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Das österreichische Wahlverhalten

1. Inhaltsverzeichnis
2. Inhalt im Überblick
3. Wahlkampf und Wahlentscheidung
4. Trends im Wahlverhalten
5. Die Herausgeber

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4. Trends im Wahlverhalten

Die vorliegenden Zeitreihen widerspiegeln die Tiefe der Erosion traditioneller Parteibindungen. Hatten in den fünfziger und sechziger Jahren noch rund drei Viertel der österreichischen Wahlberechtigten eine stabile Bindung zu einer politischen Partei, weist Ende der neunziger Jahre nur mehr die Hälfte der Wahlberechtigten eine langfristige gefühlsmäßige Neigung zu einer bestimmten Partei auf. Im Vergleich zur Mitte der siebziger Jahre hat sich der Anteil von Personen mit einer starken Parteibindung halbiert und beträgt 1999 nur mehr 16 Prozent. Fast halbiert hat sich auch der Anteil an eingetragenen Parteimitgliedern, wie insgesamt die organisatorische Mobilisierungs- und Kampagnefähigkeit der österreichischen Traditionsparteien teilweise dramatisch abgenommen hat. Demotivation, mangelnde Anreize und eine seit den achtziger Jahren deutlich parteienkritischer eingestellte Öffentlichkeit demobilisierten die Parteianhängerschaften.

Dem Rückgang der parteigebundenen Stammwählerschaft der österreichischen Parteien steht ein kontinuierlich ansteigender Anteil von mobilen, parteiungebundenen Wechselwählern gegenüber. Konnten etwa 1972 nur 8 Prozent der Wahlberechtigten als "split voters" klassifiziert werden, betrug der Anteil 1999 bereits 46 Prozent. Fast jeder zweite Wahlberechtigte hat bei Nationalrats- oder Landtagswahlen unterschiedliche Parteien gewählt. Nur mehr 43 Prozent der Wahlberechtigten können als konsistente Wähler bezeichnet werden, die bei allen Wahlen, an denen sie teilnahmen, konstant für dieselbe Partei votierten. Kontinuierlich angestiegen ist auch der Anteil von Wechselwählern bei Nationalratswahlen. Wählten bei der Nationalratswahl 1979 nur 7 Prozent eine andere Partei als bei der Nationalratswahl 1975, lag der Wechselwähleranteil bei der Nationalratswahl 1999 bei 18 Prozent. Im selben Zeitraum hat auch die in Österreich traditionell hohe Wahlbeteiligungsrate abgenommen. Wie die Parteibindungen hat sich auch die Beteiligungsdisziplin abgeschwächt und ist die Nichtwahl aus Protest zu einer Option für unzufriedene und vom politischen Geschehen enttäuschte Wahlberechtigte geworden.

Ein Fünftel der Wählerinnen und Wähler der Nationalratswahlen hat sich erst in den letzten Tagen bzw. Wochen vor dem Wahltag definitiv für die Partei ihrer/seiner Wahl entschieden.

Soziale Lagen und berufliche Lebensumstände waren noch bis in die frühen achtziger Jahre trennscharfe Prädiktoren des österreichischen Wahlverhaltens. Vor allem der berufliche Status und hier insbesondere die Trennung zwischen vorwiegend manuellen bzw. nichtmanuellen Tätigkeiten prägten das Wahlverhalten und führten zum vergleichsweise stabilen Muster des klassengebundenen Wählers. Seit den achtziger Jahren haben sozioökonomischer und generativer Wandel in Verbindung mit fortschreitender Individualisierung und sozialer Differenzierung zu einer substantiellen Schwächung des klassengebundenen Wählens beigetragen.

Seit 1999 ist die FPÖ mit einem Anteil von 47 Prozent die mit Abstand stärkste Partei unter Arbeitern. Für die SPÖ entscheiden sich nur mehr 35 Prozent dieser Berufsgruppe, für die ÖVP nur mehr 12 Prozent. Das Wahlverhalten der österreichischen Arbeiterschaft unterscheidet sich somit deutlich vom "blue collar vote" in anderen westeuropäischen Demokratien. So haben bei der Bundestagswahl 1998 in Deutschland 48 Prozent der Arbeiter die SPD und 30 Prozent die CDU/CSU gewählt. In Großbritannien votierten bei den Unterhauswahlen 1997 68 Prozent der blue collar voters für New Labour und 18 Prozent für die Konservative Partei. Bei den französischen Parlamentswahlen 1997 entschieden sich 50 Prozent der manuellen Arbeiter für Parteien links der Mitte, 25 Prozent für den Front National. Frankreich ist gleichzeitig ein Beispiel für die überdurchschnittliche Attraktivität radikal rechtspopulistischer Parteien bei (vorwiegend männlichen) Wählern aus der industriellen Arbeiterschaft. Im Vergleich zu Frankreich stellt sich aber die Neuorientierung im Wahlverhalten der blue collar workers in Österreich ungleich ausgeprägter dar. Bereits bei den österreichischen Parlamentswahlen 1995 konnte die FPÖ mehr Arbeiterstimmen an sich ziehen als der Front National bei den Wahlen zur Nationalversammlung im selben Jahr. 1997 wählten 25 Prozent der französischen Arbeiter den Front National. Bei den österreichischen Nationalratswahlen 1999 entfielen rund 50 Prozent der Arbeiterstimmen auf die rechtspopulistische FPÖ.

Noch ausgeprägter stellt sich die Neuorientierung im Wahlverhalten der Arbeiterschaft bei Angehörigen der jüngeren Wählergeneration dar. Von den männlichen unter 30-jährigen Arbeitern haben 1999 57 Prozent die FPÖ gewählt. Von den jüngeren Arbeiterinnen entschieden sich 46 Prozent für die FPÖ. Die traditionelle Arbeiterpartei SPÖ konnte bei der Nationalratswahl 1999 nur mehr 28 Prozent der jüngeren Arbeiter und Arbeiterinnen ansprechen. Bei der Nationalratswahl 1986 wählten noch 55 Prozent der jüngeren Arbeiter die Sozialdemokratische Partei und nur 13 Prozent gaben ihre Stimme der Freiheitlichen Partei.

Seit den achtziger Jahren kann im österreichischen Wahlverhalten eine geschlechtsspezifische Differenzierung beobachtet werden. Im Verlauf der neunziger Jahre ist diese "Geschlechter-Kluft" (gender gap) breiter geworden. Ende der neunziger Jahre ist es keine Übertreibung mehr, in Österreich von zwei geschlechtsspezifischen Parteiensystemen zu sprechen.

Im Verlauf der neunziger Jahre hat sich aber nicht nur die "Geschlechter-Kluft" vertieft, sondern haben sich auch tiefreichende Veränderungen bei den geschlechtsspezifischen Parteimehrheiten ergeben. Seit 1994 ist die FPÖ unter männlichen Wählern die zweitstärkste Partei und seit 1999 – wenn auch innerhalb der Schwankungsbreite – mit 32 Prozent die stärkste Partei unter Männern. Trotz erheblicher Stimmengewinne und eines kontinuierlichen wahlpolitischen Aufwärtstrends liegt die FPÖ aber bei Frauen mit 21 Prozent nach wie vor hinter SPÖ (35 Prozent) und ÖVP (27 Prozent) an dritter Stelle. Anders stellt sich die geschlechtsspezifische Attraktivität der Grünen bzw. des Liberalen Forums dar. Beide postmaterialistischen bzw. libertären Parteien schneiden bei Frauen deutlich besser ab als bei Männern, wobei insbesondere die Grünen 1999 ungleich mehr weibliche Wähler ansprechen konnten als männliche Wähler.

Hinter den geschlechtsspezifischen Unterschieden im Wahlverhalten verbergen sich aber komplexe Muster, die mit Faktoren wie Alter und dem Bildungs- und Berufsstatus korrelieren. Einem hochkonzentrierten Duopol der beiden Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP unter weiblichen Pensionisten steht ein aufgefächertes Mehrparteiensystem bei jüngeren Frauen mit Matura bzw. Hochschulabschluß gegenüber, in dem nicht einmal mehr Konturen einer "dominanten" Partei auszumachen sind. Bemerkenswert ist das Wahlverhalten unter 30-jähriger Frauen, bei denen die FPÖ mit einem Anteil von 30 Prozent zur stärksten Partei geworden ist. Rund ein Viertel der jüngeren Frauen hat aber auch entweder den Grünen bzw. dem Liberalen Forum ihre Stimme gegeben. Die ÖVP liegt mit einem Anteil von nur mehr 15 Prozent bei jüngeren Frauen hinter den Grünen am vierten Platz.

Ein "gender-generation realignment" zeichnet sich aber auch im Wahlverhalten der jüngeren Männer ab, nur handelt es sich dabei um eine eindirektionale Neuorientierung in Richtung FPÖ. Mit einem Anteil von 41 Prozent ist die FPÖ die mit Abstand stärkste Partei im Segment jüngerer, männlicher Wähler. Nur 8 Prozent der jüngeren Wähler entscheiden sich für die Grünen, nur 3 Prozent für das Liberale Forum. Die Gender-Differenz der Grünen ist mit 12 Punkten ausgeprägter als die geschlechtsspezifische Anteilsdifferenz der FPÖ (10 Punkte). Wie bei jüngeren Frauen entfallen nur mehr 44 Prozent der Stimmen jüngerer Männer auf die beiden Regierungs- bzw. Koalitionsparteien. 1986 konnten SPÖ und ÖVP gemeinsam noch 75 Prozent der jüngeren Wählerstimmen an sich ziehen. Die Trends im Wahlverhalten der jüngeren Wählergeneration verdeutlichen die anhaltende Schärfe einer generativen Neuformierung des österreichischen Wahlverhaltens zu Lasten der beiden Traditionsparteien SPÖ und ÖVP. Ist die FPÖ unter jüngeren Männern zum kompetitiven Herausforderer für SPÖ und ÖVP geworden, die gemeinsam nur mehr über einen Vorsprung von 3 Prozentpunkten verfügen, haben bei jüngeren Frauen FPÖ, aber gleichermaßen auch die Grünen bzw. das Liberale Forum die beiden Regierungsparteien in die wahlpolitische Defensive gedrängt. Nur mehr 41 Prozent der jüngeren Frauen wählten 1999 SPÖ oder ÖVP.

Eine empirische Zwischenbilanz der Trends und Muster im österreichischen Wahlverhalten Ende der neunziger Jahre definiert die zentralen Determinanten der wahlpolitischen Wettbewerbs:

  1. ein gender-generation realignment, dh. eine tiefreichende Neuorientierung im Wahlverhalten der jüngeren Wählergeneration bei dem Geschlecht in Verbindung mit Alter und Bildung zu neuen Wählerkoalitionen geführt haben;

  2. ein realignment des Wahlverhaltens der österreichischen Arbeiterschaft, das in dieser Tiefe im westeuropäischen Vergleich beispiellos ist;

  3. das Entstehen neuer sektoraler Konflikt- und Spannungslinien, wobei für das österreichische Wahlverhalten vor allem die Spannungslinie public versus private von besonderer Relevanz ist;

  4. eine Werte-Polarisierung bzw. ein neuer value cleavage zwischen einer Neuen Rechten mit autoritären Akzenten und einer Neuen Linken mit vorrangig postmaterialistisch-libertären Orientierungen;

  5. das anhaltende Muster des negative voting, dh. eines primär von diffusen Protesthaltungen und generalisierter Unzufriedenheit motivierten Wahlverhaltens, das sich für das rechtspopulistische Affekt-Management der FPÖ besonders empfänglich zeigt;

  6. Anzeichen für eine konfrontative Issue-Polarisierung, wie sie im Themenfeld Immigration und Integration versus Exklusion und ausländerfeindlichen Ressentiments sichtbar wurde;

  7. eine – wenn auch im internationalen Vergleich moderate – De-Mobilisierung, wie sie an den sinkenden Wahlbeteiligungsraten abzulesen ist; und schließlich

  8. der vermutliche Einfluß massenmedial induzierter Stimmungslagen auf eine im Umbruch befindliche Wähler- und Parteienlandschaft.


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