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Analyse der
Nationalratswahl 1999


0. Vorbemerkung
1. Ausgangslage
2. Zeitpunkt
3. Wechselwähler
4. Beweggründe
5. Wahlverhalten
6. Traditionelle Determinanten
7. Massenmedien
8. Parteiensystem
9. Literaturverweise
10. Die Autoren

ZAP

6. Traditionelle Determinanten und neue Spannungslinien im Wahlverhalten


Im Zeitverlauf stabil ist das Wahlverhalten stark konfessionell gebundener Wähler, wenngleich ihr Anteil an der Wählerschaft kontinuierlich abnimmt. So haben auch diesmal 59 % der Wähler mit starker Kirchenbindung – operationalisiert als regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst – die ÖVP, 20 % die SPÖ und nur 13 % die FPÖ gewählt. Etwas schwächer ist hingegen die Prägekraft der zweiten traditionellen Determinante des österreichischen Wahlverhaltens – der Gewerkschaftsbindung geworden. 49 % der Gewerkschaftsmitglieder wählten die SPÖ. Vor neun Jahren waren es aber noch 62 %. 21 % der Gewerkschaftsmitglieder votierten 1999 für die FPÖ. Der Stimmenanteil der FPÖ unter gewerkschaftlich gebundenen Wählern hat sich somit innerhalb von neun Jahren verdoppelt. Vergleichsweise robust ist hingegen der ÖVP-Anteil: 19 % der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer wählten auch diesmal die Österreichische Volkspartei.

Tab.: Wahlverhalten stark konfessionell gebundener Wähler (1990–1999)

In Prozent

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

1990

22

60

10

5

*

1994

20

59

14

5

1

1995

20

59

12

2

2

1999

20

59

13

4

1

Quelle: FESSEL-GfK, Nachwahlbefragungen und Exit Polls (1990–1999).

Tab.: Wahlverhalten von Gewerkschaftsmitgliedern (1990–1999)

In Prozent

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

1990

62

19

11

4

*

1994

50

19

19

7

5

1995

55

16

18

3

4

1999

49

19

21

6

2

Quelle: FESSEL-GfK, Nachwahlbefragungen und Exit Polls (1990–1999).

Ende der 90er Jahre reichen freilich diese traditionellen Determinanten nicht mehr aus, um die Komplexität des österreichischen Wahlverhaltens zu beschreiben. Neue Konflikt- und Spannungslinien prägen das österreichische Wahlverhalten mittlerweile stärker als konfessionelle bzw. gewerkschaftliche Bindungen. Aus Zeitgründen kann nur auf wesentliche Veränderungen der Konfliktstruktur im österreichischen Parteiensystem eingegangen werden.

  • Das das österreichische Wahlverhalten noch bis in die 70er Jahre prägende "klassenbewußte Wählen" gehört der Vergangenheit an. Nur mehr 35 % der "blue collar"-Wähler wählten die Sozialdemokratische Partei – 60 % votierten hingegen für Mitte-Rechts-Parteien, davon entfielen allein auf die FPÖ 47 %. Auch im Verhalten der "white collar"-Wähler zeigen sich nur mehr ansatzweise Konturen des traditionellen "class voting". Auch hier steht die Sozialdemokratische Partei in einem scharfen Wettbewerb mit ÖVP bzw. FPÖ, aber auch mit neuen postmaterialistischen bzw. libertären Parteien wie den Grünen bzw. dem Liberalen Forum.

  • Die auffallenden geschlechtsspezifischen Unterschiede im Wahlverhalten konzentrieren sich vor allem auf die FPÖ, die unter Männern zur stärksten Partei wurde, bei Frauen hingegen weiterhin erst an dritter Stelle liegt. Es ist dies eine Geschlechter-Kluft ("gender gap"), wie man sie nur im US-amerikanischen Wahlverhalten finden kann, wobei es dort die Republikanische Partei ist, die ähnlich wie die FPÖ eine geschlechtsspezifische Polarisierung im Wahlverhalten auslöst.

  • Eine markante Trennlinie im österreichischen Wahlverhalten bildet auch die Generationszugehörigkeit. Nur mehr 42 % der Unter-30-Jährigen wählten SPÖ bzw. ÖVP. Mit 35 % ist die FPÖ mittlerweile bei den Angehörigen der jüngeren Wählergenerationen die mit Abstand stärkste Partei. Aber selbst bei den Über-60-Jährigen kann nicht mehr von einer Konzentration der Stimmen der Senioren auf die beiden Traditionsparteien gesprochen werden. Zwar sind die Stimmenanteile von SPÖ und ÖVP unter den Senioren nach wie vor überdurchschnittlich, und dementsprechend die Wählerschaften bei der Regierungspartei erkennbar überaltet, mit einem Anteil von 23 % ist aber diesmal auch die FPÖ zu einem kompetitiven Faktor in diesem Wählersektor geworden.

  • Seit der Nationalratswahl 1994 sprechen die österreichischen Wahlforscher auch von einer neuen Konfliktlinie im Wahlverhalten des geschützten bzw. ungeschützten Produktionssektors. Sie läßt sich auch bei der Nationalratswahl 1999 empirisch nachweisen. Wählten nur 21 % der im Öffentlichen Dienst Beschäftigten die FPÖ, waren es unter den in der Privatwirtschaft beschäftigten Arbeitnehmern 31 %. Dies findet auch im Wahlverhalten jener Arbeitnehmer, die keiner Gewerkschaft angehören, seinen Niederschlag. Bei den Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern liegen ÖVP und FPÖ mit jeweils 30 % gleichauf. Die SPÖ ist bei diesem Wählersegment mit einem Anteil von 24 % nur die drittstärkste Partei.

  • Wie sehr die für Österreich charakteristischen "Lager" mittlerweile durchlässig geworden sind, zeigt das Wahlverhalten jener Wählerinnen und Wähler, die in Arbeiterhaushalten leben. Hier läuft die Konflikt- und Wettbewerbslinie zwischen SPÖ und FPÖ, die sich innerhalb dieses sozialen Milieus auf einem zunehmend härteren Konfrontationskurs befinden.

Tab.: Sektorale Spannungslinien (Cleavages) im österreichischen Wählerverhalten 1999

In Prozent

SPÖ

ÖVP

FPÖ

GRÜNE

LIF

Religious Voting

         

- regelmäßige Kirchgänger

20

59

13

4

1

- Kirchenferne

34

22

30

7

3

- ohne Religionsbekenntnis

42

6

32

9

7

Class Voting

         

- Arbeiter (blue collar)

35

12

47

2

1

- Angestellte (white collar)

36

23

22

10

5

Gender Voting

         

- Männer

31

26

32

5

3

- Frauen

35

27

21

9

4

Generation-Voting

         

- unter 30-Jährige

25

17

35

13

4

- über 60-Jährige

39

33

23

1

1

Public vs. Private

         

- im öffentlichen Dienst/in öffentl. Unternehmen Beschäftigte

36

29

21

9

3

- in der Privatwirtschaft Beschäftigte

36

19

31

7

4

Union-Voting

         

- Gewerkschaftsmitglieder

49

19

21

6

2

- keine Gewerkschaftsmitglieder

24

30

30

8

4

Lager-Kultur

         

- Wähler, die in Selbständigen- bzw. Landwirte-Haushalten leben

9

53

27

5

4

- Wähler, die in Arbeiter-Haushalten leben

41

12

38

2

1

Quelle: FESSEL-GfK, Exit Poll (1999).


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