auch unten und hier): ein schnelles (System 1) und ein langsames (System 2). Unser Gehirn steuert die meisten Vorgänge schnell, automatisch, unbewusst, ohne willentliche Kontrolle und ohne Anstrengung, die nur verspürt wird, wenn wir mit unserem zwar flexibleren, aber langsameren (alles bewusst Wahrgenommene ist mindestens eine Drittelsekunde alt) bewussten, konzentrierten Denken, dem Verstand, agieren, z. B. wenn wir multiplizieren oder eine uns bis dahin unbekannte Gefahr bewältigen müssen. Die meisten Alltagsvorgänge werden automatisch gesteuert (Gesichtserkennung, notwendige Bewegungen beim Autofahren etc.). Deshalb gibt es in Städten mit vielen Radfahrern prozentuell weniger Radunfälle als in solchen mit wenigen, da dort die automatische „Verrechnung“ - der „Autopilot“ - der Autofahrer noch nicht funktioniert. Selbst wenn sich das Bewusstsein gerade mit anderen Dingen (aus Vergangenheit oder Zukunft) beschäftigt, managt das Unbewusste die (oftmals gefährliche) Gegenwart. Es entscheidet auch (und gerade) in wichtigen Angelegenheiten wie der Partnerwahl. Das „Bewusstsein ist wie ein Nachklang, wenn alles schon entschieden ist“ (Allan Snyder, *1940), der uns die Illusion gibt, involviert gewesen zu sein. Diese unbewussten Entscheidungsprozesse können nicht nachvollzogen werden, auch wenn gegen ihr Ergebnis „angedacht“ werden kann.

Vgl. auch das „Das Manifest - Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“ von 2004 (die darin auf S. 5ff ausgeführten Zukunftsversprechungen sind allerdings zumindest bis 2020 nicht eingelöst worden), die Video-Dokumentation Wie das Gehirn die Seele macht und das Lexikon der Neurowissenschaften

Allgemein gilt, „dass das wichtigste Sinnesorgan unser Gedächtnis ist“ (Gerhard Roth). 99% an Inhalten seien dort vorhanden, nur 1% komme neu dazu. Die Hälfte des Gehirns ist mit dem beschäftigt, was wir sehen, wobei das Gehirn autonom und ohne dass wir das bemerken, darüber entscheidet, welche Informationen neu oder wichtig genug für die Weiterleitung an das Bewusstsein sind (vgl. Ex. „Selective Attention Test“ von Daniel Simons, *1969). Zu viele Informationen auf einmal überfordern uns und können nicht alle bewusst verarbeitet werden (vgl. auch Ex. F-Test oder The Colour Changing Card Trick).
In der Rangfolge der Sinne dominieren der Tastsinn und der Gleichgewichtssinn alle anderen Sinne, innerhalb derer sich das Hören dem Sehen unterordnet. Vgl. Ex. McGurk-Effekt: visuelle Eindrücke beeinflussen die Wahrnehmung eines akustischen (Sprach)signals (entdeckt von Harry McGurk; 1936–1998; s. Video).

Das Gehirn steuert die nach dem oben beschriebenen Reizleitungssystem funktionierende Sinneswahrnehmung (vgl. The Senses) folgender fünf Sinnesorgane: Auge, Ohr, Nase, Zunge, Haut. Die (wahrscheinlich erbliche) Fähigkeit, mit mehreren Sinnen gleichzeitig wahrzunehmen (z. B. Töne zu sehen, Farbenhören; unter 5% der Bevölkerung sind dazu in der Lage), nennt man Synästhesie. (Vgl. Gesellschaft für Synästhesie)

 

OPTISCHE WAHRNEHMUNG - DAS AUGE

vgl. Prinzipien der Bildverarbeitung (.ppt), Österreichische Ophthalmologische Gesellschaft oder ähnliche Seiten

Fast alle sehenden Lebewesen haben zwei Augen, die phylogenetisch über die Jahrmillionen hinweg von lichtempfindlichen Sehgruben, die nur eine erhöhte Richtungsselektivität ermöglichten, über Becher- und Grubenaugen und Blasen- (Lochkammer)auge zu einem nach Camera-obscura-Prinzip funktionierenden komplizierten Linsenaugen-System geworden sind. (Das Bild trifft verkehrt auf der Netzhaut, die bei visueller Deprivation irreversibel geschädigt wird, auf und wird im Gehirn „aufgerichtet“.) Als einer der ersten erkannte Leonardo da Vinci (1452-1519) aufgrund seiner Anatomiezeichnungen den Zusammenhang zwischen Auge und Gehirn. Das Verschaltungsprinzip besteht meist in einer Koppelung von Konvergenzschaltung (Neuronenschaltungen projizieren zahllose Nervenzellen auf ein Zielneuron) mit Divergenzschaltung (jedes Neuron dockt über über Axonkollaterale an zahllose andere Neurone an; beschrieben von Wolf-Dieter Keidel, 1917-2011).

 

- Sinneszellen:
Auf der Retina (Netzhaut; vgl. Aufbau der Netzhaut) angeordnete Stäbchen (ca. 120 Mio, eher an der Peripherie, für das Schwarz-Weiß-Sehen in der Dämmerung) und drei (selten vier) verschiedene Arten von farbempfindlichen Fotorezeptoren (Zapfen; ca. 6 Mio., eher im Zentrum, für das Farbsehen bei gutem Licht), die, 1/1000 mm lang, alle reflektierten elektromagnetischen Schwingungen zwischen ca. 350-700 Bio Hz als Seheindruck erscheinen lassen - also nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Spektrums (Ultraviolett: >800 Bio Hz, danach Röntgen- und Gammastrahlen; Infrarot, das als Wärme wahrgenommen werden kann: <400 Bio Hz, danach Mikrowellen, Radar, Kurz-, Mittel-, Langwellen). 1 Lichtquant, der auf wenige Rezeptoren fällt, reicht für einen Seheindruck aus.



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Absorbiert ein Gegenstand das gesamte Spektrum, erscheint er schwarz (eig.: nicht), reflektiert er alle Frequenzen, erscheint er weiß. Die Reize werden über die Sehbahnen, die doppelt kreuzen (innerhalb eines Auges und auf dem Weg ins Gehirn) an das Sehzentrum weitergeleitet und dort verarbeitet. An der Fovea centralis (Zentralgrube = gelber Fleck) ist die Stelle des schärfsten Sehens. (Die bei Dunkelheit inaktiven Farbzellen sind dort am stärksten vertreten.) Am Blinden Fleck (der normalerweise - auch bei einäugigem Sehen - vom Gehirn errechnet wird), tritt der Sehnerv (nervus opticus, 400 000 Nervenfasern) aus, es können dort daher keine Sinneszellen existieren. Der Nachweis erfolgt anatomisch oder durch folgendes Ex: Aus etwa 25 cm mit dem rechten Auge das linke (oder umgekehrt) von zwei ca. 15 cm waagrecht voneinander entfernten, auf ein Blatt Papier gezeichneten Symbolen fixieren. Bei einem gewissen Abstand des Auges vom Blatt verschwindet das rechte Symbol im Blinden Fleck.
(Vgl. folgende, verschiedenste optische Phänomene demonstrierende Seite.)

 

 

Aufbau des menschlichen Auges:
(Abb. aus Das visuelle System (nicht mehr aktive Seite der Univ. Wuppertal)

 

- Funktionsweise:
* Adaptation erfolgt durch die Pupille („Blende“), die den unterschiedlichen Lichteinfall (also die Helligkeitsanpassung) regelt. Ein Ausgleich erfolgt durch automatische stufenlose Öffnung bzw. Schließung. Eine Pupillenerweiterung (die einen Menschen, ohne dass das dem Betrachter bewusst wäre, sympathischer erscheinen lässt) ist durch Tollkirschenextrakt (Belladonna) willkürlich hervorrufbar (was von Augenärzten und schon vor 2000 Jahren von römischen Kurtisanen ausgenützt wird/wurde). Ex.: Wenn mit einer Taschenlampe in ein Auge geleuchtet wird, lässt sich die Veränderung der Pupille während und nach dem Geschehen beobachten. Man unterscheidet:

° Scotopisches Sehen: Sehen mit (lichtempfindlicheren) Stäbchen in der Dunkelheit
° Photopisches Sehen: Sehen mit Zapfen (bei Licht)

* Akkomodation ist das Scharfstellen der Linse durch Straffung des im Alter erschlaffenden Ziliarmuskels (Entfernungsanpassung). Die Veränderung des vorderen Krümmungsradius der Linse verändert die Brechungskraft. Der Schärfepunkt entfernt sich mit dem Alter:
          10 Jahre: 8 cm
          50 Jahre: 50 cm („Altersweitsichtigkeit“, Presbyopie)
Im Unterschied zur statischen Refraktion (der Brechkraft des in die Ferne blickenden Auges) nennt man das Akkomodieren, dessen Breite bis zu 12 Dioptrien ausmachen kann, dynamische Refraktion. Das Auflösungsvermögen des menschlichen Auges beträgt bestenfalls 1 Bogenminute (in 5 m Entfernung müssen 2 Punkte mindestens 1,5 mm Abstand haben, um getrennt wahrgenommen werden zu können).

* Drehung: Die Möglichkeit, die Augäpfel (Bulbi oculi) in ihren Höhlen kontrolliert zu drehen, wird durch die sogenannten extrinsischen Muskeln an ihrer Außenseite ermöglicht (s. a. u.).

 

- Sehstörungen:
Gemeint sind vor allem diverse Abbildungsmängel (Ametropien). Vgl. Sehtest I, Sehtest II (Amsler-Test nach Marc Amsler, 1891-1968)

* Blindheit:

° Fehler im Gehirn: Rindenblindheit (Seelenblindheit)
° Fehler im Auge (z. B. Netzhaut oder Sehnerv)

* Myopie (Kurzsichtigkeit): Schärfepunkt vor Netzhaut (zu starke Krümmung); Ausgleich durch Konkavlinse; Messung in Dioptrien (1 Dioptrie = 1/f, f = Brennweite)

* Hyperopie (Weitsichtigkeit): Schärfepunkt hinter Netzhaut (zu wenig gekrümmt); Ausgleich durch Konvexlinse. Nicht zu verwechseln mit Presbyopie, s. o., der Unfähigkeit, in der Nähe scharfzustellen.

* Astigmatismus: Linien erscheinen in der Perspektive gebogen, ev. Farbveränderungen am Rand; entsteht durch ungleichmäßige Hornhautkrümmung.

* Nystagmus:

° Physiologischer N.: unwillkürliche Mikro-Augenbewegungen (ca. 50 in der Sekunde), die dazu dienen, temporäres Erblinden durch Fehlen einer Reizvariation (Fixationsblindheit) zu verhindern (ähnlich dem Verlust der Tastempfindung, wenn die Hand einige Zeit z. B. ruhig im Wasser liegt). Bei Tieren (z. B. Fröschen) z. T. nicht vorhanden. Dadurch kann eine Bewegung vor dem verschwundenen Hintergrund umso deutlicher wahrgenommen werden.
° Krankhafter N. (Bergarbeiternystagmus): entsteht v. a. durch Arbeit unter Tag; Da die Dämmerungssinneszellen (s. o.) an der Peripherie der Netzhaut liegen, muss immer leicht neben den wahrzunehmenden Gegenstand gesehen werden (dessen Licht sonst auf die" blinden" Stellen fallen würde; wie auch in der Nacht sehr kleine Sternen verschwinden, wenn man direkt auf sie blickt, und wieder auftauchen, wenn man das Auge leicht dreht).

* Farbenblindheit: Tritt als totale (völlige Unfähigkeit, bunte Farben zu erkennen) oder partielle Farbenblindheit (meist Grün-, seltener Rot- oder Blaublindheit) auf und wird x-chromosomal rezessiv vererbt (s. u.). Der Sohn eines Farbenblinden kann daher nicht farbenblind sein (außer seine Mutter ist Konduktorin), ein Mädchen nur dann, wenn der Vater farbenblind, die Mutter Konduktorin und das schadhafte X vererbt wurde. Vgl. Farbsehtest und Seite Farbenblindheit

 

- Farbsehen:
Alles über Farben und vieles über allgemeine Aspekte der Wahrnehmung im pdf.-Skriptum von Peter Stoeckl - Vgl. auch Farbseite der Univ. Oldenburg

Aufgrund der drei unterschiedlichen Zapfen-Rezeptoren ist der Mensch in der Lage, das Farbspektrum, das sich aus der Zerlegung des Sonnenlichts ergibt, wahrzunehmen (chromatopsy, colour perception). Rufen verschiedene Lichtspektren den gleichen Farbeindruck hervor, nennt man das Metamerie. (Dies und das Spektrum selbst wurden zum ersten Mal von Isaac Newton, 1618-1700, beschrieben.) In den verschiedenen Sprachen haben unterschiedliche Farben eigene Vokabel (im Deutschen z. B. Violett, Blau, Grün, Gelb, Orange, Rot, Rosa, Braun - andere Farben werden zugeordnet, z.B. Indigo zu Blau; s. a. u.)

* Subjektives Eigengrau: „Farbe“ beim Schließen der Augen ohne direkten Lichteinfall

* Sieben Spektralfarben: Fällt das Sonnenlicht durch ein Prisma (z. B. im Regenbogen), entstehen Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett (Schwarz und Weiß sind Helligkeitszustände). Farben, deren Mischung Weiß ergibt und die über den Hautsinn z. T. auch als Wärme rezipierbar sind, lassen sich in einem Kreis darstellen, auf dem die Komplementärfarben (= bunte Farben, deren Mischung eine unbunte „Farbe“, nämlich Weiß, ergibt) gegenüberliegen. Im Gelb-Orange-Bereich kann der Mensch besser differenzieren als im Blau-Violett-Bereich. Wir unterscheiden drei

* Dimensionen einer Farbe:

° Qualität (Frequenz)
° Helligkeit (Weiß- bzw. Schwarzanteil)
° Sättigung (Grauanteil)

Diese drei Dimensionen und der subjektive Eindruck werden berücksichtigt im

* Doppelkegelmodell nach dem Marinestabs- und Augenarzt Hans Podestá (1871-1953), bei dem Gelb etwas höher als Blau liegt, da es bei gleichem Weißanteil subjektiv heller erscheint (aufbauend auf einem dreidimensionalen Farbkörper des deutsch-baltischen Chemikers Friedrich Wilhelm Ostwald, 1853-1932, Nobelpreis 1909). Prinzipiell sind um den Basiskreis die Spektralfarben angeordnet. Der Weiß- bzw. Schwarzanteil nimmt gegen die beiden Spitzen des Doppelkegels hin zu (= die Farben werden heller/dunkler). Der Grauanteil nimmt gegen den Mittelpunkt / die Mittelachse hin zu: Die Farben sind am Rand optimal satt, in der Mitte diffus.
Vgl. Farbmodelle (1.2.7.8)

Podestá'sches Doppelkegelmodell (© Thomas Knob)

* Theorien zum Farbensehen: Aus der Drei-Komponenten-Theorie (von Thomas Young, 1773-1829, und Hermann von Helmholtz, 1821-1894, der auch die Geschwindigkeit von Nervenimpulsen gemessen hat - „trichromatisches Sehen“ durch Zapfen für rotes - 562 Nanometer -, grünes - 535 Nanometer - und blaues Licht 430 Nanometer) - entstand die Gegenfarbentheorie von Ewald Hering (1834-1918), die mit dem Zustandekommen eines Fernsehbildes verglichen werden kann: aus nur vier Gegenfarbenzellen (rot/grün, blau/gelb) ergibt sich durch On-/Offschaltung (inhibitorische / exzitatorische Weiterleitung) eine Mischung, die uns die unterschiedlichsten Farben erleben lässt. Die Neurophysiologie bestätigte später, dass die drei verschiedenen Zapfentypen im Auge (auf der Rezeptorebene), die jeweils für kurz- (blau), mittel- (grün) und langwellige (rot) Lichtstrahlen sensibel sind, Impulse zur Weiterverarbeitung an die nachgeschalteten neuronalen Farbkanäle leiten (in die neuronale Ebene).

Aufgrund genetischer Veränderungen kann (nur bei Frauen) statt trichromatischem Sehen tetrachromatisches Sehen auftreten. (Tetrachromasie erlaubt - statt „nur“ 10 Million - die Unterscheidung von ca. 100 Millionen unterschiedlicher Farbtöne.) Ebenfalls durch (rezessive) Genveränderungen (fast nur bei Männern, die kein zweites X-Chromosom als Kompensation für ein geschädigtes haben und daher diesen Defekt nicht an ihre Söhne vererben können) entsteht die dichromatische „Farbenblindheit“ (s. u.).

* Farbmischung:

° subtraktiv (Malkastenmischung: ist eher ein Filterverfahren bzw. eine Oberflächenveränderung, eine technische Mischung der Farbspektren abzüglich des absorbierenden Pigments; z. B. blau + gelb = grün)
° additiv (optische Mischung, Lichtmischung: auf ein und dieselbe Netzhautstelle treffen simultan mehrere Sektoren des Spektrums, die mittels der Zapfen gemischt werden; z. B. blau + gelb = weiß)

Vgl. arte-Video Welt der Farben
Ex.:
Bringt man einen Farbkreisel, der alle Spektralfarben (oder zwei Komplementärfarben) in gleichem Verhältnis enthält, in schnelle Drehung, so ergibt sich ein Seheindruck von Weiß (oder wegen leichter Verschmutzung Grau). Zwei Nicht-Komplementärfarben ergeben additiv die im Spektrum dazwischen liegende Farbe. (Der verstellbare Farbkreisel wurde vom Schriftsteller Robert Musil, 1880-1942, entwickelt.)

* Farbkontrast: Beleuchtet man im Ex. einen Gegenstand mit rotem Licht, seinen Schatten aber weiß, so erscheint dieser in der Komplementärfarbe Grün, was ähnlich dem Negativen Nachbild (s. u.) erklärt wird. (Farbiger Schatten; zu Kontrast s. a. u.)

* Psychologische Wirkung: Schon lange ist die unterschiedliche psychologische Wirkung von Farben auf den Menschen bekannt (z. B. beruhigendes Grün, aggressives Rot etc.) Farben stehen außerdem oft für abstrakte Begriffe (z. B.: Gelb für die Eifersucht, Rot für die Liebe, Schwarz für den Tod, Violett für die Vorfreude, Grün für die Hoffnung etc., etc.) Diese Zuschreibungen sind kulturabhängig (vgl. das in Indien auf Totenfeiern getragene Weiß).
Vgl dazu Symbolik der Farben von Peter Stoeckl und das Lexikon der Farbstoffe

 

- Kontrast- und Konstanzphänomene:
* Simultankontrast: Kontrast gleichzeitig dargebotener Reize (z. B. subjektive Farbtäuschungen in gewissen Konstellationen etc. Das überdeutliche Hervortreten der Kontraste (Reizunterschiede werden deutlicher als erwartbar erlebt) ist neuropsychologisch erklärbar durch die Laterale Inhibition: Die Verbindungen zwischen Sinneszellen und Schaltzellen wirken exzitatorisch (fördernd), wenn sie direkt, inhibitorisch (hemmend), wenn sie seitlich weiterführen. Daher erfolgt eine stärkere Hemmung einer schon von einem stärkeren Reiz gespeisten Sinneszelle in ihrer Wirkung auf eine seitlich nebenliegende, noch von einem schwächeren Reiz gespeisten Zelle:


Verstärkte Kontrastwahrnehmung durch Laterale Inhibition
(Jedes der 7 Felder scheint rechts dunkler als links.)
Quelle: http://www.uni-tuebingen.de/tierphys/Lehre/GP_LA/Seite1.html
 

Laterale Inhibition - schematische Erklärung (Quelle: Scheffelgymnasium)

 

 

* Sukzessivkontrast: Kontrast hintereinander dargebotener Reize, z. B. Negatives Nachbild:

° erscheint immer in der Komplementärfarbe
° ist proportional zur Darbietungsdauer
° ist auch bei geschlossenen Augen sichtbar
° wächst mit der Entfernung der "Projektionsfläche" (s. u.,  Emmert'sches Gesetz)
° wandert mit den Augen mit
° lässt sich knapp nach seinem Verschwinden durch Lidschlag reaktivieren
° Erklärung (von Hering): Durch Dauerlicht erfolgt eine Dissimilation einer Sehsubstanz (Rhodopsin, Iodopsin), die durch nachfolgende Assimilation wieder rückgängig gemacht wird.

Vgl. Ex zum Negativen Nachbild (4. Folie 30 sec starr ansehen, dann auf eine weiße Wand blicken)

* Konstanzphänomen: Durch die Konstanzleistungen wird eine Desorientierung im Sinnendatenchaos verhindert. Gleichartiges (gemeint sind Helligkeitszustände, Formen, Farben, Größen und Kontraste) wird auch unter verschiedenen Bedingungen, die aufgrund der Erfahrung miteinberechnet werden, als gleichartig erlebt. (Wir beurteilen einen Wahrnehmungsinhalt nicht nur nach seiner Abbildung auf der Netzhaut, sondern gemäß unseren zusätzlichen, erlernten Informationen.) Vgl. Ex.: Das Weiß der Seiten eines Buches wäre in der Dämmerung objektiv dunkler als das Schwarz der Buchstaben im Sonnenlicht, wird aber in beiden Fällen als Weiß identifiziert. (Vgl. dazu auch im folgenden Video die Minuten 10:56 bis 12:08, wo dies eindrucksvoll demonstriert wird). Das Konstanzphänomen betrifft Größe, Kontrast, Form etc. (Vgl. a. u.)

Das Emmert'sche Gesetz (nach dem Schweizer Ophthalmologen Emil Emmert (1844–1911) quantifiziert diesbezüglich den Zusammenhang zwischen der Bildgröße eines Objektes auf der Netzhaut und der wahrgenommenen Größe bei zunehmender Entfernung: G  w . e (die wahrgenommene / scheinbare / visuelle Größe ist proportional dem Produkt aus Winkelgröße und Entfernung).

Die Konstanzleistungen können verloren gehen, wenn der Bezugsrahmen wegfällt (wie wir auch sonst ohne Bezugsrahmen in unserer Wahrnehmung unsicher oder hilflos werden). Vgl. dazu Ex. von August Kirschmann (1860-1932; promovierte bei Wundt): Hinter einer nur einen kleinen Ausschnitt freigebenden Abdeckung wird ein ursprünglich z. B. weißer Gegenstand rot beleuchtet. Er erscheint nun durch das Fenster rot, bei Entfernung der Abdeckung aufgrund der Kontrast- und Farbkonstanz jedoch wieder weiß, obwohl objektiv derselbe Seheindruck vorliegt. Grund: Ohne Vergleichsparameter und Kontextualisierung ist unsere Wahrnehmung hilf- und orientierungslos.

 

- Optische Täuschung:
vgl. Top 10 Illusions, die im Internet kursierende PowerPoint Präsentation „Optische Phänomene“Optical Illusions oder „Optische Täuschungen - Illusions“, die zahllose, oft animierte Beispiele bringen.

Manchmal erscheinen (allen Betrachtern) Wahrnehmungsinhalte subjektiv anders, als es der objektiven Wirklichkeit entspricht (z: B. gleichgroße Kreise als verschieden groß, Farben und Bewegung in schwarz-weißen, ruhigen Bildern o. ä.). Einige Täuschungen werden z. B. von schizophrenen Personen nicht gesehen (Beispiel: Tilt-Illusion).

Die bekanntesten Täuschungen sind die Wundt-T., eine Variante der Hering'sche T., die Müller-Lyer'sche T. (nach Franz Carl Müller-Lyer 1857-1916), die Oppel'sche T. (nach Johann Joseph Oppel, 1815-1894, der den Begriff geometrisch-optische Täuschung prägte; unterteilte Strecken erscheinen länger als gleichlange, nicht unterteilte Strecken), die Ehrenstein-Orbinson'sche T. (nach Ehrenstein und William Orbinson 1912-1952), die Zöllner'sche T. (nach Johann Karl Friedrich Zöllner 1834-1882), die Ebbinghaus-Illusion (nach Hermann Ebbinghaus, s. u.), die Poggendorf'sche T. (nach Johann Christian Poggendorf 1796-1877), die Sander'sche T. (nach Friedrich Sander 1889-1871), die Ames'schen Perspektivtäuschungen (Fenster, Raum; nach Adelbert Ames jr. 1880-1955), das Hermann-Gitter (von Ludimar Hermann, 1838-1914) u. v. a. m.

Ex.: Unter diesem Link lassen sich einige eindrucksvolle Täuschungen betrachten.

              

Links sollen neun Personen erkannt werden / Rechts erzeugt das Auge Farben, wo gar keine sind

Eine einheitliche Theorie zur Erklärung aller Täuschungen ist nicht möglich, es gelten aber folgende

          Beobachtungen:

* Das Wissen um die Täuschung ist wirkungslos.

* Wahrnehmungsinhalte beeinflussen einander wechselseitig.

* Das Netzhautbild allein ist für die Wahrnehmung nicht entscheidend.

* Reizkonfigurationen können unterschiedlich interpretiert werden

z. B. bei den sog. Umspringbildern (Kippbildern): Ein Bild kann auf zwei verschiedene Arten gesehen werden (bistabile Wahrnehmung) - siehe die nachfolgenden Abbildungen: der Necker-Würfel Richtung rechts oben oder links unten, wenn alle 12 Kanten geometrisch gezeichnet sind (1), die Boring-Bilder (z. B. hier „My Wife and My Mother-In-Law“ - 2 -, nach einem älteren Sujet ausgearbeitet von William Ely Hill, 1887-1962, und in Psychologiekreisen popularisiert von Boring, s. a. u.), die Rubin'sche Vase (3; nach dem dänischen Psychologen Edgar Rubin, 1886-1951; manchmal Peter-Paul-Pokal genannt) bzw. eine Variante der Necker-Täuschung (4; nach dem Schweizer Physiker Louis Albert Necker, 1786-1861). Auch viele Zeichnungen von Maurits Cornelis Escher (1898-1972) beruhen auf diesem Prinzip.

       

Umspringbilder (Kippbilder): Würfel von links vorne oder rechts unten? (1) / Alte oder junge Frau? (2)

                          

Umspringbilder (Kippbilder): Gesichtsprofile oder Vase? (3) / 7 oder 6 sichtbare Würfel? (4)

* Oft wird Dreidimensionalität in zweidimensionalen Zeichnungen vorgetäuscht (z. B. bei manchen Escher-Bildern, der bekannten Penrose'schen Treppe - nach Lionel Sharples, 1898-1972, bzw. seinem Sohn Roger Penrose, *1931, und anderen „Unmöglichen Figuren“), oft werden Konstanzphänomene, Erfahrungswerte oder erlernte Perspektiven bzw. secondary cues ausgenützt (z. B. bei der Ponzo- oder „Schienentäuschung“ (Mario Ponzo 1882-1960) oder der Ehrenstein'schen T. (Walter Ehrenstein 1899-1961).

 

- Tiefensehen:
Der dreidimensionale Seheindruck (räumliches Sehen, Tiefensehen) entsteht durch

* Akkomodation (s. o.)

* Konvergenz: Die Sehachsen treffen einander durch Drehung der Augäpfel im scharf gestellten Punkt; sie sind umso paralleler, je weiter dieser entfernt ist. (Konvergenzfehler: Strabismus = „Silberblick“, Schielen)

* Secundary cues (erlernte Distanzhinweise): Oberflächenbeschaffenheit, dunstige Atmosphäre, Perspektiven, Beleuchtung, bekannte Daten etc.

* Lateraldisparation: Die Querdisparation wird wirksam, wenn sich nach einigen Metern Akkomodation und Konvergenz kaum noch ändern. Innerhalb gewisser Netzhautareale (der Panum'schen Empfindungskreise, eig. -ellipsen; nach Peter Ludvig Panum 1820-1885) wird eine sukzessive Reizung in horizontaler Richtung (da die Augen nebeneinander liegen) nicht als Doppelbild oder Bewegung, sondern als Tiefeneindruck wahrgenommen. Ex.: Durch Druck auf den Augapfel entfernen sich die Areale zu weit voneinander, sodass Doppelbilder entstehen.

* Ex. „Umkehrbrille“ von Theodor Erismann (1883-1961): das Leben mit einer rechts / links bzw. oben / unten vertauschenden Prismenbrille ist nach einigen Wochen problemlos möglich. Die Rückumstellung erfolgt schneller. Daraus folgt, dass die Raumvorstellung des Menschen  nicht unabänderlich ist; ein Umlernen ist möglich (vgl. Video).

* Ex. „Visuelle Klippe“, durchgeführt 1960 von Eleanor Jackie Gibson (1910-2002) und Richard D. Walk (1920-1999): überdeckt man einen Abgrund mit einer Glasplatte, weigert sich ein Kleinkind, auch wenn es das Glas fühlen kann, die visuelle Klippe (vgl. Video) zu überkrabbeln (funktioniert auch bei Tieren). Tiefenwahrnehmung und räumliches Sehen wurden so schon im ersten Lebensjahr nachgewiesen.

Zur dreidimensionalen Wirkung mancher Muster vgl. 3D-Bilder - Stereogramme und Beispiele zum Betrachten: Stereogram Gallery

 

- Bewegungssehen:
* Sukzessive Reizung: Werden Rezeptoren rasch hintereinander gereizt, erlebt man dies als Bewegung. (Einzelbilder müssen den sog. Moment unterbieten, s. u.)

* Zwei Möglichkeiten: entweder durch Bewegung des Kopfes (die Netzhaut „streicht“ über die Objekte) oder durch Bewegung des Objektes (die Objekte „streichen“ über die Netzhaut). Kann durch Erfahrung und die Rückmeldung über die Kopf- oder Augenbewegung auseinandergehalten werden. Das Gehirn greift - wie immer - dauernd in unsere Wahrnehmung ein (vgl. verkehrtes Netzhautbild, Blinder Fleck, etc.) Fällt der Bezugsrahmen jedoch weg, kommt es zu Bewegungstäuschungen. Exe.: Zwei-Züge-Täuschung, Mach'sche „Hexenschaukel“ auf Jahrmärkten (nach Ernst Mach 1888-1900; vgl. das Buch von Boris Goesl, *1982?, u. a., Zum Planetarium. Wissensgeschichtliche Studien; Fink-Verlag 2018), vorgetäuschte Bewegung auch beim durch den Stroboskopeffekt hervorgerufenen Phi-Phänomen (beschrieben von Max Wertheimer, 1880-1943): z. B. „springende“ Lichtpunkte auf Reklametafeln. (Adhémar Maximilian Maurice Gelb, 1887–1936, entdeckte das Tau-Phänomen, nach dem 2 von 3 Punkten, die alle voneinander denselben Abstand haben, dann als einander näher stehend wahrgenommen werde, wenn das zeitliche Intervall ihrer Darbietung kürzer ist.) Bewegungstäuschungen treten in verschiedenen Formen auf (z. B. als Film - s. u. -, als Autokinetischer Effekt, wenn kleine Lichtpunkte - nystagmusbedingt, s. o. - vor dunklem Hintergrund als bewegt erscheinen, als Induzierte Bewegung, wenn z. B. ziehende Wolken den Mond bewegt erscheinen lassen, oder s. hier oder hier) können auch durch eine „Überforderung“ der Netzhaut bedingt sein:

Scheinbewegung (photographiert im Wiener Haus der Mathematik)

 

AKUSTISCHE WAHRNEHMUNG, RAUMLAGESINN - DAS OHR

Vgl. Hearing (Audition), Akustische Phonetik (Universität München) bzw. Hörzentrum Oldenburg oder Online-Hörtest

 

- Aufbau des Ohres:
Vgl. Das Ohr

* Zwei Ohren (Binauralität): Abgesehen von der Redundanz (die Dysfunktionalität nur eines Ohres bewirkt noch keinen Hörverlust) bewirkt die Doppelausstattung einen Stereoeffekt und ermöglicht das Richtungshören, das aufgrund des zeitlichen Unterschiedes des Eintreffens des Reizes zwischen linkem und rechtem Ohr funktioniert; vgl. Ex.: Festlegen der Windrichtung durch Drehung des Kopfes und Beobachtung des Höreindruckes). Phylogenetisch sind unsere Ohren aus Druckrezeptoren (wie sie bei Fischen als niederfrequente Strömungsdetektoren funktionieren; trommelfellartige Membranen gibt es bereits bei Amphibien) entstanden.

* Außenohr (Ohrmuschel - Aurikel und sichtbarer Gehörgang): dient dem besseren Einfangen der Schallwellen

* Mittelohr: Hier existieren Verbindungen zur Eustachi'schen Röhre (nach Bartolomeo Eustachi, ca. 1500/20-1574) und zum Nasenraum. Das Trommelfell verstärkt die Schallwellen; Gehörknöchelchen (Hammer, Amboss, Steigbügel, zusammen die Ossikel) leiten die Wellen mittels Vibration durch das Ovale Fenster ins

* Innenohr: Hinter dem Mittelohrexistiert ein häutiges Labyrinth aus Sacculus, Utriculus, den Bogengängen und der Schnecke (Cochlea), in der sich eine Flüssigkeit, Sinneshärchen und die Basilarmembran, deren jeweilige Konfiguration den Höreindruck kodiert, mit dem reizaufnehmenden Corti'schen Organ (nach Alfonso Corti, 1822-1876) befinden. Über die (gekreuzte) Hörbahn, auf der das Synapsenzentrum des Olivarkomplexes passiert wird, gelangt der Eindruck ins Gehirn.

 

 

 Aufbau des menschlichen Ohres: (Abbildung aus http://www.interton.de; dort auch Video)

 

- Daten:
* Hörbereich des Menschen (vgl. Online-Hörtest): Nach Erreichen einer Mindestlautstärke hören wir Tonhöhen im Frequenzbereich von höchstens 16 bis 16 000 Hz (darüber hinaus nehmen wir die Wellen als Schmerz wahr). Bereits ab dem 15. Lj. sind Einbußen (Presbyakusis; 60 J.: 5000 - 8000 Hz) zu verzeichnen. Tiere hören tw. weit besser als Menschen (Delphin: 150 bis 150000 Hz., Hund: 15 bis 50000 Hz, Katze: 50 bis 65000 Hz). Die Lautstärke eines Schalls hängt von der Amplitude ab. Maßzahlen sind Dezibel (dB - objektiv; 1 Bel - benannt nach Alexander Graham Bell, 1847-1922, kennzeichnet den dekadischen Logarithmus des Verhältnisses zweier Größen der gleichen Art bei Pegeln und Maßen - in diesem Fall 2mal log aus Tonschalldruck gebrochen durch Schalldruck der Absolutschwelle) oder Phon (subjektiv; auf einer Schallskala würden Isophone jene Töne verbinden, die als gleichartig empfunden werden, nicht solche, die objektiv gleich sind). Die Schallstärke ist dem Quadrat des Schalldrucks proportional.

* Gesang: 100 bis 10000 Hz (Bass bis Sopran), Sprechbereich 150 bis 8000 Hz

* Anzahl der unterscheidbaren Töne: ca. 2000, Geschulte (z. B. Musiker) schaffen mehr. Manche Menschen besitzen ein absolutes Gehör oder Tonhöhengedächtnis, das sie in die Lage versetzt, jeden beliebigen Ton ohne Hilfsmittel oder Bezugstöne identifizieren zu können. Diese Fähigkeit ist nur bedingt (unter 6 Jahren) erlernbar, meist aber angeboren.

 

- Tonmischung:
* Weißes Rauschen: Zufallsmischung aller Frequenzen (Begriff analog zur Farbmischung; Bspl.: alte TV-Geräte ohne Sendereinstellung)

* Obertöne: mitschwingende ganzzahlige Vielfache der (tieferen) Grundtöne. Die meisten Schallquellen produzieren keinen einheitlichen, sondern einen zusammengesetzten Ton. Konstante Oberschwingungen, die den Charakter eines Schallereignisses prägen, heißen Formanten. Der Glockenschlag besteht nur aus Obertönen (Residuumphänomen).

* Eindruck: als angenehm werden ganzzahlige Mischungen (akustische Harmonien) z. B. Oktave: 1:2; Quint: 3:2; Quart: 3:4; Septime 8:15 etc. empfunden. Schallereignisse haben je nach ihren Obertönen und anderen Variablen unterschiedliche Ausdruckswirkungen, die von Werner Herkner (*1948?) nach den Dimensionen Lust - Unlust, Ernst - Heiterkeit und Ruhe - Aktivierung systematisiert wurden.

Die Anmutungsqualität von Lauten wurde von folgendem Ex. untersucht: Sollen Vpn. verschieden lautende Phantasiewörter vorliegenden eckig oder rund gezeichneten Formen zuordnen, so unterscheiden sich ihre Ergebnisse signifikant:. 90% der Vpn assoziierten die Lautfolge „takete“ eher mit spitzen, die Lautfolge „maluma“ eher mit runden Körpern (Signifikanz erst ab der Pubertät; s. a. u,).

 

- Hydrodynamische Hörtheorie (Wanderwellen-, Dispersionstheorie):
1960 entwickelt vom Ungarn Georg von Békésy (1899-1972, Nobelpreis 1961) und Otto F. Ranke (1899-1959). Sie löste die Schallbildtheorie von Ernst Julius Richard Ewald (1855-1921; sie verglich die Vorgänge im Ohr mit den Mustern, die auf einer mit Sand bestreuten Platte entstehen, die durch einen Ton in Schwingungen versetzt wird) und die Resonanztheorie von Hermann von Helmholtz (eine Einortstheorie; sie verglich die Basilarmembran mit den Saiten einer Harfe - beides widerlegt) und einige weitere Theorien ab. Auch die Dispersionstheorie ist eine Einorttheorie: Die Schallwellen (Schwingungen von Luftmolekülen) werden in Abhängigkeit von ihrer Wellenlänge zerlegt (Dispersion, Frequenzauftrennung im Innenohr). Elastizität und Massendichte der Basilarmembran, auf der durch die in der Lymphflüssigkeit der Cochlea sich fortbewegenden Schallwellen frequenzspezifische stehende Wellen erzeugt werden, bestimmen - analog einer in Schwingungen versetzte senkrecht hängende Kette, deren unteres Ende sich in einem mit Wasser gefüllten Behälter befindet - den Ort der Maximalamplitude hoher bzw. tiefer Töne, wobei jedem Ton ein Reaktionsgebiet entspricht. Je größer die Elastizität und je geringer die Massendichte, desto größer die Leitungsgeschwindigkeit - und umgekehrt.

 

- Das Ohr als Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan):
* Physiologie: Im Innenohr befinden sich drei Bogengänge, die (den dreidimensionalen Raum kopierend) aufeinander normal stehen und mit gallertartiger Flüssigkeit (Endolymphe), die an Sinneshärchen streift, gefüllt sind. Durch die Bewegungen des Kopfes gerät die Flüssigkeit in Bewegung und kommt nach dem Trägheitsgesetz erst einige Zeit nach seinem Stillstand zur Ruhe. Dadurch entsteht ein Schwindelgefühl. Die Erforschung dieses Vestibularapparates erfolgte durch den ersten österreichischen Medizinnobelpreisträger (1914), Robert Bárány (1876-1936).

* Sinn für die Lage des Körpers (Kopfes) im Raum: befindet sich ebenfalls im Innenohr: zwei winzige Kalkkristalle (Otolithe) in Utriculus und Sacculus (zwei säckchenartige Gebilde im Innenohr) reizen Sinneshärchen, wenn der Kopf bewegt wird. Die Wahrnehmung der Lage des Körpers im Raum (und die der Stellung der einzelnen Körperteile zueinander) nennt man Propriozeption. Sie ist zusammen mit der Viszerozeption (Wahrnehmung der Körperorgane) Teil der durch Organellen vermittelten Interozeption (im Gegensatz zur Exterozeption, der Wahrnehmung der Außenwelt).

 

OLFAKTORISCHE WAHRNEHMUNG - DIE NASE

Vgl. Seite über das Riechen, Smell (Olfaction)

 

- Stereochemische Geruchstheorie:
(nach John E. Amoore, 1930-1998)

* Allgemeines: Der Geruchssinn dient der Ortung von Nahrung, Territorien und Feinden (hier ist der Mensch vielen Tieren unterlegen) sowie der Erkennung der Pheromone (chemischer Signale bzw. Sexuallockstoffe von Artgenossen), die ein für die Paarung kompatibles Immunsystem signalisieren, das beim Menschen jedoch oft durch artifizielle Gerüche wie Parfums überlagert wird. (Dieses Tatsache wird manchmal als Grund für missglückte Partnerwahlen angeführt.) Gerüche werden auch intentional, z. B. in der Werbung, manipulativ eingesetzt.

* Biologie: Die olfaktorische Wahrnehmung erfolgt über eine Differenzierung des Epithels der oberen Nase (die auch als Teil der Atmungsorgane täglich ca. 20 000 Liter Luft filtern, erwärmen und befeuchten muss). Beteiligt am Riechen sind das olfaktorische (der obere Bereich der beiden Nasenhöhlen in der sogenannten Riechzone - Regio olfactoria - oder Riechschleimhaut) und das nasal-trigeminale System. Pheromone werden über das nach dem dänischen Chirurgen Ludwig Levin Jacobson (1783–1843) benannte Jacobson- oder Vomeronasalorgan in der Nasenhöhle aufgenommen.) In der Nasenschleimhaut befinden sich die ca. 10 Mio. lange, säulenförmige Riechzellen, die es ermöglichen, durch ca. 350 verschiedenartige Rezeptoren (die auf Zilien, also feinen, auf den Riechzellen sitzenden Härchen) die Duftstoffe wahrzunehmen.

Die aufsteigenden Moleküle passen wie ein Schlüssel ins Schloss und bewirken nach einer chemoelektrischen Transduktion (Umwandlung des chemischen Reizes in ein elektrisches Signal) einen Geruchseindruck, der ipsilateral (aus Platzmangel kann keine Überkreuzung mehr stattfinden) zum Riechkolben (Bulbus Olfactorius) und weiter ins Riechhirn (Rhinencephalon) weitergeleitet wird. Auch der Gesichtsnerv Nervus Trigeminus kann in der Nasenhöhle (nasal-trigeminal) über seine freien Endigungen (nicht über eigene Sinneszellen) flüchtige Substanzen in Empfindungen wie brennend, stechend, beißend, kühlend sowie  in der Mundhöhle (oral-trigeminal) flüchtige und nicht-flüchtige Substanzen in die Empfindungen scharf, prickelnd, kühlend umsetzen. (Die Nähe zur haptischen Wahrnehmung, s. u., ist offensichtlich.)

Da Gerüche im Gegensatz zu den anderen Wahrnehmungsformen ipsilateral verarbeitet werden (das rechte Nasenloch von der rechten Gehirnhälfte, das linke von der linken) und damit nicht über den Thalamus laufen, sondern über Geruchsfäden im Siebbein ins Limbische System geleitet und dort abgespeichert werden, bleiben sie meist unbewusst und werden oft mit früher Erlebtem assoziiert. (Sie können sogar als Trigger für PTSD - s. u. - fungieren.) Eine COVID 19-Infektion kann den Geruchssinn (auch den Geschmackssinn) vorübergehend oder für lange Zeit außer Kraft setzen.

Man unterscheidet Makrosmaten (gute Riecher, z. B. Hunde) von Mikrosmaten (schlechte Riecher, z. B. Menschen) und Anosmaten (ohne Geruchssinn, z. B. Vögel).

 

- Einzelne Gerüche:
* Duftstoffe: Der Geruchssinn (als chemischer Sinn) erlaubt die Verarbeitung zahlloser flüchtiger chemischer Substanzen, deren Moleküle in das Riechsystem eindringen können. Nur sieben der Chemischen Elemente besitzen einen Geruch: Fluor, Chlor, Brom, Jod, Phosphor, Arsen und Sauerstoff (als Ozon). Die Duftstoffe müssen wasserlöslich und gasförmig sein, um umgewandelt werden zu können. Ex.: 1 Millionstel Milligramm Vanille pro 1 Liter Luft genügt, um einen Riecheindruck hervorzurufen. Wir (Frauen etwas mehr als Männer) nehmen nur wenige Einzelgerüche (und zahllose Kombinationen) wahr:

° stechend, beißend (Essig, Ameisensäure)
° faulig (verdorbene Eier, H2S)
° ätherisch (Fleckputzmittel)
° kampferartig (Mottenmittel)
° moschusartig (Engelswurz)
° minzig (Pfefferminze)
° blumig (Rosen)

Andere Gerüche (Aromen) sind Mischungen, sodass dem Menschen ca. 100 000 (manche Schätzungen liegen weit höher) verschiedene Eindrücke möglich sind.

 

GUSTATORISCHE (GESCHMACKS)WAHRNEHMUNG - DIE ZUNGE

Vgl. Taste (Gustation)

 

- Funktionsweise:
Der Geschmackssinn funktioniert meist im Zusammenspiel mit anderen Sinnen (v. a. mit dem Geruchssinn und dem optischen Sinn; vgl. folgendes Ex.: Die Geschmacksrichtung eines gelben Himbeersafts wird seltener bzw. langsamer erkannt als die eines - erwartbaren - roten.) Die Rezeptoren auf der Zunge heißen Geschmackspapillen (etwa 100; Schleimhautstrukturen mit Erhebungen). Sie tragen 5 bis 150 birnenförmige Geschmacksknospen - pro cm² können über 1000 Knospen vorhanden sein -, an deren oberem Ende bis zu 100 Geschmacksporen das Eindringen der zu verarbeitenden chemischen Substanzen ermöglichen. Diese nicht neuronalen Geschmackszellen erneuern sich alle 10-30 Stunden laufend. Die nervösen Elemente liegen unterhalb der Geschmacksknospen.

 

- Geschmacksrichtungen:
 Die Geschmacksknospen lassen vier Geschmackseindrücke zu, die aber nicht überall auf der Zunge möglich sind. Ex.: Wenn man die Zungenspitze in ein Salzfass hängt bzw. Schokolade im Rachenraum lutscht, kann man den Geschmack nur schwer identifizieren.

° süß
° salzig
° sauer
° bitter

Nach neueren Forschungen sind die Rezeptoren nicht der Reihenfolge nach auf der Zunge von vorne nach hinten mit geschmacksunempfindlicher Zungenmitte angeordnet, sondern über die gesamte Zunge verteilt. Außerdem gebe es mit umami (japanisch für würzig, schmackhaft) und fettig zwei weitere Geschmacksrichtungen.

 

HAPTISCHE WAHRNEHMUNG - DIE HAUTSINNE

Vgl. Touch (Somatosensation)

 

- Allgemeines:
Die Haut (δέρμα) ist das größtes Sinnesorgan (ca. 2 m², ca. 20-25% des Körpergewichts). In 1 cm² Haut (besteht aus Oberhaut / Epidermis mit Hornhaut / Cornea, Lederhaut / Dermis, Corium - beides zusammen Cutis - und Unterhaut / Subcutis mit Fettgewebe) befinden sich ca. 4 m Nervenbahnen und 1 m Blutgefäße. Sie hat vielfältige Funktionen: Atmung, Schutz (vor UV-Strahlen, Verletzungen, Kälte etc.), taktiler Sinn, Temperaturregelung über Schweißdrüsen usw. und enthält für folgende Empfindungen

 

- Rezeptoren:
* Tastsinn: funktioniert über die Tastrezeptoren Meissner-Körperchen und Merkel-Zellen (nach dem deutschen Anatomen und Physiologen Georg Meissner, 1829-1905 und Friedrich Merkel 1845-1919; vor allem in der unbehaarten Haut und an den erogenen Zonen). Zusätzlich erfolgt (wie bei tierischen Schnurrhaaren) über Haarfollikelrezeptoren eine Rückmeldung über die Haarstellung.

* Druck: rasche Adaptation durch die in der Subcutis befindlichen Vater-Pacini-Körperchen (nach dem deutschen Anatomen Abraham Vater, 1684–1751, und dem italienischen Anatomen Filippo Pacini, 1812–1883). Beständiger Druck, wie etwa den der Kleidung auf der Haut, wird allmählich nicht mehr wahrgenommen. Der Körper ist nicht überall gleich berührungssensitiv, vgl. Ex. (von Ernst Heinrich Weber): Wenn man gespreizte Zirkelspitzen auf die Haut setzt, beträgt der für zwei getrennte Empfindungen notwendige Abstand zwischen 1 mm (auf der Zunge) und 68 mm (auf dem Rücken).

* Kälte: Die Kältepunkte (10mal häufiger) liegen der Hautoberfläche näher als die Wärmepunkte, die überdies langsamer arbeiten. Ex.: Besteigt man eine heiße Badewanne, reagiert man zunächst mit (atavistischer) Gänsehaut: paradoxe Kälteempfindung.

* Wärme: Thermorezeption; Ex. zur Relativität der Empfindungen: Wenn man seine rechte Hand 20 sec in heißes, die linke gleichzeitig in kaltes und dann beide in lauwarmes Wasser hält, erzielt man ein umgekehrtes Wärmeempfinden. (Eine analoge haptische Täuschung, die - wie die optischen Täuschungen - trotz gegenteiliger Einsicht in die wahren Verhältnisse - nicht abgeschaltet werden kann, ist die Charpentier'sche Täuschung; nach Augustin Charpentier, 1852-1916. Ex.: Hebt man - gleichzeitig oder nacheinander - zwei Würfel von gleichem Gewicht, aber unterschiedlicher Größe, so empfindet man den kleineren Würfel als schwerer.

* Schmerz: Schmerz wird aufgrund von undifferenzierten Rezeptoren, der freien Enden der sensorischen Nervenbahnen, die als Nozizeptoren (in der Leder- und Oberhaut) mit Schmerz verbundene Warnsignale an das Gehirn leiten, um durch „Overpowern“ anderer Impulse eine Prioritätsveränderung zu bewirken, wahrgenommen. Ex. Phantomschmerz: ein amputierter Teil schmerzt, wenn ehemals dafür zuständige Nerven, deren Enden nicht mehr vorhanden sind - was das Gehirn aber nicht „weiß“ -, gereizt werden. Linderung kann die vom Neurowissenschaftler Vikayanur Subrmanian Ramachandran, *1951, erfundene Spiegelbox verschaffen, die dem Hirn vorspielt, dass der fehlende Teil noch vorhanden wäre.)

 

DIE ZEITWAHRNEHMUNG

Vgl. Psychologie der Zeit

 

Vorbemerkung: Zeit, in dem Sinne, wie wir sie wahrnehmen, gibt es nicht. Schon Augustinus von Hippo (354-430) hat auf die Frage Quid est enim tempus? geantwortet: „Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio. / Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht.“ Immanuel Kant (1724-1804) hat Zeit (wie auch Raum) als angeborene Anschauungsform, die das Phänomen, aber nicht das „Ding an sich“ erschließen würde, bezeichnet. Albert Einstein (1879-1955) wies nach, dass Zeit geschwindigkeits-, masse- und ortsabhängig sei und als absolute Messgröße des Universums nicht existiere; es habe die „Scheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen, Illusion“.

- Steuerung:
nicht bei allen Lebewesen gleich. Ex.: Ameisen z. B. haben eine durch Chinin (Futterbeigabe) beeinflussbare stoffwechselgesteuerte „innere Uhr“. Beim Menschen zusätzlich (ausschließlich?) Gehirnsteuerung. (Entscheidend scheint die Inselrinde, die auch für die Interozeption - s. o. - verantwortlich ist, zu sein.) -  Beweise für die Hirnsteuerung:

* exaktes Aufwachen zu bestimmter Uhrzeit ohne Wecker (oft) möglich

* relativ exakte Zeitangabe, ohne auf eine Uhr zu sehen, möglich (auch nach zufälligem Aufwachen!)

* abstrakte Zeitangaben bei posthypnotischen Aufträgen (s. u.) werden richtig geschätzt

 

- Psychische Präsenzzeit:
ist nach William Stern (1871-1938) jene Zeitspanne, in der das Vergangene eben noch bewusst ist, ohne dass eine Gedächtnisleistung in Anspruch genommen werden müsste. Ex.: Jede Sekunde wird eine Zahl dargeboten. Plötzlich wird unvermutet abgebrochen Die Anzahl der richtigen Zahlen, von hinten nach vorne aufgeschrieben, ergibt die Dauer der Präsenzzeit (meist 6 bis 12 sec). Da der Zeitpunkt des Abbruchs den Vpn. unbekannt ist, können sie nicht systematisch „mitlernen“.

 

- Bunkerschlafex:
Ex.: In totaler Abgeschiedenheit (keine Uhr, kein Sonnenlicht oder andere Tageszeithinweise) entwickelt der Mensch einen 25-Stunden-Rhythmus. Unbewiesene Theorie: Zusammenhang mit der im Laufe der Jahrtausende veränderten (allerdings verlangsamten!) Geschwindigkeit der Erdrotation. Der circadiane Rhythmus (die Schwankungen innerhalb des Tages, die „innere Uhr“) ist angeboren und bestimmt das Leistungsverhalten. (Vgl. Chronobiologie, ein Biotiming Tutorial, The Circadian Rythm Lab, What makes you tick? und Seiten über Lichttherapie 1 / 2 und Chronotherapy). Normalerweise wird er durch den Lichteinfall, der auf den Nucleus suprachiasmaticus und die Zirbeldrüse (das ehemalige Scheitelauge) weitergeleitet wird, gesteuert. Dadurch wird auch über die Veränderungen des Serotonin- und Melatoninhaushalts der Hormonspiegel und damit die Stimmung beeinflusst.

 

- Moment (Nu, Augenblick):
Zeitdauer, die vergehen muss, damit zwei Reize als getrennt wahrgenommen werden. Der optische Moment des Menschen liegt bei 1/18 sec. (Vgl.: z. B. bei der Fliege kürzer, bei der Schnecke länger.) Ex.: Ein herkömmlicher Film (bestehend aus Tausenden Einzelaufnahmen, die rasch hintereinander abgespielt werden) musste daher mindestens 18 Bilder pro Sekunde bieten (meist 24, im TV 25; Zeitraffer: weniger Aufnahmen, Zeitlupe: mehr Aufnahmen pro Zeiteinheit werden hergestellt und mit jeweils 24 Bildern / sec abgespielt.)

 

- Beeinflussung des Zeitempfindens:

* Sinnvolle Beschäftigung lässt die Zeit subjektiv schneller vergehen als langweilige Tätigkeiten. Ex.: Lustbetonte Dias scheinen subjektiv kürzer projiziert worden zu sein als unlustbetonte.

* Subjektive Zeitdehnung durch starke Emotionen (z. B. Zeitlupeneffekt bei Schrecksekunden)

* Im Alter scheint die Zeit rascher als in der Jugend zu vergehen. (Ex.: Vpn sollen sich melden, wenn sie glauben, 8 min seien verstrichen. Ergebnis: Greise melden sich nach 3 - 5 min, Jugendliche nach bis zu 10,5 min.)
Erklärung: Ein Jahr ist für einen Zehnjährigen noch ein Zehntel, für einen Siebzigjährigen nur mehr ein Siebzigstel seiner bisherigen Lebenszeit. Andere Theorie: Die Zeitwahrnehmung hängt bewiesenermaßen mit der Körpertemperatur zusammen, und die sinkt mit dem Alter.

* Beeinflussung durch Drogen, die auf das ZNS od. den Stoffwechsel wirken (v. a. Alkohol, Sedativa): Umweltvorgänge scheinen schneller abzulaufen.

 

DIE GESTALTWAHRNEHMUNG

- Gestaltbegriff:
Vgl. Gestaltgesetze oder auch Gestalttherapie im Teil 4.

Die Gestaltpsychologie wurde 1890 vom österreichischen Psychologen Christian von Ehrenfels (1859-1932) begründet und von der „Berliner Schule“ (Kurt Tsadek Lewin, 1890-1947, Max Wertheimer, 1880-1943, Kurt Koffka, 1886-1941, und Wolfgang Köhler, 1887-1967) fortgeführt. Von Wertheimer stammt z. B. der Begriff Prägnanztendenz (Tendenz zur guten Gestalt, die uns z. B. vier Punkte ergänzen und darin ein Quadrat erkennen lässt), von Köhler u. a. das Ex. zur Anmutungsqualität von Sprachlauten (s. o.).

Eine Gestalt (definiert als das, was im Wandel gleich bleibt, also das Substanzielle im Unterschied zum Akzidentellen)

* ist ein vom Hintergrund abgehobener Wahrnehmungsinhalt,

* dessen Einzelteile als zusammengehörig empfunden werden

* und der transponierbar ist (z. B. Melodie in eine andere Tonart, Kreis mit größerem Radius, Kathedrale in anderer Farbbestrahlung bleibt dieselbe Melodie, derselbe Kreis, dieselbe Kathedrale).

* Eine Gestalt ist mehr als die Summe der Einzelteile („Übersummativität“; auch wenn man alle Einzeltöne einer Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart, 1756-1791, auflistet, erfasst man nicht die Melodie).

Die Abstraktionsleistung der Gestalterkennung bewältigt der Ratiomorphe Apparat, eine der Vernunft vorgeschaltete Instanz, die eintreffende Reize in einem Algorithmus unbewusst verrechnet. Der Ausdruck stammt von Karl Bühlers (1879-1963) Assistent Egon Brunswik Edler von Korompa (1903-1955). Sie lässt uns das Konstante, Substantielle im Wandel des Akzidentellen erfassen, wenn wir z. B. bei der Gesichtserkennung oder in Karikaturen Charakteristisches sofort einer Person zuordnen, ohne uns subjektiv anstrengen oder lange nachdenken zu müssen. Das Entstehen einer Wahrnehmung aus komplexeren, ganzheitlichen "Vorgestalten" und das Ausdifferenzieren von Wahrnehmungsinhalten nannte die Gestaltpsychologie (Friedrich Sander, 1889-1971, und seine Schüler) Aktualgenese.

 

- Kohärenzfaktoren der Gestalt:
Als Kohärenzfaktoren der Gestalt bezeichnet man seit 1923 Kriterien, nach denen Einzelteile im Gehirn zu einer Gestalt zusammengefügt werden (nach Georg Elias Nathaniel Müller, 1850-1934)

* Nähe

* Gleichheit, Ähnlichkeit

* Symmetrie

* Einfachheit, Prägnanz, „gute“ Gestalt (die auch dort erkannt wird, wo gar keine reale Entsprechung vorhanden ist: z. B. - bei fast allen Völkern - Sternbilder, Felsformationen)

* Geschlossenheit, Verbundenheit

* Kontur, Kontinuität, „gute“ Fortsetzung

* Gleichzeitigkeit, gemeinsames „Schicksal“, gemeinsame Region

 

- Intuition:
Die angesprochene vorrationale Erkenntnisleistung erscheint oft (im Gegensatz zu detailliertem Wissen) als diffuse Ahnung, als Intuition (s. a. o.). Darunter versteht Gerd Gigerenzer (*1947) „gefühltes Wissen, das rasch im Bewusstsein auftaucht, dessen tiefere Gründe uns nicht bewusst sind, das aber stark genug ist, um danach zu handeln“. Es handle sich um „einfache Heuristiken, die evoluierte Fähigkeiten benutzen“, unsere Entscheidungen lenken und dabei nicht immer, aber oft durch die „Intelligenz des Unbewussten“ erfolgreich und komplexen statistischen Verfahren überlegen seien.

Nach Herbert Alexander Simon (1916-2001, Nobelpreis 1978, einer der Mitbegründer der Disziplin der Künstlichen Intelligenz und der Verhaltensökonomie, die Ökonomie und Psychologie miteinander zu verbinden versucht) besteht Intuition in einer nicht bis ins Bewusstsein dringenden, automatischen Anwendung der Gedächtnisinhalte durch das Denk- und Entscheidungssystem 1 (vgl. auch unten bzw. oben). Die jeweilige Situation liefere einen Hinweisreiz (cue), der Gedächtnisinhalte aktiviere, die dann für eine Entscheidung herangezogen werden, deren Gründe man - wie z. B. auch bei der Gesichtserkennung - „weiß, ohne sie zu wissen“. Simon meint: „Intuition is nothing more and nothing less than recognition“. Sie beruhe auf „implizitem Wissen“, also auf solchem, an dessen Erwerb wir keine Erinnerung haben (da es bereits bei der Geburt, evolutionär in uns „eingebaut“, vorhanden sei oder wir es in der frühen Kindheit erworben haben).

 

WOVON HÄNGT AB, WAS UND WIE WIR WAHRNEHMEN?

- Angeborene oder erworbene Voraussetzungen:
* angeborene Anschauungsformen (wir können epistemologisch nur so „funktionieren“, wie unser Gehirn das zulässt)

* Intaktheit bzw. Vorhandensein der Sinnesorgane (für Raum, Zeit z. B. vorhanden, für Magnetismus nicht; z. T. trainierbar). Insgesamt lassen uns unsere Rezeptoren nur einen winzigen Bruchteil der Welt verarbeiten (und auch der ist anders, als wir annehmen).

* psychische Voraussetzungen (vgl. etwa u. Trugwahrnehmungen)

* von der Bereitschaft wahrzunehmen (Neugier, Interesse vs. Apperzeptionsverweigerung)

* Vorhandensein von Hyperästhesie oder Hypoästhesie (Über- bzw. Unempfindlichkeit gegenüber Reizen, die überhäufig / seltener oder sehr intensiv / weniger intensiv erlebt werden)

* davon, was unser Gehirn durch seine „Filter“ über die Bewusstseinsschwelle lässt. Nach dem Flaschenhalsmodell von Frederic Vester (1925-2003) werden nur wenige der eingehenden Reize bewusst weiterverarbeitet. (Theorie: Bei so genannten Savants, die - oft autistisch, 6 von 7 sind männlich - als Rechenkünstler, Detailzeichner etc. Spezialbegabungen / Inselbegabungen aufweisen, funktionieren diese Filter nicht; alles wird durchgelassen, der „Zensor“, der Wichtiges von Unwichtigem unterscheidet, ist abgeschaltet, was manchmal mit einem selbstständigen Leben unvereinbar ist.)

Insgesamt müssen wir uns immer der Tatsache bewusst sein, dass wir nicht die Realität wahrnehmen, sondern ihre Interpretation durch unser Gehirn, dessen (Vor)arbeit uns meist nicht bewusst wird.

 

- Einstellung und Aufmerksamkeit:
* wenn ein wichtiges Ereignis die Aufmerksamkeit völlig in Beschlag nimmt, kann ein anderes nicht wahrgenommen werden (z. B. Autounfall im Zentrum, stolperndes Kind an der Peripherie des Gesichtsfeldes). Die Wahrnehmungsselektion erfolgt durch das Gehirn unbewusst nach den Kriterien „bekannt / unbekannt“ bzw. „wichtig / unwichtig“. Neue und wichtige perzeptive (wahrgenommene), kognitive (gedachte) und emotionale (gefühlte) Geschehnisse werden im Langzeitgedächtnis weiterverarbeitet.

* (Cocktail)party-Effekt: Dieser Ausdruck wurde 1953 von Edward Colin Cherry (1914-1979) geprägt. Ex.: Willkürliches Lenken der Aufmerksamkeit auf eine von mehreren Gesprächsgruppen und Umzuschalten in eine andere ist möglich. = Selektive Aufmerksamkeit

* (Vor)einstellungen lassen die Wahrnehmung ungenau werden. Ex.: Das ukrainische Ushgorod erscheint den meisten Wienern viel weiter als Bregenz entfernt, da ihnen die (ca. 60km Luftlinie fernere) österreichische Stadt innerlich näher liegt. Die Erklärung durch das Directive State Concept von Allport, s. o., - Bedürfnisse, Werte, Wünsche, Motive etc. beeinflussen unsere Wahrnehmung - wurde  zum Konzept von der hypothesengeleiteten Wahrnehmung - objektive Informationen werden verzerrend an die eigenen Hypothesen über die Realität unbewusst angeglichen - weiterentwickelt; verwandt mit social perception). Vgl. auch Ex.: eine wertvolle Münze und mehrere Pappscheiben mit verschiedenen Durchmessern werden hintereinander abgetastet. Soll die gleichgroße Pappscheibe bestimmt werden, wird meist auf eine größere getippt (Münzen sind wertvoller als Pappe und werden daher in ihrer Größe überschätzt. Die Psychophysik, s. o., untersucht die wechselseitige Abhängigkeit von realer Umwelt und dem Erleben.)

* Priming-Effekt: Die bewusste Ausnutzung der Tatsache, dass die Verarbeitung eines Reizes durch vorangegangene Reize beeinflusst wird, nennt man Priming-Effekt (s. u.).

 

- Bezugsrahmen:
* Bezugsrahmen: Von ihm hängt ab, ob etwas groß / klein, warm / kalt, bewegt / unbewegt etc. erscheint. Fällt er weg oder ändert er sich, ist eine geordnete Wahrnehmung nicht mehr möglich (Beispiel dazu s. z. B. o.) oder derselbe Wahrnehmungsinhalt erscheint plötzlich anders. Vgl. „Context“ oder folgende Darstellung:

Graphik: Der objektiv identische Farbton der Buchstaben erscheint je nach Hintergrundfarbe unterschiedlich.

ABC

ABC

* Wir nehmen nur wahr, was sich verändert (z. B. NICHT den Druck der Kleidung auf der Haut, das Mühlrad, das immer klappert etc; vgl. auch Fixationsblindheit s. o. etc.)

 

- Ausdruck und Eindruck:
* Ausdruck: Jeder Mensch erlebt Reize, abhängig von seiner Vorgeschichte und seiner "Ausstattung", in einer individuellen Art und Weise. "Ausdruck ist dasjenige an einer Wahrnehmung, was unter Mitwirkung des Denkens in uns eine gefühlsmäßige, emotionelle Reaktion auslöst." (Rohracher) Ausdruck wird daher vom Reizempfänger definiert. (Von Werner Herkner wurden z. B. die Ausdruckswirkungen klassischer Instrumente eines Symphonieorchesters untersucht und dabei in Sonagrammen das unterschiedliche Spektrum an Obertönen berücksichtigt. Die Charakteristik eines Schallereignisses wird auch von konstanten Oberschwingungen, den Formanten, geprägt. All dies bestimmt zusammen mit Ansatz-, Einschwinggeräuschen und feinmodulatorischen Veränderungen die Klangfarbe. Wissenschaftliche Ansätze, nennt man experimentelle Ästhetik.)

* Eindruck: Unter Eindruck versteht man genau diese Reaktion. Menschen machen laut Rohracher Eindruck (via ihre Ausdruckserscheinungen) durch ihre Physiognomie, ihre Mimik, ihre Gestik und Motorik, ihre Stimme und Sprechweise und ihre Schrift. Um den Eindruck fassbar zu machen, werden Polaritätsprofile verwendet.

 

 


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