Diese Seite ist Teil der Homepage von Thomas Knob aus Österreich. - Letzte Änderung 20.8.2016

 


Vorbemerkung:
Dieses Kompendium dient dem Verfasser und seinen Schülerinnen und Schülern vor allem als Vorlage für den gymnasialen Schulunterricht im Unterrichtsfach "Psychologie" und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Fehlerlosigkeit.
Es ist hemmungslos eklektizistisch und will Hilfestellung für Lehrende und Lernende, nicht Wiedergabe eigener Forschungen sein. Quellenangaben werden, soweit dies möglich ist, beigegeben.
Sollten diesbezüglich (oder anderweitig) Fehler bzw. Unterlassungen passiert sein, so möge dies bitte nachgesehen und über die beigegebene Mailadresse gemeldet werden. So bald wie möglich werden Korrekturen erfolgen.

 

 

KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 2. TEIL

(mit LINKS ins Internet)

 

 


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INHALT DES 2. TEILS:

III. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE
(Definitionen - Phasen der psychischen Entwicklung - Entwicklungsstörungen - Geistige Behinderung) ø
IV. PÄDAGOGIK (Historische Auffassungen - Erziehungsstile - Erziehungsziele) ø


 

 


III. ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE
 

 

 

Die Entwicklungspsychologie befasst sich mit der Beschreibung und Erklärung der Veränderungen des Erlebens und Verhaltens eines Menschen im Laufe seiner Lebenszeit.
Vgl. Entwicklungspsychologie-Informationen

 

DEFINITIONEN:

- Entwicklung:
Entwicklung ist die Entfaltung eines zweckhaften Ganzen in Auseinandersetzung mit anderen zweckhaften Ganzen. Es handelt sich um einen irreversiblen Differenzierungsprozess, an dessen Ende Mündigkeit (Selbständigkeit, Lebensausstattung, Identität) steht (stehen soll).

- Programmierung:
Die zu entwickelnden Programme des Menschen sind z. T. offene Programme (z. B.: Fähigkeit zur Sprache ist angeboren und nach entsprechender Reifung abrufbar, der Inhalt [ob Englisch, Chinesisch etc.] nicht.

- Prägung:
(Irreversible) Fixierung eines Triebes auf ein Objekt (z. B. bei Gänsevögeln die durch das erste im Leben wahrgenommen bewegte Objekt ausgelöste Nachlaufprägung; beim Menschen spricht man von der Prägung auf Bezugspersonen, auf die Landschaft der Umgebung, in der er aufwächst, etc.).

- Reifung:
Reifung erfolgt von selbst und schafft die Voraussetzungen für das Lernen (z. B. Cortexreifung, Reifung des Stützapparates etc.).

- Lernen:
Lernen (jede durch Umwelt- oder Erfahrungswirkung provozierte Verhaltensänderung) wird durch Erziehung (= alle Einwirkungen, die Menschen zum Lernen veranlassen) in Gang gesetzt und erfolgt durch direkten Umweltkontakt, durch unbewusste zwischenmenschliche Einwirkungen (Funktionale Erziehung) oder durch bewusste, gezielte Maßnahmen (Intentionale Erziehung). In sog. Sensiblen Perioden (Phasen) erfolgt das Lernen leichter als danach. Die Einwirkung anderer ist deshalb notwendig, da es im Wesen des Menschen liegt, dass er allein nicht überleben kann, vgl. Kaspar-Hauser-Ex.: Friedrich II ließ Kinder isoliert aufwachsen, um herauszufinden, ob Hebräisch, Griechisch oder Latein die Ursprache sei (Deprivationsex.) => Tod der Kinder durch mangelnden Sozialkontakt. (Der "historische" K. Hauser lebte viel später.) Vgl. auch Aristoteles: "Der Mensch ist ein geselliges Wesen" (zóon politikón)

- Phase:
Phase
ist ein Zeitabschnitt (mit z. T. recht willkürlichen Grenzen), dem ein Ordnungsprinzip zugrunde liegt (ähnlich z. B. den Literaturepochen). Angabe mit Semikolon (1. Zahl = Jahr, 2. Zahl = Monat)

- Die vier Grundfragen der Entwicklungspsychologie:
Nach Heinz Heckhausen können folgende jeweils zwischen zwei Gegenpositionen hin und her pendelnde Grundfragen formuliert werden:
* Ist das Kind ein kleiner Erwachsener, oder ist der Erwachsene ein groß gewordenes Kind?
* Ist das Kind ein aktiver Erkunder oder ein passiver Empfänger?
* Ist das Kind ein Bündel von Elementarprozessen oder ein integriertes Gesamtsystem?
* Sind die Ergebnisse der kindlichen Entwicklung stärker von Erbfaktoren oder von Umwelteinflüssen bestimmt?

 

PHASEN DER PSYCHISCHEN ENTWICKLUNG

 

(Phaseneinteilung nach Marian Heitger, Erziehen, Lehren, Lernen. ORF-Lehrgang)

- 0;0 bis 0;6: Säuglingsalter:
* Ordnungsprinzip der ersten Phase: Kennenlernen des eigenen Körpers und seiner Zustände

Ich  «  Körper


* Schwangerschaft bis Geburt: Vgl. die entsprechenden Seiten von Netdoktor.at, das Babynet und Rund ums Baby. Der Mensch kommt im ø nach 281 Tagen Tragezeit (Naegele-Regel zur Errechnung des voraussichtlichen Geburtstermins: 1. Tag der letzten Menstruation minus 3 Monate plus 7 Tage), normalerweise aus der Kopflage, auf die Welt (4 von 100 bereits vor der 37. Schwangerschaftswoche, kaum nach der 42. Woche, da die Geburt dann künstlich eingeleitet wird.). Statistik: Das Erstgeburtsalter liegt in Österreich im ø bei 29 Jahren. In letzter Zeit wieder leichter Anstieg der absoluten Geburtenzahlen. 2014 gab es in Österreich (ca. 8 Mio. Ew.) 81 722 geborene Kinder. 2001 waren es bei 3,6% Rückgang zum Vorjahr (Grund: In den Post-Babyboom-Jahrgängen immer weniger potentielle Eltern und immer häufiger bewusste Kinderlosigkeit) nur 75 458 Geburten (Rekordtiefststand; etwas mehr als Sterbefälle; 33,1% davon - Rekordwert! - unehelich; ca. 69 000 Inländer. Vgl. 1994 ca. 92 000 Geburten. Die Fertilitätsrate (die schon bei 1,31 pro Frau lag) betrug 2014 1,46 Kinder pro Frau; vgl. Statistik Austria). Alle Zahlen sind deutlich geringer als vor Aufkommen der "Anti-Baby-Pille", die trotz kirchlicher Proteste (vgl. Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul IV.) das wichtigste Kontrazeptivum geworden ist, in den 60er-Jahren. Folge: Durchschnittsalter der Österreicher (2014 ca. 40) wird bis 2030 auf über 45 steigen. Zur Zeit (2014) 15% (1950: 23%) unter 19, 18 % (1950: 11%) über 65. (2030 werden die Über-60jährigen ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen!).

 

 

     

 

Quelle: Statitik Austria (htp://www.statistik.at)

 

Durchschnittliche Maße eines neugeborenen Kindes:
° ø 51 cm Länge
° ø 3400 g Gewicht (alles unter 2500 g wird Frühgeburt, small for date, genannt = etwa 6 von 100 Neugeborenen; ebenso viele wiegen über 4000 g; vgl. Informationen für Eltern Frühgeborener)
° ø 35 cm Kopfumfang

Knaben und Zweitgeborene sind im Durchschnitt größer und schwerer als Mädchen und Erstgeborene.
Der Mensch ist (vom Anthropologen A. Portmann) als "Physiologische Frühgeburt" mit verkürzter Embryonalentwicklung (durch Gehirnentwicklung zu großer Kopfumfang für späteren Geburtstermin => Gehirnentwicklung nicht abgeschlossen, selbstständiges Bewegen unmöglich etc) und bereits von Herder aufgrund seiner Instinktreduktion als "Mängelwesen" bezeichnet worden; er verfügt über keine biologischen Waffen, jedoch für einige Zeit über z. T. atavistische

* Säuglingsreflexe (z. T. rudimentär; vgl. Video 1, 2):

° Suchreflex: Bestreichen der Wange bewirkt eine Kopfbewegung in Richtung des Reizes
° Saugreflex: Berühren der Lippe bewirkt Saugen
° Schluckreflex: tritt beim Füttern bis ca. zum 3. Lebensmonat automatisch auf
° Greifreflex: Fingerbeugung bei Bestreichen der Handinnenflächen (palmar; analog plantar auch an der Fußsohle auslösbar); sehr stark (Kind bleibt an einer Wäscheleine hängen (atavistisch!)
° Schreitreflex: in der Senkrechten gehalten "geht" ein Säugling, wenn seine Füße den Untergrund berühren
° Aufrichtungsreflex: Wird während des Schreitens (s. o.) plötzlicher Druck auf eine Fußsohle ausgeübt, zeigt der Säugling Stehbereitschaft (Streckung des entsprechenden Beines, Beugung des anderen)
° Babkinreflex: Beim Druck auf beide Handflächen öffnet das Kind den Mund, schließt die Augen und neigt den Kopf nach vorne (auch Hand-Mund-Reflex; nach dem russisch-kanadischen Neurologen Boris Petrowitsch Babkin, 1877-1950)
° Babinskireflex: Kind spreizt Zehen, wenn man über die Sohle streicht (nach dem Pariser Joseph F. Babinski, 1857-1932)
° Schwimmreflex: tritt im Wasser auf
° Mororeflex: plötzliche passive Veränderung des Kopfes oder beidseitiges Schlagen auf den Polster neben den Ohren bewirkt Aufreißen der Arme mit gespreizten Fingern und danach langsames Zusammenführen der Arme der Brust (nach dem deutschen Kinderarzt Ernst Moro, 1874-1951)
° Galant-Rückgratreflex: Kind krümmt sich in die entsprechende Richtung, wenn seitlich der Wirbelsäule entlanggestrichen wird
° Kind stößt sich mit den Füßen ab, wenn es Widerstand spürt
° Tonischer Nackenreflex: In Rückenlage dreht der Säugling seinen Kopf bei auf dieser Seite gestreckten Gliedmaßen meist nach rechts

Die Reflexe ersetzen das noch nicht ausgeprägte planvolle Handeln; wenn sie nach einiger Zeit mit zunehmender Hirnreifung nicht verschwinden (meist längstens nach 6 Monaten), nur einseitig oder überhaupt nicht auftreten, deutet dies auf eine Entwicklungsstörung (s. u.) hin.

* Im Krankenhaus:
(in Holland z. B. etwa 90% Hausgeburten!)

° Betreuung der Geburt (verschiedene Methoden: sectio caesaris, mit und ohne Dammschnitt, mit und ohne Schmerzmittel, im Liegen, Hocken, auf dem Gebärstuhl, unter Wasser etc. Methodenwahl sinnvollerweise bereits im Laufe der Schwangerschaft festlegen! Vgl. Beschreibung verschiedener Möglichkeiten und Alle österreichischen Geburtenstationen)
° Apgar-Test: Vergabe von je 2 Punkten für Hautfarbe, Muskeltonus, Atmung, Herzschlag und Reflexe eine Minute (Mittelwert 9 Pt.) und fünf Minuten (Mittelwert 10 Pt.) nach der Geburt (nach Virginia Apgar, 1909-1974)
° Neugeborenenscreening (vgl. Seite neoscreening.ch), zB PKU-Test (s. u.)
° Versorgung des Neugeborenen (Säubern, Stillgeschäft in Gang bringen, z. T. noch unabgenabelt und mit Käseschmiere, hinlegen, z. B. rooming in, etc.)
° Ausführliche pädiatrische Untersuchung in den ersten Tagen nach der Geburt (z. B. um eine Hüftgelenksdysplasie u. a. sofort zu erkennen, Vitamin D als Rachitis-Prophylaxe anzuordnen etc.)

* Erste Entwicklung: Erster Atemzug innerhalb der ersten 20 Sekunden. Neugeborene nehmen zunächst ab (Tiefstwert 3. Tag, maximal tolerabel 10%), nach 10 Tagen haben sie ihr Geburtsgewicht wieder erreicht. Abfallen des Nabelschnurrestes nach etwa 8 Tagen. Oft leichter Ikterus nach dem dritten Tag. Erste Miktion unmittelbar post partum, erster Stuhl (Mekonium) schwarz, dann aromatische Muttermilchstühle.

* Vorteile des Stillens: Nahrung immer zur "Hand", gesund, verbunden mit Sozialkontakten, selbstständige Angebot-Nachfrage-Regelung

* Entwicklung bis 0;6: Nach 3-4 Monaten Verdopplung des Geburtsgewichtes (nach einem Jahr Verdreifachung). Größe mit 0;6 ø 66 cm. Mit ca. 5 Wochen Kopfheben aus der Bauchlage, mit etwa drei Monaten selbständiges Kopfwenden, erst später selbständiges Drehen von der Bauch- in die Rückenlage. (Vorteile der Rückenlage: ev. größeres Wahrnehmungsfeld, weniger SIDS-(Sudden Infant Death Syndrom)-Fälle (vgl. Risikofragebogen, Seite 1, Seite 2); Vorteile der Bauchlage: geringere Erstickungsgefahr bei ev. Erbrechen). Mit etwa 0;4 Greifen nach angebotenen Gegenständen. Zahnentwicklung unterschiedlich (zT auch erst nach 0;6, beginnend mit den unteren Schneidezähnen). Gebrauch der Sprechwerkzeuge unspezifisch. (Am Beginn der Sprachentwicklung stehen Lallmonologe).

* Sozialentwicklung: erstes Lächeln mit 7-9 Wochen (auch taubblind Geborene lächeln => angeborene Verhaltensweise). Gesichter werden zunächst nur schemenhaft erfasst (vgl. folgende Seite), aber anderen Mustern vorgezogen. Eltern reagieren auf das angeborene "Kindchenschema". Mit 0;3 Erkennen von Bezugspersonen (oder zumindest immer gleichen Situationen) => Konstante Umwelt (Personen wichtiger als Sachen) anzustreben. Gefahr bei dauernd wechselnden Bezugspersonen: Hospitalismus (von R. Spitz geprägter Ausdruck für ein zunächst in Spitälern beobachtetes Erscheinungsbild der psychischen Verwahrlosung, die sich in Verhaltensstörungen, zB Iaktation, Enuresis, Enkopresis etc, und retardierter Entwicklung äußert. "Gefühlsmangelkrankheit".) Vgl. Hospitalismus. Zu Bezugs- und anderen Problemen im Falle einer Scheidung der Eltern siehe Opfer der Rosenkriege - Rollenmissbrauch der Kinder.

Wichtig ist ´daher die Herstellung des sog. Urvertrauens (vs. Urmisstrauen, = 1. Identitätsstufe nach Erik Homburger Erikson), da sich eine in dieser Zeit erworbene positive Grundhaltung durch das gesamte Leben zieht.
Zu Erikson (1902-1994) vgl. diese Links und die folgende Tabellenübersicht der von Erikson in seinen Büchern Childhood and Society 1950 und Identität und Lebenszyklus 1966 in Anlehnung an Freuds psychosexuelle Phasen (s. u.) erstellten psychosozialen Phasen ("Identitätsstufen"):

Stufen der Identität: Beschreibung ("Epigenese der Identität"): Zitate:
1. Identitätsstufe (ca. 0;0-1;0): Urvertrauens vs. Urmisstrauen "Ich bin, was man mir gibt."
2. Identitätsstufe (ca. 1;0-3;0): Autonomie vs. Scham, Zweifel "Ich bin, was ich will."
3. Identitätsstufe (ca. 3;0-5;0): Initiative vs. Schuldgefühl "Ich bin, was ich mir zu werden vorstellen kann."
4. Identitätsstufe: (ca. 5;0-12;0) Werksinn, Leistung vs. Minderwertigkeitsgefühl "Ich bin, was ich lerne."
5. Identitätsstufe (ca. 12;0-20;0): Erwachsenenidentität vs. Identitätsdiffusion "Ich bin, was ich bin."
6. Identitätsstufe (ca. 20;0-45;0): Intimität vs. Isolierung "Ich bin, was mich liebenswert macht."
7. Identitätsstufe (ca. 45;0-65;0) : Generativität vs. Selbstabsorption, Stagnation "Ich bin, was ich bereit bin zu geben."
8. Identitätsstufe (ca. 65;0-100;0): Ich-Integrität vs. Verzweiflung, Lebensekel "Ich bin, was von mir überlebt."



http://www.jogolis-kindergarten.de/wordpress/?page_id=82

 

- 0;6 bis 2;6: Frühkindheit:
* Ordnungsprinzip der zweiten Phase: Kennenlernen der gegenständlichen Welt


Ich

Ding 1 .... Ding 2 .... Ding 3 .... Ding 4 .... Ding n

* Wende: Erlernen des Sitzens => Greifraum und Sehraum überschneiden einander, dadurch neue Möglichkeiten des Spielens

* Spielzeug: Soll Erfassen der Dingwelt in allen Facetten unterstützen. Begriffe entstehen durch Begreifen. Auch Dinge des alltäglichen Gebrauchs werden zum "Spielzeug" => Unfallgefahr (z. B. Putzmittel, Medikamente etc.) durch Vorliebe, alles in den Mund zu stecken. (Im Zweifel Auskunft bei der Vergiftungsinformationszentrale unter Wiener Tel.: 406 43 43 - und in Deutschland bei der Giftzentrale)

* Sprache: (Zur frühkindlichen Sprachentwicklung vgl. folgende Dissertation.) Die Funktionsweise der Sprechwerkzeuge wird weiterhin trainiert, wobei in den Lallmonologen bereits sprachtypische Intonationsmuster erkannt werden können. Sprachfähigkeit muss von den Eltern antizipiert (vorweggenommen) werden, um entstehen zu können (Vorbildwirkung grammatikalisch richtiger Sätze). Die "Mutter"sprache wird schon von Geburt an anderen vorgezogen (da das Gehör zumindest in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft eine Gewöhnung ermöglicht).  Bei mehrsprachigem Aufwachsen (empfohlen!) sollen die verschiedenen Sprachen eindeutig unterschiedlichen Personen oder Situationen (Vater/Mutter, Familie/Umgebung) zugeordnet sein. Erst wenn das Kind sich der Mehrsprachigkeit bewusst wird (2./3. Lj.), kann es gezielt umschalten. Nach dem 12. Lj. ist ein völlig akzentfreies Erlernen einer Fremdsprache nicht mehr leicht möglich.
Zunächst Einwortsätze (80% Substantiva, 20% Verben), dann ganze Sätze, die parataktisch gereiht werden. Wortschatz etwa 300 Wörter. Dominierende Frageform: Was-Fragen ("1. Fragealter").
Vgl. Tutorial Sprache und Gehirn

* Motorik, physische Entwicklung: Stehen- und Gehen lernen (zwischen 0;9 und 1;2), ohne Gefahren abschätzen zu können - Vorsicht: Straßenverkehr, Steckdosen, Fenster, Leitern...; Immer bessere Körperkoordination (zuerst oben und außen, dann unten und innen = kephalo-kaudaler bzw. proximo-distaler Trend); Ausbildung des Milchgebisses; selbständiges Essen und Ausscheiden; Veränderung der Körperproportionen (Verhältnis Kopf / Gesamtlänge bei Neugeborenen 1:4, bei Erwachsenen 1:8.) ø-Länge am Ende der Phase: über 90 cm. (Wachstumstempo nimmt ab.) In der zweiten Hälfte dieser Phase lässt die Feinmotorik bereits erste "Zeichnungen" zu, die zunächst nur aus schwer, wenn überhaupt identifizierbarem "Gekritzel" bestehen.

* Sozialentwicklung: Soziale Signale sind nicht mehr reflexartig, sondern werden gezielt an Bezugspersonen gerichtet, Anpassung an deren Forderungen wird möglich. 2. Identitätsstufe nach Erikson: Autonomie vs. Scham, Zweifel (Entspricht etwa Freuds "Analer Phase", s. Teil 4). Erste Erfahrungen mit der Selbstständigkeit erfordern positive Unterstützung, besonders bei Misserfolgserlebnissen, durch die Bezugspersonen. Regeln mit äußeren (Sanktionen) und inneren (Scham) Konsequenzen bei ihrer Übertretung werden erlernt.

Einen besonderen Stellenwert hat in dieser Altersstufe die Bindungstheorie: Im Hinblick auf die Sozialentwicklung wurde besonders das biologisch angelegte, durch das Hormon Oxytocin ("Kuschelhormon") maßgeblich beeinflusste bzw. dessen Ausschüttung beeinflussende Bindungsverhalten, dessen beidseitiges Ziel Schutz und Fürsorge ist und das vor allem unter Stress aktiviert wird, erforscht. Die psychologische Bindungstheorie geht auf John Bowlby (1907-1990) zurück, der - ursprünglich aus psychoanalytischer Sicht - die intensive emotionale Beziehung eines Säuglings zu einer Bezugsperson erforschte (erstmals 1958 in seiner Schrift The nature of the child’s tie to his mother, später in Child Care and the Growth of Love. Vgl. Can I leave my baby?). Seine Mitarbeiterin Mary Ainsworth (1913-1999) erstellte aufgrund ihrer Beobachtungen anhand des unten beschriebenen, berühmt gewordenen  Experiments folgende Bindungstypen:

Die vier Bindungstypen nach Mary Ainsworth:

Typ I: Sichere Bindung Die Kinder haben Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bezugsperson, Bindungs- und Explorationsverhalten stehen in Balance zueinander.
Typ II: Unsicher-vermeidende Bindung Die Kinder scheinen kaum unter der Trennung zu leiden (Pseudounabhängigkeit), das Explorationsverhalten dominiert.
Typ III: Unsicher-ambivalente Bindung Die Kinder leiden stark unter der Trennung, ein klammernd-aggressives Bindungsverhalten dominiert.
Typ IV: Desorganisierte Bindung Die Kinder verhalten sich widersprüchlich oder erstarren bzw. zeigen weder Bindungs- noch Explorationsverhalten.

Ex: Ainsworth entwarf für ihre Forschungen, die die Regulation von Nähe vs. Distanz zu der Bezugsperson bzw. das Verhältnis von Bindungs- (z. b. Weinen, Klammern, Nachfolgen) vs. Explorationsverhalten (Wegbewegen, Erkunden der Umwelt) des Kindes untersuchten, die so genannte "Fremde Situation" (vgl. folgendes Video): In einem standardisierten Setting von 8 ca. dreiminütigen Abschnitten betritt das beobachtete, ca. einjährige Kind in Stadium I mit seiner Mutter ein Zimmer und spielt in ihrer Anwesenheit, aber ohne ihr Zutun (Stadium II). In Stadium III betritt eine fremde Person das Zimmer und nimmt Kontakt zu Mutter und Kind auf. In Stadium IV verlässt die Mutter das Zimmer und lässt ihr Kind zurück, um das sich nun die fremde Person kümmert. In Stadium V kehrt sie wieder, die fremde Person geht. In Stadium VI wird das Kind von beiden Personen allein gelassen. Stadium VII: nur die fremde Person betritt das Zimmer und nimmt Kontakt zum Kind auf. In Stadium VIII kommt die Mutter erneut zurück, die fremde Person verlässt den Raum. Registriert werden im Zuge dieser Vorgänge die Verhaltensanteile des Kindes, die im Zusammenhang mit der Bezugsperson stehen bzw. jene, die der Umwelt zugewandt sind. (Man hatte erwartet, dass in Anwesenheit der Mütter das Explorationsverhalten, in ihrer Abwesenheit das Bindungsverhalten dominieren würde. Dies trifft jedoch nur für Typ I zu.) Ainsworth beobachtete darüber hinaus einen Zusammenhang zwischen den Bindungstypen und dem Verhalten der Mütter: Bei Typ I verhielten sie sich situationsangemessen, bei Typ II ihren Kindern gegenüber abwehrend-distanziert, bei Typ III inkonsequent und nicht konstant und bei Typ IV angstauslösend oder selbst ängstlich. Es erübrigt sich festzuhalten, dass die sichere Bindung einer der wichtigsten Resilienzfaktoren - s. u. - für das spätere Leben darstellt.

 

 

- 2;6 bis 5;6: Kleinkindalter:
* Ordnungsprinzip der dritten Phase: Kennen lernen immer neuer Einzelheiten der gegenständlichen Welt und ihrer Beziehung zueinander


Ich

Ding 1  «  Ding 2   «   Ding 3  «   Ding 4  «   Ding n

* Moralentwicklung: Am (vor) Beginn dieser Phase Entstehen des Ich-Bewusstsein, meist verknüpft mit Gedächtnis (erste bewusste Erinnerung fällt in diese Zeit). Damit kann sich das Kind als Urheber eigener Handlungen erkennen, für die es Verantwortung übernehmen kann. Können wird erlebt als begrenzt von Wollen und Sollen. 3. Identitätsstufe nach Erikson: Initiative vs. Schuldgefühl (je nachdem, wie Eltern auf die Eigeninitiative des Kindes, das die Realität immer weiter gehend erkundet und eigene Erfahrungen machen soll, reagieren). Moralstadien nach Lawrence Kohlberg (1927- Selbstmord 1987): In diesem Alter präkonventionelle Phase (reine Strafvermeidungsmoral, vice versa Anstreben von Belohnungen)

* Sprache: Warum-Fragen lösen Was-Frage ab ("2. Fragealter"), Nebensätze entstehen (hypotaktische Fügung) Sprachschöpferische Tätigkeit (Neologismen). Mit 4;0 Wortschatz ca. 1000 Wörter (± x).

* Sozialentwicklung: am Beginn der Phase, sog. Trotzalter, ein erster Abgrenzungsversuch von den Eltern. Wenn sich das Verhalten nicht ändert => fixierter Trotz. Zeichnungen: Menschen werden zunächst als Kephalopoden dargestellt, später immer mehr Details. Bei Sozialstörungen wird therapeutisch, auch in späteren Phasen, oft die Kinderzeichnung eingesetzt. (z. B.: "Stelle deine Familie in Form von Tieren dar!" - Art, Größe und Stellung zueinander lassen dann Rückschlüsse zu.). Weitere Themen sind soziale Beziehungen außerhalb der Familie (Kindergarten) und allmählich das Erkennen und Be- (Ver)handeln unterschiedlicher Interessen von Eltern und Kindern.

Bekannt wurde das Belohnungsaufschubparadigma durch die von Walter Mischel (geb. 1930 in Wien) in den 60er-Jahren an der Stanford University in den USA durchführten Marshmellow-Exe, bei denen Kindern die doppelte Anzahl von sichtbaren Marshmellows versprochen wurde, wenn sie - allein in einem Raum - diese nicht gleich essen, sondern auf die Rückkehr des Versuchsleiters (meist nach 15 Minuten) warten würden: Wer mit ca. 4 Jahren eher in der Lage sei, Belohnungen längerfristig aufzuschieben, habe eine höhere Chance Jahrzehnte später frustrationstolerant und erfolgreich zu sein als "Low delayer". Es gebe aber keinen diesbezüglichen Automatismus.

Das kindliche Spiel nimmt im Rahmen der Sozialentwicklung einen wichtigen Stellenwert ein. (Als verwandtes Phänomen hat auch der Sport entwicklungspsychologische Aspekte, indem er Kindern und Jugendlichen Disziplin, Fairness, Charakterbildung, Ausdauer, Selbstwahrnehmung, Sozialverhalten etc. abverlangt.) Man unterscheidet:

° Funktionsspiel (spontane, sensomotorische Bewegungsspiele, die schon in der ersten Lebensphase möglich sind)
° Konstruktionsspiel (zielgerichtetes Herstellen neuer Strukturen aus gegebenen Materialien)
° Rollenspiel (symbolisches Spielen, das das Einnehmen anderer Perspektiven schult)
° Regelspiel (setzen gewisse soziale und kognitive Fähigkeiten voraus. Als "Nullsummenspiele" erzeugen sie Gewinner und Verlierer.)
  ° Informationsspiel (meist im Zusammenhang mit Bildung und Schule gebrauchte, nicht zweckfreie Methode, das Lernen zu unterstützen)

- 5;6 bis 8;6: Phase der Schulfähigkeit:
* Ordnungsprinzip der vierten Phase: Eine Aufgabe kann als Aufgabe erkannt und bewusst erfüllt werden. Voraussetzung dafür: Anfang und Ende einer Handlung können aufeinander bezogen werden, da das Kind nicht nur im, sondern auch über dem Zeitablauf steht. Die Reife eines Kindes lässt sich u.a. am selbst gewählten Anspruchsniveau (Begriff von K. Lewin, s. u.) erkennen, wenn es z. B. im Ex. aus mehreren unterschiedlich schweren Gewichten eines auswählen soll, das es mutmaßlich zu heben imstande ist. (Unreife Kinder wählen oft völlig unrealistisch viel zu schwere Gewichte.) 4. Identitätsstufe nach Erikson: Werksinn, Leistung vs. Minderwertigkeitsgefühl (je nachdem, ob Kinder ihre "Arbeit" als positiven Beitrag erleben können oder Erfolgserlebnisse, die die Bezugspersonen zulassen bzw. ermöglichen sollen, ausbleiben)


Ich

Akt                                  Akt

________________________________________________> Zeit
Anfang eines Aktes       «       Ende eines Aktes

* Sprache: Passivsätze, Wortschatzerweiterung (Höhepunkt vermutlich erst zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr!)

* Moral- und Sozialentwicklung: Im Laufe der Kindheit (nicht nur in dieser Phase) erfolgt die Übernahme von gewissen Lenes- und Moralauffassungen, mit denen das Kind durch andere (v. a. Eltern) bekannt gemacht wird (Internalisierung). Diese prägungsähnlichen Vorgänge sind sehr stabil und später auch bei rational gegenteiliger Einsicht schwer zu verändern.

 

- 8;6 bis 10;0: Reife Kindheit:
* Ordnungsprinzip der fünften Phase: Verstehen des Unterschiedes zwischen Sittlichkeit und Sachlichkeit. Das Kind erkennt den Unterschied zwischen Wahr und Falsch (Instanz: Wissen) und Gut und Böse (Instanz: Gewissen) und fragt nach einem letzten Prinzip

*
Kognitive Entwicklung: Jean Piaget (aus der Schweiz; 1896-1980; s. a. u.: Phasen der Denkentwicklung) untersuchte (tw. schon in früheren Entwicklungsphasen) mit Invarianzaufgaben das Kausalverständnis. Die Invarianz von Anzahl-Substanz-Länge-Fläche-Gewicht-Volumen wird unterschiedlich früh verstanden (Volumen oft erst mit 14;0). (Piaget prägte auch - auf frühere Phasen bezogen - den Begriff Objektpermanenz: Ab welchem Alter erkennt ein Kind, dass ein z. B. durch ein Tuch abgedecktes Objekt trotzdem vorhanden ist?)
Vgl. Piaget (mit interaktivem Versuch), eine Seite der Piaget-Gesellschaft und die Piaget-Archive der Genfer Universität

 

- 10;0 bis 13;0: Vorpubertät:
*
Ordnungsprinzip der sechsten Phase: Erlernen des kritischen Stellungnehmens und Wertens. Erstes, noch unsystematisches Werten ist nicht nur als Abgrenzung, sondern auch als zweiter (nach dem Trotzalter) Ablösungsversuch von den Eltern zu verstehen. Erlernen des logisch aufgebauten Argumentierens durch Auseinandersetzung mit anderen Meinungen.

*
Moral: konventionelle Phase (altruistische, aber noch heteronome Moral: Einhaltung der Ordnung, "Goldene Regel")

* Körperliche Entwicklung: Am Phasenende (bei Mädchen zunehmend am Anfang): Geschlechtsreife - Akzeleration (körperliche oder psychische Entwicklungsbeschleunigung): Geschlechtsreife von Generation zu Generation früher, Körpergröße nimmt zu

*
Sprache: abstrakte Begriffe, komplizierte Konstruktionen

 

- 13;0 bis 17;0: Pubertät:
* Ordnungsprinzip der siebenten Phase: Frage nach dem Maßstab des Wertens und dem Logos der Psyche. Das unsystematische, emotionelle Argumentieren wird systematisiert und in einen Wertekatalog eingebettet. Sinnfragen entstehen.

*
Physische Entwicklung: Abschluss der körperlichen Entwicklung (Längenwachstum, zweites Gebiss etc.)

*
Moral: postkonventionelle Phase (eine auf abstrakten philosophischen Prinzipien beruhende Moral, die Autonomie aufweist und daher nicht von jedem erreicht wird). Werte (Moralgrundlagen) wie Gerechtigkeit, Schadenvermeidung und Autonomie können theoretisch hergeleitet werden.
Abschluss der Psychischen Entwicklung ist (sollte sein): Mündigkeit (heißt nach I. Kant, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer bedienen zu können, vgl. Originalzitat).
Vgl. Übersicht und Quiz zu den Moralphasen Kohlbergs

 

- 17;0 bis 20;0: Adoleszenz:
* 5. Identitätsstufe nach Erikson: Erwachsenenidentität vs. Identitätsdiffusion (das Selbstkonzept zerfließt), negative Identität (von der Gesellschaft nicht anerkannte Rolle), Rollenkonfusion. Temporär sind Identitätskonflikte genuiner Bestandteil der Adoleszenz (dieser Abschnitt wird von Marcia Moratorium genannt), dauerhaft fehlendes Commitment (Sich-zu-etwas-bestimmen-Können) auch nach Explorationsphasen führt zu Problemen. Commitment ohne Explorationsphase enthält die Gefahr einer nur übernommenen Identität. Teilaspekte: Sinnfindung durch Identifikationen (bei Störung, z. B. "0 Bock", Gefahr der Drogenabhängigkeit oder Kriminalität); Übernahme der Geschlechterrolle (die nicht nur biologisch, sondern auch sozial bestimmt wird, vgl. die ethnologischen Untersuchungen von Margaret Mead, für die das Selbst Resultat sozialer Austauschprozesse ist).

 

- 20;0 bis 30;0: Frühes Erwachsenenalter:
* 6. Identitätsstufe nach Erikson: Intimität vs. Isolierung: Phase des Aufbaus eines selbständigen Lebens. Die Fähigkeit zur Aufnahme tragfähiger Beziehungen ist von geklärter Identität abhängig. Von Fisher wurde zwischen Sexualität (von den Geschlechtshormonen gesteuert), Bindungsverhalten (oxytocin-, vasopressinabhängig) und romantischer Liebe (dopamin-, noradrenalingebunden, serotoninunterdrückend; aktiviert wie bei der Mutterliebe das Belohnungssystem und "macht blind") unterschieden. Einen günstigen Partnerschaftsverlauf lässt dyadisches Coping (die Partner erkennen die Belastungen des anderen und versuchen sie, einander unterstützend, gemeinsam zu meistern) und das Verhindern der von Bodemann so genannten 5 apokalyptischen Reiter (verallgemeinernde und verletzende Kritik, Bedienen der Eskalationsspirale durch Rechtfertigungen und Kontern der Kritik durch eigene Vorwürfe, Verachtung durch Zynismus und absichtliche Verletzungen, Rückzug und Machtdemonstration) erwarten (weniger bestimmte Persönlichkeitsmerkmale). Dem gegenüber stehen die 5 Liebesformeln von Kast: Zuwendung, Wir-Gefühl, Akzeptanz, positive Illusionen, Aufregung im Alltag.

 

- 30;0 bis 60;0: Erwachsenenalter:
* 7. Identitätsstufe nach Erikson: Generativität (Zeugende Fähigkeit) vs. Selbstabsorption, Stagnation (Entscheidung darüber, ob man das Gefühl erwirbt, etwas Geglücktes, für Folgegeneration Wertvolles, hervorzubringen und über das Ich hinausgehende Interessen zu verfolgen oder sich bei seinen Tätigkeiten - auf das eigene Ich konzentrierend - selbst verzehrt.) Phase der Etabliertheit und später der "Mid-Life-Crisis"; Teilaspekt: Problem der Arbeitslosigkeit (in ihren Auswirkungen schon früh, 1932, von Marie Jahoda (1907-2001), Paul Lazarsfeld (1901-1976) und Hans Zeisel (1905-1992) in der berühmt gewordenen "Marienthal"-Studie erfasst: Verelendung fördert Apathie, nicht politischen Veränderungswillen, zB weil Zeitstruktur fehlt).

 

- ab 60;0: Reifes Erwachsenenalter, Alter:
* 8. Identitätsstufe nach Erikson: Ich-Integrität vs. Verzweiflung, Lebensekel (Freude oder Verzweiflung im Rückblick auf das Leben). Die Grundfrage lautet: Kann ich mein Leben, so wie es verlaufen ist, im Rückblick akzeptieren oder dominiert der Eindruck vergebener Chancen und Misserfolge? Teilaspekte (von der Gerontologie untersucht): Problem der körperlichen Hinfälligkeit, ev. Pflegebedürftigkeit; Problem der Vereinsamung; Problem eines Lebens im Schatten des herannahenden Todes (vgl. Seite über das Sterben oder Nahtoderfahrungen). Seit einiger Zeit existiert die Hospizbewegung (s.a. Deutsche Seite und Internetprojekt) für unheilbar Kranke. Die 5 Abschiedsphasen vor dem Tod (Nicht-Wahrhaben-Wollen / Zorn, Emotionen / Verhandeln-Wollen / Depression / Zustimmung) wurden von Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) in ihrem Buch On Death and Dying untersucht. Vgl. Kübler-Ross Sterbephasen. Als Präventionsfaktoren gegen übermäßiges Erstarren im Alter nennt der österreichische Gerontologe Georg Wick (* 1939) "laufen, lernen, lieben und lachen" als motivationale Tätigkeiten.

Statistisches Material zu Tod und Sterben in Österreich:

2012 gab es in Österreich 79 436 Sterbefälle (etwas mehr als Geburten; am wenigsten im September, am meisten im März), darunter ca. 33 931 (insg. 43%, bei Frauen 48%) an Herz-Kreislauf-Versagen, 20 226 = 26% an Krebs - beides teilweise durch falsche Lebensführung bedingt. (Der Tod lässt sich allerdings auch bei gesunder Lebensführung zur Zeit  bekanntlich noch nicht dauerhaft verhindern.) An Verletzungen und Vergiftungen starben insgesamt 4.442 Personen. 1.275 Personen begingen Suizid (3/4 Männer), 884 Personen verstarben aufgrund eines Sturzgeschehens, 554 an Transportmittelunfällen (vorwiegend Verkehrsunfällen; historischer Tiefststand). EU-weit starben nach einer Studie von Eurostat 2006 42% der EU-Bürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten, 25% erliegen bösartigen Tumoren. 27% der jungen Verstorbenen kamen durch "äußere Umstände" ums Leben, 50% davon durch Verkehrsunfälle.) Die 4 Hauptursachen des (verfrühten) Sterbens sind Rauchen, Alkohol, falsche (zu fette) Ernährung und zu wenig Bewegung. 51% sterben im Spital (in Wien deutlich mehr), 27% daheim, 17% in Heimen (größter Zuwachs), 5% an sonstigen Orten. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt zur Zeit (2012) in Österreich (am höchsten in Vorarlberg, am niedrigsten in Wien) 83,3% für Frauen und 78,3% für Männer (= historische Rekordmarken; etwa ein halbes Jahr Zugewinn pro Jahr; relativ hoher Geschlechtsunterschied durch hohe alkoholbedingte Sterblichkeit in Österreich). 9 von 10 Todesfällen betreffen Über-60jährige.
Vgl. auch "Wann und woran Herr und Frau Österreicher sterben"

 

ENTWICKLUNGSSTÖRUNGEN - GEISTIGE BEHINDERUNG

- Allgemeines:
* Definition: Als behindert sind alle, die in ihren körperlichen, psychischen, geistigen Fähigkeiten, in ihren Sinnesfunktionen, im Sozialverhalten, Lernen oder der sprachlichen Kommunikation vorübergehend oder dauernd so wesentlich beeinträchtigt sind, dass ihre Teilnahme am beruflichen oder sozialen Leben nicht ohne entsprechende Hilfe oder Hilfsmittel möglich ist, zu bezeichnen (in Österreich nach dieser Definition etwa 10% bis 15% der Bevölkerung). Die geistige Behinderung (engl. mental retardation) ist nur einen kleinen Bereich davon aus.

Tabelle Grade geistiger Behinderung (nach Wendeler, 1993, S. 12):

Behinderungsgrad

IQ-Bereich

Häufigkeit der Grade

   mäßig    36 - 52    58%
   schwer    20 - 35    33%
   sehr schwer    < 20    9%

Zu geistiger Behinderung vgl. Studie der Universität Bochum und den "Ratgeber Behinderung"

* Statistik: Die Anzahl der behindert Geborenen (Morbiditätsrate) hat in den letzten Jahrzehnten bedingt durch den allgemeinen Geburtenrückgang (s. o.), den Fortschritt der Medizin, die Einführung des Mutter-Kind- Passes sowie der Freigabe der Abtreibung (in Österreich lassen ca. 90% der Eltern nach einer entsprechenden Diagnose ihr behindertes Kind abtreiben; vgl. dazu folgende zwar tendenziöse, aber detailreich informierende Seite) deutlich abgenommen. Heute zeigen bis zu 2% der Lebendgeborenen Anomalien, die mit einem selbständigen Leben unvereinbar sind. Etwa 15 von 100 Lebendgeborene sind durch Erbrisken, Störungen während der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebenstagen belastet, die jedoch keineswegs immer zu Dauerfolgen führen. Etwa 30% aller Keime sterben noch vor der Geburt (z. T. unbemerkt) ab, nach begründeten Schätzungen erreichen vielleicht nur etwa 55% aller Früchte das fortpflanzungsfähige Alter. Die Säuglingssterblichkeit (Mortalitätsrate) wurde zwischen 1972 und 1978 in Österreich um die Hälfte reduziert: Sie betrug 1990 0,8%, seit 1997 liegt sie unter 5 Promille (2001 0,48%, Steiermark 0,33%! Zum Vergleich: Am niedrigsten war sie 2002 in Schweden (0,3%) gefolgt von Dänemark, Island, Norwegen und Singapur mit 0,4%, am höchsten in Sierra Leone mit 28,4% gefolgt von Niger, Angola und Afghanistan), seit 2006 unter 4 Promille (0,36%!). Die Totgeburtenrate im Jahr 2001 lag in Österreich bei 3,7 auf 1000 Lebendgeborene, die Perinatalsterblichkeit (Totgeburten + 1. Lebenswoche) bei 6,2 auf 1000 Lebendgeborene.

* Frühdiagnostik
(Pränataldiagnistik) und rechtzeitige Einleitung von Maßnahmen ist v. a. durch Amniozentese (Fruchtwasserspiegelung) möglich. Die im Fruchtwasser schwimmenden abgefallenen Körperzellen des Fötus werden schmerzfrei durch die Bauchdecke entnommen und zytogenetisch analysiert.

* Betrachtungsweisen:

Defektologische Haltung:

Dialogische Haltung:

'Geistige Behinderung' als Zustand 'Geistige Behinderung' als Prozess
'Geistig behindert' sein (und bleiben) 'Geistig behindert' werden (und sich so entwickeln)
(Hirnorganischer) Defekt, ('IQ'-) Mangel, Defizite in der Entwicklung auf einander beeinflussenden inneren und äußeren Bedingungen basierende Entwicklung
Ticks, Stereotypien sinnvolle, logische (Re-)Aktion
Defizitorientierung, Arbeit an Problemen Kompetenzorientierung, Unterstützung von Entwicklung
Person als Objekt, primär passiv Person als autonomes und abhängiges Subjekt, primär aktiv
Wissen, was das Beste für die Person ist Beobachten, auf der Welle der Person mitgehen
pädagogische Aggressivität pädagogische Begleitung
Lernen nur von SpezialistInnen Anregung auch durch das Umfeld
didaktische Reduzierung, 'Prinzip der kleinen Schritte' Offenheit für gemeinsame Situationen und Erfahrungen
Maßnahmen und Regelungen, durch Professionelle gesetzt individuelle Maßstäbe, individuelle Schritte
Tabuisierung des Themas 'Geistige Behinderung' Zeugenschaft für Bearbeitung des Themas 'Geistige Behinderung'
Theorie der Andersartigkeit Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit

Tabelle: Polaritätenmodell zur Kennzeichnung unterschiedlicher Haltungen zur 'Geistigen Behinderung' (nach Boban und Hinz 1993, 336)

* Verhalten gegenüber Behinderten: so natürlich und "normal" wie möglich. Sympathien und Antipathien entstehen genauso wie zu gesunden Menschen. Die naturgemäß geringeren oder fehlenden sprachlichen Mittel werden oft durch Körpersprache kompensiert. Störende Distanzlosigkeit jedoch kann (und soll) kritisiert werden. Ethisch zu klären ist die Frage der Sterilisierung. Das behinderte Kind sollte sich immer im Mittelpunkt des gleichseitigen "Heilpädagogischen Dreiecks" befinden:

Eltern

  Ärzte                                                                            Erzieher

* Organisation: in Österreich Schulpflicht auch für behinderte Kinder, daher gut entwickeltes Sonderschulwesen mit von den Gemeinden finanzierten Fahrtendiensten. (Dadurch einerseits Erleichterung für die Familien, andererseits jedoch eine gewisse Absonderung von der Öffentlichkeit.) Später Betreuung (wenn Platz vorhanden) in Werkstätten und Wohnheimen von öffentlichen und privaten Organisationen (zB der aus einer Eltern-Selbsthilfevereinigung entstandenen Lebenshilfe) Problem: oft zu geringe Platzanzahl, wodurch manche Behinderte erst nach dem Tod ihrer Eltern in neue Umgebung kommen und zwei Umstellungen auf einmal zu bewältigen haben. Zusätzliche Hilfe bieten in Österreich Heilpädagogische Zentren (zB das NOEHPZ Hinterbrühl)
Vgl. Behinderten-Integrations-Dokumentation

 

Einteilung der Behinderungen:
* Nach dem Schweregrad:
Man unterscheidet - mit nicht immer klaren Abgrenzungen  (s. z. B. obige Tabelle) - vier Behindertengruppen [je nach Symptomen (= Krankheitszeichen) bzw. Syndromen (= Bündel von Symptomen, Krankheitsbild)]:

° Leichtbehinderte
° Mittelstark Behinderte
° Schwerbehinderte
° Schwerstbehinderte

* Nach dem Zeitpunkt der Entstehung:

° vor der Geburt: pränatal verursacht
° während der Geburt: perinatal verursacht
° nach der Geburt: postnatal verursacht

 

- Pränatal verursachte Behinderungen (größte Gruppe):
Vgl.Erbkrankheiten bei onmeda.de, Kurs und Tutorial zur Genetik

* Chromosomenaberrationen
(Schädigungen des genetischen Materials): Der Mensch hat 22 Chromosomenpaare (Autosomen), und 1 Geschlechtschromosomenpaar (Gonosomen, aufgrund der Form w: "XX", m: "XY"). Jede Eigenschaft ist bei Vater und Mutter in zwei Genen repräsentiert (diploider Chromosomensatz), nur eines wird weitergegeben. Insgesamt hat der Mensch, wie seit der Veröffentlichung der Ergebnisse des Human Genom Projects im Februar 2001 klar ist, nur ca. 30 000 Gene (etwa die Hälfte mit der Maus und weit über 90% mit dem Schimpansen identisch). Krankheiten (alle Eigenschaften), die auftreten, wenn nur eines der zwei vererbten Gene geschädigt ist, nennt man dominant (die Symptome können homozygot allerdings noch schwerer sein als heterozygot), solche, die erst erscheinen können, wenn beide Gene krank sind rezessiv. (zB Farbenblindheit oder Hämophilie [Bluterkrankheit], die deshalb fast ausschließlich bei Männern auftreten, weil sie gonosomal vererbt werden und daher kein zweites, gesundes X-Chromosom als Ausgleich zur Verfügung steht.) Das geschädigte Gen kann jedoch weitervererbt werden. [Der / die Träger(in) wird zum / zur Konduktor(in)]. Bei jeder Zeugung entstehen also (nach G. Mendel) 4 Möglichkeiten (Kombination von je zwei Genen).
Jedes Chromosomenpaar kann geschädigt sein, fast alle Anomalien führen jedoch zu Fehlgeburten (m : w im Verhältnis 4:1). Wahrscheinlichkeiten im Auftreten bestimmter Erbkrankheiten, besonders bei schon vorliegender familiärer Belastung, können in den Genetischen Beratungsstellen erfragt werden. (Spontanmutationen sind allerdings immer möglich.) Früchte mit Verlust eines Autosoms ist nie überlebensfähig.
            Überlebensfähig sind z. B.

° Morbus DOWN (nach dem englischen Neurologen und Apotheker John Langdon-Down, der das Syndrom 1866 zum ersten Mal beschrieb; auch inkorrekt "Mongolismus", Trisomie 21): 1959 entdeckte Jérome Lejeune erstmals die genetische Ursache: das 3-fache (statt doppelte) Vorhandensein des 21. Chromosomenpaares. ø ca. 1 v. 600-700 Geburten (Häufigkeit steigt mit dem mütterlichen Alter auf bis zu 1:45 bei über 45jährigen an). Kennzeichen: große Zungen, (Makroglossie), überstreckbare Gliedmaßen, Infektionsanfälligkeit, geringere Lebenserwartung, schuppige Haut, schräge Lidachsen (vgl. volkstümlicher Name), Tatzenhand, Vierfingerfurche, Sattelnase, gedrungener Körperbau, Sandalenlücke, oft angeborener Herzfehler, obligatorische Oligophrenie (Schwachsinn): Zahlenraum meist nur bis 10, dafür oft erstaunliche Lese- und Schreibfertigkeit Ursache: Spontanmutation (begünstigt durch chemische Substanzen, ionisierende Strahlung etc.) oder erbliche Belastungen. Erhebliches Risiko bei mütterlichem Alter über 35 (da Eizellen nach der Pubertät nicht mehr neu gebildet werden), auch Vater kann Ursache sein.
Zum Down-Syndrom vgl. auch die Infoplattform Österreich, die alle relevanten Informationen und viele weitere Links enthält.
° Andere überlebensfähige Anomalien der Chromosomenzahl:
     + Edwards-Syndrom (Trisomie 18, 1:7000)
     + Patau-Syndrom (Trisomie 13, 1:8000)
° Gonosomale Anomalien:
     + Rett- Syndrom: ca. 1:15000; eine durch das mangelhafte, in der Region Xq28 auf dem X-Chromosom liegende Gen MeCP2 (oder - mit schwerer Epilepsie und verfrühtem Krankheitsbeginn -  CDKL5 in der Region Xq22) ausgelöste, nur bei Mädchen auftretende schwere Entwicklungsstörung; erkennbar an stereotypen Knetbewegungen der Finger. Benannt nach dem Entdecker, dem Wiener Pädiater Andreas Rett (1924-1997).
     + Turner-Syndrom: X-Monosomie (X0-Syndrom), Häufigkeit 1:2500, häufigste Chromosomenaberration bei Spontanaborten (Fehlgeburten); von Otto Ullrich (1894-1957) 1930 und Henry Turner (1892-1970) 1938 erstmals beschrieben; Ursache erst 1959 von C. E. Ford entdeckt. Intelligenz: Kaum Abweichungen von Normalbevölkerung
Vgl. Österreichische Turner-Syndrom Initiative mit weiteren Links
     + Tripel-X- Syndrom ("Superfemale", XXX): ca. 1:1000, bei Anstalts-Schwachsinnigen 1:400
     + KLINEFELTERsyndrom (XXY): 1:1000 männl.
Vgl. Klinefelterseite Ö und D
     + "Supermale" (XYY): häufigste gonosomale Anomalie;
Für die meisten gonosomalen Anomalien gilt Infertilität (Unfruchtbarkeit), eine Tendenz zu Schwachsinnigkeit, Missbildungen, z. T. (XYY) gewalttätigem Verhalten (innerhalb von Strafanstalten gibt es prozentuell mehr "Supermales" als außerhalb).

Jedes Y-Chromosom bewirkt phänotypisch Männlichkeit, jedes X-Chromosom (außer das erste) bewirkt in der Chromatinanalyse einen "Drumstick" und daher genotypische Weiblichkeit.

° Strukturanomalien: zB Cri-du-chat-Syndrom: ein Stück des kurzen Armes des Chromosoms Nr. 5 fehlt => geringer Kopfumfang, weiter Augenabstand, tiefstehende Ohren, maunzendes Schreien (Name!)
° Stoffwechselerkrankungen: z. B. PKU (Phenylketonurie = Brenztraubensäureschwachsinn, s.a. PKU-Informationsseite, Eiweißarmleben): Autosomal rezessiv vererbt, kann das Phenylalanin, ein Bestandteil aller tierischen und pflanzlichen Eiweiße, nicht zu Tyrosin abgebaut werden, da das Gen, das das dafür nötige Enzym erzeugt, homozygot geschädigt ist. Es muss von Beginn an (deshalb sofortiger PKU-Test bei allen Neugeborenen) phenylalaninarme Kost verabreicht werden, da sonst durch die Vergiftung des Nervensystems schwerste Intelligenzdefekte die Folge sind. Häufigkeit: etwa 1:11000

Andere Beispiele: Galaktosämie (Milchzuckerunverträglichkeit, v.a. bei Afroamerikanern) und Ahornsiruperkrankung (Abbau von im Eiweiß enthaltenen Aminosäuren ist gestört).

° Lissenzephalie: Oberbegriff für genetisch (aber auch auf andere Weise) bedingte Baufehler im Gehirn. Die Großhirnrinde bleibt glatt (gr. lissos), was zu lebenslanger schweren Beeinträchtigung und Pflegebedürftigkeit führt. (Vgl. Seite bei onmedia.de)

* Embryopathien (Intrauterin erworbene Schädigungen) aufgrund biologischer Noxen (Schädigungsfaktoren):

° Rubeolae-Infektion: Rötelnerkrankung (Virus) der Mutter während der Schwangerschaft => Sinnesstörungen (Erblindung, Taubheit), Schwachsinnigkeit; Vorbeugemaßnahme: Impfen aller Mädchen vor Eintreten der Geschlechtsreife
° Toxoplasmose: An sich ungefährliche, aber beim Embryo Oligophrenie hervorrufende Infektion (verursacht durch Protozoen), die durch rohes Fleisch und Haustiere (v.a. Hunde, Katzen, Vögel) übertragen werden kann. Ein Toxoplasmosetest am Beginn jeder Schwangerschaft klärt, ob die Mutter (oft ohne es bemerkt zu haben) bereits erkrankt war (und daher aufgrund der lebenslangen Immunität keine neuerliche Infektionsgefahr mehr vorliegt). Vgl. folg. Seite
° Zytomegalie: Das Speicheldrüsenvirus (nur pränatal ernst) infiziert die Plazenta und verändert die Leber und den blutbildenden Apparat, auch zerebrale Störungen kommen vor. In Wien auf 1:1000 geschätzt
° Lues: von Bakterien verursachte Geschlechtskrankheit (Syphilis); Hirnschäden ev. sekundär im weiteren Verlauf der Erkrankung
° AIDS: durch das HIV-Virus verursachtes "erworbenes Immunschwäche-Syndrom"; Hirnschäden ev. sekundär im weiteren Verlauf der Erkrankung

* Embryopathien aufgrund physikalischer Noxen

° Mechanische Einwirkungen (etwa durch Unfälle oder Misshandlungen während der Schwangerschaft)
° Sauerstoffmangel (eher perinatal)
° Ionisierende Strahlen, zB bei RÖNTGENaufnahmen, (da sie mutagen wirken)

* Embryopathien aufgrund körpereigener sowie körperfremder chemischer Noxen

° Morbus haemolyticus neonatorum (Blutgruppen-/Rhesusunverträglichkeit): Trägt eine rhesusnegative Mutter ein rhesuspositives Kind aus, so bilden sich Antikörper, die die Blutkörperchen ihres nächsten Fötus angreifen können => Schädigung, wenn nicht eine frühzeitige Austauschtransfusion erfolgt. Auch (selten) bei bestimmten Blutgruppen- Konstellationen ähnliche Erscheinungen. (Vgl. Seite bei onmedia.de)
° Hormonelle Einflüsse: v.a. stessbedingt ausgeschüttete Hormone und Hormone diabeteskranker Mütter (=> Hyperinsulinismus => Hypoglykämie in den ersten 4 Stunden nach der Geburt, vermehrte Missbildungen)
° Medikamente: z. B. Contergan-Katastrophe 1960-62: Einnahme des als Contergan gehandelten Schlaf- u. Beruhigungsmittel Thalidomid in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten bewirkte Phokomelie (Missbildungen an Gliedmaßen, seither aus dem Verkehr gezogen).
° Gifte: v. a. Nikotin, das durch die Verengung der Blutgefäße die Sauerstoffzufuhr reduziert => Kinder sind im ø leichter
° Alkohol: ruft schwerere Missbildungen hervor (multipler Dysplasie-, Dysmorphiekomplex); häufig sind Herzschädigungen (etwa bei 1/4 der geschädigten Kinder) und Sinnesbehinderungen. Zur Zeit in der westlichen Welt wichtigstes Teratogen (Missbildungsverursacher); betrifft bereits jedes 250. Kind. Vgl. Alkohol in der Schwangerschaft
° Vitaminmangel: v. a. bei Mangelernährung (Problem der 3. Welt)
° Drogen: Konsum von Rauschmitteln während der Schwangerschaft führt zu Abhängigkeit des Embryos, der nach der Geburt unter Entzugserscheinungen leidet (= einziger Fall von physischer ohne psychische Abhängigkeit).

Nicht alle Embryopathien führen notwendigerweise zu geistiger Behinderung:

 

- Perinatal verursachte Behinderungen:
* Durchblutungsstörungen: Bei der Geburt kann es aus mechanischen Gründen, wenn das Kind in der Austreibphase zu lange im Geburtskanal steckt oder durch einen Vorfall der Nabelschnur zu einer Abquetschung der Blutgefäße und damit zu Durchblutungsstörungen und einem Sauerstoffmangel (Asphyxie) des Gehirns kommen => im Extremfall bleibende Schäden, z. B. (halbseitige) spastische Lähmung.

* Hirnverletzungen:
durch mechanische Einwirkung (z. B. Zangengeburt) Gehirnblutungen o.ä. (Durch moderne Geburtsüberwachungsmethoden haben sich die Aussichten auf eine komplikationslose Geburt erheblich verbessert, aber erhöhtes Risiko zu intrakraniellen Blutungen bei Beckenendlage.)

* Atemstörungen:
Schwierigkeiten beim In-Gang-Kommen des pulmonalen Gaswechsels (der eigenständigen Lungenatmung). Gefährlich v. a. die verlängerte primäre Apnoe: Lähmung des Atemzentrums durch Sauerstoffmangel, oft bedingt durch Gabe von Narkotika während der Geburt. Die Asphyxie (Sauerstoffmangel, eig. "Pulslosigkeit") muss durch Reanimation behoben werden.

* Epilepsie (Zerebrale Krampfanfälle):
Zahllose Möglichkeiten vom Petit Mal (nur sekundenlanger Bewusstseinstrübung) bis zum Grand Mal mit Zungenbiss, Schaum vor dem Mund, Sturz (Verletzungsgefahr!) und minutenlangem Toben. Ist nicht unbedingt perinatal verursacht, manifestiert sich aber z. T. in der ersten Lebenszeit. Durch Entladung wird ein Neuaufbau der elektrischen Gehirnstrukturen ermöglicht. Epilepsie ist keine geistige Behinderung (wenn es eine solche auch manchmal begleitet)!
Vgl.: Epilepsie-Dachverband Österreich, alles über Epilepsie und Informationspool Epilepsie

 

- Postnatal verursachte Behinderungen:
* Unfälle (Schädel-Hirn-Trauma): größte Gruppe postnataler Hirnschädigungen. Das Locked-in-Syndrom (mit Erhaltung des Bewusstseinszustandes, aber mit stark eingeschränkter Kommunikationsmöglichkeit) und das Apallische Syndrom (längere Phase der Bewusstlosigkeit, "Wachkoma") bildet den Übergang zu einer oft nur teilweise glückenden Rehabilitation. Buben / Mädchen verunglücken im Verhältnis 4:1. Je jünger das Kind, desto besser die Chance auf eine Funktionsübernahme anderer Hirnpartien (s.o.); kaum mehr nach dem vierten Lebensjahr (der fixen Ausprägung der Händigkeit). - Misshandlungen!

* Gehirnblutungen
(auch ohne Unfall)

* Gehirn(haut)entzündungen:
(Meningitis, Enzephalitis), können Dauerschädigungen hervorrufen, zB d. durch das FSME-Virus ausgelöste und von Zecken übertragene Frühsommerenzephalitis

* Tumore:
können Druck auf wichtige Hirnteile ausüben und müssen daher auch bei Gutartigkeit entfernt werden. Bösartig zerstören sie Hirnareale.

* Schlaganfälle:
können ganze Hirnpartien außer Kraft setzen; oft erstaunliche Remissionen
Vgl. Stand der Forschung

 

 


 

 


IV. PÄDAGOGIK
 

 

 

Vgl. Die Wissenschaft Pädagogik

 

DEFINITIONEN

Pädagogik ist die Wissenschaft von den methodisch begründeten Erkenntnissen, die erzieherische und lehrende Einwirkungen (s. o.) zum Gegenstand haben. In fast jeder Praxis findet sich rudimentäre, unreflektierte Pädagogiktheorie, daher ist es wichtig, methodisch vorzugehen. (Methode ist der Gegenstand selbst, in der Prozesshaftigkeit seines Erkanntwerdens gedacht, Methodik die Methode im Hinblick auf die jeweilige Individuallage, s. u., also der Unterricht in seiner Prozesshaftigkeit = Didaktik.) Erziehung = pädagogische Führung, die auf den Erwerb einer Haltung abzielt (s. a. o.); Lehren = pädagogische Führung, die auf den Erwerb von Wissen abzielt, z. B. nach dem 6-Stufen-Modell von Heinrich Roth:

1. Antrieb (Stufe der Motivation; Motivation kann intrinsisch [von der Sache aus] oder extrinsisch [zB Strafandrohung] sein)
2. widerstehendes Objekt (Stufe der Schwierigkeiten)
3. Einsicht in den Arbeitsweg (Stufe der Lösungen)
4. ein Tun, das diesen Weg als richtig bestätigt findet (Stufe des Ausführens)
5. Verfestigung des Gelernten (Stufe des Einübens und Behaltens)
6. Bereitstellen des Gelernten für zukünftige ähnliche Situationen (Stufe des Transfers und der Integration)

oder den 9 Events of Instruction von Robert Gagné (1916-2002), einem der bekanntesten Ansätzen zur Unterrichtsplanung und fester Bestandteil der Lehrerbildung in den USA:

1. Gain attention - Gewinne die Aufmerksamkeit des Lerners
2. Inform learner of objectives - Informiere den Lerner über Ziele
3. Stimulate recall of prior learning - Stimuliere Vorwissen
4. Present stimulus material - Präsentiere Lernmaterial
5. Provide learner guidance - Sorge für Führung des Lerners
6. Elicit performance - Lasse Lernenden das Verhalten ausführen
7. Provide feedback - Sorge für Rückmeldung
8. Assess performance - Beurteile die Durchführung
9. Enhance retention transfer - Verstärke den Behaltenstransfer

(Erziehung ist ungleich) Didaktik = Lehre von der Lehre), Sozialisation = gesellschaftliche Formung des Menschen (Gefahren: Akzeptieren des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustandes, Manipulation, Anpassung oder zumindest Gewöhnung, die zwar Sicherheit, aber auch Bequemlichkeit nach sich zieht)
Manipulation: beabsichtigte Maßnahmen zur Verhaltensbeeinflussung, die die Umwelteinflüsse miteinbeziehen und zur Anpassung an vom Manipulierenden selbst gewählte Zwecke führen soll. Individuallage: das vom Zögling jeweils erreichte und vom Lehrenden bzw. Erziehenden zu berücksichtigende Niveau von Wissen und Haltung

 

HISTORISCHE AUFFASSUNGEN

Vgl. Wörterbuch der Erziehung (Inhalt + Kapitel 1-11)

- Sokrates:
SOKRATES war der Meinung, dass der Lehrende den Lernenden unmerklich zur richtigen Erkenntnis führen soll. Letztlich macht der Lernende die entscheidenden Schritte unter (An)leitung des Lehrenden, der durch Fragen die richtigen Denkschritte provoziert, selbst (z. B. Platon, Dialog Lysis). = "Maieutik" (Hebammenkunst); vgl. Sokratische Methode und eine Sokratesseite von W. Melchior

 

- Platon, "Politeia":
Der Staat ist Abbild der menschlichen Seele, die aus einem begehrlichen, einem mutartigen und einem vernünftigen Teil besteht. Erziehung ist die Herstellung der richtigen Rangfolge, die nach gesellschaftlichen Aufgaben verschieden ist. (Begehrlich: Bauern, Handwerker; Mutartig: Krieger; Vernünftig: Herrschende ["Philosophen sollen Könige sein"])

 

- J. J. Rousseau, "Emile":
In seinem Erziehungsroman "Emile" vertritt Rousseau die "Negative Erziehung": Der Mensch ist von Natur aus gut und soll so wenig wie möglich durch erzieherische Eingriffe "verbildet" werden. Erziehung soll sich darauf beschränken, schädliche Umwelteinflüsse fernzuhalten, dann würde sich der Zögling zu einem guten Menschen entwickeln (Prinzip des Wachsenlassens)
In Deutschland werden Rousseaus Ideen durch den Philanthropismus verbreitet, der eine vernünftig-natürliche Erziehung zur freien Entfaltung der menschlichen Natur und seiner nützlichen Ausstattung für das Leben fordert und in der Tradition des religiösen Toleranzgedankens steht. Basedow gründet 1774 in Dessau eine Musterlehranstalt, das Philanthropin.

 

- Immanuel Kant:
"Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung."

 

- Johann Heinrich Pestalozzi:
Schweizer Pädagoge u. Sozialreformer, Begründer der modernen Volksschule. Aus milieuoptimistischer Sicht postuliert er drei Stadien, die der Mensch durchläuft, ohne die vorigen hinter sich zu lassen: Naturzustand, gesellschaftlicher Zustand, sittlicher Zustand. Aus der Gleichzeitigkeit können psychische Konflikte resultieren, bei deren Vorbeugung und Bewältigung Erziehung helfen soll. Vgl. eine Pestalozzi-Dokumentation (mit Links)

 

- Alfred Adler:
Individualpsychologe, s. u.): Erziehung soll ermutigen (wirkliche Erfolgserlebnisse ermöglichen), nicht entmutigen (z. B. durch frustrationsintolerant machende Verzärtelung oder durch repressive Autorität), um neurotische Verhaltensstörungen zu verhindern und ev. echte Kompensation vorhandener Minderwertigkeiten zu bewirken.

 

- Reformpädagogik:
Am Beginn des Jhs. wurde eine "Pädagogik vom Kinde aus" propagiert [Ellen Key (1849-1926, Schwedin); schrieb 1902 "Das Jahrhundert des Kindes" - Maria Montessori (1870-1952, Italienerin); ihre eigentliche Leistung ist die Entdeckung des Kindes]. Diese Entwicklung endet letztlich in der Antiautoritären Erziehung der 60er-Jahre [zB die durch die NS-Zeit beeinflusste Erziehung zum Ungehorsam in der Summerhill-Schule von A. S. Neill (1883-1973), allerdings bereits 1921 als Teil der internationalen "Neuen Schule" in Hellerau bei Dresden gegründet, später nach Österreich und 1923 nach England verlegt; wird seit 1985 von Neills Tochter Zoe geleitet; vgl. Homepage dieser Schule]. Ein "Ableger" der Reformpädagogik ist die Waldorf-Pädagogik des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925) dar (will Welterkenntnis durch innere Erfahrung ermöglichen).

 

- Frank Fremont-Smith:
"Erziehung soll einen Bezugsrahmen schaffen, innerhalb dessen die freie Wahl erlaubt und erwünscht ist."

 

- Gegenwart:
Heute erscheint Pädagogik

* als empirische Wissenschaft
(Erfahrungswissenschaft, auf Sinnesdaten basierend)

* als Normen setzende
Wissenschaft (daher philosophisch beeinflusst, "kritisch")

* als hermeneutische Wissenschaft
(Geschichte der Pädagogik; Hermeneutik = Auslegung, Interpretation der Wirklichkeit in der Zeit mit dem Problem des "hermeneutischen Zirkels", der darin besteht, dass das Einzelne aus dem Ganzen und das Ganze aus dem Einzelnen verstanden werden muss)

Vgl.: Methodische Grundlagen der Erziehungswissenschaft

 

ERZIEHUNGSSTILE

- Kategorisierung nach dem dt. Sozialpsychologen Kurt Lewin:
* Autoritärer Stil (auch autokratischer Stil; heute im Gegensatz zu "autoritativ" negativer Beigeschmack: "sich auf angemaßte Autorität stützend")

* Sozial-integrativer Stil
(demokratisch, der Zögling wird an den Entscheidungsprozessen beteiligt)

* Laisser-faire-Stil
(Prinzip des Gewährenlassens)
=> Schichtspezifische Differenzen (Vergleiche Schicht)

Zu Lewin vgl. Kurt Lewin

 

- Andere Kategorisierungsversuche (s. a. Seite 5, Kap. XI):
* Die Dimensionen Wärme vs. Kälte (Zuwendung - abweisendes Verhalten) und Dirigismus vs. nondirigierendes Verhalten (Autorität - keine Lenkung) sind in ein Quadrat mit vier Quadranten einzutragen (jeder Erziehende bzw. Lehrer hat seinen Platz):


Autorität +

- Zuwendung                Zuwendung +

Autorität -

* A. u. R. Tausch stellen in ihrer Erziehungspsychologie (erstmals 1963) folgende Polarisierungen (Dimensionen) auf:

° Achtung, Wärme, Rücksichtnahme vs. Missachtung, Kälte, Härte
° Vollständiges vs. kein einfühlendes, nicht wertendes Verstehen der inneren Welt eines anderen
° Echtheit, Übereinstimmung, Aufrichtigkeit vs. Fassadenhaftigkeit, Nichtübereinstimmung, Unechtheit
° Viele vs. keine fördernden, nicht-dirigierenden Tätigkeiten
° Keine vs. starke Dirigierung, Lenkung

 

ERZIEHUNGSZIELE

Traditionell werden folgende Erziehungsziele als anstrebenswert betrachtet:

 

- Lebensaustattung:
Erziehung soll Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kulturtechniken) mitgeben, die im späteren Leben nützlich oder sogar unumgänglich sind. ("Ausbildung")

 

- Identität:
Erziehung soll zur Entwicklung einer stabilen (frustrationstoleranten) Persönlichkeit beitragen, die weiß, wer sie ist, und die emotional gefestigt spätere Krisen zu bewältigen und glücklich zu sein imstande sein wird. ("Herzensbildung")

 

- Mündigkeit:
Erziehung soll im Sinne I. Kants (vgl. Originalzitat) die Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer bedienen zu können, hervorrufen, fördern und erhalten. ("Bildung")

 

 


Fragen und Kommentare an thomas.knob@chello.at

 


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