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Das österreichische Wahlverhalten

1. Inhaltsverzeichnis
2. Inhalt im Überblick
3. Wahlkampf und Wahlentscheidung
4. Trends im Wahlverhalten
5. Die Herausgeber

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2. Inhalt im Überblick

Das Ergebnis der Nationalratswahl 1999 markiert nicht nur den definitiven Übergang zu einem tripolaren System von drei annähernd gleich starken Parteien SPÖ, FPÖ und ÖVP wie der Partei der Grünen am links-alternativen Spektrum des Parteienwettbewerbs, sondern setzte eine innen- und außenpolitische Kettenreaktion in Gang, deren Dramatik in der neueren politischen Geschichte Österreichs ohne Beispiel ist. Nicht abzuschätzen oder gar vorherzusagen war die Dramatik der Nationalratswahl 1999 bei der Planung des vorliegenden Bandes, die bereits im Frühjahr 1999 begonnen wurde.

Die Absicht der Herausgeber war es, die letzte Parlamentswahl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Anlaß zu nehmen, über die Analyse eines singulären Wahlereignisses hinaus längerfristige Wandlungstendenzen im österreichischen Wahlverhalten zu analysieren, Veränderungs- und Bruchlinien zu definieren, neue Trends und Muster zu modellieren und in ihrer komplexen Dynamik zu erklären. Die politikwissenschaftliche Wahlforschung gilt als die theoretisch und methodisch am weitesten vorangeschrittene Disziplin in der empirischen Sozialwissenschaft und bietet eine Fülle interessanter und vielversprechender Zugänge zur Erklärung der Dynamik des Wahlverhaltens und der Wahlentscheidung. Die Herausgeber haben an der ursprünglichen Zielsetzung festgehalten, diese aber aufgrund der Dramatik des Wahlereignisses und seiner Konsequenzen punktuell modifiziert und um aktuelle Fragen ergänzt und erweitert. Das Ergebnis ist eine Gliederung des Bandes in vier Hauptabschnitte, die sich jeweils ausgewählten Perspektiven des Wahlverhaltens zuwenden.

Im ersten Hauptabschnitt "Wahlverhalten und Parteienwettbewerb" gibt zunächst Wolfgang C. Müller einen empirischen Überblick über wesentliche Veränderungen der Dynamik des österreichischen Parteienwettbewerbs seit 1986, wobei er sich aus der Perspektive der rational choice-Theorie insbesondere mit dem thematischen Wettbewerb der Parlamentsparteien auseinandersetzt. Fritz Plasser, Gilg Seeber und Peter A. Ulram zeichnen in ihrem Beitrag das Entstehen eines neuen politischen Wettbewerbsraums nach und analysieren auf Basis von Individualdaten und exit polls wesentliche Veränderungen im österreichischen Wahlverhalten im Zeitraum 1979 bis 1999. Christoph Hofinger, Marcelo Jenny und Günther Ogris setzen die längerfristige Analyse auf der Basis von Aggregatdaten fort. Ihr Thema sind Wählerströme und Wählerwanderungen bei österreichischen Parlamentswahlen 1983 bis 1999.

Der zweite Hauptabschnitt "Wahlkampf und Massenmedien" konzentriert sich auf das massenmediale Einflußpotential und die Relevanz der Wahlkampfberichterstattung für die individuelle Wahlentscheidung. Hier stehen Theorien und Modelle der politischen Kommunikationsforschung im Vordergrund, die mittlerweile unverzichtbare Bestandteile politikwissenschaftlicher Wahlverhaltensforschung sind. Fritz Plasser, Peter A. Ulram und Franz Sommer berichten über zentrale Ergebnisse einer Panelstudie zum Nationalratswahlkampf 1999 und versuchen die Frage "Do Campaigns Matter?" zu beantworten. Günther Pallaver und seine Kollegen arbeiten die Ergebnisse einer komplexen Inhaltsanalyse der innenpolitischen Berichterstattung in den ORF-Fernsehnachrichtensendungen heraus, die einflußreiche Einblicke in Thematisierungsstrategien der Wahlkampfakteure wie Framing-Strategien der Nachrichtenredaktionen gestatten. Die professionelle Selbstdarstellung der Spitzenakteure des Wahlkampfes und ihr "impression management" bei den Konfrontationen im Fernsehstudio ist das Thema des Beitrags von Michael Posselt und Manfred Rieglhofer, die über eine qualitative Analyse der TV-Confrontainments in den Wahlkämpfen 1994, 1995 und 1999 berichten.

Der dritte Hauptabschnitt setzt sich aus Fallstudien zum österreichischen "Superwahljahr" 1999 zusammen. Aus aktuellem Anlaß widmen sich Fritz Plasser und Peter A. Ulram der Komposition, politischen Orientierungen und Motiven der FPÖ-Wählerschaft. Imma Palme setzt sich in ihrem Beitrag mit dem Phänomen "issue voting" auseinander und untersucht den Einfluß thematischer Positionen auf die Wahlentscheidung. Mit dem regionalen Wahlverhalten beschäftigen sich zwei weitere Beiträge. Herbert Dachs und Elisabeth Wolfgruber untersuchen die Landtagswahlen im Jahr 1999 und zeichnen tiefreichende Trends und Veränderungen im regionalen Wahlverhalten nach. Auf eine dieser Landtagswahlen – die Tiroler Landtagswahl 1999 – konzentrieren sich Ferdinand Karlhofer und Gilg Seeber und berichten im Rahmen ihrer Fallstudie über zentrale Ergebnisse eines exit poll. Institutionelle Faktoren des Parteienwettbewerbs sind der Ausgangspunkt von Hubert Sickinger, der wesentliche Eckpunkte und Problemfelder der Parteien- und Wahlkampffinanzierung in den neunziger Jahren materialreich untersucht.

Der vierte und abschließende Hauptabschnitt ist dem Wahlverhalten in Nachbardemokratien gewidmet. Oscar W. Gabriel arbeitet auf Basis umfangreicher empirischer Datensätze die Bestimmungsfaktoren des Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 1998 heraus und vermittelt ein dichtes Bild der Dynamik im deutschen Wahlverhalten. Die Schweizer Nationalratswahl 1999 ist das Thema von Claude Longchamp, der langfristige Veränderungen im Schweizer Wahlverhalten empirisch beleuchtet, die in ihrer Tiefe und ihren Konsequenzen für den Parteienwettbewerb in der Schweiz durchaus mit den Veränderungen in der Tiefenstruktur des österreichischen Wahlverhaltens verglichen werden können.


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