Diese Seite ist Teil der Homepage von Thomas Knob aus Österreich. - Letzte Änderung 20.8.2016

 


Vorbemerkung:
Dieses Kompendium dient dem Verfasser und seinen Schülerinnen und Schülern vor allem als Vorlage für den gymnasialen Schulunterricht im Unterrichtsfach "Psychologie" und erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Fehlerlosigkeit.
Es ist hemmungslos eklektizistisch und will Hilfestellung für Lehrende und Lernende, nicht Wiedergabe eigener Forschungen sein. Quellenangaben werden, soweit dies möglich ist, beigegeben.
Sollten diesbezüglich (oder anderweitig) Fehler bzw. Unterlassungen passiert sein, so möge dies bitte nachgesehen und über die beigegebene Mailadresse gemeldet werden. So bald wie möglich werden Korrekturen erfolgen.

 

 

KOMPENDIUM DER PSYCHOLOGIE, 5. TEIL

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INHALT DES 5. TEILS

IX. DIE PSYCHISCHEN KRÄFTE
(Die Triebe - Die Gefühle [Emotionalität] - Die Interessen und Werte - Der Wille [Motivation]) ø
X. SOZIALPSYCHOLOGIE (Erscheinungsformen sozialer Kollektive - Soziale Ränge und Mechanismen - Methoden der Sozialpsychologie) ø
XI. PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE (Typologien) ø


 

 


IX. DIE PSYCHISCHEN KRÄFTE
 

 

 

Definition: Psychische Kräfte (Ausdruck vom Wiener Psychologen H. Rohracher) sind folgende seelische Prozesse, die hinter den psychischen Funktionen stehen und diese aktivieren (vgl. Seite 1): Triebe, Gefühle, Interessen und das Wollen.
Bewusstseinslage (Aktiviertheit), Emotionalität und Motivation werden als Hintergrundaktivität, vor der Wahrnehmung, Denken und Lernen ablaufen, bezeichnet.

 

DIE TRIEBE

 

- Definition:
Triebe sind Drangerlebnisse, die autogen (von selbst und ohne Mitwirkung des Bewusstseins) entstehen. Sie sind biologisch sinnvoll und angeboren, ihr Sitz ist in den tieferen Gehirnlagen (Stammhirn, Zwischenhirn). Triebe gehen mit einer Verminderung der Bewusstseinsklarheit einher und sind oft von Gefühlen begleitet.

 

- Einteilung der Triebe:
* Erhaltungstriebe: vitale Triebe, die der Erhaltung der Art oder des Lebens eines Individuums dienen (z. B. Nahrungs-, Geschlechts-, Brutpflege-, Flucht-, Schlaftrieb etc.
Diese Triebe lassen sich in eine Triebhierarchie einordnen (nicht jeder Trieb ist in gleicher Weise auslösbar): der Fluchttrieb steht an erster Stelle, der Sexualtrieb an letzter Stelle.
           Folgende Konflikte gibt es (nach Lewin)

° Appetenz-Appetenz-Konflikt: Zwei anstrebenswerte Reize konkurrieren; Hinwendung zum einen bedeutet Entfernung vom anderen (z. B. Futter oder Brunftpartner; "Qual der Wahl").
° Appetenz-Aversions-Konflikt: ambivalente Situation; (z. B. Futter befindet sich in einer angstmachenden Umgebung).
° Aversions-Aversions-Konflikt: Entfernung von einem Reiz bedeutet Annäherung an den anderen; beide sind negativ besetzt (z. B. beide Fluchtrichtungen sind durch einen natürlichen Feind versperrt; "Von zwei Übeln das geringere wählen").

* Soziale Triebe: Gesellschafts-, Machttrieb, Geltungsdrang etc.

* Hedonistische Triebe:
nach Genuss- und Suchtmitteln (erworben! Vgl. o.) Nach psychoanalytischer Theorie Ersatzbefriedigung nach Ablenkung von einem ursprünglich sinnvollen Triebziel.

* Kulturtriebe:
Wissens-, Erkenntnistrieb etc.; (keine physischen Ausfallserscheinungen) Vgl. u. Interessen.

* Funktionstriebe:
Spieltrieb, Drang, sich nach einer Ruhephase zu bewegen etc; dienen der Entwicklung bzw. der Erhaltung von Fähigkeiten und Fertigkeiten.

 

- Verhaltensweisen; Grundbegriffe der Ethologie (Verhaltensforschung)
 Konrad Lorenz (Abb. aus www.aeiou.at)
Triebe realisieren sich in im Laufe der Phylogenese immer komplizierter gewordenen Verhaltensweisen, die von der Ethologie [begründet vom Österreicher Konrad Lorenz (1903-1988, Univ.Prof., u. a. auf Kants Lehrstuhl in Königsberg, Direktor des Max-Planck-Institutes für Verhaltensphysiologie; wichtigste Bücher: Aggressionstheorie "Das sogenannte Böse"; biologische Erkenntnistheorie "Die Rückseite des Spiegels"; Ethik "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit"; Standardwerk "Vergleichende Verhaltensforschung"; Alterswerk "Der Abbau des Menschlichen"; vgl. Autobiographie), dem Niederländer Nikolaas Tinbergen (beide zusammen mit dem österreichischen Erforscher der Bienensprache, Karl von Frisch Nobelpreisträger 1973) u. a.; sie wendet Fragestellungen und Methoden der anderen Zweige der Biologie auf das Verhalten an - "Tierpsychologie"] untersucht werden. (Zum Menschen vgl. "Der Mensch, mit dem wir leben" von D. Morris.)

* Reflex:
biologisch sinnvolle, über den Reflexbogen (Rückenmark) unbewusst ablaufende, angeborene Organreaktion auf äußere oder innere Reize (Begriff von Descartes)
Wegen des Biogenetischen Grundgesetzes von Haeckel (jedes Lebewesen macht während seiner Ontogenese noch einmal die Phylogenese durch) beim Menschen vor allem im Säuglingsalter vorhanden (vgl. Seite 2). Beim Erwachsenen z. B. Lidschlussreflex, Patellarsehnenreflex etc.

* Instinkt:
biologisch sinnvolle, unbewusst ablaufende, angeborene, oft komplexe Verhaltensweise, die in verschiedener Intensität (von der Intentionsbewegung bis zur voll konsumierten Endhandlung), aber immer in derselben Reihenfolge abläuft und von äußeren oder inneren Reizen ausgelöst wird (AAM = angeborener Auslösemechanismus) Von Lorenz erbkoordinierte Bewegung genannt und dargestellt im
            Psychohydraulischen Modell:

Aus: Konrad Lorenz, Vergleichende Verhaltensforschung. Wien - New York 1982, p84

° Wasser: symbolisiert die Energie für eine Instinkthandlung; der Wasserspiegel zeigt das aktuelle Instinktpotential
° Hähne: symbolisieren die äußeren und inneren Reize
° Ablaufen des Wassers: symbolisiert das Ablaufen der Instinkthandlung
° Kork: symbolisiert die zu überwindende Hemmung

Nach dem Homöostatischen Prinzip (Tendenz zur Herstellung eines inneren Gleichgewichts) läuft die Instinkthandlung entweder von alleine ab (s. u.), wenn der Druck zu groß wird (der Korken wird herausgedrückt, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist), oder sie wird durch einen Schlüsselreiz (s. u.) ausgelöst, der dann im Modell durch eine rasch eingeschüttete Kanne Wasser symbolisiert wird (Spannungsreduktion).

* Schwellenwert:
Wert, der erreicht werden muss, damit eine Instinkthandlung ablaufen kann. Er hängt von der Anzahl bzw. der Stärke (am stärksten wirkt der Schlüsselreiz, s. u.) der Reize ab bzw. davon, wie lange die erbkoordinierte Bewegung schon nicht abgelaufen ist (vgl. auch menschliche Sexualität).

* Schlüsselreiz:
ein eine Instinkthandlung auslösender, in seiner Anordnung meist sehr einfacher Reiz, der bei Attrappenversuchen durch eine "überoptimale" Nachbildung ersetzt werden kann (z. B. füttern Vögel aufgrund eines roten Dreiecks, das bei gesperrtem Schnabel des Jungvogels, aber auch als Pappdreieck auslösend wirkt.) Überzeichnete Auslöser bietet z. B. die Werbung oder die Spielzeugindustrie, vgl. z. B. die nach dem Kindchenschema (der Mensch bevorzugt pausbäckige, kleinnasige, runde Gesichtsformen) konstruierten Puppen. (= AAM, s.o.)

* Leerlaufhandlung: eine lange nicht ausgeführte Instinkthandlung läuft nach einiger Zeit von alleine ab, auch wenn kein Schlüsselreiz auftaucht (z. B. das "Vergraben" von Knochen im Parkettboden bei Hunden, die Eirollbewegung ohne Ei bei der Graugans etc).

* Appetenzverhalten:
das Suchen nach dem eine Instinkthandlung auslösenden Reiz (umso motivierter, je länger keine Auslösung erfolgt ist). Vgl. auch Spezialhunger nach lange entbehrten wichtigen Nahrungsbestandteilen, z. B. Kalk bei Hühnern.

* Prägung:
die Fixierung eines Triebes auf ein Objekt (z. B. die von Lorenz untersuchte Nachlaufprägung bei Gänsen: Ist das erste bewegte Objekt nach dem Schlüpfen nicht - wie üblich - die Mutter, sondern eine Spielzeugzug oder ein Verhaltensforscher, so wird das Küken ausschließlich diesem nachlaufen; der Mensch scheint z. B. auf die Umgebung seines Aufwachsens geprägt zu sein).

* Aggression:
ursprünglich dem Auseinanderhalten der Individuen (und damit Abdecken einer größeren Lebensfläche mit mehr Nahrungsmöglichkeiten; vgl. das auch heute noch vorhandene Bedürfnis des Menschen, andere fernzuhalten und sich ein Territorium abzustecken, z. B. durch Aufsetzen eines Trinkglases an einer bestimmten Stelle des Tisches, seine Hände, einen Gartenzaun etc.) dienender Trieb, der nach innerartlicher (intraspezifischer) und zwischenartlicher (interspezifischer) Aggression unterschieden wird. Auf die ethisch ursprünglich neutrale Wortbedeutung weist der Titel von Lorenz' Buch, "Das sogenannte Böse", hin, in dem er eine Naturgeschichte dieses - auch menschlichen - Grundantriebes versucht.

° intraspezifisch: tritt vor allem in drei Bereichen auf: Revierkonflikte, Fortpflanzungskonflikte (die durch nach festen Regeln ablaufende Ritual- oder Kommentkämpfe ausgetragen werden) und Herstellung einer Rangordnung (vgl. die 1922 in den Exen. von Schjelderup-Ebbe untersuchte Hackordnung auf dem Hühnerhof oder das sog. a-Tier in der Affenhorde). Die Analogien beim Menschen untersuchte u. a. Desmond Morris in seinem Buch "The Game", in dem er das Fußballspiel als Analogon zu Stammesritualen darstellt. Verletzungen sind selten, ein letaler Ausgang wird meist durch die jedem Lebewesen eingebaute Tötungshemmung verhindert (beim Menschen v. a. durch die Erfindung der Fernwaffen überlistbar). Aggressionshemmungen können durch "Befehlsnotstand" oder dann, "when you put good people in an evil place" (Zimbardo) überwunden werden, wie im berühmt gewordenen Stanford-Ex. untersucht wurde, sodass im Unterschied zum Tierreich die menschliche Aggression oft letal endet. (Zu Zimbardos Stanford Prison Experiment vgl. auch eine Seite der Univ. Köln)

Die gängigen Aggressionstheorien sind:

     + tiefenpsychologische Theorien (v. a. die Postulierung eines "Aggressionstriebs" durch A. Adler 1908 und die Triebtheorie von S. Freud, der Aggression ursprünglich Teil des Sexualtriebs, später als eigenständigen Destruktionstrieb, der die Energie nach außen wende, ansah). Aggression entstehe, wenn der Mensch an seiner Bedürfnisbefrieduing gehindert und so Unlust hervorgerufen werde.
     + biologische Theorien (v. a. die "Dampfkesseltheorie" / das "Staubeckenmodell" / "psychohydraulische Modell" vom "sogenannten Bösen" von K. Lorenz, s. o.): Durch Instinkte und Triebe werde Energie aufgestaut, die ein Ablassen verlange. Durch Ersatzhandlungen (Sport) könne das Energieniveau abgesenkt werden. Aggression könne nicht unterdrückt, sondern müsse kontrolliert werden. Beachtung verdiene, dass angeborene Tötungshemmungen durch Fernwaffen außer Kraft gesetzt worden seien.
     + Lerntheorien (v. a. Lernen am Modell nach Bandura, s. o., der Imitationslernen annimmt, und Lernen am Erfolg, das auf Konditionierung beruht). Sie besagen, dass Verhaltensweisen, die erfolgreich sind oder durch role models vorgeführt werden, eher zum Tragen kommen als andere. Im Laufe der Zeit würde (z. B. beim Betrachten von Gewaltvideos) eine Abstumpfung entstehen. (Gegenposition: Kaharsistheorie, nach der das Betrachten von Gewalt von eigener Aggressivität befreie.) Vieldiskutiert ist in diesem Zusammenhang die durch Medien rezipierte Gewalt.
     + die Frustrations-Aggressions-Hypothese (von J. S. Dollard und Miller; nach ihr reagiert das Individuum in der Folge aggressiv, wenn sein zielgerichtetes Verhalten gehemmt wird und eine Bedürfnisspannung dadurch nicht ausgeglichen werden kann. Frustration sei also die Ursache von Aggression, einer "Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus oder eines Organismus-Ersatzes (in der Phantasie; Anm.) ist". Da Frustrationen im Leben niemals komplett ausgeschaltet werden können, gelte es, sie umzulenken, um ein Aufschaukeln zu verhindern.

Aggression kann offen oder verdeckt, von der Gesellschaft gebilligt oder missbilligt, Auto- oder Fremdaggression, Einzel- oder Gruppenaggression (z. B. Krieg) u. s. w. sein. Aggression gegen Sachen wird Vandalismus, die überdauernde Bereitschaft zu aggressiven Handlungen Aggressivität genannt. Unter Gewalt versteht man mit Macht und Kraft vollführte physische Aktionen. Zum Begriff "Misshandlung" s. o.
 

° interspezifisch: dient fast nur dem Nahrungserwerb (außer beim Menschen, dem Vertreter anderer Arten Auslöser oder Objekte aggressiven Verhaltens, das je nach Aggressionstheorie vielerlei Ursachen haben und bis zum Sadismus reichen kann, sein können).

* Demutsgebärde: von Lorenz moral-analog genannte Unterwerfungsgeste (bei manchen Tierarten z. B. Darbieten der Kehle), die den Kampf beendet und die Tötungshemmung einschaltet. Erscheint beim Menschen im Grußverhalten ritualisiert (z. B. den Hut ziehen, verbeugen)

* Übersprungshandlung:
Bei Mensch und Tier in Konfliktsituationen zur Überbrückung von Unsicherheit häufig auftretendes Verhalten (z. B. Kratzen hinter dem Ohr etc.)

* Imponiergehabe:
stellt Dominanz innerhalb der Art her. Durch Gesten, Aufplustern usw. (beim Menschen auch durch Kleidung, Auto etc.) soll Wirkung auf die Artgenossen erzielt werden.

 

DIE GEFÜHLE (EMOTIONALITÄT)

 

- Definition:
Gefühle sind seelische Zustände, die ohne Mitwirkung des Bewusstseins als Reaktion auf inneres oder äußeres Geschehen auftreten und meist als angenehm oder unangenehm erlebt werden (mit Ausnahme der nicht exakt einordenbaren Gefühle des Mitleids und der Rührung). Beispiele: Ekel, Freude, Furcht, Liebe, Scham, Trauer, Überraschung, Zorn

 

- Gefühlsmodi:
* Affekte: sind besonders starke Gefühle; sie bewirken eine Ausschaltung des Bewusstseins, motivieren aber stark zu Handlungen ("Bauchgefühl", das nicht mit Intuition - s. o. - verwechselt werden darf), sodass für im Affekt (einer allgemein begreiflichen, heftigen Gemütsbewegung, § 34, Z 8 StGB) begangene Taten vor dem Gesetz besondere Milderungsgründe angenommen werden (sehr wohl aber besteht Verantwortlichkeit dafür, sich ev. fahrlässig in den Zustand des Affektes begeben zu haben. - Horaz: Der Zorn ist ein kurzer Wahnsinn.) Das Auftreten der Erregung und ihrer physischen Begleitvorgänge (derselben wie bei Neurosen, s. o.) wird bei Affekten subjektiv spürbar, aber auch objektiv messbar:
PGV: Die Psychogalvanische Reaktion kann aufgrund des bei stärkeren Gefühlen veränderten Leitungswiderstandes der Haut mit einem Psychogalvanometer gemessen werden. (vgl. auch Lügendetektor, dessen Nachteil allerdings darin liegt, nur einen unspezifischen Spannungszustand, nicht dessen Grund erfassen zu können.

* Stimmungen:
sind besonders lang anhaltende Gefühle, die immer am menschlichen Leben beteiligt sind. (Es ist unmöglich, nicht irgendwie gestimmt zu sein.) Man unterscheidet:

° Eukolie: gute Stimmung
° Dyskolie: Missstimmung
° Melancholie: Weltschmerzstimmung

 

- Gefühlsstörungen (Parathymien):
* Torpide Form: Gefühlslähmung (im Extrem Hypothymie genannt)

* Erethische Form:
übersteigerte Gefühle (bis Hyperthymie)

 

- Einteilung der Gefühle
* triebbedingte Gefühle:

° vitale, z. B. Hunger-, sexuelle Gefühle
° soziale, z. B. Eifersucht (nach Schleiermacher "jene Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft"), Neid

* empfindungsbedingte Gefühle: z. B. Kälte-, Geschmacksgefühle

* persönlichkeitsbedingte Gefühle: z. B. Gerechtigkeits-, Sympathie-, religiöse, ästhetische Gefühle

* sekundäre Gefühle: sie setzen andere Gefühle voraus, z. B. Frustrationsgefühl (vgl. auch Seite 2)

 

- Theorie der Gefühle
Nach den Theorien von W. James und C. G. Lange (1884/5), nach denen Gefühle Folgen bzw. Korrelate physiologischer Vorgänge seien, hatte lange Zeit die Zwei-Komponenten-Theorie (1962) von Singer und Schachter (vgl. folgende Seite bzw. eine über Emotionstheorien) Gültigkeit (in den letzten Jahren tw. umstritten). Es wird unterschieden zwischen

* Physiologischem Arousal:
Die Beteiligung der unspezifisch erregten entsprechenden Gebiete des ZNS (Formatio Reticularis, Limbisches System, Thalamus) ist für alle Gefühle dieselbe (vgl. die beliebige Veränderbarkeit der Gefühlsbereitschaft durch Psychopharmaka), und

* Kognition:
Die spezifische Einfärbung eines Gefühls (die "Bewertung" der Aktivierung der entsprechenden Hirnteile) erfolgt durch die jeweils aus der Umgebung einwirkenden Reize.
Ex.: Zwei Gruppen von Vpn, die vorgeblich an einem Wahrnehmungsexperiment teilnahmen, wurde ein adrenalinhaltiges Medikament, das die an Emotionen beteiligten ZNS-Partien stimulierte, verabreicht. Beide Versuchsleiter, als Vpn getarnt, verhielten sich emotionell: der eine negativ (wütend, ärgerlich etc.), der andere positiv (heiter, glücklich). Die wahren Vpn wurden dadurch manipuliert und zeigten im Durchschnitt dieselben Emotionen wie die heimlichen Versuchsleiter, schrieben sie aber der eigenen Gemütslage zu.

Neuere Erkenntnisse der Gehirnforschung weisen darauf hin, dass Gefühle ihre Wirkung umso stärker entfalten, je intensiver man sich ihnen hingibt. Wiederholtes Erleben von negativen, aber auch positiven Gefühlen hinterlässt kortikale Spuren. Die alte "Dampfkesseltheorie", nach der es sinnvoll sei, sich mit seinem Schmerz ausführlich zu befassen (ihn zu bereden, sich zu bemitleiden oder Mitgefühl zu erhalten etc.), um ihn abzulassen, wird dadurch obsolet. (Bemitleidete Menschen empfinden ihr Unglück stärker, nicht schwächer!) Glück und Unglück lassen sich dem entgegen durch Verstärkung "einlernen".

Paul Ekman (geb. 1934) identifizierte 7 Basisgefühle: Sadness (Traurigkeit), Anger (Ärger), Happiness (Glück, Zufriedenheit), Contempt (Verachtung), Fear (Angst, Furcht), Disgust (Abscheu, Ekel) und Surprise (Überraschung), die mit einer jeweils spezifischen Konstellation der 43 Gesichtsmuskel korrelierten, universell verstanden (decodiert) und eventuell bewusst falsch ausgesendet werden könnten.

 

- EQ (Emotionale Intelligenz)
1995 in seinem Bestseller EQ - Emotionale Intelligenz von Daniel Goleman (geb. 1946) vertretene Theorie bezüglich der Ergänzungsbedürftigkeit des Intelligenzquotienten (IQ, s. o.). Für beruflichen und privaten Erfolg sei der Emotionale Quotient genauso wichtig. Der Begriff "Emotionale Intelligenz" wurde 1993 von Peter Salovay und John Mayer von der Yale-University geprägt. Seit 2004 ist sie im MSCEIT (Mayer Salovay Caruso Emotional Intelligence Test) messbar. (Teilbereiche des Tests: Wahrnehmung von Emotionen - Verwendung von Emotionen zur Unterstützung des Denkens - Verstehen von Emotionen - Umgang mit Emotionen)

* Emotionale Intelligenz:
Zusammenfassende Bezeichnung für in der Erziehung vermittelbare Tugenden wie Mitgefühl und Selbstbeherrschung (die laut Goleman zwei in unserer Zeit nötigen moralischen Grundhaltungen). Durch sie lasse sich das angeborene intellektuelle Potential besser verwirklichen. Die Gesamtheit der Fähigkeiten, welche die Intelligenz der Gefühle darstelle, entspreche etwa dem alten Begriff "Charakter" (nach Amitai Etzioni "der psychologischer Muskel, den moralisches Verhalten erfordert" und dessen Entwicklung die Grundlage demokratischen Gesellschaften sei).
5 Teilkonstrukte der emotionalen Intelligenz:

° Selbstbewusstheit (eigene Gefühle und Bedürfnisse werden verstanden, akzeptiert und in ihrer Wirkung auf andere richtig eingeschätzt)
° Selbstmotivation (sich unabhängig von Außenreizen für seine Aufgaben begeistern)
° Selbststeuerung (im Hinblick auf Zeit und andere Ressourcen planvoll handeln)
  ° Empathie (emotionale Befindlichkeiten anderer verstehen und angemessen auf sie reagieren)
  ° Soziale Kompetenz (Kontakte knüpfen, tragfähige Beziehungen aufbauen, Netzwerke knüpfen)

* Ampel-Modell: Die Fähigkeit, Impulse (= Medien der Emotionen) zu unterdrücken, wird als Grundlage von Wille und Charakter gesehen. In der Erziehung soll versucht werden, dies z. B. durch das Ampel-Modell zu vermitteln:

Rot:  

1.

Halte an, beruhige dich und denke, bevor du handelst!
Gelb:  

2.

Benenne das Problem und sag, wie du dich fühlst!

3.

Setze ein positives Ziel!

4.

Denke an viele Lösungen!

5.

Bedenke im Voraus die Folgen!
Grün:  

6.

Geh los und probiere es mit dem besten Plan!

 

DIE INTERESSEN UND WERTE

 

- Definition:
Interessen, auch Kulturtriebe oder Bedeutungsgefühle genannt, treten nur beim Menschen auf. Man versteht darunter von selbst auftretende Drangerlebnisse nach geistigen, kulturellen oder wertebezogenen Gegenständen, die sich nur in ihrem Ziel unterscheiden.
Der Begriff Psychische Einstellung bezeichnet die Haltung, die der Mensch gegenüber Werten (laut Rokeach in Instrumentelle Werte und Letzte Werte zu gliedern, wobei erstere eingesetzt werden, um letztere zu erreichen) einnimmt.

 

- Wertkategorien:
* Schöpferische Werte: Sie leiten sich aus allen Akten ab, die zur Gestaltung und Bereicherung der Welt führen (Interpretative Disposition).

* Erlebniswerte:
Sie entstehen durch das Aufnehmen der Außenwelt und können Voraussetzung für die schöpferischen Werte werden (Sensible Disposition).

* Einstellungswerte:
Sie entspringen der Konfrontation mit den Lebensumständen (und deren Meisterung) und sind das Fundament der menschlichen Existenz (Volitive Disposition).

 

DER WILLE (MOTIVATION)

Vgl. Motivation in der Psychologie (mit Online-Experiment)

 

- Definition:
Eine Willenshandlung liegt vor, wenn ein Mensch seine psychischen Funktionen in klarbewusstem Zustand und mit voller innerer Zustimmung zur Erreichung seiner Ziele einsetzt (nach Rohracher).
Die Motivationspsychologie untersucht Anstoß (dass etwas in Gang kommt), Funktionsableitung (woher der Anstoß kommt und wohin er führt) und Variabilität des Verhaltens (weshalb der eine so, der andere anders reagiert). Ergebnisse: Trieb-, Instinktkonzept; Rolle körperinterner physiologischer Vorgänge ("Man sagt es mir in jeder Analyse: die Liebe ist die Krise einer Drüse" - Georg Kreisler); Lindsleys Aktivierungstheorie (wie Singer und Schachter, s.o.); Multifaktorentheorie usw. usf.

 

- Einteilung der Motive:
Abraham A. Maslow (1908-1970; Vertreter der Humanistischen Psychologie, der die ganzheitliche Natur des Menschen betont; versuchte, durch eine Adaptation des Yoga ohne religiösen Hintergrund veränderte Bewusstseinszustände zu erlangen) beschrieb die Handlungsmotive als hierarchisch gegliedert. Motivation hat bei ihm dilatorischen Charakter (erst, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, gelangen die nächsthöheren ins Blickfeld). Die Darstellung erfolgt in der bekannten Maslow-Pyramide (s. Graphik)

* Defizitmotive:
Sie erfüllen grundlegende Bedürfnisse und bilden die Voraussetzung für die Entwicklung weitergehender Motive. Wenn Sie gestillt werden, entsteht bis zu ihrem erneuten Auftreten kein Handlungsbedarf. (Stufe 1 bis 4)

* Wachstumsmotive:
Sie stellen "Luxusbedürfnisse" nach Stillung der Grundbedürfnisse dar und sind zum Teil unstillbar bzw. nie dauerhaft befriedigbar (ab Stufe 5).

Stufe     6 Selbstverwirklichung: Individualität, Talententfaltung, Perfektion ...
Stufe     5 Individualbedürfnisse: Anerkennung, Selbstachtung, Ruf, Status, Prestige, Respekt
Stufe   3/4 Soziale Bedürfnisse: mitmenschliche Zuwendung, Kontakt, Gruppenzugehörigkeit, Freundschaft, Geselligkeit ...
Stufe     2 Sicherheitsbedürfnisse: Gesundheit, Kündigungsschutz, Altersvorsorge, Gerechtigkeit ...
Stufe     1 Fundamentale Bedürfnisse: Essen, Trinken, Wohnen, Schlafen, Kleidung, Sexualität ...

(Quelle: DER STANDARD, 19./20.5.2012) Vgl. folgende ausführliche und informative Seite über Maslow


 

 


X. SOZIALPSYCHOLOGIE
 

 

 

Vgl. Sozialpsychologie-Skriptum der Universität Oldenburg

DEFINITION

Die Sozialpsychologie ist eine in den 20er-Jahren entstandene Forschungsrichtung, die sich damit beschäftigt, wie individuelles Verhalten durch soziale Interaktion entwickelt und modifiziert wird bzw. welche Gesetzmäßigkeiten innerhalb sozialer Gemeinschaften zu beobachten sind. (Die Nachbardisziplin Soziologie interessiert sich mehr für die objektiven patterns, die Sozialpsychologie für die psychischen Prozesse unter dem Einfluss sozialer Faktoren.)
Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass der Mensch ein der Gemeinschaft mit anderen Menschen bedürfendes Lebewesen ist, das im Fall einer Deprivation (Reizentzug, in diesem Fall Fehlen von Sozialkontakten) das von Alexander Mitscherlich so genannte Kaspar Hauser-Syndrom entwickelt (vgl. auch Hospitalismus, s. Seite 2).

 

ERSCHEINUNGSFORMEN SOZIALER KOLLEKTIVE

 

- Menge:
ist eine unorganisierte, zufällige Ansammlung von Menschen, die nur durch eine Situation (z. B. Passanten derselben Fußgängerzone) miteinander verbunden sind. Jeder hat sein Ziel, es gibt aber kein gemeinsames Ziel. Sozialpsychologisch wenig interessant, da keine psychischen Beziehungen zwischen ihnen bestehen, mit Ausnahme des

* (Non helping) Bystander-Effekts (Diffusion der Verantwortung): Die Anwesenheit weiter Zuseher verringert die Wahrscheinlichkeit, dass im Bedarfsfall Bedürftigen Hilfe geleistet wird, da durch die (als solche empfundene) aufgeteilte Verantwortung "pluralistische Ignoranz" verursacht wird, die selbst die Strafbarkeit des eigenen Verhaltens verdrängen kann (in Österreich §94 bzw. §95 StGB). Nach dem historischen Fall der 1964 in Amerika vor Dutzenden Zeugen ermordeten Kitty Genovese wird dieses Phänomen auch Genovese-Effekt genannt.)

 

- Masse:
Die Masse entsteht aus einer Menge (ev. auch Gruppe), wenn, manchmal nur vorübergehend, ein zentrales Ereignis, eine Leidenschaft, eine Erregung, eine Hoffnung, ein Augenblicksziel oder eine Führerfigur in den Mittelpunkt geraten und somit unter bestimmten, zeitlich bedingten gefühlsmäßig gebundenen Voraussetzungen temporäre Übereinstimmung in Fühlen und Handeln entsteht. Sie erscheint als ruhende oder als aktive Masse und weist folgende Merkmale auf:

* Anonymität:
Individuelle Verhaltensweisen verflüchtigen sich zugunsten übereingestimmten, trieb- und instinktgesteuerten Handelns im Banne der Leidenschaften. Damit verbunden ist ein subjektiv so empfundenes Schwinden der persönlichen Verantwortung, sodass in der Masse Dinge getan werden, zu denen ein Einzelner nie imstande wäre.

* Fokussierung:
Die Masse ist auf eine Führerfigur oder ein Leitereignis (z. B. Unfall, Fußballmatch, Popkonzert) hin zentriert.

* Organisationsniveau:
Das Niveau der psychischen Organisation ist niedrig. Die Beziehungen der Mitglieder der Masse, die einander nicht bekannt sein müssen, sind primitiv. Im Gegensatz zur Menge haben alle dasselbe Ziel. Die einzige Gliederung ist die zwischen Führer und Geführten. Ansonsten besteht eine Tendenz zur Gleichschaltung und Gleichförmigkeit.

* Affektlastigkeit:
Vernunft und Intelligenz treten zugunsten der Affekte zurück, die Masse ist daher gefühls-, nicht vernunftgesteuert. Sie erlebt den "heiligen Schauer" (Begeisterung, Enthusiasmus), wenn z. B. in einem Stadion 60 000 Menschen singen.) Hemmungen, die in der Kleingruppe wirksam sind, fallen dabei weg.

* Suggestion:
Die Masse ist der Suggestion (s. o., Methoden: Repetition = Wiederholung, Persuasion = Überredung, Frappierung = Überrumpelung, Konformierung = Gleichschaltung, Symbolisation = Sinnbildwirkung, Repudiation = Nichtanerkennung, Zurückweisung, ironische Gegensuggestion) leicht zugänglich. (Das Gemeinschaftsgefühl wird dabei oft durch geschickte Wahl von Symbolen und Beeinflussungsmittel, z. B. Massenmedien, geschürt - vgl. NS-Zeit.) = Suggestibilität, vgl. auch Trance-Tänze. Die Indoktrinierbarkeit (laut Lorenz die siebente der Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit) ist hoch.

* Identifikationsneigung:
Es besteht eine hohe Bereitschaft zur Identifikation miteinander bzw. mit einem Anführer.

* Repertoire der Verhaltensformen:
ist in der Masse stark begrenzt (s. o. Anonymität; Organisiertes Aufstellen, z. B. im Stadion; Bei-, Missfallenskundgebungen wie Klatschen, Johlen, Pfeifen etc; ev. aggressives Verhalten, das durch Aufputschen verursacht wird usw.), wobei eine gewisse auf Steigerungsfaktoren (bis zur Ekstase) und - bei längerer Dauer - retardierenden Momenten beruhende Dramaturgie erkennbar wird. Das Vorherrschen von Affekten und Trieben führt zu

° Tumult: blindwütiger, durch eine Führerfigur lenkbarer Aufruhr der Masse, der sich wellenartig fortpflanzt oder verebbt, wenn kein belebender Widerstand die Tendenz zur Polarisierung und Konfrontation speist, und aufgestauten Aggressionen zum Durchbruch verhilft. (z. B.  manche Demonstrationen; Europacupfinale im Brüsseler Heysel-Stadion 1985; Lynchjustiz etc.)
° Panik: ist das Angstverhalten der Masse (meist sinnlose Flucht, z. B. bei Bränden), das unter Ausschaltung der Vernunft meist noch größeren Schaden verursacht (auch ohne objektive Bedrohung möglich, z. B. im Gedränge Berg Isel-Stadion 1999).

* Massenpsychologie ist seit mehr als 100 Jahren das Thema zahlloser Autoren. Die  Bevölkerungsexplosion in Europa (von 1800 bis 1941 von 178 Mill. Ew. auf 571 Mill.) hatte die Massenbildung und damit die Beobachtung der damit zusammenhängenden Phänomene enorm gesteigert.

° Gustave Le Bon bemerkt 1895 in seinem Buch "Psychologie der Massen" zum ersten Mal die bedeutende Rolle der Masse im Leben der Völker. Er erkennt die Gefährdung des Individuums der modernen Industriegesellschaft durch totalitäre Ideologien. In der Masse würden höhere Funktionen des Individuums gebremst und niedere Instinkte gefördert. (S. Freud bezog sich darauf 1921 in seinem Buch "Massenpsychologie und Ich-Analyse", in dem er nachwies, dass der Mensch neben rationalen vorwiegend irrationale, gefühlsbetonte Motive für sein Handeln habe.)
° José Ortega Y Gasset: Der spanische Kulturphilosoph bemerkt 1930 in "Der Aufstand der Massen" das Heraufkommen der Massen zu sozialer Macht und einen Prozess der Vermassung (dadurch, dass die Tendenz, in einem Kollektiv aufzugehen, immer stärker wird und Menschen tonangebend werden, die die psychischen Charakteristika der Masse aufweisen).
° R. Battegay meint in "Der Mensch in der Gruppe" 1967 (gegen Ortega), dass sich nicht nur niveaulose, sondern auch intelligente Menschen vom Massengeschehen mitreißen ließen und zunehmende Bildung keine Hoffnung auf mehr Individualität bieten könne.
° Elias Canetti beschreibt 1960 in "Masse und Macht" die Allgegenwärtigkeit der Masse und ihren dialektischen Zusammenhang mit dem Problem der Macht. Er unterscheidet zwischen zahllosen Massen: Hetzmasse (die töten will), Fluchtmasse (weicht einer Drohung), Verbotsmasse (zB Streikende), Umkehrungsmasse (bei Revolutionen), Ringmasse (im Stadion) usw. Canetti bringt Beispiele aus archaischen Gesellschaftsformen und weist auf die Wichtigkeit von Symbolen für die Masse hin, die nicht nur den Einzelnen, sondern ganze Völker beherrschen, auch wenn sie nur imaginiert sind.

Zur Massenpsychologie vgl. auch Teil 4, Wilhelm Reich; Kapitel 3 der "Sozialpsychologie" von Uwe Laucken sowie "Masse, Macht und Rangordnung beim Menschen"

 

- Gruppe:
Im Gegensatz zur Masse besteht die Gruppe aus einer nicht allzu großen Anzahl von Personen, die einander persönlich kennen und ein Rollensystem entwickelt haben. Die Gruppe weist folgende Merkmale auf:

* Intellektuelle und emotionale Interaktion:
Jedes Mitglied steht zu jedem anderen in einer Beziehung.

* Sozialdistanz:
So wird der emotionale Abstand zu anderen Gruppenmitgliedern (er ist nicht zu jedem gleich) genannt. Die Zustände in einer Gruppe sind durch das Soziogramm darstellbar (s. u.).

* Organisationsniveau:
Die Beziehungen innerhalb einer Gruppe weisen eine hochwertige (daher oft schwer erkennbare) Organisation auf, die sich entwickeln kann (s. Gruppendynamik)

* Rollen:
Mitglieder einer Gruppe übernehmen - bewusst oder unbewusst - Rollen (Begriff in Analogie zum Theater entstanden, vgl. o. Psychodrama), die nur teilweise durchschaut werden und der sozialen Orientierung dienen. In der Gruppe existieren Rollenerwartungen, die bei ihrer Nichterfüllung zu Rollenkonflikten führen. Die Rollenverteilung kann starr (z. B. Lehrer - Schüler) oder flexibel (zB im Freundeskreis) sein.

* Führung:
Die Bedeutung einer Führerfigur ist in der Gruppe beschränkt; man unterscheidet trotzdem zwischen führerzentrierten (z. B. Sportlehrgang) und gruppenzentrierten (z. B. Kegelabend) Gruppen. Die möglichen Führungsstile entsprechen den Erziehungsstilen von Lewin (s. Seite 2).

* Tendenz zur Stimmungsübertragung und zur Angleichung
der Mitglieder. Es entwickeln sich Einstellungen und soziale Normen (= die von allen geteilte Erwartung in bezug auf das Verhalten und Denken in bestimmten Situationen), oft auch Vorurteile (= vorläufige Urteile, die auch nach Bekanntwerden neuer Informationen nicht korrigiert werden) und Stereotype (= kollektive Klassifikationen und Urteile, ungerechtfertigte Generalisierungen und Verallgemeinerungen):

Stereotyp:
Unter einem Stereotyp versteht man ein subjektives Wahrscheinlichkeitsurteil über das Bestehen einer Verbindung zwischen einem Objekt und einem Attribut. (Nach Stroebe 1984). Stereotype beziehen sich meist auf soziale Gruppen bzw. Personen aufgrund ihrer Zuordnung zu solchen Gruppen.

Einstellung:
Unter einer Einstellung versteht man die Tendenz, einen bestimmten Gegenstand aufgrund von Meinungen oder Gefühlen positiv oder negativ zu bewerten.
Einstellungen
           - beinhalten Bewertungen
           - sind in Gedanken abgespeicherte und abrufbare Wissensstrukturen
           - enthalten affektive, kognitive und konative Komponenten.
(Affektiv: Bewertung und emotionale Orientierung auf Personen oder soziale Sachverhalte
Kognitiv: Wahrnehmungen, Überzeugungen und Erwartungen in Bezug auf Personen oder soziale Sachverhalte
Konativ: Verhaltensrelevanz beziehungsweise Prädisposition zu einem bestimmten Handeln)

(= Drei-Komponenten-Konzeption)

Vorurteil:
Vorurteile sind bestimmte Einstellungen, die mit Bewertungen verbundene Überzeugungen, Meinungen und Erwartungen über Eigenschaften und Merkmale bestimmter Personengruppen oder ihnen kategorisch zugeordneter Personen enthalten und daraus resultierende emotionale Reaktionen und Verhaltensprädispositionen nach sich ziehen.

Vgl. dazu Stereotype und Vorurteile: Konzeptualisierung, Operationalisierung und Messung.

Eine Angleichung erfolgt nicht nur in Richtung anderer Personen, sondern auch sozusagen innerhalb der eigenen Person. Die diesbezüglich zentralen Begriffe heißen Konsonanz (die angestrebt wird) und Dissonanz (die vermieden werden will) und bezeichnen in diesem Zusammenhang die (fehlende) Übereinstimmung eigener Überzeugungen mit den gewählten Verhaltensweisen (und Irrelevanz, falls kein Zusammenhang zwischen zwei kognitiven Inhalten besteht). Nach der Theorie von der kognitiven Dissonanz (aufgestellt 1957 von Leon Festinger, 1919-1989) ändern Individuen ihre Einstellungen umso eher, je stärker das Verhalten, das nun nicht mehr geändert werden kann, von ihren ursprünglichen Überzeugungen abweicht. Der Grad der Einstellungsänderung verhält sich proportional dem Grad der kognitiven Dissonanz. (Das zugrunde liegende Muster wird literarisch in der Fabel "Αλώπηξ καì βότρυς" von Äsop bzw. "De vulpe et uva" von Phaedrus (dt. "Der Fuchs und die Trauben") und in der Zaunstreichszene in "Tom Sawyer" von Mark Twain gestaltet. Festingers Erkenntnisse fanden u. a. in der Werbepsychologie große Beachtung. (Verkäufer versuchen eventuelle Dissonanzen der Käufer zu reduzieren.) Mit Merrill Carlsmith erstellte Festinger 1959 folgendes
Ex.: Vpn wurden veranlasst, an einem sehr langweiligen und zeitaufwendigen Experiment teilzunehmen. Anschließend sollten sie noch wartenden Personen erzählen, dass das Experiment interessant gewesen sei. Für diese (Falsch)aussage bekamen sie entweder $ 1 oder $ 20. Nachher wurden sie gefragt, wie sie das Experiment wirklich gefunden hätten. Überraschenderweise zeigte sich, dass die Vpn, die nur $ 1 Entlohnung für ihre falsche Aussage erhalten hatten, bei der Befragung zu einem weit höheren Prozentsatz angaben, das Experiment sei interessant gewesen als die Vpn, die mit $ 20 bezahlt wurden. Diese bewerteten bei der Befragung das Experiment großteils als langweilig und uninteressant. - Erklärung: Die unangemessen geringe Entlohnung von $ 1 für die falsche Aussage erzeugt kognitive Dissonanz, da das Verhalten der eigenen Einstellung widerspricht. Die Vergleichsgruppe verspürt eine geringere Dissonanz, da sie ihr Verhalten auf äußere Faktoren (Belohnung) zurückführen kann. Dies führt dazu, dass die Einstellung der ersten Gruppe nachträglich an das Verhalten angepasst werden muss, um Konsistenz ( gedankliche Harmonie) wiederherzustellen. (Wiedergegeben nach http://www.werbepsychologie-online.com/index.php/kaufverhalten/konsistenz/experiment-1-20)

* Gruppendruck: Jede Gruppe (zB vorbildhafte Leitgruppen = peer groups) entwickelt daher einen gewissen Gruppendruck, der sogar die Wahrnehmung beeinflussen kann, wie ein bekanntes Ex. von Solomon Asch zeigt: Eine von drei Linien ist genauso lang wie eine vierte, zuvor projizierte. Sind nun alle "Teilnehmer" dieses Exs mit Ausnahme der 1 bis 4 unwissentlich tatsächlich getesteten mit dem Vl im Bunde und einigen sich (öffentlich) auf eine völlig falsche Lösung, so werden die nicht Eingeweihten immer unsicherer, bis sie (meist) von ihrer ursprünglichen (richtigen) Lösung abgehen.

Das bekannteste Ex. zur Gehorsamsbereitschaft (und eines der berühmtesten psychologischen Ex.e überhaupt) ist das Milgram-Ex. (Stanley Milgram, 1933-1984; vgl. auch diese Seite): Vpn waren in einem vorgeblich der Wissenschaft dienenden Ex bereit, unter Anleitung einer "die Verantwortung übernehmenden"
     + Autorität mit Dominanz-Haltung Elektroschocks bis zu einer tödlichen Dosis wissentlich Menschen "zur Strafe nach missglückten Lernvorgängen" zu verabreichen, auch wenn sie die (in Wirklichkeit von einem Schauspieler vorgetäuschten) Reaktionen sahen.
     + Die Vp mit Komplianz-Haltung fühlten sich zwar schlecht, protestierten aber großteils nicht (je länger das Experiment dauerte, umso weniger; etwa 25% verweigerten gleich zu Beginn).
MILGRAM verwies auch auf die Verantwortungsreduzierung in der Großstadt. (Tatsächlich besteht ein Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Aggressionsdelikten; s. o..)
Siehe u. a..  "Autorität und Gehorsam" und A Virtual Reprise of the Stanley Milgram Obedience Experiments und vgl. das thematisch verwandte Stanford-Prison-Ex

* Gruppenzugehörigkeit: ist freiwillig. Die meisten Menschen sind Mitglied mehrerer Gruppen. Man unterscheidet informelle (z. B. Freundeskreis) von formellen (z: B. Schulklasse) Gruppen.

* Freiheitsgrad:
In der Gruppe besteht eine Wechselwirkung zwischen vermehrten Möglichkeiten (z. B: zu einer sonst vielleicht nicht in diesem Ausmaß entwickelten Kontaktfähigkeit) und Freiheiten (vgl. z: B: Gewerkschaftsgruppen) und freiwilliger Selbstbeschränkung (z: B: bei Sitzungen, s. a. u.).

* Leistungen:
Eine Gruppe ist einerseits mehr als die Summe ihrer Einzelteile - ihre Leistung aufgrund von Fehlerausgleich, Ideenhäufung und Koordination besser als die Leistung eines Einzelnen, was z. B. im Ex "NASA-Spiel", in dem man sich in der Gruppe auf Gegenstände, die auf dem Mond sinnvoll sein könnten, einigen muss, sichtbar wird -, trifft andererseits aber oft schlechte Entscheidungen (auf Grund der Dominanz eines vielleicht bestimmenden, aber nicht kompetenten Mitglieds oder wegen des Gruppendenkens, das oft übertriebenen Optimismus, die Illusion von Eintracht, den Hang zu den o. erw. Stereotypen etc. fördert). Außerdem existiert eine Reihe von Taktiken, die in Gruppensitzungen, die der Entscheidung dienen sollen, nicht nur förderlich, sondern auch manipulativ eingesetzt werden können (Desinformation, Scheinkampf, Benutzen von Fachjargon usw.).

* Gruppendynamik:
Innerhalb jeder Gruppe wirken Kräfte, die spontan die Gruppenstruktur (in Verbindung mit der Rollenverteilung entstehen lassen oder verändern (vgl. den Film "Die zwölf Geschworenen", 1957). Sie werden (seit K. Lewin) Gruppendynamik genannt; sie können, z. B. in der Therapie, bewusst zur Gruppenveränderung genutzt werden:
In einer Gruppenanalyse werden die Konstellation (Größe der Gruppe, Grad an Ungleichheit, Permeabilität, Territorium), der Verlauf (Dauer des Bestehens, Rhythmik - kontinuierlich bzw. diskontinuierlich - der Veränderungen) und die Motivation (Gründe der Gründung, momentane Motivation, Zielmotivation) erhoben.
Die Aktionen der Gruppe werden hinsichtlich der Beteiligung (Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen), der Übereinstimmung (Informationsaustausch, Verarbeitung von Widersprüchen, Kontakte und Sympathien) und der Gruppenkohäsion (des Zusammenhalts, vgl. auch u. Soziogramm; die Schismogenese beschäftigt sich dabei mit dem Handling der jeweiligen Gegenreaktionen bei interner oder externer Konkurrenz) untersucht.
In der Gruppenarbeit, die dazu beitragen kann, die festgefahrenen sozialen Bezüge zu lockern, werden mit den Methoden des Diskurses (reversibel miteinander reden), in geplanten Spielen (Rollenspiele, die z. B. Reversibilität der Rollen bewirken können oder im biotischen Verfahren (in lebensechten Situationen) die gewünschten Modifikationen angestrebt.

 

- Schicht und andere soziologische (nicht psychologische) Unterteilungen:
Das Konzept von der (gesellschaftlichen) "Schicht" (Stratifikationstheorie) ist ein traditionell auf Bildungsgrad, Beruf und Einkommen beruhender (immer wieder problematisierter) Einteilungsversuch der Bevölkerung eines Landes. Man unterscheidet gemeinhin Unterschicht, Mittelschicht (untere / mittlere / obere Mittelschicht) und Oberschicht. In Industrieländern ergibt sich meist eine breite Mittelschicht (90% der Einkommen liegen dicht beieinander), während in Entwicklungsländern die Schere zwischen (kleiner) Oberschicht und (mehrheitlicher) Unterschicht bei gleichzeitig geringzahliger Mittelschicht viel weiter auseinander klafft. In letzter Zeit werden in der Schichttheorie so genannte Sinusmilieus berücksichtigt (vgl. die unten stehende Graphik). Bei dieser "Typologie Gleichgesinnter" werden geteilte Lebensstile, Einstellungen und Wertvorstellungen berücksichtigt. (Vgl. unten stehende Graphiken und Sinusmilieus in Deutschland)
Der Begriff (gesellschaftliche) "Klasse" wird im Verhältnis zum Begriff "Schicht" als untergeordnet angesehen. Er bezeichnet seit Karl Marx eine durch die Produktionsverhältnisse entstandene soziale Schichtung. Manchmal erfolgt die Definition des Begriffes auch subjektiv über ein Gefühl der Zugehörigkeit zu bestimmten gesellschaftlichen Kreisen (Klasse als psychologisches Phänomen). Max Weber definiert Klasse als "jede in einer gleichen Klassenlage (= die typische Chance 1. der Güterversorgung, 2. der äußeren Lebensstellung, 3. des inneren Lebensschicksals) befindliche Gruppe von Menschen."
Andere mögliche soziale Gliederungen: Unterteilung in Kasten (streng hierarchisches, kaum durchlässiges System religiöser und gesellschaftlicher Ordnung von Menschen gleichen Berufes), Stände (nach www.preussen-chronik.de geschlossene, abgegrenzte Schichten einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft - Ständegesellschaft -, die jeweils durch ihre Abstammung  - Geburt -, durch ihre besonderen Rechte, Pflichten, Privilegien und gesellschaftlichen Funktionen - Beruf - gekennzeichnet sind und sich voneinander durch ihre soziale Position - ihren gesellschaftlichen Rang -, auch durch ihre Lebensführung und ihre politischen Anschauungen - Standesethik - unterscheiden.

 

 



Sinus-Milieus in Österreich 2013 (nach http://www.integral.co.at/images/sinusmilieus_gr.jpg)

 



Aus dem Wiener Kurier vom 16.11.2001

 



Sinus-Milieus in Deutschland 2004 (nach www.sinius-milieus.de)

 

- Institution:
Unter Institution versteht man eine oft rechtlich geregelte, festgefügte Einrichtung mit starren Innen- und Außengrenzen, fixer Rollenverteilung und festgefügter Hierarchie bzw. ein mit Handlungsrechten, Handlungspflichten oder normativer Geltung ausgestattetes Regelsystem, das erwartbar reagiert.

 

SOZIALE RÄNGE UND MECHANISMEN

 

- Ränge:
Durch unterschiedliche Funktionen der Menschen und ihre verschiedenen Voraussetzungen kann man öfter die folgenden Gruppenränge beobachten:

* Anführer:
entsteht durch die jeweilige Situation, auch durch Charisma und "Führungsqualitäten" der entsprechenden Person. Er gibt Aufträge und ist, latent oder offensichtlich, dauerhaft oder für einen bestimmten Zeitraum, übergeordnet.

* Stäbe:
Personen, denen kurzfristig oder partiell Verantwortung übertragen wird (z. B. beim Militär, in Betrieben, in Krisenfällen etc.)

* Unterführer:
"Handlanger" des Anführers; die Zahl dieses Sozialrangs nimmt (bedingt durch die Gegebenheiten in der Industrie) ständig zu.

* Sympathisanten:
Je nach Betrachtungsweise "Mitläufer" oder "engagierte Basis"; sie dienen meist uneigennützig, sind aber nach Enttäuschungen oft zu einer Kontrastellung gegenüber der Führung bereit.

* Masse:
das in gewisser Weise berechenbare und z. T. aus Minderheiten bestehende "gemeine Volk", das von den ersten drei genannten Gruppen regiert / beherrscht / betreut... wird.

* Außenseiter:
stehen in positiver (z. B. Dissidenten, Kritiker) oder negativer (z. B. Querulanten, Prügelknaben) Hinsicht außerhalb des sozialen Kollektives.

Diese sechs Gruppen sind durch vier Hauptmerkmale charakterisiert:

° Komplexität: Sie unterliegen einem vielschichtigen Wechselspiel an Kooperationen und Konflikten.
° Eigendynamik: Diese erhält sich von selbst und ist nur z. T. von außen steuerbar.
° Intransparenz: Das System ist schwer durchschaubar.
° Inhabilität: Es ist schwer zu etwas zu bewegen bzw. in seiner Bewegung aufzuhalten oder gar umzudrehen.

 

- Soziale Effekte:
Folgende soziale Effekte, die oft manipulatorisch ausgenutzt werden, wurden von den Sozialwissenschaften beobachtet und beschrieben:

° Halo-Effekt: s. Teil 1
° Bandwagon-Effekt: Tendenz, sich Erfolgreichen anzuschließen (F. Nietzsche: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg). Dazu gegenläufig:
° Underdog-Effekt: Der Außenseiter wird unterstützt (z. B. im Sport).
° Ignorierungseffekt: Tendenz, Unangenehmes zu verdrängen, zu bagatellisieren.
° Torschlusseffekt: Tendenz, vor einem (vermeintlichen) Ende rasch tätig zu werden.
° Bumerangeffekt: Starkes, bereits vorhandenes Motiv wird ausgenützt, "zurückgereicht". Die Kommunikation erreicht das Gegenteil des Beabsichtigten (z. B. wenn ein wissenschaftlicher Artikel über die Wirkungslosigkeit mancher homöopathischer Verfahrensweisen die Anhänger dieser Methoden noch bestärkt).

 

METHODEN DER SOZIALPSYCHOLOGIE

- Soziogramm:
Wichtigstes Instrument der Sozialpsychologie, von J. Moreno (s. o.) entwickelt. Im Soziogramm werden die Beziehungen der Gruppenmitglieder in einer Graphik sichtbar gemacht. Sie wird entweder von einem Psychologen nach Beobachtung der Gruppe oder auf folgende Weise erstellt: Jedes Gruppenmitglied muss eine die Beziehung zu anderen Gruppenmitgliedern betreffende Frage (z. B. Mit welchen zwei Gruppenangehörigen würdest du am liebsten / am wenigsten gern deine persönlichen Probleme besprechen?) beantworten. In der zu erstellenden Graphik wird jedes Mitglied durch einen Kreis symbolisiert. Die jeweils vier gewählten Personen werden (vgl. unten stehende Graphik) mit gemäß einer Positiv- bzw. Negativwahl verschiedenartigen Pfeilen (durchgezogen/strichliert) mit der wählenden Person verbunden, sodass sich ein kompliziertes Liniengeflecht und folgende Figuren ergeben werden:

* Doppelwahl:
der eine Person Wählende (negativ oder positiv) wird von dieser auch gewählt (im Beispiel 2/3 bzw. 2/4, 9/11 usw.; besonders interessant, wenn dies in der Gegenrichtung mit anderem Vorzeichen geschieht; im Beispiel 6/10). Häufige Doppelwahlen gelten als Zeichen hoher Gruppenkohäsion (vgl. o.)

* Star:
Person mit hohem Wahlstatus (die Zahl der Positivwahlen überwiegt; im Beispiel Nr. 7)

* "Feind":
Person mit hohem Ablehnungsstatus (die Zahl der Negativwahlen überwiegt; im Beispiel Nr. 6)

* Außenseiter:
wird kaum gewählt, bleibt unbeachtet (im Beispiel Nr. 8)

Vgl. Hausarbeit zu Soziogramm-Programm

 

- Feedback:
Als prophylaktische Maßnahme gegen Fehlbeurteilungen und Vorurteile (s.o.) empfiehlt sich das Einholen bzw. Geben von Feedback (= Rückmeldung).

Feedbackregeln:

Feedback geben: Feedback soll möglichst unmittelbar, angemessen, brauchbar (auf Verhaltensweisen bezogen, die auch änderbar sind), beschreibend statt interpretierend, konkret (auf ein begrenztes Verhalten bezogen), nicht generalisierend, vor allem positiv oder zumindest nicht ausschließlich negativ (zB Sandwichtechnik: positive - negative - positive Rückmeldung), in reversibler, sachlicher, genauer Sprache und tendenziell eher in Ich-Botschaften (Mitteilung der eigenen Reaktionen) und Vermutungen als in Vorwürfen und Behauptungen sowie zur rechten Zeit (nicht zu spät) erfolgen und immer erbeten oder erwünscht sein.

Feedback nehmen: Wer Feedback annehmen will, sollte möglichst genau sagen, worüber (über welche Einzelheiten des Verhaltens) er/sie Rückmeldungen wünscht, dass Gehörte durch Wiederholung in eigenen Worten sicherstellen (durch Verwendung der Gesprächstechnik des "Spiegelns"), Reaktionen auf das Feedback mitteilen und nicht sofort in eine Verteidigungsposition gehen. Bei starker gefühlsmäßiger Betroffenheit kann eine Nachdenkpause zur "Verdauung" vor einer Reaktion sinnvoll sein.

Grund für die Notwendigkeit von Feedback: Selbstbild und Fremdbild eines Menschen stimmen nicht immer überein, da man manchmal einen Teil seiner Persönlichkeit verbergen möchte und umgekehrt oft nicht weiß, wie man auf andere wirkt. Um sich selbst besser kennen zu lernen, empfiehlt sich daher die Nutzung einer Außenansicht.
Eine Möglichkeit der graphischen Darstellung der 4 möglichen Sichtweisen bietet das sogenante Johari-Fenster, das die Persönlichkeit in 4 Fenstern darstellt:

Johari-Fenster

mir bekannt

mir nicht bekannt

 anderen bekannt


 I.


 BEREICH DER FREIEN AKTIVITÄT





 II.


 „BLINDER FLECK“


 anderen nicht bekannt


 III.


 BEREICH DES
 VERMEIDENS, VERBERGENS




 IV.


 BEREICH DES UNBEWUSSTEN


Die relative Größe der Fenster I, II, III und IV differiert von Person zu Person. Das sich ergebende Bild lässt Rückschlüsse auf die jeweilige Persönlichkeitsstruktur zu.

 

- Andere Methoden:
Daneben werden Beobachtung, Befragung, Labor- und Feldexperimente verwendet.

 


 

 


XI. PERSÖNLICHKEITSPSYCHOLOGIE
 

 

 

DEFINITIONEN

Persönlichkeitspsychologie (auch Differentielle Psychologie - Ausdruck von Stern) beschäftigt sich mit der Erfassung und Einordnung der Persönlichkeitsstruktur des Menschen.
Vgl. z. B. The Keirsey Temperament Sorter

Temperament: lässt sich definieren als das Ausmaß und die Intensität der Reizbarkeit und der Impulskontrolle, "ein charakteristisches Muster der Reaktivität und Selbstregulation" (Gerhard Roth), es gibt laut dem Psychoanalytiker Otto F. Kernberg die emotionale Intensität vor, entsteht durch Vererbung, Reifung und frühkindliche Erfahrungen und enthält nach Avshalom Caspi und Phil Silva Eigenschaften wie "unbeherrscht", "gehemmt", "selbstsicher", "distanziert" und "ausgeglichen" bzw. deren Gegenteile.

Persönlichkeit (lat. persona = Maske) bezeichnet die Summe der Verhaltensweisen, mit denen ein Mensch charakteristischerweise auf seine Umwelt reagiert.

Charakter (griech. = Stempel) bezeichnet - im Unterschied zur veränder- und formbaren Persönlichkeit - die feststehenden Verhaltensdispositionen, die zu den emotionalen Konzepten von sich und anderen ("Objektbeziehungen", in denen sich das durch Liebe und Aggression bestimmte Triebgeschehen realisiert und strukturiert) führen Vgl. nicht ganz ernst gemeinten Charaktertest

Typus (griech. = Schlag) bezeichnet eine durch einen Merkmalskomplex gekennzeichnete Auswahl an Menschen (vgl. auch oben Stereotyp und Vorurteil)

 

TYPOLOGIEN

- Antike:
Persönlichkeitstypologien wurde bereits im Altertum versucht. Am bekanntesten wurde die Ausarbeitung der Ansicht des Hippokrates, dass die Persönlichkeit von den Körpersäften bestimmt würde, durch Galenos. Er unterschied die Vier Temperamente:

* Sanguiniker: schwache, schneller wechselnde, gelöste, mehr nach außen gerichtete Seelenzustände (nach sanguis = Blut) - leichtblütig, optimistisch, leicht ansprechbar etc.

* Choleriker:
starke, schneller wechselnde, gespannte, mehr nach außen gerichtete Seelenzustände (nach cholos = Galle) - unbefriedigt, jähzornig etc.

* Melancholiker:
starke, langsamer wechselnde, gespannte, mehr nach innen gerichtete Seelenzustände (melas cholos = schwarze Galle) - schwermütig, tiefgründig, traurig etc.

* Phlegmatiker:
schwache, langsamer wechselnde, gelöste, mehr nach innen gerichtete Seelenzustände (phlegma = Schleim) - schwer ansprechbar, behäbig, kaltblütig etc.

 

- Konstitutionstypologien (Körperbautypologien):
* Ernst Kretschmer (1888-1964): In seinem 1921 veröffentlichten Buch Körperbau und Charakter untersucht er den Zusammenhang gewisser Körperbautypen mit Psychosegruppen. (Schon im 19. Jh. hat Lombroso, ein Begründer der Kriminalstatistik, einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und angeborenen Körperbauanomalien nachweisen wollen.) Kretschmer unterschied drei Konstitutionen:

° Pyknischer Typ: klein, gedrungen; dominiert in der Gruppe der Zyklothymen (im Extrem zykloid = manisch-depressiv, s. o.)
° Leptosomer Typ: lang, dürr; dominiert in der Gruppe der Schizothymen (im Extrem schizoid = schizophren, s. Teil 4)
° Athletischer Typ: breite Schultern, schmales Becken; dominiert (mit geringerer Korrelation) in der Gruppe der Barykinetischen (Viskösen = zähflüssiges, schwer umstellbares Temperament, im Extrem epileptoid)
° Dysplastischer Typ: hat keines der drei Merkmale eindeutig ausgeprägt; statistisch die größte Gruppe, daher ist KretschmerS Typologie hauptsächlich von historischem Interesse.

* William H. Sheldon: wollte Kretschmer widerlegen und untersuchte 4000 amerikanische Studenten. Die in objektiven Messungen gefundenen und mit dubiosen von den Keimblättern abgeleiteten Begriffen bezeichneten Körperbauhauptgruppen entsprachen dabei jenen von Kretschmer:

° Endomorpher Typ: entspricht dem Pykniker; er ist überwiegend viszeroton (bequem, gemütlich, sozial, realistisch, genusszugewandt - r = .79)
° Ektomorpher Typ: entspricht dem Leptosom; er ist überwiegend zerebroton (empfindlich, zurückhaltend, gehemmt; r = .83)
° Mesomorpher Typ: entspricht dem Athletiker; er ist überwiegend somatoton (aktiv, energisch, draufgängerisch - r = .82)

Zur Anthropometrie allg. vgl. Modern Phrenology und - als historische Reminiszenz - die "Physiognomik" von Johann Caspar Lavater (1772)

 

- Faktorenanalytische Modelle:
Die Faktoren-Theorie glaubt, Kriterien ausarbeiten zu können, die möglichst einfach, aber eindeutig eine Persönlichkeitszuordnung ermöglichen (Begründer: Spearman, vgl. Seite 2). Es ergeben sich dieselben statistischen und definitorischen Probleme wie bei den Intelligenzfaktoren (s. o.).

* C. G. Jung
(vgl. Seite 4) Neben den vier Funktionstypen (s. o.), die jeweils kombiniert werden können (= 8 Möglichkeiten), unterscheidet Jung

° Introvertierte (in sich gekehrte) Menschen
° Extravertierte (nach außen orientierte) Menschen.

Ausgangspunkt war für ihn die Frage, wieso Neurosen unterschiedlich interpretiert werden. Antwort: Jeder Forscher sieht sie seinen Eigenheiten entsprechend. Jung sah Freud als introvertiert, Adler als extravertiert an.
Die Jung'sche Dichotomie wurde von anderen Forschern erweitert (z. B. vom 1942 von Mutter und Tochter Katherine Briggs und Isabel Myers erstellten und 1962 zu einem Persönlichkeitsinventar ausgebauten MBTI = Myers-Briggs Type Indicator, von Rorschach, dem Erfinder des Rorschach-Tintenklecks-Tests, der in der Klinischen Psychologie verwendet wird; er unterschied fünf Erlebnistypen: introvertiert, extravertiert, koartiert, ambiäqual, dilatiert) u. a. Am bekanntesten wurde die Erweiterung des Jung'schen Ansatzes von

* H. J. Eysenck
(1916 in Berlin geboren, nach England emigriert; seit 1955 Professor für Psychologie in London, gest. 1997): Mit Hilfe eines eigens entwickelten Tests (Eysenck Personality Inventory) gewinnt er, streng quantitativ-statistisch arbeitend, folgende Faktoren:

° Dimension Introversion - Extraversion (vgl. Jung)
° Dimension Stabilität - Instabilität (= Faktor Neurotizismus)
° Dimension Impuls - Antriebskontrolle (= Faktor Psychotizismus)

Die ersten beiden Dichotomien lassen sich in einem Koordinatenkreuz, in dem theoretisch jeder Mensch untergebracht werden kann, darstellen. Jeder Quadrant entspricht dabei einem der vier Temperamente: Stabilität + Introversion = Phlegmatiker, Stabilität + Extraversion = Sanguiniker, Instabilität + Introversion = Melancholiker, Instabilität + Extraversion = Choleriker

In manchen Faktorentheorien gelten die Eysenck'schen Dimensionen Intro-/Extravertiertheit und Stabilität/Instabilität zusammen mit den drei Faktoren der Verträglichkeit, der Gewissenhaftigkeit und der Offenheit für Erfahrung als die "Big Five der Persönlichkeit" (s. u.).
Vgl. Seite über Eysenck

* W. Mischel (1930 in Wien geboren, s. o.) war mit Eysenck in Diskussionen über den Trait-Ansatz (die Vorstellung, dass Persönlichkeitsmerkmale oder -eigenschaften verlässliche Voraussagen über das Verhalten lieferten) verstrickt und und forderte stärkere Berücksichtigung der Situationsfaktoren (Interaktionismus). Sein kognitive Persönlichkeitsmodell enthält fünf Variable:

Die Auswirkungen dieser Personenvariablen hängen von der Situation ab: je mehrdeutiger oder zweifelhafter sie ist, desto größere Auswirkunggen haben die Personenvariablen.

 

- Weltanschauungstypologie:
In seinem 1914 erschienenen Buch Lebensformen entwickelt Eduard Spranger (1882-1963), ein in der geisteswissenschaftlichen Tradition von Wilhelm Dilthey stehender deutscher Psychologe, sechs an inhaltlichen Gesichtspunkten orientierte Weltanschauungstypen (je nach Wert- und Sinngehalt):

* Religiöser Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Ausrichtung auf das Überirdische

* Theoretischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Einsetzen des Verstandes, Forschen, Erkennen, Denken

* Politischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Machtausübung und Beeinflussung anderer

* Ästhetischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch einfühlende Betrachtung von Schönheit, Form, Harmonie

* Sozialer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch selbstlose Hingabe, Liebe und Sorge um andere

* Ökonomischer Mensch:
Sinnerfüllung des Daseins durch Streben nach Nutzbringendem, Praktischen, Gewinn

 

- Typologie der Kommunikationsmuster:
Die Familientherapeutin Virginia Satir (sie entwickelte die Conjoint-Therapie, bei der versucht wird, Zwangsverhalten in offenes Verhalten umzuwandeln und formulierte die "Fünf Freiheiten": Sehen und hören was wirklich ist, nicht, was sein sollte./Das sagen, was ich denke, nicht das, was ich denken sollte./Fühlen, was ich wirklich fühle, nicht, was ich fühlen sollte./Das fordern, was ich möchte, nicht immer erst auf Erlaubnis warten./Risiken eingehen, ohne mich immer erst abzusichern.) unterscheidet fünf Reaktionsmuster, aus denen verschiedene Konflikttypen abzuleiten sind. Die ersten vier davon werden gebraucht, um einer drohenden Ablehnung durch den Kommunikationspartner zu entgehen:

* Beschwichtigen (= placate):
"Was du auch immer sagst und willst, ist richtig. Ich will dich zufrieden stellen und zähle ohne deine Zustimmung wenig." Körperhaltung zustimmend, unterwürfig, hilflos.

* Anklagen (= blame):
"Alles machst du falsch - du bist schuld!" Körperhaltung fordernd, angespannt; man glaubt, selbst erfolglos und einsam, dem anderen, bevor er einen fertig macht, zuvorkommen zu müssen.

* Rationalisieren (= compute):
"Ich stelle nur Tatsachen fest." Körperhaltung ruhig, aber gespannt; man will sich nicht ausliefern.

* Ablenken (= distract):
Die Sprache ist wirr, unzusammenhängend, belanglos bis sinnlos, oft theatralisch; Körperhaltung unkoordiniert; man fühlt sich heimatlos und von niemandem gebraucht.

* Kongruentes oder fließendes Verhalten
(Übereinstimmung der Person im Innen und Außen) = anstrebenswerte Authentizität: ent-spannte Kommunikation, bei der man nicht sein Selbstwertgefühl bedroht sieht (fühlt).

Satir schlägt vor, in Kommunikationsprozessen auf die "5 Freiheiten" zu achten:  The freedom...

...to see and hear
what is here and now
instead of
what should be, was, or will be.
...to say -
what one feels and thinks
instead of
what one should.
...to feel
what one feels,
instead of
what one ought.
...to ask
for what one wants,
instead of always waiting
for permission.
...to take risks in one's own behalf,
instead of choosing only
to be  "secure"
and not rocking the boat.

Zu möglichen Typologisierungen s. auch o. Erziehungsstil-Kategorisierungen - Zu den tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodellen vgl. Kap. Tiefenpsychologie und Psychiatrie

 

- Heute:
In den letzten Jahrzehnten versucht man einzelne Faktoren statistisch gestützt (taxonomische Klassifikation aufgrund von Korrelationen) zu isolieren und Merkmalsbeziehungen (Merkmalsbündel = Cluster) herauszufiltern (vgl. auch Intelligenzfaktoren Seite 2). Bekannt geworden sind die so genannten

* Big Five der Persönlichkeit:  Angelehnt an die die fünf großen Hauptziele von Jagdsafaris (afrikanischer Büffel, Elefant, Leopard, Löwe, Nashorn) postuliert dieses Modell fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit: 1) Neurotizismus (Neigung zu Nervosität, Angespanntheit, emotionaler Labilität, Ängstlichkeit und Traurigkeit; Gegenpol: Gelassenheit, Entspanntheit), 2) Extraversion (Neigung zur Geselligkeit und zum Optimismus; Gegenpol: Introversion als Neigung zur Zurückhaltung), 3) Offenheit für Erfahrung (Neigung zur Wissbegierde, Interesse an neuen Erfahrungen; Gegenpol: festgelegt), 4) Verträglichkeit (Neigung zum Altruismus, zur Kooperation und Nachgiebigkeit; Gegenpol: Barschheit) und 5) Gewissenhaftigkeit (Neigung zur Disziplin, zu hoher Leistungsbereitschaft Leistung, zur Zuverlässigkeit; Gegenpol: Unorganisiertheit). Auch OCEAN-, manchmal CANOE-Modell genannt: O Openness, C Conscientiousness, E Extraversion, A Agreeableness und N Neurotizismus. Vgl. folgenden Test

* 9 Dimensionen des Temperaments (nach Thomas und Chess):  Activity (Aktivitätsniveau) - Regularity / Rhythmicity (Regelmäßigkeit, Tagesrhythmizität) - Initial reaction / Approach - Withdrawal  (Annäherung-Rückzug) - Adaptability (Anpassungsfähigkeit) - Intensity (Reaktionsintensität) - Mood (Stimmungslage) - Distractibility (Ablenkbarkeit) - Persistence / attention span (Aufmerksamkeitsspanne / Durchhaltevermögen) - Sensitivity (sensorische Reizschwelle)

Die heutige Persönlichkeitspsychologie geht meist von einem der drei folgenden Ansätze aus: den Eigenschaften - der Art der Informationsverarbeitung - den beobachtbaren Veränderungen einer Person.

 

 


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