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Analyse der
Europawahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Nichtwähler
3. Muster im Wahlverhalten
4. Wahlmotive
5. Analytische Wertung
6. Literaturverzeichnis
7. Die Autoren

ZAP

3. Muster im Wahlverhalten bei der EP-Wahl 1999


Der Trend, sich erst in der Schlußphase des Wahlkampfes definitiv auf eine bestimmte Partei festzulegen, hat sich auch bei den Europawahlen 1999 fortgesetzt. 29% der Wählerinnen und Wähler waren 1999 "late deciders". Dies ist der bislang höchste Anteil von Wählern, die sich erst knapp vor dem Wahltag entschieden haben, welcher Partei sie ihre Stimme geben werden. Bei der Europawahl 1996 lag dieser Anteil bei 22%, bei der Nationalratswahl 1995 zählten 19% zur Gruppe der "late deciders".

Von den Wählerinnen und Wählern der Grünen bzw. des Liberalen Forums haben sich rund 40% erst in den letzten Tagen definitiv festgelegt. Unter den FPÖ-Wählern waren rund 20% "last minute deciders". Für SPÖ und ÖVP betragen die Werte 19% bzw. 16%.

 

Tabelle: Zeitpunkt der Wahlentscheidung im Vergleich zu Nationalratswahlen

 

In Prozent der Wähler haben sich definitiv auf eine bestimmte Partei festgelegt....

NRW

EP

 

1983

1986

1990

1994

1995

1996

1999

kurz vor der Wahl

8

16

14

18

19

22

29

schon länger vorher

92

84

86

82

81

78

71

Quelle: Plasser/Ulram (1995, 350); Plasser/Ulram/Seeber (1996, 165); FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999).

 

Tabelle: Zeitpunkt der Wahlentscheidung bei den Europawahlen 1996

In Prozent haben sich definitiv festgelegt

Wähler

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

In den letzten Tagen (last minute deciders)

15

8

8

6

8

14

während des Wahlkampfes (late deciders)

7

14

16

10

27

25

schon länger vorher (early deciders)

78

80

76

84

65

61

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1996).

 

Tabelle: Zeitpunkt der Wahlentscheidung bei den Europawahlen 1999

In Prozent haben sich definitiv festgelegt

Wähler

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

In den letzten Tagen (last minute deciders)

22

19

16

21

43

46

während des Wahlkampfes (late deciders)

7

8

4

8

7

10

schon länger vorher (early deciders)

71

74

79

71

50

45

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Betrachtet man das Wahlverhalten nach ausgewählten Wählergruppen, zeigen sich auffallende Unterschiede. Liegen SPÖ, ÖVP bzw. die FPÖ bei männlichen Wählern mit jeweils rund 30% gleich auf, verfügt die SPÖ bei den Frauen mit einem Anteil von 36% über einen Vorsprung vor der ÖVP, für die sich 29% der Wählerinnen aussprachen. Die FPÖ konnte bei den Europawahlen nur 20% der wahlberechtigten Frauen ansprechen. Die Grünen hingegen wurden von 11% der Frauen gewählt, während sie nur 7% der männlichen Wähler mobilisieren konnten.

Mit einem Stimmenanteil von rund 33% liegt die ÖVP bei den berufstätigen Männern und Frauen an erster Stelle. Die wahlpolitischen Stärken der SPÖ wiederum konzentrierten sich in erster Linie auf Pensionistinnen (43%) und Pensionisten (39%).

Weit aufgefächert war das Wahlverhalten der Unter-30-Jährigen. Bei dieser Gruppe liegt die FPÖ mit einem Anteil von 28% vor SPÖ und ÖVP. Die Grünen wurden von 15% der Wählerinnen und Wähler dieser Altersgruppe präferiert. Das Liberale Forum erzielte in dieser Gruppe mit 8% den höchsten Stimmenanteil.

Wie sehr mittlerweile das Alter zu einem bestimmenden Faktor im österreichischen Wählerverhalten geworden ist, verdeutlicht das Abschneiden der beiden Traditions- und Regierungsparteien nach Altersgruppen: Entfielen bei den Unter-30-Jährigen nur 47% der Stimmen auf SPÖ bzw. ÖVP, waren es bei den Über-60-Jährigen mehr als 70%.

Nicht nur das Alter, sondern auch die Bildungsqualifikation prägt das österreichische Wählerverhalten. Wählerinnen und Wähler mit einem Matura- bzw. Hochschulabschluß entschieden sich zu 29% für die ÖVP, die damit in diesem Wählersegment zur stärksten Partei wurde. Unter Wählern mit Fachschulbildung hingegen konnte die SPÖ mit einem Anteil von 37% die Führungsposition erreichen, gefolgt von der FPÖ, die von 29% der Wähler mit Fachschulbildung präferiert wurde.

 

Tabelle: Wahlverhalten bei der Europawahl 1999

In Prozent der Wähler

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Männer

30

31

29

3

7

- berufstätige Männer

26

33

28

2

9

- Pensionisten

39

28

31

2

-

Frauen

36

29

20

3

11

- berufstätige Frauen

30

32

18

6

14

- Hausfrauen

37

29

23

-

10

- Pensionistinnen

43

30

23

1

3

Alter

         

- unter 30 Jahren

24

23

28

8

15

- 30-44 Jahre

29

32

24

3

11

- 45-59 Jahre

33

30

23

3

11

- 60 Jahre und älter

42

31

23

1

2

Schulbildung

         

- Pflichtschulbildung

38

36

21

0

4

- Fachschulbildung

37

27

29

2

4

- Matura/Universität

24

29

20

6

19

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

Anmerkung: Aufgrund der statistischen Unschärfe (Fallzahlproblematik) dürfen die Daten nur als Tendenz- bzw. Näherungswerte interpretiert werden.

 

Im Vergleich zur Europawahl 1996 konnte die SPÖ ihren Stimmenanteil gleichermaßen bei Männern und Frauen erhöhen. Die Zugewinne der ÖVP dürften tendenziell stärker auf das Votum männlicher Wähler zurückgehen. Die FPÖ wiederum kann ihre deutlichen Verluste gegenüber 1996 unter anderem auf eine rückläufige Unterstützung durch weibliche Wähler zurückführen. Trotz ihrer Verluste ist die FPÖ aber in der Gruppe der Unter-30-Jährigen knapp die stärkste Partei geworden. Berücksichtigt man die statistische Unschärfe der vorliegenden Datenbilder, hat sich an der wahlpolitischen Attraktivität der FPÖ für Unter-30-Jährige seit der Nationalratswahl 1995 nichts verändert. Die FPÖ steht gerade bei den Angehörigen der jüngeren Wählergeneration in unmittelbarer kompetitiver Herausforderung zu den beiden Regierungsparteien.

Deutlichere Veränderungen zeigen sich hingegen im Wahlverhalten der Arbeiter. Gelang es der FPÖ bei den Europawahlen 1996, 50% der Stimmen der österreichischen Arbeiterschaft an sich zu ziehen, sank ihr Anteil 1999 auf nur mehr rund ein Drittel. Sowohl SPÖ als auch ÖVP sind mit ihren Wahlkampfangeboten diesmal auf eine positivere Resonanz bei "blue collar"-Wählern gestoßen.

War die FPÖ 1996 bei Angestellten / Beamten mit einem Anteil von 30% stärkste Partei, liegen 1999 SPÖ und ÖVP bei den Wählerinnen und Wählern dieser Berufsgruppen Kopf an Kopf. Jeder sechste "white collar"-Wähler entschied sich am 13. Juni für die Grünen.

 

Tabelle: Wahlverhalten ausgewählter Wählergruppen bei der EP-Wahl 1999 im Vergleich mit der Nationalratswahl 1995 und der EP-Wahl 1996

In Prozent der Wähler

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Männer

         

- NRW 1995

35

26

27

5

4

- EP 1996

26

28

32

6

7

- EP 1999

30

31

29

3

7

Frauen

         

- NRW 1995

40

29

16

6

5

- EP 1996

32

31

25

4

6

- EP 1999

36

29

20

3

11

Jungwähler (unter 30 J.)

         

- NRW 1995

30

18

29

9

10

- EP 1996

21

25

21

17

12

- EP 1999

24

23

28

8

15

Arbeiter

         

- NRW 1995

41

31

34

4

3

- EP 1996

24

21

50

1

2

- EP 1999

30

27

36

2

4

Angestellte/Beamte

         

- NRW 1995

36

26

20

8

7

- EP 1996

26

28

30

5

9

- EP 1999

30

29

23

4

14

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999); Exit Poll (1995).

Anmerkung: Aufgrund der statistischen Unschärfe (Fallzahlproblematik) dürfen die Daten nur als Tendenz- bzw. Näherungswerte interpretiert werden.

 

Neben den erwähnten Faktoren Alter und Schulbildung beeinflußt seit den 80er Jahren mit zunehmender Tendenz der Faktor Geschlecht das österreichische Wahlverhalten. Auffallende geschlechtsspezifische Differenzen (gender gap) zeigten sich bei der Europawahl 1999 bei den Grünen, deren Wählerschaft sich aus rund 60% Frauen und nur 40% Männern zusammensetzte. Das umgekehrte Muster charakterisiert die Wählerschaft der SPÖ: 43% der FPÖ-Wähler waren Frauen, die Mehrheit - 57% - waren Männer. Veränderungen der Zusammensetzung der Wählerschaft des Liberalen Forums beziehen sich wegen der statistischen Unschärfe jedweder sinnvollen Interpretation.

 

Tabelle: "Gender Gap" im Wählerverhalten (Vergleich NRW 1995 mit den EPs 1996 und 1999)

In Prozent der Parteiwählerschaften

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Wahljahr

95

96

99

95

96

99

95

96

99

95

96

99

95

96

99

Männer

45

42

43

46

45

49

62

54

57

41

57

43

39

52

39

Frauen

55

58

57

54

55

51

38

46

43

59

43

57

61

48

61

Quelle: Plasser/Ulram/Seeber (1996, 178); FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragungen (1996 und 1999).


 
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