Storys   Journalistische Arbeiten   Startseite 

Seite drucken

DIE HÖLLE AUF ERDEN

„Die Zukunft war früher auch besser“, meinte einst der deutsche Komiker Karl Valentin. Stimmt das auch für die negativen Utopien, die seit Huxley und Orwell geschrieben worden sind?


1999 waren George Orwell und Aldous Huxley wieder einmal in aller Munde. Seither ist der in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangene „Big Brother“ aus Orwells „1984“ Titel einer in fast 70 Ländern ausgestrahlten Reality-Show. Und im selben Jahr wurde über Huxleys „Brave New World“ heftig diskutiert, nachdem der Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Vortrag „Regel für den Menschenpark“ für eine Anwendung der Gentechnologie auf den Menschen plädiert hatte.

Schon ein Jahr zuvor hatte Michel Houellebecq in seinem Roman „Elementarteilchen“ die These vertreten, Huxleys Roman sei kein totalitärer Albtraum, sondern stelle vielmehr hinsichtlich der genetischen Kontrolle, der sexuellen Freiheit, dem Kampf gegen das Altern und der Freizeitkultur ein Paradies dar. Und 1998 wurden erstmals auch der „Big Brother Awards“ vergeben, ein Negativpreis für besondere Beeinträchtigungen der Privatsphäre oder Verletzung des Schutzes persönlicher Daten

nach oben

Sind seit 1932 respektive seit 1948 Negativ-Utopien geschrieben worden, an der sich die Geister immer noch ähnlich heftig entzünden wie an denen von Huxley und Orwell? Bevor wir uns dieser Frage widmen, wollen wir einmal klären, was eine – im Englischen Dystopie genannte – Anti-Utopie ausmacht: Diese sind, weiß man bei Wikipedia, Geschichten, die in einer fiktiven Gesellschaft spielen, welche sich zum Negativen entwickelt hat.

Eine dystopische Gesellschaft ist in der Regel durch eine autoritäre oder totalitäre Regierungsform sowie durch repressive soziale Kontrolle charakterisiert. Anti-utopische Fiktionen haben meist offene Enden, sie handeln von unzufriedenen Individuen, die rebellieren, aber in ihren Bemühungen, etwas zu verändern, letztlich scheitern. Das steht in Kontrast zu „normalen“ Fiktionen, in denen ein Held erfolgreich Konflikte löst. In dystopischen Fiktionen gibt es auch meistens Teile der Bevölkerung, die nicht unter der vollständigen Kontrolle des Staates stehen, bei Orwell sind es die „Proles“, bei Huxley die Bewohner des Reservats.

Krieg ist Frieden


So gut wie alle Negativ-Utopien wirken schon bald nach ihrem Erscheinen veraltet, „1984“ und „Brave New World“ stellen da keine Ausnahme dar: Huxley hat in seinem Roman weder die Möglichkeiten der Kernspaltung und der Computerisierung aufgegriffen, allerdings die der Gentechnik: Nachdem die Föten manipuliert worden sind, werden Menschen auf festgelegte Rollen in der Gesellschaft konditioniert und durch permanente Beschäftigung mit Sex, Drogen und Konsum zufrieden gestellt.

Orwell wiederum hat einen perfekten Überwachungsstaat beschrieben – naturgemäß ohne Computer, Ortungssender und dergleichen –, aber mit dem allgemein geläufigen „Großen Bruder“, mit Fernsehgeräten, durch welche die Seher beobachtet werden, sowie ständiger Geschichtsverfälschung, „Neusprech“ (mit dem Ziel, den Wortschatz der Menschen zu reduzieren und Bedeutungsinhalte zu beschönigen) und „Gedankenverbrechen“ (d.i. die Staatsdoktrinen „Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Ignoranz ist Stärke“ in Frage zu stellen).

nach oben


Dass Orwell und Huxley ihre dystopischen Phantasien konsequent zu Ende gedacht haben, unterscheidet sie nicht von ihren Nachfolgern. Daran kann es also nicht liegen, dass sie immer noch diskutiert werden. Außerdem werden auch negativ-utopistische Werke „nach ,1984’“ zum Teil immer noch „gerne“ rezipiert, aufgegriffen oder weitergesponnen. Man nehme nur Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ aus dem Jahr 1953, in dem selbständig zu denken absolut tabu ist und Bücher zu lesen oder gar zu besitzen als schweres Verbrechen gilt. – Dieser Roman diente als Vorlage für den Film von François Truffaut und ein Theaterstück. Und noch 2004 bezog sich Michael Moore in seinem Filmtitel „Fahrenheit 9/11“ eindeutig auf Bradbury.

Man nehme weiters „Logan’s Run“ von Michael Anderson aus dem Jahr 1976. Darin führt anscheinend kein Weg aus einer durch eine gigantische Kuppel abgedeckten Stadt, das Leben der Menschen ist zwar angenehm, doch sie dürfen nicht älter als 30 Jahre werden. – Das Kuppel-Bild wird aktuell im „Simpsons“-Kinofilm verwendet.

John Twelve Hawks Überwachungsstaat-Roman „Traveler“ von 2006 kann man aufgrund der zeitlichen Nähe zur Gegenwart nicht zum Vergleich heranziehen. Aber auch Orwell würde in „1984“ heute wohl folgende Techniken beschreiben: Videokameras, RFID-Tags und ähnliche Ortungssender für jeden Bürger, Infrarotsensoren, Wärmebildkameras und Röntgenscanner, zentrale Datenbanken sowie die Auswertung von Internetdatenverkehr und Telefonverbindungen

Und listet man einige populäre Anti-Utopien (inklusive Filmen und Computerspielen) seit den 60er-Jahren nach ihrer Entstehungszeit auf, erhält man eine Chronologie der jeweils aktuellen Zukunftsängste.

THK 1138


– 1966: In „New York 1999“ fantasierte Harry Harrison eine Welt, die keine Ressourcen mehr zur Verfügung hat: Die Mehrheit der Bevölkerung kann sich nicht mehr ernähren. (Wurde 1973 verfilmt.)
– 1968-1973: Die „Planet der Affen“-Filme handeln – nach der Romanvorlage von Pierre Boulles von 1963 – von der Zerstörung des Planeten Erde durch einen Atomkrieg sowie von den Auswirkungen fundamentalistischen Glaubens und von Rassismus – gezeigt anhand eines von Affen regierten Planeten. (2001 drehte Tim Burton ein Remake.)

nach oben


– 1968 : In „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (1982 von Ridley Scott unter dem Titel „Blade Runner“ verfilmt) beschrieb Philip K. Dick, dass die Grenzen zwischen Menschen und Androiden (d.i. humanoiden Robotern) verschwimmen könnten.
– 1971: In George Lucas’ erstem Werk in Spielfilm-Länge „THK 1138“ lebt die Menschheit in volltechnisierten und überwachten unterirdischen Anlagen. Durch die regelmäßige Einnahme von Psychopharmaka wird die Leistungsfähigkeit der Bewohner am Arbeitsplatz gesteigert sowie „schädliche“ Gefühle und der Geschlechtstrieb unterdrückt.
– 1976: In „Rollerball“ (nach einer Kurzgeschichte von William Harrison) haben Weltkonzerne die politische Führung übernommen. Die Massen werden durch den brutalen Sport Rollerball ruhig gehalten, der nicht nur Kriege, sondern auch alle anderen Sportarten ersetzt hat.
– 1979: Im Film „Mad Max“ sind die Erdölreserven knapp geworden.
– 1984-2003: In der „Terminator“-Trilogie hat das Computernetzwerk Skynet 1997 einen Atomkrieg ausgelöst. Die Erde ist verwüstet, der Großteil der Menschheit ausgelöscht.
– 1988: Die Comicserie „V wie Vendetta“ spielt in einem fiktiven England von 1997, in dem nach dem dritten Weltkrieg eine faschistische Partei die Macht übernommen hat, die vom Anarchisten und Terroristen „V“ im Alleingang bekämpft wird. (Wurde 2005 verfilmt.)
– 1992: Robert Harris geht in seinem Roman „Vaterland“ von der Fiktion aus, dass Adolf Hitler den Krieg gewonnen hat.
– 1993: Im Computerspiel „Syndicate“ vertreten die Spieler einen Konzern, der mit anderen Konzernen um die Weltherrschaft konkurriert.

Matrix


– 1995: In Kevin Costners Film „Waterworld“ sind die Polkappen der Erde vollständig geschmolzen und die Kontinente im Wasser versunken.
– 1997 zeigte Andrew Niccol in seinem Film „Gattaca“ eine von liberaler Eugenik getriebene Gesellschaft, wo Gentechnologie die Auswahl von Kindern nach Maß ermöglicht hat.
– 1998: Im Computerspiel „Half-Life“ werden nach der Eroberung der Erde durch Außerirdische die überlebenden Menschen in Ballungsräume umgesiedelt.
– 1998-2001: In Tad Williams’ „Otherland“-Romanen ist die Informationstechnologie zur alles beherrschenden Wirklichkeit geworden. Das Netz ist nicht nur die Lebens- und Arbeitsumgebung der Menschheit, sondern auch eine ebenso virtuelle wie reale Parallelwelt.

nach oben


– 1999-2003: In der „Matrix“-Filmtrilogie der Brüder Wachowski haben Maschinen die Macht übernommen, nutzen die Menschen als Energiequelle und gaukeln ihnen mittels des Informationsnetzes Matrix ein befriedigendes Leben vor.
– 2003: Margaret Atwood beschreibt in „Oryx and Crake“ eine Welt nach einer globalen Öko-Katastrophe (Klimawandel, Überbevölkerung, Ressourcen- und Nahrungsmangel sowie Artendezimierung) und warnt vor einer unkontrollierbaren Gentechnik.
– 2006: Im Film „Children of Men“ wurde seit 18 Jahren kein Mensch mehr geboren, der Untergang der menschlichen Spezies ist wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten. Die Welt ist von Gewalt und Chaos geprägt, Umweltzerstörung, Terrorismus, Hysterie und staatliche Unterdrückung bestimmen das alltägliche Bild.

Wir sehen: Mit Negativ-Utopien sollen die Menschen mit Hilfe eines pessimistischen Zukunftsbilds vor Entwicklungen in der Gegenwart gewarnt werden. Kaum eine dieser Warnungen hat sich zur Gänze bewahrheitet – es ist aber auch kaum keine ungültig geworden. Wie in allen anderen Gattungen auch gelingt im Bereich der Dystopien einigen wenigen Künstlern (wie Huxley und Orwell), etwas „zeitlos“ Gültiges zu schaffen. Doch derzeit lässt sich wirklich nicht voraussagen, ob etwa der erst zehn Jahre alte Film „Gattaca“ in Zukunft eifrig diskutiert wird oder nicht. Und wer weiß, vielleicht haben 1997 mehr Menschen diesen Film gesehen als „Brave New World“ gelesen? Unter Umständen haben sich ja auch Sloterdijk und Houellebecq erst im Kino an Huxleys Anti-Utopie erinnert. ###


© Wiener Zeitung 2007

Seite drucken

Storys   Journalistische Arbeiten   Startseite