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Analyse der
Europawahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Nichtwähler
3. Muster im Wahlverhalten
4. Wahlmotive
5. Analytische Wertung
6. Literaturverzeichnis
7. Die Autoren

ZAP

2. Struktur und politische Orientierungen der Nichtwähler bei der EP-Wahl 1999


Die soziodemographische Zusammensetzung (Struktur) der Nichtwähler weist eine Reihe von Besonderheiten auf, die sich von der Struktur der Wähler bei der EP-Wahl unterscheidet. So wiesen die Nichtwähler mit 55% einen deutlicheren Frauenüberhang auf als die Wähler (52%). Nichtwähler sind auch deutlich jünger als Wähler: 55% der Nichtwähler entfallen auf die Altersgruppe der Unter 45jährigen, während dies nur für 44% der Wähler gilt. Umgekehrt sind 56% der Wähler, aber nur 45% der Nichtwähler Angehörige der mittleren und älteren Altersgruppe. Die oberste Bildungsschichte (d.s. Akademiker und Maturanten) ist unter den Nichtwählern mit 28% schwächer vertreten als unter den Wählern (34%).

Weniger deutlich sind die Veränderungen in der soziodemographischen Zusammensetzung der Nichtwähler von 1999 im Vergleich zu jenen der Nichtwähler bei den EP-Wahlen 1996: im wesentlichen weisen die Wahlabstinenten von 1999 einen etwas höheren Anteil an Frauen auf.

 

Tabelle: Struktur der Wähler und der Nichtwähler bei der EP-Wahl 1999

In Prozent der jeweiligen Gruppe

Wähler

Nichtwähler

Männer

48

45

Frauen

52

55

 

100 %

100 %

Unter 30 J.

15

21

30-44 J.

29

34

45-59 J.

27

23

60 + J.

29

22

 

100 %

100 %

Pflichtschule

26

26

Fachschule

40

46

Matura/Universität

34

28

 

100 %

100 %

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1999).

 

Die Entscheidung, an der EP-Wahl 1999 nicht teilzunehmen, wird von den Nichtwählern vielfach durchaus politisch begründet. Zwar motivieren 21% der Nichtwähler ihre Wahlabstinenz mit Desinteresse an der EU bzw. am Europäischen Parlament, aber gleichfalls 21% geben spontan Ablehnung bzw. Skepsis gegenüber der EU zu Protokoll. Beide Motive werden 1999 erkennbar häufiger geäußert als 1996. 14% der Nichtwähler halten die EP-Wahlen für sinnlos, da damit doch nichts bewirkt werden könne. 13% äußern generelle Unzufriedenheit an der EU-Politik – ähnlich viele wie 1996. Umgekehrt haben genuin unpolitische Motive wie Zeitmangel, Krankheit und Verhinderung (1999: 19%) gegenüber 1996 (28%) sichtbar an Bedeutung verloren. Jeweils 8% der Nichtwähler begründen ihre Wahlabstinenz mit innenpolitischen Protestmotiven bzw. mit der Ablehnung der Spitzenkandidaten für das Europaparlament, 6% monieren Mangel an Informationen. Auf eine Fülle anderer Punkte entfallen 27% der spontanen Begründungen.

Der starke Rückgang der Wahlbeteiligung hat somit durchaus politische Aussagekraft: jede(r) zweite Nichtwähler(in) motiviert die Entscheidung zur Nichtwahl mit Motiven der Unzufriedenheit bzw. des Protestes; ein Drittel äußert Desinteresse oder hält die Wahl für sinnlos.

 

Tabelle: Motive der Nichtwähler 1996 und 1999 - Mehrfachnennungen

In Prozent der Nichtwähler begründeten ihr Fernbleiben von der Wahl

1996

1999

Kein Interesse für EU bzw. das EP

16

21

Ablehnung bzw. Skepsis gegenüber EU

17

21

Zeitmangel, Krankheit, Verhinderung

28

19

Sinnlosigkeit dieser Wahl (bringt nichts, ändert nichts)

17

14

Allgemeine Unzufriedenheit über EU-Politik (nur Nachteile, kostet mehr als es bringt)

14

13

Ablehnung der EP-Spitzenkandidaten

6

8

Wahlenthaltung aus Protest (Politikerprivilegien, allgemeine politische Unzufriedenheit)

10

8

zu wenig Information über Europäisches Parlament

8

6

Andere Begründungen

22

27

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999).

Anmerkung: Offene Fragestellung. Nachträgliche Zuordnung der Spontanbegründungen.

 

Daß ein Gutteil der Nichtwähler die österreichische wie die europäische Politik durchaus kritisch betrachtet, wird auch in der Analyse tieferliegender Einstellungsdimensionen deutlich:

  • Nichtwähler sind gegenüber der EU-Mitgliedschaft Österreichs weit skeptischer als Wähler: nur 39% halten die österreichische EU-Mitgliedschaft für eine richtige Entscheidung, aber 50% für falsch. Unter den Wählern stellen die Befürworter der EU-Mitgliedschaft mit 69% hingegen eine massive Mehrheit;
  • Nichtwähler stehen der geplanten Osterweiterung der EU kritischer gegenüber als Wähler: 63% der Nichtwähler lehnen die Osterweiterung ab, 27% befürworten sie. Von den Wählern sprechen sich immerhin 40% für die Osterweiterung aus (52% lehnen sie ab);
  • Geradezu spiegelverkehrt ist die Beurteilung der österreichischen Regierungspolitik: während 53% der Nichtwähler mit der Regierungspolitik unzufrieden sind und nur 42% zufrieden, äußern 56% der Wähler Zufriedenheit und 42% Unzufriedenheit;
  • Weniger ausgeprägt sind die Differenzen in den Einstellungen zur Neutralität versus NATO-Mitgliedschaft Österreich, wobei der Anteil an Neutralitätsbefürwortern unter den Nichtwählern mit 81% etwas höher ist als unter den Wählern;
  • Auffällig sind wiederum die Differenzen im Informationsniveau über die Europäische Union; Nichtwähler halten sich für weit weniger informiert als Wähler: 46% der Nichtwähler fühlen sich sehr gut oder gut informiert, unter den Wählern sind es 61%. 39% der Nichtwähler, aber 34% der Wähler halten sich für unzureichend informiert und 12% der Nichtwähler bezeichnen sich selbst als sehr schlecht informiert (bei den Wählern nur 5%).

 

Tabelle: Vergleich zentraler politischer Einstellungen von Wählern und Nichtwählern bei der Europawahl 1999

In Prozent

Wähler

Nichtwähler

Informationsniveau EU

   

- gut

61

46

- defizitär

34

39

- sehr schlecht

5

12

 

100 %

100 %

EU-Mitgliedschaft

   

- richtige Entscheidung

69

39

- falsche Entscheidung

24

50

 

100 %

100 %

Zufriedenheit Regierungspolitik

   

- zufrieden

56

42

- unzufrieden

42

53

 

100 %

100 %

EU-Osterweiterung

   

- dafür

40

27

- dagegen

52

63

 

100 %

100 %

Sicherheitspolitik

   

- für NATO-Beitritt

19

14

- für Status Neutralität

75

81

 

100 %

100 %

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Offenkundig ist es jenen Parteien, die die Unzufriedenheit mit der österreichischen Situation wie mit der EU und ihrer Politik zum Schwerpunkt ihrer Kampagne gemacht haben, nicht gelungen, dieser Unzufriedenheit auch eine politische Stimme zu verleihen. Speziell FPÖ und LIF, die sich diesbezüglich eindeutig positioniert hatten, konnten nur einen Bruchteil der negativen Stimmungen in Wählerstimmen ummünzen. Weil sich diese Unzufriedenen nicht entsprechend politisch vertreten fühlten, zogen sie die negative Konsequenz – und blieben den Wahllokalen fern.

Im Vergleich zu 1996 hat sich das subjektive Informationsniveau der Nichtwähler über die EU sichtbar verbessert: 1996 fühlen sich nur 35% dieser Gruppe gut informiert, 1999 bereits 46%. Ein defizitäres Informationsniveau beklagten 1996 44%, 1999 39%. Sehr schlecht informiert fühlten sich 1996 21%, 1999 nur noch 12% der Nichtwähler. Die grundsätzliche Beurteilung der EU-Mitgliedschaft hat sich demgegenüber kaum verändert: 1996 wie 1999 hielten sie ca. die Hälfte für eine falsche Entscheidung. Auch 1996 waren die Nichtwähler mit der Regierungspolitik mehrheitlich unzufrieden (und zwar noch stärker als 1999); freilich hatten damals weit mehr Unzufriedene den Gang zur Wahlurne angetreten.

 

Tabelle: Politische Einstellungen der Nichtwähler bei der EP-Wahl 1996 und der EP-Wahl 1999

In Prozent der befragten Nichtwähler

1996

1999

Informationsniveau EU

   

- gut

35

46

- defizitär

44

39

- sehr schlecht

21

12

 

100 %

100 %

Einstellung EU-Beitritt

   

- war richtige Entscheidung

34

39

- war falsche Entscheidung

48

50

 

100 %

100 %

Zufriedenheit Regierungspolitik

   

- sehr zufrieden

1

3

- eher zufrieden

27

39

- eher unzufrieden

43

37

- sehr unzufrieden

28

16

 

100 %

100 %

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999).

 

Von jenen Nichtwählern, die 1999 eine Wahlabsicht für die Nationalratswahl (zum gegenwärtigen Zeitpunkt) äußern, deklarieren sich 21% für die SPÖ und 14% für die Volkspartei. Wie schon 1996 stellen somit Anhänger der SPÖ die vergleichsweise größte Gruppe aus den Nichtwählern. Allerdings rangieren 1999 die freiheitlichen Präferenten mit 19% nur noch knapp hinter den SPÖ-Anhängern; 1996 waren es mit 15% deutlich weniger. Auch dieses Datum verweist auf die außergewöhnliche Mobilisierungsschwäche der FPÖ, die nicht nur nicht in der Lage war, unverkennbar vorhandene Mißstimmungen für sich zu nutzen, sondern die auch – ähnlich wie die SPÖ – einen beträchtlichen Teil der ihr nahestehenden Wähler nicht zur Stimmabgabe bewegen konnte.

 

Tabelle: Wahlverhalten bzw. Wahlabsichten der Nichtwähler

In Prozent der befragten Nichtwähler haben bei den Nationalratswahlen 1995 gewählt, bzw. wollen bei der NRW 1999 wählen

 

1996

1999

die SPÖ

23

21

die ÖVP

13

14

die FPÖ

15

19

Das LIF

5

4

die GRÜNEN

4

10

Andere Partei

0

1

Keine Angabe

40

32

 

100 %

100 %

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999).


 
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