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KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 3. TEIL
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INHALT DES 3. TEILS
V. DIE INTELLIGENZ (Der Intelligenzquotient [IQ] - Die
Anlage-Umwelt-Problematik - Intelligenztests) ø
VI. DENKPSYCHOLOGIE (Funktion des Denkens -
Entwicklung des Denkens nach Piaget - Erscheinungsformen des Denkens - Denken
und Sprache) ø
VII. LERNEN UND GEDÄCHTNIS (Lernen im kognitiven Bereich - Lernen im
vegetativen Bereich - Lernen im Verhaltensbereich - Lernmodelle) ø
Vgl. BBC Hot Topics - Intelligence oder die IQ-Page von Mensa, Intelligenz (mit Online-Exn.)
MÖGLICHE DEFINITIONEN
* H. ROHRACHER 1953: Intelligenz ist der Leistungsgrad der
psychischen Funktionen bei der Lösung neuer Probleme.
* D. WECHSLER 1956: Intelligenz ist die
zusammengesetzte oder globale Fähigkeit des Individuums, zweckvoll zu handeln,
vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinander zu
setzen.
* E. CLAPAREDE 1947: Intelligenz ist ein durch mangelhafte Anpassung
hervorgerufener geistiger Prozess, der dazu dient, das Individuum wieder anzupassen.
* ANASTASI /
FOLEY 1949: Unter Intelligenz versteht man jene Fähigkeiten,
die den innerhalb einer Kultur Erfolgreichen gemeinsam sind.
* BOHRING 1923: Intelligenz ist das, was Intelligenztests messen.
Schon aus dieser kurzen Zusammenstellung geht die Problematik des IQ hervor. Misst er wirklich, was er zu messen vorgibt? Lässt sich Intelligenz überhaupt messen? Welche Definition von Intelligenz lege ich meiner Messung zugrunde? ... Folgerichtigerweise wurde und wird die IQ-Messung von zahllosen Autoren - je nach Position - immer wieder gefordert, in Frage gestellt, relativiert, problematisiert etc. In letzter Zeit könnte man etwa auf die vom Buch The Bell Curve (Richard HERRNSTEIN und Charles MURRAY) ausgelöste Diskussion um die Unausweichlichkeit angeborener Intelligenzgrenzen oder den 1995 in die Diskussion gebrachten "EQ" (s. u.) verweisen.
DER INTELLIGENZQUOTIENT - IQ
- Definition:
IQ ist ein ursprünglich 1912 von WILLIAM STERN (aus Berlin gebürtiger, in die USA
emigrierter Begründer des "Kritischen Personalismus"; Vater des Philosophen
GÜNTHER ANDERS) für Kinder eingeführtes Verhältnismaß, das nach folgender Formel
berechnet wird:
|
Der IQ für Erwachsene wird heute mittels geeichter Intelligenztests erstellt.
- Verteilung:
Die Verteilung der Intelligenz in der Bevölkerung kann immer mit der 1832
erstellten Normalverteilung (GAUSS'sche Glockenkurve, s. Graphik) erfasst werden. Grund:
Der IQ ist kein absolutes, über alle Zeiten gültiges Maß, sondern durch die
individuelle Abweichung vom Mittelwert der Bezugsgruppe definiert (ø = 100), der durch
Eichung der Intelligenztests (s. u.) an der
gleichaltrigen Gesamtbevölkerung gewonnen wird.
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| IQ 52 schwachsinnig |
IQ 68 sehr niedrig |
IQ 84 niedrig |
IQ 100 durchschnittlich |
IQ 116 hoch |
IQ 132 sehr hoch |
IQ 148 extrem hoch |
Die Glockenkurve der Intelligenzverteilung (Graphik aus IQTest.ag)
_
IQ X = 100; Verteilung etwa: 1 von 1000 zwischen 0 und 52
22
von 1000 zwischen 52 und 68
136
von 1000 zwischen 68 und 84
341
von 1000 zwischen 84 und 100
341
von 1000 zwischen 100 und 116
136
von 1000 zwischen 116 und 132
22
von 1000 zwischen 132 und 148
1
von 1000 zwischen 148 und 200
Also sind 68,26% der Gesamtbevölkerung im Normalbereich zwischen 84 - 116 IQ-Punkten. 95%
liegen zwischen 69 und 132.
- Bezeichnungen der verschiedenen
Intelligenzgrade:
* idiotisch, imbezill: IQ von 0 bis 52
* debil, engl.: moron: IQ von 53 bis 68
* schwachbegabt: IQ von 69 bis 84
* normalbegabt: IQ von 85 bis 116
* überbegabt: IQ von 117 bis 132
* hochbegabt: IQ von 133 bis 148
* genial: IQ von 149 bis 200
DAS ANLAGE-UMWELT-PROBLEM
- Grundeinstellungen:
Die Frage, ob Intelligenz hauptsächlich vererbt oder durch die Umwelt beeinflusst
sei, wird je nach Grundeinstellung unterschiedlich beantwortet:
* milieuoptimistische Schule: Intelligenz
ist vor allem durch Erziehung bestimmt; zB Behaviouristen, v.a. Gründer (mit Psychology
as the behaviorist views it, 1913) WATSON. (s. auch Teil 3)
* milieupessimistische Schule: Intelligenz wird durch die Erbanlangen
determiniert (zB GALTON, s. u.)
- Klärungsversuche:
* Zuchtforschung: untersucht Intelligenzzusammenhang von
tierischen Nachkommen mit der jeweiligen Elterngeneration, zB Ex.
von TOLMAN (s. u.): Kreuzt man
labyrinthkluge Ratten miteinander, so sind die Nachfolgegenerationen im ø intelligenter
als die von labyrinthdummen. Vorteil: rasche Generationenabfolge; Nachteil: nur bedingt
auf Menschen übertragbar.
* Familienforschung: untersucht Intelligenzzusammenhang von menschlichen
Nachkommen mit der jeweiligen Elterngeneration, zB Untersuchungen über die musikalische
Familie von BACH oder die mathematisch begabte Familie von
BERNOULLI. Vorteil: Menschen-
statt Tierbeobachtung; Nachteil: Erb- und Umwelteinfluss sind schwer trennbar, da die Kinder
meist von ihren Erbgebern erzogen werden.
* Zwillingsforschung: begründet 1875 von
FRANCIS
GALTON (s. a. Teil 1; Pionier der
Experimentalpsychologie aus England, Cousin von
CHARLES DARWIN, der die Vererbung
geistiger Eigenschaften behauptet und den später missbrauchten Begriff Eugenik
geprägt hat. Am bekanntesten wurde die in den 70er-Jahren von
BOUCHARD u. a.
durchgeführte "Minnesota-Studie".) Voraussetzung: eineiige Zwillinge (EZ) haben im Unterschied zu ZZ und
anderen Geschwistern (G) identische Erbanlagen. Daraus folgt, dass alle Unterschiede
umweltbedingt sein müssen!
Folgende Korrelationskoeffizienten bezüglich der Intelligenz wurden gefunden:
| EZ, zusammen aufgewachsen: | r = 0,92 |
| EZ, getrennt aufgewachsen: | r = 0,84 |
| G, zusammen aufgewachsen: | r = 0,60 |
| G, getrennt aufgewachsen: | r = 0,46 |
Interpretation: Sowohl der Erbeinfluss (r von getrennten EZ ist höher als der gemeinsam aufgewachsener Geschwister!) als auch der Umwelteinfluss (r bei getrennten EZ ist nicht 1!) wurden nachgewiesen. Die Erblichkeit der Intelligenz wird mit etwa 0,80 angenommen. Vorteil: methodisch einwandfrei; Nachteil: geringe Zahl beobachtbarer Fälle.
Zu Zwillingen siehe Zwillinge u. a., Zwillingsforschung
- Fazit:
Insgesamt geht man heute davon aus, dass der Faktor der
Erblichkeit bei Körpermerkmalen (Größe, Haarfarbe etc.) sehr hoch, bei
kognitiven Fähigkeiten (Intelligenz, Lernfähigkeit etc.) relativ hoch, bei den
großen Persönlichkeitsmerkmalen (Ängstlichkeit, Offenheit etc.) mittel und bei
den Einstellungen (moralische Vorstellungen, Werte) gering ist.
- Ältere Tests:
* Erste Tests: Intelligenztests wurden seit 1904 vom
Franzosen ALFRED BINET ("BINETarium") aus Schulreifetests entwickelt und 1916
von TERMAN an der Universität Stanford weiterentwickelt
("Stanford-BINET-Test"). Im deutschen Sprachraum durch
EBBINGHAUS (s. Teil 3) verbreitet. Inhalt:
Lücken-, Ergänzungs-, Analogie-, logische, sprachliche, rechnerische Tests etc.
* Faktorentheorie: Tests, die die
Faktoren-Theorie zur Grundlage haben, die 1904 von
CHARLES
E. SPEARMAN im Anschluss an GALTON aufgestellt wurde:
| ° g-Faktor (genereller F., an allen Leistungen mitbeteiligt) | |
| ° s-Faktor (spezieller F., für jede Leistung anders) |
1938 von THURSTONE in Chicago weiterentwickelt; folgende 7 Begabungsfaktoren:
| ° spatial ability (Raumvorstellungsvermögen) | |
| ° numerical ability (zahlengebundenes Denken) | |
| ° verbal comprehension (Sprachkreativität) | |
| ° verbal fluency (Wortflüssigkeit) | |
| ° memory (Merkfähigkeit) | |
| ° inductive reasoning (Abstraktionsfähigkeit) | |
| ° perceptual speed (Konzentration, Tempo) |
Die Testaufgaben nehmen diese Faktoren in unterschiedlicher Weise in Anspruch. (Ähnlich: Sampling-Theorie von THOMSON und THORNDIKE, THURSTONES Faktoren im deutschen Sprachraum von JÄGER adaptiert). Tests korrelieren miteinander => Faktorenzerlegung nur tw. geglückt
- Moderne Tests:
Seit dem Zweiten Weltkrieg wird zunehmend versucht, die Soziale Intelligenz
(Verhaltensintelligenz) sowie die Kulturabhängigkeit und seit Neuestem die Emotionale
Intelligenz (EQ, s.u.) als Testvoraussetzung zu berücksichtigen.
* HAWIE (Hamburg-WECHSLER-Intelligenztest für Erwachsene): 1955 entwickelte
Überarbeitung eines vom Amerikaner DAVID WECHSLER erstellten Tests. (Der Hamburg-WECHSLER-Intelligenztest für Kinder, HAWIK, schon 1949.) Zugrundeliegende
Intelligenzdefinition: s. o. Der HAWIE, einer der
bekanntesten Intelligenztests, besteht aus 11 Subtests, die jeweils mehrere Items
enthalten (Sprachteil, Handlungsteil; 6 sprachliche Subtests, 5 sprachfreie Subtests):
| Allgemeinwissen | Zahlen-Symbol-Test |
| Allgemeines Verständnis | Ordnen von Bildergeschichten |
| Nachsprechen einer Zahlenreihe | |
| Rechnerisches Denken | Bilder ergänzen |
| Auffinden von Gemeinsamkeiten | Mosaiktest |
| Wortschatz (Synonyme-Test) | Figuren legen |
* I-S-T-70 (Intelligenzstrukturtest von
R. AMTHAUER): einer
der (v.a. in Deutschland) meistverwendeten Tests. Er dient zur Schullaufbahn- und
Berufsberatung bei über 14jährigen und prüft in 176 Einzelaufgaben 9 Fähigkeiten.
* ISM (Intelligenzstrukturmodell) von J. P. GUILFORD: der Autor unterschied
1967 120 verschiedene Intelligenzleistungen, die sich dadurch ergeben, dass 5 Operationen,
4 Inhalte und 6 Produkte miteinander in Beziehung gebracht werden. In einem
dreidimensionalen Modell (s. Graphik) ergeben sich daher 5 mal 4 mal 6 = 120 Würfel; für
jeden steht eine Testaufgabe zur Verfügung.
| ° 5 Operationen: + Gedächtnis: Behalten des Erkannten; schafft neue Information aus bekannter und erinnerter Information + Kognition: entdecken, wiederentdecken, begreifen oder wiedererkennen + Bewertung: Entscheidungen hinsichtlich der Güte, (Folge)richtigkeit, Eignung oder Angemessenheit des Gedachten und Produzierten + divergentes Denken: geht in verschiedene Richtungen, mehrere "Lösungen" möglich + konvergentes Denken: aus den gegebenen Informationen ist die einzig richtige Antwort zu finden |
|
| ° 4 Inhalte: + figural: konkretes Material, wie es durch sinnliche Wahrnehmung erfasst wird + symbolisch: besteht aus Buchstaben, Zahlen und anderen konventionellen Zeichen + semantisch: Formen sprachlicher Bedeutungen und Vorstellungen + verhaltensbezogen: Umsetzen des Potentials, "soziale Intelligenz", Verhaltensintelligenz |
|
| ° 6 Produkte (Ergebnisse): + Einheiten: nicht mehr zerlegbare Informationen + Begriffe, Klassen + Beziehungen: logisch-hierarchische Struktur der Information + Systeme: Herstellen von komplexen Strukturen + Transformationen: Verarbeitung von Information + Implikationen: Finden von Abhängigkeiten |

Beispiel: An einer Aufgabe für Verbalverständnis wären Kognition, semantische
Inhalte und Einheiten beteiligt. Noch sind nicht alle Möglichkeiten faktorenanalytisch
isoliert. Angeblich besser abgesichert ist das BIS (Berliner
Intelligenzstrukturmodell)
* Culture-fair-Tests: Um dem Vorwurf zu entgehen, dass Menschen aus anderen
Kulturkreisen bei Tests, die in Europa oder Amerika entwickelt werden, nicht die gleichen
Chancen hätten, wurde mehrfach und mit wechselndem Erfolg versucht, kulturunabhängige
Testaufgaben zu entwickeln, zB den CFFT (Autor:
CATTELL 1958 u. 1960, als CFT3 1971 auf
deutsch erschienen) oder die Symmetrietests von
HEKTOR und
HEUNIG, bei denen Kalahari-
Buschmänner genauso gut abschnitten wie amerikanische Collegestudenten.
Vgl. Allgemeines zu Tests, IQ-Test von tickle.com, IQ-Test von focus.de etc.
Gedanken sind selbständige, unanschauliche Erlebniseinheiten, deren Beziehung
durch einen Sinn hergestellt wird (nach KARL BÜHLER, s. auch Sprachfunktionen).
Verstehen ist die Einordnung von etwas Neuem in bereits Bekanntes ("logische
Platzanweisung").
Aha-Erlebnis (zuerst beschrieben vom österr. Psychologen
KARL BÜHLER):
schlaglichtartiges, plötzliches Klarwerden eines Zusammenhanges, der Augenblick der
Lösungsfindung.
FUNKTION DES DENKENS
- Biologische Bedeutung des Denkens:
Der Überlebensvorteil eines denkenden Wesens gegenüber einem rein
instinktgesteuerten liegt in der erhöhten Flexibilität und in der Möglichkeit
einer theoretischen Vorwegnahme (Antizipation, gedankliches
"Probehandeln") einer Situation. (Nicht alles muss ausprobiert, ein ev. letaler
Ausgang muss nicht riskiert werden.)
- Verkürzung der Lösungszeit bei gestellten
Problemen:
Denken, um Probleme zu lösen, wurde auch bei Tieren beobachtet: vgl. Ex. mit Schimpansen des Gestaltpsychologen
WOLFGANG KÖHLER, das dieser im Ersten Weltkrieg in der
Menschenaffenstation der Preußischen Akademie der Wissenschaften auf der Insel Teneriffa
durchgeführt hat: Schimpansen, die ihre außerhalb des Käfigs liegenden Bananen mit
keinem der beiden im Käfig befindlichen Stöcke zu erreichen imstande sind, verharren
nach einer erfolglosen trial-and-error-Phase und "denken nach". Dann setzen sie
die Stöcke zusammen und holen das Futter mit dem nun längeren Gerät herbei.
ENTWICKLUNG DES DENKENS NACH PIAGET
- Äquilibration:
Ist laut dem Schweizer Kinderpsychologen
PIAGET ein Vorgang zur Herstellung eines Gleichgewichts zwischen
Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt. Das Kind hat zunächst noch einfache Schemata von
den Umweltgegebenheiten, gewinnt aber immer komplexere Schemata. Das erkennende Subjekt
pendelt zwischen Adaptation bzw. Assimilation (Aufnahme neuer Inhalte, immer bessere
Beherrschung der Umwelt) und Akkomodation (Anpassung der Weltsicht an neue Erkenntnisse,
Entwicklung neuer Schemata, wenn die Adaptation nicht mehr gelingt).
- Phasen des Denkens im Laufe der Entwicklung:
* sensomotorische Phase (0,0 bis 2;0): Erkenntnis wird
hauptsächlich über Sinneseindrücke gewonnen
* präoperationale (vorbegriffliche) Phase (2;0 bis 4;0): die Welt wird
durch symbolische Aktivitäten repräsentiert (Vorstellungen, Laute, später Wörter)
* intuitive Phase (4;0 bis 7;0): Gleiche Elemente werden als Inhalt einer
Gegenstandsklasse erkannt
* Phase der konkreten Operationen (7;0 bis 11/12;0): Logisches Denken ist
handlungsabhängig möglich, zB sind Invarianzaufgaben (s. o.) konkret eher lösbar als abstrakt.
* Phase der formalen Operationen (ab 11/12;0): rein abstraktes Denken,
unabhängig von konkreten Gegenständen oder Handlungen, wird möglich
Vgl. Die Stadientheorie, Der Zusammenhang zwischen Entwicklung und Lernen nach Piaget
ERSCHEINUNGSFORMEN DES DENKENS
- Problemlösen:
* Definition: Problemlösen bedeutet selbständiges Auseinandersetzen mit
einer in dieser Form neuartigen Aufgabe. (Vgl. zB Problemlösen
mit Online-Exn.) In Exn fand man
* 2 Methoden:
| ° Probieren, trial and error
[Zeitaufwand wegen des Transfereffektes abhängig von der Erfahrung, auf jeden Fall im ø
größer als bei der 2. Methode, wie Exe. (zB
DURKIN-Puzzle
12,5 min statt 38sec) erwiesen. zB: Durch Umlegen von genau vier Hölzern sollen drei
Quadrate entstehen:
|
|
| ° Analysieren, nachdenken (führt
rascher zur Lösung); meist folgender Denkablauf: Vororientierung
- Problematisierung - Strukturierung - Lösungsschema - Lösungsvollzug; auch hier
Transfereffekt; oft Umstrukturierung im Gehirn notwendig (vgl. auch
KÖHLER-,
DURKIN-Exe, s. o.): zB um
die Frage zu lösen, ob ein Bergsteiger, der eine Gipfelhütte zwischen 8 Uhr und 16 Uhr
in gleichmäßigem Tempo erwandert und nach einer Übernachtung zwischen 12 Uhr und 16 Uhr
ebenso gleichmäßig auf demselben Weg absteigt, einen Punkt des Weges zur selben Uhrzeit
passiert; weitere Rätsel im Krealand anderes Beispiel, bei dem die Gestaltwahrnehmung im Wege steht: Die folgenden neun Punkte sind mit einer Geraden, die nur dreimal ihre Richtung ändern darf, durchzustreichen:
|
O O O O O
O |
Zum Logischen
Denken vgl. Seite der Univ. Bonn
* Lösungssuche: Ein gestelltes Problem fordert an sich das konvergente
Denken, der Lösungsweg wird jedoch vielfach, auch wenn es nur eine Lösung gibt,
divergent angegangen.
zB: Zwei von der Decke hängende Schnüre - man kann die eine nicht
erreichen, wenn man, mit der anderen in der Hand, in ihre Richtung geht - sollen
so verknotet werden, dass beide nach wie vor an ihren unerreichbaren
Befestigungen verankert sind; einziges Hilfsmittel: Schere.
Anderes Beispiel: In einem Raum sieht man drei Lichtschalter, in einem anderen, den man
nur einmal betreten darf, um die Folgen seiner Aktionen zu überprüfen, drei Glühbirnen.
Wie lässt sich mit 100%iger Sicherheit feststellen, welcher Schalter welche Birne
kontrolliert?
Oder: Drei Gefangene stehen so auf den vordersten drei von fünf in einer Linie
angeordneten Marterpfählen, dass sie jeweils nur die vor ihnen stehenden Pfähle sehen
können. Wer die Farbe seines Pfahles, den er selbst nicht sehen kann, als erster nennt,
wird losgebunden und darf nach Hause gehen. Die Gefangenen wissen, dass drei Pfähle rot
und zwei gelb sind. Wie ist es möglich, dass gerade der an Position 1 befindliche, der
nichts sieht, der Glückliche ist?
Oder: Wie kann man mit zwei Krügen, die 5 bzw. 3 Liter fassen, die Menge
von 4 Litern Wasser abmessen?
Oder: Eine große Menge von sehr schlauen, aber auch eitlen Philosophen
sitzt in einem Zug, so dass jeder jeden sehen kann. Nachdem der Zug durch einen
Tunnel gefahren ist, klärt der Schaffner die Menge darüber auf, dass
mindestens einer von ihnen ein rußiges Gesicht habe. Jeder weiß nun von jedem,
dass er, wüsste er 100%ig von sich, dass er Ruß im Gesicht habe, bei der nächsten
Station ausstiege. Niemand spricht einen Ton, niemand gibt Zeichen und niemand
prüft bei sich selbst, ob er rußig im Gesicht sei. Der Zug hält bei der
ersten Station, aber niemand rührt sich, genauso bei den nächsten 2 Stationen.
Als der Zug seine Fahrt verlangsamt, um bei der 4. Station zu halten, stehen auf
einmal alle auf, die Ruß im Gesicht haben und verlassen geschlossen den Zug.
Wie viele waren es?
Andere Rätsel: Vgl. Rätsel und
Denksportaufgaben (mit Trivia-Quiz), denknetzwerk.com
* Frustrationsverhalten:
wenn eine - im Ex absichtlich unlösbare, aber lösbar
scheinende - Aufgabe (zB einen Besen auffangen, bevor er den Boden berührt) nicht gelöst
werden kann. [Frustration = der Zustand, der bei der Behinderung der Befriedigung
bewusster oder unbewusster Wünsche auftritt. Die Frustrationstoleranz ist verschieden
hoch und hängt vom Anspruchsniveau (dem Leistungsgrad, den man sich selbst zutraut und
der unrealistisch hoch sein kann) ab.] Folgende Verhaltensweisen, die z.T. an die
Abwehrmechanismen (s.u.) erinnern, können
(auch kombiniert) auftreten:
| ° Bagatellisierung: das zu lösende Problem wird als nicht wichtig erachtet | |
| ° Aggression (nach der Frustrations-Aggressions-Hypothese von DOLLARD und MILLER) | |
| ° Resignation: Rückzug und Aufgabe | |
| ° Rationalisierung: Vorschieben von das Versagen rechtfertigenden Scheingründen | |
| ° Depressionen: unverhältnismäßige Niedergeschlagenheit | |
| ° Flucht vor der frustrierenden Situation | |
| ° Ablenkung: Hinweisen auf Unwichtiges | |
| ° Übersprungshandlungen (auch bei Tieren beobachtet): sinnlose Ersatzhandlungen zur Überbrückung der unangenehmen Situation | |
| ° Regression: Zurückfallen in bereits überwundene (Kindheits)phase (zB infantile Äußerungen) | |
| ° Vernünftiges Sich-Abfinden |
- Kreatives Denken:
* Manifestationen: Kreatives Denken äußert sich
|
* 3 Faktoren:
| ° Einfallsreichtum (divergentes Denken) | |
| ° Originalität (Tendenz zu Lösungen, die noch nicht erprobt sind) | |
| ° Flexibilität (Umstellbarkeit) -
Gegenteil: Rigidität (Denkstarre) = Tendenz, einen einmal bewährten Lösungsweg
auch dann beizubehalten, wenn durch neue Umstände bessere Lösungen möglich werden.
Bewiesen durch Ex. mit Hühnern (H, s. Graphik), die auch
dann die große Runde gehen, um ihr Futter (F) zu erreichen, wenn die Glaswand (G) nach
einigen Wochen entfernt wird:
und (Ex.) die LUCHINS'schen Umfüllaufgaben (Näheres hier), bei denen es (nach dem Muster des Milchkannenrätsels) gilt, einen bestimmten Wasserbetrag mit drei verschieden großen Krügen abzumessen. Nachdem sich die Lösungstechnik B - A - 2C mehrmals bewährt hat, wird sie auch dann angewendet, wenn weniger umständliches Abmessen zum selben Ergebnis führte (zB C - A). |
* Phantasie = das Vermögen, vorhandene Inhalte neu zu
kombinieren
* Vier-Phasenmodell des kreativen Prozesses nach
POINCARÉ:
| ° Vorbereitungsphase: Entdecken des Problems | |
| ° Inkubationsphase: Liegenlassen, Ratlosigkeit | |
| ° Illuminationsphase: Lösungsfindung, s. a. o. | |
| ° Verifikationsphase: Lösungsvollzug |
Kreativitätsforschung wird erst seit einem entsprechenden Aufruf von GUILFORD im Jahr 1950 betrieben, der Kreativität zu den intellektuellen Fähigkeiten im weitestem Sinne zählte.
DENKEN UND SPRACHE
Vgl. folgende Dissertation
- Zusammenhang:
Die wechselseitige Abhängigkeit von Sprache und Denken wurde mehrfach untersucht.
Ausgangsbeobachtung: die Welt wird durch Sprache nicht nur beschrieben, sondern auch
eingeteilt, zB:
| Bedeutung | Deutsch | Dänisch | Französisch | Spanisch |
| Baum | "Baum" | "trae" | "arbre" | "arbol" |
| Brennholz | "Holz" | "bois" | "leña" | |
| Holz als Material | "madera" | |||
| Kleiner Wald | "Wald" | "skov" | "bosque" | |
| Großer Wald | "forêt" | "selva" |
aus: dtv-Atlas zur deutschen Sprache
* SAPIR-WHORF-Hypothese (Linguistische Relativitätstheorie):
Verschiedene Einteilungen der Außenwelt ziehen auch verschiedene Wahrnehmungen und
Bewertungen nach sich. Die Zuñi-Indianer zB, die kein eigenes Wort für
"orange" haben, können diese Farbe im Ex. auch in
ihrer Wahrnehmung nicht gut von gelb unterscheiden. (Es geht jedoch eher um die
Unterscheidungen, die typischerweise tatsächlich gemacht werden, weniger um die, die
theoretisch gemacht werden könnten.) Fazit: Denken ist von der Sprache abhängig.
* LÉVI-STRAUSS: Denkweise wirkt sich auf die Sprache aus. Beleg: Politische
Denkungsart zieht eigenen Sprachstil nach sich.
* Glossematik: In Weiterführung der strukturalistischen Sprachtheorie des
Schweizer Linguisten DE SAUSSURE leugnen der Däne
LOUIS HJELMSLEV u.a. jeden Zusammenhang
zwischen Sprache und Denken. Das sprachliche Zeichen ist eine willkürliche Verbindung
einer Ausdrucks- mit einer Inhaltsform, was sich zB an der völlig unterschiedlichen
Einteilung des Farbspektrums in der englischen bzw. der walisischen Sprache erweist.
* Sprachinhaltsforschung (Vorläufer
WILHELM VON HUMBOLDT): Die Sprache ist
eine Tätigkeit und hat ein eigenes "sprachliches Weltbild", das zwischen
Sprachgemeinschaft und außersprachlicher Wirklichkeit steht und sich in Wörtern, die
etwas suggerieren, wie zB "Sternbild", "Purzelbaum" usw. ausdrückt.
(Dynamische Sprachauffassung, v.a. LEO WEISGERBER)
- Begriffe:
* Definition: Begriffe sind abstrakte, mit Wörtern
(Begriffsnamen) bezeichnete Vorstellungen, die Elemente des Denkens darstellen. Sie
garantieren, dass die Welt verfügbar gehalten wird.
* Begriffsdreieck (am Beispiel "Baum")
"Bezeichnendes"
"Bezeichnetes" |
* Begriffsbildung = einer Reihe von Bewusstseinsinhalten gemeinsame spezifische Eigenschaften zuzuschreiben und diese relevanten Merkmale von den irrelevanten Merkmalen zu trennen.
| ° Konjunktivische Begriffsbildung: von zwei Eigenschaften müssen einem Gegenstand beide zukommen (leichter zu erkennen) | |
| ° Disjunktivische Begriffsbildung:
von zwei Eigenschaften müssen einem Gegenstand entweder die eine oder die andere zukommen
(schwerer zu erkennen) Warenhausex. von ACH: Nachdem längere Zeit große, schwere Gegenstände mit dem Phantasienamen "Gazun", kleine, leichte mit "Ras" bezeichnet worden waren, konnten die Vpn im Warenhaus den Auftrag des Vls, Gazuns und Ras' zu besorgen, erfüllen - neue Begriffe waren durch abstrahierendes Denken entstanden. |
* Bedeutung:
| ° Denotation: Begriffskern, reine Information | |
| ° Konnotation: das, was "mitschwingt", zB bei einem Wort wie "recht(s)" |
- Dimensionen der sprachlichen Zeichens nach
MORRIS (Semiotik):
* syntaktische Dimension: regelt die Beziehung zu anderen
sprachlichen Zeichen
* semantische Dimension: regelt die Beziehung zu der Bedeutung der
sprachlichen Zeichen
* pragmatische Dimension: regelt die Beziehung zu den Verwendern der
sprachlichen Zeichen
- Kommunikationsmodell:
Versucht (meist graphisch) alle Bedingungen, unter denen Kommunikation erfolgt,
darzustellen: Sender - Empfänger - Medium der Kommunikation - äußere und innere
Rückkoppelungs-Regelkreise - ev. Störfaktoren - (aktiver / passiver) Zeichenvorrat -
soziale Normen - Situation - ...
- Funktionen
der Sprache:
* Ausdruck: wahrhaftig / nicht wahrhaftig, zB
"Au!"
* Appell: wirksam / unwirksam, zB "Achtung!"
* Darstellung: richtig / falsch, zB "Die Giraffe hat 7
Halswirbel." Im Gegensatz zu den beiden ersten Funktionen nicht situations-, zeit-
oder ortgebunden. (Bedingt auch bei Tieren; Bienen zB unterrichten ihre Artgenossen -
allerdings in einem sehr starren und instinktgesteuerten System von Tänzen, das kein
Wahrheitsproblem kennt - über Duft, Richtung, Entfernung und Rentabilität eines
Futterplatzes)
* Argumentation: gültig / ungültig, zB "Strafe und Belohnung sind als
Erziehungsmittel abzulehnen, weil sie bewirken, dass das (vielleicht) Richtige aus den
falschen Motiven getan wird." (Es wird darüber gesprochen, ob ein Satz wahr
ist oder nicht. Als einzige Funktion ausschließlich dem Menschen vorbehalten)
(Bezeichnungen 1 bis 3 von KARL BÜHLER, 4 hinzugefügt von
KARL R. POPPER)
- Defizithypothese von BASIL BERNSTEIN:
* 2 Sprachausformungen (tendenziell durch die soziale
Schicht determiniert, daher milieuabhängig):
| ° public speech, restringierter Code: Unterschicht, parataktisch, geringer Wortschatz, unvollständige, kurze Sätze (Fragen, Befehle), kontextgebunden, voraussagbar, stereotype, traditionelle Wendungen, Tatsachenfeststellungen als Begründungen, erwartete Antwort implizit in Frage enthalten | |
| ° formal speech, elaborierter Code: Oberschicht, hypotaktisch, großer Wortschatz (viele Adjektiva und Adverbien), kreativer, origineller, grammatikalisch komplexer, Möglichkeit, Gefühle und Gedanken zu formulieren, aber auch zu abstrahieren ("es", "man"), kontextunabhängig, komplexe Begriffshierarchie, Trennung von Tatsachenfeststellungen und Begründungen |
* Maßnahmen: kompensatorischer Sprachunterricht in der Schule, der die mitgebrachten Unterschiede (Sprachbarrieren) beseitigen soll. Problem: Kinder sind zu diesem Zeitpunkt schon relativ alt, viele irreversible Entscheidungen sind bereits gefallen.
Dieses Konzept wurde zB von William LABOV kritisiert, der ihm seine Differenzhypothese bzw. emanzipatorischen Sprachunterricht gegenüber stellte.
Vgl. zu diesem Thema auch das Tutorial Sprache und Gehirn.
vgl. Das Lernen lernen, Grundlegende Prozesse des Lernens (mit Online-Exn), Einführung in die Kognitive Psychologie (Lernprogramm über Gedächtnis u. a.), Das Gedächtnis
* Lernen ist Verhaltensänderung auf Grund von Erfahrung (im
Gegensatz zur Reifung, s.o., der
Veränderung aufgrund endogener Entwicklungsursachen); im engeren Sinn systematisches
Wiederholen.
* Gedächtnis ist die Wirkung vergangener, in der Zwischenzeit nicht
bewusster Erlebnisse und Verhaltensweisen auf das spätere Erleben und Verhalten. Es
ermöglicht
| ° Einprägen (Enkodierung) | |
| ° Behalten (Retention) | |
| ° Erinnern (recall) | |
| ° Wiedergeben (Reproduzieren) | |
| ° Wiedererkennen (Rekogniszieren) von Bewusstseinsinhalten. |
Man unterscheidet
| ° Materialgedächtnis | |
| ° Gestaltgedächtnis | |
| ° Sinngedächtnis (nach GOLDSCHEIDER und PILEK) |
* Vergessen ist Abnahme der Wirksamkeit einer sich selbst überlassenen Einprägung im Laufe der Zeit. Vgl. Vergessen (Univ. Linz)
LERNEN IM KOGNITIVEN BEREICH
Neuere Forschungen (von SPITZER u. a.) scheinen nahe zu legen, dass die Lebenserfahrung des Menschen die Stärke der Synapsen festlegt und es daher nicht egal ist, mit welchen Erfahrungen man aufwächst. Das Drüberlaufen von Impulsen verändert die Feinstruktur unseres Gehirnes fortlaufend. (Neuroplastizitätshypothese: Synapsen ändern sich, wenn sie benutzt werden.)
- Gedächtnis:
Vgl. Wie funktioniert unser Gedächtnis?
(WDR), Gedächtnis
(interaktiv), Memory
Test
* Funktion: Das Gedächtnis ist einem Speichersystem
(Arbeits- und Dauerspeicher) mit ausreichend vorhandenem Speicherplatz vergleichbar. (Dichotomische
Speicherhypothese) Seine Funktionsweise ist nicht restlos geklärt, die angenommenen
Veränderungen des Nervensystems nennt man Engramme. Grundlage scheinen
biochemisch-elektrische Vorgänge, Synapsenbildungen und morphologische Veränderungen im
Gehirn zu sein.
Ex. von ROCK beweist, dass es beim Lernen keine Spurennbildung gibt, sondern das Alles-oder-Nichts-Gesetz wirksam wird:
| ° 1. Phase: Vp lernt 12 Paare sinnloser Silben (s. u.). Nach 10maliger Darbietung werden im ø 8 Treffer erzielt, wenn der 2. Paarling zum ersten assoziiert werden soll. | |
| ° 2. Phase: Vp wird bereits im 2. Durchgang geprüft. Richtig beantwortete Paare erscheinen im 3. Durchgang wieder, falsche werden durch ein völlig neues Paar ersetzt. Ergebnis: nach 10 Runden wieder im ø 8 Treffer. | |
| ° 3. Phase: wie 2. Phase, es wird jedoch bei einer falschen Antwort nur der 2. Paarling, nicht das gesamte Paar ersetzt. Das Ergebnis (neuerlich ø-lich 8 Treffer nach 10 Durchgängen) beweist das Alles-oder-Nichts-Gesetz, da bei Spurenbildung aufgrund der assoziativen Gedächtnishemmung (s. u.) die Lernleistung gelitten haben müsste. |
* Speicher:
(Vgl. auch Informationen
zum Kurzzeitgedächtnis)
STM (short term memory, Kurzzeitgedächtnis) |
LTM (long term memory, Langzeitgedächtnis) |
|
| ° Kapazität ist gering, bis zu 9 Einheiten lassen sich ohne Aufwand merken | ° Kapazität fast unbegrenzt, SINZ nahm 1977 etwa 1016 bit als Obergrenze an | |
| ° Wiedergabe ohne Einprägung | ° Wiedergabe wegen Einprägung | |
| ° ca. 30 sec | ° Jahre und Jahrzehnte | |
| ° Regelkreise | ° morphologische Veränderungen | |
| ° labil, störanfällig | ° stabil, überdauernd | |
| ° nicht trainierbar | ° trainierbar | |
| ° eher akustisch orientiert | ° eher sinnorientiert | |
| ° Inhalte werden (rückstandslos) gelöscht (vgl. Computerarbeitsspeicher) | ° Inhalte werden (wieder aktivierbar) vergessen (vgl. Festplatte) | |
| ° Beispiel: Telephonnummer aus Telephonbuch bis zum Anruf | ° Beispiel: Prüfungsstoff | |
| ° Beweise für die Existenz eines STM: KORSAKOW-Syndrom (Mnestisches Syndrom): bei alten Leuten und Alkoholikern beobachtbarer Schwund des Kurzzeitgedächtnisses | ° Beweise für die Existenz eines LTM: Retrograde Amnesie: rückwirkender Gedächtnisschwund, zB nach einem Unfall, durch Störung der postmentalen Erregungen (s.u.). | |
| ° Außerdem existiert ein nur wenige Sekunden aktives Ultrakurzzeitgedächtnis (ikonisch-echoischer Speicher, sensorischer Puffer) | ||
| ° Déjà vu-Erlebnis (Paramnesie): Scheinbekanntheit mit einer tatsächlich noch nie erlebten Situation. Versuch einer Erklärung: Paramnesien entstehen durch "Schaltfehler": etwas gerade erst Erlebtes wird sofort in das LTM transferiert => es entsteht subjektiv der Eindruck einer Erinnerungsvorstellung. | ||
- Einprägen, Wiedergeben und Vergessen:
Hermann Ebbinghaus
* Methoden: Seit dem 1885 erschienenen Buch "Über das
Gedächtnis" von EBBINGHAUS werden als Untersuchungsmaterial sinnlose Silben
benutzt. Sie bestehen aus assoziationslosen Konsonant-Vokal-Konsonant-Kombinationen (z.B.
ZUN, FIM, PES, HEM ...; die Eichung erfolgt auch hinsichtlich eines eventuellen
VON RESTORFF-Effektes, s. u.).
Zur Überprüfung der Wiedergabeleistung dienen:
| ° Methode der behaltenen Elemente: überprüft, wie viele Elemente einer dargebotenen Reihe gemerkt wurden. | |
| ° Wiederholungsmethode = Erlernungsmethode: überprüft, wie viele Wiederholungen notwendig sind, bis der Lehrstoff fehlerlos beherrscht wird. | |
| ° Ersparnismethode: überprüft, wie viele Durchgänge man sich nach einer Wiederholung (bzw. mehreren Wh-Durchgängen) erspart. | |
| ° Treffermethode: Silben werden paarweise dargeboten, überprüft wird die Trefferquote, wenn der zweite Paarling abgefragt wird. (von MÜLLER und PILZECKER) | |
| ° Wiedererkennungsmethode (v.a. im klinischen Bereich verwendet): überprüft, wie viele Elemente einer dargebotenen Reihe rekognisziert werden können. (Die Leistung beim Wiedererkennen ist im ø dreimal so hoch wie beim Reproduzieren.) |
* Vergessenskurve von EBBINGHAUS: stellt die Abnahme der Wirksamkeit einer Einprägung, die sich selbst überlassen wird, dar ["Die Quotienten aus Behaltenem und Vergessenem verhalten sich umgekehrt wie die Logarithmen der Zeit. ln y = lg a - (lg b).t"]:
|
Abb. nach W. Stangls Arbeitsblättern
Folgerungen:
| ° Der Einprägungswert einer Wiederholung ist um so stärker, je mehr bereits vergessen worden ist. | |
| ° Nach einem Tag sind ²/3 des Stoffs bereits vergessen! Die Kurve geht asymptotisch gegen 0. | |
| ° Die Kurve verläuft umso flacher, je sinnvoller das verwendete Material ist bzw. je öfter bereits wiederholt worden ist. |
* Gesetz von EBBINGHAUS: stellt das Verhältnis Lernstoff / Lernaufwand dar:
|
Abb. nach kzg.htm der Universität Bonn
Folgerung: "Jede Vergrößerung des Lernmaterials macht eine unverhältnismäßig
große Steigerung der Lernzeit notwendig."
* Sätze von JOST (Schüler von
Ebbinghaus):
| ° "Haben 2 Assoziationen mit
gleicher Stärken ein verschiedenes Alter, so wird die Stärke der älteren Assoziation
langsamer geringer als die der jüngeren." (In der Graphik grau vs. blau) |
|
° "Sind 2
Assoziationen von gleicher Stärke, aber verschiedenem Alter, so hat eine Wiederholung
für die ältere einen größeren Wert." |

Die Graphik bezieht sich auf 20 Silbenpaare, die mit der Treffermethode erlernt wurden.
Im Schnittpunkt wurden beide Reihen (wenn auch bei unterschiedlicher Lerngeschichte)
gleich gut gekonnt: zu 50%. Die Gruppe A, deren Erlernkurve schwarz eingetragen ist,
vergisst also ab dem Schnittpunkt langsamer (Vergessenskurve der Gruppe A = blau) als die
Gruppe B, deren Erlernkurve und Vergessenskurve grau eingetragen sind, da der steile
Abfall bei A schon überwunden ist, bei B jedoch erst gerade beginnt. (A hat ja schon
früher den Lernstoff einmal zu 100% beherrscht.)
Genauso wäre A bei einem neuerlichen Lernvorgang (= grün) schneller (wieder) auf 100%
als B (=gelb), da für B die Silben 11-20 neu wären.
* Gedächtnisspanne:
| ° Statische Gedächtnisspanne: Nach Darbietung einer Reihe wird überprüft, wie viele Elemente spontan gemerkt werden konnten. | |
| ° Gleitende Gedächtnisspanne (kürzer): Sie wird überprüft, indem die Anzahl der Elemente, die nach dem Abbrechen der Darbietung von hinten wiedergegeben werden müssen, unbekannt bleibt. |
- Ergebnisse der Lernpsychologie
(Praxisanwendung), positive Effekte:
vgl. Tipps und Hinweise, Lern-Links
* Pausen: Verteiltes Lernen ist besser als massiertes Lernen. (Es ist zB
nutzbringender, 6 x eine Viertelstunde zu lernen als 1 x zwei Stunden.) Empfohlen werden
pro Stunde maximal 3 Lektionen (eine Lektion: ca. 15 min, dazwischen 5 min Pause); pro Tag
höchstens fünf Lerneinheiten (drei am Vormittag, zwei am Nachmittag => 15 Lektionen
pro Tag.
* Wiederholungen: notwendig, um den Abfall der Vergessenskurve (s. o.) auszugleichen.
Empfohlen wird:
| ° 1. Wiederholung: nächster Tag | |
| ° 2. Wiederholung: nach 3-4 Tagen | |
| ° 3. Wiederholung: nach 10 Tagen | |
| ° 4. Wiederholung: nach 3 Wochen, wenn es die Struktur des Lernstoffes erlaubt, am besten mit der Lernkartei (Schachtel mit fünf Fächern: 1cm/2cm/5cm/8cm/14cm tief; 1 Lektion entspricht etwa 20 Karteikarten, der Aufbau des Kastens entspricht der Vergessenskurve). Die Karteikarten (Vorderseite: Frage, Rückseite: Antwort) eines Stoffgebietes werden in das erste Fach (1 cm) gegeben und durchgearbeitet. War die Antwort richtig, kommt die Karte ins nächste Fach, war sie falsch, bleibt sie im ersten Fach. Ist die Mehrheit der Karten im zweiten Fach, wird dieses durchgearbeitet, wobei nicht gewusste Karten wieder im ersten Fach landen, usw. Ist das erste Fach (fast) leer, kann man, ohne die alten Karten zu entfernen, ein neues Stoffgebiet einlegen. (Besonders geeignet für Lernstoffe, die sich in kleine Einheiten gliedern lassen, zB Frage-Antwort, Vokabel, ungeeignet für Sinnzusammenhänge.) |
"Repetitio est mater studiorum"
* PU (Programmierter Unterricht):
von SKINNER (s. u.) erfundene Praxisanwendung der
Lerngesetze. Der Lernstoff wird in kleine Einheiten (frames) gegliedert, die eine
Aufgabenstellung enthalten. Nur bei einer korrekten Antwort gelangt man zum nächsten
frame. (Computer, programmierte Lehrbücher; Vorläufer: Lernkartei und
PRESSEY 1926).
Vgl. Seite der Universität
Darmstadt.
Zwei Typen:
| ° Lineares Programm, das eine Lektion, die nicht beherrscht wird, einfach wiederholt | |
| ° Verzweigter Typ ("scrambled system"), der einen individuellen Lernweg ermöglicht (Umwege bei Nicht-Können) von CROWDER |

* Sinnhaftigkeit des Materials: Je
"assoziationsgeläufiger" das Material, desto flacher die Vergessenskurve.
Es empfiehlt sich manchmal, die logischen Zusammenhänge eines Stoffgebietes in
Form einer sogenannten Mind Map (= eine von
TONY BUZAN, geb. 1942,
entwickelte Form der kreativen Gedankenfixierung oder Mitschrift; vgl. folgende
Links)
graphisch darzustellen.
* Positionseffekte: Innerhalb eines Kontinuums lässt sich der
Beginn (primacy effect) und das Ende (recency effect) leichter merken. => Reihenfolge
ändern, zB durch die Lernkartei, s.o.
* VON RESTORFF-Effekt: Herausfallen eines
aus welchen Gründen immer assoziationsgeläufigen Elementes aus einer Reihe
assoziationsloser Elemente.
* Reminiszenzeffekt: nach einer längeren Pause scheint etwas einmal
Beherrschtes leichter auszuführen als davor (gilt v.a. für körperliche Fähigkeiten).
* Beschallung: in Exen.
zeigte sich, dass weißes Rauschen (s.
Teil 1) im Hintergrund besser für die Lernleistung ist als absolute Stille.
Erklärungsversuch: Es hebt das Aktivierungsniveau ohne abzulenken.
* Lerntyp: je nach dem bevorzugten "Kanal" sollte der Lernstoff
optisch, akustisch oder motorisch (vgl. Tu-Effekt)
aufgenommen werden. (Kanalkapazität: Menge der von
einem System pro Zeiteinheit übertragbaren Information, beim Menschen 7±2 Einheiten)
Ex. STROOP-MERZ-Test zur
Untersuchung der Mehrkanaligkeit des Menschen (nach
John Ridley STROOP): Das Wortpaar
"laut-leise", 50mal untereinandergeschrieben, muss entsprechend der Lautstärker
einer vom Tonband kommenden Stimme, die jeweils "laut" oder "leise"
laut oder leise ausspricht, angehakt werden. Es kommt zu Interferenzen zwischen dem
akustischen und dem semantischen Kanal. (Siehe Variante mit Farben
und andere Tests und Erklärung)

Prinzipiell fördert aktive Beteiligung am Lerngeschehen den Grad des Behaltens.
(Konfuzius: "Sage es mir, und ich vergesse es / zeige es mir, und ich erinnere mich /
lass es mich tun, und ich behalte es.")
* Mnemotechnische Hilfen: Künstlich geschaffene Assoziationen,
sog. "Eselsbrücken", die die Merkleistung erhöhen. Vgl. Gedächtnistricks
oder folgendes Ex.: Die (immer gleich angeordneten) Punkte
lassen sich in der Darbietungsweise 2 oder 3 leichter merken (und reproduzieren) als in
der Darbietungsweise 1.
1 |
2 |
3 |
Abb. aus einer FBA von E. Feichter, Wals-Siezenheim
* Motivation: Je stärker das Motiv, desto besser die
Lernleistung. Intensität, Richtung und Form des Lernens (jedes Verhaltens) werden von der
Motivation wesentlich beeinflusst.
* Flow-Erlebnis: Manchmal lässt sich ein eventuell
auftretendes so genanntes Flow-Erlebnis ausnutzen. (Begriff nach dem
ungar.-amerik. Psychologen Mihaly
Csikszentmihalyi, der darunter eine in vielen Lebensbereichen mögliche
länger andauernde Euphorie versteht, in der man alles richtig macht, ohne
darüber nachdenken zu müssen. Laut
Csikszentmihalyi hat ein Flow-Erlebnis folgende Bestimmungsstücke: Die
Aktivität hat deutliche Ziele, unmittelbare Rückmeldung und ihre Zielsetzung bei
sich selbst = autotelisch. / Wir sind fähig, uns auf unser Tun zu
konzentrieren. / Anforderung und Fähigkeit stehen im ausgewogenen Verhältnis, so
dass keine Langeweile oder Überforderung entsteht. / Wir haben das Gefühl von
Kontrolle über unsere Aktivität. / Es besteht Mühelosigkeit, bei der unsere
Sorgen um uns selbst verschwinden. / Unser Gefühl für Zeitabläufe ist
verändert: "Dem Glücklichen schlägt keine Stunde". / Handlung und
Bewusstsein verschmelzen.)
- Ergebnisse der Lernpsychologie
(Praxisanwendung), negative Effekte:
* Ablenkung: informationshaltige Beschallung (s. o.) und jede andere Ablenkung am Arbeitsplatz
senken die Lernleistung, da der Mensch nur bedingt mehrere Inhalte gleichzeitig bearbeiten
kann (= Simultankapazität, s. o.:
STROOP-MERZ-Test) ist. Beachte v.a. Ablenkung durch Stress!
* Demotivation: innere Ablehnung des Stoffes erhöht den Lernaufwand
* Plateau-Phase: jene Phase, in der der Lernaufwand in keinem Verhältnis
zum Ertrag mehr steht. Abhilfe: Pause!
* Überlernen: ein zu über 100% erlernter Stoff unterliegt beinahe
derselben Vergessensgeschwindigkeit wie ein zu 100% erlernter (im Ex.
von LUH 1922 in den USA nachgewiesen; Begriff von
H. Roth).
* Gedächtnishemmungen: beruhen auf Störungen der postmentalen Erregungen (Aktivitäten des Gehirnes nach
dem eigentlichen Lernvorgang). Der Lernstoff kann sich nicht festigen. ("Das Gehirn
lernt länger als das Bewusstsein.") Beweis: retrograde Amnesie, s. o., eine besonders starke Form der
affektiven Hemmung (s.u.). Nachgewiesen
wurden folgende Hemmungen (die jeweils relevanten postmentalen Erregungen werden mit ~~
symbolisiert):
| ° Retroaktive Hemmung: Lernstoff B, unmittelbar nach Lernstoff A gelernt, stört ~~ und damit das Einprägen von Lernstoff A, der wiedergegeben werden muss | |
| ° Proaktive Hemmung: ~~ von A, unmittelbar vor B gelernt, stören den Konsolidierungsprozess von B, der wiedergegeben werden muss | |
| ° Ähnlichkeitshemmung (PAUL RANSCHBURG'sche Hemmung): die zwei in zeitlicher Nachbarschaft gelernten Stoffe sind einander ähnlich; die stärkste Hemmung! (Kann natürlich auch als ekphorische Hemmung auftreten.) | |
| ° Ekphorische Hemmung (Abrufhemmung): ~~ von B, unmittelbar vor der Wiedergabe von A gelernt, stören Wiedergabe von A) | |
| ° Affektive Hemmung: ein emotional tiefgreifendes Ereignis stört die Einprägung eines Lernstoffes. (=> Nachweis der postmentalen Erregungen auch über längere Zeit, vgl. Retrograde Amnesie). Ex. in einer Volksschule: die Vg konnte nach einem Feueralarm von drei in einem eben gehörten Märchen vorkommenden Zauberwörtern keines, die Kg alle nennen. | |
| ° Linguale Hemmung ("es liegt auf der Zunge"): partielle Erregungskollisionen im Gehirn, zB wegen ähnlich klingender Wörter, hemmen den Output. Abhilfe: an etwas anderes denken. | |
| ° Assoziative Hemmung: Umlernen von Assoziationen ist aufwendiger als Neulernen, zB neue Telephonnummer eines alten Freundes. |
Abhilfe bei Gedächtnishemmungen: Pausen zwischen den Lernvorgängen einlegen, am besten für die ~~: Schlaf nach jedem Lernvorgang; Vermeidung von Ablenkung, Stress etc.; Time-Manegement; Wechsel der Lernmethoden (zB nicht Vokabel zweier Fremdsprachen hintereinander lernen)
* Weitere negative Faktoren: Drogen, z.T Ernährung, Alter, Nervosität, Depressionen etc.
- Dem Gedächtnis verwandte Phänomene:
* Negative Nachbilder (s. o.)
* Eidetisches Phänomen ("photographisches Gedächtnis"):
besonders bei Kindern auftretende Fähigkeit, ein detailreiches Bild nach kurzer Ansicht
auch nach längerer Zeit beinahe fehlerfrei reproduzieren zu können.
* Halluzinationen (Trugwahrnehmungen):
Subjektiv als Wahrnehmung erscheinende Bewusstseinsinhalte, die keine Entsprechung in der
Außenwelt haben (v.a. bei Geisteskranken)
* Pseudohalluzinationen: Meist im Zustand der Ermüdung auch bei Gesunden
auftretende Trugwahrnehmungen, deren Inhalt meist über längere Zeit durchgeführte
Tätigkeiten sind.
* Illusionen (Pareidolien): Umdeutungen (Verkennung) bestehender
Wahrnehmungen; der Begriff wird auch für optische Täuschungen verwendet.
"Pareidolie" meint oft "Hinzufügung". Illusionen können
auch bezüglich Realität und Fiktion bestehen. So sehen sich zB manche Menschen
in Videospielen in eine "reale" Atmosphäre versetzt, hingegen wurde
zB am 11.9.2001 der Einschlag der Flugzeuge in die Twin Towers des WTC in
New York als einem Action-Film oder Videospiel gleichartig empfunden.
* Vorstellungen:
| ° Sie haben keine Reizgrundlage | |
| ° Sie sind ungenauer als Wirklichkeit | |
| ° Sie sind willentlich hervorrufbar |
2 Arten:
| ° Phantasievorstellungen (Neukombinationen) | |
| ° Erinnerungsvorstellungen (aus Gedächtnis) |
Die Vorstellungsfähigkeit ("Imagery") lässt sich für das Mentale Training
(Verschiebung des Realverhaltens in den kognitiven Bereich) nützen.
* Perseveration: sowohl bei psychisch Kranken wie bei Gesunden ungerufenes
Auftreten und Verharren gewisser Gedächtnisinhalte (zB Melodien).
LERNEN IM VEGETATIVEN BEREICH
- Definition
Der Vegetativbereich eines Lebewesens ist - neben dem
sensorischen und dem motorischen System - der dritte große Teil des Nervensystems. Es
handelt sich um jenen Bereich, der nicht dem freien Willen unterliegt und der die
lebenserhaltenden Funktionen steuert (Blutkreislauf, Herzschlag, Atmung...). Dieser
Bereich ist klassisch konditionierbar.
- Klassisches Konditionierungsex von Pawlow:
Vgl. Webseite Klassische
Konditionierung nach Pawlow und ein entsprechendes Online-Experiment
Der russische Physiologe IWAN PETROWITSCH PAWLOW (Nobelpreis 1904) fand in seinen Exen. folgendes heraus: Speichelfluss, der bei Hunden
normalerweise reflexhaft als Reaktion auf Fleischpulver auftritt, kann auch durch einen
ursprünglich neutralen Glockenton ausgelöst werden, wenn dieser lange genug in
zeitlicher Nachbarschaft mit der Nahrung dargeboten wurde. (=> Klassische
Konditionierung, erlernte Assoziation, Antizipation der Nahrung durch die Glocke). =>
Verhalten ist ein Komplex reflektorischer Vorgänge.
Vgl. Seite über Pawlow
* Begriffe:
| ° UCS = unconditioned stimulus, unbedingter Reiz (im Ex das Fleischpulver) | |
| ° UCR = unconditioned reaction, unbedingte Reaktion (Reflex; im Ex der primäre Speichelfluss; Verhältnis UCS/UCR: r = 1) | |
| ° CS = conditioned stimulus, bedingter Reiz (im Ex der Glockenschlag, am wirksamsten 1/2 sec vor dem UCS) | |
| ° CR = conditioned reaction, bedingte Reaktion (im Ex der durch die Glocke ausgelöste Speichelfluss; Verhältnis CS/CR: r = zwischen 0 und 1) |

* Generalisation und Erweiterung: Wenn mit einem dem
gelernten ähnlichen CS eine CR erreicht wird, nennt man diese Erscheinung
Reizgeneralisation. (zB Glocke eine Oktav höher, rotes statt grünes Licht etc.)
Generalisationsexe lassen Rückschlüsse auf die
Abstraktionsfähigkeit eines Tieres zu. Basis: Irradiation (Überschneidung von
Erregungsfeldern)
Ex.: Zu einer "experimentellen Neurose" führte die
Konditionierung von Hunden auf Ellipsen als CSs. Nachdem sie die Unterscheidung zwischen
einer projezierten Ellipse (mit UCS gekoppelt) und einem projezierten Kreis (nie mit dem
UCS gekoppelt) erlernt hatten (Differenzierung), wurde die Achsenlänge dem Kreis so stark
angenähert, dass für die Tiere die Unterschiede nicht mehr merkbar waren =>
Übersprungsbewegungen, Unsicherheit. Außerdem lässt sich die Konditionierung erweitern,
indem man vor den CS (zB Glocke) einen zweiten CS (zB Lichtsignal) setzt. ("Bedingter
Reflex zweiter Ordnung", beim Menschen sind Konditionierungen bis zur 7. Ordnung u.
mit dem 2. Signalsystem, der Sprache, gelungen.)
* Extinktion: Wird der CS über längere Zeit weggelassen bzw. tritt der CS
immer öfter ohne UCS auf, wird die erlernte Assoziation gelöscht (extinguiert).
* Spontanremission: Werden in einer Extinktions-Phase eine Zeitlang weder CS
noch UCS dargeboten, so steigt die Bereitschaft, auf den CS zu reagieren nach dieser Pause
wieder etwas an (Spontanremission). Erklärung: Die Hemmung, die sich aufbaut, wenn der CS
alleine wahrgenommen wird, baut sich in der Pause wieder ab.

LERNEN IM VERHALTENSBEREICH (Behaviouristische Theorien und ihre Überwindung)
- Definitionen:
Lernen im Bereich des Verhaltens wurde v.a. von der amerikanischen Psychologie
erforscht. Der extrem milieuoptimistische Behaviourismus (Behaviorismus) hat sich
hauptsächlich als Lerntheorie etabliert. (Lernen ist für ihn Verhaltensänderung
aufgrund einer S -> R-Beziehung, s. o.,
"Psychologie ohne Seele")
* Grundthese des Behaviourismus: Das (menschliche) Verhalten ist aufgrund
von Reiz-Reaktions-Beziehungen erklärbar (S = stimulus, Reiz; R = reaction, Reaktion).
Beobachtbar sind nur der Input (S) und der Output (R), das Lebewesen selbst bleibt eine
"black box" (Verzicht auf jeden Introspektionismus)
* Ziele des Behaviourismus:
| ° adäquate Beschreibung des (tierischen und menschlichen) Verhaltens | |
| ° Voraussagemöglichkeit und Kontrolle | |
| ° Entwicklung einer Lern- und Verhaltenstheorie |
- Entwicklung des Behaviourismus anhand seiner
Hauptvertreter:
Vgl. Behaviorismus
* J. B. WATSON: Watson gilt als Begründer
des Behaviourismus ("Psychologie ist ein objektiver Zweig der
Naturwissenschaft."), extremer Milieuoptimist ("Gebt mir ein Dutzend gesunder,
wohlgebildeter Kinder und meine eigene Umwelt ..., und ich garantiere, dass ich jedes ...
zu einem Spezialisten in irgendeinem Beruf erziehe, zum ... Künstler, Kaufmann oder zum
Bettler und Dieb..."). Wissenschaftlich zulässig ist für ihn allein das
Reiz-Reaktions-Schema.
Ex. "Little Albert": Um seine Theorien zu beweisen,
züchtete Watson dem Kleinkind Albert Angst vor seinem Stofftier an (durch Koppelung mit
einem angsterregenden Gongschlag), die er auf alles Pelzige generalisierte. Grund: Er
wollte zeigen, dass Angst etwas Erlerntes und daher auch wieder Verlernbares ist.
Vgl. Watson's Little Albert
Study
* E. L. THORNDIKE: Thorndike
erweitert das S-R-Modell, indem er ein Streben nach Bedürfnisbefriedigung und damit eine
Eigengesetzlichkeit des Organismus (EdO) als intervenierende Variable (iV) unterstellt.
* C. G. HULL: Hull führt ein
zusätzliches, antizipatorisches Element ein, die Erfolgserwartung (EE). Innerhalb der
Habit-Familie (zur Verfügung stehende Verhaltensweisen) ergibt sich je nach Situation
eine Hierarchie, die bewirkt, dass das Individuum die zum Ziel führende Verhaltensweise
auswählt. Bedingte Reaktionen werden durch Erfolg stabilisiert.
* B. F. SKINNER: Skinner, der
Erfinder des Programmierten Unterrichts (s. o.) und der "Skinner-Box" (vgl. Abbildung),
eines Tierkäfigs, der eine störungsfreie Beobachtung bei Exn
garantiert, rechnet als erster Behaviourist mit spontanem Verhalten ohne Reizgrundlage (=
operantes Verhalten oV) im Gegensatz zum reaktiven Verhalten. Lernen ist für ihn
Veränderung von Reaktionswahrscheinlichkeiten. (Vgl. auch sein Buch "Jenseits von
Freiheit und Würde")
Der Gang der Entwicklung des Behaviourismus zeigt, dass der ursprüngliche Ansatz umso
mehr verlassen wird, je adäquater die Beschreibung des Verhaltens gelingt. (Vgl. Seite
der Skinner-Foundation)
* E. CH. TOLMAN: Tolman gilt als
der Überwinder des Behaviourismus. Er rechnet mit Lernen von Bedeutungen und Mustern und
zielorientiertem Handlung und formuliert damit eine schon kognitive Lerntheorie. Beim
Lernen von Labyrinthen zB hätten die Tiere eine geistige Landkarte (cognitive map) im
Kopf. - Weiterentwickelt von
* R. M. GAGNÉS: Gilt nach Tolman als
wichtigster Vertreter einer "kognitiven Wende". Seine Theorie von Lernen als
Informationsverarbeitung vor allem im schulischen Bereich schreibt dem Lehrer die Aufgabe
zu, Teilaufgaben in einer hierarchischen Sequenz anzuordnen und eine
"Lernstruktur" zu schaffen. Der Lernende stehe in einer Reizsituation, die
Reaktionen hervorrufe. Lernen sei eine Änderung in menschlichen Dispositionen oder
Fähigkeiten, die erhalten bleibt und nicht einfach dem Reifungsprozess zuzuschreiben
ist." In einer veränderten Leistung zeige sich das Ergebnis. (Gagné beeinflusste
die Curriculumtheorien, die eine möglichst präzise Regelung nicht nur von
Lernzielen und Lerninhalten, sondern auch von Lernprozessen und der
Lernorganisation schaffen wollen.)
Vgl. Seite
über Gagnés.
- Neurophysiologisches Modell:
Lernen besteht in einem "Prozess des Herausbildens relativ überdauernder
neuraler Leistungsbögen durch simultane Aktivität der den Bogen konstituierenden
neuralen Elemente, sodass mit fortschreitender Veränderung der Zellstrukturen eine
schnellere Aktivierung des gesamten Bogens dann erfolgen kann, wenn nur eines der neuralen
Elemente aktiviert (gereizt) wird." (so schon
BUGELSKI 1956)
- Kognitives Lernmodell:
Kognitive Lerntheorien gehen von der Auffassung aus, dass kognitive Strukturen
erlernt werden. Das kognitive Feld wird durch Lernen umgestaltet. Die "kognitive
Wende" wollte das behaviouristische Erklärungsparadigma ablösen.
Kognitionspsychologie beschreibt Prozesse des Wahrnehmens, Denkens, Urteilens
und Schließens und beschäftigt sich mit der Frage, wie Menschen ihre Erfahrungen
strukturieren, ihnen Sinn beimessen und wie sie ihre gegenwärtigen Erfahrungen
zu vergangenen - im Gedächtnis gespeicherten - Erfahrungen in Beziehung setzen.
(„It is quite possible - overwhelmingly probable, one might guess - that we will
always learn more about human life and human personality from novels than from
scientific psychology.“ – Noam
ChOMSKY, Language and Problems of
Knowledge: The Managua Lectures, Lecture 5, 1988, S. 159)
- Lernmodell von PAWLOW:
Lernen erfolgt durch wiederholte gemeinsame Darbietung von CS und UCS. Die dadurch
eingeprägte Assoziation ist das Ergebnis des Lernvorganges, der an natürliche Reflexe
gebunden erscheint.
- Lernmodelle des Behaviourismus:
* THORNDIKE: Lernen beginnt, bei Lernbereitschaft, mit
einem trial-and-error-Verhalten, das drei Gesetzen unterliegt:
| ° Gesetz des Effekts (law of effect): Je stärker das Motiv (etwa Hunger) und der Effekt (etwa Erreichen des Futters), desto eher wird ein Lernvorgang (etwa Öffnen eines Käfigschlosses) erfolgreich abgeschlossen werden. ("Lernen am Erfolg") | |
| ° Gesetz der Frequenz (law of exercise): Je häufiger eine S-R-Verbindung wiederholt wird, desto eher prägt sie sich ein. | |
| ° Gesetz der Bereitschaft (law of readiness ): Eine Serie von Reaktionen kann, um ein Ziel zu erreichen, dessen Verfehlung Ärgernisse erzeugen würde, aneinandergekettet werden. |
Folgerung: Lernen erfordert Belohnung, Übung und Verbindungen.
* SKINNER: Lernen basiert auf Verstärkung (reinforcement)
zufällig (operant) auftretender Verhaltensweisen, die in die gewünschte Richtung gehen
bzw Bestrafung des Gegenteils (positive / negative Verstärkung = belohnende / punitive
Reize, "Operantes Konditionieren", "Instrumentelles Lernen", Dressur
nach dem Motto: "Jetzt haben wir ihn endlich so weit", sagte eine Ratte zur
anderen, "jedes Mal, wenn wir diese Taste drücken, wirft er uns ein Stück Futter
herunter.").
Ex.: Auch der Vegetativbereich erwies sich (bei Ratten!) als
operant konditionierbar. So gelang es
MILLER und
DI CARA, durch Bio-Feed-Back die
Durchblutung eines Ohres zu steuern. Zur verbalen operanten Konditionierung vgl.
den Greenspoon-Effekt
- Lernen am Modell:
s. dazu Transmission of
Aggression
Nach BANDURA erfolgt Lernen durch Nachahmung von Vorbildern. (Zwei Phasen: Akquisition und
Ausführung)
Ex.: Nach der Konsumation von Fernsehfilmen mit Gewaltszenen
stieg die Bereitschaft bei Kindern signifikant an, auch im Spiel Aggression umzusetzen
(gilt v.a. für die Kindheit und für motorische Fähigkeiten, zB im Sport: Trainieren =
zT Nachahmen).
- Lernen aus Einsicht:
Direktes Erfassen von Bedeutungen und Sinnzusammenhängen bzw. das Erkennen von
Beziehungen zwischen Hinweisreizen (zB Instrumenten) und einem Zielreiz (zB Futter), das
im Beispiel zum Gebrauch des ersten führt, um das zweite zu erhalten, wird "Lernen
aus Einsicht" genannt.
* HEGEL: Er unterscheidet diese Form des Lernens vom Auswendiglernen:
"Die Gedanken anderer können nur durch das Denken aufgefasst werden, und dieses
Nachdenken ist auch Lernen."
* A. PETZELT: Lernen als eigenständiges Erkennen (KANT: "Ich kann
einen anderen niemals überzeugen als durch seine eigenen Gedanken.") führt nach PETZELT zum Possesivverhältnis zwischen dem Lernenden und dem zu erlernenden Gegenstand.
"Nach jeder neuen Wissenseinheit entsteht ein neues Ich. ... Das Ich vermehrt (beim
Lernen) nicht seinen Besitz, sondern es macht sich in eigenen Akten neu." Lernen ist
daher keine Addition von Wissen, sondern bedeutet Auseinandersetzung und Veränderung.
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