Aktuell Publikationen Projekte Über uns Politik-Links

Analyse der
Nationalratswahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Zeitpunkt
3. Wechselwähler
4. Beweggründe
5. Wahlverhalten
6. Traditionelle Determinanten
7. Massenmedien
8. Parteiensystem
9. Literaturverweise
10. Die Autoren

ZAP

1. Ausgangslage und Wahlergebnis


Der Nationalratswahlkampf 1999 war einer der dramatischten in der Geschichte der 2. Republik. Sein Beginn war durch eine –stark von sachpolitischen Positionierungen getragene – Konfrontation zwischen den beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP geprägt. Dies ermöglichte der FPÖ eine diffuse Veränderungsstimmung aufzugreifen und ihr öffentliches Erscheinungsbild durch einen neuen Spitzenkandidaten (den Industriellen Thomas Prinzhorn) zu modifizieren. In der ersten Septemberhälfte erfuhren Themenlandschaft und Stimmungslage insbesondere durch die Publikation von Umfrageergebnissen, die die FPÖ angeblich mit großem Vorsprung vor die ÖVP plazierten bzw. durch ihre massive mediale Berichterstattung und Kommentierung eine deutliche Veränderung. Sachpolitische Streitfragen (issues) wurden – mit Ausnahme des Ausländerthemas – zusehends in den Hintergrund gedrängt, während Spekulationen über den Wahlausgang, Koalitionsvarianten u.ä.m. immer mehr in den Vordergrund traten. Erwähnenswert erscheint in diesem Zusammenhang, daß immerhin 20 Prozent der (im Exit-Poll erfaßten) Wähler angeben, in ihrem Wahlverhalten durch die Veröffentlichung von Meinungsbefragungsergebnissen direkt bzw. ansatzweise in den Medien beeinflußt zu werden. Den Abschluß dieser Phase bildeten die Vorarlberger Landtagswahlen vom 19. September, bei denen die FPÖ starke Zugewinne auf Kosten beider Traditionsparteien erzielte. Am darauffolgenden Tag wurde auch von der begleitenden Wahlkampfforschung (Track Polling) des Fessel-GfK Institutes erstmals ein Vorsprung der FPÖ vor der ÖVP in den deklarierten Parteipräferenzen (im Ausmaß von drei Prozentpunkten) dokumentiert.

Als Reaktion auf die neue Situation änderte vor allem die ÖVP ihre Wahlkampfstrategie. Nach der Ankündigung von ÖVP-Obmann Dr. Schüssel bei einem Abrutschen auf den 3. Platz in Opposition zu gehen trat die ÖVP in eine direkte Konfrontation mit der FPÖ ein, wobei neben sachpolitischen und stilistischen Differenzen auch die Fragen der politischen Stabilität und Berechenbarkeit thematisiert wurden. Tatsächlich gelang es der ÖVP, einen deutlichen Anstieg an wahlpolitischer Zustimmung zu erzielen, der in den letzten Tagen vor der Wahl zu einem defacto Gleichstand mit der FPÖ führte.

Das Wahlergebnis vom 3. Oktober brachte nicht nur einen starken Rückgang in der Wahlbeteiligung – mit 76 Prozent oder fast minus neun Prozentpunkten gegenüber 1995 die bislang niedrigste in der 2. Republik; sondern auch massive Verluste der SPÖ an Stimmen, Prozentzahlen und Mandaten (ohne Wahlkarten ca. 326.000 Stimmen minus, was einen Verlust von 4,7 Prozentpunkten und 6 Mandaten entspricht) und noch größere Zugewinne der FPÖ (plus 5,3 Prozentpunkte und 12 Mandate; ca. 160.000 Stimmen mehr). Demgegenüber verliefen die Verluste der ÖVP mit minus 1,4 Prozentpunkten (Gleichbleiben des Mandatsstandes) eher moderat. Zum Zeitpunkt dieser Analyse ist die Frage nach der zweiten Position zwischen ÖVP und FPÖ noch offen, da die Stimmendifferenz zwischen beiden Parteien nur etwa 14.000 Stimmen beträgt und noch ca. 200.000 Wahlkarten nicht ausgezählt sind. Die GRÜNEN konnten ihren Stimmenanteil von 4,8 auf 7,1 Prozent steigern (plus 4 Mandate). Das Liberale Forum blieb mit 3,4 Prozent oder minus 2,1 Prozentpunkten deutlich unter der 4-Prozent-Marke und ist im neuen Nationalrat nicht mehr vertreten. Auf andere Parteien entfielen insgesamt 2 Prozent der Stimmen, davon erhielten DIE UNABHÄNGIGEN gut die Hälfte.

 

Tab.: Nationalratswahlen in Österreich 1979–1999

In Prozent

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

DU

1979

51,0

41,9

6,1

n.k.

n.k.

n.k.

1983

47,7

43,2

4,9

3,3

n.k.

n.k.

1986

43,1

41,3

9,7

4,8

n.k.

n.k.

1990

42,8

32,1

16,6

4,8

n.k.

n.k.

1994

34,9

27,7

22,5

7,3

6,0

n.k.

1995

38,1

28,3

21,9

4,8

5,5

n.k.

1999*)

33,4

26,9

27,2

7,1

3,4

1,0

*) Vorläufiges Ergebnis ohne Wahlkartenstimmen.
n.k. = nicht kandidiert.

 

Tab.: Mandatsverteilung im österreichischen Nationalrat 1979–1999

Anzahl der Mandate

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

DU

1979

95

77

11

n.k.

n.k.

n.k.

1983

90

81

12

0

n.k.

n.k.

1986

80

77

18

8

n.k.

n.k.

1990

80

60

33

10

n.k.

n.k.

1994

65

52

42

13

11

n.k.

1995

71

52

41

9

10

n.k.

1999*)

65

52

53

13

0

0

*) Vorläufiges amtliches Endergebnis ohne Wahlkartenstimmen.
n.k. = nicht kandidiert.


Weiter | Seitenanfang