Aktuell Publikationen Projekte Über uns Politik-Links

Analyse der
Europawahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Nichtwähler
3. Muster im Wahlverhalten
4. Wahlmotive
5. Analytische Wertung
6. Literaturverzeichnis
7. Die Autoren

ZAP

4. Entscheidungsrelevante Wahlmotive bei der EP-Wahl 1999


Im Rahmen der telefonischen Wahltagsbefragung wurde auch versucht, die zentralen Beweggründe (reasons) für die Wahlentscheidung zu erheben. Dabei wurde auf die Vorgabe von standardisierten Antwortmöglichkeiten verzichtet, um das Antwortverhalten nicht zu beeinflussen. Die Fragen wurden offen gestellt und die Antworten nachträglich klassifiziert. Die vorliegenden Datenbilder geben somit einen Einblick in spontane Begründungen der zentralen Wahlmotive der österreichischen Wählerinnen und Wähler. Es handelt sich dabei um vorrangige Begründungen, die vielschichtiger und komplexer sind, als sie mit quantitativen sozialwissenschaftlichen Instrumenten gemessen werden können. Dessenungeachtet gestatten die Daten nicht nur einen Einblick in entscheidungsrelevante Primärmotive, sondern lassen auch Rückschlüsse auf den "Impact" zentraler thematischer wie personeller Angebote der wahlwerbenden Parteien zu. Die im folgenden referierten Ergebnisse sind durchaus überraschend und relativieren verbreitete Annahmen über Bedeutung und Relevanz zentraler Wahlkampfinhalte.

So war der primäre Beweggrund, sich am 13. Juni für die Sozialdemokratische Partei zu entscheiden, für jeden zweiten Wähler der Faktor Tradition bzw. Loyalität und Stammwählerorientierung. Die im redaktionellen wie werblichen Wahlkampf der SPÖ dominante Neutralitätsposition wurde nur von 17% der befragten SPÖ-Wähler als vorrangiges Entscheidungsmotiv genannt. Jeweils 13% der SPÖ-Wähler begründeten ihre Wahlentscheidung mit allgemeiner Zufriedenheit mit der SPÖ-Politik bzw. mit dem von der Sozialdemokratischen Partei werblich und argumentativ hervorgestellten Arbeitsplatzthemen.

Der Spitzenkandidat der SPÖ-Liste – Herr Martin – wurde nur von 12% der befragten SPÖ-Wähler als primärer Entscheidungsfaktor angeführt. Trotz seines flächendeckenden und engagierten Einsatzes im SPÖ-Wahlkampf begründeten nur 5% der befragten SPÖ-Wähler ihre Stimmabgabe für die SPÖ spontan mit Image und Persönlichkeit von Bundeskanzler Klima.

 

Tabelle: Spontane Wahlmotive pro SPÖ (Mehrfachnennungen)

In Prozent der SPÖ-Wähler nannten als ausschlaggebenden Grund....

- Tradition, Stammwähler, Interessenvertretung, gute/bessere Partei

48

- SPÖ-Position zu Neutralität, NATO, Sicherheit

17

- Zufriedenheit mit SPÖ-Politik

13

- Schaffung von Arbeitsplätzen, Sozialpolitik

13

- EP-Spitzenkandidat (Martin)

12

- Klima

5

- andere Politiker bzw. Kandidaten der SPÖ

5

- Vertretung Österreichs in der EU (europapolitische Kompetenz)

3

- allgemeine Einstellungen zur EU

2

- Wirtschaftsfragen/EURO/Wirtschaftskompetenz

1

- andere Sachthemen

3

- andere Angaben

11

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Die primären Entscheidungsmotive für die ÖVP konzentrieren sich auf drei Faktoren. Wie bei der SPÖ begründeten auch 43% der ÖVP-Wähler ihre Wahlentscheidung mit Traditions- bzw. Stammwählermotiven. An zweiter Stelle folgt aber dicht Persönlichkeit und Image der ÖVP-Spitzenkandidatin Frau Stenzel. 35% der befragten ÖVP-Wähler begründeten ihre Wahl primär mit Verweisen auf Frau Stenzel. 12% der ÖVP-Wählerinnen und Wähler drückten nach eigenen Angaben mit ihrem Votum generelles Einverständnis bzw. Zufriedenheit mit dem politischen Kurs der ÖVP aus.

 

Tabelle: Spontane Wahlmotive pro ÖVP (Mehrfachnennungen)

In Prozent der ÖVP-Wähler nannten als ausschlaggebenden Grund....

- Tradition, Stammwähler, Interessenvertretung, gute/bessere Partei

43

- EP-Spitzenkandidatin (Stenzel)

35

- Zufriedenheit mit ÖVP-Politik

12

- Vertretung Österreichs in der EU (europapolitische Kompetenz)

5

- andere Politiker bzw. Kandidaten der ÖVP

4

- allgemeine Einstellungen zur EU

4

- ÖVP-Position zu Neutralität, NATO, Sicherheit

4

- Schüssel

1

- Wirtschaftsfragen/EURO/Wirtschaftskompetenz

1

- andere Sachthemen

4

- andere Angaben

1

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Wenig überraschend stehen an der Spitze der Motive für die Wahl der FPÖ generelle Protest- und Denkzettelmotive. Jeder vierte FPÖ-Wähler wollte mit seiner Stimme gegen die Politik der Koalitionsregierung protestieren. An zweiter Stelle folgen für 16% die Traditions- bzw. Stammwählermotive. 14% der befragten FPÖ-Wähler führten ihre Unzufriedenheit über Korruptionsfälle, mangelnde Kontrolle bzw. generelle Skepsis gegenüber der Europäischen Union als Wahlmotive an. Jeder zehnte FPÖ-Wähler begründete seine Wahlentscheidung mit Person und Image von Haider. Die FPÖ-Spitzenkandidatin – Frau Raschhofer – wurde hingegen nur von 7% als vorrangiger Beweggrund für die persönliche Wahlentscheidung genannt.

 

Tabelle: Spontane Wahlmotive pro FPÖ (Mehrfachnennungen)

In Prozent der FPÖ-Wähler nannten als ausschlaggebenden Grund....

- Unzufriedenheit mit Regierung, Koalition, Protest, Denkzettel

26

- Tradition, Stammwähler, Interessenvertretung, gute/bessere Partei

16

- allgemeine Einstellungen zur EU (z.B. Korruptionsbekämpfung, Kontrolle, EU-Skepsis)

14

- Haider

11

- aktive Partei, frischer Wind, Veränderung

11

- FP-Position zu Neutralität, NATO, Sicherheit

8

- EP-Spitzenkandidatin (Raschhofer)

7

- andere Politiker bzw. Kandidaten der FPÖ

7

- EU-Osterweiterung/Ausländerproblematik

7

- Vertretung Österreichs in der EU (europapolitische Kompetenz)

4

- gegen Europasteuern und finanzelle Belastungen durch EU

1

- andere Sachthemen

5

- andere Angaben

22

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Grün-Wählerinnen und Wähler begründeten ihr Votum primär mit Verweisen auf den Spitzenkandidaten Voggenhuber (28%). 21% der Grün-Wähler gaben die Position der Grünen zur Neutralität als vorrangigen Beweggrund für ihre Entscheidung an. Weitere 21% verwiesen spontan auf das Engagement der Grünen in Umwelt- bzw. Transitfragen. 19% sprachen in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit von mehr Kontrolle und einer generellen Stärkung des Europaparlamentes an.

 

Tabelle: Spontane Wahlmotive pro GRÜNE (Mehrfachnennungen)

In Prozent der GRÜN-Wähler nannten als ausschlaggebenden Grund....

- EP-Spitzenkandidat (Voggenhuber)

28

- Umwelt/Transit

21

- Position der Grünen zu Neutralität, NATO, Sicherheit

21

- allgemeine Einstellungen zur EU (z.B. mehr Kontrolle, Stärkung Europaparlament)

19

- Tradition, Stammwähler, Interessenvertretung, gute/bessere Partei

12

- andere Politiker bzw. Kandidaten der GRÜNEN

9

- Unzufriedenheit mit Regierung, Koalition, Protest, Denkzettel

6

- Vertretung Österreichs in der EU (europapolitische Kompetenz)

5

- Van der Bellen

4

- Politik für Frauen, Eintreten für Minderheiten u.a

4

- andere Sachthemen

6

- andere Angaben

23

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Das Moment der verstärkten Kontrolle war nach den vorliegenden Daten auch das zentrale Motiv für die Wahl des Liberalen Forums. Jeder sechste LIF-Wähler begründete seine Wahlentscheidung mit Person und Erscheinungsbild des Spitzenkandidaten Herrn Strohmayer. Ein weiteres Sechstel der LIF-Wählerschaft führte in der Befragungssituation spontan die sicherheitspolitische Situation des Liberalen Forums als primäres Wahlmotiv an.

 

Tabelle: Spontane Wahlmotive pro LIF (Mehrfachnennungen)

In Prozent der LIF-Wähler nannten als ausschlaggebenden Grund....

- allgemeine Einstellungen zur EU (z.B. mehr Kontrolle, Stärkung Europaparlament)

25

- EP-Spitzenkandidat (Strohmayer)

14

- andere Politiker bzw. Kandidaten des LIF

14

- Position des LIF zu Neutralität, NATO, Sicherheit

14

- Frau Schmidt

11

- Stammwähler, gute/bessere Partei, LIF muß vertreten sein

11

- Vertretung Österreichs in der EU (europapolitische Kompetenz)

7

- Wirtschaftsfragen/EURO/Wirtschaftskompetenz

7

- Unzufriedenheit mit Regierung, Koalition, Protest, Denkzettel

4

- Politik für Frauen, Eintreten für Minderheiten etc.

4

- andere Sachthemen

7

- andere Angaben

25

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Wie bereits aus den Analysen aus der Europawahl 1996 ablesbar, besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen generell europapolitischen Orientierungen der Wähler und deren politische Wahlentscheidung. Personen, die die Meinung vertreten, daß der EU-Beitritt Österreichs eine richtige Entscheidung war, tendierten ungleich stärker zur Wahl einer der beiden Regierungsparteien als Wähler, die den EU-Beitritt rückwirkend als falsche Entscheidung betrachten. Rund 40% dieses EU-kritischen Wählersegments entschieden sich am 13. Juni für die FPÖ.

Noch stärker ist der Zusammenhang zwischen generellen Orientierungen und EU-Wahlentscheidung, wenn es um Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit mit der amtierenden Koalitionsregierung geht. Beide Regierungsparteien schnitten bei den mit der Regierungsarbeit insgesamt Zufriedenen doppelt so stark ab wie bei den Regierungskritikern. Am ausgeprägtesten ist dieser Zusammenhang aber bei der FPÖ: Nur 9% der Regierungszufriedenen wählten die FPÖ, während 43% der Koalitionskritiker sich am 13. Juni für die Freiheitliche Partei entschieden.

Unter jenem Viertel der österreichischen Wahlberechtigten, die sich derzeit explizit für einen NATO-Beitritt Österreichs aussprechen, erzielte die ÖVP einen Stimmenanteil von 45%, die SPÖ hingegen von nur 17%. Umgekehrt konnte die SPÖ bei den Neutralitätsbefürwortern 38% erzielen, während die ÖVP, aber auch die FPÖ von nur jedem Vierten dieser Wählergruppe präferiert wurden. Trotzdem relativieren die vorliegenden Befunde die vielfach behauptete und häufig überschätzte wahlpolitische Wirkung des Neutralitätsthemas im abgelaufenen EU-Wahlkampf. Das knappe Abschneiden von SPÖ und ÖVP wie die Tatsache, daß auch unter den Neutralitätsbefürwortern der Vorsprung der SPÖ vergleichsweise moderat ausfällt, mahnen zur interpretatorischen Vorsicht. Ähnlich ambivalent stellen sich die Zusammenhänge zwischen Einstellungen zur EU-Osterweiterung und persönlichem Wahlverhalten dar – zumindestens was die beiden Regierungsparteien betrifft. Klarer ist der Zusammenhang hingegen unter FPÖ-Wählern: Bei den Gegnern der EU-Osterweiterung ist die FPÖ mit einem Stimmenanteil von rund 35% stärkste Partei überhaupt.

 

Tabelle: Wahlverhalten und Einstellung zur EU-Mitgliedschaft Österreichs

In Prozent haben gewählt

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Wähler, die glauben, daß der EU-Beitritt eine richtige Entscheidung war

37

32

18

4

9

           

Wähler, die glauben, daß der EU-Beitritt eine falsche Entscheidung war

21

25

41

2

10

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Tabelle: Wahlverhalten und Zufriedenheit mit der Arbeit der österreichischen Koalitionsregierung

In Prozent haben gewählt

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Wähler, die mit der Regierungsarbeit zufrieden sind

44

37

9

2

7

           

Wähler, die mit der Regierungsarbeit unzufrieden sind

19

20

43

4

11

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Tabelle: Wahlverhalten und Einstellung zur Zukunft der österreichischen Sicherheitspolitik

In Prozent haben gewählt

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Für NATO-Beitritt

17

45

29

4

5

           

Für Status Neutralität

38

26

23

2

10

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Tabelle: Wahlverhalten und Einstellung zur EU-Osterweiterung

In Prozent haben gewählt

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

Für EU-Osterweiterung

38

30

11

5

15

           

Gegen EU-Osterweiterung

29

29

35

1

5

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

 

Im Rahmen der telefonischen Wahltagsbefragung wurde auch eine Typologie der Wählerinnen und Wähler nach zentralen europapolitischen Einstellungen gebildet. Dabei ergaben sich vier Einstellungstypen, die im folgenden kurz skizziert werden. Unter offensiven Europäern, das heißt Personen, die dem NATO-Beitritt der EU-Mitgliedschaft Österreichs und der Osterweiterung der EU positiv gegenüberstehen, verfügt die ÖVP mit einem Stimmanteil von 53% über die absolute Mehrheit. Anders ist die Situation bei den neutralen Europäern, das heißt Befragte, die für das Festhalten an der Neutralität sind, der EU-Mitgliedschaft Österreichs wie der EU-Osterweiterung grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Bei Angehörigen dieses Einstellungstyps hat wiederum die SPÖ mit knapp 50% die mit Abstand stärkste wahlpolitische Unterstützung gefunden. Einen starken Vorsprung hat die Sozialdemokratische Partei auch bei der Gruppe der defensiven Wähler, das heißt Personen, die sich für das Festhalten an der Neutralität aussprechen, sich mit der EU-Mitgliedschaft Österreichs identifizieren, aber gegen die EU-Osterweiterung sind. Die strategische Zielgruppe der FPÖ dürften hingegen die skeptischen Europäer gewesen sein. Personen dieses Einstellungstyps sind für die Neutralität, aber gegen die Mitgliedschaft Österreichs bei der EU wie auch die geplante Osterweiterung. Unter diesen EU-Skeptikern ist die FPÖ mit einem Anteil von 43% die mit Abstand stärkste Partei.

 

Tabelle: Wahlverhalten bei der Europawahl 1999 nach Einstellungstypen

In Prozent der Angehörigen eines Typus haben gewählt...

SPÖ

ÖVP

FPÖ

LIF

GR

offensive Europäer (= 10 %)

22

53

12

8

4

neutrale Europäer (= 22%)

49

21

9

3

17

defensive Europäer (= 21%)

41

29

23

3

4

skeptische Europäer (= 16%)

22

27

43

1

5

Quelle: FESSEL-GfK, Telefonische Wahltagsbefragung (1999).

Definition der Einstellungstypen:

Offensive Europäer = Personen, die für den NATO-Beitritt sind, sich mit der EU-Mitgliedschaft Österreichs identifizieren und für die Osterweiterung der EU sind.

Neutrale Europäer = Personen, die sich für das Festhalten an der Neutralität aussprechen, sich mit der EU-Mitgliedschaft Österreichs identifizieren und für die Osterweiterung der EU sind.

Defensive Europäer = Personen, die sich für das Festhalten an der Neutralität aussprechen, sich mit der EU-Mitgliedschaft Österreichs identifizieren, aber gegen die EU-Osterweiterung sind.

Skeptische Europäer = Personen, die sich für das Festhalten an der Neutralität aussprechen, dem EU-Beitritt Österreichs kritisch gegenüberstehen und gegen die EU-Osterweiterung sind.


 
Weiter | Seitenanfang