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Wahlverhalten in Bewegung

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2. Ausgewählte Ergebnisse


2.1 ORF-Wahlkonfrontationen hatten Einfluss auf Entscheidungsfindung

Seit den achtziger Jahren sind österreichische Nationalratswahlkämpfe vorrangig redaktionelle, ORF-zentrierte Fernsehwahlkämpfe. Dieser Eindruck drängt sich nicht nur aufmerksamen Beobachtern auf, sondern deckt sich mit dem professionellen Selbstverständnis österreichischer Wahlkampfmanager. Im Rahmen einer weltweiten Studie von campaign professionals wurden auch führende österreichische Wahlkampfmanager und Politikberater über die aus ihrer Sicht strategisch entscheidenden Faktoren eines Wahlkampfes befragt. Als den mit Abstand wichtigsten Faktor einer erfolgreichen Kampagne bezeichneten 90 Prozent der österreichischen Wahlkampfmanager das Medium Fernsehen, erst mit 30 Prozent folgte die tagesaktuelle Berichterstattung in Tageszeitungen und mit 25 Prozent die redaktionelle Berichterstattung in den wöchentlichen Nachrichtenmagazinen. Plakaten – für die in österreichischen Nationalratswahlkämpfen zwischen 40 und 50 Prozent der verfügbaren Werbebudgets ausgegeben werden – wurde nur von 15 Prozent eine kampagneentscheidende Bedeutung zugemessen. Die professionellen Einschätzungen österreichischer Wahlkampfmanager decken sich dabei weitgehend mit den professionellen Normen deutscher Wahlkampfexperten, nach denen das vorrangige Ziel der PR- und Kommunikationsstrategien im Bundestagswahlkampf 2002 die Erhöhung der TV-Präsenz war.

Die redaktionellen, auf Präsenz und Themensetzung abgestellten Wahlkampfstrategien der Kampagneverantwortlichen wie die reichweiten- und auflagenorientierten Überlegungen in den Nachrichtenredaktionen können – entspricht das Informationsangebot der Parteien den Nachrichtenwerten der Redaktionen – zu Mediahypes führen. Beispiele solcher die redaktionelle und öffentliche Aufmerksamkeit über Tage beschäftigenden Mediahypes im Wahlkampf 2002 waren u.a. das Angebot von Kanzler Schüssel an den FPÖ-Finanzminister Grasser, auch in der nächsten Bundesregierung als „unabhängiger“ Finanzminister zur Verfügung zu stehen, das die redaktionelle Berichterstattung über Tage hinweg nahezu exklusiv in Anspruch nahm und von Beobachtern als eine unter Umständen wahlentscheidende Einladung an enttäuschte und desillusionierte FPÖ-Wähler interpretiert wurde, diesmal der ÖVP ihre Stimme zu geben. Der SPÖ wiederum gelang mit der Entscheidung des überaus populären, langjährigen „Zeit im Bild“-Moderators Broukal, als Abgeordneter der SPÖ für den Nationalrat zu kandidieren, ein – was die massenmediale Resonanz betraf – vergleichbarer Mediahype, der andere personelle Neuakzente der SPÖ – wie im Übrigen auch der ÖVP – weitgehend überlagerte.

Waren beide erwähnten Mediahypes Resultat kalkulierter PR-Strategien der politischen Parteien, konzentrierte sich die redaktionelle und öffentliche Aufmerksamkeit in der Schlussphase des Wahlkampfes weitgehend auf eine Serie von Mediahypes unter Patronanz und Regie des ORF: die TV-Konfrontationen der Spitzenkandidaten. Die ORF-Wahlkonfrontationen 2002 stießen bei den Wählerinnen und Wählern durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren auf überdurchschnittliches Interesse. Berichteten in der Wahltagsbefragung 1999 16 Prozent der Befragten, dass die Fernsehdiskussionen zwischen den Spitzenkandidaten ihre persönliche Wahlentscheidung stark beeinflusst hätten, waren es 2002 25 Prozent. Von den Wechselwählern verwiesen 30 Prozent auf einen entscheidungsrelevanten Einfluss der Kandidatendiskussionen auf ihre Wechselentscheidung. 1999 begründeten 23 Prozent der Wechselwähler ihre Entscheidung u.a. mit Eindrücken, Informationen und Anhaltspunkten, die sie den TV-Diskussionen entnommen hätten. Der Vergleich der Einschätzungen des Einflusses unterschiedlicher Kommunikationskanäle auf die persönliche Wahlentscheidung zeigt, dass gegenüber 1999 insbesondere zwei politische Informationsangebote deutlich wirkungsstärker beurteilt wurden: die Fernsehdiskussionen zwischen den Spitzenkandidaten sowie politische Gespräche im persönlichen Umfeld.

Die differenzierte Einschätzung der Wirkung auf die persönliche Wahlentscheidung bestätigt zunächst die Verstärkerhypothese, nach der Kandidatendiskussionen im Fernsehen vorhandene Prädispositionen und Vorstellungsbilder von den Kandidaten aktivieren und verstärken. 55 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die zumindest eine der ORF-Wahlkonfrontationen gesehen hatten, fühlten sich durch die Kandidatendiskussionen in ihrer persönlichen Wahlpräferenz bestärkt. 40 Prozent verneinten einen Einfluss der TV-confrontainments auf ihre persönliche Wahlentscheidung. 5 Prozent der Zuseher berichteten hingegen, dass sie Argumente und Erscheinungsbild der Kandidaten in ihrer Entscheidung unsicher gemacht haben. Fühlten sich nur 3 Prozent der Stammwähler durch die TV-Konfrontationen verunsichert, berichtete jeder zehnte Wechselwähler von einer punktuellen Verunsicherung seiner (ihrer) Wahlpräferenz nach dem Sehen einer der TV-Diskussionen. Die Tatsache, dass sich 66 Prozent der Wechselwähler in ihrer Entscheidung bestätigt sahen, sollte aber nicht missverständlich als status quo-Effekt solcher TV-Konfrontationen interpretiert werden. Auch in der Verstärkerwirkung liegt hinreichendes Potential für wahlpolitisch relevante Effekte.

Keine Auswirkungen auf ihre persönliche Wahlentscheidung konstatierten 40 Prozent der Seher mehrerer TV-Konfrontationen, wobei sich 46 Prozent Stammwähler, aber nur 25 Prozent der Wechselwähler von den TV-Streitgesprächen unbeeindruckt zeigten. 55 Prozent der Seher (66 Prozent der Wechselwähler) berichteten, dass sie sich durch die TV-Diskussionen in ihrer Wahlabsicht bestärkt fühlten, während sich 5 Prozent der Seher und Seherinnen (9 Prozent der Wechselwähler unter der Seherschaft) nach Rezeption der TV-Konfrontationen unsicherer waren, welche Partei sie tatsächlich wählen sollten, als vorher.

War der wahlpolitische Effekt der TV-Konfrontationen bei parteigebundenen Stammwählern nahezu Null – 98 Prozent hätten in jedem Fall die von ihnen präferierte Partei gewählt –, verweist jeder zweite Wechselwähler auf entscheidungsrelevante Anhaltspunkte, die er (sie) dem Diskussionsverlauf entnommen hätte. Von den Wechselwählern, die mehrere der ORF-Wahlkonfrontationen verfolgt hatten, führten 35 Prozent ihre definitive Wechselentscheidung auf Eindrücke und Informationen aus den TV-Diskussionen zurück. Für weitere 12 Prozent der Wechselwähler gaben die TV-Konfrontationen offensichtlich den definitiven Wechselgrund.

Insgesamt 4 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben sich aufgrund ihrer Eindrücke von einer der ORF-Wahlkonfrontationen definitiv auf die Wahl einer bestimmten Partei festgelegt. 40 Prozent wurden nach eigenen Angaben in ihrer persönlichen Entscheidungsfindung bestärkt, was Verstärkung bestehender Stammwählerorientierungen ebenso einschließt wie die Bestätigung der geplanten Parteiwechselentscheidung. 4 Prozent berichteten, dass sie durch das Sehen einer TV-Konfrontation zumindest temporär in ihrer Entscheidungsfindung verunsichert wurden, wobei uns die geringe Fallzahl nicht gestattet, weitere Analysen anzustellen, welche wahlpolitischen Konsequenzen diese Verunsicherung hatte. Die Antworten von 5 Prozent der Befragten deuten schließlich in Richtung direkter Konversionseffekte, da diese Befragten unter dem Eindruck der Argumente und Positionen der Kandidaten im TV-Studio eine andere Partei wählten als sie ursprünglich wählen wollten.

Aus unserer Sicht für die Meinungs- und Urteilsbildung der Wählerinnen und Wähler bedeutsamer ist aber der funktionale Nutzen solcher TV-Konfrontationen. Bieten sie einer hinreichenden Zahl interessierter Seher zusätzliche Anhaltspunkte für ihre persönliche Wahlentscheidung, wie dies bei den ORF-Wahlkonfrontationen 2002 offensichtlich der Fall war, tragen auch dramaturgisch inszenierte Mediahypes zur informierten Entscheidungsfindung bei.

2.2 Nur 30 Prozent der Wahlkampfberichterstattung setzten sich mit inhaltlichen Themen und Positionen auseinander

Der elfwöchige Wahlkampf 2002 war weniger von inhaltlichen Streitfragen und Positionen gekennzeichnet als vielmehr von der Debatte über Umfrageergebnisse, Wahlziele und Wahlchancen der Parteien, strategische Fragen, Koalitionsspekulationen, Diskussionen rund um die Regierungsfähigkeit einzelner Parteien und deren Imagewerte sowie über den parteiinternen Zustand der FPÖ. Die Analysebefunde der Wahlkampfberichterstattung österreichischer Massenmedien bestätigen einen Trend, der bereits während der vergangenen Nationalratswahlkämpfe festgestellt werden konnte und das Primat meta-politischer Themen auch 2002 fortschrieb. Damit wird eine Aufmerksamkeitskluft massenmedialer Politikvermittlung evident, wonach in einer besonderen Phase der politischen Willensbildung, wie dies während eines Wahlkampfs der Fall ist, seitens der Massenmedien der erhöhten Nachfrage nach inhaltlichen Informationen und Orientierungshilfen nicht oder jedenfalls nur ungenügend nachgekommen wird. Vielmehr verengt die strukturelle Redaktionslogik das informationelle Leistungspotential der Massenmedien und steht somit im Widerspruch zu normativen Anforderungen an die Wahlkampfberichterstattung.

Zwei Monate vor den österreichischen Nationalratswahlen wählten die Bürger der Bundesrepublik Deutschland einen neuen Bundestag. Ein Jahr vorher, im Mai 2001, hatten die Italiener ein neues Parlament gewählt. Vergleicht man diese Wahlkämpfe auf Muster, Akzente und Strategien redaktioneller Wahlkampfvermittlung, so lassen sich eine Reihe gemeinsamer Trends feststellen.

De-Thematisierung: In allen drei Wahlgängen konzentrierte sich die massenmediale Berichterstattung weniger auf Sachthemen als auf meta-politische Themen. Ihr Prozentanteil lag bei rund zwei Drittel der gesamten Wahlkampfberichterstattung.

Personalisierung: In allen drei Ländern war in den Leitmedien eine Tendenz zur hochgradigen Personalisierung der Berichterstattung feststellbar. Mehr als 57 Prozent aller Aussagen über die SPD entfielen auf Gerhard Schröder, fast gleich viele (56,5 Prozent) der österreichischen Wahlkampfberichterstattung auf Wolfgang Schüssel, während Silvio Berlusconi innerhalb seines Bündnisses in den drei RAI-Fernsehanstalten einen Personalisierungsgrad von 46 Prozent, in seinen drei eigenen Mediaset-TV-Sendern sogar eine „unvergleichbare Personalisierung“ von 84 Prozent erzielte.

Ein Vergleich zwischen den Parlamentswahlen in der Bundesrepublik Deutschland (September 2002), Italien (Mai 2001) und Österreich (November 2002) weist auf eine Reihe von gemeinsamen Trends hin, die auf eine transnationale Logik der massenmedialen Wahlkampfberichterstattung verweisen. In allen drei Wahlgängen konzentrierte sich die redaktionelle Aufmerksamkeit in erster Linie auf die politischen Führungspersonen. Der Personalisierungsgrad erreichte in allen drei Ländern hohe Prozentwerte, in Berlusconis eigenen TV-Sendern sogar 84 Prozent. Proportional zur Zunahme des Personalisierungsgrades nahm umgekehrt die Anzahl der politischen Sachthemen in der Wahlkampfberichterstattung ab, auf die durchschnittlich nur noch ein Drittel der gesamten Berichterstattung entfiel. In allen drei Ländern war eine zunehmende Tendenz zur De-Thematisierung festzustellen. Der exzessive Einsatz von Umfragedaten und deren Kommentierung, wer das politische Rennen schließlich gewinnen würde, und die TV-Duelle haben die Personalisierungstendenzen noch zusätzlich verstärkt und die redaktionellen Beobachtungsperspektiven wie die Praxis massenmedialer Politikvermittlung geprägt, die sich zunehmend als reichweiten- und auflagenkonzentriertes „Politainment“ präsentiert.

2.3 Höchster Wechselwähleranteil

Die Nationalratswahl 2002 markiert in der österreichischen Wahlgeschichte den bisherigen Höhepunkt wahlpolitischer Mobilität. Noch in den siebziger Jahren zählte Österreich im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der geringsten Wählerfluktuation zwischen den Parteien. 2002 erreichte der Pedersen-Index, der sich als Indikator der „Netto“-Fluktuation des Wahlverhaltens aus den summierten Stimmengewinnen bzw. -Verlusten der Parteien ableitet, mit 20,3 Punkten seinen bislang höchsten Wert. Wechselten nach eigenen Angaben 1975 nur 3 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihr Wahlverhalten, waren es bei der Nationalratswahl 2002 24 Prozent. Jeder vierte Wähler wählte 2002 eine andere Partei, als er (sie) 1999 gewählt hatte. Es war dies die bislang höchste „Brutto“-Volatilität in der Wahlgeschichte der Zweiten Republik. Legten sich bei der Nationalratswahl 1975 nur 5 Prozent der Wahlberechtigten erst in der Schlussphase des Wahlkampfes definitiv auf eine bestimmte Partei ihrer Wahl fest, zählten 2002 23 Prozent zu den „late deciders“.

Rund ein Viertel der Wähler und Wählerinnen gaben an, sich 2002 für eine andere Partei entschieden zu haben als 1999. Dies stellt nicht nur den höchsten Wechselwähleranteil in der Wahlgeschichte der Zweiten Republik dar, das Wahlverhalten der Parteiwechsler unterscheidet sich auch deutlich vom Muster der Wahlgänge 1986–1999. Hatten die Wechsler zur FPÖ bislang immer die größte Gruppe unter den Wechselwählern gestellt, so entschieden sich 2002 nur noch 6 Prozent der Wechselwähler für die FPÖ. Wechselwähler waren mehrheitlich Spätentscheider (late deciders), über die Hälfte von ihnen hat sich erst knapp vor der Wahl definitiv auf eine Partei festgelegt, beinahe ein Viertel traf seine (ihre) definitive Wahlentscheidung erst in den letzten Tagen des Wahlkampfes.

Wie beweglich die österreichische Wählerschaft geworden ist, zeigt sich auch daran, dass neben den 24 Prozent deklarierter Wechselwähler jeder fünfte Stammwähler die Wahl einer anderen Partei (als jene, die sie dann wählten) in Erwägung gezogen hatte, womit der Anteil an faktisch oder hypothetisch mobilen Wählern an den Gültigwählern insgesamt 37 Prozent betrug. Unter den Wechselwählern lag der Anteil an „schwankenden“ Wählern („waverers“) naturgemäß höher und betrug 76 Prozent.

2.4 Polarisierung im Wahlverhalten der Arbeiter

Der schrittweise Aufstieg der FPÖ zur stimmstärksten Partei unter Arbeitern war einer der markantesten Trends im österreichischen Wahlverhalten der neunziger Jahre. 2002 musste die FPÖ hingegen gerade bei Arbeiterinnen und Arbeitern ihre schwersten Stimmenverluste hinnehmen. Statt 47 Prozent, wie noch 1999, wählten nur mehr 16 Prozent der Arbeiter die FPÖ. Jede zweite Arbeiterin entschied sich 2002 für die SPÖ, jede dritte wählte die ÖVP. Nur mehr 9 Prozent der weiblichen Arbeiter wählten die FPÖ. Anders akzentuiert war das Wahlverhalten männlicher Arbeiter. Rund ein Drittel der männlichen Arbeiterstimmen entfielen auf die SPÖ bzw. ÖVP, während die FPÖ mit einem Anteil von 20 Prozent in dieser (männlichen) Berufsgruppe ihren höchsten Stimmenanteil erreichte.

Bemerkenswerterweise wurde die in den späten achtziger Jahren einsetzende wahlpolitische Neuorientierung der österreichischen Arbeiterschaft bei den Erdrutschwahlen 2002 nicht von einer Trendumkehr in Richtung eines traditionellen, klassengebundenen Wahlverhaltens der Arbeiterschaft abgelöst, sondern bestenfalls verlangsamt und neu akzentuiert. 34 Prozent der Arbeiter und Arbeiterinnen wählten die ÖVP, weitere 16 Prozent die FPÖ. Nur 41 Prozent des „blue collar-vote“ entfiel auf die Sozialdemokratische Partei, 50 Prozent der Arbeiterstimmen konzentrierten sich hingegen auf ÖVP bzw. FPÖ. 1979 hatten noch 65 Prozent der Arbeiter die SPÖ gewählt, während nur ein Drittel für eine der Mitte-Rechts-Parteien votierte. Die vom Erscheinungsbild der FPÖ zutiefst enttäuschten Arbeiter, die noch 1999 mehrheitlich die Freiheitliche Partei wählten, entschieden sich 2002 überwiegend für die ÖVP. Nur ein kleiner Teil der von der FPÖ abgewanderten Arbeiterstimmen kehrte zur SPÖ zurück. Wenn auch unter geänderten parteipolitischen Vorzeichen, hat sich die Neuausrichtung (realignment) des Wahlverhaltens der österreichischen Arbeiterschaft fortgesetzt.

2.5 Geschlechterkluft und Geschlechter-Polarisierung im Wahlverhalten

Bereits in den siebziger Jahren wurde zunächst in den Vereinigten Staaten wie in skandinavischen Ländern eine konstante Geschlechterspaltung (gender gap) im Wahlverhalten beobachtet, die mittlerweile auch in zahlreichen anderen industrialisierten Staaten nachgewiesen wurde. Seit den späten achtziger Jahren kann auch im österreichischen Wahlverhalten eine geschlechtsspezifische Differenzierung beobachtet werden. Im Verlauf der neunziger Jahre ist diese „Geschlechter-Kluft“ zunehmend breiter geworden. Ende der neunziger Jahre war es keine Übertreibung, in Österreich von zwei geschlechtsspezifischen Parteiensystemen zu sprechen.

Die erwähnten geschlechtsspezifischen Muster im Wahlverhalten haben sich im Verlauf der neunziger Jahre zu einer Gender-Polarisierung verdichtet, die bei der Nationalratswahl 2002 ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Wählten 50 Prozent der Frauen eine der Parteien der rot-grünen-Koalitionsoption, entschieden sich nur 39 Prozent der Männer für die SPÖ bzw. die Grünen. Umgekehrt wählten 56 Prozent der Männer ÖVP oder FPÖ, während nur 48 Prozent der Frauen für eine der beiden Regierungsparteien votierten. Die vorliegenden Zeitreihen deuten auf ein anhaltendes gender-realignment im österreichischen Wahlverhalten, bei dem Männer seit Beginn der neunziger Jahre zunehmend stärker Mitte-Rechts stehende Parteien, Frauen hingegen tendenziell Mitte-Links stehende Parteien präferieren.

2.6 Themen- und Kandidaten-Orientierungen überlagern Traditionsmotive

Unter den Wählerschaften dieser Parteien waren thematische Orientierungen, die Attraktivität der Spitzenpersönlichkeiten, emotionale Stimmungslagen wie Kompetenz- und Leistungserwartungen ungleich relevanter als affektive Loyalitäten und traditionelle Bindungen. Im Vergleich der Wahlmotive der Grün-Wähler mit der Wählerschaft der FPÖ zeigen sich aber im Zeitverlauf konträre Trends. Nahm der Stellenwert der Kandidatenpersönlichkeit unter FPÖ-Wählern sukzessive ab, was primär auf die zunehmende Ambivalenz und Polarisierung im öffentlichen Erscheinungsbild Haiders zurückzuführen ist, gewannen kandidaten-orientierte Wahlmotive unter Wählerinnen und Wählern der Grünen an Bedeutung. Die Wahlmotive pro FPÖ widerspiegeln aber auch im Zeitverlauf ein Erlahmen der oppositionellen Dynamik. Stand 1999 die Erwartung an die Reformkompetenz der FPÖ im Vordergrund, war es 2002 die Intention, diese Partei nicht gänzlich in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen, die den Großteil der noch verbliebenen FPÖ-Wählerschaft zur Wahl ihrer Partei motivierte.

Im langfristigen Vergleich der Wahlmotive ist eine generelle Abnahme von Motiven wie Tradition, Ideologie und gruppenspezifischer Interessenvertretung zu verzeichnen: 1986 und 1990 waren diese noch für etwa vier von zehn Wählern entscheidungsrelevant, 2002 nur noch für 28 Prozent.

2.7 Anteil kandidaten-motivierter Wähler verringert

Ob Persönlichkeitseigenschaften der Kandidaten für die Wählerentscheidung an Bedeutung gewonnen hätten, wird in der Wahlforschung kontrovers diskutiert, wobei mehrheitlich vor einer Überschätzung kandidaten-orientierter Wahlmotive gewarnt wird. Die vorsichtige Zurückhaltung der empirischen Wahlforschung gegenüber der tatsächlichen Bedeutung des „candidate voting“, wird auch mit Blick auf Zeitreihen österreichischer Wahlstudien verständlich. Seit Mitte der achtziger Jahre hat sich der Anteil vorrangig kandidaten-motivierter Wählerinnen und Wähler nicht erhöht, sondern verringert. Begründeten 1986 45 Prozent der Wähler ihre Wahlentscheidung vorrangig mit der Persönlichkeit der Spitzenkandidaten der von ihnen gewählten Partei, waren es 2002 nur 30 Prozent.

Offensichtlich hängt die Verbreitung des „candidate voting“ vom Persönlichkeitsangebot der Parteien, der Attraktivität, Kompetenz und Glaubwürdigkeit einzelner Spitzenkandidaten wie dem Personalisierungsgrad der Kommunikations- und Wahlkampfstrategien ab. Verfügen mehrere Parteien über wahlpolitisch attraktive Spitzenkandidaten und fokussieren ihre Wahlkampfstrategien vorrangig auf das öffentliche Erscheinungsbild ihrer Spitzenkandidaten, erhöht sich auch der Anteil kandidaten-orientierter Wähler. Mangelt es hingegen an massenmedial überzeugenden Kandidaten, stehen kontroverse inhaltliche Streitfragen im Mittelpunkt der Wahlauseinandersetzung bzw. setzen einzelne Parteien stärker auf die mit ihrer Partei verbundene Problemlösungskompetenz, wird auch der Anteil kandidaten-motivierter Wähler geringer sein. Konsequenterweise variieren die Anteile kandidaten-motivierter Wähler zwischen den Parteiwählerschaften in Abhängigkeit der jeweiligen strategischen Wettbewerbsposition.

Die Verbreitung des „candidate voting“ kann aber auch als Indikator für Zyklen der wahlpolitischen Attraktivität einzelner Kandidaten herangezogen werden. Begründeten 1986 61 Prozent der SPÖ-Wähler ihre Entscheidung vorrangig mit der Persönlichkeit Vranitzkys, konnten 1995 – trotz Stimmengewinnen der SPÖ – nur mehr 37 Prozent der SPÖ-Wähler als kandidaten-motivierte Wähler klassifiziert werden. 2002 begründeten nur 23 Prozent der SPÖ-Wähler ihre Wahlentscheidung mit dem Verweis auf die Persönlichkeit des SPÖ-Spitzenkandidaten Gusenbauer. Themen- und Parteikompetenz (70 Prozent), traditions- bzw. interessengeleitete Faktoren (56 Prozent) wie koalitionstaktische Erwägungen (38 Prozent), waren für die SPÖ-Wähler des Jahres 2002 relevanter als auf die Kandidatenpersönlichkeit ausgerichtete Entscheidungsgründe.

Versucht man das Gewicht motivationaler Faktoren der Wahlentscheidung zu quantifizieren, spielten thematische Kompetenzzuweisungen der Wähler an einzelne Parteien (issue voting) wie traditionelle Parteibindungen und Loyalitäten (party voting) eine ungleich bedeutsamere Rolle als koalitionstaktische Erwägungen bzw. die Attraktivität der Kandidatenpersönlichkeiten (candidate voting). Realiter werden aber die Grenzen zwischen themenbezogenen und kandidaten-orientierten Wahlentscheidungen in dem Maße unschärfer, in dem die Spitzenkandidaten als Chefkommunikatoren ihrer Parteien thematische Positionen in der massenmedialen Öffentlichkeit repräsentieren und argumentieren.

2.8 „Jahrhundert“-Wählerströme

Der dramatische Verlust der FPÖ und der starke Zugewinn der ÖVP prägen auch das Bild der Wählerstromanalysen. Sowohl ÖVP als auch SPÖ konnten den überwiegenden Teil ihrer Wähler von 1999 auch 2002 wieder für sich mobilisieren. Die Behalteraten der zwei größten Parteien sind mit 96 bzw. 94 Prozent außergewöhnlich hoch. Die ÖVP verliert nur rund 55.000 ihrer Wähler von 1999, die Verluste an SPÖ (12.000), FPÖ (12.000), Grüne (14.000) und Nichtwähler (11.000) liegen alle in einer ähnlichen Größenordnung. Die ÖVP kann aber im Gegenzug von jeder der anderen Parteien und den Nichtwählern mehr gewinnen als verlieren. Die zwei größten Wählerwanderungen zur ÖVP kommen von der FPÖ (633.000 Stimmen) und von den Nichtwählern (129.000 Stimmen). Von der Auflösung des Liberalen Forums kann die ÖVP mit 50.000 Stimmen ehemaliger LIF-Wähler fast genauso stark profitieren wie die Grünen.

Die SPÖ, die etwa 1,4 Millionen Wähler halten kann, verliert am stärksten an ÖVP und Grüne (je 24.000 Stimmen), 16.000 ehemalige SPÖ-Wähler haben 2002 nicht an den Wahlen teilgenommen, 14.000 wechselten zur FPÖ. Wie bei der ÖVP kommen auch bei der SPÖ die stärksten Zugewinne von den ehemaligen FPÖ-Wählern (148.000 Stimmen) und von den Nichtwählern (123.000 Stimmen). Die SPÖ kann also auch im Austausch mit allen Parteien mit Ausnahme der ÖVP und den Nichtwählern im Saldo Stimmen gewinnen.

Die wahlpolitische Implosion der Freiheitlichen Partei ist in erster Linie auf 633.000 FPÖ-Wähler von 1999 zurückzuführen, die 2002 die ÖVP gewählt haben. Dadurch hat die FPÖ mehr als die Hälfte ihrer Wähler (51 Prozent) von einer Wahl auf die andere an die ÖVP verloren. Der zweitgrößte Verlust der FPÖ ist auf die Abwanderung von 148.000 Stimmen an die SPÖ zurückzuführen, und 70.000 ehemalige FPÖ-Wähler blieben schließlich bei den Nationalratswahlen 2002 zu Hause. Die Freiheitlichen konnten aber im Gegenzug auch aus dem Nichtwählerreservoire Stimmen mobilisieren – 76.000 Nichtwähler von 1999 haben sich 2002 für die FPÖ entschieden. Damit bleibt im Saldo der FPÖ ein positiver Austausch mit den Nichtwählern. Nur 366.000 FPÖ-Wähler von 1999 sind ihrer Partei treu geblieben. Das entspricht einer Behalterate von 29 Prozent.

Die Grünen konnten von 1999 auf 2002 72 Prozent ihrer Wähler halten, was für sie im Zeitvergleich ein sehr hoher Wert ist. Die größten Verluste der Grünen gingen an die ÖVP (40.000 Stimmen), an die SPÖ (27.000 Stimmen) und an die Nichtwähler (14.000). Die Grünen konnten von allen Parteien Stimmen gewinnen, die größten Gewinne gab es aber von den Nichtwählern (88.000 Stimmen). Stark profitieren konnten die Grünen von der Auflösung des Liberalen Forums – 61.000 ehemalige LIF-Wähler gaben 2002 ihre Stimme den Grünen. Im Saldo verloren die Grünen an ÖVP und SPÖ und gewannen zusätzliche Stimmen von FPÖ, LIF, sonstigen Parteien und Nichtwählern.

2.9 Rekordwert an Parteiwechslern

Die Verschiebung von mehr als 600.000 Stimmen von der FPÖ zur ÖVP schlägt sich auch im Anteil der Wechselwähler nieder. Mit insgesamt 30 Prozent Wechselwählern ist der Anteil der Wechselwähler 1999–2002 beinahe so hoch wie zwischen den Nationalratswahlen 1990 und 1994 (31 Prozent). Allerdings konnten wir 2002 einen Rekordwert an Parteiwechslern beobachten: 21 Prozent der wahlberechtigten Österreicher haben zwischen 1999 und 2002 die Partei gewechselt, das ist der höchste Anteil, den wir seit dem Beginn unserer Beobachtungen (1979–1983) messen konnten.

Ähnlich hoch wie bis zur Mitte der 90er Jahre ist der Anteil der mobilisierten Nichtwähler mit 7 Prozent. Nur 2 Prozent der Wahlberechtigten wechselten von einer Partei zu den Nichtwählern (demobilisierte Parteiwähler) – einen vergleichbar niedrigen Anteil gab es nur 1979–1983. Der Anteil der konstanten Nichtwähler ist mit 15 Prozent ähnlich hoch wie seit Beginn der 90er Jahre. Das heißt, dass rund jeder siebente Wahlberechtigte zumindest bei zwei aufeinander folgenden Nationalratswahlen nicht zur Wahl ging. Die Wählerstromdaten bergen Hinweise darauf, dass Nichtwähler mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei der nächsten Wahl wieder zu Hause bleiben, unterstützen also eher die These des „Parteiencharakters“ des Nichtwählens. 55 Prozent der Wahlberechtigten sind konstante Parteiwähler, das heißt, dass diese Personen 2002 dieselbe Partei gewählt haben wie 1999.

Insgesamt weist die Wählerdynamik ein ähnliches Muster wie 1990–1994 auf: Rund 30 Prozent Wechselwähler stehen rund 70 Prozent konstanten Wählern gegenüber, auch die Zusammensetzung der konstanten Wähler ist ähnlich. Einzigartig ist aber die Zusammensetzung der Wechselwähler von 1999 auf 2002 – nie zuvor gab es einen so hohen Anteil an Personen, die direkt von einer Partei zu einer anderen wechselten. Dieser hohe Anteil wurde in erster Linie durch die große Wanderung von FPÖ zu ÖVP erzielt: Rund 11 Prozent aller Wahlberechtigten (633.000 von rund 5,900.000) sind direkt von der FPÖ zur ÖVP gewandert. Ebenfalls auffallend bei dieser Wahl war der hohe Anteil an mobilisierten Nichtwählern – alle Parteien konnten Stimmen von den Nichtwählern gewinnen – und gleichzeitig der niedrige Anteil an demobilisierten Parteiwählern: Die Verluste der Parteien an die Nichtwähler fielen geringer aus als bei einigen früheren Wahlen.


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