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Politische Kommunikation
in Österreich


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ZAP

2. Ausgewählte Ergebnisse


Der verschärfte Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit, rascher wechselnde Nachrichtenlagen und der Druck medienspezifischer Produktions- und Präsentationsregeln bewirken eine graduelle Verlagerung der Handlungslogik politischer Akteure, die die institutionelle Entscheidungspolitik gegenüber einer an den Aufmerksamkeitsregeln des Mediensystems orientierten Darstellungspolitik tendenziell in den Hintergrund treten lässt. Aufmerksame Trend-Beobachter konstatieren ein „Auseinanderdriften politischer Kommunikationswelten“ und eine „Spaltung der politisch-medialen Wirklichkeit“, bei der sich der Wettbewerb um Aufmerksamkeit gegenüber dem politischen Entscheidungshandeln verselbständigt.

Der graduelle Wandel von einer institutionell verankerten Parteien- zu einer an Aufmerksamkeitsregeln und Nachrichtenfaktoren orientierten Mediendemokratie wirft eine Reihe grundsätzlicher Fragen auf: Verstärken sich Tendenzen in Richtung einer elitengesteuertenTop-down-Demokratie“, in der sich politisches Handeln auf eine serielle Abfolge medien- und kameragerechter Inszenierungen, Scheinkontroversen und Pseudo-Ereignisse erschöpft? Welche Konsequenzen hat die fortschreitende Fragmentierung politischer Öffentlichkeit in nur mehr lose verbundene Sparten- und Teilöffentlichkeiten für die Qualität politischer Kommunikation? Mindert eine vorrangig der Medienlogik angepasste Darstellungspolitik auch Qualität und Substanz der institutionellen Entscheidungspolitik? Kann der politische Journalismus in Konfrontation mit intensiviertem Themen- und Nachrichtenmanagement und Wettbewerbsstress seine professionelle Autonomie im Kern bewahren, was zur kardinalen Frage führt: Werden politische Nachrichten auch in Zukunft in einer Form weiter bestehen, die für uns als solche erkennbar bleibt und wird ihre Funktion für die Öffentlichkeit wie für politische Akteure mehr oder weniger intakt bleiben wie ihre bestimmende Qualität? Wenn nicht, was hätte das für Konsequenzen?

Die skizzierten Kriterien einer Mediendemokratie wie die aufgeworfenen Fragen werden in den Beiträgen dieses Handbuchs am Beispiel des politischen Kommunikationssystems Österreichs aufgegriffen und vertieft behandelt. Wandlungsphasen des politischen Kommunikationssystems, Spannweite und Intensität öffentlicher Aufmerksamkeit und Veränderungen im politischen Informationsverhalten des Publikums sind Ausgangspunkte einer analytischen Annäherung an die Praxis politischer Kommunikation in Österreich. Die Erweiterung der massenmedial hergestellten durch eine computervermittelte digitale Öffentlichkeit und neue Foren kommunikativer, partizipativer und transaktionaler Aktivitäten in den virtuellen Räumen politischer Öffentlichkeit werden mit Blick auf die österreichische Internet-Praxis untersucht und bewertet.

Themenkarrieren, thematische Rahmungen und Muster der redaktionellen Berichterstattung tagesaktueller Massenmedien stehen im Mittelpunkt einer großflächigen inhaltsanalytischen Untersuchung der innenpolitischen Berichterstattung. Professionelle Normen, Rollenbilder Nachrichtenwerte und Recherchepraktiken führender innenpolitischer Journalistinnen und Journalisten werden im Beitrag „Politischer Journalismus in der Mediendemokratie“ empirisch ausgeleuchtet. Die Rolle politischer Sprecher und die Praxis politischer Öffentlich­keitsarbeit wie Versuche, auf der Hinterbühne der politischen Kommunikationsarena durch professionelles Aufmerksamkeits- und Themenmanagement auf die redaktionelle Politikvermittlung Einfluss zu nehmen, wird in speziellen Beiträgen ebenso untersucht wie Verände­rungen im Rollenverständnis institutioneller Interessenvertretungen.

Souverän im Umgang mit informellen Verhandlungsöffentlichkeiten, agieren Interessenvertretungen mittlerweile gleichzeitig auch in der redaktionellen Massenöffentlichkeit und müssen sich auch korporatistische Akteure an die Medienlogik anpassen. Der Übergang von organisations- zu medienzentrierten Kommunikationsformen veränderte auch die Praxis des Parteienwettbewerbs, der in einer Mediengesellschaft überwiegend im öffentlichen Raum politischer Kommunikation stattfindet, der durch das Mediensystem konstituiert und von medienspezifischen Selektions- und Präsentationsregeln gesteuert wird. Anpassungsprobleme der Parteiakteure und Konsequenzen der Mediatisierung des Parteienwettbewerbs stehen im Mittelpunkt des abschließenden Beitrags dieses Handbuchs, das aus unterschiedlichen Perspektiven den spannungsintensiven Wandel von einer traditionell parteien-dominierten in Richtung einer medien-zentrierten Kommunikationskultur anspricht.

Multimediale Angebotsvielfalt, ein hochkonzentrierter „überhitzter“ Markt öffentlicher Aufmerksamkeit, Informationskonkurrenz und verschärfter Wettbewerb um verknappte Aufmerksamkeitsspannen des Publikums sind nur einige folgenreiche Konsequenzen dieses Wandels. Intensivierte Versuche politischer Eliten, auf die redaktionelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen, das Instrumentarium kontextueller Mediensteuerung voll auszuschöpfen und die Spielregeln der Interaktion zwischen Politik und Journalismus noch stärker zu diktieren, verschärfen die Spannungen zwischen einem professionellen Informationsjournalismus und den medienzentrierten Interventions- und Steuerungsaktivitäten politischer Öffentlichkeitsarbeit. Die Fragmentierung politischer Öffentlichkeit in nur mehr lose verbundene Teil- und Spartenöffentlichkeiten, veränderte Publikumserwartungen und härterer Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit haben auch Konsequenzen für die redaktionelle Politikvermittlung und beeinflussen Entscheidungen über Aufmacher, Leadmeldungen und Titelgeschichten mittlerweile ebenso stark wie die genuinen Nachrichtenfaktoren der Ereignisse. Ergebnis ist eine tägliche Gratwanderung zwischen faktenorientierten Nachrichten und Infotainment, gehaltvoller Berichterstattung und opulenter, quoten- und auflagenträchtiger Zuspitzung. Das politische Kommunikationssystem Österreichs steht unverkennbar unter Stress, dessen Ursachen in den Beiträgen dieses Handbuchs ebenso untersucht werden wie seine Konsequenzen für die Praxis der Politikvermittlung in einer multimedialen, medienzentrierten Demokratie.

 

Öffentliche Aufmerksamkeit in der Mediendemokratie

In der multimedialen Informationsgesellschaft konzentriert sich der Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit auf drei Konkurrenzfelder: den intermedialen Wettbewerb um „breaking news“, den intramedialen Wettbewerb um Quoten und Reichweiten einzelner Programmformate wie den asymmetrischen Wettbewerb zwischen politischen Nachrichtenangeboten und fiktionalen Unterhaltungs- und Showformaten. Die Konsequenzen der verschärften Programm- und Angebotskonkurrenz für das Informationsverhalten lassen sich eindrucksvoll mit dem langfristigen Rückgang der Zeit im Bild 1-Reichweiten illustrieren, wobei der Seherrückgang bei den abendlichen Hauptnachrichten partiell durch die Nutzung neu eingeführter Zeit im Bild-Ausgaben im Tagesverlauf kompensiert wird.

Öffentliche Aufmerksamkeit als teilnehmende Beobachtung der gesellschaftlichen Umwelt setzt mentale Anteilnahme der Beobachter voraus.

·        25 Prozent der Österreicher können als involvierte Beobachter klassifiziert werden: bei ihnen verbindet sich starkes politisches Interesse mit intensiver Nutzung tagesaktueller Informationsangebote. Angehörige der obersten Bildungsschicht sind in dieser Gruppe überdurchschnittlich stark vertreten, desgleichen Männer und Personen, die akzentuierte ideologisch-programmatische Positionen einnehmen. Angehörige der freien Berufe, Selbständige und Beamte sind in diesem Typus überdurchschnittlich vertreten.

·        Mit einem Anteil von 38 Prozent den verbreitetsten Typus repräsentieren die verhalten interessierten Beobachter, die sich nur mäßig für Politik interessieren, aber täglich bzw. mehrmals wöchentlich die innenpolitische Berichterstattung in den Massenmedien ver­folgen.

·        Distante, unbeteiligte Zuschauer, die das politische Geschehen weitgehend anteilslos verfolgen, machen 18 Prozent der Wahlberechtigten aus: in dieser Gruppe sind nicht erwerbstätige Frauen, Angehörige der unteren Bildungsschicht und ältere Menschen deutlich überrepräsentiert.

·        Der vierte Typus setzt sich aus politikfernen Informationsabstinenten zusammen. Dabei handelt es sich um Personen, die dem politischen Geschehen teilnahmslos gegenüberstehen und Informations- und Nachrichtenangebote nur in Ausnahmefällen nutzen (19 Prozent der Wahlberechtigten, vor allem jüngere Menschen und Arbeiter, wobei keine geschlechtsspezifischen Unterschiede erkennbar sind).

Öffentliche Aufmerksamkeit ist themen- und ereignisbezogen und wird durch redaktionelle Nachrichtenfaktoren und Aufmerksamkeitsregeln des Mediensystems zyklisch aktiviert.

Seit Ende der neunziger Jahre hat sich die Spannweite der thematischen Aufmerksamkeit des Publikums nur unwesentlich erweitert. Angestiegen ist aber die Intensität öffentlicher Aufmerksamkeit für bestimmte Themenfelder. Gesundheits- und Umweltthemen zählen auch 2004 zu jenen Themen, denen aus Sicht des Publikums in der tagesaktuellen Berichterstattung von Fernsehen und Zeitungen breiter Raum gegeben werden sollte. Aber immerhin 49 Prozent – in der „Nachrichtenstudie 1999“, die sich aber explizit auf das ORF-Informationsangebot bezog, 38 Prozent – wünschten ausführliche Hintergrundberichte über Ereignisse und Vor­gänge der österreichischen Innenpolitik. Deutlich erhöht hat sich auch der Anteil jener, die ausführliche Hintergrundberichte über die österreichische Wirtschaft in den tagesaktuellen Medien präferieren. Vergleichsweise moderat stellt sich die öffentliche Aufmerksamkeit für Themen europäischer Politik dar, die nur ein knappes Viertel redaktionell ausführlicher behandelt wissen möchte, während sich ein Drittel mit kurzen Hintergrundberichten und knapp vierzig Prozent nur mit knappen Kurzmeldungen zufrieden geben würde.

Trotz der Folgen des 11. September 2001, der internationalen Terrorbedrohung, Kriegen, Unruhen und Staatszerfall in zahlreichen Regionen der Welt ist die Aufmerksamkeit für Ereignisse und Probleme außereuropäischer Politik überraschend gering. Nur 13 Prozent bevorzugen in der tagesaktuellen Berichterstattung von Fernsehen und Zeitungen ausführliche Hintergrundberichte über Themen außereuropäischer Politik. 29 Prozent sehen ihren Informationsbedarf mit kurzen Hintergrundbeiträgen hinreichend gedeckt, 48 Prozent (in der „Nachrichtenstudie 1999“ 50 Prozent) geben sich auch im Jahr 2004 mit punktuellen Kurz­meldungen zufrieden.

 

Erwünschte Intensität der aktuellen Berichterstattung in Fernsehen und Zeitungen, 2004

Frageversion: „Ich lese Ihnen jetzt einige Themen vor, die in der aktuellen Berichterstattung der Medien wie Fernsehen oder Zeitungen gebracht werden. Wie sollte Ihrer Meinung nach über diese Themen in den Medien berichtet werden?“

In Prozent

Mit ausführlichen Hintergrundberichten

Mit kurzen Hintergrundberichten

Nur kurz das Wichtigste

Gar nicht

Medizin / Gesundheit

54

27

17

0

Umwelt / Natur

51

29

18

1

Österreichische Innenpolitik

49

28

18

3

Österreichische Wirtschaft

43

29

24

2

Unfälle / Katastrophen

37

35

26

1

Wissenschaft / Forschung / Schule

37

33

26

2

Sport aus Österreich

30

24

35

10

Berichte über die EU

28

35

31

4

Politik in den Bundesländern

25

40

30

3

Europäische Politik

23

33

37

5

Internationaler Sport

18

27

41

13

Internationale Wirtschaft

17

35

42

4

Außereuropäische Politik

13

29

48

8

Quelle: FESSEL-GfK, Medienberichterstattung 2004 (N = 1.000).

 

Redaktionelle Politikvermittlung in der Mediendemokratie

In der redaktionellen Politikvermittlung sind eindeutig Ansätze einer transnationalen Nachrichtenlogik erkennbar. Es fällt auf, dass bei einigen Trends, wie etwa bei der Personalisierung, die Entwicklung in Österreich im Wesentlichen jener der USA und weniger jener in anderen europäischen Ländern entspricht. Außerdem lässt sich eine außergewöhnlich hohe Überseinstimmung in der Berichterstattungsstruktur sowohl der Print- als auch der elektronischen Medien feststellen und somit eine homogene Nachrichtenlogik aller untersuchten Medien, die sich durch folgende Charakteristika auszeichnet:

Personalisierung: Die politischen Sachthemen dominieren zwar nach wie vor die Politikvermittlung, aber als zweithäufigste Themenkategorie sind bereits Persönlichkeitsprofile erkennbar. In den Printmedien kommt dieser Trend fast dreimal so häufig vor wie in den Rundfunk-Medien. Besonders die Nachrichtenmagazine setzen auf das Stilmittel der Personalisierung. Außerdem sind solche Persönlichkeitsprofile doppelt so häufig Teil der politischen Berichterstattung wie Parteienprofile. Individualisierte politische Akteure kommen mehr als dreimal so oft als Handlungsträger in der politischen Berichterstattung vor wie institutionelle Akteure, noch häufiger in den Printmedien als in den elektronischen.

In Österreich steht bei 45 Prozent der Beiträge in Fernsehen, Rundfunk und Printmedien eine Kontroverse im Mittelpunkt der politischen Berichterstattung, Öffentlich-rechtlichen Rundfunksendungen, vor allem aber die TV-Nachrichten (55 Prozent) akzentuieren dies stärker als die Printmedien. Etwa jeder zweite Beitrag im Hörfunk und in den Magazinen und jeder vierte von zehn Beiträgen in den Tageszeitungen behandelt primär Konflikte. 30 Prozent der Hauptschlagzeilen in Österreichs Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen befassen sich mit Konflikten, Krisen, Protesten, Skandalen und Affären. Die Konflikt-Zentrierung korreliert mit negativer Themendarstellung. Fast die Hälfte aller Beiträge verbreitet ein insgesamt negatives Bild der Politik.

Parteivorsitzende werden gleich wie die Parlamentsparteien zu etwa 70 Prozent negativ dargestellt. Österreichs politische Akteure schneiden in den Medien überwiegend negativ ab, mit Ausnahme der TV-Nachrichten, die politische Akteure kaum bewerten. Audiovisuelle Medien setzen im Allgemeinen stärker auf Konflikte und negative Darstellungen, Printmedien im Speziellen stärker auf konfrontative Elemente der strategischen Kommentierung und der Versäumnisdarstellung. Insgesamt dominiert in der politischen Berichterstattung Österreichs ein eindeutiger negativer Tenor. Dies entspricht den Befunden über die amerikanische und bundesdeutsche Politikvermittlung.

Insgesamt dominiert die Politikberichterstattung die Sendungsgestaltung mit 61 Prozent, während knapp jeder zweite Aufmacher auf der Titelseite ein politisches Thema anspricht. Die Struktur in den österreichischen TV-Hauptnachrichten entspricht dabei der in der Bundesrepublik Deutschland. In beiden befassen sich die Hauptnachrichten zu 50 Prozent mit unpolitischen Themen. Obgleich Rundfunknachrichten und Titelseiten der Printmedien von politischen Informationsangeboten dominiert werden, zeigt sich vor allem bei Nachrichtenmagazinen eine Verdrängung der politischen Berichterstattung durch soft news. Dort besetzen diese 40 Prozent der Cover-Stories, nur rund 30 Prozent befassen sich mit politischen Themen.

Es lässt sich feststellen, dass – cum grano salis – zwischen TV-, Hörfunk- und Printmedien kaum signifikante Unterschiede in der Nachrichtenlogik erkennbar sind. Auffallend ist aber, dass in einer Gegenüberstellung, Österreichs TV-Anstalten und Printmedien kaum mehr über Politik berichten als die Vergleichsmedien in den USA. Dabei folgen Österreichs Tageszeitungen dem amerikanischen Berichterstattungsmuster stärker als das Fernsehen, das der Politik einen etwas höheren Stellenwert in der Berichterstattung einräumt.

Als ein zentraler Indikator einer Verlagerung der Berichterstattung von einer kandidaten- zu einer journalisten-zentrierten Darstellung gilt die Verkürzung der direkten und indirekten Wortmeldungen von politischen Akteuren sowie die Hinwendung des Journalismus vom neutralen Vermittler zum kritischen Analytiker und Kommentator. Die TV-soundbites sind in Österreich zwar doppelt so lang wie in den USA, nähern sich aber dem ebenfalls rückläufigen bundesdeutschen Niveau.

Offensichtlich selektieren und gestalten politische Journalisten Nachrichten nach einer standardisierten Logik, die weitgehend internationalen Trends entspricht und auf einen fortgeschrittenen Professionalisierungsgrad des politischen Journalismus in Österreich verweist.

 

Politischer Journalismus in der Mediendemokratie

Im professionellen Aufgabenverständnis führender österreichischer innenpolitischer Journalisten spielen zwei Zielfunktionen eine zentrale Rolle: die Transparenzfunktion und die Kontrollfunktion des Journalismus. Politische Prozesse und Entscheidungen transparent zu machen, Zusammenhänge und Kontexte von Ereignissen und Vorgängen aufzuzeigen, die Hintergründe von Entscheidungen und Motive der Akteure auszuleuchten, zählen aus Sicht der befragten Journalisten und Journalistinnen zu zentralen Aufgaben des politischen Journalismus. War das Rollenverständnis österreichischer Journalisten noch in den späten siebziger Jahren durch eine „relativ schwach entwickelte Kritik- und Kontrollfähigkeit“ charakterisiert, wird die kritische Kontrollfunktion mittlerweile als ebenso bedeutend wie die Transparenzfunktion gesehen. Kritik an Missständen zu üben, Motive der politischen Akteure kritisch zu recherchieren und zu hinterfragen, politische Machtausübung zu kontrollieren und Scheinaktivitäten wie vordergründige Selbstinszenierungen aufzudecken, werden als vorrangige Kontrollaufgaben des politischen Journalismus definiert.

Dritte das berufliche Aufgabenverständnis prägende Verpflichtung ist die Interpretationsfunktion. Komplexe Sachverhalte zu erklären, für die Leser, Seher und Hörer nachvollziehbar zu machen und dadurch einen Beitrag zu einem aktiven staatsbürgerlichen Politikverständnis zu leisten, sind Zielwerte eines interpretativen Rollenverständnisses, das gleichermaßen Orientierung durch Analysen und Kommentare geben und argumentative Impulse zur öffentlichen Meinungsbildung leisten will.

Vierte zentrale Dimension des professionellen Selbstverständnisses der innenpolitischen Redaktionseliten ist die neutrale Vermittlungsfunktion. Die neutrale Vermittlung von Fakten und eine ausgewogene Berichterstattung, die die Realität möglichst objektiv abzubilden versucht, definieren aus Sicht der redaktionellen Eliten die informationsvermittelnde Funktion des politischen Journalismus.

„Missionarische“ wie proaktive, die politische Tagesordnung beeinflussende Rollenbilder wurden nur vereinzelt angesprochen und spielen wie die Unterhaltungsfunktion im Rollenverständnis führender österreichischer innenpolitischer Journalisten nur eine nachrangige Rolle.

 

Rollenverständnis innenpolitischer Journalistinnen und Journalisten

Frageversion: „Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben eines/einer politischen Journalisten/Journalistin?“

In Prozent der Nennungen (N = 329)

Befragte insgesamt

1.

Politische Prozesse und Entscheidungen transparent machen.

66

2.

Kritische Kontrollfunktion.

60

3.

Komplexe Sachverhalte erklären und politische Anteilnahme wecken.

43

4.

Neutrale Informationsvermittlung leisten.

36

5.

Orientierung und Argumentationshilfen vermitteln.

36

6.

Relevante Informationen möglichst schnell zu vermitteln.

26

7.

Politische Realität objektiv abbilden.

24

8.

Auswirkungen von Entscheidungen für den Einzelnen aufzeigen.

18

9.

Ausgewogene faktentreue Berichterstattung.

14

10.

Distanz zu politischen Parteien und Eliten einhalten.

13

11.

Politik unterhaltsam darstellen.

8

12.

Themen setzen und neue Trends aufzeigen.

7

13.

Sprachrohr für die Bevölkerung darstellen.

3

14.

Eine politische Gegenelite darstellen.

2

Anmerkung: Offene Fragestellung. Mehrfachnennungen. Nachträgliche Kategorisierung der Verbatims.

Quelle: Befragung leitender bzw. führender innenpolitischer Journalistinnen und Journalisten (2003).

 

Für mehr als die Hälfte der befragten Redakteure hat die angloamerikanische Journalismuskultur einen besonderen Vorbildcharakter, wobei sich ein Drittel explizit auf den Nachrichtenjournalismus in den USA bezog. Knapp 30 Prozent wiederum orientieren sich unter professionellen Vorzeichen an Stil und Kultur des politischen Journalismus in Deutschland.

Bei den professionellen Vorbildern zeichnen sich auffallende generationsspezifische Unter­schiede ab. Dominiert bei den über 40-jährigen Redakteuren der amerikanische Journalismus als professionelles Rollenvorbild, orientieren sich die unter 40-jährigen Redakteure stärker am politischen Journalismus in Deutschland, was auf unterschiedliche berufliche Sozialisationserfahrungen zwischen den Journalistengenerationen, unterschiedliche Amerika-Bilder wie ein stärker Europa-zentriertes Berufsverständnis der jüngeren Journalistengeneration verweist.

Prägte der Übergang von einem konsensorientierten „Parteien- und Proporzjournalismus“ zu einem parteiunabhängigen Informationsjournalismus das Rollenverständnis des politischen Journalismus in den siebziger und frühen achtziger Jahren, verweisen die vorliegenden Daten auf eine weitere Differenzierung: vom professionellen Informationsjournalismus zu einem kontrollierenden Interpretationsjournalismus, wie sie auch in anderen westeuropäischen Nachrichtensystemen zu beobachten ist.

So sehr unter den führenden innenpolitischen Journalisten ein Gleichklang der Wertschätzung internationaler Qualitätsstandards beobachtbar ist, so überwiegend kritisch fällt ihr Urteil über die Qualität des politischen Journalismus in Österreich aus. 50 Prozent der Interviewpartner haben den Eindruck, dass sich die Qualität des heimischen politischen Journalismus in den letzten Jahren verringert habe. Weitere 18 Prozent kamen zu einem ambivalenten Urteil, nur 19 Prozent sprachen von einer Qualitätsverbesserung. Am kritischsten beurteilen innenpolitische Rundfunk- und Fernsehjournalisten die Qualitätsentwicklung des österreichischen Journalismus, während Redakteure von Tageszeitungen zu einer tendenziell positiveren Einschätzung neigen.

Ursachen für die wahrgenommene Qualitätsverringerung werden zum einen in redaktionsinternen Konsequenzen verschärfter Wettbewerbsbedingungen am Auflagen- und Anzeigenmarkt, zum anderen in professionellen Fehlentwicklungen des Journalismus gesehen.

Als die drei bedeutsamsten Nachrichtenfaktoren gelten unter führenden innenpolitischen Journalisten und Journalistinnen Neuigkeitswert und Aktualität eines politischen Ereignisses, Grad der Betroffenheit und unmittelbarer Bezug zu den Lebensumständen des durchschnittlichen Sehers, Lesers oder Hörers, sowie die potenzielle Tragweite und absehbaren Konsequenzen eines politischen Ereignisses oder einer Aussage.

Für redaktionelle Auswahlentscheidungen aber gleichermaßen relevant sind Nachrichtenfaktoren, die bad news ausmachen (Konflikt- und Kontroversen-Zentrierung, Skandalisierung und Aufdecken des Inszenierungscharakters). Fast zwei Drittel der interviewten Journalisten kategorisierten diese Elemente als herausragende Kriterien redaktioneller Selektion. Unterhaltungsorientierte, Sensations- und Reichweitenfixierte Nachrichtenfaktoren spielen hingegen in der journalistischen Einschätzung eine eher untergeordnete Rolle.

Die Rechercheorientierungen führender innenpolitischer Journalisten und Journalistinnen lassen zum einen investigative Momente, zum anderen eine professionelle Zurückhaltung gegenüber umstrittenen bis skrupellosen Recherchetechniken erkennen. Unisono für vertretbar halten die innenpolitischen Redaktionseliten aus vertraulichen Mitschriften einer Parteivorstandssitzung zu zitieren, geheime Regierungsunterlagen zu veröffentlichen, aus einem unveröffentlichten Rohbericht des Rechnungshofs zu zitieren wie sich in Beiträgen auf ungenannte Quellen zu beziehen. Die Bereitschaft führender österreichischer Politikredakteure, vertrauliche Regierungsdokumente zu publizieren, übertrifft sogar die investi­gative Einstellung amerikanischer Nachrichtenredakteure.

Über den (angeblich) bevorstehenden Rücktritt eines Spitzenpolitikers nur auf Basis von Gerüchten zu berichten, halten immerhin drei Viertel der führenden innenpolitischen Journalisten für durchaus vertretbar. Ambivalenter wird hingegen die Praxis gesehen, Informanten gegenüber eine andere Meinung oder Einstellung vorzugeben, um deren Vertrauen zu gewinnen, die von der Hälfte der befragten Politikredakteure als nicht mehr regelkonform angesehen und daher abgelehnt wird.

Mehrheitlich reserviert und ablehnend stehen die führenden innenpolitischen Journalisten und Journalistinnen „härteren“ – unter normativen berufsethischen Vorzeichen fragwürdigen bis skrupellosen – Recherchetechniken gegenüber. Nahe Verwandte eines Politikers über private Familienprobleme zu befragen, hält nur jeder Siebente für eine professionell vertretbare Vorgangsweise, wobei ein weiteres Siebentel dieser Praxis aber in einem zwingenden Relevanzzusammenhang, der der Öffentlichkeit gegenüber argumentierbar erscheint, nahe treten würde. Private Briefe und Fotos eines Politikers ohne dessen Zustimmung zu veröffentlichen, wird nur von jedem Zehnten als vertretbare Handlung bezeichnet.

Die unter innenpolitischen Redaktionseliten mit unterschiedlicher Intensität antreffbare investigative Rollenorientierung wird offensichtlich in Interviews mit österreichischen Spitzenpolitikern auf eine besonders harte Geduldsprobe gestellt. Die innenpolitischen Journalisten und Journalistinnen beurteilen die Qualität der Spitzenpolitiker als Interviewpartner mehrheitlich kritisch. Die stärkste Unzufriedenheit und professionelle Frustration äußern führende Journalisten aus Rundfunk und Fernsehen. Zwei Drittel der befragten ORF- bzw. ATVplus-Redakteure qualifizieren die Qualität österreichischer Spitzenpolitiker als Interviewpartner und Studiogäste als überwiegend mangelhaft und unprofessionell.

Die Einschätzungen der führenden innenpolitischen Journalisten und Journalistinnen verweisen auf eine erhöhte Spannungsintensität im Verhältnis zwischen politischen und redak­tionellen Eliten. Rund drei Viertel der befragten Politikredakteure haben den Eindruck, dass das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern in den letzten Jahren schwieriger und konfliktreicher geworden ist. 20 Prozent sehen keine substanzielle Veränderung bzw. erkennen ambivalente Entwicklungen. Nur eine Minderheit von 8 Prozent hat aus der Praxiserfahrung den Eindruck eines kooperativeren Verhältnisses gewonnen. Am kritischsten beurteilen innenpolitische Ressortleiter das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten. Über neunzig Prozent ressortleitender Redakteure und Journalistinnen bezeichnen das Verhältnis als schwieriger und konfliktreicher. Kooperativere Tendenzen konnte kein einziger Ressortverantwortlicher erkennen.

Aus der Praxiserfahrung führender innenpolitischer Journalisten und Journalistinnen hat sich die Intensität der Versuche, auf die tagesaktuelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen, erkennbar verstärkt. 62 Prozent unserer Interviewpartner sprachen von einer erhöhten Intensität des professionellen Nachrichtenmanagements politischer Eliten. Für 30 Prozent hat sich an der Intensität versuchter Mediensteuerung nicht viel verändert, nur 5 Prozent der befragten Spitzenjournalisten hatten den Eindruck, dass die einschlägigen Versuche der Spitzenpolitiker und deren Medienarbeiter weniger intensiv geworden sind.

Für eine hohe Intensität der Versuche informeller politischer Einflussnahme auf die redaktionelle Berichterstattung spricht auch die Häufigkeit, mit der führende Politiker der Regierungs- wie Oppositionsparteien von sich aus das Gespräch mit innenpolitischen Journalisten suchen. Jeder dritte führende innenpolitische Journalist berichtet von täglich stattfindenden Kontaktaufnahmen, ein weiteres Drittel wird nach eigenen Angaben mehrmals wöchentlich von Kontakt suchenden Politikern angesprochen, wobei auf Chefredaktions-Ebene tätige Journalisten am häufigsten von informellen Kontaktaufnahmen durch Spitzenpolitiker berichten.

Noch häufiger werden führende innenpolitische Journalisten von Pressesprechern bzw. Medienarbeitern österreichischer Spitzenpolitiker kontaktiert. Jeder Zweite unserer Interview­partner berichtet von täglichen Kontaktaufnahmen durch politische Öffentlichkeitsarbeiter. Ein weiteres Drittel wird durchschnittlich mehrmals wöchentlich von politischen PR-Experten kontaktiert, die dem jeweiligen journalistischen Gesprächspartner ihre Sicht der Ereignisse und Vorgänge nahe zu bringen versuchen, wobei sich die Kontaktaufnahmen der Öffentlichkeitsarbeiter besonders auf die Leiter bzw. Leiterinnen der innenpolitischen Ressorts zu konzentrieren scheinen, während Spitzenpolitiker offensichtlich die informelle Kontaktaufnahme mit der redaktionellen Chefetage präferieren.

Konnten politische Eliten im Umgang mit dem „Parteien- und Proporzjournalismus“ vergangener Jahrzehnte im Kern auf loyale Unterstützungsbereitschaften bauen, setzen sie in Konfrontation mit einem professionellen, parteiunabhängigen Informationsjournalismus auf intensivierte Versuche, auf die redaktionelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen, die Spielregeln der Interaktion zwischen Politik und Journalismus noch stärker zu diktieren und das Instrumentarium kontextueller Mediensteuerung voll auszuschöpfen. Der politische Journalismus in Österreich wird dadurch erheblichen Belastungen ausgesetzt und steht unter zunehmendem Stress, der die Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern spannungsreich gestaltet.

Berufliche Einstellungen und professionelle Orientierungen der führenden innenpolitischen Journalisten deuten aber auf eine ausgeprägte Bereitschaft, auch eine erhöhte Konfliktintensität in den Beziehungen zu politischen Eliten in Kauf zu nehmen, sollten diese ihre Versuche, die redaktionelle Berichterstattung zu steuern, noch stärker intensivieren. Dieses Spannungspotenzial könnte langfristig auch in der traditionell parteien-dominierten österreichischen Mediendemokratie zu einer graduellen Veränderung der Spielregeln führen und eine Entwicklung in Richtung einer medien-zentrierten Kommunikationskultur einleiten, in der Politik und Journalismus zu einer Neubestimmung ihres sensiblen Verhältnisses gezwungen wären.


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