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Wechselwahlen

1. Inhaltsübersicht
2. Ausgewählte Kernbefunde
3. Die Herausgeber

ZAP

2. Ausgewählte Kernbefunde

  • 15 Prozent der Wähler und Wählerinnen legten sich nach eigenen Angaben erst wenige Tage vor dem Wahltag auf eine bestimmte Partei fest. Dies war der bislang höchste Anteil an last minute deciders.
  • Insgesamt trafen 24 Prozent erst in den letzten zwei Wahlkampfwochen ihre definitive Wahlentscheidung. Jeder zweite Wechselwähler entschied sich erst in der Schlussphase des Wahlkampfes, diesmal eine andere Partei zu wählen. Dies war der bislang höchste Anteil an Spätentscheidern. Er unterstreicht die erhöhte Mobilität und Wechselbereitschaft der österreichischen Wähler wie Bedeutung und Relevanz des massenmedial vermittelten Intensivwahlkampfes für Wahlentscheidung wie Ausgang einer Wahl.
  • Dies belegen u. a. die tatsächlichen Werbeausgaben der politischen Parteien. Ohne Berücksichtigung von Agenturhonoraren, Produktionskosten der Werbemittel, Ausgaben für Direct Mailings, Telefonanrufkampagnen und Kosten für Wahlkampfevents haben die österreichischen Parlamentsparteien allein für die Schaltung ihrer Werbebotschaften 22 Millionen Euro ausgegeben. Rund 60 Prozent der Werbeausgaben entfallen auf die letzten zwei Wahlkampfwochen.
  • Waren rund die Hälfte der Werbeaussagen der wahlkämpfenden Parteien im Kern positiv und nur ein Fünftel explizit negativ formuliert, überwogen bei 36 Prozent der massenmedialen Berichte über den Wahlkampf negative Wertungen. Konträr zu öffentlichen Einschätzungen des Wahlkampfes 2006 als "Höhepunkt der Negativität" liegt die negative Tonalität der Wahlkampfberichterstattung 2006 unter den Werten für den Nationalratswahlkampf 1999 (43 Prozent der Beiträge waren negativ wertend).
  • Zugespitzt haben sich hingegen die negativen Wertungen der Spitzenkandidaten. 2006 wurden Schüssel, Gusenbauer und Strache mit einem Anteil von 70 Prozent negativ wertender Beiträge noch schlechter bewertet als Klima, Schüssel und Haider 1999 (63 Prozent negative Wertungen).
  • Neuerlich überwogen in der redaktionellen Darstellung des Wahlkampfgeschehens auf Strategien, Taktiken und Handlungsmotiven fokussierende Berichte (48 Prozent aller Beiträge) vor auf Inhalte und Themen zentrierten Beiträgen (35 Prozent aller Beiträge).
  • Betrug die durchschnittliche Länge eines O-Ton-Auftrittes (sound bite) der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten im Wahlkampf 2004 nur 7,8 Sekunden, lag die Redezeit der österreichischen Spitzenkandidaten in den ORF-Nachrichten bei durchschnittlich 20,7 Sekunden. Im britischen Unterhauswahlkampf 2005 erhielten die Spitzenkandidaten durchschnittlich 28 Sekunden Redezeit.
  • Wie bei vergangenen Wahlkämpfen war die massenmediale Berichterstattung insbesondere in der entscheidenden Schlussphase des Wahlkampfes überwiegend negativ, konflikt-zentriert, Inkompetenz vermittelnd und auf Strategien, Taktiken und die sportive Dramatik des Wahlkampffinales ausgerichtet.
  • Im Wahlverhalten fanden sich Hinweise auf eine geschlechts- und generationsbedingte Spaltung der österreichischen Wählerschaft. So entschieden sich 51 Prozent der Männer für Parteien rechts der Mitte (ÖVP, FPÖ bzw. BZÖ). Bei männlichen Wählern, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, erreichten die drei rechts der Mitte stehenden Parteien gemeinsam 58 Prozent, während weibliche Wähler der untersten Bildungsgruppe zu 56 Prozent der SPÖ bzw. den Grünen ihre Stimme gaben.
  • Wechselten 1975 nur 3 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihr Wahlverhalten, waren es bei der Nationalratswahl 2006 26 Prozent.
  • Legten sich bei der Nationalratswahl 1975 nur 5 Prozent der Wahlberechtigten erst in der Schlussphase des Wahlkampfes definitiv auf eine bestimmte Partei fest, waren 2006 24 Prozent Spätentscheider.
  • Blieben 1975 nur 7,1 Prozent der Wahlberechtigten der Wahl fern, betrug der Nichtwähleranteil 2006 21,5 Prozent. Innerhalb einer Generationsspanne hat sich das österreichische Wahlverhalten völlig neu strukturiert und hat sich ein "offener", hochmobiler und unberechenbarer Wählermarkt herausgebildet.
  • Hatten noch in den siebziger Jahren mehr als drei Viertel der Wahlberechtigten eine langfristige gefühlsmäßige Bindung an eine bestimmte Partei, sind es derzeit nur mehr rund 50 Prozent.
  • Insgesamt konnten 2006 bereits 60 Prozent der Wahlberechtigten als gelegentliche Wechselwähler klassifiziert werden.
  • Nur mehr 35 Prozent wählen bei Bundes- und Landtagswahlen stets dieselbe Partei. Vor zwanzig Jahren waren es noch 62 Prozent.
  • Bei sechs von zehn Wechselwählern stand weniger die Politik der Partei, die sie wählten, sondern der Ärger über andere Parteien im Vordergrund ihrer Wahlentscheidung.
  • Ideologische Orientierungen prägten nachhaltig das Wahlverhalten. 77 Prozent der im linken ideologischen Spektrum positionierten Wähler entschieden sich für SPÖ bzw. die Grünen. Umgekehrt wählten 79 Prozent der im rechten Spektrum positionierten Wählerinnen und Wähler ÖVP, FPÖ bzw. das BZÖ.
  • Von den Wählern, die sich in der Mitte des ideologischen Spektrums einordnen - was auf ein Drittel zutrifft -, entschieden sich 38 Prozent für die ÖVP, 33 Prozent für die SPÖ, 9 Prozent für die FPÖ und 6 Prozent für die Grünen.
  • Was die Bedeutung von Themen für die Wahlentscheidung betrifft, verfügte die ÖVP in allen strukturellen - auf Konsolidierung, Konjunkturbelebung und internationale Wettbewerbsfähigkeit abgestellten - Handlungsfeldern über einen ausgeprägten Glaubwürdigkeitsvorsprung vor der SPÖ. In allen alltagsnäheren und die unmittelbare Lebenssituation direkt berührenden Problemfeldern - wie Gesundheit, Arbeitsplätze, Sozialsystem und Ausbildungschancen - galt hingegen die SPÖ als die mit Abstand glaubwürdigere Partei.
  • Für jeden dritten bis vierten deklarierten ÖVP-Wähler vertrat nicht die ÖVP, sondern die SPÖ im Feld sozialer Lebensprobleme glaubwürdigere Positionen. Umgekehrt meinten 30 bis 40 Prozent der deklarierten SPÖ-Wähler, dass die ÖVP in strukturellen wirtschafts- und budgetpolitischen Themenfeldern glaubwürdigere Positionen vertrete als die SPÖ.
  • Wahlpolitisch entscheidendes Faktum war aber, dass selbst 39 Prozent der deklarierten ÖVP-Wähler von der nächsten Bundesregierung erhebliche inhaltliche Veränderungen des Regierungskurses forderten. Nur 61 Prozent der deklarierten ÖVP-Anhänger plädierten dafür, dass der inhaltliche Kurs der ÖVP+BZÖ-Regierung im Großen und Ganzen fortgeführt werden sollte.
  • Offensichtlich war die Leistungsbilanz der Schüssel-Regierung auch für nennenswerte Teile des ÖVP-Wählerpotenzials zweischneidig und waren Kritik und Unzufriedenheit mit einzelnen - als zu einschneidend empfundenen - Reformmaßnahmen der Koalitionsregierung verbreiteter, als es die ÖVP-Regierungseliten wahrhaben wollten.
  • Im Vordergrund der wahlentscheidenden Themenfelder stand die individuelle Wohlstandssicherung - Arbeitsplätze schaffen, Pensionen langfristig sichern, gute Ausbildung für die Jugend -, der selbst Anhänger der ÖVP tendenziell Vorrang vor der strukturellen Wohlstandssicherung - Ankurbelung der Wirtschaft, ausgeglichenes Budget - gaben. Alltagsnähere Themen waren für die Wahlentscheidung offensichtlich relevanter als vergleichsweise abgehobene, strukturelle Themen der Konsolidierungs- und Standortpolitik.
  • Im Wahlkampf stand eine im öffentlichen Erscheinungsbild starke Führungspersönlichkeit einem soziale Erwartungen reflektierenden Herausforderer gegenüber, der primär nicht Führung, sondern verständnisvolle Anteilnahme versprach.
  • 2006 glaubten nur mehr 32 Prozent von Schüssel, dass er auf die Bedürfnisse der Menschen eingehe. 2002 waren es noch 48 Prozent.
  • Umgekehrt vermuteten 59 Prozent bei Gusenbauer, dass er auf die Bedürfnisse der Menschen eingehe. 2002 hatten nur 41 Prozent diesen Eindruck.
  • Im Bewusstsein der Wähler hatte sich offensichtlich ein Kanzler, der führte, tendenziell zu weit von den emotionalen Bedürfnissen der Menschen entfernt, während der Herausforderer zwar weniger Führungsstärke, aber - gestützt auf das soziale Image seiner Partei - mehr Anteilnahme an den Alltagssorgen signalisierte.
  • So relativierte sich auch die Bedeutung des Kanzlerbonus von Schüssel für das tatsächliche Wahlverhalten. Auch wenn jeder zweite Abwanderer von der ÖVP grundsätzlich Schüssel als Kanzler bevorzugte, wählte er/sie trotzdem nicht wieder die ÖVP, sondern eine andere Partei.
  • Themen und thematische Erwartungen waren für das Wahlverhalten 2006 wichtiger als Kandidaten-Images und der Kanzlerbonus. 47 Prozent der Wähler konnten als vorrangig themenorientierte Wähler klassifiziert werden.
  • Themenorientierten Wählern wird im multivariaten Modell nur eine 25prozentige Wahrscheinlichkeit für die Wahl der ÖVP, hingegen eine mehr als 50prozentige Wahrscheinlichkeit für die Wahl der SPÖ zugestanden.
  • Je mehr thematische Orientierungen und Erwartungen im Vordergrund der Wahlentscheidung standen, umso schwächer waren direkte Persönlichkeitseffekte auf das Wahlverhalten wirksam und umso stärker entkoppelten sich Kanzlerpräferenz und tatsächliche Parteiwahl.
  • Neben der Wechselwahl von einer Partei zu einer anderen liegt ein Schlüssel zur Erklärung des Wahlausganges auch in der stark angestiegenen Wahlenthaltung. Nach Daten der Wählerstromanalysen verlor die ÖVP 172.000 Stimmen durch die Wahlenthaltung und konnte nur sieben von zehn ÖVP-Wählern bei der Nationalratswahl 2002 neuerlich mobilisieren.
  • Die SPÖ verlor ihrerseits 143.000 Stimmen durch die Wahlenthaltung, konnte aber vier von fünf SPÖ-Wähler bei der Nationalratswahl 2002 neuerlich mobilisieren.
  • 15 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten sind konstante Nichtwähler bzw. rund jeder siebente Wahlberechtigte ist zumindest zweimal hintereinander einer Nationalratswahl ferngeblieben.
  • Im internationalen Vergleich hat sich das österreichische Wahlverhalten mittlerweile internationalen Standards und Mustern angenähert. Dies zeigt sich zum einen am Rückgang der Wahlbeteiligung, der im selben Ausmaß über die Zeit auch in Deutschland, Italien, Großbritannien und Frankreich beobachtet werden kann.
  • Zum anderen liegt Österreich auch was den Rückgang stabiler Parteibindungen betrifft im internationalen Trend. 2006 hatten nur mehr 57 Prozent der Wählerschaft eine gefühlsmäßige Bindung an eine bestimmte Partei. In Italien waren es 2006 ebenfalls nur 57 Prozent, in Großbritannien 2005 nur 51 Prozent.
  • Aber auch was die Verlagerung der definitiven Festlegung auf eine bestimmte Partei auf die Schlussphase des Wahlkampfes anlangt, liegt Österreich im internationalen Mittelfeld. Waren in Österreich 2006 24 Prozent Spätentscheider, betrug der einschlägige Prozentsatz in Italien 2006 23 Prozent, in Deutschland 2005 29 Prozent und in Großbritannien 2005 32 Prozent.
  • Wenn auch mit zeitlicher Verspätung entsprechen auch die Wechselraten in Österreich mittlerweile den internationalen Wechselwählerraten. In Österreich wechselten 2006 26 Prozent die Partei. In Deutschland waren es 2005 28 Prozent, in Schweden 2006 30 Prozent.

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