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Politik in der Medienarena

1. Inhaltsübersicht
2. Ausgewählte Ergebnisse
3. Der Herausgeber

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2. Ausgewählte Ergebnisse


Spannungs- und Konfliktzonen im Verhältnis Journalismus und Politik
Befunde einer Befragung von N = 146 Angehörigen der politischen Elite in Österreich und N = 154 führenden innenpolitischen Journalisten und Journalistinnen verweisen auf erhebliche Spannungs- und Konfliktzonen im Verhältnis Journalisten und politische Eliten. So unterschätzen Politiker die Relevanz professioneller Normen wie Machtkontrolle, Ausgewogenheit und Interpretation im journalistischen Rollenverständnis. In der Wahrnehmung der Politiker orientieren sich Journalisten vorrangig an den flüchtigen Erwartungen und Stimmungslagen des Massenpublikums, die sie mit marktgerecht aufbereiteten Nachrichten bedienen. Was die Eigen- und Außenwahrnehmung des journalistischen Selbstverständnisses betrifft, herrschen zwischen Journalisten und Politikern erhebliche Auffassungsunterschiede.
Aus Sicht der Journalisten sind die Beziehungen zwischen Journalismus und Politik deutlich angespannt. Rund ein Drittel der innenpoltischen Journalisten geht davon aus, dass das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern in den letzten Jahren deutlich konflikthaltiger geworden sei. Aber auch jeder dritte Angehörige der politischen Elite konstatiert eine verstärkte Konfliktintensität in den Beziehungen zum Journalismus.
Neben der Professionalisierung der Politiker und deren Medienberater beim strategischen Nachrichten-Management wie der Inszenierung mediengerechter Pseudo-Ereignisse begründen Journalisten die verstärkte Konfliktintensität auch mit dem Durchbruch eines interpretierenden, analytischen Journalismus, der in einer wachsenden Distanz zu politischen Eliten und verstärkter Kritikbereitschaft resultiere.
Politiker wiederum führen die erhöhten Spannungen im Verhältnis zwischen Politik und Journalismus auf die erhöhte Negativität der redaktionellen Berichterstattung, die Boulevardisierung wie den Kampagnenjournalismus einzelner Redaktionen zurück. Journalisten wie Politiker verweisen aber unisono auf negative Konsequenzen des verstärkten betriebswirtschaftlichen Drucks auf die Redaktionen. Drei Viertel der befragten Journalisten und Politiker gehen von starken Einflüssen der verstärkten Quoten- und Profitorientierung auf die politische Berichterstattung aus.
Umgekehrt konstatieren 73 Prozent der Politiker und 57 Prozent der Journalisten, dass gleichzeitig auch der Druck der Massenmedien auf politische Entscheidungsträger stärker geworden sei. Beide Stressfaktoren – der Quoten- und Auflagendruck auf die Medien wie der verstärkte Druck der Massenmedien auf politische Entscheidungsträger – werden auch vom Medienpublikum registriert. Jeweils 50 Prozent des Medienpublikums vermuten erhöhten Quotendruck auf die Berichterstattung wie erhöhten medialen Druck auf Entscheidungen der Politiker.
Politische Eliten erleben die veränderten redaktionellen Handlungslogiken als erhöhten medialen Druck, dem sie durch eine offensive, proaktive Öffentlichkeitsarbeit gegenzusteuern versuchen. Journalisten wiederum nehmen dies als verstärkte Versuche der Einflussnahme auf die redaktionelle Berichterstattung wahr, auf die sie ihrerseits mit erhöhter Kritikbereitschaft, härteren akzentuierten Interviews und auf Entscheidungsschwächen und Versäumnisse der politischen Eliten fokussierten Kommentaren und Analysen antworten. Durch den wechselseitigen Druck steigt der Stress in der politischen Kommunikationskultur Österreichs.

Dichte Interaktion zwischen Journalisten und Politikern
Im Unterschied zu einer medienorientierten Kommunikationskultur wie die der USA, in der sich Journalisten und Politiker vergleichsweise distanziert gegenüberstehen, zeichnet sich eine parteienorientierte Kommunikationskultur wie die Österreichs durch eine überdurchschnittliche Nähe und Interaktionsdichte zwischen Journalisten und Politikern aus. Tatsächlich ist die Dichte der Interaktionen beachtlich. Rund ein Drittel der innenpolitischen Journalisten wird mehrmals in der Woche von Politikern kontaktiert. Von den Politikern nimmt jeder zweite mehrmals in der Woche von sich aus Kontakt mit Journalisten auf, was gleichzeitig bedeutet, dass sich die aktiven Kontaktversuche der Politiker auf einen ausgewählten Kreis von Journalisten konzentrieren.
Ein engmaschiges Eliten-Netzwerk verbindet einen exklusiven Kreis leitender Journalisten mit Spitzenpolitikern, der sich durch dichte informelle Kontakte, Essensverabredungen, private Treffen und Freundschaftsnetzwerke auszeichnet und in das zehn bis fünfzehn Prozent der führenden innenpolitischen Journalisten eingebunden sind.
Sucht die Mehrheit der Politiker die privat-informelle Nähe zu ausgewählten Journalisten, bevorzugt die Mehrheit der Journalisten eine professionelle Distanz, die freilich mit Blick auf das eng verflochtene Eliten-Kontaktnetzwerk aus Spitzenpolitikern und Spitzenjournalisten nicht mehr erkennbar ist.
Rund 50 Prozent der innenpolitischen Journalisten haben aus ihrer beruflichen Erfahrung den Eindruck, dass Versuche politischer Eliten auf die redaktionelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen in den letzten Jahren intensiver geworden wären. Häufigste Praxis der Einflussnahme ist die klassische Intervention, mit der 52 Prozent der Journalisten – 80 Prozent der ORF-Fernsehjournalisten – häufig konfrontiert werden.
Österreichische Politiker investieren beachtliche Zeitspannen ihres Arbeitsalltags in persönliche Kontakte mit Medienvertretern bzw. die Vorbereitung auf massenmediale Auftritte. Jeder dritte Spitzenpolitiker verbringt täglich mehr als zwei Stunden mit persönlichen oder telefonischen Kontakten mit Journalisten bzw. der Vorbereitung auf Pressekonferenzen bzw. Studiointerviews. Ein weiteres Viertel widmet sich täglich ein bis zwei Stunden der Vorbereitung auf Medienkontakte.
In ihrer persönlichen Mediennutzung unterscheiden sich redaktionelle und politische Eliten deutlich vom Informationsverhalten des Publikums. Für Journalisten wie Politiker sind Tageszeitungen die beruflich wichtigsten Medien. Jeder dritte Politiker bezeichnet die Kronen Zeitung als sein persönliches Leitmedium, ebenso nennen 37 Prozent des Publikums die Kronen Zeitung als ihre wichtigste persönliche Informationsquelle, während nur 7 Prozent der Journalisten die Kronen Zeitung als berufliches Leitmedium bezeichnen.
40 Prozent der österreichischen Politiker und Politikerinnen haben sich in den letzten fünf Jahren von hauptberuflichen Journalisten über den professionellen Umgang  mit Massenmedien beraten lassen. Weitere 20 Prozent haben einschlägige Beratungsdienste zumindest punktuell in Anspruch genommen. Trotzdem bewerten vier von zehn Journalisten das Verhalten der von ihnen interviewten Politiker als mangelhaft und unprofessionell, wobei bei ORF-Journalisten die stärkste Unzufriedenheit und professionelle Frustration über Studioauftritte einzelner Spitzenpolitiker anzutreffen ist. Umgekehrt über nur jeder sechste Politiker Kritik am Stil der journalistischen Interviewpartner.
Wie sehr sich ein redaktionelles Politikverständnis unter Angehörigen der politischen Elite ausgebreitet hat, verdeutlicht die Einschätzung der Politiker, mit welchen Mitteln man am wirksamsten öffentliche Aufmerksamkeit wecken könne. 80 Prozent der Politiker halten für am wirksamsten, ausgewählten Journalisten gezielt Informationen zuzuspielen. Knapp die Hälfte bezeichnet auch Auftritte in politischen Talk-Shows als wirksames Mittel. Eine Rede im Plenarsaal des Parlaments halten hingegen nur 7 Prozent der befragten Spitzenpolitiker für ein wirksames Mittel öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Politische Kommunikationskultur und Demokratie in Österreich
Trotz unterschiedlicher Interessenlagen, professioneller Normen und beruflicher Handlungslogiken stimmen die beiden Akteursgruppen in ihrer generellen Einschätzung der politischen Kommunikationspraxis weitgehend überein. Schärfere Unterschiede zeichnen sich bei den Bewertungen der Beziehungen zwischen Politik und Journalismus ab, die von Journalisten konflikt- und spannungsgeladener gesehen werden als von politischen Eliten. Tendieren Politiker dazu, journalistische Berufsnormen und redaktionelle Nachrichtenstandards zu unterschätzen, überschätzen sie gleichzeitig die Qualität ihrer persönlichen Beziehungen zu Journalisten wie ihre steuernde Rolle im politischen Kommunikationsprozess. Noch schärfer und ausgeprägter werden die Wahrnehmungsunterschiede zwischen Journalisten und Politikern, nähert man sich den neuralgischen Schnittpunkten der Beziehungen zwischen Medien und Politik: den Versuchen politischer Eliten, auf die redaktionelle Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Hier unterscheiden sich die beruflichen Erfahrungen der Journalisten gravierend von der stilisierten Kommunikatorpose der Politiker und zeichnet sich ein hart geführter Kampf ab, welche Themen und Deutungsaspekte in der redaktionellen Berichterstattung behandelt werden sollen. Dichte der Kontaktaufnahmen von Politikern mit Journalisten, intensive Vereinnahmungsstrategien, Netzwerk-orientierte Öffentlichkeitsarbeit, angebotsorientierte, journalistische Erwartungen antizipierende Botschaften, Message Discipline, Botschafts-Dreiecke, Spin Control wie die Härte direkter Interventionen stehen für intensive Versuche der politischen Eliten, die redaktionelle Berichterstattung zu steuern.
Der News-Room im ORF-Zentrum am Küniglberg und die Chefredaktionsräume der Kronen Zeitung in der Muthgasse sind aus Sicht der Politiker, innenpolitischer Journalisten wie des Medienpublikums die informellen Machtzentren österreichischer Innenpolitik. 87 Prozent der Journalisten, 86 Prozent der Politiker und immerhin zwei Drittel des Medienpublikums gehen dabei von einem starken Einfluss der Kronen Zeitung auf die Politik aus. Ein vergleichbar starker politischer Einfluss wird auch dem ORF-Fernsehen zugebilligt.
Jeder zweite innenpolitische Journalist und zwei Drittel der Politiker haben den Eindruck, dass sich die redaktionelle Linie der einzelnen Medien bestimmten politischen Richtungen zuordnen ließe.
Nach Meinung der Journalisten, Politiker und des Publikums stehen die österreichischen Medien unter einem erheblichen Druck seitens der Politik. Nahezu jeder zweite Journalist und Politiker geht von einer starken politischen Einflussnahme auf die redaktionelle Berichterstattung aus. Wenig überraschend spricht jeder zweite ZiB-Mitarbeiter von einer sehr starken politischen Einflussnahme auf redaktionelle Entscheidungen. Nur in Ansätzen milder fällt die Einschätzung des Medienpublikums aus, das ebenfalls überwiegend eine starke politische Einflussnahme auf die Medienberichterstattung vermutet. In Summe verdichten sich die Einschätzungen redaktioneller und politischer Eliten wie des Medienpublikums zu einer höchst problematischen Lagebeurteilung des österreichischen Mediensystems: einer Konzentration vermuteter Macht- und Einflusspotenziale auf zwei den Informationsmarkt beherrschende Medienunternehmen – ORF und Kronen Zeitung –, erkennbaren politischen Richtungszuordnungen der redaktionellen Linien einzelner Medien wie einer ausgeprägten politischen Einflussnahme auf die redaktionelle Berichterstattung.
Der realistische bis pessimistische Blick redaktioneller und politischer Eliten auf strukturelle Schieflagen des österreichischen Mediensystems umschattet aus Sicht der Journalisten nur punktuell die Qualität der politischen Informationsleistungen. Jeder zweite Journalist hat den Eindruck, dass die Medien die Bürger und Bürgerinnen gut über politische Angelegenheiten informieren. Nur jeder sechste Journalist beurteilt die Qualität des politischen Informationsangebots negativ. Ähnlich positiv wie die Journalisten beurteilt auch das Publikum die Qualität der politischen Informationen. Jeder zweite Medienkonsument fühlt sich von den österreichischen Medien über politische Angelegenheiten gut informiert. Kritischere Zensuren verteilen hingegen Angehörige der politischen Elite, von denen jeder Dritte die Qualität der Medieninformationen negativ bewertet.
Journalisten und Politiker gehen mehrheitlich davon aus, dass die Seher, Hörer und Leser den österreichischen Massenmedien insgesamt vertrauen. Tatsächlich deckt sich das Vertrauen des Publikums in die politische Berichterstattung österreichischer Medien mit den Vermutungen der Journalisten und Politiker. Nur jeder sechste Medienkonsument misstraut der politischen Berichterstattung. Tendenziell überwiegt verhaltenes Vertrauen Skepsis und Zweifel an der politischen Berichterstattung. Trotzdem vermuten redaktionelle wie politische Eliten einen negativen Effekt der Medienberichterstattung auf das Vertrauen der Bürger in die Politik. Nach Meinung von zwei Drittel der Journalisten und drei Viertel der Politiker tragen Tonalität und Akzente der redaktionellen Berichterstattung langfristig zu einer deutlichen Abnahme des öffentlichen Vertrauens in die Politik bei.
Geringer ist die Skepsis des Publikums, was gesellschaftlich problematische Konsequenzen der Medienberichterstattung betrifft. Nur der dritte Medienkonsument führt politischen Vertrauensschwund auf die Medienberichterstattung zurück. Offensichtlich verbirgt sich hinter den pessimistischen Einschätzungen der Eliten ein professionelles Unbehagen über problematische Entwicklungen der redaktionellen Politikvermittlung wie die zunehmende Negativität der Wertungen von politischen Spitzenakteuren und Institutionen, die Konzentration der Berichterstattung auf Konflikte und Spannungen, die Häufung von Versäumnisdarstellungen und schärfer artikulierter Zweifel an Kompetenz und Weitblick politischer Eliten.
Durchaus selbstbewusst billigt hingegen eine Mehrheit der Journalisten der Medienberichterstattung zu, einen positiven Einfluss auf das Funktionieren der Demokratie auszuüben. Trotz der skeptischen Einschätzung gesellschaftlicher Folgen der massenmedialen Berichterstattung ist jeder dritte Journalist von einem explizit positiven Einfluss der redaktionellen Informationsleistung auf die Funktionsweise der österreichischen Demokratie überzeugt. Dies deckt sich mit Vermutungen des Medienpublikums, das ebenfalls an einem tendenziell positiven Einfluss der Medienberichterstattung auf den demokratischen Prozess glaubt. Politische Eliten sehen den Beitrag der Redaktionen zum Funktionieren der Demokratie zurückhaltender. Tendenziell überwiegt ein leichter Zweifel, ob die redaktionelle Berichterstattung der Massenmedien tatsächlich die Funktionsweise der österreichischen Demokratie begünstige, der u.a. auf problematische Erfahrungen mit unerwünschten Medienberichten und negativen Kommentaren rückführbar ist.
Umgekehrt zeigen sich politische Eliten mit dem Funktionieren der Demokratie in Österreich zufriedener als Journalisten. Vergeben letztere – in Schulnoten ausgedrückt – nur ein verhaltenes Befriedigend, tendieren Politiker eher in Richtung zur Note Gut, was wiederum ihre Vorbehalte gegenüber negativen Effekten der Medienberichterstattung relativiert. Was ihre Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie betrifft, steht das Medienpublikum den Urteilen der Journalisten näher als die Politiker. Nur jeder vierte Medienkonsument ist mit dem Funktionieren der österreichischen Demokratie explizit zufrieden. Drei Viertel zeigen sich insgesamt moderat zufrieden, was alarmistischen Interpretationen demoskopischer Datenbilder widerspricht, die aus ihren Daten Anzeichen einer problematischen Demokratieskepsis der österreichischen Bevölkerung ablesen. Der kritischere Blick der redaktionellen Akteure auf die Funktionsweise der österreichischen Demokratie entspricht dabei dem kontrollierenden Beobachterstatus der Journalisten.
Die überwiegende Konvergenz der Kommunikations- und Medienorientierungen von Journalisten, Politikern und Medienpublikum steht keineswegs für eine ausbalancierte, friktionsfreie politische Kommunikationskultur. Im Kern auf nur zwei Medienunternehmen fokussierte politische Machtzuweisungen, der Eindruck einer ausgeprägten Einflussnahme der Politik auf die redaktionelle Berichterstattung, der von Medieneliten und Medienpublikum geteilt wird, problematische Beziehungsdichte und kartellierte informelle Eliten-Netzwerke, harte Interventionspraktiken und verstärkte Versuche der Mediensteuerung werden ein Schlaglicht auf erhebliche Funktionsstörungen der politischen Kommunikationspraxis in Österreich.
Das problematische Bild eines publizistisch wie politisch übersteuerten Kommunikationssystems wird durch die selbstbewussten professionellen Orientierungen der Journalisten wie die selbstkritischen Einschätzungen der politischen Eliten nur tendenziell abgemildert. Unverkennbar stehen die Akteure der politischen Kommunikation unter erheblichem Stress, der an der Intensivierung rollen- und berufsbedingter Spannungen und Konflikte ebenso beobachtbar ist wie am erhöhten medialen Druck auf die Politik und umgekehrt verstärkten politischen Druck auf die Medien.
Die politische Kommunikationskultur Österreichs befindet sich am Weg von einer parteien-dominierten zu einer PR-orientierten Kommunikationskultur. Determiniert in einer parteien-dominierten Kommunikationskultur die politische Machtlogik die Kommunikationsbeziehungen, kommt es bei der PR-orientierten politischen Kommunikationskultur zu gegenseitig akzeptierten Vereinbarungen zwischen den Akteuren darüber, dass politische Botschaften den Spielregeln der massenmedialen Aufmerksamkeitsgenerierung entsprechen müssen. Dass bei den Vereinbarungen über die Spielregeln zwei Markt-beherrschende Medienunternehmen wie die Kronen Zeitung bzw. der Aktuelle Dienst des ORF eine hervorgehobene Verhandlungsposition haben und aufgrund ihrer publizistischen Machtressourcen auf die thematische Agenda des Publikums wie der politischen Eliten überproportionalen Einfluss nehmen können, ist die spezifisch österreichische Variante der Politik vor Redaktionsschluss.

Publizistische Einflussmacht der Kronen Zeitung
Inhaltsanalysen der redaktionellen Berichterstattung der Kronen Zeitung (inklusive Leserbriefe) im Wahlkampf 2008 verweisen auf einen ausgeprägten News Bias: zwar wurden Molterer und die ÖVP in der Kronen Zeitung am häufigsten thematisiert – erhielten aber gleichzeitig die mit Abstand negativste Beurteilung. Umgekehrt wurde Faymann als einziger politischer Akteur in der Berichterstattung der Kronen Zeitung überwiegend positiv dargestellt.
Der Faymann-Bias war am stärksten in den Kommentaren wie in den abgedruckten Leserbriefen, ist aber in den redaktionellen Beiträgen der Kronen Zeitung empirisch nachweisbar. 40 Prozent der Nachrichtenbeiträge zeichneten ein negatives Bild von Molterer, während dies bei Faymann nur in 14 Prozent der Beiträge der Fall war, 20 Prozent zeichneten ihn positiv.
Molterer wurde in fast zwei Drittel der Kommentare der Kronen Zeitung negativ vermittelt. In den Leserbriefen werteten nur 4 Prozent Molterer positiv, Faymann 40 Prozent.
Mehr als jeder fünfte Kronen Zeitung-Beitrag mit sachthematischem Bezug stellte zumindest einen Aspekt von Faymanns Fünf-Punkte-Programm ins Zentrum. Dasselbe gilt für den Themenkomplex EU. Hier manifestiert sich die thematische Parallele zum Faymann-Gusenbauer-Brief an den Herausgeber der Kronen Zeitung.
In der Berichterstattung der Kronen Zeitung wurden nicht nur Faymann und seine Themen intensiv und überwiegend positiv dargestellt, sondern gleichzeitig auch die ÖVP und der damalige Parteichef Molterer eindeutig und übereinstimmend negativ vermittelt. Auch die zweite Boulevard-Zeitung – Österreich – folgte diesem Grundmuster, wenngleich in abgeschwächter Form. Offensichtlich führte die Neuausrichtung der SPÖ in Sachen EU zu einer inhaltlichen Allianz mit der Kronen Zeitung.
Offensichtlich ist die Kronen Zeitung als mit Abstand auflagen- und leserstärkste Tageszeitung des Landes ein potenter innenpolitischer Macht- und Einflussfaktor und repräsentiert das Redaktionsgebäude der Kronen Zeitung in der Muthgasse das informelle Gravitationszentrum österreichischer Innenpolitik.
Tatsächlich überraschen die auffallenden Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Lesern, die regelmäßig die Kronen Zeitung lesen, und Wählern, die andere Tageszeitung präferieren, die sowohl bei der Nationalratswahl 2008 wie der Europawahl 2009 empirisch nachweisbar sind. Insgesamt verfolgen täglich rund 24 Prozent der Wahlberechtigten, weitere 14 Prozent mehrmals wöchentlich, den Politikteil der Kronen Zeitung. 37 Prozent bezeichnen die Kronen Zeitung – nach dem ORF Fernsehen – als ihr persönliches Leitmedium.
Hätten bei der Nationalratswahl 2008 nur Wähler, die regelmäßig die Kronen Zeitung lesen, ihre Stimme abgegeben, wäre die ÖVP auf den dritten Platz hinter die FPÖ zurückgefallen. Die Grünen wären nicht mehr im Nationalrat vertreten. Hätten sich hingegen nur Leser anderer Tageszeitungen an der Nationalratswahl beteiligt, wäre die ÖVP die stärkste Partei und die Grünen deutlich vor der FPÖ drittstärkste Partei. Noch schärfer fielen die Unterschiede bei der Europawahl 2009 aus. Wären – fiktiv – nur die Stimmen der sich an der Wahl beteiligenden Kronen Zeitung-Leser gezählt worden, wäre die Liste Hans-Peter Martin mit Abstand stärkste Partei. Die FPÖ läge mit ÖVP und SPÖ gleich auf. Die Grünen wären eine marginale Restgröße. Im Fall, dass sich nur Leser anderer Tageszeitungen an der Europawahl beteiligt hätten, läge die ÖVP noch deutlicher vor der SPÖ am ersten Platz. Die Grünen hätten einen respektablen Wahlerfolg erzielt, während die Liste Hans-Peter Martin und die FPÖ abgeschlagen um den vierten bzw. fünften Rang wetteiferten. In Summe hätte sich der gemeinsame Anteil EU-kritischer Listen mehr als halbiert, die unter den Lesern der Kronen Zeitung nahezu 60 Prozent der abgegebenen Stimmen an sich gezogen haben.
Tatsächlich unterscheiden sich die für die Wahlentscheidung relevanten Themen der regelmäßigen Leser der Kronen Zeitung unter den Wählern in ihren Akzenten deutlich von der Agenda der Wähler, die regelmäßig andere Tageszeitungen lesen. Für die Entscheidungsfindung der Kronen Zeitung-Leser hatten Issues wie härtere Strafen für Kindesmissbrauch, Abschiebung straffälliger Asylanten, Beschränkung der Zuwanderung und die Forderung nach Volksabstimmungen über zukünftige EU-Verträge einen deutlich höheren Stellenwert als für Leser anderer Tageszeitungen.
Deutlich vom EU-Bild der Leser anderer Tageszeitungen unterscheiden sich aber auch die Einstellungen der Kronen Zeitung-Leser. Die mit Abstand negativsten Wertungen der EU finden sich unter Exklusivlesern der Kronen Zeitung. Der Anteil von Wählern bei der Europawahl 2009, die ausschließlich die Kronen Zeitung lesen und den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union ex post für eine falsche Entscheidung ansehen, beträgt das Fünffache des Anteils der EU-Skeptiker unter Wählern, die ausschließlich andere Tageszeitungen lesen. Unter Exklusivlesern der Kronen Zeitung findet sich auch ein dreifach höherer Anteil von Wählern, die aus der EU-Mitgliedschaft Österreichs nur Nachteile ableiten, wie auch die generelle Unzufriedenheit mit der Europäischen Union unter Lesern der Kronen Zeitung die EU-kritische Sicht der Leser anderer Tageszeitungen deutlich übersteigt. Über 60 Prozent der Kronen Zeitung-Leser wählten eine der EU-kritischen Parteien, die nur 20 Prozent der Stimmen von Lesern anderer Tageszeitungen erhielten.
Ausgeprägte Zusammenhänge zwischen Zeitungslektüre, Einstellungen zur EU und Wahlverhalten zeigen sich auch in den Datenbildern zur Nationalratswahl 2008. Von den Wechselwählern, die regelmäßig die Kronen Zeitung lasen, sahen zwei Drittel überwiegend Nachteile in der EU-Mitgliedschaft Österreichs. Unter Wechselwählern, die ausschließlich andere Tageszeitungen lasen, bewertete nur knapp ein Viertel die EU-Mitgliedschaft negativ. Wenig überraschend bezeichneten auch mehr als doppelt so viele Kronen Zeitung-Leser, die 2008 eine andere Partei wählten als 2006, den Vorschlag, über zukünftige EU-Verträge eine Volksabstimmung abzuhalten, als sehr wichtig für ihre persönliche Wahlentscheidung. Sahen rund 80 Prozent der Wechselwähler, die ausschließlich andere Tageszeitungen lesen, in der EU-Mitgliedschaft Vorteile, waren es unter den Wechselwählern, die regelmäßig die Kronen Zeitung lesen, nur 40 Prozent.
Auch das Thema „Volksabstimmung über zukünftige EU-Verträge“ hat unter Exklusivlesern der Kronen Zeitung eine höhere Relevanz für die Wahlentscheidung gehabt als für Leser anderer Tageszeitungen. Gleichzeitig wuchs durch die prominente Thematisierung in der redaktionellen Berichterstattung der Kronen Zeitung die Chance, der SPÖ die Stimme zu geben, stärker als die Absicht, sich für die ÖVP zu entscheiden.
Auffällige Effekte der redaktionellen Berichterstattung der Kronen Zeitung auf die Wahlentscheidung ihrer Leser lassen sich insbesondere in den Themenfeldern „Zuwanderung“ und „Volksabstimmung über neue EU-Verträge“ statistisch in einem hochsignifikanten Ausmaß nachweisen. Die erwähnten Moderationseffekte der Berichterstattung der Kronen Zeitung haben in der Mehrzahl der für die Wähler subjektiv entscheidungsrelevanten Themen die Wahlchancen für die SPÖ eindeutig verbessert, für die ÖVP spiegelverkehrt ebenso eindeutig verschlechtert.
Die redaktionelle Berichterstattung der Kronen Zeitung hat auf den Ausgang der Nationalratswahl 2008 einen nennenswerten und deutlichen Einfluss ausgeübt, der auch an der Urne seinen Niederschlag gefunden hat. Dies betrifft nicht nur das Wahlverhalten, sondern bereits die Entscheidungsfindung und Präferenzbildung der Wähler in den Wochen des Intensivwahlkampfes. Durch ihre redaktionelle Wahlkampfberichterstattung hat die Kronen Zeitung auf die Präferenzbildung ihrer Leser nachhaltig Einfluss ausgeübt. So haben sich im Verlauf der letzten Wahlkampfwochen die Wahlchancen für die SPÖ unter regelmäßigen Lesern der Kronen Zeitung kontinuierlich erhöht, während die Bereitschaft regelmäßiger Leser der Kronen Zeitung, die ÖVP zu wählen, ebenso kontinuierlich abgesunken ist.
Die Kronen Zeitung stützt sich dabei auch auf die ihr von politischen Eliten attributierte Medienmacht, die die Bereitschaft mancher Politiker erhöht, sich mit der Kronen Zeitung präventiv zu arrangieren, das Wohlwollen des Herausgebers zu erhalten und redaktionspolitischen Anliegen der Kronen Zeitung zu entsprechen. Die österreichische Variante der Boulevardisierung beschränkt sich nicht nur auf den Pressemarkt, sondern hat auch im Rollen- und Selbstverständnis einzelner Spitzenpolitiker ihren Niederschlag gefunden. Österreich ist nicht nur eine hochentwickelte Mediendemokratie, sondern auch eine höchst problematische Boulevard-Demokratie, in der die auflagenstärkste Tageszeitung durch redaktionspolitische Linien und Themensetzungen innenpolitische Abläufe steuert, auf inhaltliche Positionierungen der Parteien Einfluss nimmt, öffentliche Stimmungs- und Erwartungslagen redaktionell zuspitzt und mobilisiert.


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